Hongloumeng/de/Chapter 85
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Kapitel 85
贾存周报升郎中任 / 薛文起复惹放流刑
Dienstmagd, keine Ehefrau und Nebenfrau, das ist eine Welt der Chaoten! Ich wurde ganz anders erzogen, das kann ich euch sagen! Bei mir zu Hause kannte jeder seinen Platz. Ich habe genug in eurer Familie ertragen müssen!“ „Schwägerin,“ flehte Bau-tschai, „Mutter ist nur gekommen, weil sie euch zwei kämpfen hörte. Falls du glaubst, sie hätte dich beleidigt, ist es nur, weil sie nicht zwischen dir und Bau-tschan unterschied, sie war doch nur traurig. Mit Sicherheit meinte sie es nicht so. Wäre es nicht besser, in Ruhe zu erklären, was dir nicht gefällt, und wir alle finden gemeinsam eine friedliche Lösung? Arme Mutter, wir bekümmern sie noch zu Tode.“ „Ja,“ fügte Frau Hsüä hinzu, „bevor du mich beschuldigst, erklär’ mir bitte, welche Probleme es gibt.“ „So ein gutes Mädchen!“, sagte Djin-guee an Bau-tschai gewandt. „Ich bin sicher, so eine feine Dame wie du wird sicher einen guten Ehemann finden und in einem schönen Haus wohnen – nicht wie ich, ich sitze hier, wie eine lebendige Witwe, keine Verwandten um mich und werde von allen und jedem ausgenutzt! Was für eine Närrin ich nur bin! Verurteile mich nicht zu hart. Ich bin nur eine arme vaterlose Kreatur, die es nicht besser gelernt hat. Und ich bin sicher, es wäre dir lieber, wenn ich die schmutzigen Details von dem aussparen würde, was wirklich zwischen meinem Mann und großen und kleinen Damen vorgeht, ganz zu schweigen von den Dienstmägden!“ Als Bau-tschai dies hörte, schämte sie sich und wurde wütend. Ihre Mutter in dieser Situation zu sehen, tat ihr im Herzen weh. Sie hielt die Luft an und sprach zur Schwägerin: „Schwägerin,“ flehte sie, „bitte sag’ nichts mehr. Niemand verurteilt dich, niemand nutzt dich aus – auch Tchiu-ling niemals.“ Darauf begann Djin-guee auf ihr Ofenbett zu schlagen und schrie mit grellster Stimme: „Tchiu-ling! Wie kann man mich nur mit ihr vergleichen? Ich bin den Schlamm unter ihren Füßen nicht wert, nicht wahr? Sie ist viel länger als ich hier, sie versteht euch und weiß, wie man euch Honig ums Maul schmiert und ich nicht, ich bin nur ein Neuankömmling! Ich kann das nicht. Wie könntet Ihr mich mit ihr vergleichen. Was solls. Wir können nicht alle Kaiserliche Konkubinen sein; gehe besser deinen eigenen Weg und paß auf, daß du nicht so enden wirst wie ich, verheiratet mit einem dummen Tölpel und wie eine lebendige Witwe dasitzend, daß mich jeder beliebig verspotten kann!“ Frau Hsüä hörte das, wurde sehr wütend, stand auf und sagte: „Ich verteidige sie nicht nur, weil sie meine Tochter ist; ich rate dir, hüte deinen Mund. Sie hat alles versucht, um sich mit dir zu vertragen, doch du hast nur im Sinn, sie weiter zu reizen. Was auch immer dein Problem ist, laß das arme Mädchen in Ruhe! Wenn du jemanden bestrafen willst, warum erwürgst du nicht mich stattdessen?“ – „Bitte werd du nicht auch noch böse, Mama,“ bettelte Bau-tschai. „Wir haben nur versucht zu helfen. Wenn alles, was wir tun, es nur noch schlimmer macht, denke ich ehrlich, wir sollten gehen. Laß uns ihr Zeit geben, über alles nachzudenken. Und du hör’ auf, noch weiteren Ärger zu verursachen!“ Die letzte Bemerkung war an Bau-tschan gerichtet. So gingen die beiden und kehrten in ihre eigene Wohnung zurück. Als sie den Hof durchquerten, sahen sie ein Dienstmädchen der Herzoginmutter mit Tchiu-ling herauskommen, und sie liefen ihnen entgegen, um sie zu grüßen. „Welchen Weg habt ihr genommen?“, fragte Frau Hsüä und fügte hinzu: „Wir hoffen, der Herzoginmutter geht es gut.“ „Es geht ihr gut, vielen Dank, gnädige Frau“, antwortete die Magd. „Die Herzoginmutter trug mir auf, euch ihre Hochachtung zu übermitteln, euch für die Lychees zu danken, die Sie letztens geschickt haben und Fräulein Tjin zu ihrer Verlobung zu gratulieren.“ „Wann seid Ihr denn gekommen?“, fragte Bau-tschai. „Vor einer ganzen Weile,“ war ihre Antwort. Frau Hsüä wurde rot, als sie bemerkte, wieviel die Magd mitgehört haben mußte. „Ich fürchte, bei uns ist es so chaotisch derzeit“, sagte sie, „wir müssen in euren Augen Witzfiguren sein.“ „Ach, gnädige Frau, das ist nichts Ernstes“, sagte die Magd. „Jede Familie hat ihre kleinen Probleme. Das ist so natürlich wie das Klirren von Tellern im Picknickkorb. Ihr sorgt euch zu sehr.“ Sie ging mit ihnen hinein und setzte sich einen Moment hin, bevor sie zur Herzoginmutter zurückkehrte. Eine Weile später, Bau-tschai war damit beschäftigt, Hsiang-ling Anweisungen zu geben, als Frau Hsüä plötzlich schrie: „Au! Meine linke Brust!“ Sie legte sich nieder auf das Ofenbett und versetzte Bau-tschai und Hsiang-ling in große Panik. Doch wenn ihr den Ausgang dieser Begebenheit wissen wollt, müßt ihr zum nächsten Kapitel übergehen. 84. Bau-yü hat eine spontane Prüfung, und seine Verlobung wird erstmals diskutiert Djia Huan besucht ein konvulsivisches Kind, und alte Anfeindungen werden neu aufgenommen.
Bau-tschai identifizierte den plötzlichen Schmerz ihrer Muttter in der linken Brust als eine Bewegung des schlechten Qis der Leber nach oben in die Brust, hervorgerufen durch die schlimme Szene mit Djin-guee. Weil Bau-tschai die Ursache kannte, wartete sie nicht auf den Arzt, sondern schickte sofort einen Diener aus, um ein Paar Kleinigkeiten zu besorgen, braute eine dicke Brühe für Frau Hsüä und gab es ihr zum Einnehmen. Mit Tchiu-ling massierten sie ihre Beine und Brust, damit sie sich entspanne. Eine Weile beruhigten sich alle; doch Frau Hsüä war weiter traurig und wütend. Sie ärgerte sich über Djin-guees abscheuliches Verhalten und war traurig, daß Bau-tschai so eine Demütigung erleiden mußte. Letztendlich, nach einer weiteren Dosis töchterlicher Beschwichtigung, schlief sie ein und das Qi aus der Leber hatten die Möglichkeit abzusacken. „Jetzt mach’ dir bitte keine Sorgen mehr, Mama,“ flehte Bau-tschai, als sie aufwachte. „In ein oder zwei Tagen, wenn du dich ausreichend erholt fühlst, warum gehen wir dann nicht rüber und sehen nach der Herzoginmutter und Tante Wang? Das würde dir sehr gut tun. Hsiang-ling und ich kümmern uns derweil hier um alles, während du fort bist. Und ich bin sicher, es wird von Djin-guees Seite keinen Ärger mehr geben.“ Frau Hsüä nickte: „Vielleicht in ein paar Tagen.“ Endlich kamen die Neuigkeiten an, daß sich Yüän-tschun erholt hatte und alle in der Familie Djia waren sichtlich erleichtert. Ein oder zwei Tage später kam eine Gesellschaft von Eunuchen aus dem Palast mit Geschenken und Päckchen mit Geld. Sie verkündeten, es sei der Wunsch der kaiserlichen Nebenfrau, die Familie für ihren Eifer, den sie bei ihrem Besuch während ihrer Unpäßlichkeit zeigte, zu entschädigen. Die Eunuchen überreichten die sorgfältig verpackten Geschenke. Djia Schë, Djia Dschëng und die anderen Männer traten ein, um der Herzoginmutter davon zu berichten, und kamen alle wieder zurück, um sich für die Großzügigkeit zu bedanken. Als die Eunuchen ihren Tee getrunken hatten und gegangen waren, kehrten alle zu den Gemächern der Herzoginmutter zurück. Nach einer Weile, während sie immer noch redeten, kam eine Amme mit einer Nachricht herein: „Die andere Seite berichtet, daß dort ein Besucher mit einem wichtigen Anliegen für Herrn Djia Schë wartet, meine gnädige Dame.“ Die Herzoginmutter gestattete es, er bedankte sich und ging, um sich um diese Angelegenheit zu kümmern. Als er gegangen war, mußte sie plötzlich an etwas denken und ihr Gesicht wurde von einem Lächeln erhellt. „Es ist so rührend“, sagte sie und wandte sich zu Djia Dschëng, „wie die kaiserliche Nebenfrau an Bau-yü denkt! An einem Tag fragte sie sogar nach ihm.“ „Bau-yü will nicht lernen. Ihre Besorgtheit“, antwortete Djia Dschëng mit sarkastischem Lächeln, „ist genauso großzügig wie unverdient.“ „Doch ich machte einen glänzenden Bericht über ihn!“ protestierte die Herzoginmutter. „Ich sagte, wie gut er mit seinen Aufsätzen vorankäme.“ „Ich wünschte nur, es wäre wahr“, sagte Djia Dschëng mit einem vernichtenden Lächeln. „Aber du und deine Freunde verlangt von ihm doch oft, daß er Verse und Dinge für euch verfaßt. Hat er das nicht geschafft, oder wie? Ich bin sicher, er macht Fortschritte. Er ist noch jung, seid geduldig mit ihm. Ein Sprichwort sagt: ‚Ein Kind wird auch nur Löffelchen für Löffelchen zu einem Wonneproppen,‘ wie das Sprichwort sagt.“ Djia Dschëng lächelte pflichtbewußt: „Ja, Mutter.“ „Dies bringt mich,“ fuhr die alte Dame fort, „zu etwas anderem, worüber ich sprechen wollte. Jetzt, wo Bau-yü erwachsen wird, ist es Zeit, daß du und seine Mutter ernsthaft darüber nachdenkt, ihm eine vernünftige Frau zu suchen. Die Hochzeit ist einer seiner wichtigsten Schritte im Leben. Wir müssen uns nicht zu viele Gedanken darüber machen, wie nah sie mit uns verwandt oder wie wohlsituiert sie ist; doch wir müssen sicher sein, daß sie ein gutes Herz hat und ein hübsches Mädchen ist.“ – „Danke, daß du mich daran erinnerst, Mutter“, antwortete Djia Dschëng. „Doch so sehr ich die Wichtigkeit, eine Braut zu suchen, anerkenne, liegt der erste Schritt, wie ich finde, bei Bau-yü selbst. Ohne eine bemerkenswerte Verbesserung auf seiner Seite wird er kein echter Mann und keine Karriere machen. Sonst wäre das ein bedauerlicher Fehler für die betroffene junge Dame. Sein derzeitiges faules Betragen kann nur eine eheliche Katastrophe verursachen.“ Seine Antwort gefiel seiner Mutter nicht, sie antwortete: „Ich weiß, daß es die Entscheidung der Eltern ist! Das ist nicht meine Sache! Doch Bau-yü ist bei mir groß geworden, und ich kümmere mich sehr um ihn. Es ist kein Wunder, daß ich mich ein bißchen mehr um ihn kümmere. Es kann sein, daß ich mich um die wichtigen Dinge für ihn nicht so gekümmert habe. Er sieht gut aus, und sein Herz ist anständig. Er wird kein Taugenichts werden, wie könntest du meinen, er bedrohe das Glück junger Mädchen. Ich denke nicht, daß ich voreingenommen bin! Auf jeden Fall ist er dem jungen Huan vorzuziehen. Oder wie denkt Ihr darüber?“ Djia Dschëng fühlte sich nun sehr unbehaglich und antwortete mit geheuchelter Freundlichkeit: „Du kannst das mit deiner größeren Erfahrung natürlich besser beurteilen, Mutter. Du magst darin richtig liegen, daß das Schicksal ihn begünstigt. Möglicherweise ist es meine eigene – wie soll ich sagen? – Ungeduld. Wahrscheinlich bin ich nicht, wie die Vorfahren sagen, blind für die Fehler der eigenen Kinder, sondern blind für die Vorzüge der eigenen Kinder.“ Das brachte nicht nur die Herzoginmutter zum Lachen, sondern alle Umstehenden auch. „Ja“, sagte die Herzoginmutter, „und vergiß nicht, wie alt du jetzt bist. Und du bist noch Beamter. Selbstverständlich bist du reich an Erfahrungen.“ Sie wandte sich lächelnd zu den Damen Hsing und Wang und: „Wenn ihr ihn nur gesehen hättet, als er noch ein Junge war! Er war unmöglich! Doppelt so schlimm wie Bau-yü! Erst die Hochzeit belehrte ihn über ein paar Dinge im Leben. Und jetzt hört er gar nicht mehr auf, sich über den armen Bau zu beschweren. Der Junge ist in seinem jetztigen Alter bereits viel verständiger, als sein Vater es zu der Zeit war.“ Die Damen lachten und sagten, daß die Schwiegermutter sehr witzig sei. Dann traten die jüngeren Mägde ein und informierten Yüan-yang, daß das Essen bereit sei, serviert zu werden. „Sprich lauter!“, rief die Herzoginmutter aus mit wieder hergestelltem heiteren Gemüt. „Weihe mich ein in das Geheimnis!“ Yüan-yang lächelte und gab die Nachricht weiter. „In diesem Fall“, sagte die Herzoginmutter, „darf sich jeder zum Mittagessen nach Hause zurückziehen, mit Ausnahme von Hsi Feng und Vetter Dschëns Frau. Ich hätte gern, daß sie bleiben und mir Gesellschaft leisten.“ Djia Dschëng, die Damen Wang und Hsing nickten, warteten, bis das Essen aufgetragen war, und dann, nach einigen weiteren Schwänken der alten Dame, brachen sie auf und gingen getrennte Wege. Nachdem die Dame Hsing gegangen war, kam Djia Dschëng zusammen mit seiner Frau, der Dame Wang, wieder auf das Thema, daß er mit der Herzoginmutter besprochen hatte: „Meine Mutter kümmert sich so sehr um ihren Enkel! Sie hofft, daß er anständig studiert und sich einen guten Namen macht. Hoffentlich enttäuscht er ihre Hoffnung nicht und wird tatsächlich noch eine gute Partie.“ „Was Ihr sagt, ist natürlich richtig!“ stimmte die Dame Wang zu. Djia Dschëng schickte sofort eine Magd mit folgenden Anweisungen für Li Guee los: „Sag’ Bau-yü, ich wünsche, ihn heute abend zu sehen. Anstatt mich nach der Schule zu besuchen, soll er erst sein Abendbrot einnehmen und danach direkt in mein Arbeitszimmer kommen. Ich habe ihm etwas zu sagen.“ Li Guee nickte. Li Guee fing an diesem Nachmittag Bau-yü auf seinem Heimweg von der Schule ab: „Besuchen Sie Ihren Vater heute nicht direkt, sondern essen Sie erst zu Abend und besuchen Sie ihn erst danach, weil er Ihnen etwas zu sagen hat.“ Bau-yü schien vom Blitz getroffen; er besuchte seine Großmutter, eilte zurück zum Hof der Freude am Roten, aß ein kärgliches Mahl, spülte den Mund aus und begab sich zur Wohnung seines Vaters. Djia Dschëng wartete im inneren Arbeitszimmer auf ihn. Bau-yü trat ein, verbeugte sich und stand dort angespannt. Djia Dschëng sagte „Ich bin zur Zeit sehr beschäftigt und hatte noch nicht die Gelegenheit, dich nach der Entwicklung deines Studiums zu fragen. Ich erinnere mich, daß der Lehrer dir einen Monat Zeit zur Nachbearbeitung gab, nach welcher er vorhatte, dich Aufsätze schreiben zu lassen. Da inzwischen zwei Monate vergangen sind, solltest du inzwischen schon angefangen haben, denke ich.“ – „Das habe ich, Herr“, antwortete Bau-yü. „Ich habe drei Aufsätze geschrieben. Der Lehrer sagte, ich solle dir jetzt noch keine Aufsätze zeigen, sondern erst später, wenn sie besser würden. Deswegen habe ich dir die Aufsätze in den letzten Tagen noch nicht gezeigt.“ – „Was waren deine ersten drei Themen?“ –
„Das erste war aus den Gesprächen, Buch zwei“, antwortete Bau-yü. „Der Weise sagt, mit 15 habe er zu studieren begonnen.“ Das zweite Thema war auch aus den Gesprächen, Buch eins: „Hasse den nicht, der dich nicht versteht.“ Und das dritte war Mencius, Buch drei, Teil zwei: „Entweder gehört man der Schule Mo oder Yang an“.
„Und hast du deine Entwürfe aufbewahrt?“, fragte Djia Dschëng.
„Ich habe ausreichend Abschriften von allen dreien, Herr, mit den Verbesserungen des Lehrers.“
„Sind sie zu Hause oder im Schulraum?“ „Im Schulraum, Herr.“
„Dann laß jemanden gehen und sie besorgen. Ich würde sie gerne sehen.“
Bau-yü schickte eine Eilnachricht an Bee-ming: „Gehe in den Schulraum; in der Schublade unter meinem Pult ist ein dünnes Schreibheft aus Bambuspapier, auf dem Achtgliedrige Aufsätze steht. Bring es schnell her!“ Nach kurzer Zeit kehrte Bee-ming mit dem Heft zurück, welches er Bau-yü gab, der es seinem Vater zeigte. Djia Dschëng schlug die erste Seite auf und begann den ersten Achtgliedrigen Aufsatz von Bau-yü mit dem Thema „Mit 15 zu studieren anfangen“ zu lesen. Der Weise nahm sich vor, zu studieren, obwohl er jung war. Der Lehrer hatte aber das Zeichen für „jung“ in „fünfzehn Jahre“ korrigiert. Djia Dschëng fragte Bau-yü: „Du hast ja vorher ‚jung‘ geschrieben, das stimmt ja mit dem Thema nicht ganz überein, weil ‚jung‘ die Phase von klein an bis sechzehn Jahren. Dieser Aufsatz geht darüber, wie der Weise darüber spricht, wie er selbst, als er anfing zu studieren, immer weiter voran kam, deshalb die Altersangaben fünfzehn, dreißig, vierzig, fünfzig, sechzig, siebzig. So kann man erst seine Entwicklung sehen. Er beschreibt, wie man bis zu jenem Jahrzehnt jenen Meilenstein erreicht hat; deshalb hat der Lehrer ‚jung‘ in ‚mit fünfzehn Jahren‘ korrigiert. So kann man es besser verstehen.“ Im Achtgliedrigen Aufsatz folgte auf zwei Sätze Einleitung eine Interpretation, so las Djia Dschëng die Interpretation. Bau-yüs Text, bevor der Lehrer diesen korrigiert hatte, lautete: „Wenn ein Mann nicht zum Studium motiviert ist, ist er ein gewöhnlicher Mensch.“ Djia Dschëng schüttelte den Kopf und sagte: „Du bist ja noch recht kindisch. Man sieht ja, daß in dir keine Motivation zum Gelehrten steckt. Dann ging er weiter im Text: „Der Weise hat mit 15 schon angefangen zu studieren, wie schwer muß das sein.“ – Wie kann man denn so etwas schreiben, das ist doch kein Satz.“ Er sah dann die Korrektur des Lehrers. „Wie sollte der Mann nicht studieren, wenn er nicht vorhat, ein Elite-Gelehrter zu werden? Deshalb glaubt der Weise, mit 15 zu studieren anfangen zu können.“ Er fragte, „Hast du verstanden, was der Lehrer korrigiert hat?“ – „Ich habe es verstanden.“ Djia Dschëng ging zum zweiten Thema über: „Hasse den nicht, der dich nicht versteht.“ Djia Dschëng las die korrigierte Version des Lehrers, übersetzte sie sich selbst und fuhr fort: „Wenn man sich nicht versteht und man sich nicht haßt, teilt man auch die Freude nicht.“ Er kniff seine Augen zusammen, um Bau-yüs verwischtes Original zu entziffern: „Was hast du denn geschrieben? ‚Wenn man kein wütendes Herz hat, gehört man zu den Gelehrten.‘ Mit diesem Satz hast nur das halbe Thema behandelt. Das muß ja korrigiert werden, damit es mit dem Thema zusammenpaßt. Der Folgesatz muß ja den Anfangstext erklären, so kann der Text ja erst fließen und logisch sein. Du brauchst Sorgfalt und Verständnis, dann erst kann es klappen.“ Bau-yü stimmte zu. Djia Dschëng las weiter und sagte: „Du weißt nicht, daß jeder wütend werden kann? Wie soll denn das gehen? Wie könnte man auf diesem Wege noch erreichen, dann noch über Freude zu sprechen?“ Der Original-Satz von Bau-yü war: „Oder gehört man nicht zu den Gelehrten?“ – Djia Dschëng sagte: „Das ist der gleiche Fehler, was geändert wurde, ist richtig. Obwohl ich einigermaßen verstehe, was du damit sagen willst. Man kann es gerade durchgehen lassen.“ – Das dritte Thema war: „Alle Äußerungen auf der Welt gehören nicht zur Yang-Schule der Orthodoxie, sondern zur Mo-Schule der Häresie.“ Djia Dschëng las das Thema, hob den Kopf, dachte eine Weile nach und fragte dann Bau-yü: „Spielt dies auf die Passage bei Meng-zi an, die der Überschrift vorausgeht? Seit ihr schon so weit im Stoff?“ Bau-yü antwortete: „Meng-zi ist leicht verständlich, deshalb haben wir ihn vorgezogen. Bis vorgestern haben wir Meng-zi beendet. Heute lesen wir wieder die Gespräche.“ Djia Dschëng sah, daß Bau-yüs Text nicht viel vom Lehrer korrigiert worden war. In der Einführung stand: „Die Wörter, die außerhalb der Yang-Schule gesprochen werden, können nicht zur Yang-Schule gehören.“ – „Der zweite Satz ist ja etwas schwierig für dich: „Der Mensch der Mo-Schule ist derjenige, der frei von Gier ist. Die Gedanken der Mo-Schule haben die halbe Welt erreicht, aber alles außerhalb der Yang-Schule. Die Gier gehört nicht zur Mo-Schule, ist das nicht so?“ – Djia Dschëng fragte: „Hast du das geschrieben?“ – „Jawohl, Herr.“ Er nickte nachdenklich. „Natürlich ist nichts Brilliantes daran, doch für den ersten Versuch ist es nicht schlecht, muß ich sagen. Ah, Mencius! Ich erinnere mich, wie ich während meiner obligatorischen Zeit als Prüfer die Gelegenheit hatte, eines meiner Themen zu bearbeiten. Das Thema war von Menzius: ‚Nur ein Gelehrter kann ohne festes Einkommen und Kapital feste moralische Prinzipien haben und sich rechtschaffen verhalten‘. Damals hat keiner der Kandidaten des ersten Grades, muß ich leider sagen, deren Köpfe voll mit Standard-Kompositionen über dieses Thema waren, etwas Originelles hervorgebracht. Alles Nachahmungen. Bist du mit dem Zitat vertraut?“ – „Ja, Herr. Mencius, Buch Eins, Teil Zwei“, sagte Bau-yü. Djia Dschëng sagte: „Ich will, daß du deine Einstellung wechselst. Greife nicht auf die Tradition zurück, sondern denke dir etwas aus. Auch eine Eröffnung wäre in Ordnung.“ Bau-yü stimmte unwillig zu. Er senkte konzentriert seinen Kopf und begann, sich den Kopf über einen prägnanten Einleitungssatz zu zerbrechen, während Djia Dschëng gedankenvoll im Eingang stand und die Hände hinter dem Rücken hielt. Genau in diesem Moment flitzte ein winziger Page vorbei. Als er den Herrn im Eingang stehen sah, erstarrte er, sein Körper war sichtlich gebeugt, seine Arme hingen schlaff herunter. „Was ist dein Anliegen, Junge?“, fragte Djia Dschëng. „Frau Hsüä ist gerade bei der gnädigen Herrin angekommen, und Frau Liän hat mich mit speziellen Anweisungen für die Küche geschickt, Herr.“ Djia Dschëng hörte das, gab keine Antwort, und der Page verschwand. Seit Bau-tschai aus dem Garten abgereist war, vermißte Bau-yü sie sehr. Als er nun hörte, daß Frau Hsüä zu Besuch sei, vermutete er, daß Bau-tschai auch da wäre. Seine Aufregung über den Gedanken, sie wiederzusehen, spornte ihn an: „Ich habe den Entwurf einer Eröffnung für Sie, aber ich weiß nicht, ob es geht.“ – „Dann laß mal hören!“, erwiderte Djia Dschëng. Bau-yü las vor: „Nicht alle Gelehrten auf dieser Welt können ohne Kapital gut sein.“ Djia Dschëng nickte. „Das geht. In Zukunft mußt du, wenn du Aufsätze schreibst, die Themenabgrenzung klar erkennen, erst wenn du das verstanden hast, darfst du deinen Pinsel schwingen. Sag’ mir, wußte deine Großmutter, daß ich nach dir schickte?“ – „Ja, Herr.“ – „Wenn das so ist, dann geh jetzt dorthin.“ – „Ja!“ Bau-yü begab sich rückwärts aus dem Arbeitszimmer und ging über den gepflasterten Weg, imitierte dabei bis zur Perfektion die gemächliche Gangart eines Gelehrten. Sobald er das Mondhöhlentor am Ende des Ganges erreicht hatte und diese große schützende Abschirmung zwischen sich und dem Arbeitszimmer war, begann er zu rennen und stürmte direkt zu den Gemächern der Herzoginmutter. „Vorsicht, stolpere nicht!“, rief Bee-ming ihm nach. Bau-yü hörte das nicht. Als er sich dem Eingang zu den Gemächern der Herzoginmutter näherte, konnte er den Klang von Gesprächen und Gelächter von innen her hören. Er konnte unter anderem die Stimme seiner Mutter, der Dame Wang, Hsi-fëng und Tan-tschun ausmachen. Wie die Mägde ihn kommen sahen, zogen sie schnell den Vorhang beiseite und flüsterten ihm im Vorbeigehen zu: „Frau Hsüä ist hier, damit du es weißt.“ Bau-yü eilte, um seine Tante zu begrüßen und machte dann seiner Großmutter die abendliche Aufwartung. Die Herzoginmutter fragte: „Warum kommst du erst so spät von der Schule?“ Er berichtete ihr ausführlich von seinem Gespräch mit Djia Dschëng, und ihr Gesicht strahlte vor Freude und Begeisterung. „Wo ist Kusine Bau-tschai?“, fragte er an die gesamte Gesellschaft gewandt. „Sie konnte heute nicht mit mir kommen“, sagte Frau Hsüä lächelnd, „sie und Hsiang-ling haben zu Hause noch viele Näharbeiten zu verrichten.“ Bau-yü war sehr enttäuscht, wagte es aber nicht, sofort wieder zu gehen. Das Essen wurde aufgetragen und die Herzoginmutter und Frau Hsüä setzten sich an den Tisch, während Tan-tschun und die anderen weiter unten Platz nahmen. „Wo soll Bau-yü sitzen?“, fragte Frau Hsüä. „Er kommt hier an meine Seite“, sagte Herzoginmutter mit einem Lächeln. „Li Guee sagte mir, ich solle erst essen, bevor ich Vater antreffe,“ informierte sie Bau-yü eilig, „deshalb verlangte ich nach einem schnellen Mahl, als ich aus der Schule kam. Ich bekam einen Teller mit Fleisch und Gemüse, eine Schale Reis und Tee. Fahrt doch bitte fort.“ „In diesem Fall“, sagte die Herzoginmutter, kann Hsi-fëng kommen und bei uns sitzen. Deine Mutter sagt, heute sei einer ihrer vegetarischen Tage, deshalb kann sie alleine essen.“ „Das stimmt“, sagte die Dame Wang zu Hsi-fëng. „Du speist mit ihnen. Warte nicht auf mich. Ich werde daheim mein Gemüse essen.“ Hsi-fëng nahm höflich Platz, und die Mägde teilten Weinschalen und Stäbchen aus. Dann ging Hsi-fëng mit einer Weinkaraffe herum und ging, als eines jeden Schale voll war, zurück an ihren Platz. Nachdem alle etwas Wein getrunken hatten, fragte die Herzoginmutter Frau Hsüä: „Hörte ich dich nicht gerade Hsiang-ling sagen? Das ist lustig. Eines meiner Dienstmädchen sprach vor kurzem noch über jemanden, der Tjiu-ling genannt wird, und ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, wer damit gemeint sein könnte. Als ich sie fragte, sagte sie mir, es sei Hsiang-lings neuer Name. Jetzt sag’ mir, wofür ändert sie bloß ihren Namen?“ Frau Hsüäs Wangen erröteten schnell, und sie seufzte: „Bitte sprich darüber nicht noch einmal. Seit dem Tag, als Pan die Frau geheiratet hatte, die gut und böse nicht unterscheiden kann, hatten wir keine friedlichen Momente mehr. Die Zankereien, die Garstigkeiten, es war grauenhaft. Ich habe mehrmals versucht, mit ihr zu reden, doch sie ist unzugänglich für Vernunft. Und ich halte es nicht mehr aus, ständig in Streitereien zu geraten, deswegen lasse ich sie streiten. Ja, sie beschloß, Hsiang-lings Namen zu ändern. Das liegt bestimmt daran, daß sie den Namen des Mädchens nicht mochte.“ „Also“, sagte die Herzoginmutter, „Namen sind Schall und Rauch.“ – „Ich könnte vor Scham sterben!“ schrie Frau Hsüä. „Ich bin sicher, ihr alle wißt den wahren Grund. Es lag nicht am Namen. Sie hat davon erfahren, daß Bau-tschai den Namen verliehen hatte. Das war es, was sie wirklich zu beanstanden hatte.“
„Was meinst du?“, fragte die Herzoginmutter.
Frau Hsüä mußte die ganze Zeit mit einem Taschentuch ihre Augen betupfen. Sie seufzte noch einmal tief, bevor sie in der Lage war, fortzufahren. „Weißt du es sicher nicht? Absolut alles, was meine Schwiegertochter macht, geschieht mit der Absicht, Bau-tschai zu provozieren. Vorgestern, als du jemanden schicktest, um nach mir zu sehen, waren wir mitten in einer dieser Szenen!“ – „Das muß an dem Tag gewesen sein, als du, wie ich hörte, einige Leberbeschwerden hattest“, sagte die Herzoginmutter taktvoll. „Ich schickte jemanden, der nach dir sehen sollte, doch dann hörte ich, daß es dir wieder besser ginge und dachte daher nicht weiter darüber nach. Wenn du mich fragst, rate ich dir, es dir nicht zu sehr zu Herzen zu nehmen. Sie sind ein frisch verheiratetes Paar und du mußt ihnen Zeit geben. Und du kannst so froh sein, Bau-tschai zu haben. Sie ist so ein freundliches, unerschütterliches Mädchen. Sie mag zwar jung sein, aber sie ist einige Male stärker als ein Erwachsener! Als meine Magd zurückkam und uns erzählte, was an diesem Tag passiert und wie sie damit umgegangen sei, haben wir sie alle sehr gelobt. So ein wunderbarer Charakter! Sie sticht aus hundert Mädchen hervor. Wenn sie einst heiratet - nimm mir nicht übel, daß ich es erwähne - wird es keine Schwiegereltern geben, die sie nicht mögen. Und auch die ganze Familie wird von ihr überzeugt sein, da bin ich sicher.“ Bau-yü empfand den Inhalt dieses Gespräche als unausstehlich und suchte nur nach einer Ausrede, um gehen zu können. Aber als seine Großmutter mit ihrer Lobrede auf Bau-tschai anfing, hörte er erstarrt weiter zu. „Was bringt das?“, fragte Frau Hsüä. „Was auch immer ihre Vorzüge sein mögen, sie ist letztlich doch nur eine Tochter. Mit einem so hoffnungslosen Sohn wie Pan werde ich keinen Frieden finden. Immer wieder bin ich in Sorge, wenn er unterwegs zu seinen Lieblingsorten ist, jede Menge trinkt und wieder in eine Rauferei gerät. In der Tat ist die einzige Zeit, in der ich mich beruhigt fühle, wenn er hier bei seinen Vettern Dschën und Liän ist.“ Hier brachte sich Bau-yü ein: „Es gibt wirklich nichts zu befürchten, Tantchen. Ich kann für Vetter Pans Freunde bürgen. Sie sind alle ernsthafte Geschäftsmänner und viel zu anständig, um sich in Ärger verwickeln zu lassen.“ „In diesem Fall“, sagte Frau Hsüä mit einem Lächeln, „sollte ich mir besser doch keine Sorgen machen.“ Das Abendessen war gerade vorbei, als sich Bau-yü damit entschuldigte, daß er noch etwas für den Abend vorzubereiten habe. Die Mägde servierten den Tee, als Hu-po den Raum betrat und etwas in das Ohr der Herzoginmutter flüsterte. Sie drehte sich zu Hsi-fëng: „Du solltest besser schnell gehen. Es ist Tchiau-djie.“ Hsi-fëng hatte keine Ahnung, um was es gehen könnte, und die anderen waren genau so verwundert wie sie. „Ping schickte eine ihrer jüngeren Mägde mit einer Nachricht für sie, Frau Liän,“ führte Hu-po aus und ging dort hin, wo Hsi-fëng saß. „Fräulein Tchiau-djie scheint es überhaupt nicht gut zu gehen, wenn Sie dann bitte so schnell wie möglich hinübergehen könnten.“ – „Am besten gehst du jetzt sofort“, sagte die Herzoginmutter. „Du mußt nicht auf der Feier für deine Tante Hsüä bleiben.“ – „Ja, Großmutter“, sagte Hsi-fëng und verabschiedete sich von Frau Hsüä. Als sie auf dem Weg nach draußen war, hörte sie die Dame Wang sagen: „Geh du erst hinüber, ich komme gleich. Ermahne die Mägde, ruhig zu sein und nicht zu viel Wirbel zu machen. Die Kleinen werden so schnell unruhig. Und vergewissere dich, daß die Katzen und Hunde gut aus dem Weg gehalten werden. Armes Kind! Aber ich glaube, solche Störungen kann man selbst in einer derart reich gesegneten Familie wie unserer erwarten.“ Hsi-fëng versprach der Dame Wang, ihre Anweisungen auszuführen, und ging mit ihrer Magd fort. Nach ihrem Abgang erkundigte sich Frau Hsüä weiter nach Dai-yüs Gesundheit. „Fräulein Dai-yü geht es soweit gut“, antwortete die Herzoginmutter, „sie nimmt nur alles so schwer. Wenn du mich fragst, zehrt das an ihrer Gesundheit. Sie mag zwar so klug wie Bau-tschai sein, doch im Umgang mit Menschen kann man sie nicht vergleichen. Bau-tschai ist so anständig, großzügig und rücksichtsvoll.“ Das Gespräch ging noch etwas weiter, und dann sagte Frau Hsüä, sie müsse gehen. „Ruht euch nun aus. Ich sehe besser nach, wie Bau-tschai und Hsiang-ling daheim zurecht kommen. Ich gehe dann mit Tante Wang und schaue auf meinem Weg bei Tchiau-djie vorbei.“ – „Was für eine gute Idee“, sagte die Herzoginmutter. „Mit deiner Erfahrung wirst du ihnen einen nützlichen Rat geben können, da bin ich sicher.“ Frau Hsüä brach auf und ging mit der Dame Wang zu Hsi-fëngs Wohnung. Um zu Djia Dschëng zurückzukommen: er war wirklich angenehm überrascht von Bau-yüs Darbietung an diesem Abend und erwähnte es später im Zuge einer Unterhaltung mit seinen Gästen im äußeren Arbeitszimmer. Ein Neuzugang unter ihnen, ein ausgezeichneter Go-Spieler mit dem Namen Wang Örl-tiau, auch Vermittler Wang genannt, bemerkte: „Ich denke, Herr Bau-yü hat in seinen Studien gute Fortschritte gemacht. Er entwickelt sich so langsam zu einem kultivierten jungen Gesellen.“ – „Ich denke eher nicht“, antwortete Djia Dschëng, „sein Verständnisvermögen hat sich verbessert, das versichere ich euch. Aber Bildung? Nein, er hat noch einen weiten Weg zu gehen.“ – „Kommen sie schon, Herr Dschëng!“, sagte Dschan Guang. „Sie sind wirklich zu bescheiden. Wir alle teilen Freund Wangs Meinung. Herr Bau-yü wird es sicher weit bringen.“ – „Ich fürchte, es ist eure Vorliebe für diesen Jungen, die euch zu dieser Meinung bringt,“ war die Antwort ihres Gastgebers, doch er war sichtlich begeistert. „Mit ihrer Erlaubnis, Herr,“ fuhr Herr Wang fort, „es gibt in diesem Zusammenhang noch ein anderes Thema, das ich gerne anschneiden möchte, wenn ich darf.“ – „Auf jeden Fall.“ Wang lächelte. „Nach meiner Kenntnis, hat seine Exzellenz Dschang, welcher zuletzt Präfekt des Kreises Nanshuo war, eine Tochter, Herr, ein sehr ansehnliches, fleißiges und durchaus lobenswertes Kind, so wurde mir erzählt, und noch nicht verlobt. Exzellenz Dschang hat sonst keine eigenen Söhne und ist, sollte ich hinzufügen, ein Mann mit enormem Reichtum. Er ist sehr eigen in seiner Art und verlangt, daß sein Schwiegersohn nicht nur einer bedeutenden und wohlhabenden Familie entstammt und klug, sondern auch ein Mann von ausgewähltem Charakter ist. In den zwei Monaten, in denen ich dort war, Herr, wurde ich des moralischen und intellektuellen Formats des jungen Herrn Bau-yü gewahr, die für die Zukunft Großes versprechen. Käme ein Antrag von einer so erhabenen Familie wie der Eurigen, Herr, bedürfte es nur, da bin ich sicher, eines einzigen Besuches von mir und die Verlobung wäre so gut wie besiegelt.“ „Es stimmt, daß Bau-yü ein heiratsfähiges Alter erreicht hat“, antwortete Djia Dschëng. „Mutter hat mich mehr als einmal daran erinnert. Doch wer ist diese Exzellenz Dschang? Ich habe noch nie von ihm gehört.“ „Erlauben sie mir, dies klarzustellen,“ wagte sich Zhan vor, „ich bin mit der Familie Dschang, die Freund Wang erwähnte, befreundet. Sie stehen tatsächlich in Verbindung mit seiner Exzellenz Shïs Familie, und es dürfte nicht schwer sein, noch mehr Informationen über sie zu bekommen.“ „Wirklich?“, sagte Djia Dschëng gedankenverloren, „ich kann nicht sagen, daß ich meinen Bruder jemals von einer solchen Verwandtschaft habe sprechen hören.“ „Nun, streng genommen, Herr,“ führte Zhan aus, „sind sie über die Ehe mit dem älteren Bruder der Dame Hsing verwandt.“ ,Ach, da liegt also die Verbindung‘, dachte Djia Dschëng. Ein wenig später ging er wieder hinein mit der Absicht, diese neue Anregung mit seiner Frau, der Dame Wang, zu besprechen und sie zu bitten, die Dame Hsing über die Familie Dschang auszuhorchen. Er mußte jedoch feststellen, daß seine Frau fort war, um Tchiau-djie mit Frau Hsüä zu besuchen. Als dann später Frau Hsüä nach Hause gegangen und die Dame Wang zurückgekehrt war, besprach Djia Dschëng sein Anliegen mit ihr. Er erkundigte sich auch nach Tchiau-djie. „Wir denken, es kommt von der Erkältung. Die Kälte ist noch nicht aus ihrem Körper heraus“, sagte sie. „Nichts Ernstes, hoffe ich?“ „Es ist zu früh, um das festlegen zu können. Die Anfälle sind noch nicht vorüber.“ Djia Dschëng seufzte, doch sagte er nichts mehr, und sie begaben sich zur Nachtruhe. Als die Dame Hsing am nächsten Tag kam, um der Herzoginmutter ihre morgendliche Aufwartung zu machen, erwähnte die Dame Wang die Heiratspläne und nahm die Gelegenheit wahr, die Dame Hsing über die Familie Dschang zu befragen. „Ja, sie sind Verwandte von uns,“ enthüllte die Dame Hsing, „doch wir haben jetzt schon seit Jahren keinen Kontakt mehr zueinander, deshalb habe ich keine Vorstellung, wie dieses Fräulein Dschang sein könnte. Wo du es gerade erwähnst, Yings Schwiegermutter, Frau Sun, schickte vor ein oder zwei Tagen eine ihrer Frauen zu mir und erwähnte dabei die Dschangs. Sie erzählte, sie hätten eine Tochter und hätten die Suns darum gebeten, sich nach einem passenden Ehemann für sie umzuschauen. Offensichtlich ist sie ein Einzelkind und sehr wählerisch. Sie verfügt über Bildung und klingt nach einem eher schüchternen Mädchen, das gern zu Hause bleibt. Sie hat noch nicht viel von der Welt gesehen. Weil sie ein Einzelkind ist, würde ihr Vater es niemals in Erwägung ziehen, sie von zu Hause fortzulassen. Er fürchtet, die Strenge einer Stiefmutter könnte eine zu große Belastung für sie sein und besteht darauf, daß der Schwiegersohn mit ihnen zusammen lebt und sie sich die familiäre Verantwortung teilen.“ „Das kommt nicht in Frage!“, rief die Herzoginmutter, „Bau-yü ist ja eigentlich derjenige, der auf andere angewiesen ist. Kannst du dir vorstellen, ihn fortzuschicken, um das Oberhaupt einer fremden Familie zu werden?“ – „Du hast vollkommen Recht“, sagte die Dame Hsing. Die Herzoginmutter wandte sich an die Dame Wang. „Wenn du nach Hause gehst, sag’ Dschëng, daß sich die Angelegenheit endgültig erledigt hat.“ – „Ja, Mutter.“ – „Erzähl’ mir,“ fuhr die alte Dame fort, „wie ging es Tchiau-djie, als du sie gestern besuchtest? Als Ping herkam, schien es ja nicht gut auszusehen. Ich möchte gern dorthin und selber nach ihr sehen.“ Die beiden Damen dankten der Herzoginmutter für den guten Einfall und baten sie, sich wegen Tchiau-djie nicht zu sehr zu sorgen. „Es ist nicht nur ihretwegen. Es ist die Bewegung. Ich möchte meine Beine gern etwas stärken“, sagte die alte Dame, „ihr beide nehmt euer Mittagessen ein, dann gehen wir gemeinsam los.“ Die Damen Wang und Hsing gingen zum Mittagessen nach Hause. Anschließend holten sie die Herzoginmutter ab und begleiteten sie zu Hsi-fëngs Wohnung. Hsi-fëng grüßte sie an der Tür und führte sie herein. „Wie geht es ihr?“, fragte die Herzoginmutter. „Es scheint sich um einen Krampfanfall zu handeln,“ informierte sie Hsi-fëng. „Hättest du nicht besser sofort den Arzt rufen sollen?“ – „Das haben wir bereits, liebe Großmutter.“ Die Herzoginmutter ging mit den Damen Wang und Hsing hinein und fand Tchiau-djie in den Armen ihrer Krankenschwester, eingehüllt in eine rosafarbene Decke aus Damast-Seide, ihr Gesicht war grün, ihre Augenbrauen und Nasenflügel zitterten etwas. Nach diesem kurzen Nachschauen zogen sie sich in das äußere Zimmer zurück und setzten sich, um zu reden. In diesem Moment kam eine junge Magd aus der Wohnung von Dame Wang mit einer Nachricht für Hsi-fëng: „Der Herr schickte mich, um zu fragen, wie es Tchiau-djie geht, Frau Liän.“ „Sag’ ihr, wir haben den Arzt verständigt“, antwortete Hsi-fëng, „davon werde ich berichten, sobald er ein Rezept ausgestellt hat.“ Die Ankunft der Magd erinnerte die Herzoginmutter an die gegenwärtigen Heiratspläne. Sie wandte sich an die Dame Wang: „Du solltest Dschëng schnellstens von dieser Heiratssache berichten. Wenn wir dem jetzt ein Ende setzen, bevor es jemand an die Familie Dschang weitergibt, sparen wir uns jetzt den Ärger, es später absagen zu müssen.“ Sie wandte sich an die Dame Hsing: „Warum besucht ihr in letzter Zeit die Familie Dschang nicht mehr so oft?“ „Sie sind schwierige Verwandte“, antwortete die Dame Hsing. „Sie sind sehr geizig und wären für Bau-yü eine Erniedrigung gewesen.“
„Ist es Bau-yüs Verlobung, über die ihr sprecht, Mutter?“, fragte Hsi-fëng.
„Nun ja, eigentlich schon“, sagte die Dame Hsing. Die Herzoginmutter erzählte Hsi-fëng von dem Vorschlag mit den Dschangs. Hsi-fëng lachte: „Ich hoffe, ihr entschuldigt, Großmutter, Mutter, Tante Wang, daß ich unaufgefordert davon spreche, doch warum sollte man sich jetzt nach einer Braut für Bau-yü umsehen, wenn wir eine ,vorbestimmte Zuneigung“ direkt vor unseren Augen haben?“ „Was meinst du?“, fragte die Herzoginmutter interessiert. „Aber, Mutter, du kannst doch nicht Bau-yüs Jade-Kostbarkeit und Bau-tschais kostbare Haarspange vergessen haben?“ Die Herzoginmutter lachte. „Aber natürlich! Doch warum hast du das gestern nicht erwähnt, als Tante Hsüä hier war?“ – „Es wäre kaum angemessen für mich gewesen, in Anwesenheit von Älteren davon zu sprechen“, antwortete Hsi-fëng. „Nebenbei, Tante Hsüä kam für einen Höflichkeitsbesuch, und es wäre wirklich unpassend gewesen. Wenn wir die Sache vernünftig angehen wollen, müssen Mutter und Tante Wang hinübergehen und bei Tante Hsüä ordentlich um Bau-tschais Hand anhalten.“ Sie lachten alle zusammen. „Sei gesegnet, Hsi-fëng“, sagte die Herzoginmutter, „ich war ja blind.“ Währenddessen wurde der Arzt angekündigt, und die Herzoginmutter setzte sich im äußeren Zimmer nieder, während sich die beiden Damen diskret zurückzogen. Der Arzt trat mit Djia Liän ein und grüßte die Herzoginmutter herzlich, bevor er Tchiau-djies Zimmer betrat. Als er zurückkam, beugte er sich zur Herzoginmutter und formulierte seine Diagnose. „Das kleine Mädchen leidet unter Krampfanfällen, die zur Hälfte von Fieber, zur anderen von einer Erkältung erschwert werden. Zuerst muß sie eine einzige Dosis der Mischung eines krampf- und schleimlösenden Mittels einnehmen, und dann möchte ich ihr etwas von meinen vier Wunderpulvern verabreichen. Es ist ein sehr ernster Infekt. Ihr werdet in meinem Rezept Rinder-Bezoarsteine notiert sehen. Ich sollte erwähnen, daß viele der Bezoars, die von den Apthekern heutzutage verkauft werden, nicht echt sind. Es ist wichtig, daß ihr echte besorgt.“ Die Herzoginmutter dankte ihm für sein Kommen, und der Arzt ging mit Djia Liän hinaus, schrieb das Rezept und brach auf. „Es gibt immer Ginseng im Haus“, sagte Hsi-fëng, „doch ich glaube, wir haben keine Bezoarsteine. Wir müssen welche kaufen und darauf achten, daß sie echt sind.“ – „Warte, bis ich jemanden zu meiner Schwester geschickt habe“, sagte die Dame Wang, „ich weiß, daß Pan oft Geschäfte mit Händlern von Übersee führte. Sie könnten vielleicht echten Bezoar haben.“ Während sie sprach, kamen mehrere Mädchen an, um Tchiau-djie zu sehen. Sie blieben eine Weile und brachen dann mit der Herzoginmutter und den anderen auf. Tchiau-djies Schleimlöser war nun zubereitet und floß in ihre Kehle. Es gab ein würgendes Geräusch und alles kam hoch, Medizin, Schleim und an-
Aus: Jinyuyuan 1889b. deres, ganz zu Hsi-fëngs Erleichterung. Eine der jüngeren Mägde der Dame Wang erschien mit einem kleinen roten Päckchen. „Wir haben etwas Bezoar gefunden, gnädige Frau. Die gnädige Herrin sagt, ihr sollt die Menge in zwei Rationen aufteilen und verwenden.“ Hsi-fëng bat die Magd, der Herzoginmutter ihren Dank auszusprechen. Wang nahm das Päckchen und trug Ping auf, die pulverisierten Perlen, Sumatrakampfer und Zinnober zusammen mit dem Bezoar in den vorgeschriebenen Mengen zusammenzukochen. Sie selbst wog die korrekte Menge des pulverisierten Bezoars aus und fügte es der Mixtur hinzu. Sie wartete, bis Tchiau-djie wieder aufwachte, um ihr dann den Trunk zu verabreichen.