Hongloumeng/de/Chapter 115

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Kapitel 115

惑偏私惜春矢素志 / 证同类宝玉失相知

Eine Besessenheit bestätigt Hsi-tschun in einem alten Schwur, den Staub der Welt hinter sich zu lassenEine physische Ähnlichkeit beraubt Bau-yü eines erdichteten Freundes

Als Bau-yü seine Worte gegenüber Bau-tschai korrigieren wollte, kam Tjiu-wën herein und sagte: „Der gnädige Herr draußen wünscht den zweiten Herr [Bau-yü] zu sehen.“ Bau-yü kam dies gerade gelegen, und er ging sofort los. „Ich will mit dir reden“, sagte Djia Dschëng, als er ankam, „was deine Studien angeht. Du bist noch in Trauer, und es wäre daher unüblich für dich, zur Schule zu gehen. Aber du kannst und mußt deine Aufsätze wiederholen. Über die nächsten paar Tage werde ich etwas Freizeit haben, und ich will, daß du mir zuhause ein paar Aufsätze schreibst. Ich werde dann fähig sein, selbst zu beurteilen, ob du in all der Zeit einen erkennbaren Fortschritt gemacht hast.“ – „Ja, Vater“, sagte Bau-yü eher erbärmlich. „Ich habe deinen Bruder Huan und deinen Neffen Lan beauftragt, dasselbe zu tun. Ich hoffe ernstlich, daß deine Arbeit besser als ihre ist.“ – „Ja, Vater.“ Bau-yü traute sich nicht mehr zu sagen, sondern stand wie angewurzelt auf der Stelle. „Nun, dann geh!“ Als er aus dem Studierzimmer ging, ging Bau-yü an Lai Da und den anderen Verwaltern vorüber, die mit ihrem Registern kamen. Bau-yü war bald wie ein Blitz zurück in seinem Raum, und erzählte das Wichtigste der Unterhaltung Bau-tschai, die eher erfreut schien, dies zu hören. Bau-yü selbst stöhnte innerlich, aber wußte, daß es nicht ratsam wäre, faul zu erscheinen, und bereitete sich vor, sich zu setzen und zu konzentrieren, als zwei Nonnen vom Kloster Di-dsang eintrafen, um die zweite Herrin Bau-tschai zu begrüßen. Bau-tschai fragte etwas reserviert: „Wie geht es Euch?“ Sie befahl ihrer Magd, ihnen Tee zu bringen, während Bau-yü, der gerne mit den Nonnen geredet hätte, wußte, daß Bau-tschai ihre Gesellschaft nicht mochte, und sich daher zurückhielt. Die Nonnen für ihren Teil wußten nur zu gut, daß Bau-tschai ihnen gegenüber keine Sympathie empfand; deshalb entschuldigten sie sich, nachdem sie eine kurze Weile dort gesessen hatten. „Wollen sie nicht etwas länger bleiben?“, fragte Bau-tschai etwas heuchlerisch. „Wir müssen noch so viele Besuche bei den Damen und den jungen Damen machen“, antwortete eine von ihnen, „mit den Feierlichkeiten, die wir im Kloster Eiserne Schwelle halten mußten, waren wir sehr beschäftigt und haben die Damen und die jungen Damen seit langem nicht mehr besucht. Außer Ihnen haben wir bereits die Damen gesehen, aber wir wollen noch zu dem vierten Fräulein [Hsi-tschun].“ Bau-tschai nickte, und die Nonnen gingen weiter zu Hsi-tschuns Gemächern. Sie fragten Tsai-ping, die sie empfing, wo ihr Fräulein zu finden sei. „Fragen Sie mich nicht, das Fräulein hat seit Tagen nichts gegessen“, rief Tsai-ping, „und nun will sie nicht einmal von ihrem Bett aufstehen.“ „Warum? Was geht hier vor?“ – „Oh, das ist eine lange Geschichte. Ich bin sicher, daß sie Euch alles erzählen wird, wenn Ihr sie seht.“ Hsi-tschun hatte sie reden hören, als sie hereinkamen, und setzte sich sofort auf. „Wie geht es Ihnen beiden?“, fragte sie. „Ich dachte, sie würden aufhören, uns zu besuchen, weil unser Haushaltsangelegenheiten sich so schlimm entwickelt haben...“ – „Amitabha!“ kam der fromme Ausruf. „Wohltäter sind Wohltäter, ob sie arm oder reich sind. Unser Kloster wurde von ihrer Familie gegründet, und wir waren immer sehr gut von der alten Dame ausgestattet worden. Wir sahen die Damen und die jungen Damen bei der Beerdigung der alten Dame, aber wir haben Sie dort nicht gesehen, Fräulein, und wir waren um Sie besorgt. Deswegen sind wir hierhergekommen, besonders um Sie heute zu besuchen.“ Hsi-tschun fragte nach den Nonnen im Wassermond-Tempel. „Seit dem Skandal“, war die Antwort, „lassen die Pförtner sie keinen Fuß mehr hinein [in das Jung-guo-Anwesen] setzen.“ „Da wir von Skandal reden“, fuhr dieselbe Nonne fort, „ist es wahr, was wir den anderen Tag hörten, daß Meisterin Miau-yü vom Kloster Gefangenes Grün mit einem Mann durchgebrannt ist?“ – „Was für ein Unsinn!“, antwortete Hsi-tschun. „Die Leute, die solche Geschichten erzählen, sollten aufpassen, daß ihre Zungen nicht in der Hölle herausgeschnitten werden! Das arme Mädchen wurde von einer Bande von Dieben entführt! Wie kann jemand das Herz haben, solche schlimmen Gerüchte in die Welt zu setzen!“ – „Meisterin Miau-yü war trotzdem eine merkwürdige Person“, sagte die Nonne. „Wir dachten immer, sie hätte es ein wenig übertrieben. Natürlich möchten wir sie nicht vor Ihnen kritisieren, Fräulein. Wer sind wir, wenn wir uns mit ihr nach allem vergleichen? Nur gewöhnliche, grobe Leute. Wir singen unsere Liturgien, sprechen unsere Gebete, machen die Fürbitten für die Sünden anderer und hoffen uns einen kleinen Verdienst für uns zu verdienen, ein kleines gutes Karma.“ – „Was bedeutet ein wirklich gutes Karma?“, fragte Hsi-tschun ernst. „Nun, Fräulein, die wirklich tugendhaften Familien wie deine ausgenommen, die nichts zu befürchten haben. Natürlich können adelige Mädchen und junge Damen niemals ganz sicher sein, wie lang ihr Wohlstand andauern wird. Wenn das Schicksal zuschlägt, kann sie nichts retten. Nichts, mit Ausnahme unsere Göttin Guan-yin: wenn unsere Göttin einen Sterblichen leiden sieht, wird ihr unsagbares Mitleid sie dazu bewegen, den Sterblichen zu retten. Deshalb beten wir alle zu ihr und sagen: ‚Geheiligt sei Guanyin, Bodhisattva des Grenzenlosen Mitgefühls und der Anmut, Befreierin, Retterin, Heilerin!‘  Eine Schwester führt ein schweres Leben, das ist wahr, härter als das einer jungen Dame aus einer reichen Familie. Doch wir sind errettet! Auch wenn wir nicht darauf hoffen können, ein Buddha oder eine Heilige zu werden, so werden wir wenigstens, wenn wir weiterhin unsere Ergebenheit zeigen, eines Tages in einem anderen Leben als Mann wiedergeboren. Allein das ist Belohnung genug. Wenigstens werden wir dann von den endlosen Versuchungen und stillen Drangsalen der Frauenwelt erlöst. Du bist noch zu jung, um das zu verstehen, Fräulein. Doch laß mich dir sagen, wenn eine junge Dame einst das Heim verläßt und heiratet, ist alles vorbei. Sie gehört für den Rest ihres Lebens ihrem Ehemann. Im wahren religiösen Leben ist es die Ergebenheit, die zählt. Die Meisterin Miau-yü hielt sich selbst immer für ausgezeichnet, einfühlsam, überlegen. Für sie waren wir nur gemeine Sterbliche. Wenigstens kann das gewöhnliche Volk wie wir einfaches Karma erwerben, und nun sieh dir die Katastrophe an, die sie ereilte!“ Was sie sagte, entsprach genau dem, was Hsi-tschun dachte. Ungehindert von der Anwesenheit der Mägde erzählte Hsi-tschun die ganze Geschichte davon, wie schlecht Frau You sie behandelt hatte und wie sie zum Bleiben gebracht wurde, um sich um das Haus zu kümmern, und mit welcher verheerenden Konsequenz. Sie zeigte ihnen, wo sie bereits ein Stück ihres Haares abgeschnitten hatte. „Ihr haltet mich nur für ein weiteres Weltkind, das einem Wahn verfallen ist! Doch das ist falsch. Schon lange Zeit wollte ich eine Nonne sein. Ich wußte nur nicht, wie ich dieses Ziel erreichen sollte.“ Die Schwestern gaben sich bewegt: „Bitte, Fräulein, sagen Sie so etwas nicht! Wenn die erste Frau Dschën das hörte, würde sie uns gewaltig schelten und uns aus dem Kloster werfen. Ein junges Fräulein mit so einem guten Herz wie du, in so eine gute Familie geboren – du wirst mit Sicherheit einen netten jungen Schwiegersohn heiraten und dein Leben in Prunk und Gelassenheit verbringen.“ Hsi-tschuns errötete und fiel ihnen ins Wort: „Was läßt euch glauben, daß meine Schwiegerschwester euch fortgeschickt hätte und ich nicht Nonne werden kann?“ Die Schwestern bemerkten, wie ernst es ihr war, und entschieden, sie noch etwas weiter anzutreiben: „Fühlen Sie sich nicht angegriffen, Fräulein. Doch glauben Sie wirklich, daß die Damen und die jungen Damen das Fräulein gehen lassen würden? Sie werden sich selbst damit nur unnötigen Ärger bereiten. Das Fräulein sollte sollten an sich denken.“ – „Wir werden sehen“, war Hsi-tschuns knapper Kommentar. Tsai-ping glaubte, das würde zu nichts führen, und warf den Nonnen einen bedeutungsvollen Blick zu. Sie bemerkten den Hinweis und waren zu ängstlich, um Hsi-tschun weiter anzutreiben. Sie verabschiedeten sich. Hsi-tschun hielt sie nicht zurück, blickte ihnen verächtlich nach und sagte: „Glaubt nicht, Euer Kloster sei das einzige auf dieser Welt!“ Die Nonnen hielten es für klüger, nicht zu antworten. Tsai-ping war über den Lauf der letzten Ereignisse betrübt und fürchtete, daß sie dafür beschuldigt werden könnte, wenn sie Frau You irgendeine bedauerliche Mitteilung vorenthielt: „das vierte Fräulein [Hsi-tschun] möchte sich immer noch den Kopf rasieren und eine Nonne werden. Sie war in den letzten Tagen nicht krank, sie lag zu Hause und haderte mit dem Schicksal. Vielleicht wäre es sicherer, ein bißchen aufzupassen. Wenn irgendwas passiert, werden wir später beschuldigt.“ – „Sie will nicht wirklich von zuhause fort und einen heiligen Schwur ablegen“, sagte Frau You. „Sie glaubt nur, sie kann den ersten gnädigen Herr [Dschën] dazu benutzen, meine Autorität in Frage zu stellen. Nun, soweit ich betroffen bin, kann sie ruhig gehen und soll ihr Glück versuchen!“ Tsai-ping versuchte dennoch, Hsi-tschun von ihrem drastischen Vorhaben abzubringen. Doch Hsi-tschun blieb bei ihrem Entschluß, sie aß nichts mehr und ihr einziger Gedanke war nun, den letzten Schritt zu wagen und ihr letztes Haar abzuschneiden. Tsai-ping und die anderen konnten das nicht länger ertragen und erzählte es allen Damen. Die Damen Wang und Hsing versuchten mehrere Male, es Hsi-tschun auszureden, doch ihre Mühen waren umsonst. Sie schien wie besessen. Die zwei Damen Wang und Hsing wollten gerade gehen, um es Djia Dschëng zu berichten, als sie von draußen hörten: „Frau Dschën ist mit ihrem jungen Herr Bau-yü da.“ Sie eilten hinaus, um ihre Gäste zu empfangen, und führten sie [Frau Dschën] in die Gemächer der Dame Wang, wo sie sich alle setzten, förmliche Grüße austauschten und sich freundlich miteinander unterhielten. Näheres wird darüber nun nicht berichtet. Dame Wang machte eine Anspielung, dass Dschën Bau-yü und ihr eigener Bau-yü gleich aussähen. Sie wollte Dschën Bau-yü selbst sehen. Es wurde sofort nach ihm geschickt, doch als Antwort wurde überbracht, daß der junge Herr Dschën sich mit dem gnädigen Herrn [Dschëng] im äußeren Studierzimmer unterhielt und daß sie eine wichtige Angelegenheit klären müßten. Unser zweiter Herr [Bau-yü], der dritte Herr [Huan] und der ältere Bruder Lan wurden auch versammelt, um im Studierzimmer ihr Mittagessen einzunehmen. Nach dem Essen kämen sie her. Nun wurde den Damen das Mittagessen serviert. Djia Dschëng, der selbst die anatomische Ähnlichkeit zwischen Dschën Bau-yü und [seinem eigenen Sohn] Bau-yü bemerkt hatte, fuhr fort, die literarischen und scholastischen Fertigkeiten des jungen Mannes zu testen und war zutiefst beeindruckt von den flüssigen Antworten, die er gab. Er schickte nach [seinem eigenen Sohn] Bau-yü und anderen zwei Jungen, um ihnen diese Vorbilder an Tugendhaftigkeit vorzuführen, als Anreiz und Ermahnung und insbesondere, um Bau-yü eine günstige Gelegenheit des Selbstvergleichs zu bieten. Bau-yü kam der Bitte sofort nach und erschien in farbloser Kleidung in Begleitung seines Bruders [Huan] und seines Neffen [Lan]. Als er Dschën Bau-yü zum ersten Mal sah, schien es ihm fast, als wäre er mit einem alten Freund wieder vereint, und die Freude beruhte auf Gegenseitigkeit. Sie verbeugten sich voreinander, und Djia Huan und Djia Lan taten es ihnen gleich. Djia Dschëng saß auf einer Matte am Boden und hatte Dschën Bau-yü bei seiner Ankunft, einen Stuhl zum Sitzen angeboten, eine Einladung, die Dschën Bau-yü deutlich zurückwies, da der Ältere sich auf einer niederen Ebene befand. Stattdessen setzte er sich auf ein Kissen am Boden. Nun, da Bau-yü und die anderen beiden die Gesellschaft begleitet hatten, wäre es für sie kaum angemessen, mit Djia Dschëng auf dem Boden zu sitzen. Andererseits konnten sie auch nicht stehen bleiben, während Dschën Bau-yü, ihr Altersgenosse, unter ihnen saß. Djia Dschëng löste das Dilemma, indem er selbst aufstand, sich eine Weile mit ihnen unterhielt und dann die Diener anwies, das Mittagessen aufzutragen. „Ich werde euch nun verlassen müssen“, sagte er zu Herrn Dschën, „bitte entschuldigt mich. Ich werde euch an die jüngere Generation weiterreichen, die noch viel von euch lernen wird.“ – „Wenn Ihr euch empfehlt, so bin ich es, Herr“, antwortete Dschën Bau-yü mit freundlicher Bescheidenheit, „der erfürchtig erwartet, viel von diesen Ehrenmännern zu lernen.“ Djia Dschëng antwortete noch etwas und brach auf. Dabei hielt er freundlich Dschën Bau-yü davon ab, ihn zu begleiten, doch gestattete es Bau-yü und die anderen, die voranschritten und hinter der Schwelle auf Djia Dschëng warteten, um Djia Dschëng in das innere Studierzimmer zu geleiten. Sie kehrten zurück, baten Herr Dschën Bau-yü, sich wieder zu setzen und man unterhielt sich ganz gewöhnlich gemäß diesem langerwarteten und ersehnten Treffen; davon sollen nun keine Details berichtet werden. Wie Djia Bau-yü Dschën Bau-yü sah, wurde er sofort an ihre frühere Traumbegegnung erinnert. Er wußte aus Berichten über Dschën Bau-yü, daß sein Jade-Gegenstück eine Person seines Herzens wäre und er bestimmt war, in ihm einen wahren Freund zu finden. Da dies nun ihre erste wirkliche Begegnung war und weil Djia Huan und Djia Lan anwesend waren, spürte er das Bedürfnis, etwas diskreter zu sein und behalf sich mit freundlichen Übertreibungen, die zu solchen Gelegenheiten üblich sind: „Lang habe ich Sie aus der Ferne bewundert, doch bis heute ist mir die Ehre verwehrt geblieben, Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen. Der heutige Tag ist ein Segen für mich. Vor mir sehe ich nun die Wiedergeburt eines perfekten Unsterblichen.“ Dschën Bau-yü hatte auch bereits viel von Djia Bau-yü gehört und fand, daß die Realität seine Erwartungen noch übertraf. ‚Er scheint eine angemessene Begleitung für meine Studien‘, dachte er bei sich, ‚doch kaum jemand teilt mein Streben. Doch er hat meinen Namen und sieht aus wie ich. Wir müssen irgendwie über den Fels der Wiedergeburt seelenverwandt sein. Ich habe erst sehr spät Fortschritte im Verstehen der höheren Prinzipien gemacht und sollte deshalb versuchen, an ihn weiterzugeben, was ich gelernt habe. Doch da dies unser erstes Treffen ist und da ich nicht sicher bin, wo unsere Sympathien liegen, sollte ich behutsam vorgehen.’ Er antwortete auf Djia Bau-yüs Bemerkungen auf eine Art, die ihm angemessen erschien: „Schon lange weiß ich um eure großen Begabungen. Ich fürchte, daß vor einer Person von solch hervorragender Reinheit, Feinheit und Anmut nur ein gewöhnlicher, dummer Sterblicher steht und durch unsere Namensgleichheit nur ihren Glanz beflecke.“ ‚Sein Charakter scheint sympathisch‘, überlegte Djia Bau-yü, wie er dies hörte. ‚Doch warum schmeichelt er mir, als sei ich ein Mädchen? Wir sind doch Männer und daher Geschöpfe der Unreinheit.‘ „Ihr lobt mich unverdienterweise“, sagte er, „meine Wenigkeit ist nichts als eine närrische Kreatur, eher ein Lump oder harter Stein. Wie kann ich mit einer Person von solcher Vorzüglichkeit und Erhabenheit wie euch verglichen werden? Ich bin es, der unwert ist, diesen Namen zu tragen.“ „Als meine Wenigkeit jung war“, dachte Dschën Bau-yü laut zu Gunsten seines neuen Freundes, „war ich blind für meine eigene Beschränkung und folgte Ideen weit über meinem Rang. Doch dann geriet meine Familie in Bedrängnis und wir mußten die letzten Jahre in sehr bescheidenen Verhältnissen verbringen. Obwohl ich sonst kaum Erfahrungen mit der Wechselhaftigkeit des Lebens gemacht habe, fühle ich als Folge davon, daß ich ein höheres Wissen über die Wege der Welt und ein besseres Verständis von der ärmlichen Natur des Menschen erlangt habe. Andererseits haben Sie Ihr ganzes Leben überwiegend in Prunk verbracht, es hat Ihnen an nichts gemangelt, und ich bin sicher, Sie konnten Auszeichnung in literarischen Aufsätzen und in öffentlichen Angelegenheiten erwerben, Auszeichnungen, die Ihrem ehrwürdigen Vater gewiß großen Ruhm bereitet haben, so daß er Sie mit großem Stolz und Zuneigung sieht. Meine Wenigkeit wiederhole, Sie sind des Namens wert, den wir beide tragen.“ Djia Bau-yü erkannte nun die verräterische Rhetorik und blieb still, überlegte eine passende Antwort, während Djia Huan sich für seinen Teil unwohl fühlte, so von der Unterhaltung ausgeschlossen zu sein. Djia Lan fand Dschën Bau-yüs kleine Predigt trotzdem höchst geistreich: „Ihr seid einfach zu bescheiden, Herr. Sicher, im Bereich der literarischen Aufsätze und der öffentlichen Angelegenheiten, von denen ihr sprecht, rührt es gewiß von langer Erfahrung her, wahre Fertigkeit und Wissen zu erlangen. Meine Wenigkeit ist natürlich zu jung, um ein solches literarisches Wissen für mich zu beanspruchen, doch eine sorgfältige Prüfung von dem bißchen, was ich gelesen habe, hat mich zu dem Entschluß geführt, daß äußere Anmut und aufgesetzte Feinheit von geringem Wert sind, im Gegensatz zur Bildung eines guten Charakters.“ Djia Bau-yü fand die Bemerkungen seines Neffen äußerst selbstgefällig und überlegte, wo der kleine Neffe nur so zu sprechen gelernt haben könnte. Er versuchte, Dschën Bau-yü eine Antwort vorwegzunehmen: „Meine Wenigkeit hat Sie so verstanden, daß Sie gewöhnliche und umgangssprachliche Äußerungen verurteilen und Ihre eigene Sicht der Welt gebildet haben. Meine Wenigkeit war so glücklich über die Gelegenheit, Sie heute zu treffen und von Ihnen etwas zu lernen, das mir hilft, aus der sterblichen Sphäre, in der wir leben, aufzusteigen und einen geistigeren Bereich zu betreten. Meine Wenigkeit ist sicher, daß eine solche Begegnung helfen würde, mein Herz von weltlichen Gelüsten zu befreien und meine Augen für eine tiefere Sicht der Dinge zu öffnen. Aber ach, meine Wenigkeit entnehme Ihren Worten, daß Sie mich für einen einfachen Menschen halten und mich nur aus Freundlichkeit zu diesem Geschwätz über weltliche Weisheit eingeladen haben.“ Dschën Bau-yü überlegte: ‚Mit Sicherheit hat er Geschichten von mir als kleines Kind gehört und denkt deshalb, daß ich aus Höflichkeit so spreche und dabei meine wahre Natur verdecke. Ich muß offen mit ihm sein. Wer weiß, vielleicht offenbart er sich doch als wahrer Freund.‘ - „Ich verstehe absolut den Ernst Eurer Bemerkungen“, begann er, „als meine Wenigkeit noch jung war, habe ich auch alles abgelehnt, das inhaltlich flach oder klischeebelastet war. Doch ich wurde älter, und als mein Vater degradiert wurde und keine Neigung mehr zu gesellschaftlicher Unterhaltung hatte, fiel die Führungsrolle auf meine Wenigkeit zurück. Im Zuge meiner Verpflichtungen bemerkte ich, daß jeder der erhabenen Edelleute, denen ich begegnete, unserem Familiennnamen auf die eine oder andere Art Ruhm und Ehre gebracht hatte. All ihre geschriebenen oder gesprochenen Worte waren voll Loyalität und brüderlicher Frömmigkeit, ihr ganzes Leben war der Tugend und der Wahrheit gewidmet und sie waren in der Tat ein passender Beitrag zu der erleuchteten Rolle, in welcher ich lebe. Für die freundlichen und erleuchtenden Anweisungen ihrer Väter und Lehrer gebührt ihnen jede Menge Dankbarkeit. Also verwarf ich allmählich die wirren Theorien und närrischen Gelüste meiner Jugend. Gegenwärtig suche ich immer noch nach Lehrern und Freunden, die mich anleiten können und mich aus meiner benebelten Unwissenheit führen, und ich halte es für einen großen Segen, Sie getroffen zu haben. Ich bin sicher, daß ich von Ihnen viel zu lernen habe. Glauben Sie mir, was ich zuvor sagte, war ernst gemeint!“ Je mehr Djia Bau-yü hörte, desto verärgerter wurde er. Um der Höflichkeit willen murmelte er etwas Ähnliches als Antwort und wurde vor weiteren Verlegenheiten durch einen Ruf in die inneren Gemächer bewahrt: „Wenn die Herren aufgegessen haben, würde Herr Dschën dann bitte den Damen Gesellschaft leisten?“ Bau-yü nutzte diese Gelegenheit, um Dschën Bau-yü den Weg zu zeigen, und sie begaben sich begleitet von Djia Bau-yü und den anderen Jungen zu den Gemächern der Dame Wang. Wie er die Frau Dschën am Ehrenplatz sitzen sah, begrüßte er sie, Djia Huan und Djia Lan taten es ihm gleich, und Dschën Bau-yü begrüßte die Dame Wang auf die gleiche Weise. Dann saßen sich die beiden Damen und ihre zwei „Jaden“ genau gegenüber. Obwohl Djia Bau-yü nun verheiratet war, war Frau Dschën alt genug, sich aus diesem Anlaß nicht zurückhalten zu müssen, besonders durch die langjährige Verbindung ihrer beiden Familien. Sie sah, wie ähnlich sich die beiden waren und erwärmte sich sofort für Djia Bau-yü. Mit der Dame Wang war es das Gleiche, sie nahm Dschën Bau-yü an die Hand und überhäufte ihn mit Fragen, fand ihn sogar noch reifer als ihren eigenen Bau-yü. Sie blickte Djia Lan an und dachte bei sich, daß er eine feine Figur besitze, doch nicht annähernd auf einer Ebene mit den zwei Bau-yüs war. Djia Huans grobe Erscheinung auf der anderen Seite erweckte keine Sympathie in ihr. Als bekannt wurde, daß beide Bau-yüs zusammen waren, kamen alle Mägde vorbei, um nachzusehen. „Unglaublich!“ murmelten sie zueinander. „Daß sie denselben Namen haben ist das eine; aber sie sehen ja noch gleich aus – Gesicht, Figur, alles! Glücklicherweise ist unser Bau-yü in Trauerweiß gekleidet, sonst könnte man sie nicht auseinanderhalten!“ Dsï-djüan war besonders verblüfft. Sie dachte an Dai-yü: ‚Wenn Fräulein Lin nur noch leben würde! Sie hätten sie mit Dschën Bau-yü verheiraten können. Das hätte sie bestimmt gern getan.’ Als sie eben diesen Gedanken faßte, hörte sie Frau Dschën sagen: „Vor einigen Tagen hat unser gnädiger Herr, der nun meint, unser Bau-yü sei in einem heiratsfähigen Alter, glaube ich, den gnädigen Herrn [Dschëng] gebeten, sich nach einer passenden Braut für ihn umzuschauen.“ Die Dame Wang war bereits sehr von Dschën Bau-yü angetan und antwortete, ohne zu zögern: „Ich wäre froh, als Ehestifterin für Ihren Sohn dienen zu können. Von unseren vier Mädchen sind leider zwei gestorben und eine ist bereits verheiratet. Unser erster Neffe Dschën hat eine unverheiratete jüngere Schwester, doch sie ist noch ein wenig zu jung. Ich habe aber eine andere Idee. Meine ältere Schwiegertochter, hat zwei Kusinen, zwei gut aussehende Mädchen. Das zweite Fräulein ist bereits verlobt, doch das dritte Fräulein nicht und würde eine ausgezeichnete Braut für ihren Sohn abgeben. Ich könnte morgen für ihren Sohn einen Vorschlag einreichen. Ich sollte vielleicht erwähnen, daß sich Ihre Familie in etwas bescheidenen Umständen befindet.“ – „Gnädige Herrin ist unnötig freundlich“, sagte Frau Dschën. „Heutzutage möchte jeder nur von sich herumprahlen. Tatsächlich könnten Sie uns unter Ihnen stehen sehen.“ – „Ihr Mann ist doch vor kurzem rehabilitiert worden“, sagte die Dame Wang, „und ich bin sicher, daß er in Zukunft nicht nur zu seinem alten Erfolg zurückkehren, sondern seinen Ruhm noch vermehren wird.“ Frau Dschën lächelte: „Wenn Ihre Prophezeiungen nur wahr würden. Nun, in diesem Fall sollte ich dankbar sein, wenn die gnädige Herrin diesen Ehevorschlag für uns einreichen würdet.“ Wie Dschën Bau-yü die Unterhaltung über seine Verlobung vernahm, entschuldigte er sich und wurde von Djia Bau-yü und den anderen Jungen zurück ins Studierzimmer begleitet, wo sie Djia Dschëng wiedertrafen und sich eine Weile unterhielten. Dann erschien einer der Dschën-Diener, um nach Dschën Bau-yü zu rufen: „Gnädige Herrin [Dschën] bricht nun auf, Herr und möchte, daß ihr mitkommt.“ Dschën Bau-yü verabschiedete sich und Djia Dschëng wies Bau-yü, [Djia] Huan und [Djia] Lan an, ihn hinaus zu begleiten. Und hier müssen wir ihn verlassen. Seit seiner früheren Begegnung mit Dschën Bau-yüs Vater hatte Djia Bau-yü voller Vorfreude und Ungeduld auf die Ankunft Dschën Bau-yü gewartet und gehofft, in ihm einen guten Freund zu finden. Da sie sich nun begegnet waren, war er völlig desillusioniert, hatte ihrer Unterhaltung entnommen, daß sie wie gegensätzliche Pole waren, weit voneinander entfernt wie sprichwörtlich Eis und Kohle. Er begab sich zurück in seine Gemächer in einer Stimmung absoluter Niedergeschlagenheit, sagte nicht ein Wort, gab nicht ein Lächeln von sich, sondern starrte leer in den Raum. „Nun?“, fragte Bau-tschai, „ist Dschën Bau-yü denn dein ‚lebendes Ebenbild‘?“ „Er sieht auf jeden Fall aus wie ich“, antwortete Bau-yü, „doch daran, wie er sprach, konnte ich erkennen, daß er nur ein Narr ist, nur ein weiterer Karrierewurm.“ – „Da haben wir es, wieder suchst du nur nach den Fehlern!“, protestierte Bau-tschai, „wie kannst du so schnell wissen, daß er ein Karrierewurm ist?“ – „Er hat viel geredet“, antwortete Bau-yü, „und in dem, was er sagte, war nichts Tiefgründiges oder Erleuchtendes. Er sprudelte nur von ‚literarischen Aufsätzen und öffentlichen Angelegenheiten‘, und ‚Loyalität und brüderlicher Frömmigkeit‘. Spricht so nicht ein Wurm? Es ist eine Schande, daß er aussieht wie ich. Da ich nun weiß, wie er ist, wünschte ich, er sähe anders aus.“ Bau-tschai wußte, daß er wieder eine seiner Marotten hatte: „Was du sagst, ist doch lächerlich! Wie kannst du denn anders aussehen? Seine Gedanken erscheinen mir soweit vernünftig. Ein Mann sollte im Leben vorankommen wollen und etwas erreichen. Nur weil du so überempfindlich und von deinen Gefühlen so eingenommen bist, heißt das etwa, daß jeder andere auch so sein muß? Du bezeichnest ihn schimpflicherweise als einen Wurm, obwohl du es bist, der keine Charakterstärke hat!“ Bau-yü fand Dschën Bau-yüs Predigt bereits ärgerlich genug. Mit Bau-tschais Hetzrede obendrauf fühlte er sich, als würde er in einem Sumpf der Verzweiflung versinken. Ein vertrautes Gefühl überwältigender Verschwommenheit schien ihn zu überkommen, und er konnte den nahenden Zusammenbruch spüren. Er sagte nichts, doch lächelte er leer, zur Verwirrung von Bau-tschai. Sie vermutete, daß er lächelte, um seine Empörung über ihre harten Worte zu verdecken, und entschied deshalb, ihn zu ignorieren. Doch für den Rest des Tages blieb er weiterhin so benebelt, weigerte sich sogar, mit Hsi-jën oder den anderen zu sprechen, als sie ihn reizten und als er am nächsten Morgen aufstand, sah er genauso aus wie vor seiner Genesung. Die Dame Wang hatte währenddessen beschlossen, Djia Dschëng über Hsi-tschuns Entschluß, sich den Kopf zu rasieren und das Gelübde abzulegen, informieren zu müssen. Frau You hatte sich als unfähig erwiesen, sie davon abzubringen, und es sah danach aus, daß es sie nur in den Selbstmord treiben würde, widersetzte man sich ihrem Willen weiter. Sie bewachten sie Tag und Nacht, doch das war nur eine vorübergehende Maßnahme. Ihr Vorhaben konnten so nicht für immer verhindert werden. Djia Dschëng seufzte und stampfte mit dem Fuß: „Womit hat das Östliche [Ning-guo-]Anwesen nur so ein Ende verdient.“ Er schickte nach Djia Jung: „Geh und sag’ deiner Mutter, daß sie sich ein letztes Mal bemühen soll, Hsi-tschun davon abzubringen. Wenn das Mädchen dann weiterhin auf seiner Narrheit besteht, werden wir es einfach so behandeln, als sei es kein Mitglied unserer Familie mehr.“ Frau You tat, wie es ihr aufgetragen war, doch ihre Mühe bewirkte nur das Gegenteil und rief noch mehr Selbstmorddrohungen von Hsi-tschun hervor. „Ich bin ein Mädchen, und du weißt, ich kann nicht für den Rest meines Lebens zu Hause bleiben. Was ist, wenn ich in einer miserablen Ehe wie die zweite Schwester [Ying-tschun] ende? Was hat sie der gnädige Herr [Dschëng] und die gnädige Herrin [Wang] nur für einen Kummer bereitet und dann ist sie gestorben... Wenn du mich liebst, denke von mir, ich sei tot, laß mich gehen, laß mich zumindest versuchen, ein reines Leben zu führen. Ich werde nicht weit weg von zuhause wohnen, nur im Kloster Gefangenes Grün, die ja ein Teil des Gartens und eine alte Familienadresse ist. Miau-yüs Nonnen leben immer noch dort. Das könnte mein Frauenkloster sein. Ihr könnt euch hier um meinen Bedarf kümmern. Bitte laßt mich das tun, das wäre ein Segen für mich. Wenn Sie sich weiterhin gegen mich wenden, zwingen Sie mich, meinem Leben ein Ende zu setzen. Wenn es mir erlaubt ist, meinem gewählten Weg zu folgen und wenn dann mein Bruder zurückkehrt, so werde ich ihm sagen, daß es aus freiem Willen geschehen ist. Doch wenn ich sterbe, wird mein Bruder sicher behaupten, Sie hätten mich in den Tod getrieben.“ Frau You und Hsi-tschun waren nie miteinander im Einklang gewesen und außerdem konnte Frau You ihre Einwände verstehen. Sie erzählte dies der Dame Wang. Doch die Dame Wang war in Bau-tschais Gemächern, wo sie eben selbst entdeckt hatte, wie sehr sich Bau-yüs Zustand verschlechtert hatte und warf Hsi-jën vor: „Ihr seid alle zu nachlässig! Ihr hättet mir sofort sagen sollen, daß der zweite Herr [Bau-yü] krank geworden ist!“ – „Doch Herrin“, flehte Hsi-jën, „Der zweite Herr [Bau-yü] ist oft krank, – an manchen Tagen geht es ihm besser und dann wieder schlechter. Er hat Euch besucht und jeden Morgen seine Pflichten erfüllt und bis jetzt ging es ihm wirklich gut. Nun scheint es eine verrückte Wendung gegeben zu haben. Die zweite Herrin [Bau-tschai] wollte gerade hinüber gehen und es euch mitteilen, sie wollte nur nicht, daß ihr uns scheltet, daß wir so einen Trubel darum machen.“ Das Ausschelten Hsi-jëns und die Angst, daß sie und Bau-tschai seinetwegen leiden müßten, schien Bau-yüs Sinne wieder kurzzeitig zu beleben: „Mach’ Euch keine Sorgen, gnädige Frau [Mutter]keine Sorgen, Mutter. Mit mir ist alles in Ordnung. Ich fühle mich nur ein wenig traurig.“ – Frau Wang sagte: „Vergiß nicht, daß du die Neigung hast, krank zu werden. Wenn ich es nur früher gewußt hätte, hätte ich einen Arzt rufen und etwas Medizin besorgen lassen können. Wenn du es selbst soweit kommen läßt, in so einen Zustand zu verfallen wie damals, als du deine Jade verloren hattest, wirst du uns wieder endlosen Ärger bereiten!“ – „Wenn gnädige Frau sich immer noch sorgt, Mutter“, sagte Bau-yü, „dann ruft meinetwegen einen Arzt und besorgt Medizin.“ Die Dame Wang beauftragte sofort eine Magd, einen Arzt zu rufen und war viel zu sehr mit Bau-yü beschäftigt, um an Hsi-tschuns missliche Lage zu denken. Später kam der Arzt an, untersuchte Bau-yü und schrieb ein Rezept, anschließend kehrte die Dame Wang wieder in ihre eigenen Gemächer zurück. Über die nächsten Tage schien Bau-yü aber trotzdem noch geistesschwächer zu werden als jemals zuvor. Er hörte völlig auf zu essen und sein Zustand verursachte allgemeine Betroffenheit. Als die Zeit für die Zeremonie kam, die das Ende der Trauerperiode um die Herzoginmutter markierte, und da die Familie im Tempel besonders beschäftig war, wurde Djia Yün gerufen, um Bau-yüs Arzt zu befragen. Wegen des Mangels an Männern in Djia Liäns Umgebung, mußte Wang Jën auch hergebeten werden, um bei der Bewachung zu helfen. Tjiau-djiä-örl hatte ihre Mutter Tag und Nacht beweint und war auch krank geworden. In jeder Hinsicht bot das Jung-guo-Anwesen ein Bild des Chaos und des Elends. Als die Familie von ihrem Dienst im Tempel zurückkehrte, ging die Dame Wang sofort Bau-yü besuchen. Sie sah, daß Bau-yüs Zustand sich noch verschlechtert hatte. Bau-yü war bewußtlos und die Diener waren in hilfloser Panik. Die Dame Wang weinte bitterlich, ging zu Djia Dschëng und sagte: „Der Arzt sagt, es sei Zeitverschwendung, ihm weitere Medizin zu verschreiben und wir müssen auf das Schlimmste gefaßt sein.“ Djia Dschëng seufzte bitter und sah selbst nach. Bau-yü erweckte wirklich den Eindruck, daß er dem Tode nahe sei, und Djia Dschëng trug Djia Liän auf, die nötigen Vorbereitungen zu treffen. Djia Liän wagte nicht, ihm zu widersprechen und gab umgehend Anweisungen, Bau-yüs letzte Sachen vorbereiten zu lassen. Er fragte sich nur, woher sie das Geld für ein weiteres Begräbnis nehmen sollten, bis einer der Diener aufgeregt in den Raum eilte und schrie: „Der zweite Herr [Liän]! Etwas Schreckliches! Noch eine Katastrophe!“ Djia Liän hatte keine Ahnung, was er meinen könnte, und blickte ihn erstarrt vor Angst an: „Was ist es?“ „Da ist ein Mönch am Tor und sagt, er habe Bau-yüs verlorene Jade wiedergebracht. Er verlangt zehntausend Tael dafür.“ Djia Liän spuckte dem Diener ins Gesicht: „Verdammt! Ich dachte von deiner Aufregung her, daß es etwas Ernstes sei. Hast du nichts von dem letzten Scherz gehört? Selbst wenn es die richtige Jade wäre, was würde sie dem Jungen denn noch bringen, wenn es bereits keine Hoffnung mehr für den ihn gibt?“ – „Das habe ich selbst gesagt, Herr. Doch der Mönch schwört, daß Bau-yü geheilt würde, sobald wir ihm das Geld gezahlt hätten.“ Während er sprach, kam ein weiterer Diener schreiend herbeigerannt: „Der Mönch ist verrückt geworden! Er ist ohne zu fragen hereingekommen und niemand kann ihn aufhalten!“ „Das ist unglaublich!“, rief Djia Liän, „das kann doch nicht wahr sein!“ Als er erfuhr, was passiert war, verlor Djia Dschëng beinahe genauso seinen Verstand wie Djia Liän. Währenddessen kamen weitere Schreie von innen: „Der zweite Herr Bau[-yü] stirbt!“ Djia Dschëng war völlig verzweifelt, als er den Mönch rufen hörte: „Wenn ihr wollt, daß der Junge lebt, dann gebt mir das Geld!“ Djia Dschëng dachte plötzlich: „Es war ein Mönch, der Bau-yüs damalige Krankheit geheilt hat; vielleicht kann ihm dieser Mönch auch helfen. Doch wenn es die richtige Jade ist, woher nehmen wir das Geld dafür?“ Nach einiger Überlegung beschloß er: „Nun gut, darüber denken wir später nach. Laßt uns ihm erst helfen, verhandeln werden wir später.“ Während Djia Dschëng seine Entscheidung getroffen und einen Diener mit der Einladung abgefertigt hatte, war der Mönch bereits auf seinem Weg und ging, ohne sich rückzuversichern, direkt in Bau-yüs Gemächer. Djia Liän versuchte ihn zurückzuhalten, indem er sagte: „Es sind Damen darin! Ein Landstreicher wie ihr kann da nicht einfach hineinplatzen!“ – „Nur eine Verzögerung“, rief der Mönch, „und es kann zu spät für ihn sein!“ Djia Liän war zu aufgeregt, um ihm zu folgen, und rief verwirrt: „Ruhe! Hört auf zu weinen! Der Mönch ist da!“ Er rief so weiter, doch die Dame Wang und die anderen waren von Bau-yüs Zustand zu eingenommen, um ihm zuzuhören. Als die Dame Wang und die anderen sich umblickten, waren sie erstaunt, die große, schlacksige Figur des Mönchs auf sie zukommen zu sehen und versuchten im letzten Moment erfolglos, sich zu verstecken, während der Mönch sich direkt zum Ofenbett begab, auf welchem Bau-yü lag. Bau-tschai zog sich etwas zurück, doch Hsi-jën meinte, sie müsse bei der Dame Wang bleiben, die dort stehen blieb, wo sie war. „Meine Damen, ich habe den Jadestein mitgebracht“, verkündete der Mönch. Er hielt ihn hoch, als er fortfuhr: „Gebt mir das Geld, und ich kann ihm helfen.“ Der Schock setzte die Dame Wang und die anderen völlig außer Gefecht und sie und die anderen Damen waren gewiß nicht in dem Zustand, die Echtheit des ihnen gezeigten Steins zu beurteilen. „Rettet ihn einfach“, riefen sie, „und das Geld gehört Ihnen!“ Der Mönch lachte. „Ich will es jetzt!“ – „Macht euch keine Sorgen“, sagte die Dame Wang. „Ihr werdet das Geld auf jeden Fall bekommen, auch wenn es das letzte ist, was wir haben.“ Der Mönch schien seine Forderung äußerst lustig zu finden und nach einigem Gelächter hielt er den Jade in der ausgestreckten Hand, bückte sich und flüsterte in Bau-yüs Ohr: „Bau-yü! Bau-yü! Dein Jadestein kommt wieder zurück!“ Kaum hatte er das gesagt, öffnete Bau-yü die Augen ein wenig. „Er lebt!“, rief Hsi-jën euphorisch. „Wo ist er?“, fragte Bau-yü. Der Mönch legte den Jadestein in Bau-yüs Hand. Zuerst umklammerte Bau-yü ihn sanft, dann hob er ihn leicht nach oben und brachte ihn auf Augenhöhe. Er sah ihn genau an und sagte: „Ah! Zuletzt sind wir doch vereint!“ Jeder begann, inbrünstige Gebete an Buddha zu schicken, und sogar Bau-tschai schien nun über die männliche Gegenwart des Mönches hinwegzusehen. Djia Liän kam vorbei, um zu sehen, was geschehen war, und das Erblicken des lebendigen Bau-yü erwärmte sein Herz für einen Moment. Plötzlich ging er weg und ohne ein Wort eilte der Mönch ihm nach und holte ihn ein. Djia Liän hatte keine Wahl, als den Mönch in die Empfangshalle zu begleiten und dann hinüber zu Djia Dschëng zu eilen, um ihm davon zu berichten, der sehr erleichtert über diese Neuigkeiten war und umgehend nach dem Mönch schickte, um ihm seinen tiefen Dank auszusprechen. Der Mönch grüßte und setzte sich. Djia Liän dachte besorgt bei sich: „Jetzt wird er nicht mehr gehen, bis man ihn bezahlt hat.“ Djia Dschëng befragte den Mönch. Er fand heraus, daß er keiner von denen war, die er bei einer anderen Angelegenheit schon gesehen haben könnte. „Von welcher heiligen Unterkunft stammen Sie?“, wollte er wissen. „Und wie lautet Ihr Name in Ihrer Religion? Wo haben Sie den Stein meines Sohnes gefunden? Wie kommt es, daß es meinem Sohn durch ihn so schnell besser ging?“ Der Mönch begegnete diesem Strom an Fragen mit einem rätselhaften Lächeln: „Fragt mich nicht. Ich habe nicht die geringste Ahnung. Gebt mir nur die Zehntausend Tael, und wir sind fertig.“ Djia Dschëng konnte sehen, daß er es mit einem sehr groben Typen zu tun hatte und fürchtete eine Konfrontation: „Das Geld? Aber natürlich, Sie sollen es bekommen.“ – „Ich will es jetzt, ich habe es eilig.“ – „Bitte setzen Sie sich einen Moment, während ich sehe, ob es bereit liegt.“ – „Sie beeilen sich besser.“ Djia Dschëng ging zu den anderen. Er sagte nichts von seinem Gespräch mit dem Mönch, sondern ging direkt zum Ofenbett, in dem Bau-yü lag. Als Bau-yü seinen Vater kommen sah, versuchte er aufzustehen, doch war er noch zu schwach dafür. Die Dame Wang hielt ihn zurück und verlangte, er solle sich auf keinen Fall bewegen, während Bau-yü lächelte und Djia Dschëng den Jadestein mit den Worten überreichte: „Du siehst, die kostbare Jade ist zurückgekehrt!“ Djia Dschëng wußte um die übernatürlichen Eigenschaften des Steines. Er blickte ihn an und sagte zu der Dame Wang: „Da Bau-yü nun sein Bewußtsein wiedererlangt hat, wie können wir nun den Mönch bezahlen?“ – „Verkauf alles, was ich besitze!“, antwortete die Dame Wang sofort. „Das sollte reichen.“ – „Ich glaube kaum, daß er nach Geld verlangt,“ warf Bau-yü ein. „Oder?“ Djia Dschëng nickte nachdenklich: „Ich finde es selbst merkwürdig, muß ich sagen. Doch er besteht darauf.“ – „Der gnädige Herr muß gehen und ihn unterhalten“, sagte die Dame Wang, „wir werden sehen, was wir tun können.“ Als Djia Dschëng fort war, begann Bau-yü, nach Essen zu verlangen. Zunächst aß er eine Schüssel Reisbrei, und dann wollte er etwas Reis, welchen ihm die Ammen brachten. Doch die Dame Wang verbot ihm zu essen. „Es ist alles in Ordnung“, protestierte Bau-yü, „es geht mir besser.“ Er lehnte sich vor und bediente sich an der Schale Reis. Seine Lebensgeister schienen sichtlich wiederbelebt. Er wollte richtig aufrecht sitzen und Schë-yüä half ihm vorsichtig dabei. Von ihrer Begeisterung über seine Genesung überwältigt rief sie: „Was für ein Schatz dieser Stein sein muß! Man konnte förmlich sehen, wie er Euch half! Ein Glück, daß Ihr ihn nicht in Stücke zerbrochen habt!“ Ihre Worte verursachten einen plötzlichen Wechsel in Bau-yüs Gesicht. Er warf den Stein zur Seite und fiel nach hinten. Doch um zu wissen, ob er überlebte, muß man zum nächsten Kapitel gehen.