Hongloumeng/de/Chapter 98

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Kapitel 98

苦绛珠魂归离恨天 / 病神瑛泪洒相思地

Ein leidender Geist kehrt zurück zum Ort der TrennungUnd ein genesender Stein weint am Ort vergangener Liebe.

Als er von seinem Vater zurückkehrte, fiel Bau-yü, wie wir gesehen haben, in den schlimmsten Zustand von geistiger Umnachtung überhaupt zurück. Ihm fehlte auch die Energie, sich zu bewegen und wollte nicht einmal essen, sondern ging ins Bett und fiel sofort in einen tiefen Schlaf. Wieder einmal wurde der Arzt gerufen und wieder einmal nahm er Bau-yüs Puls und verschrieb ein Rezept für Medizin, die keine Wirkung zeigte. Er konnte nicht einmal mehr die Menschen um ihn herum erkennen. Und doch, wenn ihm in eine sitzende Position verholfen wurde, konnte er immer noch als jemand durchgehen, der gesund war. Dieser Zustand dauerte ein paar Tage an, bis zum neunten Tag nach der Hochzeit. Würden sie nicht hingehen, würde Frau Hsüä ihr Gesicht verlieren. Aber wenn sie mit Bau-yü in seinem derzeitigen Zustand, hingehen würden, was sollten sie da sagen? Sie wußten, daß der Grund der Krankheit in seiner Abhängigkeit von Dai-yü lag. Die Herzoginmutter hätte gerne reinen Tisch gemacht und es Frau Hsüä erzählt. Aber sie fürchtete, daß auch dies Verletzung und Mißstimmung bringen würde. Es war auch schwierig für sie, irgendein Trost für Bau-tschai zu sein, die in einer schwierigen Lage war, als neues Mitglied der Familie Djia. So ein Trost konnte nur von einem Besuch bei der Mutter des Mädchens gespendet werden, was schwierig wäre, wenn sie sie bereits verletzt hätten, indem sie den neunten Tag nicht feierten. Es mußte durchgezogen werden. Die Herzoginmutter teilte ihre Gedanken darüber der Dame Wang und Hsi-fëng mit: „Es ist nur Bau-yüs Kopf, der gegenwärtig angegriffen ist. Vor ein bisschen Bewegung schadet ihm nicht. Wir müssen zwei kleine Sänften vorbereiten und eine Magd schicken, um sie zu unterstützen. Sie können durch den Garten gehen. Wenn der neunte Tag einmal richtig gefeiert wurde, können wir Frau Hsüä bitten, herüberzukommen und Bau-tschai zu trösten, während wir unser Bestes geben, um Bau-yüs Gesundheit wiederherzustellen. Beide werden davon profitieren.“ Die Dame Wang stimmte zu und begann sofort, die nötigen Vorbereitungen zu treffen. Buddha sei Dank war Bau-tschai eine unerfahrene Braut und Bau-yü in einem geistesschwachen Zustand, so daß beide einfach zu manipulieren waren. Bau-tschai kannte nun die volle Wahrheit, und gab in ihren Gedanken ihrer Mutter die Schuld für diese dumme Entscheidung. Aber nun, da die Dinge soweit waren, sagte sie nicht viel dazu. Als Frau Hsüä selbst Bau-yüs erbärmlichen Zustand sah, begann sie zu bedauern, jemals ihr Einverständnis gegeben zu haben, und wollte nur alles schnell erledigt haben, um nach außen die Normalität zu wahren. Als sie nach Hause zurückkehrten, schien Bau-yüs Zustand schlimmer zu werden. Am nächsten Tag konnte er nicht einmal aufrecht im Bett sitzen. Dieser Verfall verschlimmerte sich täglich, bis er sogar keine Flüssigkeit mehr zu sich nehmen konnte. Frau Hsüä war da und sie und die anderen Damen durchkämmten in ihrer rasenden Verzweiflung die Stadt nach bedeutenden Ärzten, ohne einen zu finden, der die Krankheit diagnostizieren konnte. Endlich entdeckten sie einen heruntergekommenen Arzt namens Bi Dschï-an, der außerhalb der Stadt in einem maroden Tempel logierte. Er diagnostizierte die Krankheit als einen schweren Fall eines emotionalen Schocks von Freude und Trauer, erschwert durch die Verfehlung, sich nicht in Einklang mit den Jahreszeiten gekleidet und unregelmäßig gegessen zu haben, mit konsequenter Anstauung von Zorn und der Blockierung der gesunden Lebensenergie und der Gemütsverfassungen. Kurz, innere Verletzung, die sich in äußeren Symptomen äußert. Er verschrieb ein Rezept, welches mit seiner Diagnose übereinstimmte. Es wurde an diesem Abend verabreicht. Nach elf Uhr abends zeigte es Wirkung. Bau-yü begann Zeichen des Bewußtseins zu zeigen und bat um Wasser zum Trinken. Die Herzoginmutter, die Dame Wang und all die anderen Damen versammelten sich um das Krankenbett und fühlten, daß sie endlich eine kurze Atempause von ihrer Nachtwache nehmen konnten, und Frau Hsüä wurde eingeladen, Bau-tschai zu den Gemächern der Herzoginmutter mitzubringen, um dort eine Weile auszuruhen. Sein kurzer Anfall von Klarheit erlaubte es Bau-yü, die Schwere seiner Krankheit zu erkennen. Als die anderen gegangen waren und er mit Hsi-jën alleine war, rief er sie an seine Seite, nahm sie an die Hand und sagte voller Tränen: „Bitte sage mir, wieso Kusine Bau-tschai hier ist? Ich erinnere mich, daß mein Vater mich mit Kusine Dai-yü verheiraten wollte. Warum hat Kusine Bau-tschai ihren Platz eingenommen? Sie hat kein Recht hier zu sein! Ich würde ihr das gerne sagen, aber ich will sie nicht verletzen. Wie hat es Kusine Dai-yü? Ist sie sehr wütend?“ Hsi-jën traute sich nicht, ihm die Wahrheit zu sagen, und sagte bloß: „Fräulein Dai-yü ist krank.“ „Ich muß gehen und sie sehen“, sagte Bau-yü. Er wollte aufstehen, aber die Tage ohne Essen und Trinken hatten seine Kräfte so geschwächt, daß er sich nicht länger bewegen konnte, sondern nur bitter weinen und sagte: „Ich weiß, daß ich sterben werde! Da geht mir etwas durch den Kopf, etwas sehr Wichtiges, von dem ich will, daß du es Großmutter für mich erzählst. Fräulein Lin ist dem Tod geweiht. So wie es um mich steht, kann ich sie auch nicht beschützen. Wenn zwei Kranke an verschiedenen Orten sterben, ist es doch schwer zu organisieren, wenn beide sterben. Es wäre besser, wenn sie jetzt ein Zimmer für uns vorbereiten und wenn sie uns dorthin bringen, bevor es zu spät ist, so können wir wenigstens zusammen vom Arzt behandelt werden, dort zusammen auf den Tod warten. Tu das für mich, um unserer Freundschaft willen!“ Hsi-jën fand diese Bitte zugleich verstörend, komisch und bewegend. Er weinte und gluckste. Bau-tschai, die zufällig mit Ying-örl vorbei ging, hörte jedes Wort und tadelte ihn sofort: „Anstatt dich auszuruhen und zu versuchen, wieder gesund zu werden, machst du dich noch kränker mit diesem düsteren Gerede! Großmutter hat kaum einen Moment aufgehört, sich um dich zu sorgen, und du hinterläßt hier noch mehr Ärger für sie. Sie ist nun über achtzig und lebt inzwischen nicht mehr dafür, daß du eine Beamtenkarriere machst, aber wenigstens kannst du ihr, indem du ein erwachsener Mensch wirst, alles zurückzahlen, was sie deinetwillen erlitten hat. Und ich möchte nicht einmal die Qualen erwähnen, die deine Mutter aushielt, als sie dich erziehen mußte. Du bist der einzige Sohn, den sie noch hat. Wenn du sterben solltest, denke daran, wie sie leiden würde! Und ich, ich habe zwar ein bescheideneres Schicksal, aber so habe ich es auch nicht verdient; du mußt ja keine Witwe aus mir machen. Aus diesen drei guten Gründen wird dich, selbst wenn du sterben willst, der Himmel nicht sterben lassen. Nach vier oder fünf Tagen angemessener Ruhe und Behandlung, wird deine Krankheit vergehen, und deine Lebensgeister werden wiederhergestellt sein, und deine Krankheit wird verschwunden sein.“ Für eine Weile konnte Bau-yü keine gute Antwort ersinnen. Endlich lachte er dumm und sagte: „Nachdem du so lange nicht mit mir gesprochen hast, stehst du hier und hältst mir einen Vortrag. Du kannst dir deine Worte sparen.“ Als Bau-tschai dies hörte, setzte sie erneut zu sprechen an: „Laß mich dir dann die volle Wahrheit sagen. Vor wenigen Tagen, während du bewußtlos warst, starb Kusine Dai-yü.“ Mit einer plötzlichen Bewegung setzte sich Bau-yü auf und schrie entsetzt: „Ist sie wirklich tot?“ „Ist sie. Wie könnten dieser Mund und diese Zunge über so etwas wie den Tod falsches Zeugnis ablegen? Großmutter und Mutter wußten, wie wichtig ihr beide euch wart und wollten es dir nicht sagen, weil sie Angst hatten, daß du auch sterben würdest, wenn sie es täten.“ Bau-yü begann hemmungslos zu heulen und warf sich zurück in sein Bett. Plötzlich war vor seinen Augen alles schwarz. Er konnte nicht sagen, wo er war, und begann, sich sehr verloren zu fühlen, als er dachte, er würde einen Mann auf sich zu gehen sehen und ihn in verwirrtem Ton fragen: „Wären Sie so freundlich mir zu sagen, wo ich bin?“ – „Dies“, antwortete der Fremde, „ist der Weg zu den Quellen der Unterwelt, „deine Zeit ist noch nicht gekommen. Was führt dich her?“ – „Ich habe gerade vom Tod meiner alten Freundin erfahren und war gekommen, um sie zu finden. Aber ich scheine mich verlaufen zu haben.“ – „Wer ist deine Freundin?“ – „Lin Dai-yü aus Sudschou.“ Der Mann schenkte ihm ein kaltes Lächeln: „Im Leben war Lin Dai-yü keine normale Sterbliche, und im Tod wurde sie kein normaler Schatten. Eine normale Sterbliche hat zwei Seelen, welche sich bei der Geburt für den physischen Rahmen verbinden und beim Tod auflösen, um sich wieder ihrer kosmischen Strömung anzuschließen. Wenn du die Unmöglichkeit betrachtest, normale Menschen in der Unterwelt zu suchen, wirst du erkennen, was für eine aussichtslose Aufgabe es ist, Lin Dai-yü zu suchen. Du kehrst besser sofort zurück.“ Nachdem er für einen Moment gedankenverloren da stand, fragte Bau-yü wieder: „Aber wenn Sie sagen, daß der Tod eine Auflösung ist, wie kann es dann einen Platz wie die Unterwelt geben?“ – „Den gibt es, wenn du sagst, daß es ihn gibt“, antwortete der Mann mit einem überlegenen Lächeln, „sagst du, es gäbe ihn nicht, so gibt es ihn nicht. Es ist eine Belehrung, ersonnen, um die Menschheit vor ihrer blinden Bindung an die Idee von Leben und Tod zu warnen. Der oberste Zorn erhebt sich durch die menschliche Dummheit in allen Formen – ob es das exzessive Bestreben ist, frühreife Begierde nach Selbstmord oder aussichtslose Selbstzerstörung durch Prasserei und ein Leben der maßlosen Gewalt. Die Hölle ist ein Ort, wo die Seelen, sowie diese gefangen sind, gezwungen werden, zahllose Qualen zu erleiden, um Buße für ihre Sünden tun. Diese Suche von dir nach Lin Dai-yü ist eine Falle, in die du nicht tappen darfst. Dai-yü kehrte zurück zum Land der Illusion und, wenn du sie wirklich finden willst, mußt du deine Gedanken beherrschen und deine spirituelle Natur stärken. Dann wirst du sie eines Tages wiedersehen. Aber wenn du nicht in dein normales Leben zurückkehrst, sondern des frühen Selbstmordes schuldig wirst, wirst du in die Hölle gesperrt. Und dann, obwohl es dir erlaubt sein wird, deine Eltern zu sehen, wirst du sicherlich nicht Dai-yü wiedersehen.“ Als der Mann zu Ende gesprochen hatte, holte er einen Stein aus dem Inneren seines Ärmels und warf ihn auf Bau-yüs Brust. Die Worte, die er gesprochen hatte und der Aufprall des Steins, als er auf seiner Brust landete, versetzten Bau-yü zusammen so einen Schrecken, daß er sofort nach Hause zurückgegangen wäre, wenn er nur gewußt hätte, welchen Weg er nehmen mußte. In dieser Verwirrung hörte er plötzlich eine Stimme und, als er sich umdrehte, sah er die Figuren der Herzoginmutter, der Dame Wang, Bau-tschai, Hsi-jën und von seinen anderen Mägden, in einem Kreis um ihn stehend, weinend und seinen Namen rufend. Er lag nun in seinem eigenen Bett. Die rote Lampe stand auf seinem Beistelltisch. Der Mond schien leuchtend durch das Fenster. Er war wieder zurück in seiner bunten, prächtigen Welt. Ein kurzer Moment des Nachdenkens sagte ihm, daß das, was er gerade erlebt hatte, ein Traum gewesen war. Er war in kaltem Schweiß gebadet. Obwohl er sich innerlich frisch und kühl fühlte, verschlimmerte das Denken nur sein Gefühl der hilflosen Trostlosigkeit, und er stieß ein paar schwere Seufzer aus. Bau-tschai hatte von Dai-yüs Tod seit mehreren Tagen gewußt. Während die Herzoginmutter den Mägden verboten hatte, es ihm zu erzählen, aus Angst vor einer weiteren Verschlimmerung seiner Krankheit, dachte sie, sie wüßte es besser. Im Bewußtsein, daß es Dai-yü war, die die Wurzel seiner Krankheit war, und daß der Verlust seiner Jade nur ein zweitrangiger Faktor war, ergriff sie die Gelegenheit um die Wahrheit zu erzählen, damit der Schmerz seinen Höhepunkt erreichte und es nur wieder besser werden, sein Geist zurückfinden und er wieder gesund werden konnte. Die Herzoginmutter, die Dame Wang und die anderen, hatten keine Ahnung von Bau-tschais Absichten und tadelten sie zunächst für ihren Mangel an Vorsicht. Aber als sie sahen, daß Bau-yü sein Bewußtsein wiedererlangte, waren sie erleichtert und gingen sofort zur Bibliothek, um den Arzt Bi hereinzubitten, damit er seinen Patienten wieder untersuchen konnte. Der Doktor nahm vorsichtig seinen Puls. „Wie seltsam!“, rief er. „Sein Puls ist tief und ruhig, sein Geist still, die Beengung zerstreut. Morgen muß er eine regulierende Medizin nehmen, welche ich verschreibe, und dies sollte eine schnelle und vollständige Genesung hervorrufen.“ Der Arzt ging, und die Damen kehrten alle in erleichterter Stimmung zu ihren Gemächern zurück. Obwohl Hsi-jën Bau-tschai die Art sehr übel nahm, wie sie die Nachricht verraten hatte, traute sie sich nicht, es zu sagen. Ying-örl wiederum rügte ihre Herrin im Vertrauen dafür, daß sie, wie sie sagte, zu ungeduldig war. „Du weißt doch nicht, was gut und was schlecht ist!“, erwiderte Bau-tschai scharf, „überlaß das mir!“ Bau-tschai ignorierte die Meinungen und Kritiken von denen um sie herum, fuhr fort, ein wachsames Auge auf Bau-yüs Fortschritt zu halten und erforschte seine Krankheit wie ein Akupunkteur mit einer Nadel. Eines Tages begann er eine leichte Verbesserung in sich selbst zu fühlen, obwohl seine geistige Ausgeglichenheit noch immer leicht durch den kleinsten Gedanken an Dai-yü gestört werden konnte. Hsi-jën war stets an seiner Seite, mit solchen Worten des Trostes, wie: „Der Herr hat Fräulein Bau-tschai als ihre Braut gewählt, weil sie von vertrauenswürdigerer Natur ist. Er dachte, daß Fräulein Dai-yü zu schwierig und temperamentvoll für ihn wäre, und außerdem war dort immer die Angst, daß sie nicht lange leben würde. Dann, später, hatte die Herzoginmutter die Sorge, daß Sie nicht wüßten, was das Beste für Sie war. Sie hatte auch Angst, daß Sie sich während Ihrer Krankheit noch weitere Sorgen machten. Also bat sie Hsüä-yän herüber zu kommen, um zu versuchen die Dinge für Sie einfacher zu machen.“ Dies trug nicht dazu bei, seine Trauer zu verringern, und er weinte oft untröstlich. Aber jedes Mal, wenn er daran dachte, seinem Leben ein Ende zu setzen, erinnerte er sich an die Worte des Fremden in seinem Traum; und dann dachte er an das Elend, das sein Tod seiner Mutter und seiner Groß-mutter bringen würde, und wußte, daß er sich nicht von ihnen losreißen konnte. Er dachte auch darüber nach, daß Dai-yü tot war und daß Bau-tschai auf ihre Art eine feine Dame war; da mußte nach allem etwas Wahres an dem Bund von Gold und Jade sein. Dieser Gedanke beruhigte seinen Geist ein wenig. Bau-tschai konnte sehen, daß sich die Dinge verbesserten und infolgedessen ging es ihr auch selbst besser. Jeden Tag absolvierte sie peinlich genau ihre Pflichten gegenüber der Herzoginmutter und der Dame Wang, und wenn diese fertig waren, tat sie alles, was sie konnte, um Bau-yüs Trauer zu heilen. Er war noch immer nicht fähig, für lange Zeit aufrecht zu sitzen, aber oft, wenn er sie an seinem Bett sitzen sah, schien seine alte Krankheit wieder auszubrechen. Sie versuchte auf eine ernste Art, ihn zu heilen und sagte: „Das Wichtigste ist, auf deine Gesundheit zu achten. Nun, da wir verheiratet sind, haben wir noch ein ganzes Leben miteinander vor uns.“ Er hörte ihrem Rat nur widerstrebend zu, aber da seine Großmutter, seine Mutter, Frau Hsüä und alle anderen abwechselnd während des Tages auf ihn aufpaßten und da Bau-tschai allein in einem angrenzenden Zimmer schlief und er nachts von ein oder zwei Mägden der Herzoginmutter bewacht wurde, blieb ihm keine andere Wahl, als sich auszuruhen und schnell wieder gesund zu werden. Und als die Zeit verging und Bau-tschai sich als eine sanfte und ergebene Freundin herausstellte, spürte er, daß ein kleiner Teil seiner Liebe zu Dai-yü sich auf sie übertrug. Aber dies gehört zu einem späteren Teil unserer Geschichte. Kehren wir zum Hochzeitstag von Bau-yü zurück. Dai-yü, wie es zu erinnern gilt, hatte ihr Bewußtsein verloren, während es noch hell war, und ihr Leben hing an einem seidenen Faden. Ihr schwaches Atmen und das bedenkliche Herzklopfen ließen Li Wan und Dsï-djüan verzweifelt heulen. Am Abend jedoch schien es ihr besser zu gehen. Sie öffnete kraftlos ihre Augen, und schien nach Wasser zu fragen. Hsüä-yän war bereits gegangen, und nur Li Wan und Dsï-djüan waren an ihrer Bettseite. Dsï-djüan brachte ihr eine kleine Tasse Birnensaft gemischt mit einem Sud von Drachenaugenfrüchten, und fütterte sie mit zwei oder drei kleinen Silberlöffeln davon. Dai-yü schloß ihre Augen und ruhte für eine Weile. Ihr Bewußtsein flackerte manchmal für einen Moment in ihr auf, dann verschwand es wieder. Li Wan erkannte diesen friedlichen Zustand als das letzte schwache Aufbäumen der Sterbenden, aber sie dachte, das Ende würde erst in ein paar Stunden kommen und kehrte deshalb kurz zum Duftreisdorf zurück, um sich um ihre eigenen Sachen zu kümmern. Dai-yü öffnete wieder ihre Augen. Sie sah niemanden im Zimmer außer Dsï-djüan und ihre alte Amme und ein paar der anderen jüngeren Mädchen, sie packte Dsï-djüans Hand und sagte mit großer Anstrengung: „Ich bin am Ende! Nach den Jahren, die du damit verbracht hast, mir alles zu geben, was ich brauche, hatte ich gehofft, wir beide könnten immer zusammen sein. Aber nun...“ Sie brach ab, nach Atem ringend, schloß ihre Augen und lag ruhig, erfaßte fest Dsï-djüans Hand. Dsï-djüan traute sich nicht, sich zu bewegen. Sie hatte gedacht, daß Dai-yü so viel besser aussah, hatte sogar gehofft, sie könnte nach allem noch durchkommen; aber diese Worte liefen ihr kalt über den Rücken. Nach einer langen Pause, sprach Dai-yü wieder: „Schwester [Dsï-djüan]! Ich habe keine eigene Familie hier. Mein Körper ist rein: versprich mir, sie zu bitten, mich zu Hause zu begraben!“ Sie schloß wieder ihre Augen und war still. Ihr Griff festigte sich noch mehr um Dsï-djüans Hand, und sie wurde von einem erneuten Krampf der Atemlosigkeit erfaßt. Als sie wieder atmen konnte, atmete sie länger aus und kürzer und schwächer ein. Die Atemzüge wurden so schnell, daß Dsï-djüan sehr aufgeregt wurde, und sie schickte sofort nach Li Wan. Tan-tschun kam zufällig genau in diesem Moment an. Dsï-djüan flüsterte dringlich zu ihr: „Fräulein! Kommen sie und schauen sie sich Fräulein Dai-yü an!“ Als sie sprach, fielen ihre Tränen herunter wie Regentropfen. Tan-tschun kam herüber und fühlte Dai-yüs Hand. Sie war bereits kalt, und ihre Augen glasig und offenbar leblos. Tan-tschun und Dsï-djüan weinten, als sie die Anweisungen gaben, Wasser zu holen, um Dai-yü zu waschen. Nun kam Li Wan hereingeeilt, sie, Tan-tschun und Dsï-djüan sahen einander an, aber waren zu erschrocken, um ein Wort zu sagen. Sie begannen Dai-yüs Gesicht mit einem Lappen zu waschen, als diese plötzlich mit lauter Stimmer schrie: „Bau-yü! Bau-yü! Wie konntest du ...“ Ihr ganzer Körper brach in kalten Schweiß aus, und sie konnte nichts mehr sagen. Sie versuchten, sie zu beruhigen und zu unterstützen. Sie schwitzte mehr als reichlich, und ihr Körper wurde um Grade kälter. Tan-tschun und Li Wan sagten den Mädchen, sie sollten ihr Haar hochstecken und ihr die Begräbniskleidung anziehen, und sie sollten schnell damit sein. Da verdrehte Dai-yü die Augen und starb. Ihre wohlriechende Seele löste sich auf, schwebte auf der Brise, Ihre Sorgen waren nun Fäden, die nach Mitternacht in die Träume flossen. Der Moment, in dem Dai-yü ihren letzten Atemzug tat, war genau der Moment, in dem Bau-yü Bau-tschai zu seiner Frau nahm. Dsï-djüan und Dai-yüs andere Mägde begannen zu jammern und zu klagen. Li Wan und Tan-tschun erinnerten sich an die vergangene Zuneigung zu ihr – eine Erinnerung noch ergreifender gemacht durch die einsamen Umstände ihres Todes, und auch sie weinten viele bittere und innige Tränen. Die neuen Gemächer von Bau-yü waren weit weg, und die Gäste hörten nichts von ihrem Wehklagen, aber in der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß, in einer kurzen Pause der Ruhe zwischen ihrem Klagen, hörten sie eine schwache Melodie in der Ferne. Sie lauschten hinterher, um sie zu hören, aber sie war schon wieder weg. Tan-tschun und Li Wan gingen hinaus in den Garten, um wieder zu lauschen, aber alles, was sie hören konnten, war wie der Wind die Bambusstaudenwipfel bewegte. Das Mondlicht warf einen schwankenden Schatten auf die Wand. Es war eine unheimliche, einsame Nacht. Gerade schickten sie nach Lin Dschï-hsiaus Frau. Sie hatte Dai-yü vernünftig zurechtgemacht. Die Mägde wurden angewiesen, die Leiche die ganze Nacht zu bewachen. Früh am nächsten Morgen berichteten sie Hsi-fëng von ihrem Tod, die nun in ein akutes Dilemma gedrängt wurde: Die Herzo- ginmutter und die Dame Wang waren beide sehr beschäftigt und verzweifelt, Djia Dschëng war dabei, abzureisen, Bau-yü war schwachsinniger denn je; wenn sie ihnen jetzt die schlechten Nachrichten erzählen würde, hatte sie Angst um die Gesundheit der Herzoginmutter und der Dame Wang. Sie waren bereits mit so vielen Sorgen beladen und könnten dem Schock vielleicht nicht gewachsen sein. So entschied sie sich, selbst zum Garten zu gehen. Als sie an der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß ankam und hineinging, konnte sie sich nicht helfen und weinte. Sie sprach mit Li Wan und Tan-tschun und erfuhr, daß alle richtigen Vorbereitungen getroffen worden waren, um sie aufzubahren. „Gut“, sagte sie und gewann ihren forschen Ton in der Stimme zurück: „Aber warum, hättet ihr es mir nur früher gesagt. Ich war so besorgt.“ – „Wie hätten wir?“, antworteten sie. „Herr Dschëng reist gerade ab.“ „Vielleicht war es aufmerksam“, sagte Hsi-fëng nachdenklich. „Nun, ich muß zurückgehen und jenen Geliebten besuchen. Ich weiß wirklich nicht, was ich am besten machen soll. Ich sollte es ihnen heute sagen. Aber wenn ich es tue, fürchte ich, daß es zu viel für Großmutter sein könnte.“ – „Tu, was du für richtig hältst“, sagte Li Wan. Hsi-fëng nickte und eilte zurück. Sie kam an, um den Arzt bei Bau-yü vorzufinden. Weil sie hörte, daß er sagte, sein Zustand sei nun sorgenfrei, und sie sah, daß die Herzoginmutter und die Dame Wang deshalb ruhiger waren, entschied sie sich, es ihnen ohne weitere Verzögerung zu sagen. Sie brachte ihnen die Neuigkeit so schonend wie möglich bei, an einem Ort, wo es keine Chance für Bau-yü gab, es zu hören. Die Nachrichten hatten eine erschütternde Wirkung, und die Herzoginmutter brach in Tränen aus. „Ich bin schuld! Ich habe ihr das angetan! Aber warum mußte sie so eigensinnig und dumm sein?“ Sie wollte in den Garten gehen, um zu trauern, war aber zwischen ihrer Trauer und der Sorge um Bau-yü hin- und hergerissen. Die Dame Wang und die anderen versuchten alle, sie davon abzubringen, indem sie ihre eigene Trauer so gut wie möglich zurückhielten und sagten: „Du solltest nicht gehen, Mutter. Du mußt auf dich selbst aufpassen.“ Die Herzoginmutter unterwarf sich ihrem Rat und mußte sich damit abfinden, die Dame Wang an ihrer Stelle zu schicken. „Gib ihrem Geist diese Nachricht von mir. Sag’ ihr: ,Es ist nicht, weil ich hartherzig bin, daß ich mich nicht von dir verabschiedet habe, sondern weil mein Enkelsohn mich hier braucht. Du bist das Kind meiner Tochter, ich weiß. Aber Bau-yü ist ein Djia, und ich kann ihn jetzt nicht verlassen. Wenn ich es tun würde und er sterben würde, wie würde ich seinem Vater jemals wieder ins Gesicht blicken können?‘ “ Die Herzoginmutter weinte wieder. Die Dame Wang versuchte sie zu trösten. „Wir wissen alle, wie sehr du Fräulein Dai-yü geliebt hast, Mutter. Aber das Schicksal hatte für sie einen frühen Tod bestimmt. Sie ist nun tot und es gibt nichts mehr, was wir für sie tun können, außer, daß wir ihr die bestmögliche Beerdigung geben. Das wird wenigstens ein Ausdruck unserer Liebe für sie sein und wird ihr etwas Friede für den verstorbenen Geist sein und den ihrer lieben Mutter.“ Diese Worte lösten bei der Herzoginmutter einen neuen und noch herzzerreißenderen Tränenausbruch aus. Hsi-fëng war besorgt, daß sie ihrer Gesundheit durch dieses Übermaß an Trauer schaden könnte und entschied sich, weil sie wußte, daß Bau-yü vernebelt war, für die Notlüge, daß Bau-yü drüben nach ihr rufen würde. Die Herzoginmutter hörte sofort auf zu weinen und fragte: „Liebe Güte! Warum?“ Hsi-fëng lächelte schmeichelnd: „Es gibt keinen Grund. Er vermißt vielleicht nur seine Großmutter.“ Die Herzoginmutter legte sofort eine Hand auf Dschën-dschus Schulter und ging fort, begleitet von Hsi-fëng. Sie waren auf halbem Wege zu Bau-yüs Gemächern, als sie die Dame Wang trafen, wie sie von der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß zurückkehrte. Sie gab einen kurzen Bericht ihrer Mission, den die Herzoginmutter sehr bewegend fand. Aber sie war fest entschlossen, Bau-yü zu besuchen, mußte ihren Tränen trocknen und ihre Trauer zurückhalten. „Nachdem du jetzt dort gewesen bist und alles in Ordnung ist, werde ich nicht selbst hingehen, sondern alles dir überlassen. Es würde mich zu traurig machen, sie zu sehen. Ich werde mich auf dich verlassen, daß die Dinge ordentlich geregelt werden. Hauptsache, Ihr kränkt ihn nicht.“ Die Dame Wang und Hsi-fëng antworteten, daß sie sehr recht damit habe, dies zu tun, und verließen sie auf ihrem weiteren Weg zu Bau-yü. Als sie ihn sah, fragte sie: „Was wolltest du von mir?“ Er lächelte matt und sagte: „Gestern Abend sah ich Kusine Dai-yü, und sie sagte mir, daß sie zurück in den Süden gehen werde. Ich habe gedacht, daß hier niemand sei, der sie überreden könnte zu bleiben, außer dir, Großmutter. Tust du es, um meinetwillen?“ – „Natürlich, tue ich das“, antwortete die Herzoginmutter, „mach’ dir keine Sorgen!“ Hsi-jën half Bau-yü sich wieder hinzulegen, und die Herzoginmutter ging in Bau-tschais Gemach. Das war, bevor Bau-tschai den neunten Tag nach der Hochzeit feierte, und sie fühlte sich immer noch sehr schüchtern in ihrer neuen Umgebung. Als die Herzoginmutter hereinkam, sah sie, daß das Gesicht der alten Dame naß von Tränen war. Sie gab ihr eine Tasse Tee. Danach bat die Herzoginmutter sie, sich zu setzen, was sie mit großer Zurückhaltung tat, sie setzte sich an ihre Seite und fragte: „Ich hörte, daß Kusine Dai-yü krank gewesen ist. Ich wusste nicht, ob es ihr besser ging.“ Tränen begannen, aus den Augen der Herzoginmutter zu strömen. „Mein Kind! Wenn ich es dir sage, mußt du versprechen, es nicht Bau-yü zu sagen. Es ist nur wegen deiner Kusine Dai-yü, daß du so leiden mußt. Aber nun, da du Bau-yüs Braut bist, muß ich dir die Wahrheit sagen. Deine Kusine Dai-yü ist nun schon zwei, drei Tage tot. Sie starb genau zu der Zeit, als ihr geheiratet habt. Diese gegenwärtige Krankheit von Bau-yü besteht nur ihretwegen. Ihr drei wart einmal Nachbarn im Garten, also bin ich sicher, daß du weißt, was ich meine.“ Bau-tschai wurde rot. Auch sie begann zu weinen, als sie an ihre verstorbene Freundin dachte. Die Herzoginmutter redete noch ein wenig mit ihr und ging dann. Es war von diesem Moment an, daß Bau-tschai anfing, sich den Kopf zu zerbrechen, um eine Heilung für Bau-yü zu finden. Sie dachte noch immer, daß sie vorsichtig sein müsse, und es war erst nach dem neunten Tag, als sie die nötige Zuversicht erlangte, um den Weg der Heilung zu gehen, welcher sich als sehr wirksam herausstellte. Mit Bau-yüs Erholung wurde es allen wieder möglich, offen mit ihm zu sprechen. Aber obwohl seine Gesundheit einen täglich neu zu bemerkenden Fortschritt zeigte, konnte nichts seine obsessive Liebe für Dai-yü dämpfen, und er begann darauf zu bestehen, selbst hinüber zu gehen und an ihrem Leichnam zu weinen. Die Herzoginmutter wußte, daß seine Krankheit noch nicht vollständig ausgemerzt war und verbot ihm, daran zu denken. Aber so eingesperrt – wie er es in seinem Zimmer war, begann seine Krankheit öfter zurückzukehren. Es war endlich der Arzt, der, in Anbetracht der psychologischen Natur der Krankheit, den Ausflug sehr empfahl, um die Wirkung der Medizin zu erhöhen und die Heilung zu beschleunigen. Als Bau-yü dies hörte, wollte er sofort zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß gehen. Diesmal gab die Herzoginmutter widerstrebend ihre Erlaubnis und sagte ihnen, sie sollten einen Tragestuhl aus Bambus bringen und ihm hinein helfen. Sie und die Dame Wang gingen voraus. Als sie ankamen und Dai-yüs Sarg sahen, bekam die Herzoginmutter fast selbst einen Weinanfall und wurde nur durch das Eingreifen von Hsi-fëng und den anderen Anwesenden davor bewahrt. Die Dame Wang weinte auch. Li Wan bat dann die Herzoginmutter und die Dame Wang sich in die inneren Zimmer zurückzuziehen, was sie taten, noch immer weinend. Als Bau-yü ankam, gingen seine Gedanken zurück an die Tage, bevor er krank wurde. Heute war Dai-yü immer noch da, aber bereits tot. Wie nahe sie sich einmal standen! Heute verabschiedete er sich von einer Toten! Wie traurig das war! Die Leidenschaftlichkeit seiner Trauer begann alle zu besorgen, und alle versuchten, ihn zu trösten. Er war jedoch bereits außer sich vor Weinen und wollte selbst sterben. Das Beste, was sie tun konnten, war, ihm zu helfen, sich hinzulegen und sich auszuruhen. Die anderen, die ihn begleitet hatten, einschließlich Bau-tschai, weinten alle sehr bitter. Als Bau-yü sich genügend erholt hatte, bestand er darauf, Dsï-djüan zu sehen, und fragte sie, was Dai-yüs letzte Worte gewesen waren. Ursprünglich haßte Dsï-djüan ihn zutiefst. Aber als sie sah, wie überwältigt er von Trauer war, wurde sie ihm gegenüber etwas weicher. Außerdem waren die Herzoginmutter und die Dame Wang da, und sie traute sich nicht, ihn in ihrer Anwesenheit zu beschimpfen. Also erzählte sie ihm genau, wie ihre Herrin wieder so plötzlich krank geworden war, wie sie die Taschentücher und die Gedichte verbrannt hatte und von den wenigen Worten, die sie vor ihrem Tod gesprochen hatte. Bau-yü heulte sich heiser. Tan-tschun nahm nun die Gelegenheit wahr, zu erwähnen, daß Dai-yü kurz vor ihrem Tod darum gebeten hatte, daß ihr Sarg in den Süden gebracht werde. Dies brachte die Herzoginmutter und die Dame Wang wieder zum Weinen. Glücklicherweise war Hsi-fëng mit mehr Worten des Trostes zu Stelle, und sie setzte sich bei ihnen durch, mit ihrer Trauer an sich zu halten. Dann schlug sie höflich vor, daß sie zu ihren Gemächern zurückkehren sollten. Bau-yü konnte sich nicht losreißen. Erst als die Herzoginmutter ihn dazu zwang, überwand er sich und kehrte zu seinen Gemächern zurück. Die Herzoginmutter fing an, wegen ihres Alters und der ständigen Aufregung, der im Haushalt seit dem Ausbruch von Bau-yüs Krankheit herrschte, Zeichen der Strapazen zu zeigen. Diese letzte Szene der Trauer und der Klage griffen sie so tief an, daß sie Fieber und Mattigkeit heraufkommen fühlte. Bei aller Sorge für Bau-yü fühlte sie sich der Situation nicht länger gewachsen. Sie war gezwungen, sich in ihr Zimmer zurückzuziehen und zu schlafen. Die Dame Wang war, wenn dies möglich war, sogar noch untröstlicher betroffen und zog sich ebenso zurück. Sie gab Tsai-yün die Anweisung, Hsi-jën zu helfen und auf Bau-yü aufzupassen, und fügte hinzu: „Wenn er noch weiter trauert, komm und sag’ es mir sofort.“ Bau-tschai wußte, wie stark die Bindung zwischen Bau-yü und Dai-yü war, aber statt ihn zu trösten, fuhr sie fort, ihn in derselben verletzenden Art zu tadeln, wie vorher. Er, darauf bedacht sie nicht weiter zu verletzen, setzte seinem Weinen bald ein Ende und versuchte, seine Trauer zu mäßigen. Er ging schlafen und die Nacht verging ohne weitere Ereignisse. Früh am nächsten Morgen, als sie kamen, um zu sehen, wie es ihm ging, war er noch schwach und hatte wenig Energie, aber er schien über das Schlimmste hinweg zu sein. Sie pflegten ihn mit erneuter Sorge, und er fing an, stetig seine Kräfte zurückzugewinnen. Glücklicherweise wurde die Herzoginmutter nicht krank. Es war die Dame Wang, bei der der Schock einen dauerhaften Eindruck hinterließ. Als Frau Hsüä zu Besuch kam, war sie positiv überrascht, Bau-yü in viel besserer Stimmung vorzufinden. Sie blieb für ein paar Tage. An einem dieser Tage lud die Herzoginmutter sie zum Plaudern ein. „Wir verdanken dir Bau-yüs Leben,“ begann sie, „er ist nun außer Gefahr, glaube ich. Ich fühle mich nur schuldig wegen Bau-tschai, nach der Art, wie die Dinge passiert sind. Bau-yü hat sich nun hundert Tage erholt und ist wirklich wieder sehr kräftig; und nun, da die Trauerperiode für die kaiserliche Nebenfrau um ist, können wir daran denken, die Geschichte zu vollenden. Ich möchte, daß du einen glücklichen Tag im Kalender für diese Angelegenheit suchst.“ – „Deine Idee ist sehr gut“, erwiderte Frau Hsüä. „Aber warum fragst du mich? Bau-tschai mag ein einfaches Mädchen sein, aber sie hat eine empfindsame Natur und versteht diese Dinge. Ich denke, daß du mit ihrem Naturell vertraut sein mußt. Wenn die zwei in Harmonie zusammenleben können, wird es so eine Befreiung für dich, so ein Trost für meine Schwester sein, und es wird meine Gedanken auch beruhigen. Du mußt einen Tag auswählen. Werden wir Verwandte und Freunde zu der Feier einladen?“ – „Ich denke, wir sollten“, antwortete die Herzoginmutter. „Nach allem ist es der wichtigste Tag ihres Lebens. Es gab so viele Probleme und Komplikationen, aber nun endlich scheint alles gelöst zu sein. Ich denke, wir sollten Einladungen verschicken und eine richtige mehrtägige Feier daraus machen. Wir werden all unsere Freunde und Verwandten einladen. Erstens feiern wir, daß unser Wunsch endlich in Erfüllung gegangen ist. Zweitens trinken wir alle zusammen ein Glas Wein, da all unsere Mühen und Sorgen nicht umsonst waren.“ Frau Hsüä hörte das, war selbstverständlich erfreut und bot noch einmal die Mitgift an. Die Herzoginmutter sagte: „Da dies alles in der Familie bleibt, gibt es keinen Grund für dich, dir solche Mühe zu machen. Sie haben bereits all die Möbel, die sie brauchen. Wenn überhaupt, bring einige von Bau-tschais liebsten Dingen. Aber bitte mach’ dir um nichts Anderes Sorge. Ja, Bau-tschai ist so ein ruhiges, verständnisvolles Mädchen, gar nicht wie meine arme Enkelin, deren überempfindliche Natur der Grund ihres Todes in einem so zarten Alter war.“ Frau Hsüä fing nun auch an zu weinen. Glücklicherweise kam Hsi-fëng in diesem Moment herein und fragte mit einem Lächeln: „Großmutter, Tantchen, was verstört euch?“ – „Wir redeten gerade über Fräulein Dai-yü“, antwortete Frau Hsüä, „deshalb sind wir so traurig.“ Hsi-fëng lächelte wieder. „Ihr dürft nicht erlauben, euch aufzuregen. Hört euch das an – es ist ein Witz, den ich gerade gehört habe.“ Die Herzoginmutter wischte ihre Tränen weg, und bekam ein mattes Lächeln zustande. „Über wen wirst du dich nun lustig machen? Komm schon, wir hören. Wenn du uns nicht zum Lachen bringst, lassen wir dich nicht so leicht gehen.“ Hsi-fëng begann mit ihren Händen zu gestikulieren, aber war bereits durcheinander, bevor sie ein Wort herausbekam. Um zu wissen, was sie ihnen erzählen wollte, muß man das nächste Kapitel lesen.