Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 87"

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(German-only page for Hongloumeng chapter 87)
 
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== 感秋声抚琴悲往事 / 坐禅寂走火入邪魔 ==
 
== 感秋声抚琴悲往事 / 坐禅寂走火入邪魔 ==
  
gesagt, worum es ging. Bau-tschai schluchzte und zitterte immer noch von dem Schrecken.
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'''Die Kombination aus herbstlichen Klängen und traurigen Erinnerungen inspiriert eine Zither-KompositionUnd eine Flut von Leidenschaften erlaubt einem bösen Dämon, die Heiterkeit des Dsën zu stören.'''
„Doch wer? Wer war es?“, fragte sie aufgewühlt.
 
„Herrin“, sagte einer der Diener, „solche Details werden an der Situation im Moment nichts ändern. Das Gesetz sagt: ‚Ein Leben muß mit einem Leben vergolten werden‘. Deshalb müssen wir überlegen, was zu tun ist.“ –
 
„Überlegen!“, schrie Frau Hsüä hysterisch, „was bringt denn schon Überlegen in so einem verdammten Moment wie jetzt?“ –
 
„Das Beste, wie wir finden“, fuhr der Diener fort, „ist dies. Zuerst
 
schicken wir den jungen Herr Ke mit etwas Geld, um Herrn Pan im Gefängnis zu besuchen. Was morgen zuerst zu tun ist: Herr Ke muß sich einen guten Berufsschreiber besorgen, jemand, der mit der gerichtlichen Terminologie vertraut ist. Er muß ihm ein gutes Honorar anbieten, um sicherzugehen, daß sein Todesurteil verworfen wird. Wenn das erledigt ist, müssen wir einen der Edelmänner der Familie Djia hier fragen, ob sie ein paar Fäden ziehen. Doch zu allererst müssen wir den Yamen-Boten ein kleines Trinkgeld geben. Dann können wir den Rest angehen.“
 
Frau Hsüä war nicht überzeugt. „Findet einfach die Familie des Mannes“, sagte sie, „gebt ihnen, was immer sie wollen für Beerdigungskosten und Ausgleich. Wenn der Kläger nicht darauf drängt, wird er leicht wieder frei kommen.“
 
Bau-tschais Stimme war durch den Türvorhang zu vernehmen: „Nein, Mama, das wird nicht gehen. Je mehr Geld wir ausgeben, desto größer wird der Ärger auf lange Sicht. Wir sollten tun, was der Junge sagt.“ –
 
„Wozu soll ich überhaupt noch leben?“ seufzte Frau Hsüä. „Laß mich gehen und ihn noch einmal sehen! Dann kann ich mit ihm zusammen sterben!“
 
Bau-tschai flehte sie an, sich ein Herz zu fassen, und rief zur selben Zeit nach dem Jungen, um sofort mit Hsüä Kë aufzubrechen. Die Mägde halfen Frau Hsüä wieder herein. Hsüä Kë stieß auf seinem Weg nach draußen dazu.
 
„Schicke jemanden mit einem Brief nach Hause, sobald es etwas Neues gibt“, unterwies ihn Bau-tschai. „Du mußt da bleiben. Wir zählen auf dich.“
 
Hsüä Kë versprach, sein Bestes zu geben und brach auf.
 
Während Bau-tschai sich wieder einmal die Aufgabe auferlegte, ihre verzweifelte Mutter zu trösten, nahm Hsia Djin-guee die Gelegenheit wahr, einen ungestörten Angriff auf Hsiang-ling zu verüben: „Ihr habt sonst die Familie immer nur gelobt“, schrie sie. „So ein Mord bedeutet nichts in dieser Familie, oder? Ihr alle kamt danach direkt in die Stadt, als ob nichts passiert wäre, nicht wahr? Wo sind jetzt all dein Geld und deine feinen Freunde und vornehmen Verwandten? Ihr seid alle so entsetzt, daß ihr nicht wißt, ob ihr kommen oder gehen sollt. Und in ein paar Tagen, wenn sie Pan beseitigt haben, wirst du dich aus dem Staub machen und mich mit all dem hier allein lassen!“
 
Sie brach wieder in dramatisches Jammern aus. Frau Hsüä hörte jedes Wort und war so aufgebracht, daß sie in Ohnmacht fiel. Bau‑tschai war am Ende ihrer geistigen Kräfte. Inmitten dieses Tumults erschien eine der Ammen der Dame Wang, um sich nach etwas Neuem zu erkundigen. Dies bescherte Bau‑tschai ein weiteres Problem. Sie war sich seit dem offiziellen Verlobungsbesuch vor einigen Tagen ihrer ausgewählten Position durchaus bewußt, und wußte, daß sie streng genommen jeden Kontakt mit ihrer zukünftigen Bräutigamsfamilie vermeiden sollte, einschließlich der Dienstmädchen. Trotz der Tatsache, daß die Verlobung noch nicht ganz besiegelt war, schien die Dringlichkeit des momentanen Ernstfalls eine vorübergehende Aufgabe der Regeln zu rechtfertigen.
 
„Wir kennen noch nicht die ganze Geschichte“, sagte sie der Magd, „was wir gehört haben ist, daß mein Bruder jemanden umgebracht haben soll und vom örtlichen Magistrat in Haft genommen worden sei. Wir wissen nicht, welcher Art Mord er für schuldig befunden wurde, doch Herr Ke wird es herausfinden. Wir sollten in ein oder zwei Tagen über genauere Neuigkeiten verfügen und werden es die Herzoginmutter umgehend wissen lassen. Bitte danke ihr für ihre freundliche Nachfrage und sage ihr, daß wir zu fortgeschrittener Zeit sicher alle Hilfe benötigen werden, die Herren Schë und Dschëng uns bieten können.“
 
Die Magd kehrte mit dieser Nachricht zurück.
 
Die nächsten zwei Tage harrten Frau Hsüä und Bau-tschai in unerträglicher Ungewißheit aus. Wenigstens kam zwei Tage später der Bote Hsiau-schë mit einem Brief von Hsüä Kë zurück, welchen er einer Magd gab, um ihn den Damen zu überreichen. Bau-tschai öffnete ihn und las folgendes:
 
„Pans Fall wurde ‚tödliche Körperverletzung durch Unfall‘ und nicht ‚vorsätzlicher Mord‘ genannt. Ich hinterlegte heute morgen zuerst einen Verteidigungsappell auf meinen Namen und warte immer noch auf das Urteil des Magistrats. Pan erneuerte seine ursprüngliche Aussage und wir müssen, wenn der Appell geprüft worden ist, den Einspruch bei der Anhörung vorbringen. Wir sollten in der Lage sein, ihn frei zu bekommen.“ –
 
„Ich brauche dringend fünfhundert Liang Silber. Besorge sie unverzüglich beim Pfandhaus. Sag’ Tante, sie soll sich nicht sorgen. Für den Rest frage Hsiau-schë.“
 
Als Bau-tschai fertig war, den Brief laut vorzulesen, trocknete Frau Hsüä ihre Augen und sagte:
 
„Sein Leben steht auf der Kippe, nicht wahr?“
 
„Bevor du wieder in Kummer versinkst, Mama“, sagte Bau-tschai, „laß uns nach dem Jungen schicken und ihn fragen, was er weiß.“
 
Eine Magd wurde geschickt, den Jungen zu holen. Als er eintrat, trug Frau Hsüä ihm auf, ihnen einen vollständigen Bericht von allem zu geben, was er wußte.
 
„An dem Abend, als wir ankamen“, begann er, „als ich hörte, was Herr Pan Herr Ke erzählt hatte, starb ich beinahe vor Angst...“
 
Doch den Rest des Berichtes lese man im nächsten Kapitel.
 
86. Bestechung bringt einen alten Mandarin in Konflikt mit dem Lauf des Gesetzes
 
Zeitvertreib mit einer jungen Dame, die die Philosophie des Zither-Spiels erklärt.
 
  
Im letzten Kapitel wurde erzählt, wie Bau-tschai Hsüä Kës Brief ihrer Mutter laut vorlas. Frau Hsüä rief Hsiau-schë herbei und bat ihn zu wiederholen, was Hsüä Pan über sein Mißgeschick gesagt hatte.
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Dai-yü bat die Dienstmädchen aus dem Hause Bau-tschai herein. Nach der Begrüßung überreichte eine Magd ihr einen Brief. Dai-yü ließ sie mit den anderen Dienstmädchen Tee trinken gehen und öffnete den Brief. Er war von Bau-tschai und begann folgendermaßen:
„Ich konnte nicht jedes Wort verstehen, gnädige Frau“, begann er, „doch ich hörte, daß Herr Pan Herrn Hsüä Kë erzählte, daß...“
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„Liebe Kusine,
Er blickte sich schnell im Zimmer um und fuhr fort, als er sich vergewissert hatte, daß sonst niemand im Zimmer war:
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Es muß ein schlechter Stern über dem Tag meiner Geburt gestanden haben! Unglück verfolgt die Familie zu jeder Gelegenheit! Wir zwei Schwestern [Kusinen] sind einsam; Mutter ist in fortgeschrittenem Alter; dazu kommt der Lärm von bestialischem Gezetere, das zur Zeit aus unseren inneren Gemächern den ganzen Tag und Abend über zu hören ist; und um den Vortrag über das Familienelend zu vervollständigen, Bruder Pans kürzlicher und allerschlimmster Schlag! Oje! Wir werden in der Tat von heulendem Wind und sturzflutartigem Regen heimgesucht! Als ich nachts wach lag, mich in meinem Bett wälzend, unfähig meinen Kummer zu bewältigen, war mein einziger Trost der Gedanke an eine verwandte Seele wie die deine. Ach, liebe Kusine! Ich weiß, daß du die Last gerne mit mir teiltest, so wie du einst die Freuden des goldenen Herbstes teiltest, als Harmonie und Fröhlichkeit vorherrschten. Dann, vereint unter der Schirmherrschaft des Begonienbundes, kosteten wir Delikatessen wie Schalentiere und betrachteten Chrysanthemen. Einmal, ich erinnere mich, befragtest du die Blumen wie folgt:
„...daß er die schrecklichen Szenen zu Hause nicht mehr ertragen könne und sich entschlossen habe, auf eine Geschäftsreise in den Süden zu gehen. Er kenne dort jemanden, etwa hundertzehn Kilometer südlich der Hauptstadt und denke daran, mit ihm zu reisen. Auf dem Weg zum Haus des Mannes, traf er seinen Freund Djiang Yü-han, der mit einigen jungen Schauspielern auf dem Weg in die Hauptstadt war. Die beiden gingen in eine Bar, um etwas Wein zu trinken und eine Kleinigkeit zu essen, und da begann, alles schief zu laufen. Der Kellner starrte Herrn Djiang an, was Herrn Pan verärgerte. Nun, Djiang brach noch am selben Tag auf.
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Wer, Weltverächter, teilt dein Versteck?
Doch am nächsten Tag nahm Herr Pan diesen anderen Mann – der, mit dem er vorhatte zu reisen in dieselbe Bar mit, um etwas zu trinken. Nach einigen Runden erinnerte er sich an das üble Benehmen des Kellners am Tag zuvor und beschwerte sich über den Wein. Der Kellner brauchte viel Zeit, um eine neue Kanne zu bringen; Herr Pan fing sofort an zu schimpfen. Der Kellner fand das nicht in Ordnung. Und dann schlug Herr Pan mit seinem Becher sofort auf den Kellner ein. Niemand hat das vermutet, daß der Kellner nicht von der friedliebendsten Sorte war. Er streckte den Kopf bewußt vor und ließ den Herrn darauf einschlagen. Herr Pan schlug eine Porzellanschale auf seinen Kopf, und es floß Blut. Er lag auf dem Boden, schimpfte erst noch vor sich hin, und danach brachte er keine Worte mehr heraus.“
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Warum, von allen Blumen, blüht deine so spät?
„Doch warum hat denn keiner versucht, ihn aufzuhalten?“, fragte Frau Hsüä.
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Diesen Zeilen gelingt es stets, mein Herz zu zerreißen. Sind wir beide denn nicht Chrysanthemen, die spät blühen und im sich nähernden Frost duften?
„Ich hörte Herrn Pan nichts davon sagen, gnädige Frau. Dies ist alles, was ich weiß.“ –
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Ich habe mich bemüht, eine Wehklage in vier Stanzen zu komponieren, um meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Ich bitte dich, lies es nicht als Stück Literatur, nur als einfaches Gefäß für meine Tränen.
„Nun gut. Du kannst jetzt gehen und dich ausruhen.“ –
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Gezeiten wechseln, und wieder einmal
„Vielen Dank, gnädige Frau.“ –
+
bringt Wechsel Herbstfrost
So gingen dann beide hinaus.
+
vor uns're Tür, freudeleer.
Frau Hsüä ging zuerst zu ihrer Schwester, die Dame Wang, und bat sie, Djia Dschëngs Unterstützung anzufordern. Als die Dame Wang die Angelegenheit vorbrachte und Djia Dschëng einen ausführlichen Bericht von dem gab, was sich ereignet hatte, stotterte er zunächst unwillig herum und sagte, daß er nichts tun könne, bis Hsüä Kës Berufung die üblichen Dienstwege durchlaufen habe und der Richter sein Urteil ausgestellt hätte.
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Voll Trauer und einsam
Frau Hsüä ließ im Pfandleihhaus Silber auswiegen und schickte es Hsüä Kë durch Hsiau-schë.
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- wie der Mutter Eintagslilie
Drei Tage später kam der Brief, auf den sie warteten, an. Er wurde Frau Hsüä gegeben, die eine junge Magd schickte, um sofort Bau-tschai zu holen. Sie eilte herüber und las folgendes:
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ist mein Herz unruhig
„Liebe Tante. Ich habe das Silber erhalten und unter den Gerichtsangehörigen verteilt. Pan wird im Gefängnis ordentlich behandelt. Mach’ dir deswegen keine Sorgen.
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und sorgenvoll. Niemand
Unser Problem ist, daß die Leute hier sehr schwierig sind. Weder die Familie des Toten noch die Augenzeugen lassen mit sich handeln. Sogar Pans sogenannter Freund – derjenige, den er zu der Reise einlud – ist auf ihrer Seite. Besonders hart ist es für Li Hsiang und mich selber als Fremde, doch glücklicherweise gelang es uns, einen guten Berufsschreiber zu finden, der versprach uns zu helfen – für ein kleines Entgelt. Sein Rat war, daß wir zuerst auf Wu Liang einwirken sollten (das ist der ,Freund‘). Zunächst, da er als erster Zeuge unter Bewachung gehalten wird, sollten wir jemanden finden, der für ihn bürgt; dann ihm Geld anbieten, um unsere Verteidigung des ‚Todes durch Unfall‘ zu untermauern. Falls Wu sich weigert, mit uns zu verhandeln, werden wir versuchen, ihn selbst als den Mörder anzuzeigen und einen Außenseiter als Sündenbock zu benutzen. Er sollte dann zu viel Angst haben, um nicht mitzuspielen. So weit, so gut. Wir haben Wu durch Bürgschaft draußen, die Familie und unsere Zeugen bestochen und unseren Einspruch vorgestern erhoben. Das Urteil wurde heute ausgestellt. Es spricht für sich.“
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enthebt mich meiner Sorgen.
Bau-tschai fuhr fort und las die Kopie der Berufung vor „Seinem jüngeren Vetter und Mandanten für den Angeklagten, Hsüä Pan, fälschlicherweise des vorsätzlichen Mordes durch Schläge an Dschang San beschuldigt.
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Wolkenballen: Vorübergetrieben
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von schneidenden Herbstwinden!
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Wohin gehe ich?
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Woher komme ich?
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Verloren habe ich meine Freude.
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Schweigend grüble ich
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meinen Gedanken nach.
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Der Wei-Lachs wohnt im tiefen See.
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Der Kranich thront auf seinem Dach.
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Den Fisch verbirgt sein Schuppengewand,
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Hummer und Krebs ihr Panzerharnisch.
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Den Vogel schützt sein Federkleid.
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Grübelnd schau’ ich ins Weite und frage mich:
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„Oh, Tiefen der Erde! Oh, endloser Himmel!
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Was bleibt nach dieser Wunde?
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Wer weiß es?“
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Unter der funkelnden Milchstraße
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fühle ich eiskalte Luft hereindringen
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Das Mondlicht scheint schräg herunter,  
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die Jadeuhr senkt sich in die Nacht.
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Mein ruheloses Herz trauert immer noch;
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Ich lese noch einmal diese traurige Klage,  
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bevor ich sie dir anvertraue,
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meine verwandte Seele und Freundin!
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Dai-yü war tief bewegt. ‚Sie wußte, ich würde sie verstehen, da wir in einer ähnlichen Situation sind!‘, dachte sie bei sich, „deswegen schreibt Schwester Bau lieber mir als irgend jemand anderem.“ Sie war in traurige Gedanke versunken, als eine Stimme von draußen rief:
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„Ist Kusine Dai-yü zu Hause?“
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Den Brief zusammenfaltend, antwortete sie in einem distanzierten Ton:
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„Wer ist es?“
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Ihre Besucher waren bereits auf dem Weg zu ihrem Zimmer – Tantschun, [Schï] Hsiangyün und die zwei Schwestern Li Wën und Li Tji. Die Mädchen tauschten Begrüßungen aus und Hsüä-yän brachte ihnen Tee. Alle tranken und tratschten. Weil Dai-yüs Gedanken zu den “Chrysanthemen-Gedichten” vor zwei Jahren zurückkehrten, sagte sie: „Seit Kusine Bau-tschai den Garten verlassen hat, kam sie nur zwei Mal, um uns alle zusammen zu sehen. Und heute kommt sie nicht einmal vorbei, wenn sie die Gelegenheit hat. Das ist echt seltsam. Schaun wir mal, ob sie überhaupt noch einmal zu uns kommt!“
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Tantschun lächelte: „Natürlich, sie will ja herkommen! Nur im Moment stehen die Dinge etwas schwierig: ihre Schwägerin ist eine sehr durchtriebene Person, die Frau [Hsüä] kommt in die Jahre und mit alten Vetter Hsüäs letztem Ärger, die Spitze von allem, muß Bau-tschai sich zu Hause um alles kümmern. Es ist nicht wie in den alten Tagen, als sie die Freiheit hatte zu tun, was sie wollte.
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Als sie sprach, hörten sie draußen plötzlich einen Windstoß und das Prasseln von fallenden Blättern gegen das Papierfenster. Ein zarter Duft strömte in den Raum. Sie überlegten alle, von welcher Blume er stammen könne.
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„Es ist wie die Cassiablüte“, vermutete Dai-yü.
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Tantschun lachte.
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„Immer noch eine Südländerin im Herzen! Es ist der neunte Monat, lange nach der Cassia-Zeit.“
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Dai-yü lächelte.
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„Du hast recht. Ich sagte ja nicht, es war, sondern nur wie.. .
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„Egal, Tan“, warf Hsiangyün ein, „rede nicht mehr so weiter. Kennst du nicht die Zeilen: ,Der Lotusduft strömt über Meilen, die Cassia blüht bis an das Herbstende.‘ Im Süden hat es die spät blühende Cassia zur Zeit am besten. Du hast sie nur nie gesehen. Wenn du jemals die Gelegenheit bekommst, in den Süden zu reisen, wirst du sie selbst sehen können.“
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„Und was soll ich im Süden?“, entgegnete Tantschun mit einem Lächeln. „Außerdem wußte ich das alles schon lange. Das mußt du mir doch nicht noch erklären.“
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Li Wën und Li Tji schwiegen und lächelten sich an.
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„Du hast nicht ganz recht, Tan-tschun“, sagte Dai-yü, „wir sind ‚feenhafte und leichtfüßige Erdlinge‘, das sagt das Sprichwort. Heute sind wir hier, wo sind wir morgen? Nimm mich als Beispiel. Ich bin eine geborene Südländerin, doch lebe ich hier im Norden.“
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Hsiangyün klatschte in die Hände und lachte: „Gut gesagt! Schwester Lin hat gegenüber dir hier gepunktet, dritte Schwester [Tan-tschun]! Und sie ist nicht die einzige, die diese Erfahrung gemacht hat. Schau den Rest von uns an. Manche von uns sind Nordländer, dort geboren und aufgewachsen. Manche sind im Süden geboren, doch im Norden aufgewachsen. Und manche sind im Süden aufgewachsen und kamen erst später hierher. Und jetzt sind wir alle zusammen hier. Du siehst, es ist unser Schicksal. Menschen und Orte haben eine Neigung zueinander. Ihr Karma bringt sie zusammen.“
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Sie alle nickten zu Hsiangyüns kleinem Diskurs, außer Tantschun, die nur lächelte. Nachdem sie noch länger miteinander geredet hatten, machten sie sich auf zu gehen. Dai-yü ging mit ihnen bis zur Tür und wäre hinausgegangen, doch die anderen rieten ihr davon ab:
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„Du fängst eben erst an, dich besser zu fühlen. Wenn du jetzt hinausgehst, könntest du dich erkälten.“
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Also stand sie in der Tür, sagte ein paar Worte zum Abschied und schaute den vieren nach, bis sie aus dem Hof gegangen waren.
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Dann kam sie wieder herein und setzte sich. Die Vögel kehrten zu ihren Nestern zurück; die Sonne sank. Schï Hsiangyüns Worte über den Süden tönten ihr noch in den Ohren und Dai-yü verfiel in einen Tagtraum. Wenn ihre Eltern noch lebten... Wenn sie immer noch im Süden lebte, dieses milde Land der Frühlingsblumen und des herbstlichen Mondlichtes, des klaren Wassers und der strahlenden Berge... Wie liebend gern sie wieder dort wäre, um die vierundzwanzig Brücken [in Yangdschou] zu besichtigen und all die berühmten historischen Bauten aus sechs Dynastien [in Nanking]! Im Süden hätte sie eine Menge eigener Dienstmädchen, die auf sie warteten. Sie konnte sagen und tun, was ihr gefiel, in einem bemalten Ausflugboot fahren und in parfümierten Wagen reisen, die Felder von roten Aprikosenblüten vorübergehen sehen, die Gasthausschilder durch die Bäume erspähen... Sie wäre eine junge Dame mit ihren eigenen Rechten, kein Außenseiter, für alles von anderen abhängig. Wieviel die Djias auch für sie taten, sie fühlte stets die Dringlichkeit, sich von ihrer besten Seite zeigen zu müssen. Was hatte sie in ihrer früheren Verkörperung nur falsch gemacht, um dies einsame Dasein zu verdienen? Diese Worte wurden vom Kaiser der Südlichen Tang in der Gefangenschaft geschrieben: „Hier bade ich den ganzen Tag mein Gesicht in Tränen.“
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Wie gut drückte dies ihre eigenen Gefühle aus! Ihre Seele schien in eine entfernte Region zu entschweben.
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Als Dsï-djüan eintrat, reichte ein einziger Blick, um den Grund für Dai-yüs ,Abwesenheit‘ zu erahnen. Sie war im Zimmer, als Hsiang-yün sprach und wußte, wie schnell Dai-yü bei der geringsten Erwähnung des Südens traurig wurde, da es ihr Herz anrührte.
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„Ich glaubte, du seist wieder müde, Fräulein“, sagte sie, „nach all deinen Besuchern und so vielen Gesprächen, deshalb habe ich Hsüä-yän in die Küche geschickt, um eine Chinakohlsuppe mit Schinken zu kochen. Sie sollte noch getrocknete Krabben und mit grünen jungen Bambussprossen und Seetang vermengen. Klingt das nicht gut?“ –
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„Doch ich vermute schon.“ –
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„Und etwas südländischen Brei aus Klebreis?“ –
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Dai-yü nickte.
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„Ich hätte lieber, wenn ihr beide den Reisbrei selber machtet. Laßt ihn nicht in der Küche zubereiten.“ –
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„Nein, Fräulein. Man kann nie sicher sein, wie sauber es in der Küche ist. Wir werden den Reisbrei selbst zubereiten. Ich habe Hsüä-yän aufgetragen, der Köchin Liu zu sagen, sie solle in der Küche besondere Acht auf die Suppe geben. Köchin Liu sagt, wir bräuchten uns nicht zu sorgen, sie wird persönlich danach sehen und sie selber zubereiten. Ihre [fünfte Tochter] Wu Er wird ein Auge darauf werfen, während sie köchelt.“ –
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„Das meinte ich nicht“, antwortete Dai-yü, „ich beklagte nicht, daß die Küche schmutzig sei. Es ist nur, weil ich den Leuten so lange aufgebürdet worden bin und meine Krankheit ohnehin genug zusätzlichen Aufwand bereitet hat. Mit all diesen besonderen Anweisungen für Suppe und Reisbrei fürchte ich, daß ich mich unbeliebt mache.“ –
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Ihre Augen glänzten leuchtend rot.
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„Oh Fräulein! Du stellst dir Sachen vor!“, protestierte Dsï-djüan. „Du bist die leibhafte Enkelin der gnädigen Frau, ihr eigenes Fleisch und Blut, ihr Herzstück. Um dir dienen zu dürfen, würden die Leute miteinander wetteifern. Wer würde sich denn darüber beschweren?“
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Dai-yü nickte nachdenklich.
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„Übrigens“, fragte sie, „erwähntest du vorhin das Mädchen Wu Er, das sich gut mit Fang-guan verstand, als diese bei dem zweiten Herrn Bau war?“ –
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„Das ist richtig.“ –
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„Stimmt es, daß sie bei Herrn Bau-yü selbst den Dienst antreten wollte?“ –
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„Ja, das stimmt. Doch dann wurde sie krank und, als sie genesen und bereit anzufangen war, kam der ganze Ärger über Tjing-wën, und es mußte verschoben werden.“ –
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„Dieses Mädchen war anscheinend sehr sauber“, sagte Dai-yü.
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Währenddessen kam eine Amme mit der Suppe und Hsüä-yän nahm sie entgegen.
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„Die Köchin Liu sagt, dies wurde speziell für Fräulein Dai-yü in einem eigenen Raum von ihrer Wu-örl zubereitet“, sagte die Amme, „weil wir ja wissen, daß Fräulein das Fräulein kein unreines Essen mag.“ –
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Hsüä-yän versicherte, sie würde die Nachricht überbringen, und brachte die Suppe ins Zimmer. Dai-yü hatte die Unterhaltung schon mitangehört und sagte Hsüä-yän, sie solle sofort zur Amme zurückgehen und sie bitten, Frau Liu dafür zu danken. Hsüä-yän tat dies, und die alte Amme ging.
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Hsüä-yän legte nun Dai-yüs Schüssel und Eßstäbchen auf den Tisch.
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„Möchten Sie auch etwas von dem getrockneten Rübensalat, den wir aus dem Süden mitgebracht haben, Fräulein, wenn wir ihn mit etwas Sesamöl und Essig vermengen?“ –
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„Wenn du magst. Doch mach’ dir nicht zuviel Umstände!“
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Hsüä-yän füllte ihre Schüssel mit Reisbrei. Dai-yü aß die Hälfte und trank ein paar Löffel von der Suppe. Sie legte ihren Löffel hin, und die zwei Mägde brachten die Sachen fort und säuberten den Tisch, welchen sie dann entfernten und durch den ersetzten, der gewöhnlich dort stand. Dai-yü spülte ihren Mund aus und wusch sich die Hände.
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„Dsï-djüan, hast du etwas Räucherstäbchen in das Kohlebecken gelegt?“ –
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„Das wollte ich eben tun, Fräulein.“ –
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„Du und Hsüä-yän nehmt euch von der Suppe und dem Reisbrei. Sie sind gut und gesund. Ich schaue nach den Räucherstäbchen.“ –
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Die Mägde begaben sich in ein äußeres Zimmer, um zu essen. Dai-yü legte etwas Räucherstäbchen nach und setzte sich hin. Sie wollte sich eben ein Buch zum Lesen nehmen, als ihre Aufmerksamkeit plötzlich von der Melancholie des Windes, der draußen durch die Bäume heulte, ergriffen wurde. Ein langer Seufzer schwebte von einem Ende des Gartens zum anderen. Das Metallglockenspiel in Pferdeform unter dem Dachvorsprung begann zu erklingen.
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Hsüä-yän war als Erste mit der Suppe fertig und kam herein, um zu sehen, ob Dai-yü irgend etwas fehlte.
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„Es wird kälter“, sagte Dai-yü, „wurden die pelzgefütterten Jacken schon gelüftet – die, welche ich dich letztens bat, herauszuholen?“ –
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„Ja, Fräulein.“ –
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„Bringst du sie mir her? Ich würde mir gerne etwas Warmes überziehen.“
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Hsüä-yän ging hinaus und kehrte mit einem Bündel Pelzkleider, eingewickelt in Seide, zurück. Sie wickelte sie aus und hielt die Kleider vor Dai-yü, damit sie sich welche aussuchen konnte. Dai-yü bemerkte unter den Kleidern noch ein weiteres kleines Bündel, das in Seide gehüllt war. Sie streckte ihre Hand aus, um es zu nehmen, und wickelte es aus. Darin fand sie ein Paar seidener Taschentücher. Sie erkannte sie als jene, welche Bau-yü ihr heimlich während ihrer Genesungszeit geschickt hatte! Da waren die Verse, die sie darauf geschrieben hatte! Sogar die Tränenflecken konnte man noch sehen! Und daneben in dem Bündel war das parfümierte Duftkissen, das sie für ihn gestickt hatte, das halb aufgerissen war, ein paar Fächersäckchen und die abgeschnittenen Reste der seidenen Quaste, die sie für seinen magischen Jadestein gemacht hatte. Dsï-djüan mußte beim Sortieren der Kleider zum Lüften in einer der Kisten auf diese Andenken gestoßen sein und sie zur Sicherheit in dieses Bündel gelegt haben. Dai-yü schien die Kleider völlig vergessen zu haben. Sie stand dort mit den Taschentüchern in ihrer Hand und starrte sie wie in Trance an. Als sie die Versen las, liefen ihr Tränen über die Wangen.
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Dsï-djüan kam herein, fand Hsüä-yän dort stumm herumstehen, immer noch die in Seide eingewickelten Kleider vor sich, während auf dem Tisch neben Dai-yü das Duftkissen, zwei, drei zusammengefaltete Fächersäckchen und die Reste der Quaste lagen. Dai-yü hielt zwei gelbliche Taschentücher mit etwas Geschriebenem in der Hand und blickte sie mit Tränen an. Das ist ja, wie es im Gedicht heißt:
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Ein Mensch, gescheitert,
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tut Sinnloses.
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Auf alte Tränen
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fallen neue.
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Dsï-djüan kannte die zarten Erinnerungen zu gut, die mit jedem dieser Dinge verbunden waren. Sie dachte, Mitleid würde in diesem Moment wenig Trost bringen und versuchte es statt dessen mit einem heiteren Tadel.
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„Nun kommen Sie schon, Fräulein, welchen Sinn hat es, die Dinge so zu sehen? Sie gehören der Vergangenheit an. Sie und Herr Bau-yü waren damals Kinder. Wer weiß, was Sie alles für dummes Zeug angestellt haben! In der einen Minute fröhlich lächelnd, in der nächsten kläglich weinend. Ein Glück, daß Sie beide nun älter sind und gelernt haben, das Leben etwas ernster zu nehmen. Sie würden solche schönen Dinge wie diese doch nicht verunzieren wollen, oder?“
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Sie hatte es gut gemeint. Doch ihre Worte erinnerten Dai-yü an die alten Tage mit Bau-yü und brachen einer neuen Flut von Tränen Bahn. Dsï-djüan versuchte wieder, sie aufzuheitern:
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„Jetzt kommen Sie aber, Fräulein. Hsüä-yän wartet. Bitte suchen Sie sich etwas zum Anziehen aus.“
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Dai-yü ließ die Taschentücher fallen. Dsï-djüan hob sie geschwind wieder auf, wickelte sie mit dem Duftkissen und den anderen Dingen wieder ein und legte sie weg.
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Schließlich legte Dai-yü eine der pelzbesetzten Jacken über ihre Schultern und ging teilnahmslos in das äußere Zimmer. Sie setzte sich und sah Bau-tschais Gedicht und Brief immer noch auf dem Tisch liegen. Sie nahm sie an sich und las sie mehrere Male.
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„Das sind die gleichen Gefühle“, sagte sie zu sich selbst mit einem Seufzen, „sogar obwohl unsere Umstände verschieden sind. Ich sollte ihr etwas zur Antwort schreiben. Ich werde vier Strophen schreiben und sie mit Tönen für die Wölbbrettzither unterlegen. Dann kann man darauf spielen und singen. Morgen mache ich es fertig und schicke es ihr als Antwort.“
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Sie trug Hsüä-yän auf, ihr ihren Pinsel und Tuschereibstein zu geben, die draußen auf dem Tisch standen und nach dem Eintauchen des Pinsels in die Tusche schwang sie diesen, um zu schreiben. Als sie die vier Strophen beendet hatte, nahm sie ein Wölbbrettzither-Handbuch von ihrer Ablage und schaute es durch. Sie beschloß, eine Suite aus den zwei Melodien aus der Pfauentanz  der einsamen Orchideen und der Heiligen Tugend zu wählen. Als sie mit dem Vertonen fertig war, machte sie eine saubere Abschrift und schickte sie Bau-tschai. Dann bat sie Hsüä-yän, die dreiviertel große Zither, die sie von zu Hause mitgebracht und in einem Koffer verstaut hatte, zu holen. Sie stimmte die Saiten und machte ein paar vorläufige Fingerübungen. Ihre natürliche Begabung glich ihren Mangel an praktischer Übung aus, und es dauerte nicht lange, bis alles, was sie als Kind gelernt hatte, zurückkehrte. Nachdem sie eine Weile gespielt hatte und sah, daß es bereits spät am Abend war, bat sie Dsï-djüan, die Zither wegzuräumen und ging ins Bett. Und so müssen wir sie nun verlassen.
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Eines Tages begab sich Bau-yü, nachdem er sich zurechtgemacht hatte, wie üblich mit Bee-ming zur Schule. Auf ihrem Weg begegneten sie Mo-yü [einen anderen der Pagen-Jungen] der ihnen hüpfend mit einem breiten Grinsen im Gesicht entgegenkam und verkündete:
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„Gute Neuigkeiten, der zweite Herr! Der Lehrer<ref>Hier wie auch an anderen Stellen steht im chinesischen Original nur 太爷 (Großvater) als ehrenvolle Bezeichnung für Lehrer.</ref> ist heute nicht in der Schule und Ihr alle habt den heutigen Tag frei“ –
 +
„Meinst du das ernst?“, fragte Bau-yü. –
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„Wenn ihr mir nicht glaubt, seht selbst: sind das nicht der dritte Herr [Huan] und der junge Herr Lan dort auf ihrem Weg zurück?“
 +
Bau-yü schaute – tatsächlich, dort dann kamen ihm Djia Huan und Djia Lan mit einem Aufgebot an Pagen gerade entgegen, sie plauderten und kicherten, doch er bekam nicht mit, worüber sie sprachen. Als sie ihn sahen, hielten sie an und stellten sich mit den Armen an der Seite respektvoll hin.
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„Warum kommt ihr schon so früh aus der Schule?“, fragte sie Bau-yü.
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„Der Lehrer ist heute beschäftigt“, antwortete Huan, „und sagt, wir haben den heutigen Tag frei. Wir werden dort wie gewohnt morgen wieder zugegen sein.“
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Wie Bau-yü dies hörte, kehrte er auf der Stelle um, und als er die Neuigkeiten der Herzoginmutter und Djia Dschëng berichtet hatte, kehrte er zum Hof der Freude am Roten zurück.
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„Warum bist du wieder da?“, fragte Hsi-jën.
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Er erzählte ihr, was sich ereignet hatte, und nachdem er ein Weilchen mit ihr zusammen gesessen hatte, wollte er wieder hinausgehen.
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„Warum bist du in solcher Eile?“, fragte sie. „Nur weil du heute keine Schule hast, heißt das nicht, daß du hier herumrennen mußt. Du solltest lieber einen Ruhetag einlegen.“
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Bau-yü stoppte seinen Lauf und ließ den Kopf hängen.
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„Ich weiß, du hast Recht. Doch wann werde ich jemals wieder  eine Gelegenheit wie diesen freien Tag haben. So nutze ich ihn doch am besten, um ein bißchen zu spazieren. Hab doch Mitleid...“
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Hsi-jën sah, daß er ein so mitleidheischendes Gesicht machte, daß sie lachend nachgab:
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„Der Herr entscheidet natürlich selbst“, sagte sie.
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Währenddessen wurde das Mittagessen hereingebracht, und er mußte zum Essen bleiben. Er schlang es herunter, spülte seinen Mund aus und war fort. Schnell wie ein Windstoß eilte er zur Dai-yü. Er fand Dsï-djüan im Hof, wie sie Taschentücher zum Trocknen aufhängte.
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„Hat das Fräulein schon zu Mittag gegessen?“, fragte er.
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„Sie hat vorhin eine halbe Schüssel Reisbrei gegessen“, antwortete Dsï-djüan, „doch war sie nicht sehr hungrig. Im Moment schläft sie. Geht besser woanders hin, der zweite Herr , und kommt etwas später wieder.“
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Widerstrebend ging er und wußte nicht so recht, wohin er gehen sollte. Plötzlich fiel ihm ein, daß er Hsitschun schon seit einigen Tagen nicht mehr gesehen hatte, und begann in Richtung der Laube des Knöterichwindes zu schlendern. Als er den Hof erreichte und an einem der Fenster stand, schien alles ruhig und verlassen. Er folgerte daraus, daß auch sie ihren Mittagsschlaf hielt und nicht gestört werden wollte. Er wollte gerade gehen, da hörte er ein leises Geräusch von innen, zu ungenau, um es zu erkennen. Er stand still und hörte wieder hin in der Hoffnung, es nun deutlicher zu hören. Nach einer Weile hörte er noch einmal ein Klacken. Er überlegte immer noch, was es sein könnte, als eine Stimme sagte:
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„Warum hast du diesen Zug gemacht und nicht hier gekontert?“
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Es war ein Go-Spiel! Doch Bau-yü hatte nicht die Zeit, die Stimme des Sprechers zu ergründen. Er hörte Hsitschun antworten:
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„Wozu die Mühe? Wenn du mich da schlägst, kontere ich einfach hier, und wenn du mich wieder schlägst, kontere ich noch einmal. Ich werde trotzdem vorankommen und am Ende wieder den Anschluß bekommen.“ –
 +
„Und wenn ich dich hier schlage?“ –
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„Ohje!“, rief Hsitschun. „Du hast einen Ersatzplan im Ärmel. Darauf war ich ja gar nicht vorbereitet.“
 +
Die Stimme des anderen Mädchen war so vertraut! Doch noch erkannte er sie nicht. Es war keine seiner Kusinen, da war er sicher. Aber Hsi-tschun würde sich kaum mit einem Außenstehenden amüsieren. Den Türvorhang vorsichtig beiseite schiebend, spähte er hinein. Der GoPartner war niemand anders als die Ordensschwester des Klosters Gefangenes Grün, die jenseits der Schwelle wohnende Miau-yü. Er wagte nicht, weiterzugehen. Miau-yü und Hsi-tschun waren so in ihr Spiel vertieft, daß sie nicht bemerkten, wie sie beobachtet wurden. Bau-yü stand weiter dort und schaute sie an. Miau-yü lehnte sich über das Brett und sagte zu Hsitschun:
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„Willst du diese ganze Ecke verlieren?“ –
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„Natürlich nicht! Diese Ecke ist absolut sicher. All deine Figuren sind doch ‚tot‘ oder nicht?“ –
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„Bist du sicher? Zieh herüber und versuche es.“ –
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„Nun gut. Es ist mein Zug. Jetzt laß uns sehen, was du tun kannst.“
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Ein Lächeln zeichnete sich in Miau-yüs Gesicht ab. Sie plazierte ihre nächste Figur so,  daß sie es mit einer verbinden konnte,  die  bereits an dieser
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Ecke des Brettes stand, stützte sich dann auf eine von Hsitschuns Figuren und vernichtete die ganze Ecke. Sie lachte:
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„Das nennt man ‚Bauernopfer‘!“
 +
Bevor Hsitschun Zeit zum Antworten fand, brach ihr unbeobachteter Beobachter, der sich nicht mehr beherrschen konnte, in schallendes Gelächter aus. Die beiden Mädchen blickten erschrocken auf.
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„Was fällt dir ein, hier einfach herumzuschleichen, ohne ein Wort zu sagen?“, rief Hsitschun. „Was für eine unmögliche Art sich zu benehmen, wirklich! Wie lange warst du schon da?“ –
 +
„Ich kam gerade herein, als du anfingst, diese Ecke zu spielen. Ich mußte doch abwarten.“
 +
Er beugte sich zu Miau-yü.
 +
„Seid gegrüßt, ehrwürdige Schwester!“, sagte er mit einem Lächeln. „Wozu dieser seltene Ausflug aus den mystischen Portalen von Dsën? Welches Karma führt dich heute in irdische Gefilde?“
 +
Sie errötete bis über beide Ohren, sagte nichts, senkte ihren Kopf und blickte auf das Go-Brett. Bau-yü sah, daß er sie in Verlegenheit gebracht hatte und fuhr in einem lockeren Ton fort.
 +
„Im Ernst“, sagte er mit einem reizenden Lächeln, „wie kann man Normalsterbliche mit jenen vergleichen, die, wie du, der Welt entsagt haben? An erster Stelle hast du inneren Frieden erreicht. Und mit dem Frieden kommt eine tiefe Geistigkeit. Und mit der Geistigkeit die klare Einsicht...“
 +
Während er sprach, erhob Miau-yü ihren Blick und schaute ihn an. Dann blickte sie wieder nach unten und errötete noch mehr. Bau-yü merkte, daß sie absichtlich versuchte, ihn zu ignorieren und setzte sich ungeschickterweise mit an den Tisch. Hsitschun wollte das Spiel fortsetzen, nach einer Pause sagte auch Miau-yü: „Laß uns weiterspielen.“
 +
Sie erhob sich, richtete ihr Kleid her und setzte sich wieder. Dann fragte sie, an Bau-yü gewandt, mit einer komischen Stimme: „Wo kommst du her?“
 +
Es war eine große Erleichterung für Bau-yü, daß sie überhaupt mit ihm sprach, denn er konnte sein Versehen von vorhin kaum wiedergutmachen. Doch dann fiel ihm ein, daß ihre Frage nicht ganz so ernst gemeint war, wie sie klang. War das eine ihrer Dsën<ref>Gemeint ist die mit dem Titel ‚Tschan’ (Pinyin: Chan) verstandene Richtung des chinesischen Buddhismus. Im Japanischen wurde sie mit ‚Sën’ (Hepburn: Zen) übersetzt. Im westlichen Sprachgebrauch hat sich mittlerweile die Bezeichnung ‚Zen-Buddhismus’ durchgesetzt. Vgl. Fußnote in Kapitel 22.</ref>-Eigenarten? Er saß dort sprachlos und mit rotem Gesicht. Miau-yü lächelte und drehte sich zu Hsitschun hin. Hsitschun lächelte auch.
 +
„Der zweite Vetter“, sagte sie, „was ist so schwer daran? Kennst du nicht die Redensart ‚Ich komme, woher ich komme‘? Der Farbe deines Gesichtes nach zu urteilen, sitzt du hier unter Fremden. Sei nicht schüchtern!“
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Miau-yü schien das sehr persönlich zu nehmen. Sie erfuhr eine seltsame Rührung der Gefühle, und ihr Gesicht wurde heiß. Sie wußte, daß sie wieder errötete und war sehr verwirrt. Sich erhebend sagte sie:
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„Ich bin sehr lange hier gewesen. Ich sollte mich lieber auf den Weg zurück zum Tempel machen.“
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Hsitschun wußte um die Besonderheit von Miau-yüs Charakter und drängte sie nicht zu bleiben. Sie begleitete sie gerade nach draußen, als Miau-yü lachte und sagte:
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„Ich war so lange nicht mehr hier, um dich zu sehen, und der Weg nach Hause ist voller Kurven und Abzweigungen. Ich fürchte, ich könnte mich verirren.“ –
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„Erlaube mir, dich zu führen!“, erklärte sich Bau-yü sofort bereit.
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„Das wäre eine große Ehre“, antwortete sie, „bitte geh vor, der zweite Herr!“
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Beide verabschiedeten sich von Hsitschun und verließen die Laube des Knöterichwindes. Ihr gewundener Weg führte sie in die Nähe der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß und, als sie sich ihr näherten, waren Klänge von Musik in der Luft.
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„Das ist eine Zither“, sagte Miau-yü, „ich frage mich, woher das kommt?“ –
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„Kusine Lin muß sie in ihrem Zimmer spielen“, antwortete Bau-yü.
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„Wirklich? Ist das eine weitere ihrer Fähigkeiten? Sie hat es nie erwähnt.“
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Bau-yü wiederholte, was Dai-yü ihm erzählt hatte.
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„Sollen wir ihr dabei zusehen?“, schlug er vor.
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„Du meinst zuhören, nehme ich an?“, sagte Miau-yü. „Man hört einer Zither zu. Man sieht ihr nicht zu.“ –
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„Da hast du es!“, sagte Bau-yü schmunzelnd. „Ich sagte, ich bin nur ein Normalsterblicher.“
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Sie hatten einen kleinen Steingarten bei der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß erreicht. Sie setzten sich, lauschten in Ruhe, berührt von der Melancholie der Melodie. Dann begann eine leise Stimme zu singen:
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Der Wind weht, und tiefer wird
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der Hauch des Herbstes.
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Fern ist mein lieber Schatz,
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tausend Meilen fern.
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Voller Trauer bin ich,
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schaue aus nach der Heimat
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– einsam auf dem Balkon –
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und weiß nicht, wo sie ist.
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Die Tränen fließen.
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Nach einer kurzen Pause ging das Lied weiter:
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Berge und Seen liegen weit.
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Durch mein Fenster scheint klar der Mond.
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Dem Schlaflosen leuchtet
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- verstreuter Nebel – die Milchstraße.
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Dünn zittert – wie Tau in kaltem Wind –
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um mich mein Kleid.
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Es gab eine weitere kurze Pause. Miau-yü sagte:
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„Die erste Strophe hat das Thema ‚traurig‘, die zweite ‚Licht‘. Hören wir weiter.“
 +
Sie sang:
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Das Schicksal sagt 'Nein' zu deiner Freiheit, 
 +
hält dich gefangen,
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mich aber schlägt es mit Sorgen.
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Du verstehst mich,
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Ich gedenke der Taten der Ahnen,
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Richtschnur meiner Tugend.
 +
„Das muß wieder eine Strophe gewesen sein“, sagte Miau-yü, „wie tragisch es ist!“ –
 +
„Ich kenne mich mit Musik nicht aus“, sagte Bau-yü, „doch so wie sie sang, fand ich es sehr traurig.“
 +
Es gab eine weitere Pause und dann hörten sie Dai-yü ihre Zither stimmen.
 +
„Ihr B-Ton ist zu hell“, kommentierte Miau-yü.
 +
Der Gesang begann wieder:
 +
Oh! Dies Staubteilchen, menschliche Seele,
 +
spielt seine Rolle vorherbestimmt.
 +
Warum soll ich dem Rad des Karmas zuschauen,
 +
voll Kummer? Wie könnte mein armes Herz
 +
aufsteigen zum Himmel?
 +
Wie dem Mond begegnen?
 +
Miau-yü wurde bleich vor Schreck, als sie dies hörte.
 +
„Hör’ doch nur, wie sie plötzlich die hellere vierte hier benutzt! Mit ihrer Intonation kann sie Bronze und Gestein zerschmettern! Das ist viel zu stark gespannt!“ –
 +
„Was meinst du damit, zu stark gespannt?“, fragte Bau-yü.
 +
„Das kann beim Anschlagen der Saite nicht lange gutgehen.“
 +
Als sie sprachen, hörten sie auf einmal einen Knall, und die B-Ton-Saite riß. Miau-yü stand sofort auf und ging los.
 +
„Was ist los?“, fragte Bau-yü.
 +
„Das wirst du bald herausfinden. Bitte, sprich nicht mehr darüber.“
 +
Sie ging weg und ließ Bau-yü in einem Zustand der Verwirrung zurück. Schließlich ging auch er nach Hause. Reden wir nicht mehr davon.
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Miau-yü kam im Kloster Gefangenes Grün an und sah, daß die alten Ordensschwestern sie bereits am Tor empfingen. Sie schlossen das Tor hinter ihr, und sie saß eine Weile mit ihnen zusammen und las dabei die tägliche Dsën-Meditation noch einmal. Sie aßen zu Abend und danach wurden die Räucherstäbchen wieder nachgelegt.
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Sie verbeugten sich alle vor dem Schrein des Bodhisattva, und die alten Ordensschwestern gingen ihren Verpflichtungen nach, Miau-yü alleinlassend. Ihre Liege und ihre Lehne des Dsën-Bettes wurden ihr zurechtgestellt. Mit überkreuzten Beinen sitzend, kontrollierte sie erst ihren Atem und schloß die Augen. Dann, von allen gegenwärtigen Gedanken gereinigt, begann ihr Geist, in die Bereiche einer höheren Wahrheit aufzusteigen. Bis nach Mitternacht saß sie in Meditation, als sie ein Geräusch hörte, als ob sich eine große Menge von Dachziegeln bewegten. Aus Angst, es könnten Einbrecher sein, erhob sie sich von ihrer Liege und ging in die Vorderhalle. Sie schaute sich um, aber alles, was sie sehen konnte, waren Wolken, die den Himmel bedeckten, und der Mond schien so klar wie durch Wasser. Es war eine milde Nacht, und sie blieb dort eine Weile über die Balustrade gelehnt.
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Plötzlich begannen zwei Katzen auf dem Dach über ihrem Kopf zu jammern. Die Worte, die Bau-yü an diesem Nachmittag gesprochen hatte, fielen ihr blitzartig wieder ein. Sie fühlte, wie ihr Herz ungewollt raste, ihre Ohren brannten. Sie versuchte, sich wieder zu fassen, ging zurück in den Meditationsraum und setzte sich wieder auf ihre Liege. Ihre Anstrengungen waren umsonst. Etwas überwältigte sie. Sie fühlte zehntausend Pferde durch ihren Kopf galoppieren. Die Liege schien hin- und hergeschüttelt zu werden, und ihr Körper schien die Einsiedelei zu verlassen. Sie war umgeben von einer Handvoll junger Adeliger, die alle um ihre Hand anhielten. Ehestifter drängten sie gegen ihren Willen in einen Hochzeitswagen. Plötzlich bedrohte sie eine Horde Raufbolde mit Schwertern und Knüppeln. Sie schrie um Hilfe.
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Nun waren die Klosterfrauen und Ordensschwestern wieder hellwach und kamen mit Kerzen in die Halle geeilt, um nachzusehen. Sie sahen sie auf dem Boden liegen, mit ausgestreckten Armen und Schaum um den Mund. Sie erwachte aus ihrem offensichtlichen Koma, nur, um ihre Augen ins Leere starren zu lassen und mit scharlachroten Wangen auszurufen:
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„Buddha ist mein Beschützer! Faßt mich nicht an, ihr Raufbolde!“
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Alle waren zu erschrocken, um irgendetwas zu tun, und riefen: „Wach auf! Wach auf! Wir sind jetzt hier!“ –
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„Ich will nach Hause!“, antwortete Miau-yü. „Wer möchte der gute Mensch sein, mich nach Hause zu bringen?“ –
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„Aber das ist doch dein Zuhause!“
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Während die anderen weiter zu ihr sprachen, wurde eine Nonne losgeschickt, um zur Göttin der Barmherzigkeit zu beten. Sie holte den Bambushalter mit den Gebetsstäbchen unter dem Altar hervor, schüttelte sie, zog Stäbchen und trug denjenigen Text vor, in welchem der Yin-Geist der Toten des Südwest-Bereiches geschmäht wurde.
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„Natürlich!“, rief eine der anderen, als sie zurückkam: „Der Südwest-Bereich des Gartens des Großen Anblicks war ursprünglich unbewohnt, deshalb ist es wahrscheinlich, daß er über eine hohe Konzentration Yin-Geist verfügt.“
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Manche waren damit beschäftigt, eine Suppe zuzubereiten, andere brachten Wasser. Eine der Nonnen, die mit Miau-yü aus dem Süden kam und ihr deshalb näher und ergebener war als die anderen, saß bei ihr auf dem Dsën-Bett und legte den Arm schützend um sie. Miau-yü drehte ihren Kopf:
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„Wer ist da?“ –
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„Ich bin es nur.“
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Miau-yü betrachtete sie eine Weile neugierig.
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„Oh wirklich!“, rief sie, schlang ihre Arme um die Nonne und schluchzte hysterisch. „Oh du bist ja meine Mutter, wenn du mich nicht rettest, möchte ich nicht mehr weiterleben!“
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Die Nonne rief nach ihr, um sie wieder zu Sinnen zu bringen, und begann, sie sachte zu massieren. Eine Amme brachte Tee. Sie saßen zusammen,  erst  bei  Morgendämmerung  schlief  Miau-yü  endlich  ein.  Die
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Nonne schickte nach den Ärzten, verschiedene kamen und nahmen ihren Puls. Es gab ebenso viele unterschiedliche Diagnosen wie Doktoren. Exzessive Sorgen, die die Milz schädigten; entzündliches Eindringen in den Blutkreislauf; Angriff eines bösen Geistes; Kombination einer inneren Erkältung und äußeren Unterkühlung. Keine dieser Diagnosen schien überzeugend. Schließlich kam ein Arzt, dessen erste Frage nach dem Pulsfühlen war: „Hat das Fräulein Meditation praktiziert?“
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Eine alte Ordensschwester informierte ihn, daß sie regelmäßig meditiere.
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„Und ist diese Krankheit recht plötzlich letzte Nacht ausgebrochen?“ – „Ja.“ – „Zweifellos Hitze im Herzbereich aufgrund des Eindringens eines umherwandernden bösen Dämons.“ –
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„Wird sie wieder gesund?“ –
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„Glücklicherweise schien die Meditation nicht allzu weit fortgeschritten, so daß der Geist nicht zu tief in sie eindringen konnte. Sie wird sich höchstwahrscheinlich erholen.“
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Er schrieb ein Rezept für einen Kräutersud, der das Herzfeuer senken sollte. Miau-yü zeigte bereits nach einer Dosis der Medikation Zeichen der Besserung.
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Die Nachricht ihres Anfalls breitete sich schnell aus und wurde zum Stadtgespräch. „Es war vorherbestimmt, daß all diese Sittsamkeit und Religion für ein Mädchen ihres Alters zuviel war. Besonders für so ein attraktives, lebendiges Ding..., außerdem hat sie einen anständigen und empfindsamen Charakter. Irgendwann wird sie jemandem folgen und dort unterkommen und wird sich damit unter Wert verkaufen.“
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Nach ein paar Tagen ging es Miau-yü ein wenig besser. Aber ihre Konzentration schien fort zu sein, und sie fühlte sich wie in Trance.
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Hsi-tschun saß in ihrem Zimmer, als plötzlich Tsai-ping hereinkam.
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„Fräulein, haben sie gehört, was mit Schwester Miau-yü geschehen ist?“ –
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„Nein – was denn?“ –
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„Ich hörte Fräulein Hsing und Frau Dschu gestern darüber sprechen. Erinnern sie sich an den Tag, an welchem sie Go spielte? Offensichtlich hatte sie in der folgenden Nacht einen Anfall. Sie erzählte von Banditen, die sie verschleppen wollten, und ähnliche seltsame Dinge. Sie hat sich immer noch nicht erholt. Finden Sie das nicht auch merkwürdig?“
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Hsi-tschun dachte bei sich: ‚Miau-yü ist zwar rein, aber sie hat den weltlichen Kontakt noch nicht abgebrochen. Wäre ich nur in eine andere Familie geboren worden! Hätte ich nur die Freiheit, eine Ordensschwester zu werden! Ich würde niemals von bösen Geistern in Versuchung geführt. Ich weiß, ich könnte jeden schlechten Gedanken überwinden und die vollständige Loslösung von der Welt mitsamt ihren Verwirrungen erreichen.‘ - Mit diesen Gedanken erfuhr sie eine plötzliche Erleuchtung, die man so beschreiben könnte:
 +
Am Anfang, als noch kein Raum war,
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hatte kein Ding seinen Ort.
 +
Alles kommt aus der Leere,
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zur Leere kehrt alles zurück.
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Sie forderte eine Magd auf, etwas Räucherstäbchen anzuzünden, und meditierte eine Weile. Dann nahm sie ihr Go-Handbuch und begann, es durchzusehen und die Techniken so großer Go-Meister wie den alten Kung Jung und Wang Dji-hsin zu studieren. Es gab die Strategien „In Lotusblüten eingerollter Krebs“ und „Der Wellensittich schlägt den Hasen“; doch sie fand nichts davon besonders eindrucksvoll und „Tod aus den Ecken in sechsunddreißig Zügen“ fand sie schwer zu verstehen und noch schwerer zu merken. Es war die „Drachenkette der zehn galoppierenden Pferde“, die ihr Interesse weckte. Sie übte sie gerade, als sie jemanden in den Hof kommen hörte, der rief:
 +
„Tsai-ping!“
 +
Doch um zu wissen, wer dieser Besucher war, muß man zum nächsten Kapitel gehen.
  
Feststellung der Fakten: Der Angeklagte, mit registriertem Wohnsitz Nanking, zur Zeit wohnhaft in der Landeshauptstadt, verließ die Heimat am Soundsovielten des soundsovielten Monats, um in den südlichen Provinzen Geschäften nachzugehen. Wenige Tage später kehrte sein Diener nach Hause zurück mit der Nachricht, der Angeklagte sei in einen Zwischenfall ver­wickelt worden, bei welchem eine der Parteien ihr Leben verlor. Der Berufungsführer kam in aller Eile hierher, um festzustellen, daß der oben erwähnte Herr Dschang in der Tat sein Leben durch die Hand des Angeklagten verlor, doch daß es sich dabei um tödliche Körperverletzung durch Unfall und nicht um vorsätzlichen Mord durch Schläge handelte, wie zuvor behauptet.
+
== Anmerkungen ==
Widerklage: Bei der Ankunft am Bezirksgefängnis wurde der Berufungsführer Zeuge der aufrichtigsten Unschuldsbekundungen seitens des Angeklagten. Er verneinte absolut jede Feindseligkeit gegenüber Herrn Dschang, mit welchem er in der Tat vor dem fraglichen Zwischenfall nicht im geringsten bekannt war, der lediglich das Resultat einer Unstimmigkeit über einen Krug Wein war. Der Angeklagte entleerte nach einer Beschwerde den Inhalt seines Kruges auf den Boden. Genau in demselben Moment neigte sich der Verschiedene, um ein Objekt von einem angrenzenden Platz zu besorgen, rutschte dabei aus mit der unglücklichen, doch absolut unfallartigen Konsequenz, daß es eine tödliche Kollision zwischen dem Krug des Angeklagten und dem Kopf des Verschiedenen gab.
+
<references/>
Wenn Euer Ehren einsichtig wären und ihn einer gerichtlichen Befragung unterzögen, seine Qualen auf der Folterbank waren so schlimm, daß er den Vorwurf des Vorsätzlichen Mordes durch Schläge schnell gestand, was ihm das Urteil der Erdrosselung einbrachte, mit Möglichkeit der Umwandlung in Verbannung. Euer Ehren, eure große Weißheit und Gnade, sich keines Zweifels über eine versteckte Ungerechtigkeit bewußt, hat die Urteilsverkündung für die nächste Zeit verschoben. Der unter Bewachung stehende Angeklagte ist gesetzlich von einer Anrufung des Gerichts abgehalten. Der Berufungsführer wurde weiterhin von Überlegungen der Familienehre ermutigt, zu handeln, Euer Gnaden demütigst und aufrichtigst ersuchend, den Fall wieder aufzurollen und alle Parteien zu einer zweiten Anhörung einzuladen. Dies wäre eine großmütige Handlung und eine, welche die niemals endende Dankbarkeit und die lebenslange Untergebenheit des Berufungsführers und der gesamten Familie bedeuten würde.
 
Bau‑tschai kam nun zum Urteil des Richters, worin folgendes stand:
 
 
 
Stellungnahme zum Berufungsantrag
 
Es wurde eine Untersuchung des Verbrechens eingeleitet und die vernommene Aussage war überzeugend. Der Angeklagte war keiner Folter ausgesetzt, die zum Geständnis der Anklage geführt hätte: Mord durch Schläge. Sein Schuldgeständnis wurde nun offiziell in die Akten eingetragen.
 
Sie, der Berufungsführer, ein Außenstehender ohne Wissen aus erster Hand über den Fall, der sich erdreistet, diese unfundierte Widerrufung einzuleiten, sind der Mißachtung des Gerichtes schuldig. In Anbetracht mildernder Umstände in Bezug auf die Familienehre, wird man nur ihren Berufungsantrag ablehnen.
 
Berufung abgewiesen.
 
 
 
„Es gibt keine Hoffnung mehr!“, jammerte Frau Hsüä, „wir können ihn nicht mehr retten.“ –
 
„Wir haben es noch nicht fertig gelesen“, sagte Bau‑tschai, „es gibt ein P. S.“
 
Sie las weiter: „Für geheime Anweisungen, fragen sie den Jungen – dringend.“
 
Frau Hsüä wandte sich umgehend an den Jungen, der folgende Information preisgab: „Die Leute im Yamen wissen, daß unsere Familie reich ist, gnädige Frau, und Herr Hsüä Kë sagt, wir müssen familiäre Beziehungen in der Bezirkshauptstadt nutzen und eine weitere große Bestechung schicken, wenn wir eine Wiederanhörung und ein milderes Urteil erreichen wollen. Er sagt, ihr müßt schnell handeln, gnädige Frau, jeder Aufschub bedeutet weitere Beschwernis für Herrn Pan.“
 
Frau Hsüä entließ den Jungen und ging sofort wieder zu ihrer Schwester. Die Dame Wang flehte Djia Dschëng hilfesuchend an.
 
Das Weitestgehende, das Djia Dschëng vorbereitet hatte, war, jemanden zu schicken, der sich mit dem Richter ,unterhält‘. Er wies es ab, über ,finanzielle Überlegungen‘ nachzudenken. Frau Hsüä, die fürchete, daß diese Geste ohne Erfolg bleiben würde, bat Hsi-fëng, mit Djia Liän zu sprechen. Der Preis des Richters war hoch – er steigerte sich zu mehreren tausend Taels; doch am Ende erreichte man eine Übereinkunft und für Hsüä Kë war der Weg bereit, mit seinem Plan fortzuschreiten.
 
 
 
Der Fall wurde offiziell wieder eröffnet, und alle betroffenen Parteien waren wieder im Gericht versammelt, der Gemeindediener, Augenzeugen, Verwandte des Verschiedenen etc. Hsüä Pan wurde aus der Zelle herausgeführt. Der Leiter des Gerichtes verlas die Namen und der Richter bestellte den Hauptgemeindediener, um die originalen Beweise zu bestätigen. Dann wurden Frau Dschang (geborene Wang) und Dschang Er, Mutter und Onkel des Verschiedenen gerufen um auszusagen.
 
 
 
Das Berufungsverfahren. Aus: Jinyuyuan 1889b.
 
Frau Dschang begann, ihre Aussage von Schluchzen unterbrochen, „Mein Mann ist Dschang Da. Wir leben im Dorf südlich. Vater Dschang ist seit achtzehn Jahren tot. Wir hatten drei Jungen, doch der älteste und der zweite sind auch schon verstorben. Allein übrig war unser drittes Kind, aber das ist jetzt auch weg!“ (Sie schluchzte weiter.)
 
„Dreiundzwanzig wäre er dieses Jahr geworden, und er war immer noch Junggeselle. Er hat den Beruf in dieser Bar der Familie Li angenommen, um mir etwas auszuhelfen, weil unser Einkommen zu klein ist. Es muß Mittag gewesen sein, als Familie Li jemanden zu mir schickte. Der Mann sagte: ‚Dein Junge wurde erschlagen!‘ Mein armes Herz! Ich wäre fast gestorben! Ich rannte zur Familie Li, und da lag mein Junge auf dem Boden, Blut floß aus seinem Kopf, und er atmete schwer! Ich habe versucht, ihn zu fragen, was passiert war, doch er konnte nichts sagen, hat kaum geatmet und dann..., ja, dann war er weg! Wenn ich ihn nur in die Finger bekomme, diesen gottverdammten, elenden Mörder...“
 
Ein Brummen der Mißbilligung ging durch die Reihen der Gerichtsun­ter­ge­ordneten. Frau Dschang begab sich schnell zur Bank: „Alles, was ich will, ist Gerechtigkeit! Ich hatte nur noch diesen einen Sohn!“ –
 
„Nächster Zeuge – Besitzer Li Örl!“, rief der Richter entschieden.
 
„War dieser Dschang in ihrem Betrieb angestellt?“, fragte der Richter.
 
„Nicht angestellt, sondern eine gelegentlicher Aushilfe“, antwortete Li Örl.
 
„Ich sehe hier, daß sie in ihrer ursprünglichen Aussage, die bei der Untersuchung aufgenommen wurde, feststellen, daß Hsüä Pan Dschang San einen tödlichen Schlag auf den Kopf versetzte. Sagen sie mir, haben sie diesen Schlag mit eigenen Augen mitangesehen?“ –
 
„Nein, Euer Ehren. Zu dieser Zeit war ich hinter dem Tresen, im Schankraum. Ich hörte, daß einer der Gäste im Séparée Wein bestellte. Ein wenig später hörte ich, wie jemand rief: ‚Hilfe, jemand ist verletzt‘, ich rannte dorthin und sah Dschang San auf dem Boden liegen. Er konnte nicht sprechen. Ich informierte den Gemeindediener und schickte jemanden, der es Frau Dschang mitteilte. Ich habe keine Ahnung, wie der Streit angefangen hat. Da saß ein junger Mann bei Herrn Hsüä am Tisch, Euer Ehren. Vielleicht verfügt er über die notwendigen Informationen...“
 
„Was?“, donnerte der Richter eindrucksvoll. „In ihrer ursprünglichen Aussage steht sehr deutlich, daß sie den Zwischenfall mit eigenen Augen gesehen haben. Und jetzt wollen sie mir erzählen, sie hätten nichts gesehen?“ –
 
„Als ich meine erste Aussage machte, Euer Ehren, war ich so verwirrt, daß ich mit den Tatsachen durcheinander gekommen sein muß...“
 
Ein weiteres Brummen ging durch die Reihen.
 
„Nächster Zeuge Wu Liang!“, befahl der Richter.
 
„Sagen sie mir“, fragte der Richter, „haben sie zur Zeit des Verbrechens zusammen mit dem Angeklagten gegessen und getrunken? Wie genau vollzog sich der tödliche Schlag ? Sagen Sie die Wahrheit.“ –
 
„An dem fraglichen Tag, Euer Ehren“, antwortete Wu, „kam Herr Hsüä zu meinem Haus und lud mich freundlicherweise auf etwas zu trinken ein. Da er mit der Qualität des Weines unzufrieden war, bestellte er einen neuen Krug. Doch der Wirt, Dschang San, wollte darauf nicht hören. Dies mißfiel Herrn Hsüä und aus Protest schüttete er dem Kellner den Inhalt seines Kruges ins Gesicht. Es ging alles sehr schnell, und irgendwie muß der Krug aus Hsüäs Hand gerutscht und mit Dschangs Kopf zusammengeprallt sein. Das ist der wahre Bericht des Vorfalls, den ich mit eigenen Augen gesehen habe.“ –
 
„Unsinn!“, rief der Richter, „warum hat dann der Angeklagte selbst bei der Untersuchung zugegeben, Dschang angegriffen und ihm selbst den tödlichen Schlag versetzt zu haben? Sie haben die Aussage selbst bestätigt. Das ist Meineid! Ohrfeigt ihn!“
 
Ein bestätigender Schrei kam von der entsprechenden Abteilung des Gerichts und die Strafe sollte gerade vollzogen werden, als Wu protestierte: „Herr Hsüä hat den Streit niemals angefangen, Herr! Der Krug rutschte ihm aus der Hand und prallte mit Dschangs Kopf zusammen! Es war alles ein Unfall! Befragen sie den Angeklagten selbst! Habt Gnade!“
 
Der Richter rief Hsüä Pan herbei.
 
„Jetzt, Hsüä, zum letzten Mal, sag’ mir: was war dein Groll gegen Dschang San? Und wie ist er nun gestorben? Ich will die ganze Wahrheit!“ –
 
„Euer Ehren, ich flehe Sie an, seien Sie gnädig!“, bat ihn Hsüä Pan. „Ich erhob niemals die Hand, um diesen Mann zu schlagen. Alles was ich tat, war meinen Krug auf dem Boden zu entleeren, weil er mir nicht, wie bestellt, den Wein brachte. Bevor ich es bemerkte, war mir der Krug aus der Hand gerutscht und gegen seinen Kopf geschlagen. Ich tat alles, um die Blutung zu stillen, doch es war hoffnungslos. Der Blutverlust war so hoch, daß er innerhalb kürzester Zeit verstarb. Während der Untersuchung war ich so voller Angst vor der Folter, daß ich falsche Angaben machte. Ich bitte Euer Gnaden dementsprechend Gnade walten zu lassen!“ –
 
„Widerlicher Schuft!“, brüllte der Richter, „du hast dich bereits zu einem vorsätzlichen Anschlag schuldig bekannt. Und jetzt sagst du, du hast dich geärgert, weil er den Wein nicht wechseln wollte, und es war nichts weiter als ein unfallhafter Zusammenprall?“
 
Er machte auf diese Weise weiter mit vielem dazu passenden und lautstarken Lärmen, bedrohte Pan in der einen Minute mit der Rute und in der nächsten mit der Folterbank, wenn er nicht gestünde. Doch dieses mal verweigerte Pan ein Geständnis.
 
Der Gerichtsmediziner wurde nun herbeigerufen, um öffentlich die Ergebnisse seiner Obduktion bekannt zu geben.
 
„Wenn es Euer Ehren gefällt, ich habe die Leiche von Dschang San genaustens untersucht und finde keine Verletzungsspuren außer einer einzigen an der Kopfhaut, die durch ein Porzellanstück verursacht wurde. Die Wunde ist annäherungsweise vier Fingerbreit lang, dringt zu einer Tiefe von etwa einem halben Fingerbreit ein. Das Scheitelbein hat eine Fraktur von annäherungsweise von etwas über einem halben Fingerbreit in der Länge erlitten. Die Art der Verletzung weist zweifelsfrei auf einen unfallartigen Zusammenprall hin.“
 
Der Richter überprüfte das Zertifikat des Gerichtsmediziners, welches (wie er sehr gut wußte) von seinem Schreiber geändert worden war und forderte alle Betroffenen ohne Umschweife auf, ihre Aussagen zu unterzeichnen.
 
„Aber!“, jammerte Frau Dschang. „Was ist denn mit all den anderen Wunden? Da waren doch so viele! Der Mediziner sagte es beim letzten Mal selber, ich erinnere mich! Wo sind sie alle auf einmal?“ –
 
„Närrische Frau!“, rief der Richter. „Hier ist das Zertifikat, ordnungsgemäß unterzeichnet – sehen sie selbst.“
 
Er rief den Onkel des Toten herbei (ein etwas kooperativerer Zeuge): „Dschang Örl, werden sie dem Gericht erzählen, wie viele Wunden auf der Leiche ihres Neffen waren?“ –
 
„Nur die auf seinem Schädel, Herr“, antwortete Dschang.
 
Der Richter wandte sich an Frau Dschang: „Was für einen Beweis brauchen Sie noch?“
 
Er forderte den Gerichtsdiener auf, Frau Dschang das Zertifikat zu zeigen und wies den obersten Gemeindediener und Dschang Er an, es ihr zu erklären. Die anderen Dokumente in diesem Fall wurden nun geordnet – der Verlauf der Befragung, ordentlich beglaubigt durch die Unterzeichnungen der Anwesenden und die Aussagen der Zeugen, welche nun darin einstimmten, daß es keinen Streit gegeben habe, also keinen Angriff, also war Hsüä Pan nur schuld daran, eine tödliche Körperverletzung bei einem Unfall verursacht zu haben, ein niederer Grad des Totschlages, tilgbar durch die Zahlung eines Bußgeldes. Von den Parteien wurde gefordert, ihre Unterschrift beizuheften, oder die Urkunde damit zu versehen, Hsüä Pan war bis zur Urteilsverkündung in Haft, und Wu Liang und sein Bürge wurden freigelassen. Das Gericht vertagte sich.
 
Als der Richter ging, brach Frau Dschang in einen weiteren Anfall des Weinens und Schluchzens aus, und er trug dem Gerichtsdiener auf, sie rauszuscheuchen. Onkel Dschang versuchte auch, sie wieder zu beruhigen:
 
„Es war wirklich ein Unfall“, sagte er, „warum sollte man denn einen Unschuldigen verurteilen? Seine Ehren hat das Urteil jetzt verkündet, um Himmels willen, beruhige dich.“
 
Hsüä Kë hatte draußen gewartet und war sichtlich erleichtert zu hören, daß sein Plan gut aufgegangen war. Er schickte einen Brief nach Hause, worin stand, daß er noch bleibe, bis die Urteilsbestätigung öffentlich war und Hsüä Pans Bußgeld bezahlt war.
 
Als er später am Tag durch die Stadt ging, wurde er des Klanges einer angeregten Unterhaltung auf der Straße gewahr:
 
„Habt ihr gehört? Eine der kaiserlichen Konkubinen ist verstorben, und alle Geschäfte am Hof werden für drei Tage eingestellt. Da das kaiserliche Mausoleum nicht weit von der Stadt entfernt war, dachte Hsüä Kë bei sich, würde der Richter nun sehr beschäftigt sein, das Begräbnis vorzubereiten und die Straße mit gelber Erde für die Prozession vorzubereiten. Er würde kaum Zeit haben, über legale Mittel nachzudenken, und er selber würde durch Her­um­hängen allein nichts erreichen. So ging er ins Gefängnis und erzählte Pan, daß er für ein paar Tage nach Hause gehe. Pan war um seiner Mutter Willen sehr froh und schickte eine kurze Bemerkung, um sie rückzuversichern. „Es geht mir gut“, schrieb er, „ein paar Taels mehr in der richtigen Tasche, und ich bin zu Hause! Doch sorge bitte dafür, daß das Geld fließt!“ Hsüä Kë ließ den Jungen Li Hsiang dort und begab sich auf direktem Weg nach Hause.
 
Bei seiner Ankunft gab er seiner Tante Hsüä einen ausführlichen Bericht davon, wie dem Richter die Umdeutung von ,An­griff‘ zu ,Un­fall‘ gelungen war.
 
„Alles, was noch nötig ist“, beendete er seinen Bericht, „ist, den Dschangs etwas mehr Geld zu geben. Dann, wenn die Umdeutung  be­schlos­sen ist, wird alles vorbei sein.“
 
Frau Hsüä seufzte vor Erleichterung.
 
„Ich hatte gehofft, du könntest nach Hause kommen“, sagte sie, „ich wollte gerne hinübergehen und den Djias für alles danken, was sie getan haben, und ich dachte, es wäre nett, wenn du einen Blick auf Tante Wangs Angelegenheiten werfen und etwas Zeit mit den Mädchen verbringen könntest. Durch den Tod der Konkubine Dschou ist die Familie alle Tage außer Haus, und sie müssen zu Hause sehr einsam sein. Ich konnte noch nicht gehen, weil keiner hier war, der solange die Oberaufsicht übernimmt.“ –
 
„Das Seltsame ist, daß ich auf meinem Weg hierhin hörte, daß es eine Djia-Konkubine war, die verstorben sei“, sagte Hsüä Kë. „Deswegen kam ich in solcher Eile zurück – obwohl ich sagen muß, daß es mir schwer fiel, es zu glauben, weil es unserer Yüän-tschun doch gut geht.“
 
„Sie war eine Weile krank“, antwortete Frau Hsüä, „doch sie erholte sich, und ich habe seitdem nichts mehr von ihrer Krankheit gehört. Dennoch ist es merkwürdig: Die Herzoginmutter fühlte sich einige Tage zuvor nicht wohl, und immer, wenn sie ihre Augen schloß, hatte sie eine Vision von der kaiserlichen Nebenfrau. Zuerst war jeder sehr betroffen, und sie schickten sogar jemanden zum Hof, um sich zu erkundigen, doch ihnen wurde gesagt, daß die kaiserliche Nebenfrau bei guter Gesundheit sei: Dann, vor drei Tagen am Abend, sagte die Herzoginmutter plötzlich laut: ‚Warum ist die kaiserliche Nebenfrau diesen ganzen Weg allein gegangen, um mich zu sehen?‘ Diesmal schrieben sie es ihrer Krankheit zu und nahmen es nicht ernst. ‚Wenn du mir nicht glaubst,‘ sagte die Herzoginmutter, ‚laß mich dir sagen, was die kaiserliche Nebenfrau sagte: Wohlstand kann sehr schnell aufgebraucht sein; halte es zurück, halte es zurück, bevor es zu spät ist.‘ Sie dachten, sie würde bloß phantasieren – es war eben etwas, womit eine Dame ihres Alters sich schließlich noch beschäftigt – und schenkten dem keine Aufmerksamkeit. Du kannst dir die Panik am nächsten Morgen nicht vorstellen, als sie jemanden vom Hof sagen hörten, daß eine der Konkubinen ernsthaft krank sei und alle betitelten Familienmitglieder sich im Palast versammeln sollten! Sie waren in einem schlimmen Zustand, als sie aufbrachen! Doch bevor sie noch den Palast verlassen hatten, hörten wir, daß es die Konkubine Dschou war. Es ist merkwürdig, findest du nicht auch, daß das Gerede, das du hörtest, der Vorahnung der Herzoginmutter gleicht?“ –
 
„Die Öffentlichkeit vermischt die Tatsachen oftmals“, kommentierte Bau‑tschai, „und unsere Familienmitglieder sind wegen der ganzen Angelegenheit so überempfindlich, daß sie nur die Worte ‚kaiserliche Nebenfrau‘ hören müssen, um zu den schlimmsten Schlußfolgerungen zu gelangen. Doch meistens stellt es sich als falscher Alarm heraus. Während der letzten Aufregung unterhielt ich mich gerade mit zweien der Mägde und älteren Dienstmädchen der kaiserlichen Nebenfrau, und sie verrieten mir, daß sie die ganze Zeit gewußt hätten, daß es die kaiserliche Nebenfrau gar nicht gewesen sein kann. Ich fragte eine von ihnen, wie sie sich da sicher sein könnten, und sie erzählten mir von etwas, das vor einigen Jahren geschehen war.
 
„Es war der erste Monat des Jahres und da war ein Wahrsager aus einer der Provinzen nahe der Provinzhauptstadt hier, welcher der Familie auf Grund seiner Genauigkeit empfohlen wurde. Die Herzoginmutter gab Anweisungen, daß einige der Mägde die Acht Stämme und Zweige der kaiserlichen Nebenfrau in Erfahrung bringen sollten, damit sie den Mann nach ihrer Zukunft fragen könnten. Er wählte ihre sofort aus. ‚Hier muß ein Fehler vorliegen‘, sagte er. ‚Ich sehe, daß die junge Dame am ersten Tag des ersten Monats geboren wurde. Wenn Stamm und Zweig ihrer Geburtsstunde richtig wären, sollte sie eine Person von hohem Rang sein und keine Angehörige dieses normalen Haushaltes.‘ Herr Dschëng und die anderen drängten ihn, ungeachtet der Richtigkeit der Geburtsstunde ein Horoskop zu werfen, also fuhr er fort:
 
„Das zyklische Jahr Jia Shen (Holz + Metall), der Erste Monat Bing Yin (Feuer + Holz). In diesen vier Zeichen sind Verlust von Reichtum und Niedergang im Beamtentum beide präsent. Obwohl das Jahr den Zweig Shen Rang und Wohlstand zeigt, ist es nicht ihr Schicksal, innerhalb des Haushaltes erhoben zu werden, die Aussicht in diesem Zweig ist nicht unbedingt günstig. Der Tag Yi Mau (Holz + Holz), Frühlingsanfang, da steht Holz im Zenit. Hier gibt es einen Konflikt, eine Konfiguration von Ebenbürtigem. Dadurch wird die Person erhöht, so wie feines Holz nur als Instrument wahrer Größe verarbeitet wird, wenn es die Axt berührt. Die Stunde Stamm Xin (Metall) zeigt Adel an, während die Stunde Zweig Sï (Feuer) auf Rang und Glück verweist, dieses Mal ist der Zenit bekannt als Ein glückliches Pferd reitet in den Himmel. Die Tagesverbindung zeigt höchsten Rang und daß die Kräfte des Himmels und des Mondes Vorsitz über ihr Schicksal haben. Sie wird mit einer Residenz im Kaiserlichen Schlafgemach beglückt. In dieser Stunde sind Stamm und Zweig korrekt, bei dieser Person muß es sich um eine kaiserliche Konkubine handeln.“ –
 
„Wie die Magd sagte“, fuhr Bau-tschai fort, „paßte das Horoskop perfekt zur kaiserlichen Nebenfrau. Sie erinnerten sich auch an den Schlußteil: ‚Ach!‘ sagte er, ‚solche günstigen Winde sind leider nicht von Dauer. Wenn der Hase dem Tiger begegnet und Holz auf Holz trifft, in einem Mau Monat eines Yin Jahres, werden ihre Ebenbürtigen sie überstrahlen, der Niedergang wird seinen Tiefpunkt erreichen und das feine Holz, das zu lange geschnitzt wird, wird sein Wesen und seine Stabilität verlieren.“ Obwohl die Familie in ihrer Panik alles über die letzte Vorhersage vergaß, erinnerte sich die Magd daran, sie sagte zu Vetter Wan, „dies ist kein Yin-Jahr, und es ist nicht der Monat Mau, also kann es nicht die kaiserliche Nebenfrau sein!“
 
Bau-tschai war kaum am Ende, als Hsüä Kë ausrief: „Vergiß die Djias für einen Moment; wenn es hier einen so guten Wahrsager gibt, warum befragen wir ihn nicht über Pan? Vielleicht kann er uns verraten, welche böse Kraft seinen Weg durchkreuzt hat und ihm dieses Jahr so viel Unglück brachte? Gib mir Pans Stamm und Zweige, und ich werde gehen und herausfinden, ob die Zukunft noch mehr Rückschläge dieser Art für ihn bereit hält.“ –
 
„Der Wahrsager kam aus einer der Provinzen. Wer weiß, wo er jetzt in der Hauptstadt ist?“, erwiderte Bau-tschai.
 
Während der Unterhaltung hatten sie bereits begonnen, Frau Hsüäs Sachen zu packen. Frau Hsüä ging hinüber zur Hauptvilla und sah, daß, wie erwartet, Li Wan, Tan‑tschun und die Mädchen ganz allein dort waren. Sie hießen Frau Hsüä willkommen und fragten, wie es Hsüä Pan ginge. Sie waren sichtlich erleichtert, als sie ihnen erzählte, daß er außer Gefahr sei und nur noch auf die Bestätigung seines Urteils warte, in dem keine Todesstrafe zu erwarten sei.
 
„Mutter meinte gestern abend nur“, sagte Tan‑tschun, „daß du dich früher immer darum gekümmert hast, wenn zuhause etwas danebenging. Doch dieses Mal hast du selbst Probleme. Es ist schwer, darüber zu sprechen. Wir waren selbst sehr besorgt.“ –
 
„Ich war zuhause sehr traurig deshalb“, antwortete Frau Hsüä, „Pan hat solche Probleme erwischt. Euer Vetter Ke war fort, um sich um Pans Angelegenheiten zu kümmern. Bau-tschai ist ja als Frau alleine zuhause, wie soll sie das denn machen. Außerdem kennen wir Frauen, Mutter und Tochter, uns nicht so aus in der großen Welt, konnten einfach nicht die ganze Kraft dem widmen. Der einzige Grund, weshalb Ke nach Hause kommen und mich jetzt ablösen konnte, ist, daß der Richter für einige Tage beauftragt ist, die Vorbereitungen für die Beerdigung der Dschou Konkubine zu treffen und deshalb voreilig die Sache beendet hat.“ –
 
„Wir wären sehr froh, wenn du ein oder zwei Tage bleiben könntest“, sagte Li Wan.
 
Frau Hsüä nickte.
 
„Ich würde sehr gern hierbleiben und euch Mädchen Gesellschaft lei­sten. Das einzige, was mich bekümmert, ist, daß Bau‑tschai sich ohne mich bestimmt einsam fühlt.“ –
 
„Warum fragst du sie nicht, ob sie nicht auch zu uns kommen möchte?“, schlug Hsi‑tschun vor.
 
Frau Hsüä mußte etwas lachen, „ach, das könnte ich nicht machen.“ –
 
„Aber warum denn nicht? Sie hat hier doch mal gewohnt, oder nicht?“
 
Li Wan antwortete für Frau Hsüä: „Ihr versteht nicht. Das ist nicht mehr dasselbe. Zur Zeit sind sie sehr beschäftigt, deshalb kann sie nicht kommen.“
 
Hsi‑tschun nahm an, daß dies der wahre Grund für Bau-ts­chais Abwesenheit war und fragte nicht weiter nach.
 
Während sie miteinander sprachen, kehrten die Herzoginmutter und der Rest der Familie von ihrem Beileidsbesuch zurück. Als sie sahen, daß Frau Hsüä da war, wurden alle vorbereitenden Höflichkeiten für dieses Mal unterlassen und jeder wollte das Neueste über Pans Angelegenheiten wissen. Frau Hsüä erzählte ihnen die ganze Geschichte. Bau-yü war dabei und horchte auf, als Djiang Yü‑hans Name erwähnt wurde. Obwohl er dachte, daß es nicht ratsam sei, vor den anderen so viel Interesse zu zeigen, fragte er sich insgeheim, warum sein alter Schauspielfreund nicht bei ihm vorbeigeschaut hatte, wenn er schon zurück in der Hauptstadt war. Als er dann bemerkte, daß Bau-tschai ihre Mutter nicht begleitet hatte, versuchte er sich vorzustellen, was sie nur zu Hause halten könnte. Als er wie erschlagen vor sich hingrübelte, kam Dai-yü unerwartet zur Begrüßung, seine Gedanken über Bau-tschai wurden von ihrem Auftauchen unterbrochen. Bau-yü wurde wieder fröhlicher. Er leistete Dai-yü Gesellschaft und blieb bis zum Abendbrot mit den anderen bei der Herzoginmutter. Nach dem Essen kehrte jeder in seine entsprechende Wohnung zurück, mit Ausnahme von Frau Hsüä, welche die ganze Nacht über im Gästezimmer der Herzoginmutter blieb.
 
Bau-yü ging zurück zum Roten Hof der Freude und entledigte sich seiner Ausgehkleidung, als er sich plötzlich an das rote Halstuch erinnerte, das Djiang Yü‑han ihm einst geschenkt hatte.
 
„Erinnerst du dich an das dunkelrote Halstuch, das ich dir gegeben habe?“, fragte er Hsi-jën. „Das, welches du nicht tragen wolltest? Hast du es noch?“ –
 
„Ich habe es hier irgendwo hingelegt. Warum fragst du?“ –
 
„Ach, ich überlegte nur.“ –
 
„Hast du nicht gehört, in welchen Ärger auf Leben und Tod Herr Hsüä Pan geraten ist, und das nur, weil er mit solchem Gesindel befreundet ist! Wirst du es nie lernen? Hast du nicht mehr Verstand, daß du so etwas anstellen mußt? Wende deine Kraft lieber auf deine Studien! Schiebe solche unwichtigen Sachen lieber beiseite.“ –
 
„Also wirklich! Ich bin hier nun wirklich nicht in solchen Ärger ver­wickelt! Ich habe nur daran gedacht, das ist alles. Ich konnte doch nicht ahnen, ob du es noch hast oder nicht. Hätte ich gewußt, daß du mir eine Predigt halten würdest...“
 
Hsi-jën lächelte: „Ich halte dir keine Predigt. Es ist nur, daß jeder, der Verstand hat, versucht, in der Welt voranzukommen. Wenn dein Liebling daher kommt, möchtest du doch sicher einen guten Eindruck machen?“ –
 
„Meine Güte!“, rief Bau-yü, „ich erinnere mich! Bei Großmutter war so ein Trubel, da hatte ich nicht die Gelegenheit, mit Kusine Dai-yü zu sprechen, und sie hat mich auch nicht angesprochen. Sie war vor mir gegangen, sie ist vielleicht gerade jetzt zu Hause. Ich bin sofort wieder da.“
 
Und schon war er fort.
 
„Komm schnell wieder!“, rief Hsi-jën ihm nach. „Jetzt ist es passiert! Ich mußte ja damit anfangen, und dann kommst du plötzlich darauf!“
 
Bau-yü antwortete nicht, setzte eine störrische Miene auf, senkte den Kopf und begab sich auf direktem Wege zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß. Bei seiner Ankunft fand er Dai-yü an ihrem Tisch in einem Buch blätternd.
 
„Bist du schon lange zurück, Kusine?“, fragte er, ging dabei hinüber und stellte sich neben sie.
 
„Da du mich nicht beachtet hast“, sagte sie mit zurückkehrendem Lächeln, „gab es für mich keinen Grund, länger zu bleiben...“
 
Er lachte.
 
„Alle haben sofort angefangen zu reden, und ich kam gar nicht zu Wort.“
 
Auf die aufgeschlagene Seite vor ihr blickend, fand Bau-yü heraus, daß er nicht ein einziges Zeichen darauf verstand. Manche schienen ihm bekannt, wie die Zeichen für Pfingstrose und unermeßlich; doch bei näherem Hinsehen fiel ihm auf, daß auch diese etwas verändert waren. Da war das Zeichen für Haken, mit einer fünf darin und einer neun und groß darüber; und da war eine fünf neben einer sechs, mit Holz darunter und einer anderen fünf ganz unten. Das war alles sehr verwirrend.
 
„Du mußt schon sehr fortgeschritten sein, wenn du diese abstrusen Hieroglyphen entziffern kannst!“, sagte er.
 
Dai-yü gab ein kleines „Thhh!“ von sich.
 
„Was für ein Gelehrter, du kannst ja nicht einmal Noten lesen, die hier sind für die Wölbbrettzither.
 
„Noten? Die kenne ich natürlich. Doch warum kenne ich keines der Zeichen? Weißt du, was sie bedeuten?“ –
 
„Wenn ich die nicht kennen würde, wieso würde ich sie dann lesen...“ –
 
„Wirklich? Ich glaube das nicht. Ich habe noch nie gehört, daß du spielst. Wußtest du von den Wölbbrettzithern, die an der Wand in der Hauptbibliothek hängen? Da gibt es einige. Ich erinnere mich an das vorletzte Jahr, als Vater mit einem Zitherspieler befreundet war – Antiquar­ Dji wurde er genannt, glaube ich. Vater bat ihn, ein Stück zu spielen, doch wie er die Instrumente ausprobierte, sagte er, man könne mit keinem von ihnen spielen. Weiterhin sagte er, wenn Vater ihn wirklich spielen hören wolle, würde er an einem anderen Tag mit seinem eigenen Instrument wiederkommen. Doch er kam nicht mehr. Er muß sich entschlossen haben, daß Vater auch nichts davon versteht. Wie konntest du dein Licht die ganze Zeit unter den Scheffel stellen und das geheim halten?“ –
 
„Oh nein“, antwortete Dai-yü, „ich bin gar nicht gut. Es war nur so, daß ich vor ein oder zwei Tagen, als ich mich ein wenig besser fühlte, durch mein Bücherregal schaute und auf dieses alte Zither-Handbuch stieß. Es erschien mir sehr interessant und faszinierte mich beim Lesen. Es begann mit einem sehr eingängigen Vorwort über die Theorie der Zither, und dann führte es die praktische Methodik sehr klar und verständlich aus. Ich erkannte, daß das Zither-Spielen eine Form der Meditation ist und uns die spirituelle Energie den Ahnen näherbringt.
 
„Als wir in Yangdschou  lebten, habe ich öfter das Zitherspiel gehört und es gelernt. Doch seit ich aus der Übung bin, ist es, wie man sagt, ‚drei Tage nicht gespielt, und es wachsen Stacheln aus der Hand‘. Vor ein paar Tagen habe ich ein paar Zitherlieder gefunden, nur mit Liedtitel, aber ohne Text und ohne Noten. Doch jetzt habe ich ein Buch voller Noten und Text gefunden, und jetzt macht es erst Sinn. Das ist sehr interessant! Natürlich, ich erkenne, daß ich der Partitur niemals gerecht werden kann. Wenn man bedenkt, was die großen Meistermusiker der Vergangenheit vermochten – wie Meister Kuang, dessen Spiel Wind und Donner herbeirufen konnte, Drachen und Phoenix! Und wenn man bedenkt, daß Konfuzius von Meister Hsiangs Musik sagte, die ersten Noten, die er je gehört habe, sei das musikalische Portrait von König Wën gewesen! Eine Rhapsodie der Berge und Flüsse zu spielen und seine innere Bedeutung mit einem befreundeten Musikliebhaber zu teilen...“
 
Dai-yü schloß die Augen und senkte langsam den Kopf.
 
Bau-yü war völlig hingerissen: „Ach Kusinchen! Wie wundervoll sich das anhört! Doch ich fürchte, daß ich diese speziellen Buchstaben immer noch nicht verstehe. Bitte zeige mir, wie man ein paar davon liest.“ –
 
„Das brauch ich dir nicht beizubringen. Wenn ich es dir einmal erkläre, verstehst du es.“ –
 
„Doch, doch, ich bin so ein Dummkopf! Bitte hilf mir! Nimm dieses Zeichen hier – alles, was ich daraus lese, ist Haken mit groß oben drauf und fünf in der Mitte.“
 
Dai-yü lachte.
 
„Das groß und neun oben bedeuten, du hältst die Saite mit dem Daumen deiner linken Hand am neunten Bund fest. Der Haken und fünf bedeuten, du hakst den Mittelfinger deiner rechten Hand vorsichtig ein und ziehst die fünfte Saite in deine Richtung. Wie du siehst, ist es nicht das, was wir ein Zeichen nennen, es ist eher eine Anhäufung von Zeichen, die dir sagen, was die nächste Note ist und wie man sie spielt. Das ist sehr leicht.
 
 
 
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Revision as of 13:46, 12 April 2026

Kapitel: 1 · 11 · 21 · 31 · 41 · 51 · 61 · 71 · 81 · 82 · 83 · 84 · 85 · 86 · 87 · 88 · 89 · 90 · 91 · 101 · 111 · ← Inhalt

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Kapitel 87

感秋声抚琴悲往事 / 坐禅寂走火入邪魔

Die Kombination aus herbstlichen Klängen und traurigen Erinnerungen inspiriert eine Zither-KompositionUnd eine Flut von Leidenschaften erlaubt einem bösen Dämon, die Heiterkeit des Dsën zu stören.

Dai-yü bat die Dienstmädchen aus dem Hause Bau-tschai herein. Nach der Begrüßung überreichte eine Magd ihr einen Brief. Dai-yü ließ sie mit den anderen Dienstmädchen Tee trinken gehen und öffnete den Brief. Er war von Bau-tschai und begann folgendermaßen: „Liebe Kusine, Es muß ein schlechter Stern über dem Tag meiner Geburt gestanden haben! Unglück verfolgt die Familie zu jeder Gelegenheit! Wir zwei Schwestern [Kusinen] sind einsam; Mutter ist in fortgeschrittenem Alter; dazu kommt der Lärm von bestialischem Gezetere, das zur Zeit aus unseren inneren Gemächern den ganzen Tag und Abend über zu hören ist; und um den Vortrag über das Familienelend zu vervollständigen, Bruder Pans kürzlicher und allerschlimmster Schlag! Oje! Wir werden in der Tat von heulendem Wind und sturzflutartigem Regen heimgesucht! Als ich nachts wach lag, mich in meinem Bett wälzend, unfähig meinen Kummer zu bewältigen, war mein einziger Trost der Gedanke an eine verwandte Seele wie die deine. Ach, liebe Kusine! Ich weiß, daß du die Last gerne mit mir teiltest, so wie du einst die Freuden des goldenen Herbstes teiltest, als Harmonie und Fröhlichkeit vorherrschten. Dann, vereint unter der Schirmherrschaft des Begonienbundes, kosteten wir Delikatessen wie Schalentiere und betrachteten Chrysanthemen. Einmal, ich erinnere mich, befragtest du die Blumen wie folgt: Wer, Weltverächter, teilt dein Versteck? Warum, von allen Blumen, blüht deine so spät? Diesen Zeilen gelingt es stets, mein Herz zu zerreißen. Sind wir beide denn nicht Chrysanthemen, die spät blühen und im sich nähernden Frost duften? Ich habe mich bemüht, eine Wehklage in vier Stanzen zu komponieren, um meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Ich bitte dich, lies es nicht als Stück Literatur, nur als einfaches Gefäß für meine Tränen. Gezeiten wechseln, und wieder einmal bringt Wechsel Herbstfrost vor uns're Tür, freudeleer. Voll Trauer und einsam - wie der Mutter Eintagslilie – ist mein Herz unruhig und sorgenvoll. Niemand enthebt mich meiner Sorgen. Wolkenballen: Vorübergetrieben von schneidenden Herbstwinden! Wohin gehe ich? Woher komme ich? Verloren habe ich meine Freude. Schweigend grüble ich meinen Gedanken nach. Der Wei-Lachs wohnt im tiefen See. Der Kranich thront auf seinem Dach. Den Fisch verbirgt sein Schuppengewand, Hummer und Krebs ihr Panzerharnisch. Den Vogel schützt sein Federkleid. Grübelnd schau’ ich ins Weite und frage mich: „Oh, Tiefen der Erde! Oh, endloser Himmel! Was bleibt nach dieser Wunde? Wer weiß es?“ Unter der funkelnden Milchstraße fühle ich eiskalte Luft hereindringen Das Mondlicht scheint schräg herunter, die Jadeuhr senkt sich in die Nacht. Mein ruheloses Herz trauert immer noch; Ich lese noch einmal diese traurige Klage, bevor ich sie dir anvertraue, meine verwandte Seele und Freundin! Dai-yü war tief bewegt. ‚Sie wußte, ich würde sie verstehen, da wir in einer ähnlichen Situation sind!‘, dachte sie bei sich, „deswegen schreibt Schwester Bau lieber mir als irgend jemand anderem.“ Sie war in traurige Gedanke versunken, als eine Stimme von draußen rief: „Ist Kusine Dai-yü zu Hause?“ Den Brief zusammenfaltend, antwortete sie in einem distanzierten Ton: „Wer ist es?“ Ihre Besucher waren bereits auf dem Weg zu ihrem Zimmer – Tantschun, [Schï] Hsiangyün und die zwei Schwestern Li Wën und Li Tji. Die Mädchen tauschten Begrüßungen aus und Hsüä-yän brachte ihnen Tee. Alle tranken und tratschten. Weil Dai-yüs Gedanken zu den “Chrysanthemen-Gedichten” vor zwei Jahren zurückkehrten, sagte sie: „Seit Kusine Bau-tschai den Garten verlassen hat, kam sie nur zwei Mal, um uns alle zusammen zu sehen. Und heute kommt sie nicht einmal vorbei, wenn sie die Gelegenheit hat. Das ist echt seltsam. Schaun wir mal, ob sie überhaupt noch einmal zu uns kommt!“ Tantschun lächelte: „Natürlich, sie will ja herkommen! Nur im Moment stehen die Dinge etwas schwierig: ihre Schwägerin ist eine sehr durchtriebene Person, die Frau [Hsüä] kommt in die Jahre und mit alten Vetter Hsüäs letztem Ärger, die Spitze von allem, muß Bau-tschai sich zu Hause um alles kümmern. Es ist nicht wie in den alten Tagen, als sie die Freiheit hatte zu tun, was sie wollte.“ Als sie sprach, hörten sie draußen plötzlich einen Windstoß und das Prasseln von fallenden Blättern gegen das Papierfenster. Ein zarter Duft strömte in den Raum. Sie überlegten alle, von welcher Blume er stammen könne. „Es ist wie die Cassiablüte“, vermutete Dai-yü. Tantschun lachte. „Immer noch eine Südländerin im Herzen! Es ist der neunte Monat, lange nach der Cassia-Zeit.“ Dai-yü lächelte. „Du hast recht. Ich sagte ja nicht, es war, sondern nur wie.. . „Egal, Tan“, warf Hsiangyün ein, „rede nicht mehr so weiter. Kennst du nicht die Zeilen: ,Der Lotusduft strömt über Meilen, die Cassia blüht bis an das Herbstende.‘ Im Süden hat es die spät blühende Cassia zur Zeit am besten. Du hast sie nur nie gesehen. Wenn du jemals die Gelegenheit bekommst, in den Süden zu reisen, wirst du sie selbst sehen können.“ – „Und was soll ich im Süden?“, entgegnete Tantschun mit einem Lächeln. „Außerdem wußte ich das alles schon lange. Das mußt du mir doch nicht noch erklären.“ Li Wën und Li Tji schwiegen und lächelten sich an. „Du hast nicht ganz recht, Tan-tschun“, sagte Dai-yü, „wir sind ‚feenhafte und leichtfüßige Erdlinge‘, das sagt das Sprichwort. Heute sind wir hier, wo sind wir morgen? Nimm mich als Beispiel. Ich bin eine geborene Südländerin, doch lebe ich hier im Norden.“ Hsiangyün klatschte in die Hände und lachte: „Gut gesagt! Schwester Lin hat gegenüber dir hier gepunktet, dritte Schwester [Tan-tschun]! Und sie ist nicht die einzige, die diese Erfahrung gemacht hat. Schau den Rest von uns an. Manche von uns sind Nordländer, dort geboren und aufgewachsen. Manche sind im Süden geboren, doch im Norden aufgewachsen. Und manche sind im Süden aufgewachsen und kamen erst später hierher. Und jetzt sind wir alle zusammen hier. Du siehst, es ist unser Schicksal. Menschen und Orte haben eine Neigung zueinander. Ihr Karma bringt sie zusammen.“ Sie alle nickten zu Hsiangyüns kleinem Diskurs, außer Tantschun, die nur lächelte. Nachdem sie noch länger miteinander geredet hatten, machten sie sich auf zu gehen. Dai-yü ging mit ihnen bis zur Tür und wäre hinausgegangen, doch die anderen rieten ihr davon ab: „Du fängst eben erst an, dich besser zu fühlen. Wenn du jetzt hinausgehst, könntest du dich erkälten.“ Also stand sie in der Tür, sagte ein paar Worte zum Abschied und schaute den vieren nach, bis sie aus dem Hof gegangen waren. Dann kam sie wieder herein und setzte sich. Die Vögel kehrten zu ihren Nestern zurück; die Sonne sank. Schï Hsiangyüns Worte über den Süden tönten ihr noch in den Ohren und Dai-yü verfiel in einen Tagtraum. Wenn ihre Eltern noch lebten... Wenn sie immer noch im Süden lebte, dieses milde Land der Frühlingsblumen und des herbstlichen Mondlichtes, des klaren Wassers und der strahlenden Berge... Wie liebend gern sie wieder dort wäre, um die vierundzwanzig Brücken [in Yangdschou] zu besichtigen und all die berühmten historischen Bauten aus sechs Dynastien [in Nanking]! Im Süden hätte sie eine Menge eigener Dienstmädchen, die auf sie warteten. Sie konnte sagen und tun, was ihr gefiel, in einem bemalten Ausflugboot fahren und in parfümierten Wagen reisen, die Felder von roten Aprikosenblüten vorübergehen sehen, die Gasthausschilder durch die Bäume erspähen... Sie wäre eine junge Dame mit ihren eigenen Rechten, kein Außenseiter, für alles von anderen abhängig. Wieviel die Djias auch für sie taten, sie fühlte stets die Dringlichkeit, sich von ihrer besten Seite zeigen zu müssen. Was hatte sie in ihrer früheren Verkörperung nur falsch gemacht, um dies einsame Dasein zu verdienen? Diese Worte wurden vom Kaiser der Südlichen Tang in der Gefangenschaft geschrieben: „Hier bade ich den ganzen Tag mein Gesicht in Tränen.“ Wie gut drückte dies ihre eigenen Gefühle aus! Ihre Seele schien in eine entfernte Region zu entschweben. Als Dsï-djüan eintrat, reichte ein einziger Blick, um den Grund für Dai-yüs ,Abwesenheit‘ zu erahnen. Sie war im Zimmer, als Hsiang-yün sprach und wußte, wie schnell Dai-yü bei der geringsten Erwähnung des Südens traurig wurde, da es ihr Herz anrührte. „Ich glaubte, du seist wieder müde, Fräulein“, sagte sie, „nach all deinen Besuchern und so vielen Gesprächen, deshalb habe ich Hsüä-yän in die Küche geschickt, um eine Chinakohlsuppe mit Schinken zu kochen. Sie sollte noch getrocknete Krabben und mit grünen jungen Bambussprossen und Seetang vermengen. Klingt das nicht gut?“ – „Doch ich vermute schon.“ – „Und etwas südländischen Brei aus Klebreis?“ – Dai-yü nickte. „Ich hätte lieber, wenn ihr beide den Reisbrei selber machtet. Laßt ihn nicht in der Küche zubereiten.“ – „Nein, Fräulein. Man kann nie sicher sein, wie sauber es in der Küche ist. Wir werden den Reisbrei selbst zubereiten. Ich habe Hsüä-yän aufgetragen, der Köchin Liu zu sagen, sie solle in der Küche besondere Acht auf die Suppe geben. Köchin Liu sagt, wir bräuchten uns nicht zu sorgen, sie wird persönlich danach sehen und sie selber zubereiten. Ihre [fünfte Tochter] Wu Er wird ein Auge darauf werfen, während sie köchelt.“ – „Das meinte ich nicht“, antwortete Dai-yü, „ich beklagte nicht, daß die Küche schmutzig sei. Es ist nur, weil ich den Leuten so lange aufgebürdet worden bin und meine Krankheit ohnehin genug zusätzlichen Aufwand bereitet hat. Mit all diesen besonderen Anweisungen für Suppe und Reisbrei fürchte ich, daß ich mich unbeliebt mache.“ – Ihre Augen glänzten leuchtend rot. „Oh Fräulein! Du stellst dir Sachen vor!“, protestierte Dsï-djüan. „Du bist die leibhafte Enkelin der gnädigen Frau, ihr eigenes Fleisch und Blut, ihr Herzstück. Um dir dienen zu dürfen, würden die Leute miteinander wetteifern. Wer würde sich denn darüber beschweren?“ Dai-yü nickte nachdenklich. „Übrigens“, fragte sie, „erwähntest du vorhin das Mädchen Wu Er, das sich gut mit Fang-guan verstand, als diese bei dem zweiten Herrn Bau war?“ – „Das ist richtig.“ – „Stimmt es, daß sie bei Herrn Bau-yü selbst den Dienst antreten wollte?“ – „Ja, das stimmt. Doch dann wurde sie krank und, als sie genesen und bereit anzufangen war, kam der ganze Ärger über Tjing-wën, und es mußte verschoben werden.“ – „Dieses Mädchen war anscheinend sehr sauber“, sagte Dai-yü. Währenddessen kam eine Amme mit der Suppe und Hsüä-yän nahm sie entgegen. „Die Köchin Liu sagt, dies wurde speziell für Fräulein Dai-yü in einem eigenen Raum von ihrer Wu-örl zubereitet“, sagte die Amme, „weil wir ja wissen, daß Fräulein das Fräulein kein unreines Essen mag.“ – Hsüä-yän versicherte, sie würde die Nachricht überbringen, und brachte die Suppe ins Zimmer. Dai-yü hatte die Unterhaltung schon mitangehört und sagte Hsüä-yän, sie solle sofort zur Amme zurückgehen und sie bitten, Frau Liu dafür zu danken. Hsüä-yän tat dies, und die alte Amme ging. Hsüä-yän legte nun Dai-yüs Schüssel und Eßstäbchen auf den Tisch. „Möchten Sie auch etwas von dem getrockneten Rübensalat, den wir aus dem Süden mitgebracht haben, Fräulein, wenn wir ihn mit etwas Sesamöl und Essig vermengen?“ – „Wenn du magst. Doch mach’ dir nicht zuviel Umstände!“ Hsüä-yän füllte ihre Schüssel mit Reisbrei. Dai-yü aß die Hälfte und trank ein paar Löffel von der Suppe. Sie legte ihren Löffel hin, und die zwei Mägde brachten die Sachen fort und säuberten den Tisch, welchen sie dann entfernten und durch den ersetzten, der gewöhnlich dort stand. Dai-yü spülte ihren Mund aus und wusch sich die Hände. „Dsï-djüan, hast du etwas Räucherstäbchen in das Kohlebecken gelegt?“ – „Das wollte ich eben tun, Fräulein.“ – „Du und Hsüä-yän nehmt euch von der Suppe und dem Reisbrei. Sie sind gut und gesund. Ich schaue nach den Räucherstäbchen.“ – Die Mägde begaben sich in ein äußeres Zimmer, um zu essen. Dai-yü legte etwas Räucherstäbchen nach und setzte sich hin. Sie wollte sich eben ein Buch zum Lesen nehmen, als ihre Aufmerksamkeit plötzlich von der Melancholie des Windes, der draußen durch die Bäume heulte, ergriffen wurde. Ein langer Seufzer schwebte von einem Ende des Gartens zum anderen. Das Metallglockenspiel in Pferdeform unter dem Dachvorsprung begann zu erklingen. Hsüä-yän war als Erste mit der Suppe fertig und kam herein, um zu sehen, ob Dai-yü irgend etwas fehlte. „Es wird kälter“, sagte Dai-yü, „wurden die pelzgefütterten Jacken schon gelüftet – die, welche ich dich letztens bat, herauszuholen?“ – „Ja, Fräulein.“ – „Bringst du sie mir her? Ich würde mir gerne etwas Warmes überziehen.“ Hsüä-yän ging hinaus und kehrte mit einem Bündel Pelzkleider, eingewickelt in Seide, zurück. Sie wickelte sie aus und hielt die Kleider vor Dai-yü, damit sie sich welche aussuchen konnte. Dai-yü bemerkte unter den Kleidern noch ein weiteres kleines Bündel, das in Seide gehüllt war. Sie streckte ihre Hand aus, um es zu nehmen, und wickelte es aus. Darin fand sie ein Paar seidener Taschentücher. Sie erkannte sie als jene, welche Bau-yü ihr heimlich während ihrer Genesungszeit geschickt hatte! Da waren die Verse, die sie darauf geschrieben hatte! Sogar die Tränenflecken konnte man noch sehen! Und daneben in dem Bündel war das parfümierte Duftkissen, das sie für ihn gestickt hatte, das halb aufgerissen war, ein paar Fächersäckchen und die abgeschnittenen Reste der seidenen Quaste, die sie für seinen magischen Jadestein gemacht hatte. Dsï-djüan mußte beim Sortieren der Kleider zum Lüften in einer der Kisten auf diese Andenken gestoßen sein und sie zur Sicherheit in dieses Bündel gelegt haben. Dai-yü schien die Kleider völlig vergessen zu haben. Sie stand dort mit den Taschentüchern in ihrer Hand und starrte sie wie in Trance an. Als sie die Versen las, liefen ihr Tränen über die Wangen. Dsï-djüan kam herein, fand Hsüä-yän dort stumm herumstehen, immer noch die in Seide eingewickelten Kleider vor sich, während auf dem Tisch neben Dai-yü das Duftkissen, zwei, drei zusammengefaltete Fächersäckchen und die Reste der Quaste lagen. Dai-yü hielt zwei gelbliche Taschentücher mit etwas Geschriebenem in der Hand und blickte sie mit Tränen an. Das ist ja, wie es im Gedicht heißt: Ein Mensch, gescheitert, tut Sinnloses. Auf alte Tränen fallen neue. Dsï-djüan kannte die zarten Erinnerungen zu gut, die mit jedem dieser Dinge verbunden waren. Sie dachte, Mitleid würde in diesem Moment wenig Trost bringen und versuchte es statt dessen mit einem heiteren Tadel. „Nun kommen Sie schon, Fräulein, welchen Sinn hat es, die Dinge so zu sehen? Sie gehören der Vergangenheit an. Sie und Herr Bau-yü waren damals Kinder. Wer weiß, was Sie alles für dummes Zeug angestellt haben! In der einen Minute fröhlich lächelnd, in der nächsten kläglich weinend. Ein Glück, daß Sie beide nun älter sind und gelernt haben, das Leben etwas ernster zu nehmen. Sie würden solche schönen Dinge wie diese doch nicht verunzieren wollen, oder?“ Sie hatte es gut gemeint. Doch ihre Worte erinnerten Dai-yü an die alten Tage mit Bau-yü und brachen einer neuen Flut von Tränen Bahn. Dsï-djüan versuchte wieder, sie aufzuheitern: „Jetzt kommen Sie aber, Fräulein. Hsüä-yän wartet. Bitte suchen Sie sich etwas zum Anziehen aus.“ Dai-yü ließ die Taschentücher fallen. Dsï-djüan hob sie geschwind wieder auf, wickelte sie mit dem Duftkissen und den anderen Dingen wieder ein und legte sie weg. Schließlich legte Dai-yü eine der pelzbesetzten Jacken über ihre Schultern und ging teilnahmslos in das äußere Zimmer. Sie setzte sich und sah Bau-tschais Gedicht und Brief immer noch auf dem Tisch liegen. Sie nahm sie an sich und las sie mehrere Male. „Das sind die gleichen Gefühle“, sagte sie zu sich selbst mit einem Seufzen, „sogar obwohl unsere Umstände verschieden sind. Ich sollte ihr etwas zur Antwort schreiben. Ich werde vier Strophen schreiben und sie mit Tönen für die Wölbbrettzither unterlegen. Dann kann man darauf spielen und singen. Morgen mache ich es fertig und schicke es ihr als Antwort.“ Sie trug Hsüä-yän auf, ihr ihren Pinsel und Tuschereibstein zu geben, die draußen auf dem Tisch standen und nach dem Eintauchen des Pinsels in die Tusche schwang sie diesen, um zu schreiben. Als sie die vier Strophen beendet hatte, nahm sie ein Wölbbrettzither-Handbuch von ihrer Ablage und schaute es durch. Sie beschloß, eine Suite aus den zwei Melodien aus der Pfauentanz der einsamen Orchideen und der Heiligen Tugend zu wählen. Als sie mit dem Vertonen fertig war, machte sie eine saubere Abschrift und schickte sie Bau-tschai. Dann bat sie Hsüä-yän, die dreiviertel große Zither, die sie von zu Hause mitgebracht und in einem Koffer verstaut hatte, zu holen. Sie stimmte die Saiten und machte ein paar vorläufige Fingerübungen. Ihre natürliche Begabung glich ihren Mangel an praktischer Übung aus, und es dauerte nicht lange, bis alles, was sie als Kind gelernt hatte, zurückkehrte. Nachdem sie eine Weile gespielt hatte und sah, daß es bereits spät am Abend war, bat sie Dsï-djüan, die Zither wegzuräumen und ging ins Bett. Und so müssen wir sie nun verlassen. Eines Tages begab sich Bau-yü, nachdem er sich zurechtgemacht hatte, wie üblich mit Bee-ming zur Schule. Auf ihrem Weg begegneten sie Mo-yü [einen anderen der Pagen-Jungen] der ihnen hüpfend mit einem breiten Grinsen im Gesicht entgegenkam und verkündete: „Gute Neuigkeiten, der zweite Herr! Der Lehrer[1] ist heute nicht in der Schule und Ihr alle habt den heutigen Tag frei“ – „Meinst du das ernst?“, fragte Bau-yü. – „Wenn ihr mir nicht glaubt, seht selbst: sind das nicht der dritte Herr [Huan] und der junge Herr Lan dort auf ihrem Weg zurück?“ Bau-yü schaute – tatsächlich, dort dann kamen ihm Djia Huan und Djia Lan mit einem Aufgebot an Pagen gerade entgegen, sie plauderten und kicherten, doch er bekam nicht mit, worüber sie sprachen. Als sie ihn sahen, hielten sie an und stellten sich mit den Armen an der Seite respektvoll hin. „Warum kommt ihr schon so früh aus der Schule?“, fragte sie Bau-yü. „Der Lehrer ist heute beschäftigt“, antwortete Huan, „und sagt, wir haben den heutigen Tag frei. Wir werden dort wie gewohnt morgen wieder zugegen sein.“ Wie Bau-yü dies hörte, kehrte er auf der Stelle um, und als er die Neuigkeiten der Herzoginmutter und Djia Dschëng berichtet hatte, kehrte er zum Hof der Freude am Roten zurück. „Warum bist du wieder da?“, fragte Hsi-jën. Er erzählte ihr, was sich ereignet hatte, und nachdem er ein Weilchen mit ihr zusammen gesessen hatte, wollte er wieder hinausgehen. „Warum bist du in solcher Eile?“, fragte sie. „Nur weil du heute keine Schule hast, heißt das nicht, daß du hier herumrennen mußt. Du solltest lieber einen Ruhetag einlegen.“ Bau-yü stoppte seinen Lauf und ließ den Kopf hängen. „Ich weiß, du hast Recht. Doch wann werde ich jemals wieder eine Gelegenheit wie diesen freien Tag haben. So nutze ich ihn doch am besten, um ein bißchen zu spazieren. Hab doch Mitleid...“ Hsi-jën sah, daß er ein so mitleidheischendes Gesicht machte, daß sie lachend nachgab: „Der Herr entscheidet natürlich selbst“, sagte sie. Währenddessen wurde das Mittagessen hereingebracht, und er mußte zum Essen bleiben. Er schlang es herunter, spülte seinen Mund aus und war fort. Schnell wie ein Windstoß eilte er zur Dai-yü. Er fand Dsï-djüan im Hof, wie sie Taschentücher zum Trocknen aufhängte. „Hat das Fräulein schon zu Mittag gegessen?“, fragte er. „Sie hat vorhin eine halbe Schüssel Reisbrei gegessen“, antwortete Dsï-djüan, „doch war sie nicht sehr hungrig. Im Moment schläft sie. Geht besser woanders hin, der zweite Herr , und kommt etwas später wieder.“ Widerstrebend ging er und wußte nicht so recht, wohin er gehen sollte. Plötzlich fiel ihm ein, daß er Hsitschun schon seit einigen Tagen nicht mehr gesehen hatte, und begann in Richtung der Laube des Knöterichwindes zu schlendern. Als er den Hof erreichte und an einem der Fenster stand, schien alles ruhig und verlassen. Er folgerte daraus, daß auch sie ihren Mittagsschlaf hielt und nicht gestört werden wollte. Er wollte gerade gehen, da hörte er ein leises Geräusch von innen, zu ungenau, um es zu erkennen. Er stand still und hörte wieder hin in der Hoffnung, es nun deutlicher zu hören. Nach einer Weile hörte er noch einmal ein Klacken. Er überlegte immer noch, was es sein könnte, als eine Stimme sagte: „Warum hast du diesen Zug gemacht und nicht hier gekontert?“ Es war ein Go-Spiel! Doch Bau-yü hatte nicht die Zeit, die Stimme des Sprechers zu ergründen. Er hörte Hsitschun antworten: „Wozu die Mühe? Wenn du mich da schlägst, kontere ich einfach hier, und wenn du mich wieder schlägst, kontere ich noch einmal. Ich werde trotzdem vorankommen und am Ende wieder den Anschluß bekommen.“ – „Und wenn ich dich hier schlage?“ – „Ohje!“, rief Hsitschun. „Du hast einen Ersatzplan im Ärmel. Darauf war ich ja gar nicht vorbereitet.“ Die Stimme des anderen Mädchen war so vertraut! Doch noch erkannte er sie nicht. Es war keine seiner Kusinen, da war er sicher. Aber Hsi-tschun würde sich kaum mit einem Außenstehenden amüsieren. Den Türvorhang vorsichtig beiseite schiebend, spähte er hinein. Der GoPartner war niemand anders als die Ordensschwester des Klosters Gefangenes Grün, die jenseits der Schwelle wohnende Miau-yü. Er wagte nicht, weiterzugehen. Miau-yü und Hsi-tschun waren so in ihr Spiel vertieft, daß sie nicht bemerkten, wie sie beobachtet wurden. Bau-yü stand weiter dort und schaute sie an. Miau-yü lehnte sich über das Brett und sagte zu Hsitschun: „Willst du diese ganze Ecke verlieren?“ – „Natürlich nicht! Diese Ecke ist absolut sicher. All deine Figuren sind doch ‚tot‘ oder nicht?“ – „Bist du sicher? Zieh herüber und versuche es.“ – „Nun gut. Es ist mein Zug. Jetzt laß uns sehen, was du tun kannst.“ Ein Lächeln zeichnete sich in Miau-yüs Gesicht ab. Sie plazierte ihre nächste Figur so, daß sie es mit einer verbinden konnte, die bereits an dieser Ecke des Brettes stand, stützte sich dann auf eine von Hsitschuns Figuren und vernichtete die ganze Ecke. Sie lachte: „Das nennt man ‚Bauernopfer‘!“ Bevor Hsitschun Zeit zum Antworten fand, brach ihr unbeobachteter Beobachter, der sich nicht mehr beherrschen konnte, in schallendes Gelächter aus. Die beiden Mädchen blickten erschrocken auf. „Was fällt dir ein, hier einfach herumzuschleichen, ohne ein Wort zu sagen?“, rief Hsitschun. „Was für eine unmögliche Art sich zu benehmen, wirklich! Wie lange warst du schon da?“ –

„Ich kam gerade herein, als du anfingst, diese Ecke zu spielen. Ich mußte doch abwarten.“

Er beugte sich zu Miau-yü. „Seid gegrüßt, ehrwürdige Schwester!“, sagte er mit einem Lächeln. „Wozu dieser seltene Ausflug aus den mystischen Portalen von Dsën? Welches Karma führt dich heute in irdische Gefilde?“ Sie errötete bis über beide Ohren, sagte nichts, senkte ihren Kopf und blickte auf das Go-Brett. Bau-yü sah, daß er sie in Verlegenheit gebracht hatte und fuhr in einem lockeren Ton fort. „Im Ernst“, sagte er mit einem reizenden Lächeln, „wie kann man Normalsterbliche mit jenen vergleichen, die, wie du, der Welt entsagt haben? An erster Stelle hast du inneren Frieden erreicht. Und mit dem Frieden kommt eine tiefe Geistigkeit. Und mit der Geistigkeit die klare Einsicht...“ Während er sprach, erhob Miau-yü ihren Blick und schaute ihn an. Dann blickte sie wieder nach unten und errötete noch mehr. Bau-yü merkte, daß sie absichtlich versuchte, ihn zu ignorieren und setzte sich ungeschickterweise mit an den Tisch. Hsitschun wollte das Spiel fortsetzen, nach einer Pause sagte auch Miau-yü: „Laß uns weiterspielen.“ Sie erhob sich, richtete ihr Kleid her und setzte sich wieder. Dann fragte sie, an Bau-yü gewandt, mit einer komischen Stimme: „Wo kommst du her?“ Es war eine große Erleichterung für Bau-yü, daß sie überhaupt mit ihm sprach, denn er konnte sein Versehen von vorhin kaum wiedergutmachen. Doch dann fiel ihm ein, daß ihre Frage nicht ganz so ernst gemeint war, wie sie klang. War das eine ihrer Dsën[2]-Eigenarten? Er saß dort sprachlos und mit rotem Gesicht. Miau-yü lächelte und drehte sich zu Hsitschun hin. Hsitschun lächelte auch. „Der zweite Vetter“, sagte sie, „was ist so schwer daran? Kennst du nicht die Redensart ‚Ich komme, woher ich komme‘? Der Farbe deines Gesichtes nach zu urteilen, sitzt du hier unter Fremden. Sei nicht schüchtern!“ Miau-yü schien das sehr persönlich zu nehmen. Sie erfuhr eine seltsame Rührung der Gefühle, und ihr Gesicht wurde heiß. Sie wußte, daß sie wieder errötete und war sehr verwirrt. Sich erhebend sagte sie: „Ich bin sehr lange hier gewesen. Ich sollte mich lieber auf den Weg zurück zum Tempel machen.“ Hsitschun wußte um die Besonderheit von Miau-yüs Charakter und drängte sie nicht zu bleiben. Sie begleitete sie gerade nach draußen, als Miau-yü lachte und sagte: „Ich war so lange nicht mehr hier, um dich zu sehen, und der Weg nach Hause ist voller Kurven und Abzweigungen. Ich fürchte, ich könnte mich verirren.“ – „Erlaube mir, dich zu führen!“, erklärte sich Bau-yü sofort bereit. „Das wäre eine große Ehre“, antwortete sie, „bitte geh vor, der zweite Herr!“ Beide verabschiedeten sich von Hsitschun und verließen die Laube des Knöterichwindes. Ihr gewundener Weg führte sie in die Nähe der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß und, als sie sich ihr näherten, waren Klänge von Musik in der Luft. „Das ist eine Zither“, sagte Miau-yü, „ich frage mich, woher das kommt?“ – „Kusine Lin muß sie in ihrem Zimmer spielen“, antwortete Bau-yü. „Wirklich? Ist das eine weitere ihrer Fähigkeiten? Sie hat es nie erwähnt.“ Bau-yü wiederholte, was Dai-yü ihm erzählt hatte. „Sollen wir ihr dabei zusehen?“, schlug er vor. „Du meinst zuhören, nehme ich an?“, sagte Miau-yü. „Man hört einer Zither zu. Man sieht ihr nicht zu.“ – „Da hast du es!“, sagte Bau-yü schmunzelnd. „Ich sagte, ich bin nur ein Normalsterblicher.“ Sie hatten einen kleinen Steingarten bei der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß erreicht. Sie setzten sich, lauschten in Ruhe, berührt von der Melancholie der Melodie. Dann begann eine leise Stimme zu singen: Der Wind weht, und tiefer wird der Hauch des Herbstes. Fern ist mein lieber Schatz, tausend Meilen fern. Voller Trauer bin ich, schaue aus nach der Heimat – einsam auf dem Balkon – und weiß nicht, wo sie ist. Die Tränen fließen. Nach einer kurzen Pause ging das Lied weiter: Berge und Seen liegen weit. Durch mein Fenster scheint klar der Mond. Dem Schlaflosen leuchtet - verstreuter Nebel – die Milchstraße. Dünn zittert – wie Tau in kaltem Wind – um mich mein Kleid. Es gab eine weitere kurze Pause. Miau-yü sagte: „Die erste Strophe hat das Thema ‚traurig‘, die zweite ‚Licht‘. Hören wir weiter.“ Sie sang: Das Schicksal sagt 'Nein' zu deiner Freiheit, hält dich gefangen, mich aber schlägt es mit Sorgen. Du verstehst mich, Ich gedenke der Taten der Ahnen, Richtschnur meiner Tugend. „Das muß wieder eine Strophe gewesen sein“, sagte Miau-yü, „wie tragisch es ist!“ – „Ich kenne mich mit Musik nicht aus“, sagte Bau-yü, „doch so wie sie sang, fand ich es sehr traurig.“ Es gab eine weitere Pause und dann hörten sie Dai-yü ihre Zither stimmen. „Ihr B-Ton ist zu hell“, kommentierte Miau-yü. Der Gesang begann wieder: Oh! Dies Staubteilchen, menschliche Seele, spielt seine Rolle vorherbestimmt. Warum soll ich dem Rad des Karmas zuschauen, voll Kummer? Wie könnte mein armes Herz aufsteigen zum Himmel? Wie dem Mond begegnen? Miau-yü wurde bleich vor Schreck, als sie dies hörte. „Hör’ doch nur, wie sie plötzlich die hellere vierte hier benutzt! Mit ihrer Intonation kann sie Bronze und Gestein zerschmettern! Das ist viel zu stark gespannt!“ – „Was meinst du damit, zu stark gespannt?“, fragte Bau-yü. „Das kann beim Anschlagen der Saite nicht lange gutgehen.“ Als sie sprachen, hörten sie auf einmal einen Knall, und die B-Ton-Saite riß. Miau-yü stand sofort auf und ging los. „Was ist los?“, fragte Bau-yü. „Das wirst du bald herausfinden. Bitte, sprich nicht mehr darüber.“ Sie ging weg und ließ Bau-yü in einem Zustand der Verwirrung zurück. Schließlich ging auch er nach Hause. Reden wir nicht mehr davon. Miau-yü kam im Kloster Gefangenes Grün an und sah, daß die alten Ordensschwestern sie bereits am Tor empfingen. Sie schlossen das Tor hinter ihr, und sie saß eine Weile mit ihnen zusammen und las dabei die tägliche Dsën-Meditation noch einmal. Sie aßen zu Abend und danach wurden die Räucherstäbchen wieder nachgelegt. Sie verbeugten sich alle vor dem Schrein des Bodhisattva, und die alten Ordensschwestern gingen ihren Verpflichtungen nach, Miau-yü alleinlassend. Ihre Liege und ihre Lehne des Dsën-Bettes wurden ihr zurechtgestellt. Mit überkreuzten Beinen sitzend, kontrollierte sie erst ihren Atem und schloß die Augen. Dann, von allen gegenwärtigen Gedanken gereinigt, begann ihr Geist, in die Bereiche einer höheren Wahrheit aufzusteigen. Bis nach Mitternacht saß sie in Meditation, als sie ein Geräusch hörte, als ob sich eine große Menge von Dachziegeln bewegten. Aus Angst, es könnten Einbrecher sein, erhob sie sich von ihrer Liege und ging in die Vorderhalle. Sie schaute sich um, aber alles, was sie sehen konnte, waren Wolken, die den Himmel bedeckten, und der Mond schien so klar wie durch Wasser. Es war eine milde Nacht, und sie blieb dort eine Weile über die Balustrade gelehnt. Plötzlich begannen zwei Katzen auf dem Dach über ihrem Kopf zu jammern. Die Worte, die Bau-yü an diesem Nachmittag gesprochen hatte, fielen ihr blitzartig wieder ein. Sie fühlte, wie ihr Herz ungewollt raste, ihre Ohren brannten. Sie versuchte, sich wieder zu fassen, ging zurück in den Meditationsraum und setzte sich wieder auf ihre Liege. Ihre Anstrengungen waren umsonst. Etwas überwältigte sie. Sie fühlte zehntausend Pferde durch ihren Kopf galoppieren. Die Liege schien hin- und hergeschüttelt zu werden, und ihr Körper schien die Einsiedelei zu verlassen. Sie war umgeben von einer Handvoll junger Adeliger, die alle um ihre Hand anhielten. Ehestifter drängten sie gegen ihren Willen in einen Hochzeitswagen. Plötzlich bedrohte sie eine Horde Raufbolde mit Schwertern und Knüppeln. Sie schrie um Hilfe. Nun waren die Klosterfrauen und Ordensschwestern wieder hellwach und kamen mit Kerzen in die Halle geeilt, um nachzusehen. Sie sahen sie auf dem Boden liegen, mit ausgestreckten Armen und Schaum um den Mund. Sie erwachte aus ihrem offensichtlichen Koma, nur, um ihre Augen ins Leere starren zu lassen und mit scharlachroten Wangen auszurufen: „Buddha ist mein Beschützer! Faßt mich nicht an, ihr Raufbolde!“ Alle waren zu erschrocken, um irgendetwas zu tun, und riefen: „Wach auf! Wach auf! Wir sind jetzt hier!“ – „Ich will nach Hause!“, antwortete Miau-yü. „Wer möchte der gute Mensch sein, mich nach Hause zu bringen?“ – „Aber das ist doch dein Zuhause!“ Während die anderen weiter zu ihr sprachen, wurde eine Nonne losgeschickt, um zur Göttin der Barmherzigkeit zu beten. Sie holte den Bambushalter mit den Gebetsstäbchen unter dem Altar hervor, schüttelte sie, zog Stäbchen und trug denjenigen Text vor, in welchem der Yin-Geist der Toten des Südwest-Bereiches geschmäht wurde. „Natürlich!“, rief eine der anderen, als sie zurückkam: „Der Südwest-Bereich des Gartens des Großen Anblicks war ursprünglich unbewohnt, deshalb ist es wahrscheinlich, daß er über eine hohe Konzentration Yin-Geist verfügt.“ Manche waren damit beschäftigt, eine Suppe zuzubereiten, andere brachten Wasser. Eine der Nonnen, die mit Miau-yü aus dem Süden kam und ihr deshalb näher und ergebener war als die anderen, saß bei ihr auf dem Dsën-Bett und legte den Arm schützend um sie. Miau-yü drehte ihren Kopf: „Wer ist da?“ – „Ich bin es nur.“ Miau-yü betrachtete sie eine Weile neugierig. „Oh wirklich!“, rief sie, schlang ihre Arme um die Nonne und schluchzte hysterisch. „Oh du bist ja meine Mutter, wenn du mich nicht rettest, möchte ich nicht mehr weiterleben!“ Die Nonne rief nach ihr, um sie wieder zu Sinnen zu bringen, und begann, sie sachte zu massieren. Eine Amme brachte Tee. Sie saßen zusammen, erst bei Morgendämmerung schlief Miau-yü endlich ein. Die Nonne schickte nach den Ärzten, verschiedene kamen und nahmen ihren Puls. Es gab ebenso viele unterschiedliche Diagnosen wie Doktoren. Exzessive Sorgen, die die Milz schädigten; entzündliches Eindringen in den Blutkreislauf; Angriff eines bösen Geistes; Kombination einer inneren Erkältung und äußeren Unterkühlung. Keine dieser Diagnosen schien überzeugend. Schließlich kam ein Arzt, dessen erste Frage nach dem Pulsfühlen war: „Hat das Fräulein Meditation praktiziert?“ Eine alte Ordensschwester informierte ihn, daß sie regelmäßig meditiere. „Und ist diese Krankheit recht plötzlich letzte Nacht ausgebrochen?“ – „Ja.“ – „Zweifellos Hitze im Herzbereich aufgrund des Eindringens eines umherwandernden bösen Dämons.“ – „Wird sie wieder gesund?“ – „Glücklicherweise schien die Meditation nicht allzu weit fortgeschritten, so daß der Geist nicht zu tief in sie eindringen konnte. Sie wird sich höchstwahrscheinlich erholen.“ Er schrieb ein Rezept für einen Kräutersud, der das Herzfeuer senken sollte. Miau-yü zeigte bereits nach einer Dosis der Medikation Zeichen der Besserung. Die Nachricht ihres Anfalls breitete sich schnell aus und wurde zum Stadtgespräch. „Es war vorherbestimmt, daß all diese Sittsamkeit und Religion für ein Mädchen ihres Alters zuviel war. Besonders für so ein attraktives, lebendiges Ding..., außerdem hat sie einen anständigen und empfindsamen Charakter. Irgendwann wird sie jemandem folgen und dort unterkommen und wird sich damit unter Wert verkaufen.“ Nach ein paar Tagen ging es Miau-yü ein wenig besser. Aber ihre Konzentration schien fort zu sein, und sie fühlte sich wie in Trance. Hsi-tschun saß in ihrem Zimmer, als plötzlich Tsai-ping hereinkam. „Fräulein, haben sie gehört, was mit Schwester Miau-yü geschehen ist?“ – „Nein – was denn?“ – „Ich hörte Fräulein Hsing und Frau Dschu gestern darüber sprechen. Erinnern sie sich an den Tag, an welchem sie Go spielte? Offensichtlich hatte sie in der folgenden Nacht einen Anfall. Sie erzählte von Banditen, die sie verschleppen wollten, und ähnliche seltsame Dinge. Sie hat sich immer noch nicht erholt. Finden Sie das nicht auch merkwürdig?“ Hsi-tschun dachte bei sich: ‚Miau-yü ist zwar rein, aber sie hat den weltlichen Kontakt noch nicht abgebrochen. Wäre ich nur in eine andere Familie geboren worden! Hätte ich nur die Freiheit, eine Ordensschwester zu werden! Ich würde niemals von bösen Geistern in Versuchung geführt. Ich weiß, ich könnte jeden schlechten Gedanken überwinden und die vollständige Loslösung von der Welt mitsamt ihren Verwirrungen erreichen.‘ - Mit diesen Gedanken erfuhr sie eine plötzliche Erleuchtung, die man so beschreiben könnte: Am Anfang, als noch kein Raum war, hatte kein Ding seinen Ort. Alles kommt aus der Leere, zur Leere kehrt alles zurück. Sie forderte eine Magd auf, etwas Räucherstäbchen anzuzünden, und meditierte eine Weile. Dann nahm sie ihr Go-Handbuch und begann, es durchzusehen und die Techniken so großer Go-Meister wie den alten Kung Jung und Wang Dji-hsin zu studieren. Es gab die Strategien „In Lotusblüten eingerollter Krebs“ und „Der Wellensittich schlägt den Hasen“; doch sie fand nichts davon besonders eindrucksvoll und „Tod aus den Ecken in sechsunddreißig Zügen“ fand sie schwer zu verstehen und noch schwerer zu merken. Es war die „Drachenkette der zehn galoppierenden Pferde“, die ihr Interesse weckte. Sie übte sie gerade, als sie jemanden in den Hof kommen hörte, der rief: „Tsai-ping!“ Doch um zu wissen, wer dieser Besucher war, muß man zum nächsten Kapitel gehen.

Anmerkungen

  1. Hier wie auch an anderen Stellen steht im chinesischen Original nur 太爷 (Großvater) als ehrenvolle Bezeichnung für Lehrer.
  2. Gemeint ist die mit dem Titel ‚Tschan’ (Pinyin: Chan) verstandene Richtung des chinesischen Buddhismus. Im Japanischen wurde sie mit ‚Sën’ (Hepburn: Zen) übersetzt. Im westlichen Sprachgebrauch hat sich mittlerweile die Bezeichnung ‚Zen-Buddhismus’ durchgesetzt. Vgl. Fußnote in Kapitel 22.