Hongloumeng/Chapter 12

From China Studies Wiki
< Hongloumeng
Revision as of 02:30, 10 April 2026 by Admin (talk | contribs) (Fix chapter titles)
(diff) ← Older revision | Latest revision (diff) | Newer revision → (diff)
Jump to navigation Jump to search

Chapter: [1-10] · 11 · 12 · 13 · 14 · 15 · 16 · 17 · 18 · 19 · 20 · [21-30] · [31-40] · [41-50] · [51-60] · [61-70] · [71-80] · [81-90] · [91-100] · [101-110] · [111-120] · ← Contents

第十二回

王熙凤毒设相思局

贾天祥正照风月鉴

Hsi-fëng legt bösartige Schlingen aus, Djia Juee blickt in den Zauberspiegel der Liebe.

中文原文 (庚辰本) Deutsche Übersetzung (Schwarz)

話說鳳姐正與平兒說話,只見有人回說:「瑞大爺來了。」鳳姐急命:「快請進來。」賈瑞見往裡讓,心中喜出望外,急忙進來,見了鳳姐,滿面陪笑,連連問好。鳳姐兒也假意殷勤,讓坐讓茶。   賈瑞見鳳姐如此打扮,益發酥倒,因餳了眼問道:「二哥哥怎麼還不回來?」鳳姐道:「不知什麼原故。」賈瑞笑道:「別是路上有人絆住了腳了,捨不得回來也未可知?」鳳姐道:「也未可知。男人家見一個愛一個也是有的。」賈瑞笑道:「嫂子這話錯了,我就不這樣。」鳳姐笑道:「象你這樣的人能有幾個呢,十個裡也挑不出一個來。」賈瑞聽了,喜的抓耳撓腮,又道:「嫂子天天也悶的很?」鳳姐道:「正是呢,只盼個人來說話解解悶兒。」賈瑞笑道:「我倒天天閒著,天天過來替嫂子解解閒悶可好不好?」鳳姐笑道:「你哄我呢,你那裡肯往我這裡來?」賈瑞道:「我嫂子跟前,若有一點謊話,天打雷劈!只因素人聞得人說,嫂子是個利害人,在你跟前一點也錯不得,所以唬住了我。如今見嫂子最是個有說有笑極疼人的,我怎麼不來,——死了也願意!」鳳姐笑道:「果然你是個明白人,比賈蓉兩個強遠了。我看他那樣清秀,只當他們心裡明白,誰知竟是兩個糊塗蟲,一點不知人心。」   賈瑞聽這話,越發撞在心坎兒上,由不得又往前湊了一湊,覷著眼看鳳姐帶的荷包,然後又問戴著什麼戒指。鳳姐悄悄道 :「放尊重著,別叫丫頭們看了笑話。」賈瑞如聽綸音佛語一般,忙往後退。鳳姐笑道:「你該走了。」賈瑞道:「我再坐一坐兒。」「好狠心的嫂子!」鳳姐又悄悄的道:「大天白白,人來人往,你就在這裡也不方便。你且去,等著晚上起了更你來,悄悄的在西邊穿堂兒等我。」賈瑞聽了,如得珍寶,忙問道:「你別哄我。但只那裡人過的多,怎麼好躲的?」鳳姐道:「你只放心。我把上夜的小廝們都放了假,兩邊門一關,再沒別人了。」賈瑞聽了,喜之不盡,忙忙的告辭而去,心內以為得手。   盼到晚上,果然黑地里摸入榮府,趁掩門時,鑽入穿堂。果見漆黑無人,往賈母那邊去的門戶已鎖倒,只有向東的門未關。賈瑞側耳聽著,半日不見人來,忽聽咯登一聲,東邊的門也倒關了。賈瑞急的也不敢則聲,只得悄悄的出來,將門撼了撼,關得鐵桶一般。此時要求出去,亦不能夠。南北皆是大房牆,要跳亦無攀援。這屋內又是過門風,空落落;現是臘月天氣,夜又長,朔風凜凜,侵肌裂骨,一夜幾乎不曾凍死。好容易盼到早晨,只見一個老婆子先將東門開了,進去叫西門。賈瑞瞅他背著臉,一溜煙抱著肩跑了出來,幸而天氣尚早,人都未起,從後門一徑跑回家去。   原來賈瑞父母早亡,只有他祖父代儒教養。那代儒素日教訓最嚴,不許賈瑞多走一步,生怕他在外吃酒賭錢,有誤學業。今忽見他一夜不歸,只料定他在外非飲即賭,嫖娼宿妓,那裡想到這段公案,因此氣了一夜。賈瑞也捻著一把汗,少不得回來撒慌,只說:「往舅舅家去了,天黑了,留我住了一夜。」代儒道:「自來出門,非稟我不敢擅出,如何昨日私自去了?據此亦該打,何況是撒謊!」因此,發狠到底打了三四十板,不許吃飯,令他跪在院內讀文章,定要補出十天工課來方罷。賈瑞直凍了一夜,今又遭了苦打,且餓著肚子跪在風地里念文章,其苦萬狀。   此時賈瑞前心猶是未改,再想不到是鳳姐捉弄他。過後兩日,得了空,便仍來找鳳姐。鳳姐故意抱怨他失信,賈瑞急的賭身發誓。鳳姐因見他自投羅網,少不得再尋別計令他知改,故又約他道:「今日晚上,你別在那裡了。你在我這房後小過道子里那間空屋裡等我,可別冒撞了。」賈瑞道:「果真?」鳳姐道:「誰可哄你,你不信就別來。」賈瑞道:「來,來,來。死也要來!」鳳姐道:「這會子你先去罷。」賈瑞料定晚間必妥,此時先去了。鳳姐在這裡便點兵派將,設下圈套。   那賈瑞只盼不到夜上,偏生家裡有親戚又來了,直等吃了晚飯才去,那天已有掌燈時候。又等他祖父安歇了,方溜進榮府,直往那夾道中屋子裡來等著,熱鍋上的螞蟻一般,只是干轉。左等不見人影,右聽也沒聲音,心下自思:「別是又不來了,又凍我一夜不成?」正自胡猜,只見黑魆魆的來了一個人,賈瑞便意定是鳳姐,不管皂白,餓虎一般,等那人剛至門前,便如貓兒捕鼠的一般,抱住叫道:「親嫂子,等死我了。」說著,抱到屋裡炕上就親嘴扯褲子,滿口裡「親娘」「親爹」的亂叫起來。那人只不做聲,賈瑞拉了自己褲子,硬幫幫的就想頂入。忽然燈光一閃,只見賈薔舉著個捻子照道:「誰在屋裡?」只見炕上那人笑道:「瑞大叔要臊我呢。」賈瑞一見,卻是賈蓉,真臊的無地可入,不知要怎麼樣才好,回身就要跑,被賈薔一把揪住道:「別走!如今璉二嬸已經告到太太跟前,說你無故調戲他。他暫用了個脫身計,哄你在這邊等著,太太氣死過去,因此叫我來拿你。剛才你又攔住他,沒的說,跟我去見太太!」   賈瑞聽了,魂不附體,只說:「好侄兒,只說沒有見我,明日我重重的謝你。」賈薔道:「你若謝我,放你不值什麼,只不知你謝我多少?況且口說無憑,寫一文契來。」賈瑞道:「這如何落紙呢?」賈薔道:「這也不妨,寫一個賭錢輸了外人賬目,借頭家銀若干兩便罷。」賈瑞道:「這也容易。只是此時無紙筆。」賈薔道:「這也容易。」說罷,翻身出來,紙筆現成,拿來命賈瑞寫。他兩作好作歹,只寫了五十兩銀,然後畫了押,賈薔收起來。然後撕羅賈蓉。賈蓉先咬定牙不依,只說:「明日告訴族中的人評評理。」賈瑞急的至於叩頭。賈薔做好做歹的,也寫了一張五十兩欠契才罷。賈薔又道:「如今要放你,我就擔著不是。老太太那邊的門早已關了,老爺正在廳上看南京的東西,那一條路定難過去,如今只好走後門。若這一走,倘或遇見了人,連我也完了。等我們先去哨探哨探,再來領你。這屋你還藏不得,少時就來堆東西。等我尋個地方。」說畢,拉著賈瑞,仍熄了燈,出至院外,摸著大台磯底下,說道:「這窩兒里好,你只蹲著,別哼一聲,等我們來再動。」說畢,二人去了。   賈瑞此時身不由己,只得蹲在那裡。心下正盤算,只聽頭頂上一聲響,嘩拉拉一淨桶尿糞從上面直潑下來,可巧澆了他一頭一身,賈瑞掌不住噯喲了一聲,忙又掩住口,不敢聲張,滿頭滿臉渾身皆是尿屎,冰冷打戰。只見賈薔跑來叫:「快走,快走!」賈瑞如得了命,三步兩步從後門跑到家裡,天已三更,只得叫門。開門人見他這般光景,問是怎的。少不得撒謊說:「黑了,失腳掉在茅廁里了。」一面到自己房中更衣洗濯,心下方想到是鳳姐頑他,因此發一回恨;再想想鳳姐的模樣兒,又恨不得一時摟在懷,一夜竟不曾合眼。   自此滿心想鳳姐,只不敢往榮府去了。賈蓉兩個常常的來索銀子,他又怕祖父知道,正是相思尚且難禁,更又添了債務;日間工課又緊,他二十來歲之人,尚未娶親,邇來想著鳳姐,未免有那指頭告了消乏等事;更兼兩回凍惱奔波,因此三五下里夾攻,不覺就得了一病:心內發膨脹,口內無滋味,腳下如綿,眼中似醋,黑夜作燒,白晝常倦,下溺連精,嗽痰帶血。諸如此症,不上一年,都添全了。於是不能支持,一頭睡倒,合上眼還只夢魂顛倒,滿口亂說胡話,驚怖異常。百般請醫治療,諸如肉桂、附子、鱉甲、麥冬、玉竹等藥,吃了有幾十斤下去,也不見個動靜。   倏又臘盡春回,這病更又沉重。代儒也著了忙,各處請醫療治,皆不見效。因後來吃「獨參湯」,代儒如何有這力量,只得往榮府來尋。王夫人命鳳姐秤二兩給他,鳳姐回說:「前兒新近都替老太太配了藥,那整的太太又說留著送楊提督的太太配藥,偏生昨兒我已送了去了。」王夫人道:「就是咱們這邊沒了,你打發個人往你婆婆那邊問問,或是你珍大哥哥那府里再尋些來,湊著給人家。吃好了,救人一命,也是你的好處。」鳳姐聽了,也不遣人去尋,只得將些渣末泡須湊了幾錢,命人送去,只說:「太太送來的,再也沒了。」然後回王夫人說:「都尋了來,共湊了有二兩多送去。」   那賈瑞此時要命心勝,無藥不吃,只是白花錢,不見效。忽然這日有個跛足道人來化齋,口稱專治冤業之症。賈瑞偏生在內就聽見了,直著聲叫喊說:「快請進那位菩薩來救我!」一面叫,一面在枕上叩首。眾人只得帶了那道士進來。賈瑞一把拉住,連叫:「菩薩救我!」那道士嘆道:「你這病非藥可醫!我有個寶貝與你,你天天看時,此命可保矣。」說畢,從褡褳中取出一面鏡子來——兩面皆可照人,鏡把上面鏨著「風月寶鑒」四字——遞與賈瑞道:「這物出自太虛幻境空靈殿上,警幻仙子所制,專治邪思妄動之症,有濟世保生之功。所以帶他到世上,單與那些聰明俊傑、風雅王孫等看照。千萬不可照正面,只照他的背面,要緊,要緊!三日後吾來收取,管叫你好了。」說畢,佯常而去,眾人苦留不住。   賈瑞收了鏡子,想道:「這道士倒有些意思,我何不照一照試試。」想畢,拿起「風月鑒」來,向反面一照,只見一個骷髏立在裡面,唬得賈瑞連忙掩了,罵:「道士混賬,如何嚇我!」「我倒再照照正面是什麼。」想著,又將正面一照,只見鳳姐站在裡面招手叫他。賈瑞心中一喜,盪悠悠的覺得進了鏡子,與鳳姐雲雨一番,鳳姐仍送他出來。到了床上,「噯喲」了一聲,一睜眼,鏡子從手裡掉過來,仍是反面立著一個骷髏。賈瑞自覺汗津津的,底下已遺了一灘精。心中到底不足,又翻過正面來,只見鳳姐還招手叫他,他又進去。如此三四次。到了這次,剛要出鏡子來,只見兩個人走來,拿鐵鎖把他套住,拉了就走。賈瑞叫道:「讓我拿了鏡子再走!」——只說了這句,就再不能說話了。   旁邊伏侍的賈瑞的眾人,只見他先還拿著鏡子照,落下來,仍睜開眼拾在手內,末後鏡子落下來便不動了。眾人上來看看,已沒了氣,身子底下冰涼漬濕一大灘精,這才忙著穿衣抬床。代儒夫婦哭的死去活來,大罵道士,「是何妖鏡!若不早毀此物,遺害於世不小。」遂命架火來燒,只聽鏡內哭道:「誰叫你們瞧正面了!你們自己以假為真,何苦來燒我?」正哭著,只見那跛足道人從外跑來,喊道:「誰毀『風月鑒』,吾來救也!」說著,直入中堂,搶入手內,飄然去了。   當下,代儒料理喪事,各處去報喪。三日起經,七日發引,寄靈於鐵檻寺,日後帶回原籍。當下賈家眾人齊來吊問,榮府賈赦贈銀二十兩,賈政亦是二十兩,寧國府賈珍亦有二十兩,別者族中人貧富不等,或三兩五兩,不可勝數。另有各同窗家分資,也湊了二三十兩。代儒家道雖然淡薄,倒也豐豐富富完了此事。   誰知這年冬底,林如海的書信寄來,卻為身染重疾,寫書特來接林黛玉回去。賈母聽了,未免又加憂悶,只得忙忙的打點黛玉起身。寶玉大不自在,爭奈父女之情,也不好攔勸。於是賈母定要賈璉送他去,仍叫帶回來。一應土儀盤纏,不消煩說,自然要妥貼。作速擇了日期,賈璉與林黛玉辭別了賈母等,帶領僕從,登舟往揚州去了。要知端的,且聽下回分解。

注释

n. Kaum daß der Westwind heftiger weht, verstummt gleich der Goldamsel Lied, doch wird etwas wärmer der Tag, erhebt sich noch Grillengesang. Fern im Südosten hohe Häuser an den Berg gelehnt, dort im Nordwesten ein flacher Bau auf das Wasser blickt. Flötenklänge dringen ans Ohr – ein Zauber eigener Art, Seidenkleider schimmern im Wald, vollenden das reizvolle Bild.

Als Hsi-fëng diese Gartenlandschaft erblickte und unter bewundernden Ausrufen Schritt für Schritt weiterging, kam plötzlich hinter einem künstlichen Felsen eine Gestalt hervor, trat vor sie hin und sagte: „Einen guten Tag wünsche ich Euch, Schwägerin!“ Hsi-fëng war vor Schreck einen Schritt zurückgewichen. „Seid Ihr Herr Juee oder wer?“ fragte sie. „Ach, Ihr erkennt mich nicht einmal, Schwägerin?“ sagte Djia Juee. „Wer sollte ich denn sonst sein?“ „Natürlich erkenne ich Euch“, sagte Hsi-fëng. „Aber Ihr seid so plötzlich aufgetaucht, und ich war nicht darauf gefaßt, Euch hier zu treffen.“ „Dann muß es uns wohl vorherbestimmt gewesen sein, uns hier zu begegnen“, sagte Djia Juee. „Eben hatte ich mich von den anderen weggestohlen, um mich an diesem stillen, reinen Ort ein wenig zu ergehen, und da kommt Ihr hier vorbei. Muß das nicht Vorherbestimmung sein?“ Und während er das sagte, verschlang er sie förmlich mit seinen Blicken. Nun war ja Hsi-fëng eine gescheite Frau, und so konnte sie zu acht, neun Zehnteln durchschauen, worum es hier ging. Darum sagte sie mit gespieltem Lächeln: „Kein Wunder, daß Euer Vetter Liän immer wieder von Euch spricht und Euch lobt. Nach dem, was ich jetzt von Euch sehe und höre, seid Ihr ein kluger, umgänglicher Mann. Aber ich bin jetzt auf dem Weg zu den gnädigen Frauen und kann mich nicht mit Euch unterhalten. Sprechen wir uns also ein andermal, wenn ich Zeit habe!“ „Ich würde ja zu Euch nach Hause kommen, um Euch meinen Gruß zu entbieten, nur fürchte ich, bei Eurer Jugend werdet Ihr nicht leichthin Besuch empfangen“, sagte Djia Juee. „Was hat mein Alter damit zu tun, wo wir doch engste Verwandte sind?“ fragte Hsi-fëng und lächelte wieder scheinheilig. Als Djia Juee auch noch diese Worte hörte, nachdem schon die Begegnung unverhofft genug für ihn gewesen war, verzog sich sein Gesicht zu einer unerträglichen Grimasse. „Geht nur schnell zu Eurer Tischrunde zurück und paßt auf, daß Euch niemand ertappt, sonst müßt Ihr einen Strafbecher trinken!“ riet ihm Hsi-fëng. Djia Juee, der sich leicht betäubt fühlte, ging langsam davon und wandte noch einmal den Kopf, um nach ihr zu sehen. Hsi-fëng verhielt bewußt ihren Schritt, bis er weit weg war, und dachte: ‚Wahrhaftig! Wenn man jemanden kennt, dann kennt man wohl sein Gesicht, aber nicht sein Herz. Wie kann es nur solche Tiere geben unter den Menschen! Kommt er mir so, dann soll er sterben durch meine Hand, damit er mich kennenlernt!‘ Mit diesen Gedanken bog sie im Weitergehen um einen Hügel, und hier kamen ihr zwei, drei alte Sklavenfrauen eilig entgegen und sagten bei ihrem Anblick lächelnd: „Als die junge Herrin merkte, daß Ihr zögertet zu kommen, war sie ganz außer sich und hat uns befohlen, Euch noch einmal herüberzubitten!“ „Eure Herrin ist schon ein rechter Heißsporn!“ sagte Hsi-fëng, ging langsam weiter und fragte dabei, wie viele Szenen schon aufgeführt worden seien. Acht oder neun seien es schon, sagten die Sklavinnen, und damit waren sie bereits am Hintereingang zum Turm des Himmelsduftes angelangt, wo sich Bau-yü mit einem Schwarm Sklavenmädchen zusammen die Zeit vertrieb. „Aber nicht ungezogen sein, Bau-yü!“ mahnte Hsi-fëng, und eines der Sklavenmädchen sagte: „Die gnädigen Frauen sitzen alle oben. Geht bitte von hieraus hinauf, junge Herrin!“ Daraufhin raffte Hsi-fëng ihre Kleider und stieg vorsichtig ins Obergeschoß des Turmes hinauf, wo Frau You sie bereits an der Treppe erwartete und lächelnd zu ihr sagte: „Ihr beide versteht euch aber auch zu gut miteinander! Jedesmal, wenn ihr euch seht, könnt ihr euch kaum wieder voneinander trennen. Am besten, du ziehst morgen gleich zu ihr! Aber jetzt setz dich hin, ich will dir zuerst einen Becher kredenzen!“ Da bat Hsi-fëng Dame Hsing und Dame Wang, sich setzen zu dürfen, widmete auch kurz Frau Yous Mutter ihre Aufmerksamkeit und setzte sich dann mit Frau You zusammen an einen Tisch, trank Wein und schaute dem Theaterspiel zu. Frau You befahl, man solle Hsi-fëng den Repertoirzettel reichen, und forderte sie auf, einige Szenen auszusuchen. „Wie könnte ich das im Beisein der gnädigen Frauen wagen?“ sträubte sich Hsi-fëng. „Wir und die gnädige Frau Schwägerin haben bereits etliche Szenen ausgewählt“, sagten Dame Hsing und Dame Wang. „Such jetzt du zwei schöne Szenen aus, und wir sehen sie uns an!“ Hsi-fëng erhob sich von ihrem Platz und sagte „Jawohl!“, ehe sie den Zettel entgegennahm und durchsah. Sie zeichnete die Szenen ‚Die Rückkehr der Seele‘ PAGEREF schnurmuenzen \* MERGEFORMAT und ‚Die Ballade‘ PAGEREF schnurmuenzen \* MERGEFORMAT an, reichte den Zettel zurück und sagte: „Wenn die jetzige Szene ‚Zwei Ernennungen in einem Erlaß‘ PAGEREF schnurmuenzen \* MERGEFORMAT zu Ende ist, sollen sie noch diese beiden Szenen spielen, und dann wird es wohl auch Zeit!“ „Du hast recht“, sagte Dame Wang. „Wir müssen deinem Schwager und seiner Frau rechtzeitig Ruhe gönnen, zumal sie in Sorge sind!“ „Aber Ihr gnädigen Frauen kommt doch so selten einmal herüber“, sagte Frau You. „Laßt uns noch ein Weilchen zusammen sitzen, ehe Ihr geht! Es ist ja noch früh!“ Jetzt stand Hsi-fëng auf, blickte vor den Turm hinab und fragte: „Wohin sind denn all unsere Herren gegangen?“ „Die Herren sind eben ins Gemach des Geronnenen Sonnenscheins gegangen, das Orchester haben sie mitgenommen. Sie wollen dort ihren Wein trinken“, gab eine alte Sklavin Auskunft, die dabeistand. „Wer weiß, was sie wieder anstellen, daß es ihnen hier nicht behagt!“ sagte Hsi-fëng darauf. Und Frau You bemerkte lächelnd: „Es sind eben nicht alle Menschen so mustergültig wie du!“ So lachten und plauderten sie, bis alle Theaterszenen gespielt waren, die sie ausgesucht hatten, dann wurde der Wein abgeräumt und das Essen aufgetragen. Nach dem Essen verließen sie den Garten und gingen ins Hauptgebäude hinüber, wo sie noch Tee tranken, ehe sie befahlen, die Wagen bereitzumachen. Frau Yous Mutter nahm schon hier von ihnen Abschied, Frau You aber begleitete sie an der Spitze der Nebenfrauen und Sklavinnen hinaus. Dort stand Djia Dschën mit den Söhnen und Neffen der Familie zusammen in dienstfertiger Haltung wartend neben den Wagen und sagte, als Dame Hsing und Dame Wang kamen: „Die werten Tanten müssen morgen noch einmal zu uns herüberkommen!“ „Laß es gut sein!“ wehrte Dame Wang ab. „Heute haben wir den ganzen Tag hier gesessen und sind müde geworden. Morgen wollen wir uns ausruhen!“ Damit stiegen sie in die Wagen und fuhren hinaus. Die ganze Zeit über hatte Djia Juee kein Auge von Hsi-fëng gelassen. Erst als Djia Dschën mit den anderen wieder hineingegangen war, brachte Li Guee das Pferd, und Bau-yü saß auf und ritt dem Wagen von Dame Wang hinterher. Im Ning-guo-Anwesen aber aß Djia Dschën noch mit den jungen Leuten der Familie zu Abend, ehe alle auseinander gingen. Am nächsten Tag feierten die engeren Familienangehörigen unter sich weiter, aber davon soll hier nicht mehr die Rede sein. Hsi-fëng ging dann häufig zu Frau Tjin auf Besuch, und dieser ging es mal ein paar Tage besser und dann wieder ein paar Tage so wie zuvor, und Djia Dschën, Frau You und Djia Jung waren von Herzen betrübt darüber. Djia Juee kam in dieser Zeit ein paarmal ins Jung-guo-Anwesen, aber es traf sich so, daß Hsi-fëng jedesmal gerade im Ning-guo-Anwesen war. In diesem Jahr fiel die Wintersonnenwende auf den dreißigsten Tag des elften Monats. PAGEREF schnurmuenzen \* MERGEFORMAT Als dieses Datum näher rückte, schickten die Herzoginmutter, Dame Wang und Hsi-fëng Tag für Tag jemanden, um nach Frau Tjin zu sehen, und jedesmal meldete die Botin, es sei weder eine Besserung noch eine Verschlimmerung zu erkennen. Da sagte Dame Wang zur Herzoginmutter: „Wenn es mit dieser Krankheit zu so einem bedeutenden Zeitpunkt nicht schlimmer wird, besteht wohl noch die beste Hoffnung!“ „Aber ja!“ erwiderte die Herzoginmutter. „Das gute Kind! Wenn ihr etwas vorherbestimmt sein sollte, bräche es mir das Herz!“ Während sie das sagte, überkam sie der Schmerz, und sie rief nach Hsi-fëng, um ihr zu sagen: „Du hast dich doch auch immer gut mit ihr verstanden. Morgen ist der erste Tag des neuen Monats, aber übermorgen solltest du wieder einmal nach ihr sehen! Gib genau acht, wie ihr Zustand ist, und wenn es ihr vielleicht besser geht, sagst du mir das, sobald du zurück bist, dann kann auch ich mich freuen. Das Kind hat auch immer gerne gegessen. Du solltest öfter einmal etwas für sie zubereiten lassen und es ihr hinüberschicken!“ Hsi-fëng versprach das eine wie das andere, und am zweiten Tag des neuen Monats fuhr sie nach der Morgenmahlzeit ins Ning-guo-Anwesen hinüber. Frau Tjins Krankheit hatte sich zwar nicht verschlimmert, aber sie war im Gesicht und am ganzen Körper so abgemagert, daß sie aussah wie eingetrocknet. Hsi-fëng saß lange Zeit bei ihr, plauderte mit ihr und versuchte, sie mit der Versicherung aufzuheitern, die Krankheit habe nichts zu besagen. „Ob ich gesund werde, erfahren wir im Frühling“, sagte Frau Tjin. „Jetzt ist die Wintersonnenwende vorübergegangen, ohne daß etwas passiert ist. Wer weiß, vielleicht werde ich doch noch gesund. Meldet der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau, sie könnten ganz ruhig sein. Von den Yamswurzelkuchen mit Jujubenfüllung, die mir die alte gnädige Frau gestern geschickt hat, habe ich zwei Stück gegessen, und es scheint, ich kann sie verdauen.“ „Morgen schicke ich dir mehr davon“, sagte Hsi-fëng, „aber jetzt will ich noch zu deiner Schwiegermutter gehen, und dann will ich rasch nach Hause fahren und der alten gnädigen Frau Bericht erstatten.“ „Bestellt der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau meinen Gruß!“ bat Frau Tjin. Hsi-fëng versprach es und ging hinaus. Als sie bei Frau You im Hauptgebäude saß, fragte diese: „Wie findest du den Zustand der Schwiegertochter, nüchtern betrachtet?“ Hsi-fëng blickte lange zu Boden, ehe sie endlich sagte: „Es bleibt keine andere Wahl, als alles vorzubereiten, was im Ernstfall gebraucht wird. Vielleicht kann man dadurch die Krankheit austreiben.“ „Ich hatte schon befohlen, diese Vorbereitungen in aller Stille zu treffen“, sagte Frau You. „Nur für das Bewußte ist kein ordentliches Holz zu bekommen, damit müssen wir einstweilen noch warten.“ Hsi-fëng trank ihren Tee, sprach noch ein Weilchen mit Frau You, und schließlich sagte sie: „Ich will jetzt zurückfahren und der alten gnädigen Frau Bericht geben!“ „Mach es aber behutsam, damit du ihr keinen Schreck einjagst!“ mahnte Frau You. „Ich weiß schon“, sagte Hsi-fëng. Als sie dann zu Hause war und zur Herzoginmutter kam, sagte sie: „Jungs Frau läßt Euch grüßen und macht vor Euch ihren Stirnaufschlag. Sie sagt, sie fühle sich etwas besser und bitte die alte Ahne, unbesorgt zu sein. Wenn sie sich noch weiter erholt hat, will sie selber kommen, um der alten Ahne fußfällig ihren Gruß zu entbieten.“ „Und was meinst du, wie es ihr geht?“ fragte die Herzoginmutter. „Einstweilen ist noch nichts zu befürchten, und ihre Stimmung ist gut“, sagte Hsi-fëng. Darauf schwieg die Herzoginmutter eine lange Zeit, ehe sie Hsi-fëng endlich befahl: „Geh dich umziehen und ruh dich aus!“ „Jawohl!“ sagte Hsi-fëng und ging hinaus. Nachdem sie noch Dame Wang begrüßt hatte, ging sie in ihre Gemächer, wo Ping-örl ihr die vorgewärmten Alltagskleider anlegen half. Kaum hatte Hsi-fëng sich hingesetzt, fragte sie: „Ist hier irgend etwas gewesen?“ „Nein“, sagte Ping-örl, die eben Tee gebracht hatte und ihn Hsi-fëng reichte. „Nur die Zinsen für die dreihundert Liang Silber hat Lai Wangs Frau gebracht. Ich habe sie weggelegt. Dann hat Herr Juee jemanden geschickt, um sich zu erkundigen, ob Ihr zu Hause wärt, damit er Euch seinen Gruß entbieten und mit Euch plaudern könnte.“ Als Hsi-fëng das hörte, schnaubte sie verächtlich und sagte: „Dieses Vieh stürzt sich wirklich ins Verderben, so wie es sich benimmt!“ „Warum kommt nur Herr Juee immer wieder?“ wollte Ping-örl wissen. Also erzählte ihr Hsi-fëng in allen Einzelheiten, wie sie ihm damals im neunten Monat im Garten des Ning-guo-Anwesens begegnet war. „Die Kröte gelüstet‘s nach Schwanenfleisch“, kommentierte Ping-örl, um dann fortzufahren: „Für dieses Ansinnen verdient der ehrlose Kerl, daß er kein gutes Ende findet!“ „Ich habe mir schon etwas für ihn ausgedacht, wenn er kommt“, versicherte Hsi-fëng. Wer wissen möchte, was Djia Juee erwartete, muß das nächste Kapitel lesen. 12. Hsi-fëng legt bösartige Schlingen aus, Djia Juee blickt in den Zauberspiegel der Liebe.

Während Hsi-fëng eben noch mit Ping-örl sprach, wurde plötzlich gemeldet: „Herr Juee ist gekommen!“ „Bittet ihn gleich herein!“ befahl Hsi-fëng, ohne zu zögern. Als Djia Juee das hörte, war er angenehm überrascht und trat schnell ein. Er strahlte über das ganze Gesicht, als er Hsi-fëng erblickte, und begrüßte sie gleich ein paarmal hintereinander. Hsi-fëng bat ihn mit gespielter Zuvorkommenheit, Platz zu nehmen und Tee zu trinken. Beim Anblick von Hsi-fëngs Aufmachung schmolz Djia Juee vollends dahin, und mit umflortem Blick fragte er: „Warum ist denn Vetter Liän noch nicht zu Hause?“ „Das weiß ich nicht“, antwortete Hsi-fëng. Worauf Djia Juee lächelnd erwiderte: „Wer weiß, ob er nicht unterwegs jemandem begegnet ist, der ihn aufgehalten hat und von dem er sich nicht wieder losreißen kann, um nach Hause zu kommen!“ „Schon möglich“, sagte Hsi-fëng. „So sind ja die Männer, daß sie sich in jede vergucken müssen, die sie zu Gesicht bekommen.“ „Ihr irrt Euch, Schwägerin“, widersprach Djia Juee. „Ich bin nicht so einer.“ „Wie viele kann es schon geben von Eurer Art? Nicht einen unter zehn!“ schmeichelte Hsi-fëng und lächelte dazu. Als Djia Juee das hörte, kniff er sich vor Freude in Ohr und Wange, dann nahm er wieder das Wort und sagte: „Schwägerin, Ihr müßt Euch doch schrecklich langweilen Tag für Tag!“ „So ist es!“ bestätigte Hsi-fëng. „Ich hoffe immer, es kommt jemand, mit dem ich mich unterhalten kann, um die Langeweile zu vertreiben.“ „Ich habe immer Zeit. Wie wäre es, wenn ich jeden Tag käme, um Euch die Langeweile zu vertreiben?“ schlug Djia Juee vor. „Das ist doch nicht Euer Ernst!“ sagte Hsi-fëng lächelnd. „Wärt Ihr wirklich bereit, mich jeden Tag zu besuchen?“ „Der Himmel soll mich schlagen und der Donner soll mich treffen, wenn ich mich Euch gegenüber auch nur der kleinsten Lüge schuldig mache!“ beteuerte Djia Juee und fuhr dann fort: „Ich hatte immer nur gehört, Ihr solltet so streng sein und nicht den mindesten Verstoß durchgehen lassen, das verschreckte mich. Jetzt sehe ich, daß man sich gut mit Euch unterhalten kann und daß Ihr sehr teilnahmsvoll seid. Warum sollte ich Euch da nicht besuchen kommen? Natürlich komme ich, und wenn es das Leben kostet!“ „Ihr seid wirklich verständig“, sagte Hsi-fëng lächelnd, „weit verständiger als Djia Jung und sein Schwager. Bei der frischen, gefälligen Art, die die beiden an sich haben, glaubte ich, sie hätten ein verständnisvolles Herz, aber es sind nur zwei Dummköpfe, die nicht im geringsten verstehen, wie einem zumute ist.“ Als Djia Juee das hörte, fühlte er sich erst recht an der Seele gekitzelt, und er konnte einfach nicht anders, er rückte ein Stück näher zu Hsi-fëng, starrte auf das Täschchen, das sie am Gürtel trug, und fragte, was das für ein Ring an ihrem Finger sei. Leise forderte Hsi-fëng ihn auf: „Benehmt Euch ein bißchen respektvoller, sonst merken die Mägde etwas und lachen!“ Gehorsam, als habe er einen kaiserlichen Befehl oder ein heiliges Gebot empfangen, rutschte Djia Juee rasch wieder zurück. „Ihr müßt jetzt gehen!“ verlangte Hsi-fëng. „Laßt mich doch noch ein Weilchen hier sitzen, grausame Schwägerin!“ bat Djia Juee. Noch einmal sprach Hsi-fëng mit gedämpfter Stimme auf ihn ein: „Das ist doch nichts Rechtes, wenn Ihr am hellichten Tag hier bleibt, wo die Leute kommen und gehen. Geht jetzt und kommt in der ersten Nachtwache wieder! Wartet leise in der westlichen Durchgangshalle auf mich!“ Diese Worte versetzten Djia Juee in eine Stimmung, als hätte er ein köstliches Juwel geschenkt bekommen. Rasch fragte er: „Meint Ihr das auch ernst? Es gehen dort so viele Leute hindurch, daß ich mich schlecht verborgen halten kann.“ „Seid ganz unbesorgt!“ beruhigte ihn Hsi-fëng. „Ich werde allen Dienerknaben, die Nachtwache hätten, frei geben. Sobald dann auf beiden Seiten die Tore geschlossen sind, ist dort kein Mensch mehr!“ Jetzt kannte Djia Juees Freude keine Grenze, er verabschiedete sich eilig und ging. Er glaubte nicht anders, als daß er gewonnenes Spiel habe, und nachdem er sich bis zum Abend geduldet hatte, schlich er sich wirklich im Dunkeln ins Jung-guo-Anwesen ein, paßte den Augenblick ab, als die Tore verschlossen wurden, und schlüpfte in die Durchgangshalle. Dort drinnen war es in der Tat stockfinster und menschenleer. Das Tor zum Gehöft der Herzoginmutter war bereits verschlossen, nur das Tor, durch das man nach Osten gelangte, stand noch offen. Djia Juee spitzte die Ohren und wartete lange, aber niemand kam. Plötzlich wurde auch das nach Osten führende Tor krachend geschlossen. Djia Juee wagte sich trotz der Aufregung, in die ihn das versetzte, nicht zu mucksen. Statt dessen ging er leise hinüber und drückte gegen das Tor. Aber es hielt so fest wie ein eiserner Eimer. Jetzt war es beim besten Willen unmöglich, hier wieder hinauszukommen, denn nördlich und südlich der Durchgangshalle waren hohe Mauern, und zum Hinübersteigen fand sich kein Halt. Die Halle, in der er stand, war zugig und leer. Außerdem war man eben im zwölften Monat, und die Nächte waren lang. Der Nordwind schnitt so eisig in Mark und Bein, daß Djia Juee über Nacht beinahe erfroren wäre. Als qualvoll erwartet der Morgen kam, öffnete eine alte Sklavin das Osttor, dann kam sie durch die Halle und rief am Westtor, damit man ihr aufmachte. Mit abgewandtem Gesicht, die Arme um die Schultern geschlagen, huschte Djia Juee an der Alten vorbei wie ein flüchtiger Rauch und war draußen. Glücklicherweise war es noch früh und alles schlief noch, so konnte er durchs Hintertor hinaus und geradewegs nach Hause laufen. Djia Juees Eltern waren früh gestorben, und so war er nur von seinem Großvater Djia Dai-ju aufgezogen worden, der stets sehr streng zu ihm war und ihm keinen Schritt zuviel erlaubte, weil er fürchtete, der Enkel könnte sich auswärts dem Trunk oder dem Glücksspiel hingeben und darüber seine Studien vernachlässigen. Als Djia Dai-ju jetzt erleben mußte, daß Djia Juee die Nacht über nicht nach Hause kam, dachte er nicht anders, als daß der Enkel diese Nacht, wenn nicht beim Wein, so doch beim Spiel oder aber im Freudenhaus zubringe. Denn wie hätte er diesen Fall zu durchschauen vermocht! Also zürnte er ihm die ganze Nacht. Als Djia Juee vor Angst schwitzend nach Hause kam, blieb ihm nichts anderes übrig, als zu lügen. „Ich war beim Onkel zu Besuch“, sagte er, „und als es dunkel wurde, hat er mich zur Nacht dabehalten.“ „Du hast noch nie gewagt, einfach auszugehen, ohne mich zu fragen. Wie durftest du dich gestern dazu erdreisten? Schon dafür hast du Strafe verdient, zumal du mich auch noch belügst!“ entschied Djia Dai-ju. In seiner Wut verabreichte er Djia Juee dreißig, vierzig Hiebe mit dem Bambusprügel, entzog ihm das Essen und befahl ihm, im Hof niederzuknien und nicht eher wieder aufzustehen, bis er seine Lektionen für zehn Tage gelesen hatte. Djia Juee, der über Nacht völlig durchgefroren war und dazu noch Prügel bekommen hatte, litt Höllenqualen, als er jetzt mit nüchternem Magen im kalten Hof knien und lernen mußte. Dennoch kam er von seiner Idee nicht los und dachte gar nicht daran, daß Hsi-fëng ihn zum besten halten könnte. Als er zwei Tage später frei hatte, ging er wieder zu ihr. Hsi-fëng hielt ihm scheinheilig vor, er habe die Verabredung nicht eingehalten, aber er beschwor es erregt bei seinem Kopf.

Geburtstagsfeier für Djia Djing im Ning-guo-Anwesen. Aus: Jinyu­yuan 1889a. Als Hsi-fëng sah, daß er ihr fest ins Garn gegangen war, mußte sie natürlich ein neues Mittel gebrauchen, um ihn zurechtzuweisen. Darum trug sie ihm auf: „Wartet heute abend nicht dort auf mich, sondern in dem leerstehenden Anbau an dem kleinen Durchgang hier hinter dem Haus! Aber keine Leichtsinnigkeiten bitte!“ „Werdet Ihr auch wirklich kommen?“ fragte Djia Juee. „Wer würde es wagen, Euch zu foppen?“ erwiderte Hsi-fëng. „Wenn Ihr mir nicht glaubt, braucht Ihr ja nicht zu kommen.“ „Ich komme, ich komme!“ versicherte er. „Und wenn es mein Leben kosten sollte, ich komme!“ „Aber jetzt müßt Ihr gehen!“ bat sie. Djia Juee, der nichts anderes glaubte, als daß an diesem Abend alles nach Wunsch laufen werde, ging bereitwillig davon. Hsi-fëng aber trommelte ihre Hilfstruppen zusammen und legte Fallstrick und Hinterhalt. Mühsam geduldete sich Djia Juee bis zum Abend, und ausgerechnet heute mußten Verwandte zu Besuch kommen, die erst nach dem Abendessen wieder fortgingen. Inzwischen war es Zeit geworden, die Lampen anzuzünden. Djia Juee aber mußte weiter warten, bis sein Großvater sich schlafen gelegt hatte, ehe er endlich ins Jung-guo-Anwesen schlüpfen konnte, wo er sich schnurstracks in den Anbau bei dem Durchgang begab, der zwischen zwei Mauern entlangführte. Hier lief er ruhelos auf und ab wie eine Ameise auf einem heißen Kessel, aber niemand kam, und nichts war zu hören. ‚Sollte sie vielleicht auch diesmal nicht kommen und mich wieder eine Nacht frieren lassen?‘ überlegte Djia Juee. Und gerade als er sich darüber den Kopf zermarterte, sah er einen schwarzen Schatten herankommen und war sich sicher, das mußte sie sein! Seiner Sinne kaum noch mächtig, lauerte er wie ein hungriger Tiger, und kaum daß sie an der Tür war, packte er sie wie eine Katze die Maus und rief: „Liebste Schwägerin, ich sterbe vor Ungeduld!“ Damit trug er sie hinein aufs Ofenbett, küßte sie auf den Mund, zog ihr die Hosen herunter und stammelte in einem fort: „Meine Liebe, meine Gute!“ Sie aber sagte kein Wort. Schon hatte Djia Juee auch seine eigenen Hosen abgestreift und wollte eben hart zustoßen, als plötzlich ein Licht aufflammte. In der Tür stand Djia Tjiang mit einem brennenden Fidibus in der Hand, leuchtete herein und fragte: „Wer ist hier?“ Da sprach es vom Ofenbett mit lachender Stimme: „Onkel Juee wollte mich schänden!“, und Djia Juee erkannte, daß es Djia Jung war, der auf dem Ofenbett lag. Jetzt wäre er am liebsten vor Scham im Boden versunken und wußte sich nicht anders zu helfen, als kehrtzumachen und fortzulaufen. Aber Djia Tjiang packte ihn mit sicherem Griff und sagte: „Hiergeblieben! Onkel Liäns Frau hat es bereits der gnädigen Frau gemeldet, wie Ihr sie grundlos belästigt habt, und hat diesen Trick angewandt, um Euch hierher zu locken. Die gnädige Frau ist außer sich vor Zorn und hat mir befohlen, Euch zu ihr zu bringen. Eben habt Ihr auf ihm gelegen, da hilft kein Leugnen. Kommt mit zur gnädigen Frau!“ Als Djia Juee das hörte, wollte seine Seele schier den Körper verlassen, und er bettelte: „Liebster Neffe! Sag doch, du hättest mich nicht gefunden. Morgen will ich dich reichlich belohnen!“ „Wenn Ihr es lohnen wollt, kann ich Euch schon laufen lassen“, sagte Djia Tjiang. „Aber ich weiß ja nicht, wieviel das ist – ‚reichlich‘? Außerdem ist auf eine mündliche Zusage kein Verlaß, schreibt mir einen Schuldschein!“ „Aber ich weiß nicht, wie ich diese Schuld begründen soll“, wandte Djia Juee ein. „Das sollte Euch nicht hindern“, sagte Djia Tjiang. „Ihr schreibt, Ihr hättet zur Begleichung einer Spielschuld vom Bankhalter soundsoviel Liang Silber geliehen, und das ist alles!“ „Das ist kein Problem“, erklärte Djia Juee. „Nur haben wir kein Papier und keinen Schreibpinsel zur Hand.“ „Das ist auch kein Problem!“ entgegnete Djia Tjiang, wandte sich kurz um und brachte im nächsten Augenblick Papier und Schreibpinsel, die irgendwo bereitgelegen hatten, und befahl Djia Juee zu schreiben. Mal schmeichelnd und mal drohend, brachten die beiden ihn dazu, einen Schuldschein über fünfzig Liang Silber auszustellen und zu unterschreiben, den Djia Tjiang einsteckte. Als Djia Juee dann auch mit Djia Jung die Sache ins Reine bringen wollte, stellte der sich stur und und beharrte unnachgiebig darauf, den Fall am nächsten Tag in der Familie vorzubringen und dort entscheiden zu lassen. Djia Juee ging in seiner Aufregung so weit, daß er einen Stirnaufschlag vor ihm machte, und dann setzte Djia Tjiang ihm so lange zu, bis er einen weiteren Schuldschein über weitere fünfzig Liang Silber ausschrieb. Anschließend nahm Djia Tjiang noch einmal das Wort und sagte: „Wenn ich Euch heute laufen lasse, mache ich mich eines Vergehens schuldig! Jetzt ist das Tor zum Gehöft der alten gnädigen Frau bereits geschlossen, und in der Empfangshalle sieht sich der gnädige Herr Geschenke an, die aus Nan-djing gekommen sind, dort könnt Ihr also auch nicht vorbei. Ihr könnt nur noch durchs Hintertor hinaus, aber wenn Euch dort jemand sieht, geht es auch mir an den Kragen. Darum gehen wir zuerst nachsehen, ob die Luft rein ist, und dann bringen wir Euch hinaus. Hier aber könnt Ihr solange nicht blei-

Aus: Jinyuyuan 1889b. ben, denn hierher wird gleich etwas zur Aufbewahrung gebracht. Wartet, ich will einen Platz für Euch suchen!“ Damit zog er Djia Juee hinter sich her, blies das Licht aus und tastete sich im Hof mit ihm bis zu einem Hohlraum unter der Plattform eines Gebäudes. „Hier drin ist es gut!“ wies er ihn an. „Hockt Euch hinein und sagt kein Sterbenswörtchen! Rührt Euch nicht, ehe wir kommen!“ Dann gingen die beiden weg, und Djia Juee blieb keine andere Wahl, als unter die Plattform zu kriechen. Während er dort seinen Gedanken nachhing, wurde plötzlich mit einem schwappenden Geräusch direkt über ihm ein ganzer Kübel Unrat entleert, und zwar so unglücklich, daß er von Kopf bis Fuß davon durchnäßt wurde. „O weh!“ entfuhr es ihm unwillkürlich; aber schnell hielt er sich den Mund zu und gab keinen weiteren Laut von sich. Am ganzen Leibe von Jauche triefend und vor Kälte zitternd, hockte er da, als Djia Tjiang gelaufen kam und ihm zurief: „Schnell weg hier, macht schnell!“ Als sei ihm das Leben wiedergeschenkt worden, stürzte Djia Juee Hals über Kopf davon und durchs Hintertor hinaus. Erst um die dritte Nachtwache war er zu Hause und mußte jemanden herausrufen, der ihm das Tor öffnete. Er sei im Dunkeln ausgeglitten und in eine Abortgrube gefallen, log er, als man ihn wegen seines Zustands befragte. Als er in seinem Zimmer war, wusch er sich und zog sich um. Als er daran dachte, wie ihm Hsi-fëng mitgespielt hatte, überkam ihn Haß, aber als er sich dann wieder ihre Gestalt vorstellte, bedauerte er nur noch, daß er sie nicht wenigstens einen Augenblick in die Arme nehmen und an sein Herz drücken konnte. Die ganze Nacht über tat er deswegen kein Auge zu, und fortan war Hsi-fëng sein einziger Gedanke. Nur wagte er nicht, ins Jung-guo-Anwesen zu gehen. Häufig mahnten ihn Djia Jung und Djia Tjiang wegen des Geldes, und er lebte in ständiger Furcht, sein Großvater könnte alles erfahren. So nagte nicht nur die Sehnsucht an seinem Herzen, es drückten ihn auch die Schulden, und dazu kam tagsüber die anstrengende Lernarbeit. Mit zwanzig Jahren noch nicht verheiratet, aber ständig mit Hsi-fëngs Bild vor Augen, half er dem Mangel natürlich mit den Fingern ab. Dazu hatte die zweimalige Unterkühlung seine Kräfte überfordert. Eins kam zum andern, und ehe er sich‘s versah, war er krank. Sein Herz war geschwollen, sein Appetit geschwunden, die Füße waren wie Watte, die Augen wie voll Essig. Nachts schwitzte er, am Tage war er müde, im Harn fand sich Samen und im Auswurf Blut. Es dauerte kein Jahr, bis sich alle diese Krankheitszeichen eingestellt hatten, und schließlich war es zuviel für ihn. Er brach zusammen und lag fortan mit geschlossenen Augen in einem Dämmerzustand, redete irre und zeigte panische Furcht. Auf welche Weise die Ärzte auch immer an ihm herumdoktern mochten und welche Medikamente – ...zig Djin an Kassiazimtrinde, Eisenhutwurzel, Weichschildkrötenpanzer, Schlangenbartwurzel und Weißwurz – er auch einnahm, es wollte sich keine Wirkung zeigen. Nachdem der Winter rasch vergangen und es wieder Frühling geworden war, verschlimmerte sich die Krankheit. Verzweifelt holte Djia Dai-ju von überallher Ärzte ins Haus, doch im Zustand des Kranken trat keine Besserung ein, und als ihm schließlich reiner Ginsengabsud verordnet wurde, fehlten Djia Dai-ju natürlich die Mittel dafür.Er mußte einen Bittgang ins Jung-guo-Anwesen machen. Daraufhin erhielt Hsi-fëng von Dame Wang den Befehl, zwei Liang Ginseng für ihn abzuwiegen, aber Hsi-fëng erklärte ihr: „Der Ginseng, den wir hatten, ist neulich zu einem Medikament für die alte gnädige Frau verbraucht worden, und die ganze Wurzel, die noch da war, sollte ich auf Euren Befehl für die Gattin des Provinzkommandanten Yang zurücklegen. Erst gestern habe ich sie ihr bringen lassen.“ „Dann schick jemand zu deiner Schwiegermutter, um dort zu fragen!“ entschied Dame Wang. „Vielleicht findet sich auch bei deinem Schwager Dschën im Ning-guo-Anwesen noch ein wenig. Zusammen reicht es vielleicht, und wenn du damit ein Menschenleben rettest, wird das auch dir einst zum Guten gereichen.“ Hsi-fëng hörte ihre Worte ruhig an, schickte aber niemanden fragen, suchte vielmehr ein paar bereits ausgekochte Reste und Wurzelhärchen zusammen, was einige Tjiän ergab. Die ließ sie Djia Dai-ju überbringen mit der Bestellung, dies schicke die gnädige Frau, mehr habe sie nicht. Als sie aber Dame Wang davon berichtete, sagte sie, sie habe alles zusammenholen lassen, und es seien zwei Liang geworden, die sie hingeschickt habe. Djia Juee hatte einen starken Willen zu leben, und so versuchte er jede erdenkliche Arznei, aber alles Geld dafür war unnütz vertan, kein Mittel schlug an. Dann kam eines Tages ein hinkender Dauist, der bei ihnen um Essen bettelte und behauptete, er verstünde sich speziell auf die Heilung von Krankheiten, die auf Sünden in einer früheren Existenz zurückzuführen seien. Djia Juee, der das vom Krankenbett aus mit angehört hatte, erhob seine Stimme und rief: „Bittet diesen Bodhisattwa schnell zu mir herein, damit er mich rettet!“ Und schon kniete er auf dem Bett nieder und machte einen Stirnaufschlag. Den Leuten blieb nichts weiter übrig, als den Dauisten hineinzuführen, und Djia Juee klammerte sich sofort an ihm fest und schrie immer wieder: „Rettet mich, Bodhisattwa!“ „Deine Krankheit ist nicht mit Medikamenten zu heilen!“ seufzte der Dauist. „Ich habe hier ein Kleinod, das ich dir geben will, und wenn du es Tag für Tag ansiehst, kann dein Leben erhalten werden.“ Damit holte er aus seinem Schultersack einen Spiegel hervor, der auf beiden Seiten poliert war und in dessen Griff die Schriftzeichen eingraviert waren ‚Zauberspiegel der Liebe‘. Er reichte ihn Djia Juee und erklärte dazu: „Dieses Gerät stammt aus der Halle der Köstlichkeiten in den Wahngefilden der Großen Leere. Die Fee Warnendes Trugbild hat es gefertigt. Es dient ausschließlich zur Heilung von Krankheiten, die durch geistige Verirrungen und unsinnige Taten hervorgerufen werden, und hat die Kraft, Menschen zu retten und Leben zu erhalten. Deshalb habe ich es mit auf die Erde gebracht und gebe es nur edlen Jünglingen aus vornehmem Hause, die klug und begabt sind, sich darin zu spiegeln. Man darf sich aber nicht in seiner Vorderseite spiegeln, nur in der Rückseite! Das ist das Allerwichtigste! In drei Tagen komme ich wieder und hole den Spiegel ab, dann bist du bestimmt geheilt.“ Damit ging er, ohne jemanden zu beachten, und das, obwohl alle ihn dringend baten zu bleiben. Djia Juee griff nach dem Spiegel und dachte: „Ein merkwürdiger Mensch, dieser Dauist! Aber warum sollte ich nicht einmal probieren, wie es ist, wenn ich in den Spiegel sehe?!“ Er hob ihn hoch, um sich in der Rückseite zu spiegeln, und erblickte ein Totengerippe darin. Das erschreckte ihn so, daß er den Spiegel rasch zuhielt und schimpfte: „Verfluchter Dauist! Mich so zu erschrecken! Jetzt spiegele ich mich doch in der Vorderseite!“ Er tat es und erblickte im Spiegel Hsi-fëng, die ihn zu sich winkte. Freude erfüllte sein Herz, und dann spürte er, wie er schwankend in den Spiegel hineinschwebte, wo er mit Hsi-fëng das Wolken-und-Regen-Spiel spielte. Danach führte sie ihn hinaus. Als er wieder im Bett lag und mit einem „O weh!“ die Augen aufmachte, entglitt ihm der Spiegel, und er erblickte in seiner Rückseite erneut das Totengerippe. Djia Juee merkte, daß er am ganzen Körper schwitzte und in einer Pfütze seines Samens lag, aber sein Verlangen war noch nicht gestillt, also drehte er den Spiegel wieder um, so daß er in die Vorderseite blicken konnte. Wieder stand Hsi-fëng da und winkte ihm, und er ging zu ihr. Das wiederholte sich drei oder vier Mal, dann kamen, als er eben den Spiegel wieder einmal verlassen wollte, zwei Männer auf ihn zu, fesselten ihn mit einer eisernen Kette und zerrten ihn fort. „Laßt mich wenigstens den Spiegel mitnehmen!“ schrie Djia Juee, und das war der letzte Satz, den er sprechen konnte. Die Leute, die ihn pflegten, sahen nur, wie er zuerst den Spiegel in der Hand hielt und sich darin spiegelte, dann entglitt ihm der Spiegel, er machte die Augen auf und griff wieder danach. Schließlich entfiel ihm der Spiegel noch einmal, aber Djia Juee rührte sich nicht. Als sie näher traten und nachsahen, war kein Leben mehr in ihm, und er lag in einer großen Lache Samenflüssigkeit. Rasch zogen sie ihn ordentlich an und legten ihn wieder auf das inzwischen aufgeräumte Bett. Djia Dai-ju weinte sich mit seiner Frau fast die Augen aus und verfluchte den Dauisten. „Was ist dieser Spiegel für ein Teufelswerk!“ schimpfte er. „Wenn er nicht schleunigst vernichtet wird, richtet er viel Unheil an in der Welt!“ Also befahl er, ein Feuer zu machen und den Spiegel hineinzuwerfen. Da sprach es weinend aus dem Spiegel: „Wer hat euch geheißen, in die falsche Seite zu sehen? Wenn ihr das Falsche für das Wahre haltet, warum müßt ihr dann mich ins Feuer werfen?“ Im selben Augenblick kam der hinkende Dauist herbeigeeilt und rief: „Wer will den Zauberspiegel der Liebe vernichten? Ich komme und rette ihn!“ Damit stürzte er ohne weiteres in den Mittelraum, riß den Spiegel an sich und verschwand wie der Wind. So richtete Djia Dai-ju dann das Begräbnis aus. Er verkündete überall die Trauernachricht, ließ am dritten Tag heilige Texte verlesen und am siebenten Tag den Sarg hinausgeleiten, um ihn im Kloster Eiserne Schwelle aufzustellen, bis er in die Heimat der Sippe übergeführt werden konnte. Die Djias kamen und machten ihren Trauerbesuch. Djia Schë aus dem Jung-guo-Anwesen spendete zwanzig Liang Silber, Djia Dschëng ebenfalls zwanzig, ebenso Djia Dschën aus dem Ning-guo-Anwesen. Die übrigen Sippenmitglieder gaben je nach Vermögen drei oder fünf Liang, es kann hier nicht jeder aufgeführt werden. Durch die Spenden der einzelnen Familien der übrigen Schüler der Familienschule kamen noch einmal zwanzig, dreißig Liang zusammen, und so konnte Djia Dai-ju die Sache ungeachtet seiner sonstigen Armut in recht üppiger Weise zu Ende bringen. Unerwartet für jedermann kam gegen Ende des Winters ein Brief von Lin Ju-hai, der sich eine schwere Krankheit zugezogen hatte und nun schrieb, daß er Dai-yü bei sich haben wolle. Als die Herzoginmutter davon erfuhr, vermehrte das natürlich ihren Kummer, aber es blieb nichts anderes übrig, als schnell alle Vorbereitungen zu treffen, damit Dai-yü abreisen konnte. Bau-yü fühlte sich sehr unbehaglich dabei und ärgerte sich über die Liebe zwischen Vater und Tochter, aber er konnte schlecht etwas dagegen sagen. Dann bestimmte die Herzoginmutter, Djia Liän solle Dai-yü auf dem Hin- und Rückweg begleiten. Über die Lokalprodukte, die sie als Geschenke mitnahmen, und über die Reisekosten brauchen wir uns nicht im einzelnen auszulassen, alles mußte natürlich so sein, wie es sich gehört. Rasch wurde ein Glückstag ausgewählt, Djia Liän und Dai-yü verabschiedeten sich von der Herzoginmutter und allen anderen, bestiegen mit ihrem Gefolge die Boote und machten sich auf den Weg nach Yang-dschou. Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen. 13. Tjin Kë-tjing wird nachträglich mit dem Titel eines Offiziers der Palastwache geehrt, Hsi-fëng wird auf Zeit an der Leitung des Ning-guo-Anwesens beteiligt.

Nachdem also Djia Liän abgereist war, um Dai-yü nach Yang-dschou zu begleiten, wurde es wirklich langweilig für Hsi-fëng. Jedesmal, wenn der Abend kam, plauderte und scherzte sie nur ein Weilchen mit Ping-örl und schlief dann, so gut es eben ging. Eines Abends saß sie zusammen mit Ping-örl im Lampenschein am Holzkohlebecken. Müde vom Sticken, befahl sie schon früh, die gestickten Bettdecken kräftig zu räuchern, und sie gingen beide schlafen. Hsi-fëng lag da und bog die Finger ein, um daran die Stationen abzuzählen, die die Reisenden schon zurückgelegt hatten, und ehe sie es sich versah, brach die dritte Nachtwache an. Ping-örl schlief bereits fest, Hsi-fëng aber merkte nur, daß sich ihre Sternenaugen etwas trübten, dann sah sie verschwommen, wie Frau Tjin hereinkam und lächelnd zu ihr sagte: „Seid Ihr aber verschlafen, Tante! Ich gehe heute heim, und Ihr wollt mich nicht einmal ein Stück begleiten! Aber weil wir uns immer gut verstanden haben, kann ich mich nicht so ohne weiteres von Euch trennen und komme mich wenigstens verabschieden. Außerdem habe ich noch einen Wunsch auf dem Herzen, den ich Euch anvertrauen möchte, weil andere ihn nicht unbedingt zu würdigen wissen.“ „Was ist das für ein Wunsch?“ fragte Hsi-fëng benommen. „Sag es mir nur!“ „Für eine Frau seid Ihr ein richtiger Held, Tante!“ sagte Frau Tjin. „Und selbst Männer mit Beamtengürtel und -kappe können Euch nicht das Wasser reichen. Wie kommt es dann aber, daß Ihr nicht einmal ein paar Sprichwörter kennt? Der volle Mond nimmt wieder ab, ein volles Gefäß läuft über, sagt man. Außerdem heißt es, wer hoch steigt, wird hart fallen. Unsere Familie lebt jetzt schon fast hundert Jahre in Glanz und in Pracht, wie aber, wenn eines Tages auf dem Gipfel der Freude Leid erwächst oder sich das Sprichwort bewahrheitet: „Fällt der Baum, laufen die Affen auseinander“? Haben wir dann nicht umsonst eine Zeitlang den Ruf einer angesehenen Familie von Literaten und Beamten genossen?“ Als Hsi-fëng das hörte, war ihr Verstand hell wach, und ehrfürchtig sagte sie rasch: „Deine Überlegungen sind ganz richtig. Aber was können wir tun, um auf ewig in Sicherheit und ohne Sorge zu leben?“ „Wie töricht Ihr doch seid, Tante!“ sagte Frau Tjin mit spöttischem Lächeln. „Glück und Unglück entstehen und vergehen, Ruhm und Schande lösen einander von alters her ab. Wie könnte man etwas mit menschlicher Kraft auf ewig bewahren? Das einzige, was man tun kann, ist, heute in der Zeit der Blüte Vorsorge für die Zeit des künftigen Verfalls zu treffen. Das könnte man auch eine ewige Sicherheit nennen. Bis auf zwei Dinge steht heute alles zum besten. Wenn man auch die noch in Ordnung bringen würde, wäre die Zukunft für immer gesichert.“ „Und was ist das?“ fragte Hsi-fëng. „An den Ahnengräbern werden zu allen vier Jahreszeiten Opfer gebracht, aber es gibt kein festes Einkommen, das dafür dient“, sagte Frau Tjin. „Und zweitens gibt es zwar eine Familienschule, aber keinen festen Unterhalt für dieselbe. Ich meine, jetzt in der Zeit der Fülle mangelt es wahrlich nicht an den Mitteln für die Ahnenopfer und den Schulbetrieb, aber wovon sollen sie später einmal in der Zeit der Not bestritten werden? Das beste wäre es, so zu verfahren, wie ich es mir überlegt habe: Der heutige Reichtum sollte genutzt werden, um auf dem Lande in der Nähe der Ahnengräber recht viele Häuser und Äcker zu kaufen, damit sämtliche Kosten für die Ahnenopfer und den Schulbetrieb allein hieraus bestritten werden können. Dort sollte auch die Familienschule eingerichtet werden. Die ganze Sippe, alt und jung, sollte gemeinsam Regeln aufstellen, nach denen dann jeder Haushalt jeweils ein Jahr lang für die Äcker und die Einkünfte, die Ahnenopfer und den Schulbetrieb verantwortlich ist. Wenn die Verantwortung so reihum geht, kann es weder Vormachtstreben geben noch solchen Mißbrauch wie Verpfändung oder Verkauf. Und wenn sich die Sippe einmal etwas zuschulden kommen läßt, kann alles beschlagnahmt werden, nicht aber der Besitz, aus dem die Ahnenopfer bestritten werden. So könnten selbst im Falle der Not die Söhne und Enkel zu Hause studieren und die Äcker bestellen und hätten so eine Zuflucht.