Hongloumeng/de/Chapter 97

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Kapitel 97

林黛玉焚稿断痴情 / 薛宝钗出闺成大礼

Lin Dai-yü verbrennt ihre Gedichte, um das Ende der Torheit ihres Herzens zu signalisierenHsüä Bau-tschai verläßt ihr Heim, um an einem feierlichen Ritual teilzunehmen.

Wir haben gesehen, wie Dai-yü, als sie den Eingang der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß erreichte und als sie Dsï-djüans Schrei der Erleichterung hörte, vorwärts stolperte, Blut erbrach und fast in Ohnmacht fiel. Glücklicherweise waren sie und Tjiu-wën beide zur Stelle und halfen ihr ins Haus. Als Tjiu-wën ging, standen Dsï-djüan und Hsüä-yän an Dai-yüs Bettseite und sahen ihr zu, wie sie langsam wieder zu sich kam. Sie fragte Dsï-djüan: „Warum steht ihr beide hier um mich herum und weint?“. Dsï-djüan war erleichtert, daß sie wieder etwas Sinnvolles sagte, und antwortete: „Auf Ihrem Weg zurück von der gnädigen Frau, Fräulein, hatten Sie einen sehr schlimmen Unfall. Wir hatten Angst und wußten nicht, was wir tun sollten. Deswegen haben wir geweint.“ „Ich werde jetzt noch nicht sterben!“, sagte Dai-yü mit einem Lächeln. Aber noch bevor sie den Satz beenden konnte, krümmte sie sich und rang noch einmal nach Luft. Dai-yü war schockiert, als sie vorher am Tage erfahren hatte, daß Bau-yü und Bau-tschai verheiratet würden. Das hatte sie lange befürchtet, und es war nun daran, wahr zu werden. Dieser Schock hatte sie so in Aufruhr versetzt, daß sie zuerst beinahe den Verstand verloren hätte. Nun, da sie das Blut ausgebrochen hatte, wurden ihre Gedanken langsam klarer. Obwohl sie sich zuerst an nichts erinnern konnte, als sie Dsï-djüan weinen sah, kamen ihr die Worte des Blödchen langsam wieder in Erinnerung. Diesmal unterlag sie nicht ihren Gefühlen, sondern hoffte auf einen schnellen Tod und machte ihre Schuld-Abrechnung mit dem Schicksal. Dsï-djüan und Hsüä-yän konnten nur hilflos dabeistehen. Sie wären gerne gegangen und hätten die Damen informiert, aber hatten zuviel Angst vor einer Wiederholung des letzten Males, als Hsi-fëng sie getadelt hatte, weil sie falschen Alarm geschlagen hätten. Tjiu-wën hatte jedoch bereits alles durch den Ausdruck des Schreckens auf ihrem Gesicht verraten, als sie zu den Gemächern der Herzoginmutter zurückkehrte. Die Herzoginmutter, die sich gerade von ihrem Mittagsschlaf erhoben hatte, fragte, worum es ging, und Tjiu-wën erzählte ihr, noch ganz schockiert, alles, was sie mitbekommen hatte. „Wie fürchterlich!“, rief die Herzoginmutter bestürzt. Sie schickte sofort nach den Damen Wang und Hsi-fëng und berichtete den beiden Frauen die Neuigkeiten. „Aber ich hatte allen die Anweisung gegeben, strengstes Stillschweigen zu bewahren“, sagte Hsi-fëng. „Wer kann uns verraten haben? Jetzt stehen wir vor einem weiteren Problem.“ – „Mach’ dir darüber im Moment keine Gedanken“, sagte die Herzoginmutter, „wir müssen erst herausfinden, wie es ihr geht.“ Sie ging mit der Dame Wang und Hsi-fëng zu Dai-yü, und als sie ankamen, fanden sie sie kaum bei Bewußtsein, mit kleinen schwachen Zügen atmend, ihr Gesicht blutleer und schneeweiß. Nach einer Weile hustete sie wieder. Eine Dienstmagd brachte den Spucknapf und sie sahen mit Abscheu, wie sie einen Mund voll Blut und Schleim spuckte. Dai-yü öffnete schwach ihre Augen, sah die Herzoginmutter an ihrer Bettseite stehen und rang nach Atem, um zu sprechen. „Großmutter! Deine Liebe für mich war vergebens.“ Die Herzoginmutter war verzweifelt. „Du mußt dich ausruhen, meine Liebe. Es gibt nichts zu fürchten.“ Dai-yü lächelte schwach und schloß wieder ihre Augen. Eine Dienstmagd kam herein um Hsi-fëng zu berichten, daß der Arzt gekommen sei. Die Damen zogen sich zurück und Doktor Wang kam mit Djia Liän herein. Er fühlte ihr den Puls und sagte: „Bisher gibt es noch keinen Grund zur Beunruhigung. Eine Blockierung krankhafter Art hat ihre Leber angegriffen, die unfähig ist, Blut zu speichern, und in der Folge ist ihr Geist gestört. Ich werde eine Medizin verschreiben, um das Yin aufzuhalten und den Blutfluß zu verringern. Ich denke, sie wird sich wieder erholen.“ Doktor Wang verließ in Begleitung von Djia Liän den Raum, um sein Rezept zu schreiben. Die Herzoginmutter merkte, daß Dai-yü dieses Mal ernsthaft krank war, und sagte, als sie den Raum verließ, zur Hsi-fëng und die anderen: „Ich will ja keine bösen Vorzeichen verheißen oder Unglück bringen, aber ich fürchte, sie hat nur geringe Hoffnung auf Genesung, das arme Kind. Bereitet ihr Grabkleid und den Sarg vor. Wer weiß, vielleicht werden diese Vorbereitungen sich auch als Wende zum Glück herausstellen. Sie könnte sich erholen, was ein Segen für uns alle wäre. Aber es wäre vernünftig, für das Schlimmste vorbereitet zu sein und nicht unvorbereitet überrascht zu werden. Wir werden ohnehin sehr beschäftigt sein in den kommenden Tagen.“ Hsi-fëng sagte, daß sie sich um die notwendigen Maßnahmen kümmern werde. Die Herzoginmutter befragte dann Dsï-djüan, aber die wußte nicht, wie es genau zu dieser Aufregung gekommen war. Je mehr sie darüber nachdachte, desto rätselhafter wurde es für die Herzoginmutter, und sie sagte dann: „Ich verstehe, daß die beiden sich ineinander verliebt haben, nachdem sie zusammen aufgewachsen sind und als Kinder zusammen gespielt haben. Aber jetzt, wo sie älter und reifer geworden sind, ist es an der Zeit, daß sie einen gewissen Abstand halten. Sie muß sich anständig benehmen, wenn sie meine Liebe verdienen möchte. Sie liegt falsch, wenn sie meint, solche Dinge mißachten zu können. Dann wird meine Liebe wirklich vergebens gewesen sein! Was sie mir gesagt hat, beunruhigt mich.“ Sie kehrte zu ihren Gemächern zurück und schickte nach Hsi-jën. Hsi-jën wiederholte für sie alles, was sie der Dame Wang vorher erzählt hatte, und beschrieb, was sich gerade mit Dai-yü abgespielt hatte. „Und doch, als ich sie gerade sah“, sagte die Herzoginmutter, „schien sie noch fähig zu sein, über Sinnvolles zu reden. Das verstehe ich nicht. Leute wie wir haben keine Schwierigkeiten, solcher Liebeskummer darf überhaupt nicht vorkommen. Wenn Fräulein Lin nicht liebeskrank ist, würde ich soviel Geld ausgeben wie nötig. Wenn sie aber doch liebeskrank ist, ist sie nicht nur unheilbar krank, sondern interessierte mich auch nicht mehr.“ Hsi-fëng sagte: „Die gnädige Frau braucht sich nicht um Fräulein Lins Angelegenheiten zu kümmern. Wir werden dann später ihren zweiten Bruder [Liän] täglich mit einem Arzt hinschicken, um sich um sie zu kümmern. Es ist viel wichtiger, sich um die Angelegenheiten der Tante [Dame Wang] zu kümmern. Heute Morgen habe ich gehört, daß die Zimmer schon fertig eingerichtet sind. Die gnädige Frau und die Damen sollten zur Tante gehen, und ich komme auch mit, um dort alles zu besprechen. Es gibt noch eine Sache: Bei Tante zuhause gibt es ja noch die Schwester Bau. Dort können wir ja schlecht sprechen. Am besten laden wir die Tante hierher ein und können die ganze Nacht nutzen, um alles auf einmal durchzusprechen und zu entscheiden. Nur so wird es gut werden.“ Die Herzoginmutter und die Dame Wang waren derselben Meinung: „Du hast recht. Heute ist es schon recht spät. Morgen nach dem Abendessen werden wir beide hinübergehen.“ Die Herzoginmutter nahm dann das Abendessen ein, die Dame Wang und Hsi-fëng gingen in ihre Gemächer zurück, Details werden nicht erzählt. Am nächsten Tag kam Hsi-fëng bereits nach dem Frühstück zur Herzoginmutter, um Bau-yüs Zustand auszutesten. Sie ging zu ihm ins Zimmer und sagte Bau-yü: „Es gibt eine erfreuliche Nachricht für dich, Bau-yü. Der gnädige Herr hat bereits einen Hochzeitstag für dich ausgewählt, an dem du heiraten kannst. Freust du dich?“ Als Bau-yü das hörte, schaute er Hsi-fëng nur lachend an und nickte leicht. „Wir werden dann Schwester Lin zu Deiner Frau machen, ist das recht so?“ Bau-yü lachte freudig. Hsi-fëng schaute ihn an und wußte nicht, ob er sie verstanden hatte oder einfach im Dilirium war. Deshalb fragte sie: „Der gnädige Herr sagt, nur wenn du wieder gesund bist, kannst du Fräulein Lin heiraten. Wenn du dich aber weiter wie ein Idiot verhältst, darfst du nicht heiraten.“ Bau-yüs Ausdruck machte plötzlich ein ernstes Gesicht und sagte: „Ich bin kein Idiot. Du bist der Idiot.“ Er stand auf. „Ich werde Kusine Lin besuchen. Ich werde ihr sagen, daß sie sich keine Sorgen machen soll.“ Hsi-fëng erhob schnell ihre Hand, um ihn zu stoppen. „Schwester Lin weiß bereits seit langem Bescheid. Und, als deine zukünftige Braut, wäre sie viel zu beschämt, dich jetzt zu empfangen.“ – „Was ist denn, wenn wir verheiratet sein werden? Wird sie mich dann sehen?“ Hsi-fëng fand dies beides seltsam und etwas verstörend. ,Hsi-jën hatte recht‘, dachte sie für sich. ,Erwähne die Schwester Lin, und während er noch redet wie ein Idiot, scheint er wenigstens zu verstehen, was vor sich geht. Ich kann schon sehen, daß wir richtig Ärger bekommen, wenn er unser Komplott durchschaut und herausfindet, daß seine Braut am Ende nicht Dai-yü ist.‘ Als Antwort auf seine Frage, sagte sie, ein Lächeln unterdrückend: „Wenn du dich benimmst, wird sie dich sehen. Aber nicht, wenn du dich weiterhin wie ein Blöder aufführst, dann wird sie dich nicht sehen.“ Darauf antwortete Bau-yü: „Ich habe ein Herz, das habe ich bereits früher an Kusine Lin vergeben. Wenn sie herüberkommt und mich heiratet, muß sie es mitbringen und es wieder an seinen richtigen Platz setzen.“ – ‘Nun, das war das Gerede eines Verrückten, wenn überhaupt‘, dachte Hsi-fëng. Sie verließ ihn, und ging zurück in das äußere Zimmer, blickte mit einem Lächeln in Richtung der Herzoginmutter. Diese fand Bau-yüs Worte ebenfalls sowohl belustigend als auch schmerzend. „Ich habe das gehört“, sagte sie zu Hsi-fëng, „für jetzt müssen wir es ignorieren. Sag’ Hsi-jën, sie soll sich gut um ihn kümmern. Komm, laß uns gehen!“ Die Dame Wang gesellte sich zu ihnen, und die drei Frauen gingen hinüber zu Frau Hsüä. Bei ihrer Ankunft dort taten sie so, als wären sie über die Entwicklung von Hsüä Pans Angelegenheit besorgt. Frau Hsüä drückte ihre tiefe Dankbarkeit für diese Sorge aus und erzählte ihnen die Neuigkeiten. Nachdem sie alle Tee zu sich genommen hatten, wollte Frau Hsüä nach Bau-tschai schicken, als Hsi-fëng sie stoppte und sagte: „Es gibt keinen Grund Kusine Bau zu sagen, daß wir hier sind, Tante.“ Mit einem diplomatischen Lächeln fuhr sie fort: „Der Besuch der gnädigen Frau heute ist nur von gesellschaftlicher Natur. Sie hat etwas Wichtiges zu sagen, und möchte, daß ihr später herüberkommt, damit wir es zusammen diskutieren können.“ Frau Hsüä nickte, „Natürlich.“ Nach etwas mehr Geplauder, kehrten die drei Damen zurück. An diesem Abend kam Frau Hsüä wie abgesprochen herüber, und ging, nachdem sie der Herzoginmutter ihre Aufwartung gemacht hatte, zu den Gemächern von Dame Wang. Erst einmal dort, gab es die unumgängliche Szene des schwesterlichen Beileids um Wang Dsï-tëngs Tod. Dann sagte Frau Hsüä: „Gerade eben, als ich bei der Herzoginmutter war, kam der junge Bau heraus, grüßte mich, und es schien ihm gut zu gehen. Ein wenig dünn vielleicht, aber sicherlich nicht so krank, wie ich, nach der Beschreibung von dir und Hsi-fëng, erwartet hatte.“ – „Nein, es ist wirklich nicht so ernst“, sagte Hsi-fëng, „es ist nur so, daß die gnädige Frau so besorgt ist. Ihre Idee ist, daß es für den gnädigen Herrn [Dschëng] beruhigend wäre, Bau-yü verheiratet zu sehen, bevor er seinen Posten in der Provinz antritt, da niemand weiß, nach wie vielen Jahren er wieder nach Hause kommen kann. Und auch für Bruder Bau selbst mag es das Richtige sein, um sein Glück zu wenden. Mit dem goldenen Anhänger der großen Schwester [Bau-tschai], der das Böse unterdrückt, soll sein Unglück beendet werden.“ Frau Hsüä willigte ein, dieser Idee zu folgen, hatte aber Angst, daß Bau-tschai darunter leiden würde. „Ich kann nichts sehen, was dagegen spricht“, sagte sie, „so wie ihr das geplant habt, geht das. Aber ich denke, wir sollten alle etwas langfristiger planen.“ Einig mit Hsi-fëngs Plan fuhr die Dame Wang fort: „Da du gerade kein Oberhaupt der Familie hast, tun wir so, als hätten wir von nichts gewußt. Morgen solltest du Kë schicken, damit er von der Täuschung abgelenkt ist, um Pan wissen zu lassen, daß wir während der Hochzeit weiterhin unser Bestes geben, seinen Gerichtsfall zu lösen.“ Sie erwähnte nicht die Gefühle von Bau-yü für Dai-yü, sondern fuhr fort: „Da Sie, Frau Hsüä, Ihre Einwilligung gegeben haben, werden wir uns alle einen Tag weniger Sorgen machen, wenn sie einen Tag eher verheiratet sind.“ An dieser Stelle kam Yüan-yang, von der Herzoginmutter geschickt, herein, um zu hören, wie es lief. Obwohl Frau Hsüä noch immer Sorge um Bau-tschais Gefühle hatte, sah sie, daß sie unter diesen Umständen keine Wahl hatte, und gab sich mit allem einverstanden, was sie vorschlugen. Yüan-yang berichtete dies der Herzoginmutter, die erfreut war und schickte sie wieder zurück, um Frau Hsüä zu bitten, Bau-tschai zu erklären, warum diese Dinge auf diese Art geregelt wurden, so daß sie nicht unfair behandelt wurde. Frau Hsüä stimmte zu, und es wurde festgelegt, daß Hsi-fëng und ihr Mann als offizielle Vermittler dienen würden. Hsi-fëng zog sich zu ihren Gemächern zurück, während die Dame Wang und ihre Schwester [Frau Hsüä] aufblieben und sich bis spät in die Nacht unterhielten. Am nächsten Tag kehrte Frau Hsüä zu ihren Gemächern zurück und erzählte Bau-tschai von den Details des Antrags, hinzufügend: „Ich habe bereits mein Einverständnis gegeben.“ Zunächst ließ Bau-tschai still ihren Kopf hängen. Dann begann sie zu weinen. Frau Hsüä sagte alles, was gut klang, um sie zu trösten, und erklärte sehr lange die Gründe dieser Entscheidung. Bau-tschai zog sich in ihr Zimmer zurück, und Bau-tjin ging hinein, um ihr Gesellschaft zu leisten und sie aufzuheitern. Frau Hsüä sprach auch zu Hsüä Kë und wies ihn wie folgt an: „Du mußt morgen gehen. Find die neuesten Nachrichten über Pans Urteil heraus, und dann überbring deinem Vetter die Nachricht über die Hochzeit. Kehre so bald zurück, wie es dir möglich ist.“ Hsüä Kë war für vier Tage weg, danach kehrte er zurück und berichtete Frau Hsüä. „Der Bezirksrichter bestätigte das Urteil auf Unfalltod und nach der nächsten Sitzung wird sein letztes Memorandum vor dem obersten Provinzgericht zur Bestätigung präsentiert. Wir sollten die Kaution bereithalten. Und was Kusine [Bau-tschais] Angelegenheit angeht, so findet Vetter Pan es gut, dass seine Mutter eine Entscheidung getroffen hat. Und er sagt, wenn wir die Sache schnell organisieren, werden wir viel Geld sparen. Du solltest nicht auf ihn warten, sondern tun, was immer du denkst, was das Beste sei. Frau Hsüäs war sehr erleichtert in dem Wissen, daß Hsüä Pan bald frei sein und nach Hause kommen werde und daß da nun keine weiteren Hindernisse für die Hochzeit waren. Sie konnte sehen, daß Bau-tschai nicht auf diesem Weg verheiratet werden wollte, aber sie schlußfolgerte für sich: ,Selbst wenn das so ist, ist sie meine Tochter und wird meine Entscheidung befolgen. Sie weiß, daß ich dem zugestimmt habe und wird nicht gegen meine Wünsche angehen.‘ Sie wies Hsüä Kë an: „Wir müssen die Verlobungskarten vorbereiten. Nimm etwas von dem feinen goldbesprühten Papier und schreibe darauf den Stamm und die Äste von Bau-tschais Geburt. Dann nimm es mit zum zweiten Herrn Liän. Find heraus, welcher Tag für den Austausch der Geschenke angesetzt wird, und triff alle nötigen Vorbereitungen, um unsere Geschenke zu schicken. Wir werden keine Freunde oder Verwandten zur Hochzeit einladen. Deines Vetters sind ein wertloses Pack, wie du selbst gesagt hast, während unsere Verwandten hauptsächlich aus den Djias und den Wangs bestehen. Die Djias sind die Familie des Bräutigams, und es gibt zur Zeit keine Wangs in der Haupstadt. Als Fräulein Schï verlobt war, haben die Shïs uns nicht eingeladen, also müssen wir ihnen auch nicht Bescheid sagen. Die einzige Person, von der ich denke, daß wir sie einladen sollten, ist unser [Geschäftsleiter] Dschang De-huee. Er ist ein älterer Mann und erfahren mit solchen gesellschaftlichen Dingen und wird uns eine Hilfe sein.“ Hsüä Kë führte diese Anweisungen aus und schickte einen Diener mit den Verlobungskarten hinüber. Am nächsten Tag kam Djia Liän, um Frau Hsüä zu besuchen. Nachdem er seinen Respekt erwiesen hatte, sagte er: „Ich habe den Jahreskalender befragt, und morgen ist ein sehr glückverheißender Tag. Ich kam hierher, um vorzuschlagen, daß unsere zwei Familien morgen die Geschenke austauschen. Und bitte, Tante [Hsüä], sei nicht zu kritisch mit dem Arrangement.“ Er präsentierte die Nachricht des Bräutigams, welche das Datum der Hochzeit trug. Frau Hsüä sagte ein paar höfliche Worte der Annahme und gab ihr Einverständnis. Djia Liän kehrte sofort zurück und berichtete es Djia Dschëng. „Berichte es der gnädigen Frau“, sagte Djia Dschëng, „und sag’, daß die Hochzeit, weil wir niemanden einladen, sehr einfach gehalten sein wird. Die Geschenke sollen nur von der gnädigen Frau angeschaut werden. Es gibt keinen Grund mir noch Bescheid zu sagen.“ Djia Liän verbeugte sich und ging hinein, um seine Nachricht der Herzoginmutter zu überbringen. Mittlerweile ließ die Dame Wang Hsi-fëng die Geschenke hereinbringen, die für Bau-yü abgegeben wurden, damit die Herzoginmutter sie besichtigen konnte. Sie befahl Hsi-jën auch, Bau-yü herein zu holen, damit er die Geschenke sehen konnte. Er schien sehr amüsiert von dem ganzen Betrieb und sagte: „All diese Geschenke werden von hier in den Garten geschickt und von dort wieder her. Wozu das alles, wenn es doch sowieso in der Familie bleibt!“ Dies schien der Dame Wang und der Herzoginmutter Beweis genug zu sein, daß, was immer jemand Gegenteiliges gesagt hätte, Bau-yü klar bei Verstand war. Yüan-yang und die anderen Mädchen konnten sich nicht helfen und mußten auch lachen. Sie brachten die Geschenke hinein, zeigten sie eines nach dem anderen und beschrieben sie, als sie weitermachten: „Eine goldene Kette und anderer Schmuck in Gold und Edelsteinen – alles zusammen achtzig Stück; vierzig Ballen von Drachen-Brokat für Festtagskleidung und einhundertundzwanzig Ballen Seide und Satin in verschiedenen Farben; einhundertundzwanzig Kostüme für vier Jahreszeiten. Sie hatten nicht die Zeit in der Küche gehabt, um das Schaf und den Wein vorzubereiten, also gibt es stattdessen Geld.“ Die Herzoginmutter drückte ihre Anerkennung aus und sagte leise zu Hsi-fëng: „Du mußt Frau Hsüä sagen, daß es keine falsche Höflichkeit sei. Zu gegebener Zeit, wenn Pan zurück ist und diese Last von ihr genommen ist, kann sie daraus Kleider für seine Schwester machen lassen. Selbst das Bettzeug aus guten Zeiten ist ja von uns gemacht worden.“ – „Ja, gnädige Frau“, antwortete Hsi-fëng, und kehrte zu ihren Gemächern zurück. Sie schickte Djia Liän erst zu Frau Hsüä hinüber, dann rief sie Dschou Juee und Wang Örl herbei, um ihnen Anweisungen zu geben. „Wenn ihr die Geschenke liefert“, sagte sie, „dürft ihr nicht das Haupttor benutzen. Benutzt das kleine Seitentor im Garten, daß früher immer offen stand. Ich werde in Kürze selbst dorthin gehen. Das Seitentor hat den Vorteil, daß es weit von der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß entfernt ist. Wenn euch jemand von den anderen Gemächern bemerkt, müßt ihr ihnen sagen, daß sie es unter keinen Umständen an der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß erwähnen dürfen.“ – „Ja, Fräulein.“ Die zwei Dienstboten gingen zu Frau Hsüäs Gemächern, von einem Aufgebot von Dienern begleitet, die die Geschenke trugen. Bau-yü wurde sehr von alledem eingenommen. Sein neues Gefühl der Vorfreude hatte eine generelle Verbesserung seiner Gesundheit begründet, obwohl seine Art des Sprechens manchmal etwas seltsam geblieben war. Als die Geschenkträger zurückkehrten, war alles erreicht, ohne daß ein einziger Name genannt worden war. Die Familie und das ganze Personal wußten es, aber hatten den strengen Befehl von Hsi-fëng, absolute Geheimhaltung zu wahren, und niemand traute sich, dies nicht zu befolgen. Dai-yü wurde mittlerweile täglich kränker, trotz der ganzen Medizin, die sie nahm. Dsï-djüan tat ihr Bestes, um ihren Geist aufzuheitern. Unsere Geschichte findet sie, wie sie einmal mehr neben dem Bett Dai-yüs steht, sie ernsthaft anflehend: „Fräulein, nun, da die Dinge so weit gekommen sind, muß ich mich einfach aussprechen. Was Sie auf dem Herzen haben, Fräulein, ist uns doch auch ganz klar. Aber können Sie nicht sehen, daß ihre Angst grundlos ist? Nun, seht Euch doch den Zustand an, in dem Bau-yü ist! Wie könnte er heiraten, wenn er so krank ist? Ihr müßt die dummen Gerüchte ignorieren, hört auf, Euch zu ärgern und laßt es Euch besser gehen.“ Dai-yü schenkte ihr ein gespenstisches Lächeln, aber sagte nichts. Sie fing wieder an zu husten, und es war wieder etwas mehr Blut dabei. Dsï-djüan und Hsüä-yän kamen näher und sahen, wie sie schwach um Atem rang. Sie wußten, daß jeder weitere Versuch, sich zu erholen, von keinem Nutzen war, und sie konnten nichts tun, außer dort zu stehen, zu schauen und zu weinen. Jeden Tag ging Dsï-djüan drei oder vier Mal hinüber, um der Herzoginmutter zu berichten, aber Yüan-yang beurteilte die Berichte über Dai-yü in der letzten Zeit härter, fing die Berichte ab und erwähnte Dai-yü kaum der Herrin gegenüber. Die Herzoginmutter war mit den Hochzeitsplanungen beschäftigt, und da sie keine weiteren speziellen Nachrichten von Dai-yü erhielt, zeigte sie kein großes Interesse an dem Schicksal des Mädchens, da sie es für ausreichend hielt, daß sie medizinisch behandelt werde. Vorher, als sie krank gewesen war, hatte Dai-yü immer häufige Besuche von allen des Haushalts erhalten, von der Herzoginmutter bis zur einfachsten Magd. Aber nun kam keine einzige Person zu ihr. Das einzige Gesicht, das sie sah, das zu ihr hinunterblickte, war das von Dsï-djüan. Sie begann zu fühlen, daß ihr Ende näher kam, und kämpfte damit, ihr ein paar Worte zu sagen: „Liebe Schwester! Engste Freundin! Obwohl du Großmutters Magd warst, bevor du kamst, um mir zu dienen, bist du über die Jahre mir wie eine Schwester geworden.“ Sie war außer Atem. Dsï-djüan spürte ein Stechen von Mitleid, konnte nur noch weinen und kein Wort sagen. Nach langer Stille begann Dai-yü wieder zu sprechen, suchte zwischen den Worten nach Atem: „Schwester []! Es ist unbequem, so zu liegen. Bitte hilf mir auf und setz’ dich neben mich.“ – „Ich denke nicht, daß Sie aufrecht sitzen sollten, Fräulein, in Ihrer Verfassung. Sie könnten Zug abbekommen.“ Dai-yü schloß ruhig die Augen. Ein wenig später bat sie wieder darum, sich aufzusetzen. Dsï-djüan und Hsüä-yän spürten, daß sie ihr ihren Wunsch nicht länger verweigern konnten. Sie richteten sie auf beiden Seiten mit weichen Kissen auf, während Dsï-djüan an ihrer Seite auf dem Bett saß, um sie noch mehr zu stützen, Dai-yü schaffte es trotzdem nicht, sich aufrecht zu halten. Das Bett, dort wo sie saß, schien sie regelrecht zu umschlingen, und sie kämpfte mit all ihrer verbliebenen Stärke, sich selbst oben zu halten und den Schmerz zu lindern. Sie bat Hsüä-yän, näher zu kommen. „Meine Gedichthefte...“ Ihre Stimme versagte, und sie rang wieder nach Atem. Hsüä-yän erriet, daß sie die Manuskripte meinte, die sie vor ein paar Tagen ausgesondert hatte, sie ging sie holen und legte sie auf Dai-yüs Schoß. Dai-yü nickte, hob dann ihren Blick und starrte auf eine Truhe, die erhöht auf einem Gestell in der Nähe stand. Hsüä-yän wußte nicht, was dies bedeuten sollte und stand verloren da. Dai-yü starrte sie nun mit fieberhafter Ungeduld an. Sie begann wieder zu husten und brachte einen weiteren Mund voller Blut hoch. Hsüä-yän ging etwas Wasser holen, Dai-yü wusch ihren Mund aus und spuckte in einen Spucknapf. Dsï-djüan wischte ihre Lippen mit einem Taschentuch. Dai-yü nahm das Taschentuch von ihr und zeigte auf die Truhe. Sie versuchte zu sprechen, aber war wieder von einer Attacke der Atemlosigkeit erfaßt und schloß ihre Augen.

„Stützen Sie sich ruhig bei mir ab, Herrin“, sagte Dsï-djüan. Dai-yü schüttelte ihren Kopf. Dsï-djüan dachte, sie müsse eines ihrer Taschentücher wollen, und bat Hsüä-yän die Truhe zu öffnen und ihr ein ganz weißes, seidenes zu geben. Dai-yü sah es an, und ließ es auf das Bett fallen. Mit großer Anstrengung keuchte sie:

„Diejenigen mit der Schrift darauf.“ Dsï-djüan verstand endlich, daß sie die Taschentücher meinte, [die Bau-yü ihr geschickt hatte, diejenigen,] auf die sie ihre eigenen Gedichte geschrieben hatte. Sie bat Hsüä-yän sie zu holen, und diese gab sie Dai-yü: „Ihr müßt euch hinlegen und ausruhen, Fräulein. Fangt nicht an, euch zu überanstrengen. Sie können sie sich auch ein anderes Mal ansehen, wenn sie sich besser fühlen.“ Dai-yü nahm die Taschentücher in eine Hand, und ohne sie auch nur anzusehen, drehte sie sie um ihre andere Hand, was sie große Mühe kostete, und versuchte mit aller Macht, sie entzwei zu reißen. Aber sie war so schwach, daß alles, was sie erreichte, zittrige Bewegungen waren. Dsï-djüan wußte, daß Bau-yü das Objekt all der Bitterkeit war, aber traute sich nicht, seinen Namen zu sagen, so meinte sie stattdessen: „Fräulein, es hat keinen Sinn, daß sie wieder wütend sind.“ Dai-yü nickte leicht und legte die Taschentücher in ihren Ärmel. „Entzündet die Lampe,“ befahl sie. Hsüä-yän gehorchte sofort. Dai-yü schaute in die Lampe, dann schloß sie ihre Augen und saß still. Eine weiterer Anfall von Atemlosigkeit. Dann sagte sie: „Macht das Feuer im Ofen an!“ Sie dachten, sie wollte es für noch mehr Wärme, Dsï-djüan protestierte: „Sie sollten sich hinlegen, Fräulein, und eine weitere Decke haben. Und der Rauch von dem Ofen könnte schlecht für sie sein.“ Dai-yü schüttelte ihren Kopf, und Hsüä-yän entzündete widerstrebend den Ofen, und stellte ihn auf seinen Sockel auf den Boden. Dai-yü machte eine Bewegung mit ihrer Hand, mit der sie andeutete, daß sie wollte, daß sie ihn auf ihr Ofenbett vorzogen. Hsüä-yän hob ihn an und plazierte ihn dort, gebrauchte kurz den Bodensockel, während sie hinausging, um den speziellen Sockel zu holen, den sie für das Ofenbett benutzten. Dai-yü neigte nun ihren Körper leicht nach vorne – Dsï-djüan mußte sie dabei mit beiden Händen unterstützen. Dai-yü nahm die Taschentücher in eine Hand. Sie starrte in die Flammen, nickte voller Gedanken zu sich selbst, und warf sie in den Ofen. Dsï-djüan war erschrocken, aber so gerne sie sie auch von den Flammen gerettet hätte, traute sie sich nicht, ihre Hände zu bewegen. Hsüä-yän war ja außerhalb des Zimmers um den Ofensockel, und in der Zwischenzeit brannten alle Taschentücher lichterloh. „Fräulein!“ rief Dsï-djüan, „was tun sie?“ Als ob sie es nicht gehört hätte, griff Dai-yü nach ihren Manuskripten, blickte auf sie und ließ sie wieder auf das Ofenbett fallen. Dsï-djüan hatte Angst, daß sie diese auch verbrennen wollte, lehnte sich gegen Dai-yü, befreite eine Hand und streckte sie aus, um die Manuskripte zu ergreifen. Aber bevor sie dies konnte, hatte Dai-yü sie wieder aufgehoben und warf sie in die Flammen. Der Ofen war außerhalb von Dsï-djüans Reichweite, und da war nichts, was sie tun konnte, außer es sich hilflos anzusehen. Gerade in dem Moment kam Hsüä-yän mit dem Sockel herein. Sie sah, wie Dai-yü etwas in das Feuer fallen ließ, und ohne zu wissen, was es war, schnellte sie vor, um zu versuchen, es zu retten. Das Manuskript war sofort in Flammen aufgegangen und brannte lichterloh. Unachtsam der Gefahr für die Hände, griff Hsüä-yän in die Flammen und zog heraus, was sie konnte, sie warf das Papier auf den Boden und stampfte es verzweifelt aus. Aber das Feuer hatte sein Werk vollbracht und nur wenige verkohlte Stücke blieben übrig. Dai-yü schloß ihre Augen, sank zurück und verursachte fast, daß Dsï-djüan mit ihr umkippte. Dsï-djüan, deren Herz in großer Aufregung schlug, rief Hsüä-yän herüber, ihr dabei zu helfen, Dai-yü wieder hinzulegen. Es war nun zu spät, nach jemandem zu schicken. Und doch, was wäre, wenn Dai-yü über Nacht sterben würde, und die einzigen Menschen hier wären Hsüä-yän, sie selbst, Ying-ge und die anderen jungen Mädchen in der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß? Sie hatten eine schlaflose Nacht. Der Morgen kam endlich, und Dai-yü schien es etwas besser zu gehen. Aber nach dem Frühstück begann sie zu husten, spuckte, hustete noch intensiver. Dsï-djüan konnte sehen, daß sie in schlechter Verfassung war. Sie rief Hsüä-yän und die anderen jüngeren Mädchen herein und befahl ihnen Wache zu halten, während sie ging, um der Herzoginmutter zu berichten. Aber als sie die Gemächer der Herzoginmutter erreichte, fand sie fast alles verlassen vor. Nur ein paar alte Ammen und Putzfrauen waren da, um aufzupassen. „Wo ist die Herzoginmutter?“, fragte Dsï-djüan. „Wissen wir nicht“, kam die Antwort im Chor. Das war sehr seltsam, dachte Dsï-djüan. Sie ging in Bau-yüs Zimmer und fand dies ebenfalls ganz leer vor, außer einem einzigen Mädchen, die mit demselben „Keine Ahnung“, antwortete. Nun hatte Dsï-djüan mehr oder weniger die Wahrheit erraten. Wie konnten sie nur so herzlos und gemein sein? Und zu denken, daß nicht eine Seele in den letzten Tagen gekommen war, um Dai-yü zu besuchen! Als sie die Verbitterung darüber mit voller Wucht traf, fühlte sie eine große Wut in sich aufsteigen und wendete sich abrupt zum Gehen. ,Ich werde Bau-yü suchen und herausfinden, in welchem Zustand er sich heute so befindet! Ich wundere mich, wie er es hinbekommt, es mit eiserner Stirn vor mir zu leugnen! Ich erinnere mich an letztes Jahr, als ich mir die Geschichte darüber ausdachte [daß Fräulein Dai-yü zurück in den Süden gehen würde] wurde er vor Verzweiflung krank. Zu denken, daß er offen so etwas wie das tun würde! Männer müssen Herzen so kalt wie Eis oder Schnee haben. Was für hassenswerte Kreaturen sie sind!‘ Sie war bereits am Hof der Freude am Roten und fand das Hoftor angelehnt vor. Drinnen war alles still. Plötzlich wurde ihr klar: „Natürlich! Wenn er heiraten wird, wird er neue Gemächer bekommen. Aber wo?“ Sie sah sich unsicher um. Da sah sie Bau-yüs Pagen, Mo-yü vorbeihuschen und rief ihn, daß er anhalten solle. Er kam herüber und fragte mit einem breiten Lächeln: „Was tun sie hier, Schwester?“ – „Ich hörte, daß Herr Bau-yü heiratet“, antwortete Dsï-djüan, „und ich wollte etwas von dem Spaß sehen. Aber ich kann sehen, daß ich zum falschen Ort gekommen bin. Und ich weiß auch nicht, wann die Hochzeit stattfindet.“

„Wenn ich es dir sage“, sagte Mo-yü mit einem geheimnisvollen Ton, „mußt du versprechen, es nicht Hsüä-yän zu sagen. Uns wurde der Befehl gegeben, es keine von euch wissen zu lassen. Die Hochzeit ist heute Abend. Natürlich wird sie nicht hier gehalten. Der Herr befahl Herrn Liän, weitere Gemächer einzurichten.“ 

Nach einer Pause fragte Mo-yü: „Was willst du denn?“. – „Nichts“, antwortete Dsï-djüan. „Du kannst nun gehen.“ Mo-yü eilte weiter. Dsï-djüan stand für eine Weile gedankenverloren da. Plötzlich erinnerte sie sich an Dai-yü. Sie könnte bereits tot sein! Ihre Augen waren mit Tränen gefüllt, sie biß ihre Zähne zusammen und sagte scharf: „Bau-yü! Wenn sie stirbt, magst du denken, du könntest deine Hände gegenüber ihr in dieser gefühllosen Art reinwaschen: aber wenn du glücklich verheiratet bist und dein Herzenswunsch erfüllt ist, glaube nicht, daß du mir wieder ins Gesicht sehen kannst!“ Als sie ging, begann sie zu weinen. Sie machte sich auf den Weg durch den Garten und schluchzte erbärmlich. Sie war nicht weit von der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß, als sie zwei junge Mägde sah, die im Tor standen und nervös Ausschau hielten. Sie sahen sie kommen, und eine von ihnen rief aus: „Da ist Fräulein Dsï-djüan! Endlich!“ Dsï-djüan konnte sehen, daß etwas nicht in Ordnung war. Sie bedeutete ihnen ängstlich mit einer Geste, ruhig zu sein, eilte hinein, um Dai-yü rot im Gesicht zu finden, das Feuer in ihrer Leber schien aufwärts zu steigen und ihre Wangen zu entflammen. Das war ein gefährliches Zeichen, und Dsï-djüan rief Dai-yüs alte Amme Wang, um einen Blick auf sie zu werfen. Ein Blick genügte, um die alte Frau zum Weinen zu bringen. Dsï-djüan wendete sich an Amme Wang als eine ältere Person, die erwarten ließ, ihnen ein wenig Mut in dieser extremen Situation zu geben. Aber sie stellte sich als sehr hilflos heraus und machte Dsï-djüan nur noch bestürzter als vorher. Plötzlich dachte sie an jemand anderen, an den sie sich wenden konnte und schickte eine der jüngeren Mägde, sie in aller Eile zu holen. Ihre Wahl mochte seltsam erscheinen; aber Dsï-djüan folgerte, als eine Witwe würde Li Wan sicherlich von Bau-yüs Hochzeitsaktivitäten ausgeschlossen sein. Außerdem hatte sie die grundsätzliche Verantwortung für die Angelegenheiten im Garten, und es wäre die Regel, sie zu bitten zu kommen. Li Wan war zu Hause und korrigierte ein paar von Djia Lans Gedichten, als eine Magd verzweifelt hereineilte und rief: „Frau Li, Fräulein Dai-yü geht es sehr schlecht! Jeder dort drüben weint!“ Li Wan stand erschrocken auf und machte sich, ohne ein Wort zu verlieren, sofort auf den Weg zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß, gefolgt von ihren Mägden Su-yün und Bi Yüä. Während sie ging, weinte sie und dachte bei sich selbst: ,Wenn ich an all die Zeiten denke, die wir zusammen verbrachten – oh meine arme Dai-yü! So lieblich, so talentiert! Sie ist ja immer einsam, hat selten Gesellschaft. Es gibt keine andere wie sie. Nur das Mädchen des Frostes und die Mondgöttin könnten ihr gleichkommen. Sie ist noch so jung, und schon verläßt sie uns. Wenn ich bedenke, daß ich wegen Hsi-fëngs falscher Intrige, mich selbst nicht bei der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß zeigen durfte und nichts getan habe, um meine schwesterliche Liebe zu zeigen! Oh das arme, liebe Mädchen!‘ Sie kam am Tor der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß an. Von drinnen drang kein Ton heraus. Sie begann, sich Sorgen zu machen: ‘Ich muß zu spät sein! Sie muß schon gestorben sein, und sie ruhen sich zwischen ihren Klagerufen aus. Ich frage mich, ob sie sie schon angemessen mit dem Totengewand bekleidet haben?‘ Sie beschleunigte ihren Schritt und eilte ins Zimmer. Eine junge Magd stand im inneren Flur, hatte sie bereits gesehen und rief: „Frau Li ist hier!“ Dsï-djüan eilte herbei, sie zu begrüßen. „Wie steht es?“, fragte Li Wan. Dsï-djüan versuchte zu antworten, aber alles, was sie hervorbringen konnte, war ein unterdrückter Schluchzer. Tränen strömten ihre Wangen hinunter wie Perlen von einer gerissenen Kette. Dann deutete sie still mit einer Hand dahin, wo Dai-yü lag. Schmerzlich nahm sie wahr, auf was Dsï-djüan auf erbärmliche Weise hinwies, und da fragte Li Wan nicht mehr, sondern ging sofort hinüber, um es selbst zu sehen. Dai-yü konnte schon nicht mehr sprechen. Als Li Wan ihren Namen ein paar Mal sagte, öffnete sie ihre Augen zu einem Schlitz, als wäre sie bei Bewußtsein. Aber ihre Augenlider und Lippen konnten nur den zitternden Ansatz einer Bewegung machen. Obwohl man merkte, daß sie immer noch atmete, konnte sie doch kein Wort und keine Träne mehr herausbringen. Li Wan drehte sich herum und sah, daß Dsï-djüan nicht mehr im Zimmer war. Sie fragte Hsüä-yän, wo sie sei, und Hsüä-yän antwortete: „Im äußeren Zimmer.“ Li Wan eilte hinaus, um Dsï-djüan zu finden, wie sie auf einem leeren Bett lag, ihr Gesicht war gespentisch grün, ihre Augen waren geschlossen und Tränen strömten über ihr Gesicht. Wo ihr Kopf auf dem bestickten Kissen lag, mit seiner feinen Brokade, war ein tellergroßer Fleck naß von Rotz und Tränen. Als Li Wan sie rief, öffnete sie langsam ihre Augen, erhob sich leicht auf dem Bett. „Dummes Mädchen!“ beschimpfte Li Wan sie, „ist dies die Zeit für Tränen? Hole Fräulein Dai-yüs Grabkleidung und kleide sie damit an! Willst du warten, bis es zu spät ist? Willst du sie nackt von der Welt scheiden lassen? Willst du ihre Ehre ruinieren?“ Dies löste eine frische Tränenflut bei Dsï-djüan aus. Li Wan weinte selbst, ärgerte sich darüber, wischte sich ihre Augen ab und tätschelte Dsï-djüans Schulter. „Liebes Mädchen! Sieh, wie du mich nun bestürzt, und mich zum Weinen bringst. Eile, um ihre Sachen fertig zu machen. Wenn wir uns noch mehr verspäten, wird alles vorbei sein.“ Sie waren in diesem Zustand der Bestürzung, als sie draußen Schritte hörten, und jemand kam in großer Aufregung ins Zimmer geeilt, was Li Wan wieder erschreckte. Es war Ping-örl. Als sie ihre tränenüberfluteten Gesichter sah, erstarrte sie sofort und sah sie eine Weile blöde an. „Warum bist du nicht da drüben?“, fragte Li Wan. „Was willst du hier?“ Als sie sprach, kam auch die Frau von Lin Dschï-hsiau ins Zimmer. Ping-örl antwortete: „Frau Liän war besorgt und schickte mich hierher, um zu sehen, wie die Dinge hier stehen. Da Sie hier sind, Frau Li, kann ich ihr sagen, sie solle sich beruhigen.“ Li Wan nickte. Ping-örl fuhr fort: „Ich würde gerne selbst Fräulein Lin sehen.“ So sagte sie und ging in Dai-yüs Schlafzimmer, mit Tränen auf den Wangen. Li Wan wendete sich an die Frau von Lin Dschï-hsiau und sagte: „Du kommst genau rechtzeitig. Geh los und sage, man solle Fräulein Lins Sarg vorbereiten und was sonst noch nötig ist! Wenn alles zufriedenstellend arrangiert wurde, soll man es mich wissen lassen. Es gibt keinen Grund, hinüber zum Haus zu gehen.“ – „Ja, Fräulein“, antwortete die Frau von Lin Dschï-hsiau, aber machte keine Anstalten zu gehen. „Nun? Gibt es da noch etwas anderes?“, fragte Li Wan. „Zweite Herrin [Liän, also Dame Hsi-fëng] und die gnädige Frau “, antwortete die Frau des Verwalters, „haben beschlossen, daß sie Fräulein Dsï-djüans Bereitschaft dort brauchen.“ Bevor Li Wan etwas sagen konnte, sagte Dsï-djüan: „Herrin Lin [Dschï-hsiau], wären Sie so höflich, schon einmal loszugehen? Wenn sie gestorben ist, kommen wir selbstverständlich, wenn wir dort gebraucht werden...“ Sie hielt inne, korrigierte sich und sagte: „Da wir auf eine kranke Person aufpassen, fürchte ich, daß unsere Körper nicht rein sind. Während Fräulein Lin noch lebt, könnte sie jeder Zeit nach mir rufen.“ Li Wan versuchte, Frieden zwischen beiden zu stiften. „Die Wahrheit ist“, sagte sie, „daß diese Magd und Fräulein Lin eine Wahlverwandtschaft aus einem vergangenen Leben haben. Ich weiß, daß Hsüä-yän eine Magd war, die sie aus dem Süden mitgebracht hatte, aber sie ist mit ihr nicht so eng verbunden [wie Dsï-djüan]. Nehmen wir Dsï-djüan, so sehe ich, dass sich die beiden keinen Moment trennen mögen.“ Die Frau von Lin Dschï-hsiau, die offensichtlich nicht von Dsï-djüans Antwort angetan war, war daran gebunden, an sich zu halten, als Li Wan die Magd verteidigte. Als sie sah, daß Dsï-djüan nur noch weinen konnte, blickte sie sie mit einem Lächeln an und sagte: „Was das Mädchen Dsï-djüan gesagt hat, ist nicht so wichtig. Aber was soll ich der gnädigen Frau sagen? Vor allem, was soll ich der zweiten Herrin [Liän] sagen?“ Als sie sprach, kam Ping-örl aus Dai-yüs Schlafzimmer und wischte sich die Augen ab. „Was wollen sie der zweiten Herrin sagen?“, fragte sie. Lins Frau erzählte ihr noch einmal, worum es eben ging. Ping-örl wiegte ihren Kopf in Gedanken. Nach einem Moment sagte sie: „Wir werden Fräulein Hsüä schicken.“ – „Würde sie es tun?“, fragte Li Wan. Ping-örl ging zu ihr und flüsterte ihr ein paar Worte in das Ohr. Li Wan nickte und sagte: „Nun, in dem Fall, ist es genauso gut, wenn wir Hsüä-yän schicken.“ „Wird es Fräulein Hsüä tun?“, fragte Lins Frau Ping. – „Ja“, antwortete Ping-örl, „sie wird es ebenso gut tun.“ – „Dann sag’ ihr bitte, Fräulein Hsüä soll sofort mit mir kommen!“, sagte Lins Frau. „Ich werde es der gnädigen Frau und der zweiten Herrin berichten. Ich werde sagen, daß es die Idee der ersten Herrin [Li] und Fräulein [Ping-örl] war, bedenkt das. Und später kannst du es der zweiten Herrin selbst sagen.“ – „Natürlich“, antwortete Li Wan. „Meinst du damit etwa, daß jemand, der so alt ist und so viel Erfahrung hat wie du, nicht einmal für so eine kleine Sache wie diese Verantwortung tragen kann?“ Lins Frau lächelte. „Es ist nicht, daß ich keine Verantwortung tragen kann. Es ist nur, daß die gnädige Frau und Frau Liän alles arrangiert haben und unsereins nicht wirklich weiß, was los ist. Unter den Umständen scheint es nur rechtens zu sein, der ersten Herrin [Li] und Fräulein Ping zu erwähnen.“ Ping-örl hatte Hsüä-yän bereits gesagt, sie solle herauskommen. Nach den letzten paar Tagen war Hsüä-yän bei Dai-yü eher in Ungnade gefallen, die sie ein „dummes, unwissendes Kind“ nannte, und ihre Ergebenheitsgefühle gegenüber ihrer Herrin waren konsequentermaßen abgestumpft. Außerdem kam es für sie nicht in Frage, daß sie die Befehle der gnädigen Frau und der zweiten Herrin [Liän] mißachtete. Sie ordnete daher schnell ihre Haare und machte sich fertig zu gehen. Ping-örl sagte ihr, sie solle frische Kleider anziehen und mit Frau Lin gehen. Ping selbst blieb noch und sprach für eine kurze Weile mit Li Wan. Bevor sie ging, wies Li Wan sie an, Lins Frau auf ihrem Weg hereinzurufen, und sie solle Männer holen, daß sie die nötigen Vorbereitungen für Fräulein Lin mit der größtmöglichen Eile vornehmen möchten. Damit erklärte sich Ping-örl einverstanden und machte sich auf ihren Weg. Als sie um eine Ecke im Garten bog, erblickte sie Lins Frau, wie sie mit Hsüä-yän vor ihr herging, und Ping-örl rief, daß sie warten möchten. „Ich werde sie mit mir nehmen. Du gehst und sagst Herrn Lin, er soll Fräulein Lins Sachen vorbereiten. Ich werde der gnädigen Frau für dich berichten.“ – „Ja, Fräulein Ping-örl“, sagte Lins Frau und machte ihren Botengang. Ping-örl nahm dann Hsüä-yän mit zu den Brautgemächern und berichtete dort selbst, bevor sie ihre eigenen Angelegenheiten erledigte. Als Hsüä-yän die Hochzeitsvorbereitungen in vollem Gange sah, dachte sie an Dai-yü, wie sie auf der Schwelle des Todes lag, und fühlte eine stechende Traurigkeit. Aber sie traute sich nicht, ihre Gefühle in Gegenwart der Herzoginmutter und Hsi-fëng zu zeigen. „Wofür können sie mich brauchen?“ wunderte sie sich. Ich muß wissen, was vor sich geht. Ich weiß, daß Bau-yü bis über beide Ohren in unser Fräulein verliebt war. Und doch scheint er sie nun verlassen zu haben. Ich weiß nicht, ob seine Krankheit echt oder nur vorgetäuscht ist. Er mag die ganze Sache erfunden haben, um zu verhindern, unser Fräulein aufzuregen, indem er vorgibt, seinen Jade verloren zu haben, und so tut, als wäre er ein Idiot. Vielleicht denkt er da, er könne sie so abschrecken und Fräulein Bau mit gutem Gewissen heiraten? Ich muß ihn gut beobachten und sehen, ob er sich wie ein Dummer benimmt, wenn er mich sieht. Sicher wird er das Schauspiel nicht an seinem Hochzeitstag aufrechterhalten?“ Sie huschte hinein und spionierte am inneren Flur. Nun, obwohl Bau-yüs Gedanken immer noch vom Verlust des Jade benebelt waren hatte seine Freude durch die Aussicht, Dai-yü zu heiraten – in seinen Augen die gesegnetste, wunderschönste Sache, die im Himmel oder auf der Erde passiert war seit Anbeginn der Zeit – ,eine vorläufige Wiederbelebung seines körperlichen Wohlbefindens hervorgerufen, wenn nicht eine volle Instandsetzung seiner geistigen Fähigkeiten. Hsi-fëngs raffinierter Plan hatte genau den beabsichtigten Effekt gehabt, und er zählte nun die Minuten, bis er Dai-yü sehen würde. Heute war der Tag, an dem all seine Träume in Erfüllung gehen würden, und er war in Ekstase. Manchmal gab er noch immer eine dumme Bemerkung von sich, aber in anderer Hinsicht machte er den Anschein, wieder vollständig erholt zu sein. All das beobachtete Hsüä-yän, sie war ihm gegenüber haßerfüllt und trauerte um ihre Herrin. Sie wußte nichts vom wahren Grund seiner Freude. Während Hsüä-yän unbemerkt wegschlüpfte, befahl Bau-yü Hsi-jën sich zu beeilen und ihn in das Gewand des Bräutigams zu kleiden. Er saß im Gemach der Dame Wang und schaute zu, wie Hsi-fëng und Frau You mit ihren Vorbereitungen herumeilten; er selbst platzte vor Ungeduld vor dem großen Moment. Er fragte Hsi-jën: „Wenn Kusine Lin vom Garten kommt, warum dann all der Aufwand? Warum ist sie noch nicht hier?“ Ein Lächeln unterdrückend, antwortete Hsi-jën: „Sie muß auf den günstigen Moment warten.“ Hsi-fëng wendete sich an die Dame Wang und sagte: „Weil wir noch trauern, dürfen wir auf der Straße keine Musik haben. Aber die traditionelle Zeremonie würde ohne jede Musik so eintönig scheinen, also habe ich einigen der Dienerinnen mit etwas musikalischem Hintergrund, denen, die auf die Schauspielerinnen aufpaßten, gesagt, sie sollten kommen und ein wenig spielen, um etwas Festlichkeit zu schaffen.“ Die Dame Wang nickte und sagte: „Das geht.“ Gegenwärtig wurde die Sänfte der Braut durch das Haupttor getragen. Das kleine Ensemble der Dienerinnen spielte, als es durch eine Allee von zwölf Paaren von Palast-Laternen, die einen recht eleganten Eindruck machten, herunterkam. Der Zeremonienmeister forderte die Braut auf, aus ihrer Sänfte zu steigen und Bau-yü sah, wie die Ehrendame, ganz in rot, seine Braut herausführte, ihr Gesicht unter dem Brautschleier versteckt. Es gab eine Brautjungfer, und Bau-yü sah zu seiner Überraschung, daß es Hsüä-yän war. Dies verblüffte ihn für einen Moment. ‚Warum Hsüä-yän, und nicht Dsï-djüan?‘, fragte er sich selbst. Dann: ‚Natürlich. Hsüä-yän ist ihre ursprüngliche Magd vom Süden, wobei Dsï-djüan eine von unseren Mädchen war, was niemals ginge.‘ Und, als er Hsüä-yän sah, war es ihm daher, als hätte er Dai-yüs Gesicht selbst unter dem Schleier gesehen. Der Zeremonienmeister sang eine Liturgie, und die Braut und der Bräutigam knieten vor dem Himmel und der Erde. Die Herzoginmutter wurde vorgerufen, um ihre vierfache Huldigung zu empfangen, danach das Ehepaar Djia Dschëng, die zum Altar gebeten wurden. Diese begleiteten das Paar in die Halle und dann in das Brautgemach. Hier sollten sie auf dem Brautbett sitzen, und wurden mit Trockenobst beworfen, und waren anderen weiteren Bräuchen unterworfen, die bei den alten Nanking-Familien wie den Djias üblich sind, welche wir hier nicht detailliert beschreiben müssen. Wie zu erinnern ist, hatte Djia Dschëng dem Plan nur widerwillig zugestimmt, aus Rücksicht auf die Wünsche der Herzoginmutter, glaubte aber nicht an das Gerede des „Wendens von Bau-yüs Glück“. Aber heute, als er Bau-yü sah, wie er selbst wie ein normaler guter Mensch wirkte, konnte er nicht anders als sich freuen. Die Braut saß nun alleine auf dem Brautbett, und der Moment kam für den Bräutigam, den Schleier zu lüften. Hsi-fëng hatte ihre Vorbereitungen für diese Gelegenheit getroffen, und bat nun die Herzoginmutter, die Dame Wang und die anderen anwesenden Damen in das Brautgemach vorzukommen, um ihr zu helfen. Das Gefühl des Höhepunktes schien in Bau-yü die Rückkehr seiner dummen Art auszulösen, denn als er sich seiner Braut näherte, sagte er: „Geht es dir nun besser, Kusine? Es ist so lange her, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Warum verbirgst du dich unter diesem blöden Ding?“ Er war gerade dabei, den Schleier anzuheben. Die Herzoginmutter brach in kalten Schweiß aus. Aber er zögerte und dachte bei sich: „Ich weiß, wie empfindlich Kusine Lin ist. Ich muß sehr vorsichtig sein, sie nicht zu verletzen.“ Er wartete etwas länger. Aber bald wurde die Spannung unerträglich, und er ging auf sie zu und lüftete den Schleier. Die Ehrendame nahm ihm ihn ab, während Hsüä-yän in den Hintergrund zurücktrat und Ying-örl und die anderen Dienstmädchen den Dienst übernahmen. Er starrte seine Braut an. Das sah ja gar nicht nach Dai-yü aus, sondern nach Bau-tschai? Er glaubte seinen Augen nicht zu trauen, griff mit einer Hand eine Laterne, rieb mit der anderen seine Augen und schaute sie wieder an. Es war Bau-tschai! Wie hübsch sie aussah, in ihrem bunten Hochzeitskleid! Er starrte ihre sanfte Haut an, die vollen Kurven ihrer Schultern, und ihre Haare, wie sie in Locken von ihren Schläfen hingen! Ihre Augen waren feucht, ihre Lippen bebten leicht. Ihre ganze Erscheinung hatte die einfache Eleganz einer weißen Lilie, feucht von hängendem Tau; das mädchenhafte Rot auf ihren Wangen erinnerte an gewundene Aprikosenblüten im Dunst. Für einen Moment starrte er sie mit großem Erstaunen an. Dann bemerkte er, daß Ying-örl an ihrer Seite stand, während Hsüä-yän verschwunden war. Ein Gefühl der hilflosen Fassungslosigkeit ergriff ihn, und er dachte, er müsse träumen, er stand in einer bewegungslosen Betäubung da. Die Mägde nahmen seine Lampe und halfen ihm in einen Stuhl, wo er saß und sie noch immer anstarrte, ohne ein Wort. Die Herzoginmutter hatte Angst, daß dies wieder ein Signal für den Ausbruch seiner Krankheit sei, und kam selbst herüber, um ihm beizustehen, während Hsi-fëng und Frau You Bau-tschai auf einen Stuhl im inneren Teil des Raumes begleiteten. Bau-tschai hielt ihren Kopf geneigt und sagte nichts. Nach einer Weile hatte sich Bau-yü genug gefaßt, um nachzudenken. Er sah die Herzoginmutter und die Dame Wang ihm gegenübersitzen, und fragte Hsi-jën flüsternd: „Wo bin ich? Das muß alles ein Traum sein.“ – „Ein Traum? Nun, das ist der glücklichste Tag in deinem Leben!“, sagte Hsi-jën. „Wie kannst du so dumm sein und von einem Traum sprechen? Der gnädige Herr sitzt draußen.“ Bau-yü deutete mit dem Finger vorsichtig auf Bau-tschai und fragte: „Wer ist die schöne Dame, die dort drüben sitzt?“ Hsi-jën hielt ihre Hand vor den Mund, konnte vor Lachen nicht sprechen, nach einer halben Ewigkeit sagte sie endlich: „Das ist deine Braut, die frischvermählte zweite Herrin.“ Die anderen Mägde drehten sich weg, unfähig, ihr Lachen zurückzuhalten. Bau-yü: „Wie dumm! Was meinst du mit ‚zweite Herrin‘? Wer ist denn Frau Bau-yü?“ Hsi-jën wieder: „Fräulein Bau.“ Bau-yü: „Aber was ist mit Fräulein Lin?“ Hsi-jën entgegnete: „Der gnädige Herr entschied, daß du Fräulein Bau-tschai heiraten solltest. Wie kommst du denn jetzt närrischerweise auf Fräulein Lin?“ Bau-yü: „Aber ich sah Fräulein Lin gerade eben und Hsüä-yän auch. Sie können nicht einfach verschwinden! Was für eine Art Spiel ist das, was ihr alle hier mit mir spielt?“ Hsi-fëng kam zu ihm und flüsterte in sein Ohr: „Da drüben sitzt Fräulein Bau, also hör’ bitte auf, so zu reden. Wenn du sie verletzt, wird die alte Dame böse auf dich sein.“ Bau-yü war nun hoffnungsloser verwirrt als je zuvor. Die merkwürdigen Vorgänge in jener Nacht kamen zu dem ohnehin schon bedenklichen geistigen Zustand, hatten ihn zu so einer hohen Stufe von Verzweiflung überreizt, daß alles, was er tun konnte, nur noch weinen war – „ich muß Kusine Lin finden!“ – sagte er wieder und wieder. Die Herzoginmutter und die anderen Damen versuchten ihn zu trösten, aber er wollte das alles nicht verstehen. Da Bau-tschai auch dabei war, mußten sie vorsichtig mit dem sein, was sie sagten. Sie wußten, daß Bau-yü eindeutig an einem schweren Rückfall litt, wollten es aber nicht sagen, weil seine Frau da saß. Sie befahlen, daß im ganzen Zimmer Benzoe[1] angezündet werden sollte. Dann half man ihm ins Bett. Alle waren ruhig und saßen eine Weile da, bis Bau-yü in einen Tiefschlaf gefallen war, sehr zur Erleichterung der Herzoginmutter und der Damen, die dort saßen, um auf das Morgengrauen zu warten. Die Herzoginmutter befahl Hsi-fëng, Bau-tschai zu bitten, sich hinzulegen und auszuruhen, was sie tat, ganz angezogen, wie sie war. Bau-tschai benahm sich, als hätte sie nichts gehört. Djia Dschëng war während all dem in einem der äußeren Zimmer geblieben, daher hatte er nichts gesehen, was seinen beschwichtigenden Eindruck, den er früher erhalten hatte, desillusionieren könnte. Der folgende Tag, war der gewählte Tag, gemäß dem Kalender, für seine Abreise zu seinem neuen Posten. Er ruhte sich ein wenig aus und kehrte in seine Gemächer zurück. Die Herzoginmutter verließ ebenfalls Bau-yü, der tief schlief, und kehrte zu ihren Gemächern für eine kurze Pause zurück. Am nächsten Morgen, verabschiedete sich Djia Dschëng von den Vorfahren im Familienschrein und kam, um die Herzoginmutter Lebewohl zu sagen. Er verbeugte sich vor ihr und sagte: „Ich, dein unwürdiger Sohn, bin dabei, in die Ferne zu verreisen. Mein einziger Wunsch ist, daß du die alte Dame sich warm im kalten Wetter hältst und gut auf dich aufpassen wirst. Sobald ich an meinem Posten ankomme, werde ich dir schreiben und fragen, wie es dir geht. Du sollst dir wegen mir keine Sorgen machen. Bau-yüs Hochzeit wurde nun gemäß deinen Wünschen zelebriert, und es bleibt mir nur, dich zu bitten, ihn zu belehren und ihm die Weisheit deiner Jahre zu vermitteln.“ Die Herzoginmutter fürchtete, daß Djia Dschëng sich auf seiner Reise Sorgen machen würde, erwähnte Bau-yüs Zusammenbruch nicht, sondern sagte bloß: „Da gibt es eine Sache, die ich dir sagen sollte. Obwohl die Riten letzte Nacht ausgeführt wurden, hat Bau-yü gestern keine Hochzeitsnacht mit seiner Braut verbracht. Heute ist dein Abreisetag. Er sollte ja kommen, um dich heute zu verabschieden. Aber unter all den Umständen - seine frühere Krankheit, das gewendete Glück, sein noch immer zerbrechlicher Gesundheitszustand und die gestrige Anspannung - befürchte ich, daß, wenn er herauskäme, er sich eine Erkältung zuzöge. Also überlasse ich es dir: Wenn du willst, daß er seinen Sohnespflichten nachkommt, indem er dich verabschiedet, dann schicke ich sofort nach ihm; aber wenn du ihn liebst, dann werde ich ihn kurz hierher holen lassen, er macht seinen Kotau, und das war’s.“ „Warum sollte ich wollen, daß er sich von mir verabschiedet?“, antwortete Djia Dschëng. „Alles, was ich will, ist, daß er von nun an ernsthaft studiert. Das würde mir bei weitem größere Freude bringen.“ Die Herzoginmutter war sehr erleichtert, dies zu hören. Sie sagte Djia Dschëng, er solle sich setzen, und schickte nach Yüan-yang, nachdem sie ihr verschiedene geheime Anweisungen übermittelt hatte, um Bau-yü zu holen und Hsi-jën mit ihm zu bringen. Yüan-yang war nicht lange weg gewesen, als Bau-yü hereinkam und mit dem üblichen Soufflieren, seine Pflicht für seinen Vater erfüllte. Glücklicherweise brachte der Anblick seines Vaters ihm für ein paar Momente genügend Klarheit, um ohne große Fehltritte durch die Formalitäten zu kommen. Djia Dschëng lieferte selbst ein paar ermahnende Worte, zu denen sein Sohn nickte. Dann rief Djia Dschëng danach, ihn zurück in sein Zimmer zu begleiten, während er selbst in die Gemächer der Dame Wang ging. Dort legte er der Dame Wang nachdrücklich auf, sich des moralischen Wohlverhaltens des Sohnes während seiner Abwesenheit anzunehmen. „Es soll nicht mehr wie früher weiter verwöhnt werden,“ fügte er hinzu, „er muß sich nun darauf vorbeiten, in die Abschlußprüfung der Provinz für das nächste Jahr zu kommen. Er darf das nicht verpassen.“ Die Dame Wang versicherte ihm, daß sie ihr Äußerstes tun würde und ohne etwas anderes zu erwähnen, schickte sie sofort eine Magd, um Bau-tschai herzuholen. Bau-tschai führte genau den richtigen Ritus auf, den eine neuverheiratete Braut vorführt, wenn sie ihren Schwiegervater verabschiedet und blieb dann im Zimmer, als Djia Dschëng ging. Die anderen Frauen begleiteten ihn so weit wie bis zum zweiten Tor, bevor sie zurückkehrten. Vetter Dschën und die anderen jungen männlichen Djias erhielten ein paar Worte der Ermahnung, tranken einen Abschiedstrunk, und begleiteten ihn, zusammen mit einer Menge anderer Freunde und Verwandte, soweit bis zur Zehnmeilen-Herberge, etwa fünf Kilometer hinter den Stadtmauern, wo sie sich endlich verabschiedeten. Aber nichts mehr über Djia Dschëngs Abreise. Laßt uns zu Bau-yü zurückkehren, der wieder einen Rückfall erlitt als sein Vater ihn verließ. Seine Gedanken wurden immer umnebelter, und er konnte weder essen noch trinken. Ob er diese Krise überlebte oder nicht, wird im nächsten Kapitel enthüllt.

Anmerkungen

  1. Ein Harz, der beim Verbrennen einen wohlriechenden Duft verströhmt.