Hongloumeng/de/Chapter 86
Kapitel: 1 · 11 · 21 · 31 · 41 · 51 · 61 · 71 · 81 · 82 · 83 · 84 · 85 · 86 · 87 · 88 · 89 · 90 · 91 · 101 · 111 · ← Inhalt
Kapitel 86
受私贿老官翻案牍 / 寄闲情淑女解琴书
Bestechung bringt einen alten Mandarin in Konflikt mit dem Lauf des GesetzesZeitvertreib mit einer jungen Dame, die die Philosophie des Zither-Spiels erklärt.
Im letzten Kapitel wurde erzählt, wie Bau-tschai Hsüä Kës Brief ihrer Mutter laut vorlas. Frau Hsüä rief den Dienstboten herbei und bat ihn zu wiederholen, was Hsüä Pan über sein Mißgeschick gesagt hatte. „Ich konnte nicht jedes Wort verstehen, gnädige Frau“, begann er, „doch ich hörte, daß Herr Pan Herrn Hsüä Kë erzählte, daß...“ Er blickte sich schnell im Zimmer um und fuhr fort, als er sich vergewissert hatte, daß sonst niemand im Zimmer war: „...daß er die schrecklichen Szenen zu Hause nicht mehr ertragen könne und sich entschlossen habe, auf eine Geschäftsreise in den Süden zu gehen. Er kenne dort jemanden, etwa hundertfünfzehn Kilometer südlich der Stadt und denke daran, mit ihm zu reisen. Auf dem Weg zum Haus des Mannes traf er seinen Freund Djiang Yü-han, der mit einigen jungen Schauspielern auf dem Weg in die Hauptstadt war. Die beiden gingen in eine Gastwirtschaft, um etwas Wein zu trinken und eine Kleinigkeit zu essen, und da begann, alles schief zu laufen. Der Kellner starrte Herrn Djiang an, was Herrn Pan verärgerte. Nun, Herr Djiang brach noch am selben Tag auf. Doch am nächsten Tag nahm Herr Pan diesen anderen Mann – der, mit dem er vorhatte zu reisen – in dieselbe Bar mit, um etwas zu trinken. Nach einigen Runden erinnerte er sich an das üble Benehmen des Kellners am Tag zuvor und beschwerte sich über den Wein. Der Kellner brauchte viel Zeit, um eine neue Kanne zu bringen; Herr Pan fing sofort an zu schimpfen. Der Kellner fand das nicht in Ordnung. Und dann schlug Herr Pan mit seiner Schale sofort auf den Kellner ein. Niemand hatte vermutet, daß der Kellner nicht von der friedliebendsten Sorte war. Er streckte den Kopf bewußt vor und ließ den Herrn darauf einschlagen. Herr Pan schlug ihm mit Weinschale auf den Kopf, und es floß Blut. Er lag auf dem Boden, schimpfte erst noch vor sich hin, und danach brachte er keine Worte mehr heraus.“ „Doch warum hat denn keiner versucht, ihn aufzuhalten?“, fragte Frau Hsüä. „Ich hörte Herrn Pan nichts davon sagen, gnädige Frau. Dies ist alles, was ich weiß.“ – „Nun gut. Du kannst jetzt gehen und dich ausruhen.“ – „Vielen Dank, gnädige Frau.“ – So gingen dann beide hinaus. Frau Hsüä ging zuerst zu ihrer Schwester, der Dame Wang, und bat sie, Djia Dschëngs Unterstützung anzufordern. Als die Dame Wang die Angelegenheit vorbrachte und Djia Dschëng einen ausführlichen Bericht davon gab, was sich ereignet hatte, stotterte er zunächst unwillig herum und sagte, daß er nichts tun könne, bis Hsüä Kës Berufung die üblichen Dienstwege durchlaufen habe und der Richter sein Urteil ausgestellt hätte. Frau Hsüä ließ im Pfandleihhaus Silber auswiegen und schickte es Hsüä Kë durch den Dienstboten. Drei Tage später kam der Brief, auf den sie warteten, an. Er wurde Frau Hsüä gegeben, die eine junge Magd schickte, um sofort Bau-tschai zu holen. Sie eilte herüber und las folgendes: „Liebe Tante. Ich habe das Silber erhalten und unter den Gerichtsangehörigen verteilt. Pan wird im Gefängnis ordentlich behandelt. Mach’ dir deswegen keine Sorgen. Unser Problem ist, daß die Leute hier sehr schwierig sind. Weder die Familie des Toten noch die Augenzeugen lassen mit sich handeln. Sogar Pans sogenannter Freund – derjenige, den er zu der Reise einlud – ist auf ihrer Seite. Besonders hart ist es für Li Hsiang und mich selber als Fremde, doch glücklicherweise gelang es uns, einen guten Berufsschreiber zu finden, der versprach uns zu helfen – für ein kleines Entgelt. Sein Rat war, daß wir zuerst auf Wu Liang einwirken sollten (das ist der ,Freund‘). Zunächst, da er als erster Zeuge unter Bewachung gehalten wird, sollten wir jemanden finden, der für ihn bürgt; dann ihm Geld anbieten, um unsere Verteidigung des ‚Todes durch Unfall‘ zu untermauern. Falls Wu sich weigert, mit uns zu verhandeln, werden wir versuchen, ihn selbst als den Mörder anzuzeigen und einen Außenseiter als Sündenbock zu benutzen. Er sollte dann zu viel Angst haben, um nicht mitzuspielen. So weit, so gut. Wir haben Wu durch Bürgschaft draußen, die Familie und unsere Zeugen bestochen und unseren Einspruch vorgestern erhoben. Das Urteil wurde heute ausgestellt. Es spricht für sich.“ Bau-tschai fuhr fort und las die Kopie der Berufung vor „Seinem jüngeren Vetter und Mandanten für den Angeklagten, Hsüä Pan, fälschlicherweise des vorsätzlichen Mordes durch Schläge an Dschang San beschuldigt. Feststellung der Fakten: Der Angeklagte, mit registriertem Wohnsitz Nanking, zur Zeit wohnhaft in der Landeshauptstadt, verließ die Heimat am Soundsovielten des soundsovielten Monats, um in den südlichen Provinzen Geschäften nachzugehen. Wenige Tage später kehrte sein Diener nach Hause zurück mit der Nachricht, der Angeklagte sei in einen Zwischenfall verwickelt worden, bei welchem eine der Parteien ihr Leben verlor. Der Berufungsführer kam in aller Eile hierher, um festzustellen, daß der oben erwähnte Herr Dschang in der Tat sein Leben durch die Hand des Angeklagten verlor, doch daß es sich dabei um tödliche Körperverletzung durch Unfall und nicht um vorsätzlichen Mord durch Schläge handelte, wie zuvor behauptet. Widerklage: Bei der Ankunft am Bezirksgefängnis wurde der Berufungsführer Zeuge der aufrichtigsten Unschuldsbekundungen seitens des Angeklagten. Er verneinte absolut jede Feindseligkeit gegenüber Herrn Dschang, mit welchem er in der Tat vor dem fraglichen Zwischenfall nicht im geringsten bekannt war, der lediglich das Resultat einer Unstimmigkeit über eine Weinschale war. Der Angeklagte entleerte nach einer Beschwerde den Inhalt seiner Weinschale auf den Boden. Genau in demselben Moment neigte sich der Verschiedene, um ein Objekt von einem angrenzenden Platz zu besorgen, rutschte dabei aus mit der unglücklichen, doch absolut unfallartigen Konsequenz, daß es eine tödliche Kollision zwischen der Weinschale des Angeklagten und dem Kopf des Verschiedenen gab. Wenn Euer Ehren einsichtig wären und ihn einer gerichtlichen Befragung unterzögen, seine Qualen auf der Folterbank waren so schlimm, daß er den Vorwurf des Vorsätzlichen Mordes durch Schläge schnell gestand, was ihm das Urteil der Erdrosselung einbrachte, mit Möglichkeit der Umwandlung in Verbannung. Euer Ehren, eure große Weißheit und Gnade, sich keines Zweifels über eine versteckte Ungerechtigkeit bewußt, hat die Urteilsverkündung für die nächste Zeit verschoben. Der unter Bewachung stehende Angeklagte ist gesetzlich von einer Anrufung des Gerichts abgehalten. Der Berufungsführer wurde weiterhin von Überlegungen der Familienehre ermutigt, zu handeln, Euer Gnaden demütigst und aufrichtigst ersuchend, den Fall wieder aufzurollen und alle Parteien zu einer zweiten Anhörung einzuladen. Dies wäre eine großmütige Handlung und eine, welche die niemals endende Dankbarkeit und die lebenslange Untergebenheit des Berufungsführers und der gesamten Familie bedeuten würde. Bautschai kam nun zum Urteil des Richters, worin folgendes stand: Stellungnahme zum Berufungsantrag Es wurde eine Untersuchung des Verbrechens eingeleitet und die vernommene Aussage war überzeugend. Der Angeklagte war keiner Folter ausgesetzt, die zum Geständnis der Anklage geführt hätte: Mord durch Schläge. Sein Schuldgeständnis wurde nun offiziell in die Akten eingetragen. Sie, der Berufungsführer, ein Außenstehender ohne Wissen aus erster Hand über den Fall, der sich erdreistet, diese unfundierte Widerrufung einzuleiten, sind der Mißachtung des Gerichtes schuldig. In Anbetracht mildernder Umstände in Bezug auf die Familienehre, wird man nur ihren Berufungsantrag ablehnen. Berufung abgewiesen. „Es gibt keine Hoffnung mehr!“, jammerte Frau Hsüä, „wir können ihn nicht mehr retten.“ – „Wir haben es noch nicht fertig gelesen“, sagte Bautschai, „es gibt ein P. S.“ Sie las weiter: „Für geheime Anweisungen, fragen sie den Jungen – dringend.“ Frau Hsüä wandte sich umgehend an den Jungen, der folgende Information preisgab: „Die Leute im Yamen wissen, daß unsere Familie reich ist, gnädige Frau, und wir müssen familiäre Beziehungen in der Bezirkshauptstadt nutzen und eine weitere große Bestechung schicken, wenn wir eine Wiederanhörung und ein milderes Urteil erreichen wollen. Sie sagen, ihr müßt schnell handeln, gnädige Frau, jeder Aufschub bedeutet weitere Beschwernis für Herrn Pan.“ Frau Hsüä entließ den Jungen und ging sofort wieder zu ihrer Schwester. Die Dame Wang flehte Djia Dschëng hilfesuchend an. Das Weitestgehende, das Djia Dschëng vorbereitet hatte, war, jemanden zu schicken, der sich mit dem Richter ,unterhält‘. Er wies es ab, über ,finanzielle Überlegungen‘ nachzudenken. Frau Hsüä, die fürchete, daß diese Geste ohne Erfolg bleiben würde, bat Hsi-fëng, mit Djia Liän zu sprechen. Es steigerte sich zu mehreren tausend Taels; doch am Ende erreichte man eine Übereinkunft und für Hsüä Kë war der Weg bereit, mit seinem Plan fortzuschreiten. Der Fall wurde offiziell wieder eröffnet, und alle betroffenen Parteien waren wieder im Gericht versammelt, der Gemeindediener, Augenzeugen, Verwandte des Verschiedenen etc. Hsüä Pan wurde aus der Zelle herausgeführt. Der Leiter des Gerichtes verlas die Namen und der Richter bestellte den Hauptgemeindediener, um die originalen Beweise zu bestätigen. Dann wurden Frau Dschang (geborene Wang) und Dschang Örl, Mutter und Onkel des Verschiedenen gerufen um auszusagen. Frau Dschang begann, ihre Aussage von Schluchzen unterbrochen, „Mein Mann ist Dschang Da. Wir leben im Dorf südlich. Vater Dschang ist seit achtzehn Jahren tot. Wir hatten drei Jungen, doch der älteste und der zweite sind auch schon verstorben. Allein übrig war unser drittes Kind, aber das ist jetzt auch weg!“ (Sie schluchzte weiter.) „Dreiundzwanzig wäre er dieses Jahr geworden, und er war immer noch Junggeselle. Er hat den Beruf in dieser Bar der Familie Li angenommen, um mir etwas auszuhelfen, weil unser Einkommen zu klein ist. Es muß Mittag gewesen sein, als Familie Li jemanden zu mir schickte. Der Mann sagte: ‚Dein Junge wurde erschlagen!‘ Mein armes Herz! Ich wäre fast gestorben! Ich rannte zur Familie Li, und da lag mein Junge auf dem Boden, Blut floß aus seinem Kopf, und er atmete schwer! Ich habe versucht, ihn zu fragen, was passiert war, doch er konnte nichts sagen, hat kaum geatmet und dann..., ja, dann war er weg! Wenn ich ihn nur in die Finger bekomme, diesen gottverdammten, elenden Mörder...“ Ein Brummen der Mißbilligung ging durch die Reihen der Gerichtsuntergeordneten. Frau Dschang begab sich schnell zur Bank: „Alles, was ich will, ist Gerechtigkeit! Ich hatte nur noch diesen einen Sohn!“ – „Nächster Zeuge – Besitzer Li Örl!“, rief der Richter entschieden. „War dieser Dschang in ihrem Betrieb angestellt?“, fragte der Richter. „Nicht angestellt, sondern eine gelegentlicher Aushilfe“, antwortete Li Örl. „Ich sehe hier, daß sie in ihrer ursprünglichen Aussage, die bei der Untersuchung aufgenommen wurde, feststellen, daß Hsüä Pan Dschang San einen tödlichen Schlag auf den Kopf versetzte. Sagen Sie mir, haben Sie diesen Schlag mit eigenen Augen mit angesehen?“ – „Nein, Euer Ehren. Zu dieser Zeit war ich hinter dem Tresen, im Schankraum. Ich hörte, daß einer der Gäste im Séparée Wein bestellte. Ein wenig später hörte ich, wie jemand rief: ‚Hilfe, jemand ist verletzt‘, ich rannte dorthin und sah Dschang San auf dem Boden liegen. Er konnte nicht sprechen. Ich informierte den Gemeindediener und schickte jemanden, der es seiner Mutter [Frau Dschang] mitteilte. Ich habe keine Ahnung, wie der Streit angefangen hat. Da saß ein junger Mann bei Herrn Hsüä am Tisch, Euer Ehren. Vielleicht verfügt er über die notwendigen Informationen...“ „Was?“, donnerte der Richter eindrucksvoll. „In ihrer ursprünglichen Aussage steht sehr deutlich, daß sie den Zwischenfall mit eigenen Augen gesehen haben. Und jetzt wollen sie mir erzählen, sie hätten nichts gesehen?“ – „Als ich meine erste Aussage machte, Euer Ehren, war ich so verwirrt, daß ich mit den Tatsachen durcheinander gekommen sein muß...“ Ein weiteres Brummen ging durch die Reihen. „Nächster Zeuge Wu Liang!“, befahl der Richter. „Sagen Sie mir“, fragte der Richter, „haben Sie zur Zeit des Verbrechens zusammen mit dem Angeklagten gegessen und getrunken? Wie genau vollzog sich der tödliche Schlag? Sagen Sie die Wahrheit.“ – „An dem fraglichen Tag, Euer Ehren“, antwortete Wu, „kam Herr Hsüä zu meinem Haus und lud mich freundlicherweise auf etwas zu trinken ein. Da er mit der Qualität des Weines unzufrieden war, bestellte er eine neue Weinschale. Doch der Wirt, Dschang San, wollte darauf nicht hören. Dies mißfiel Herrn Hsüä und aus Protest schüttete er dem Kellner den Inhalt seiner Schale ins Gesicht. Es ging alles sehr schnell, und irgendwie muß die Weinschale aus Hsüäs Hand gerutscht und mit Dschangs Kopf zusammengeprallt sein. Das ist der wahre Bericht des Vorfalls, den ich mit eigenen Augen gesehen habe.“ – „Unsinn!“, rief der Richter, „warum hat dann der Angeklagte selbst bei der Untersuchung zugegeben, Dschang angegriffen und ihm selbst den tödlichen Schlag versetzt zu haben? Sie haben die Aussage selbst bestätigt. Das ist Meineid! Ohrfeigt ihn!“ Ein bestätigender Schrei kam von der entsprechenden Abteilung des Gerichts und die Strafe sollte gerade vollzogen werden, als Wu protestierte: „Herr Hsüä hat den Streit niemals angefangen, Herr! Der Krug rutschte ihm aus der Hand und prallte mit Dschangs Kopf zusammen! Es war alles ein Unfall! Befragen sie den Angeklagten selbst! Habt Gnade!“ Der Richter rief Hsüä Pan herbei. „Jetzt, Hsüä, zum letzten Mal, sag’ mir: was war dein Groll gegen Dschang San? Und wie ist er nun gestorben? Ich will die ganze Wahrheit!“ – „Euer Ehren, ich flehe Sie an, seien Sie gnädig!“, bat ihn Hsüä Pan. „Ich erhob niemals die Hand, um diesen Mann zu schlagen. Alles was ich tat, war meinen Krug auf dem Boden zu entleeren, weil er mir nicht, wie bestellt, den Wein brachte. Bevor ich es bemerkte, war mir der Krug aus der Hand gerutscht und gegen seinen Kopf geschlagen. Ich tat alles, um die Blutung zu stillen, doch es war hoffnungslos. Der Blutverlust war so hoch, daß er innerhalb kürzester Zeit verstarb. Während der Untersuchung war ich so voller Angst vor der Folter, daß ich falsche Angaben machte. Ich bitte Euer Gnaden dementsprechend Gnade walten zu lassen!“ – „Widerlicher Schuft!“, brüllte der Richter, „du hast dich bereits zu einem vorsätzlichen Anschlag schuldig bekannt. Und jetzt sagst du, du hast dich geärgert, weil er den Wein nicht wechseln wollte, und es war nichts weiter als ein unfallhafter Zusammenprall?“ Er machte auf diese Weise weiter mit vielem dazu passenden und lautstarken Lärmen, bedrohte Pan in der einen Minute mit der Rute und in der nächsten mit der Folterbank, wenn er nicht gestünde. Doch dieses mal verweigerte Pan ein Geständnis. Der Gerichtsmediziner wurde nun herbeigerufen, um öffentlich die Ergebnisse seiner Obduktion bekannt zu geben. „Wenn es Euer Ehren gefällt, ich habe die Leiche von Dschang San genaustens untersucht und finde keine Verletzungsspuren außer einer einzigen an der Kopfhaut, die durch ein Porzellanstück verursacht wurde. Die Wunde ist annäherungsweise vier Fingerbreit lang, dringt zu einer Tiefe von etwa einem halben Fingerbreit ein. Das Scheitelbein hat eine Fraktur von annäherungsweise von etwas über einem halben Fingerbreit in der Länge erlitten. Die Art der Verletzung weist zweifelsfrei auf einen unfallartigen Zusammenprall hin.“ Der Richter überprüfte das Zertifikat des Gerichtsmediziners, welches (wie er sehr gut wußte) von seinem Schreiber geändert worden war und forderte alle Betroffenen ohne Umschweife auf, ihre Aussagen zu unterzeichnen. „Aber!“, jammerte Frau Dschang. „Was ist denn mit all den anderen Wunden? Da waren doch so viele! Der Mediziner sagte es beim letzten Mal selber, ich erinnere mich! Wo sind sie alle auf einmal?“ – „Närrische Frau!“, rief der Richter. „Hier ist das Zertifikat, ordnungsgemäß unterzeichnet – sehen sie selbst.“ Er rief den Onkel des Toten herbei (ein etwas kooperativerer Zeuge): „Dschang Örl, werden sie dem Gericht erzählen, wie viele Wunden auf der Leiche ihres Neffen waren?“ – „Nur die auf seinem Schädel, Herr“, antwortete Dschang. Der Richter wandte sich an Frau Dschang: „Was für einen Beweis brauchen Sie noch?“ Er forderte den Gerichtsdiener auf, Frau Dschang das Zertifikat zu zeigen und wies den obersten Gemeindediener und Dschang Örl an, es ihr zu erklären. Die anderen Dokumente in diesem Fall wurden nun geordnet – der Verlauf der Befragung, ordentlich beglaubigt durch die Unterzeichnungen der Anwesenden und die Aussagen der Zeugen, welche nun darin einstimmten, daß es keinen Streit gegeben habe, also keinen Angriff, also war Hsüä Pan nur schuld daran, eine tödliche Körperverletzung bei einem Unfall verursacht zu haben, ein niederer Grad des Totschlages, tilgbar durch die Zahlung eines Bußgeldes. Von den Parteien wurde gefordert, ihre Unterschrift beizuheften, oder die Urkunde damit zu versehen, Hsüä Pan war bis zur Urteilsverkündung in Haft, und die anderen und ihr Bürge wurden freigelassen. Das Gericht vertagte sich. Als der Richter ging, brach Frau Dschang in einen weiteren Anfall des Weinens und Schluchzens aus, und er trug dem Gerichtsdiener auf, sie rauszuscheuchen. Onkel Dschang versuchte auch, sie wieder zu beruhigen: „Es war wirklich ein Unfall“, sagte er, „warum sollte man denn einen Unschuldigen verurteilen? Seine Ehren hat das Urteil jetzt verkündet, um Himmels willen, beruhige dich.“ Hsüä Kë hatte draußen gewartet und war sichtlich erleichtert zu hören, daß sein Plan gut aufgegangen war. Er schickte einen Brief nach Hause, worin stand, daß er noch bleibe, bis die Urteilsbestätigung öffentlich war und Hsüä Pans Bußgeld bezahlt war. Als er später am Tag durch die Stadt ging, wurde er des Klanges einer angeregten Unterhaltung auf der Straße gewahr: „Habt ihr gehört? Eine der kaiserlichen Konkubinen ist verstorben, und alle Geschäfte am Hof werden für drei Tage eingestellt. Da das kaiserliche Mausoleum nicht weit von der Stadt entfernt war, dachte Hsüä Kë bei sich, würde der Richter nun sehr beschäftigt sein, das Begräbnis vorzubereiten und die Straße mit gelber Erde für die Prozession vorzubereiten. Er würde kaum Zeit haben, über legale Mittel nachzudenken, und er selber würde durch Herumhängen allein nichts erreichen. So ging er ins Gefängnis und erzählte Pan, daß er für ein paar Tage nach Hause gehe. Pan war um seiner Mutter willen sehr froh und schickte eine kurze Bemerkung, um sie rückzuversichern. „Es geht mir gut“, schrieb er, „ein paar Taels mehr in der richtigen Tasche, und ich bin zu Hause! Doch sorge bitte dafür, daß das Geld fließt!“ Hsüä Kë ließ den Jungen Li Hsiang dort und begab sich auf direktem Weg nach Hause. Bei seiner Ankunft gab er seiner Tante Hsüä einen ausführlichen Bericht davon, wie dem Richter die Umdeutung von ,Angriff‘ zu ,Unfall‘ gelungen war. „Alles, was noch nötig ist“, beendete er seinen Bericht, „ist, den Dschangs etwas mehr Geld zu geben. Dann, wenn die Umdeutung beschlossen ist, wird alles vorbei sein.“ Frau Hsüä seufzte vor Erleichterung. „Ich hatte gehofft, du könntest nach Hause kommen“, sagte sie, „ich wollte gerne hinübergehen und den Djias für alles danken, was sie getan haben, und ich dachte, es wäre nett, wenn du einen Blick auf Tante Wangs Angelegenheiten werfen und etwas Zeit mit den Mädchen verbringen könntest. Durch den Tod der Konkubine Dschou ist die Familie alle Tage außer Haus, und sie müssen zu Hause sehr einsam sein. Ich konnte noch nicht gehen, weil keiner hier war, der solange die Oberaufsicht übernimmt.“ – „Das Seltsame ist, daß ich auf meinem Weg hierhin hörte, daß es eine Djia-Konkubine war, die verstorben sei“, sagte Hsüä Kë. „Deswegen kam ich in solcher Eile zurück – obwohl ich sagen muß, daß es mir schwer fiel, es zu glauben, weil es unserer kaiserlichen Konkubinen Djia doch gut geht.“ „Sie war eine Weile krank“, antwortete Frau Hsüä, „doch sie erholte sich, und ich habe seitdem nichts mehr von ihrer Krankheit gehört. Dennoch ist es merkwürdig: Die Herzoginmutter fühlte sich einige Tage zuvor nicht wohl, und immer, wenn sie ihre Augen schloß, hatte sie eine Vision von der kaiserlichen Nebenfrau. Zuerst war jeder sehr betroffen, und sie schickten sogar jemanden zum Hof, um sich zu erkundigen, doch ihnen wurde gesagt, daß die kaiserliche Nebenfrau bei guter Gesundheit sei: Dann, vor drei Tagen am Abend, sagte die Herzoginmutter plötzlich laut: ‚Warum ist die kaiserliche Nebenfrau diesen ganzen Weg allein gegangen, um mich zu sehen?‘ Diesmal schrieben sie es ihrer Krankheit zu und nahmen es nicht ernst. ‚Wenn du mir nicht glaubst,‘ sagte die Herzoginmutter, ‚laß mich dir sagen, was die kaiserliche Nebenfrau sagte: Wohlstand kann sehr schnell aufgebraucht sein; halte es zurück, halte es zurück, bevor es zu spät ist.‘ Sie dachten, sie würde bloß phantasieren – es war eben etwas, womit eine Dame ihres Alters sich schließlich noch beschäftigt – und schenkten dem keine Aufmerksamkeit. Du kannst dir die Panik am nächsten Morgen nicht vorstellen, als sie jemanden vom Hof sagen hörten, daß eine der Konkubinen ernsthaft krank sei und alle betitelten Familienmitglieder sich im Palast versammeln sollten! Sie waren in einem schlimmen Zustand, als sie aufbrachen! Doch bevor sie noch den Palast verlassen hatten, hörten wir, daß es die Konkubine Dschou war. Es ist merkwürdig, findest du nicht auch, daß das Gerede, das du hörtest, der Vorahnung der Herzoginmutter gleicht?“ – „Die Öffentlichkeit vermischt die Tatsachen oftmals“, kommentierte Bautschai, „und unsere Familienmitglieder sind wegen der ganzen Angelegenheit so überempfindlich, daß sie nur die Worte ‚kaiserliche Nebenfrau‘ hören müssen, um zu den schlimmsten Schlußfolgerungen zu gelangen. Doch meistens stellt es sich als falscher Alarm heraus. Während der letzten Aufregung unterhielt ich mich gerade mit zweien der Mägde und älteren Dienstmädchen der kaiserlichen Nebenfrau, und sie verrieten mir, daß sie die ganze Zeit gewußt hätten, daß es die kaiserliche Nebenfrau gar nicht gewesen sein kann. Ich fragte eine von ihnen, wie sie sich da sicher sein könnten, und sie erzählten mir von etwas, das vor einigen Jahren geschehen war. „Es war der erste Monat des Jahres und da war ein Wahrsager aus einer der Provinzen nahe der Provinzhauptstadt hier, welcher der Familie auf Grund seiner Genauigkeit empfohlen wurde. Die Herzoginmutter gab Anweisungen, daß einige der Mägde die Acht Stämme und Zweige der kaiserlichen Nebenfrau in Erfahrung bringen sollten, damit sie den Mann nach ihrer Zukunft fragen könnten. Er wählte ihre sofort aus. ‚Hier muß ein Fehler vorliegen‘, sagte er. ‚Ich sehe, daß die junge Dame am ersten Tag des ersten Monats geboren wurde. Wenn Stamm und Zweig ihrer Geburtsstunde richtig wären, sollte sie eine Person von hohem Rang sein und keine Angehörige dieses normalen Haushaltes.‘ Herr Dschëng und die anderen drängten ihn, ungeachtet der Richtigkeit der Geburtsstunde ein Horoskop zu werfen, also fuhr er fort: „Das zyklische Jahr Jia Shen (Holz + Metall), der Erste Monat Bing Yin (Feuer + Holz). In diesen vier Zeichen sind Verlust von Reichtum und Niedergang im Beamtentum beide präsent. Obwohl das Jahr den Zweig Shen Rang und Wohlstand zeigt, ist es nicht ihr Schicksal, innerhalb des Haushaltes erhoben zu werden, die Aussicht in diesem Zweig ist nicht unbedingt günstig. Der Tag Yi Mau (Holz + Holz), Frühlingsanfang, da steht Holz im Zenit. Hier gibt es einen Konflikt, eine Konfiguration von Ebenbürtigem. Dadurch wird die Person erhöht, so wie feines Holz nur als Instrument wahrer Größe verarbeitet wird, wenn es die Axt berührt. Die Stunde Stamm Xin (Metall) zeigt Adel an, während die Stunde Zweig Sï (Feuer) auf Rang und Glück verweist, dieses Mal ist der Zenit bekannt als Ein glückliches Pferd reitet in den Himmel. Die Tagesverbindung zeigt höchsten Rang und daß die Kräfte des Himmels und des Mondes Vorsitz über ihr Schicksal haben. Sie wird mit einer Residenz im Kaiserlichen Schlafgemach beglückt. In dieser Stunde sind Stamm und Zweig korrekt, bei dieser Person muß es sich um eine kaiserliche Konkubine handeln.“ – „Wie die Magd sagte“, fuhr Bau-tschai fort, „paßte das Horoskop perfekt zur kaiserlichen Nebenfrau. Sie erinnerten sich auch an den Schlußteil: ‚Ach!‘ sagte er, ‚solche günstigen Winde sind leider nicht von Dauer. Wenn der Hase dem Tiger begegnet und Holz auf Holz trifft, in einem Mau Monat eines Yin Jahres, werden ihre Ebenbürtigen sie überstrahlen, der Niedergang wird seinen Tiefpunkt erreichen und das feine Holz, das zu lange geschnitzt wird, wird sein Wesen und seine Stabilität verlieren.“ Obwohl die Familie in ihrer Panik alles über die letzte Vorhersage vergaß, erinnerte sich die Magd daran, sie sagte zu Vetter Wan, „dies ist kein Yin-Jahr, und es ist nicht der Monat Mau, also kann es nicht die kaiserliche Nebenfrau sein!“ Bau-tschai war kaum am Ende, als Hsüä Kë ausrief: „Vergiß die Djias für einen Moment; wenn es hier einen so guten Wahrsager gibt, warum befragen wir ihn nicht über unseren Bruder? Vielleicht kann er uns verraten, welche böse Kraft seinen Weg durchkreuzt hat und ihm dieses Jahr so viel Unglück brachte? Gib mir seinen Stamm und Zweige, und ich werde gehen und herausfinden, ob die Zukunft noch mehr Rückschläge dieser Art für ihn bereit hält.“ – „Der Wahrsager kam aus einer der Provinzen. Wer weiß, wo er jetzt in der Hauptstadt ist?“, erwiderte Bau-tschai. Während der Unterhaltung hatten sie bereits begonnen, Frau Hsüäs Sachen zu packen. Frau Hsüä ging hinüber zur Hauptvilla und sah, daß, wie erwartet, Li Wan, Tantschun und die Mädchen ganz allein dort waren. Sie hießen Frau Hsüä willkommen und fragten, wie es Hsüä Pan ginge. Sie waren sichtlich erleichtert, als sie ihnen erzählte, daß er außer Gefahr sei und nur noch auf die Bestätigung seines Urteils warte, in dem keine Todesstrafe zu erwarten sei. „Mutter meinte gestern Abend nur“, sagte Tantschun, „daß du dich früher immer darum gekümmert hast, wenn zuhause etwas danebenging. Doch dieses Mal hast du selbst Probleme. Es ist schwer, darüber zu sprechen. Wir waren selbst sehr besorgt.“ – „Ich war zuhause sehr traurig deshalb“, antwortete Frau Hsüä, „Pan hat solche Probleme erwischt. Euer Vetter Kë war fort, um sich um Pans Angelegenheiten zu kümmern. Bau-tschai ist ja als Frau alleine zuhause, wie soll sie das denn machen. Außerdem ist meine Schwiegertochter [Djin Guee] nicht sehr verständig, deshalb konnte ich mich nicht freimachen und herkommen. Der einzige Grund, weshalb Kë nach Hause kommen und mich jetzt ablösen konnte, ist, daß der Richter für einige Tage beauftragt ist, die Vorbereitungen für die Beerdigung der Dschou Konkubine zu treffen und deshalb voreilig die Sache beendet hat.“ – „Wir wären sehr froh, wenn du ein oder zwei Tage bleiben könntest“, sagte Li Wan. Frau Hsüä nickte. „Ich würde sehr gern hierbleiben und euch Mädchen Gesellschaft leisten. Das einzige, was mich bekümmert, ist, daß Bautschai sich ohne mich bestimmt einsam fühlt.“ – „Warum fragst du sie nicht, ob sie nicht auch zu uns kommen möchte?“, schlug Hsitschun vor. Frau Hsüä mußte etwas lachen, „ach, das könnte ich nicht machen.“ – „Aber warum denn nicht? Sie hat hier doch mal gewohnt, oder nicht?“ Li Wan antwortete für Frau Hsüä: „Ihr versteht nicht. Das ist nicht mehr dasselbe. Zur Zeit sind sie sehr beschäftigt, deshalb kann sie nicht kommen.“ Hsitschun nahm an, daß dies der wahre Grund für Bau-tschais Abwesenheit war und fragte nicht weiter nach. Während sie miteinander sprachen, kehrten die Herzoginmutter und der Rest der Familie zurück. Als sie sahen, daß Frau Hsüä da war, wurden alle vorbereitenden Höflichkeiten für dieses Mal unterlassen und jeder wollte das Neueste über Pans Angelegenheiten wissen. Frau Hsüä erzählte ihnen die ganze Geschichte. Bau-yü war dabei und horchte auf, als Djiang Yühans Name erwähnt wurde. Obwohl er dachte, daß es nicht ratsam sei, vor den anderen so viel Interesse zu zeigen, fragte er sich insgeheim, ‚Warum hat er nicht bei mir vorbeigeschaut, wenn er schon zurück in der Hauptstadt war.‘ Als er dann bemerkte, daß Bau-tschai ihre Mutter nicht begleitet hatte, versuchte er sich vorzustellen, was sie nur zu Hause halten könnte. Als er wie erschlagen vor sich hingrübelte, kam Dai-yü unerwartet zur Begrüßung, seine Gedanken über Bau-tschai wurden von ihrem Auftauchen unterbrochen. Bau-yü wurde wieder fröhlicher. Er leistete Dai-yü Gesellschaft und blieb bis zum Abendbrot mit den anderen Schwestern bei der Herzoginmutter. Nach dem Essen kehrte jeder in seine entsprechende Wohnung zurück, mit Ausnahme von Frau Hsüä, welche die ganze Nacht über im Gästezimmer der Herzoginmutter blieb. Bau-yü ging zurück in seine Gemächer und entledigte sich seiner Ausgehkleidung, als er sich plötzlich an das rote Leibtuch erinnerte, das Djiang Yühan ihm einst geschenkt hatte. „Das dunkelrote Leibtuch, welches du nicht tragen wolltest, hast du es noch?“, fragte er Hsi-jën. „Ich habe es hier irgendwo hingelegt. Warum fragst du?“ – „Ach, ich überlegte nur.“ – „Hast du nicht gehört, in welchen Ärger auf Leben und Tod Herr Hsüä Pan geraten ist, und das nur, weil er mit solchem Gesindel befreundet ist! Wirst du es nie lernen? Hast du nicht mehr Verstand, daß du so etwas anstellen mußt? Wende deine Kraft lieber auf deine Studien! Schiebe solche unwichtigen Sachen lieber beiseite.“ – „Also wirklich! Ich bin hier nun wirklich nicht in solchen Ärger verwickelt! Ich habe nur daran gedacht, das ist alles. Ich konnte doch nicht ahnen, ob du es noch hast oder nicht. Hätte ich gewußt, daß du mir eine Predigt halten würdest...“ Hsi-jën lächelte: „Ich halte dir keine Predigt. Es ist nur, daß jeder, der Verstand hat, versucht, in der Welt voranzukommen. Wenn dein Liebling daher kommt, möchtest du doch sicher einen guten Eindruck machen?“ – „Meine Güte!“, rief Bau-yü, „ich erinnere mich! Bei Großmutter war so ein Trubel, da hatte ich nicht die Gelegenheit, mit Kusine Dai-yü zu sprechen, und sie hat mich auch nicht angesprochen. Sie war vor mir gegangen, sie ist vielleicht gerade jetzt zu Hause. Ich bin sofort wieder da.“ Und schon war er fort. „Komm schnell wieder!“, rief Hsi-jën ihm nach. „Jetzt ist es passiert! Ich mußte ja damit anfangen, und dann kommst du plötzlich darauf!“ Bau-yü antwortete nicht, setzte eine störrische Miene auf, senkte den Kopf und begab sich auf direktem Wege zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß. Bei seiner Ankunft fand er Dai-yü an ihrem Tisch in einem Buch blätternd. „Bist du schon lange zurück, Kusinchen?“, fragte er, ging dabei hinüber und stellte sich neben sie. „Da du mich nicht beachtet hast“, sagte sie mit zurückkehrendem Lächeln, „gab es für mich keinen Grund, länger zu bleiben...“ Er lachte. „Alle haben sofort angefangen zu reden, und ich kam gar nicht zu Wort.“ Auf die aufgeschlagene Seite vor ihr blickend, fand Bau-yü heraus, daß er nicht ein einziges Zeichen darauf verstand. Manche schienen ihm bekannt, wie die Zeichen für Pfingstrose und unermeßlich; doch bei näherem Hinsehen fiel ihm auf, daß auch diese etwas verändert waren. Da war das Zeichen für Haken, mit einer fünf darin und einer neun und groß darüber; und da war eine fünf neben einer sechs, mit Holz darunter und einer anderen fünf ganz unten. Das war alles sehr verwirrend. „Du mußt schon sehr fortgeschritten sein, wenn du diese abstrusen Hieroglyphen entziffern kannst!“, sagte er. Dai-yü gab ein kleines „Thhh!“ von sich. „Was für ein Gelehrter, du kannst ja nicht einmal Noten lesen, die hier sind für die Wölbbrettzither. „Noten? Die kenne ich natürlich. Doch warum kenne ich keines der Zeichen? Weißt du, was sie bedeuten?“ – „Wenn ich die nicht kennen würde, wieso würde ich sie dann lesen...“ – „Wirklich? Ich glaube das nicht. Ich habe noch nie gehört, daß du spielst. Wußtest du von den Wölbbrettzithern, die an der Wand in der Hauptbibliothek hängen? Da gibt es einige. Ich erinnere mich an das vorletzte Jahr, als Vater mit einem Zitherspieler befreundet war – Antiquar Dji wurde er genannt, glaube ich. Vater bat ihn, ein Stück zu spielen, doch wie er die Instrumente ausprobierte, sagte er, man könne mit keinem von ihnen spielen. Weiterhin sagte er, wenn Vater ihn wirklich spielen hören wolle, würde er an einem anderen Tag mit seinem eigenen Instrument wiederkommen. Doch er kam nicht mehr. Er muß sich entschlossen haben, daß Vater auch nichts davon versteht. Wie konntest du dein Licht die ganze Zeit unter den Scheffel stellen und das geheim halten?“ – „Oh nein“, antwortete Dai-yü, „ich bin gar nicht gut. Es war nur so, daß ich vor ein oder zwei Tagen, als ich mich ein wenig besser fühlte, durch mein Bücherregal schaute und auf dieses alte Zither-Handbuch stieß. Es erschien mir sehr interessant und faszinierte mich beim Lesen. Es begann mit einem sehr eingängigen Vorwort über die Theorie der Zither, und dann führte es die praktische Methodik sehr klar und verständlich aus. Ich erkannte, daß das Zither-Spielen eine Form der Meditation ist und uns die spirituelle Energie den Ahnen näherbringt. „Als wir in Yangdschou lebten, habe ich öfter das Zitherspiel gehört und es gelernt. Doch seit ich aus der Übung bin, ist es, wie man sagt, ‚drei Tage nicht gespielt, und es wachsen Stacheln aus der Hand‘. Vor ein paar Tagen habe ich ein paar Zitherlieder gefunden, nur mit Liedtitel, aber ohne Text und ohne Noten. Doch jetzt habe ich ein Buch voller Noten und Text gefunden, und jetzt macht es erst Sinn. Das ist sehr interessant! Natürlich, ich erkenne, daß ich der Partitur niemals gerecht werden kann. Wenn man bedenkt, was die großen Meistermusiker der Vergangenheit vermochten – wie Meister Kuang, dessen Spiel Wind und Donner herbeirufen konnte, Drachen und Phoenix! Und wenn man bedenkt, daß Konfuzius von Meister Hsiangs Musik sagte, die ersten Noten, die er je gehört habe, sei das musikalische Portrait von König Wën gewesen! Eine Rhapsodie der Berge und Flüsse zu spielen und seine innere Bedeutung mit einem befreundeten Musikliebhaber zu teilen...“ Sie schloß die Augen und senkte langsam den Kopf. Bau-yü war völlig hingerissen: „Ach Kusinchen! Wie wundervoll sich das anhört! Doch ich fürchte, daß ich diese speziellen Buchstaben immer noch nicht verstehe. Bitte zeige mir, wie man ein paar davon liest.“ – „Das brauch ich dir nicht beizubringen. Wenn ich es dir einmal erkläre, verstehst du es.“ – „Doch, doch, ich bin so ein Dummkopf! Bitte hilf mir! Nimm dieses Zeichen hier – alles, was ich daraus lese, ist Haken mit groß oben drauf und fünf in der Mitte.“ Dai-yü lachte. „Das groß und neun oben bedeuten, du hältst die Saite mit dem Daumen deiner linken Hand am neunten Bund fest. Der Haken und fünf bedeuten, du hakst den Mittelfinger deiner rechten Hand vorsichtig ein und ziehst die fünfte Saite in deine Richtung. Wie du siehst, ist es nicht das, was wir ein Zeichen nennen, es ist eher eine Anhäufung von Zeichen, die dir sagen, was die nächste Note ist und wie man sie spielt. Das ist sehr leicht. Dann gibt es Zeichen für alle Stile – die engen und die weiten schwingend, die steigenden und die fallenden gleitend, die Beize, das zitternd, das fallende gleitend[1] mit offensaitigem Dröhnen...“ Bau-yü war außer sich vor Begeisterung. „So perfekt, wie du das verstehst, Kusinchen, warum lernen wir nicht zusammem das Zitherspiel?“ – „Das Wesen der Zither“, antwortete Dai-yü, „ist die Beherrschung. Es wurde vor langer Zeit erfunden, um sich selbst zu reinigen und ein gutes und besonnenes Leben zu führen, alle irdischen Lüste zu bezwingen und jeden zügellosen Impuls zu hemmen. Wenn du es zu spielen wünschst, mußt du dir erst eine ruhige Kammer suchen, ein Atelier mit weitem Ausblick oder einen höheren Raum, oder einen abgelegener Winkel über Hügeln und Bäumen, auf einem felsigen Gipfel, an einem Wasserufer... Laß das Wetter klar und ruhig sein, eine leichte Brise, eine mondhelle Nacht. Entzünde Räucherstäbchen und sitz dort in stiller Meditation. Befreie deinen Geist von äußeren Gedanken. Die Balance von Atmung und Blut in perfekter Harmonie, nur so kann dein Geist sich dann mit dem Göttlichen verbinden und eine geheimnisvolle Einigung mit dem Dau antreten. Wie die Alten sagen, es ist schwer, einen wahre Musikkenner zu treffen. Wenn es niemanden gibt, der die Wonne deiner Musik teilt, dann sitze allein und spiele der Brise und dem Mondlicht ein Lied, sing ein Loblied auf die alten Kiefern und die wettergegerbten Felsen; laß die wilden Affen und die ehrwürdigen Kraniche dein Lied hören, viel eher als das gemeine Volk, ihre dumpfen Ohren würden den kostbaren Klang des Zither nur besudeln. So viel zur Umgebung. Das Nächstwesentliche sind die Fingertechnik und die Haltung. Bevor du das Instrument ergreifst, kleide dich angemessen – vorzugsweise mit einem baumwollenen Umhang oder einer antiken Robe. Übernimm die ehrenvollen Gebärden der Alten, die Art der Weisen, das ausgewählte Instrument zu tragen. Wasch deine Hände. Entzünde Räucherstäbchen. Setze dich auf die Ecke deiner Liege. Lege die Zither auf dem Tisch vor dir und setze dich so, daß du mit der Brust dem fünften Bund gegenüber sitzest. Erhebe beide Hände langsam und anmutig. Nun bist du mit Körper und Geist bereit zu beginnen. „Während des Spielens mußt du sorgfältig die Tempi-Angaben beachten – leise, kräftig, munter-schnell, langsam[2] – und bewahre die ganze Zeit eine entspannte und ernste Haltung.“ – „Ach du meine Güte!“, rief Bau-yü aus, „ich dachte, wir könnten es zu unserem Vergnügen machen! Wenn das so kompliziert ist, glaube ich nicht, daß ich bereit dafür bin!“ Während sie sprachen, kam Dsï-djüan herein und fragte, als sie Bau-yü in dem Zimmer sah, mit einem Lächeln: „Warum freuen Sie sich heute so sehr, zweiter junger Herr Bau[-yü]?“ – „Kusine Dai hat mir eben etwas über die Zither beigebracht. Es ist mir wie Schuppen von den Augen gefallen! Ich könnte für immer zuhören!“ – „Das meinte ich nicht“, sagte Dsï-djüan, „was ich meinte war, daß wir Sie in letzter Zeit so selten sehen, ich überlegte, ob etwas Außergewöhnliches passiert sei, das Sie hierher führte?“ – „Ich fürchte, es sieht wirklich so aus“, antwortete Bau-yü „Doch weshalb ich in der letzten Zeit nicht so oft vorbeischaute, war, weil es Kusine Dai-yü nicht gut ging und ich dachte, es sei besser, sie nicht zu stören. Und ich mußte auch zur Schule gehen...“ – „Nun,“ unterbrach Dsï-djüan, „Fräulein Dai-yü hat gerade angefangen, sich besser zu fühlen, also warum laßt Ihr sie nicht lieber noch in Ruhe, statt sie um Unterricht zu bitten?“ – „Oje! Wie gedankenlos von mir!“ stieß er mit einem Lachen hervor. „Ich war so gefangen von dem, was sie sagte, daß mir nicht in den Kopf kam, es könnte sie ermüden.“ – „Das hat es auch nicht“, sagte Dai-yü lächelnd, „über so etwas zu sprechen, ermüdet mich nie, ganz im Gegenteil, es weckt meine Geister. Ich mache mir nur Sorgen, daß ich vielleicht nur vor mich hin gesprochen habe und du das vielleicht gar nicht verstanden hast...“ – „Das macht nichts“, sagte Bau-yü, „nach und nach durchdringe ich es schon.“ Er stand auf. „Doch im Ernst, ich sollte dich jetzt wirklich besser in Ruhe lassen. Morgen werde ich die dritte Schwester [Tan] und die vierte Schwester [Hsi] fragen, ob sie mit mir herüber kommen. Ihr drei könnt dann zusammen lernen. Ich werde dann dabei sitzen und...“ – „Warum denn, du Faulpelz!“, lachte Dai-yü, „stell’ dir vor, wir drei lernen zu spielen und du bleibst so unwissend wie immer: so ist das wie Perlen vor die Säue werfen.“ An dieser Stelle stockte sie, weil sie plötzlich an eine Herzensangelegenheit dachte. Bau-yü lachte nur: „Ich wäre schon froh, dich spielen zu hören. Dafür würde ich alles tun – sogar deine Sau sein!“ Dai-yü errötete, doch lachte dann auf. Dsï-djüan und Hsüä-yän lachten ebenfalls. Bau-yü verabschiedete sich und erreichte gerade die Tür, als Tjiu-wën erschien, gefolgt von einer jüngeren Magd, die einen kleinen Topf mit Orchideen-Pflanzen trug. „Die gnädige Herrin schickt vier Orchideentöpfe“, sagte Tjiu-wën, „und sie dachte, da sie im Palast sehr beschäftigt ist und keine Zeit hätte, sie zu pflegen, wäre es besser diese an Sie Herr Bau-yü, und Sie, Fräulein Dai-yü, weiterzugeben.“ Dai-yü betrachtete die Orchideen. Unter ihnen waren auch einige Doppelköpfige, und wie sie diese anschaute, hatte sie das merkwürdige Gefühl, es habe etwas zu bedeuten. Es war entweder Kummer oder Freude, worauf sie hindeuteten, sie konnte es nicht sagen. Doch es war etwas Wichtiges. Sie starrte sie an und war dabei in Gedanken verloren. Im Gegensatz dazu war Bau-yüs Kopf immer noch voll mit schwingend und gleitend und als er ging, sagte er erheitert: „Jetzt, da du diese Orchideen hast, Kusinchen, kannst du deinen eigenen eleganten Schreittanz, einen Pfauentanz[3] der einsamen Orchideen komponieren. Und ich bin sicher, es wird so gut wie das von Konfuzius!“ Dai-yüs Herz war zu verärgert, um dieser Abschiedsgeste zu antworten. Sie ging wieder hinein und dachte bei sich, als sie die Orchideen anblickte: ‚Blumen haben ihren Frühling, eine Zeit der frischen Blüten und jungen Blätter. Ich bin jung, doch schwach – wie die Weide, die den ersten Hauch des Herbstes scheut... Wenn alles im Guten endet, werde ich wieder zu Kräften kommen. Aber wenn nicht, wird mein Schicksal ähnlich dem der Blütenblätter sein, die am Frühlingsende fallen, getrieben vom Regen und vom Wind verwirbelt...‘ Wegen dieser düsteren Gedanken kamen ihr die Tränen. Dsï-djüan war verwirrt, sie weinen zu sehen. ‚Eben gerade‘, dachte sie bei sich selbst, ‚als Herr Bau-yü hier war, waren die beiden so beflügelt; und schau’ sie dir jetzt an! Und das, als sie die schönen Blumen anschaute!’ Sie versuchte immer noch vergeblich, sie zu trösten, bis sie sah, daß Bau-tschai einige Dienerinnen hergeschickt hatte. Doch wer den Zweck ihres Besuches erfahren möchte, muß das nächste Kapitel lesen.