Hongloumeng/de/Chapter 91
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Kapitel 91
纵淫心宝蟾工设计 / 布疑阵宝玉妄谈禅
Wiedergeburt geschlossen wurde!“ Angesichts dieser romantischen Geschichte tauschten sie ein geheimes Lächeln aus, und Hsüä-yän rief: „Gott sei Dank, jedenfalls geht es ihr besser! Wir dürfen es niemals wieder erwähnen! Sogar wenn Bau-yü eine andere Frau heiraten und ich die Hochzeit mit eigenen Augen ansehen müßte, schwöre ich, daß ich nie ein Wort zu irgendjemandem darüber verlieren würde.“ Dsï-djüan lachte. „Schön gesagt!“ Diese Unterhaltung war nicht die einzige geheime Diskussion über dieses Thema. Alle dachten, daß die Krankheit von Dai-yü merkwürdig war und die Besserung noch merkwürdiger. Alle flüsterten und spekulierten darüber. Diese Gerüchte erreichten bald Hsi-fëng. Die Damen Wang und Hsing hatten einen vagen Verdacht, und die Herzoginmutter kam mit ihren Vermutungen zu acht oder neun Zehntel der Wahrheit nahe. Die vier Damen kamen eines Tages in den Gemächern der Herzoginmutter zusammen, und im Zuge ihrer Unterhaltung kam das Thema von Dai-yüs Krankheit auf. „Da ist etwas, was ich euch allen sagen möchte“, sagte die Herzoginmutter. „Bau-yü und Fräulein Dai-yü sind zusammen, seit sie klein waren, und das hat mich nie gestört, da ich beide immer als Kinder ansah. Wie häufig hörte man davon, daß Fräulein Dai-yü schnell krank und ebenso schnell wieder gesund wurde. Das läßt einiges vermuten. Ich denke, wenn man den beiden erlaubte, auf ewig zusammen zu bleiben, sähe das nicht vernünftig aus. Was denkt ihr?“ Die Dame Wang war eine Weile sprachlos und antwortete dann nur: „Fräulein Dai-yü macht sich sehr viele Gedanken über viele Dinge. Und Bau-yü ist ein Kindskopf und Taugenichts. Wenn wir einen von beiden aus dem Garten entfernten, wäre das nicht zu offensichtlich? Es wurde schon immer gesagt, daß jeder Junge ein Bräutigam und jedes Mädchen eine Braut wird. Denkst du nicht, Mutter, daß es eine bessere Lösung wäre, so schnell wie möglich zu handeln und beide zu verheiraten?“ Die Herzoginmutter runzelte die Stirn: „Ich weiß, daß Fräulein Dai-yüs brave und geduldige Haltung auf manche anziehend wirkt. Eben aus diesem Grund würde ich sie ihm nicht zur Frau geben. Außerdem, glaube ich, daß sie in diesem schwachen Zustand nicht sehr alt wird. Ich bin mir sicher, daß Bau-tschai in jeder Hinsicht die beste Wahl wäre.“ „Natürlich stimmen wir alle in dem Punkt mit Euch überein, Mutter“, sagte Dame Wang, „aber wir müssen dann auch einen Ehemann für Fräulein Dai-yü finden. Wenn sie wirklich Bau-yü will, würde es sonst sehr schwierig werden, wenn sie erfährt, daß er schon Bau-tschai versprochen ist.“ „Natürlich muß erst die eigene Familie und dann ein Außenstehender verheiratet werden“, antwortete die Herzoginmutter. „Die Reihenfolge muß also lauten: Erst muß Bau-yü verheiratet werden, dann wird Fräulein Dai-yü verlobt. Außerdem ist Fräulein Dai-yü zwei Jahre jünger als Bau-yü. Wenn ich euch richtig verstehe, werden wir die Verlobung Bau-yüs vor ihr verheimlichen.“ Hsi-fëng wandte sich plötzlich an alle anwesenden Frauen: „Habt ihr das verstanden? Nicht ein Wort der Verlobung Bau-yüs zu irgendjemandem! Wenn ich eine von euch über das Thema sprechen höre, werde ich keine Gnade zeigen.“ Die Herzoginmutter fuhr fort: „Feng, Liebes, ich habe festgestellt, daß du seit deiner Krankheit weniger Interesse an den Vorgängen im Garten hast. Du mußt ihnen mehr Aufmerksamkeit schenken. Es sind nicht nur die Dinge, die wir eben besprochen haben. Jede Wiederholung der schändlichen Glücksspiele und des Feierns, das wir bei den Dienern letztes Jahr beobachtet haben, muß um jeden Preis verhindert werden. Um deutlicher zu werden, du wirst das tun, und behalte ein wachsames Auge auf alles, was vorgeht. Sie müssen diszipliniert werden, und du scheinst die Person zu sein, die sie am meisten respektieren.“ Hsi-fëng stimmte zu. Die Damen sprachen noch eine Weile miteinander und gingen dann ihrer Wege. Von nun an begann Hsi-fëng, den Garten häufiger zu inspizieren. Eines Tages, während einer ihrer Rundgänge, als sie auf der Insel der Violetten Wassernüsse am See ging, hörte sie eine Amme dort schreien und ging zu ihr, um nachzusehen. Als sie näherkam, bemerkte die Amme sie, ließ ihre Hände an den Seiten nach unten fallen, stand stramm und murmelte ein verwirrtes „Guten Morgen, Herrin“. – „Warum machst du so einen Lärm hier draußen?“, fragte Hsi-fëng. Sie antwortete: „Sie und Herrin Dschu hatten mich geschickt, hier auf die Blumenbeete und Obstbäume aufzupassen. Ich habe nichts falsch gemacht, und Fräulein Hsings Mädchen hat mich des Stehlens beschuldigt.“ „Und warum sollte sie das tun?“, fragte Hsi-fëng. „Gestern folgte mir mein Enkel Hei’örl“, antwortete die Frau, „und hat hier gespielt. Er wußte es nicht besser und ging in Fräulein Hsings Gemächer, um sich dort mal umzusehen. Ich habe ihn sofort nach Hause geschickt. Heute morgen dann habe ich gehört, wie eine der Damen sagte, sie hätte etwas verloren. Als ich fragte, was es war, fing sie an mich darüber auszufragen.“ – „Das ist kein Grund dich nicht zu beherrschen“, erwiderte Hsi-fëng scharf. „Dieser Garten gehört Fräulein Dschus Familie und nicht ihr!“ protestierte die Amme. „Wir arbeiten alle für Fräulein Dschu, und ich möchte nicht als Diebin bezeichnet werden!“ Hsi-fëng spuckte mitten in das Gesicht der Amme und sagte rau: „Halt den Mund! Das ist wirklich genug! Du bist für die Dinge hier verantwortlich und, wenn etwas verloren geht, haben die Mädchen sehr wohl das Recht, dich dafür zu beschuldigen. Wie kannst du es wagen, so einen Unsinn zu reden! Ruft den alten Lin herbei!“ Die Mädchen waren dabei, ihre Anordnungen zu befolgen, als Hsing Hsiu-yän herausgeeilt kam. Sie grüßte Hsi-fëng und sagte mit einem ängstlichen Lächeln: „Das darfst du nicht tun! Es war eigentlich nichts. Und jetzt ist es vorbei.“ „Mein liebes Mädchen“, sagte Hsi-fëng, „sprich nicht so. Wenn wir die Sache nicht aufklären, ist das Prinzip gefährdet. Die Angestellten müssen ihre Grenzen kennen.“ Hsiu-yän sah, daß die Frau auf Knien um Gnade bettelte, und bat Hsi-fëng, sofort mit ihr ins Haus zu gehen und sich zu setzen.
Hsing Hsiu-yän. Aus: Gai Qi 1879. „Ich kenne diese Sorte Menschen“, sagte Hsi-fëng. „Die denken, sie könnten sich alles erlauben, außer wenn ich in der Nähe bin.“ Als jedoch Hsiu-yän nicht aufhörte, sich für die Frau einzusetzen, und darauf bestand, die Schuld auf ihr eigenes Mädchen zu nehmen, gab Hsi-fëng nach.
„Nur aus Rücksicht für Fräulein Hsing“, erklärte sie, „lasse ich dich diesmal davon kommen.“
Die Amme stand auf und machte erst einen Kotau vor Hsi-fëng, dann vor Hsiu-yän, und ging. Als sie weg war, setzten sich Hsiu-yän und Hsi-fëng wieder. Hsi-fëng fragte freundlich: „Was hast du denn verloren?“ – „Nichts Besonderes“, antwortete Hsiu-yän mit einem Lächeln. „Nur meine alte, rote, gefütterte Jacke. Ich befahl ihnen, danach zu suchen, und, als sie nicht mehr auftauchte, dachte ich nicht mehr daran. Mein Dienstmädchen war dumm genug, diese alte Frau zu verdächtigen. Die Amme mußte sich ja verteidigen. Mein Dienstmädchen war sehr leichtsinnig, und ich habe ihr bereits ins Gewissen geredet. Die ganze Affäre ist erledigt. Sprechen wir nicht mehr darüber.“ Während sie sprach, musterte Hsi-fëng sehr gründlich den Zustand von Hsiu-yäns Gemächern. Ihre wenige gefütterte oder pelzbesetzte Kleidung sah sehr getragen und nicht mehr wirksam als Schutz vor Kälte aus. Die meisten ihrer gesteppten Decken sahen ebenfalls ausgedünnt aus. Sie schaute sich die Möbel und Dekoration auf dem Tisch an, alle stammten von der Herzoginmutter. Hsi-fëng stellte fest, wie makellos rein und ordentlich diese bewahrt wurden. Hsi-fëng fühlte einen warmen Respekt vor ihr. „Ich weiß, wegen einer Jacke sollte man nicht so viel Ärger machen“, sagte sie, „aber das Wetter wird kälter, und du mußt dich warm halten. Warum hast du nicht mal einen Ton gesagt! Diese verwilderte Sklavin meint noch, alles machen zu dürfen.“ Sie redete noch eine Weile mit Hsiu-yän und verließ sie dann, um mit ihrer Inspektiosnrunde weiter zu machen, in all den verschiedenen Wohnungen haltmachend, bevor sie in ihre eigenen Gemächer zurückkehrte. Dort befahl sie Ping, ein Paket mit Kleidung zu schnüren und zu Hsiu-yän zu schicken: Zwei gefütterte Jacken, eine mit dunkelroter, importierter Seide, die andere mit viridian-grüner Damask-Seide mit perlmuttfarbener Lammwolle ausgefüttert, einen langen, türkisen Rock aus Kammwolle mit Brokat-Applikationen und einem gestickten Rand, und eine dunkelblaue Jacke, die mit Hermelin gefüttert war. Trotz Hsi-fëngs Parteiergreifen für sie war Hsiu-yän noch immer erschrocken von der Grobheit der Frau. ‚Von allen Frauen, die hier leben‘, dachte sie bei sich, ‚bin ich die einzige, bei der es die Angestellten wagen, sie auf diese Art zu beleidigen. Sie reden immer wieder über mich. Und nun hat Hsi-fëng es selbst gesehen!’ Je mehr sie darüber nachdachte, desto sinnloser kam ihr ihre Lage vor. Trotzdem konnte sie sich niemandem anvertrauen. Sich ihrem Schicksal fügend, begann sie zu weinen. Da sah sie Hsi-fëngs Dienstmädchen Fëng-örl kommen, die ein Bündel Kleidung trug. Als sie erfuhr, von wem die Kleidung war, weigerte sie sich strikt diese anzunehmen. „Aber Fräulein“, protestierte Fëng-örl, „meine Herrin Frau Hsi-fëng befahl mir, Euch zu sagen, daß sie, wenn Sie die Kleidung für zu alt empfänden, in Zukunft neue bekämen.“ Hsiu-yän bedankte sich und lächelte. „Das ist sehr fürsorglich von ihr. Aber ich kann unmöglich zulassen, daß sie mir ihre Kleidung gibt, nur weil ich eines meiner Kleidungsstücke verloren habe. Bring sie bitte wieder zurück und danke ihr zigtausend Mal von mir. Ich weiß diese Geste sehr zu schätzen.“ Sie gab ihr eine kleine Tasche, und Fëng-örl verließ sie mit etwas Widerwillen, das Bündel tragend. Kurze Zeit später war sie zurück, diesmal begleitet von Ping. Hsiu-yän eilte hinaus, um sie zu begrüßen, und bat sie, sich zu setzen. Ping lächelte und sagte: „Meine Herrin Frau Hsi-fëng sagt, als jemand aus der Familie sollten Sie die Kleidung annehmen und nicht aus Höflichkeit ablehnen.“
„Aber das ist nicht aus Höflichkeit“, antwortete Hsiu-yän, „ehrlich, ich schäme mich, sie anzunehmen.“
Ping sagte, „Frau Hsi-fëng sagt, daß Sie sie nicht annehmen, weil sie für Sie zu alt sind oder weil Sie den Gedanken nicht mögen, ihre Kleidung zu tragen. Sie sagt, daß sie, falls ich sie wieder mitnehme, böse auf mich würde.“ Hsiu-yän errötete und lächelte dankbar: „Nun, wie könnte ich in diesem Fall ablehnen? Bitte richte meinen Dank an Frau Hsi-fëng aus.“ Sie brachte ihnen Tee, nach welchem Fëng-örl und Ping wieder gingen. Sie waren fast zu Hause, als sie eine von Frau Hsüä geschickte Amme trafen. Sie grüßte sie, und Ping fragte sie, woher sie komme. „Meine Herrin Frau Hsüä und ihre Mädchen haben mich herübergeschickt, um alle Herinnen, jungen Damen und Damen herzlich zu grüßen. Ich war gerade bei Frau Hsi-fëng, um nach euch zu sehen und sie erzählte, mir ihr wäret in den Garten gegangen. Ihr wart nicht zufällig gerade bei Fräulein Hsing?“ „Also, woher weißt du das denn?“, fragte Ping. „Man erzählt sich das so. Es ist äußerst großzügig, was ihr und Eure Herrin da machen.“ Ping lachte: „Willst du später zu uns kommen und ein wenig plaudern?“ „Ich muß noch einiges erledigen. Ein andermal,“ anwortete die Amme und ging ihres Weges, während Ping hineinging und Hsi-fëng alles mitteilte. Als die Dienstmagd zum Haus von Frau Hsüä zurückkehrte, das sich wegen des Unruhestiftens von Hsia Djin-guee im Chaos befand, erzählte sie die Geschichte von Hsing Hsiu-yäns Demütigung, und beide, Frau Hsüä und Bau-tschai, begannen zu weinen. „Es ist nur, weil Pan nicht hier ist“, sagte Bau-tschai, „daß sie so leiden muß. Wir haben Glück, daß Hsi-fëng sich um sie kümmert. In Zukunft müssen wir selbst mehr nach ihr schauen. Sie gehört jetzt nach allem praktisch zur Familie.“ Während sie sprach, kam Hsüä Kë herein. „In all den Jahren, die Pan hier war, hat er nicht einen vernünftigen Freund gefunden!“, sagte er. „Das ist ein Schurkenpack, das ganze Rudel! Ich bin sicher, daß sich keiner auch nur ein bißchen dafür interessiert, was mit ihm passiert. Die wollen alle nur die neuesten Nachrichten erfahren. In den letzten Tagen habe ich sie alle davongescheucht, und ich habe den Pförtnern Anweisung gegeben, keinen von ihnen mehr herein zu lassen.“ „Ist es wieder dieser Schauspieler Jiang Yu-han und seine Freunde?“, fragte Frau Hsüä. „Nein, tatsächlich war der überhaupt nicht hier. Es sind ganz andere Leute.“ Hsüä Kës Worte verstärkten Frau Hsüäs Angst. „Obwohl ich einen Sohn habe“, sagte sie, „ist es, als hätte ich keinen. Selbst wenn Pan eine Gnadenfrist erreicht, wäre sein Leben ruiniert. Du bist zwar nur mein Neffe, Ke, aber du hast mehr Verstand als Pan. Ich merke schon, daß ich von nun an auf dich angewiesen bin. Arbeite hart und mach’ das Beste aus deinem Leben. Und denk’ an deine zukünftige Braut, die aus einer Familie stammt, die gerade in harten Zeiten steckt. Es ist nicht einfach, wenn eine Tochter aus dem Haus geht und heiratet. Man kann dann nur dafür beten, daß der Schwiegersohn ein fähiger Mann ist, dann hat man sein Auskommen. Stell’ dir vor, Hsiu-yän würde so werden wie die Kreatur dort drüben. Sie zeigte in die Richtung von Hsia Djin-guees Zimmer. Frau Hsüä fuhr fort: „Aber ich will nicht über sie reden. Ich weiß, daß Hsiu-yän ein ehrliches und gescheites Mädchen wird, sparsam und nicht verwöhnt. Je schneller Pans Angelegenheit geklärt ist, desto eher können wir euch zwei verheiraten, und mein armes Herz kann sich erholen.“ „Vergiß nicht, daß Bau-tjin noch immer darauf wartet zu heiraten,“ erinnerte Hsüä Kë seine Tante, „Ich weiß, wie wichtig dir das ist. Mach’ dir über uns keine Gedanken.“ Sie unterhielten sich noch ein wenig weiter, und dann kehrte Hsüä Kë in sein Zimmer zurück. Er aß sein Abendessen und begann, über Hsiu-yän im Garten nachzudenken, die von Armut gezwungen so vollkommen von den Jias abhängig war. Die zwei waren damals auf demselben Weg hergekommen, und die beiden mochten sich von Aussehen und Charakter. Wie ungerecht war das Schicksal, einer Person wie Hsia Djin-guee ein Leben in Reichtum und Luxus zu geben und sie in eine verwöhnte Hexe zu verwandeln, während das Leben für ein Mädchen wie Hsiu-yän nichts als Mühsal war! Was dachte sich der große Gebieter Yama, als er das Schicksal so ungerecht verteilte? Diese traurigen Gedanken brachten Hsüä Kë dazu, seine Wut über die Ungerechtigkeit in Gedichten festzuhalten. Er ärgerte sich, daß er zu wenig Übung hatte, und schrieb ein Gedicht mit krakeliger Handschrift, so gut er konnte, nieder.
Ohne Wasser ist ein Flußdrache wie ein Fisch auf dem Trockenen. Liebe getrennt bleibt allein. Nur gemeinsam ertragen wir das Elend im Slum. Wann könnten wir – frei, gemeinsam – aufsteigen zu den Sternenbildern?
Er las die Verse und dachte daran, sie an seine Wand zu pinnen. Er war jedoch ein bißchen verlegen und dachte bei sich: ‚Was, wenn jemand das sieht und sich darüber lustig macht.“ Er las die Verse noch einmal. „Ach, wen kümmerts! Ich werde sie anpinnen. Ich kann sie dann lesen, um mich selbst aufzuheitern.“ Ein weiteres, letztes Lesen ließ ihn seine Meinung jedoch wieder ändern, und er steckte sie zwischen die Seiten eines Buches. ‚Ich bin alt genug für uns, um nun verheiratet zu sein,‘ grübelte er für sich. ‚Aber wer hätte diese Familienkrise vorhersehen können, und wer weiß, wann sie aufhört? Welch Geduldsprobe für ein Mädchen wie Hsiu-yän! Wie einsam und elend sie sich fühlen muß!’ In diesem Moment wurde die Tür aufgedrückt und Bau-tschan kam mit einer Schachtel herein, welche sie mit einem albernen Lächeln auf dem Tisch absetzte. Er erhob sich und bat sie, sich zu setzen. Noch immer lächelnd sagte sie: „Vier Teller Süßigkeiten und eine kleine Flasche Wein, mit Frau Pans Empfehlung, Herr Ke.“ „Das ist sehr nett von ihr“, antwortete Ke, „aber sie hätte sicherlich auch eines ihrer jüngeren Dienstmädchen schicken können? Sie hätte dich nicht stören müssen, Fräulein Bau-tschan.“ „Oh Herr Ke, es gibt keinen Grund so höflich zu sein. Wir sind schließlich alle ein Familie ... Frau Pan weiß, welchen Ärger Sie durchmachen wegen Herrn Pan, und sie wollte ihnen schon lange selbst danken, aber hatte Angst, die anderen könnten das falsch verstehen. In diesem Haushalt, wie Sie sicher wissen, mein Herr, spielt sich viel unter der Oberfläche ab. Das Geschenk ist nicht der Rede wert; wichtig ist, daß die Leute es nicht als Anlaß nehmen, alle möglichen Geschichten zu erfinden. Deshalb bat sie mich persönlich, mit diesen wenigen Dingen hierher zu kommen, wenn keiner zusieht.“ Sie lächelte Hsüä Kë keck an und fuhr fort: „Der zweite Herr soll nicht so reden, das macht mich verlegen. Wir sind nur hier, um zu dienen, und wenn wir Herrn Pan bedienen können, dann warum nicht auch Sie?“ Hsüä Kë war jung und von zutraulicher Natur. Es war merkwürdig, daß Pans Dienstmädchen Djing-guee und Bau-tschan ihn plötzlich so behandelten; aber Bau-tschans Erklärung erschien ihm einleuchtend. „Du kannst das Konfekt hierlassen“, sagte er. „Aber nimm den Wein mit zurück. Ich war nie ein großer Trinker: Manchmal, wenn ich gezwungen werde, trinke ich ein Glas, aber eigentlich trinke ich gar nichts. Sicher wußtest du und Frau Pan das?“ „Alles andere dürfen sie mich bitten!“ wendete Bau-tschan ein. „Aber ich würde es nicht wagen, dies zurückzubringen. – Sie kennen Frau Pans Gemüt. Wenn ich ihr erzähle, daß Sie nicht trinken, wird sie mir niemals glauben; sie wird sagen, ich hätte meine Pflicht nicht erfüllt.“ Ungern erlaubte Hsüä Kë ihr, den Wein ebenfalls dazulassen. Bau-tschan machte sich auf den Weg, aber als sie die Tür erreichte, sah sie noch einmal schnell nach draußen und blickte mit einem Lächeln zurück zu Hsüä Kë. Indem sie auf das Gemach von Hsia Djin-guee zeigte, sagte sie:
Aus: Gai Qi 1879.
„Ich denke, sie würde sogar selbst vorbeikommen und Ihnen für alles danken, was Sie getan haben.“ Hsüä Kë war nicht sicher, was er davon halten sollte, und begann, nervös zu werden. „Bitte richte meinen Dank an Frau Pan aus, ja? Das Wetter ist kalt, und sie muß aufpassen, daß sie keine Erkältung bekommt. Außerdem ist sie meine eigene Schwägerin, daher gibt es keinen Grund für sie solche Unannehmlichkeiten auf sich zu nehmen.“ Bau-tschan sagte nichts, aber kicherte und ging ihres Wegs. Zuerst war Hsüä Kë bereit, das Geschenk als großzügige Geste des Dankes von Djin-guees Seite zu akzeptieren. Aber jetzt hatte Bau-tschans andeutendes Benehmen seinen Verdacht erregt, und er begann zu denken, daß da etwas Faules vor sich ging. „Aber sicher würde Djin-guee niemals an so etwas denken?“, argumentierte er mit sich selbst. „Sie ist meine Schwägerin. Vielleicht heckt Bau-tschan etwas aus. Sie kann nicht sehr gut in ihrem eigenen Namen handeln. Vielleicht benutzt sie Djin-guee nur als Deckung ... Aber dann ist sie wieder Pans Zimmermädchen, das wäre kaum sehr ...“ Plötzlich dämmerte es ihm: „Natürlich! Die junge Herrin Djin-guee! Sie behandelt Menschen ohne Beachtung von Sitte und Anstand. Wenn sie in der Stimmung ist, macht sie sich manchmal zurecht wie eine Hexe, findet sich dabei schön, ohne zu wissen, daß sie ein schlechtes Herz in sich trägt! Eine andere Möglichkeit wäre, daß sie sich mit Bau-tjin entzweit hat und dies eine Intrige ist, um über mich Schande zu bringen und den Namen der Familie in den Schmutz zu ziehen ...“ Hsüä Kë konnte sich nicht helfen, fand dies alles sehr entmutigend und dachte angestrengt nach, um die Situation irgendwie zu erhellen. Zu seinem großen Schreck hörte er vor seinem Fenster jemanden auflachen. Aber um heraus zu finden, wer dort lachte, muß man das nächste Kapitel lesen. 91. Von Lust verfolgt, entwickelt Bau-tschan eine durchtriebene Kriegslist In einem Anflug von Dsën legt Bau-yü eine rätselhafte Beichte ab-
Wir haben in unserem letzten Kapitel gesehen, wie Hsüä Kë aus seinen unruhigen Gedanken von einem plötzlich aufkommenden Gelächter vor seinem Fenster aufgeschreckt wurde. ‚Schon wieder Bau-tschan! Oder Djin-guee!‘, dachte er bei sich. ‚Ich werde sie ignorieren und sehen, was passiert.’ Er lauschte eine Weile, aber da waren keine weiteren Geräusche. Er traute sich nicht, den Wein und das Konfekt anzurühren, er schloß die Tür und war gerade dabei, sich auszuziehen, als er einen leisen Schlag auf dem Papierfensterflügel hörte. Er war schon durch Bau-tschans Benehmen durcheinander und begann, sich dem nicht gewachsen zu fühlen. Die Schläge hörend und doch nicht im Stande, jemanden draußen am Fenster ausfindig zu machen, wußte er nicht, was er denken sollte. Er zog sein Gewand wieder an und setzte sich an den Tisch zur Lampe. Er nahm ein Stück eingelegtes Obst aus der Konfektschachtel vom Tisch, drehte es immer wieder in der Hand, um es von jedem Winkel zu studieren. Er blickte sich um und bemerkte, daß ein Stück Fensterpapier naß geworden war. Er ging hinüber und legte sein Auge auf das Loch, er blinzelte durch und bekam einen Luftstoß in sein Gesicht, daß ihn die Sinne schreckten. Darauf folgte ein erneutes Gelächter. Er schreckte zurück, blies die Lampe aus, legte sich in der Dunkelheit hin und hielt die Luft an. Eine Stimme kam von draußen: „Geht der Herr schon schlafen, ohne den Wein und das Konfekt zu probieren?“ Hsüä Kë erkannte Bau-tschans Stimme, sagte aber nichts und tat, als würde er schlafen. Wenige Sekunden später, hörte er sie in aufgebrachtem Tonfall: „Elender Spaßverderber! Wie kann man nur so sein!“ Dieses Mal konnte er nicht mit Sicherheit erkennen, welche Stimme das war. Es hörte sich an wie Bau-tschan, aber da war auch etwas von Hsia Djin-guees Ausdruck zu erkennen. Wer auch immer es war, für ihn gab es keinen Zweifel mehr an den Absichten. Er wälzte sich fast die ganze Nacht im Bett und erst gegen fünf Uhr schlief er endlich ein. Kurz nach Sonnenaufgang klopfte jemand an der Tür. „Wer ist da?“, rief Hsüä Kë. Keine Antwort. Er stieg aus dem Bett, um die Tür zu öffnen und sah Bau-tschan, ihr Haar war einfach zurückgekämmt, und sie trug eine enge, kleine, ärmellose Jacke, der goldgestreifte Ausschnitt war wie ein Gitarre geschnitten, die Knöpfe waren verführerisch geöffnet. Sie hatte einen neu aussehenden, grünen Schal um ihren Hals und statt eines Rockes trug sie eine sportlichen granatapfel-rot gesäumte Hose mit Blumenmuster und ein paar elegant rot-bestickte Hausschuhe. Sie kam, bevor sie sich für den Tag zurecht gemacht hatte, um die Süßigkeit mitzunehmen, bevor der Rest des Haushalts erwachte. Obwohl er eher zurückhaltend war, als sie noch nicht für den Tag bekleidet sein Zimmer betrat, fragte er höflich: „Warum bist du heute morgen so früh auf?“ Bau-tschan errötete als Antwort, stapelte die Süßigkeiten auf ein Tablett und ging hinaus, beides in ihrer Hand haltend. Hsüä Kë interpretierte dies als eine bewußte Kränkung, weil es am Vorabend mißlungen war, ihn zu verführen. ,Oh gut‘, dachte er bei sich, ,das hat sie geärgert. Wenigstens werden sie ihr Interesse verlieren und mich in Ruhe lassen.’ Er entschied sich, die ganze Geschichte zu vergessen, und bat um Wasser, um sein Gesicht zu waschen. Es wäre klug, überlegte er sich, zu Hause zu bleiben und einige Tage zu entspannen, für seine Gesundheit und seinen Seelenfrieden. Auf der anderen Seite hat er Angst, daß ihn Hsüä Pans sogenannte Freunde aufsuchen, die damals mit Hsüä Pan gut befreundet waren. Die sahen, daß seine Familie ohne Familienoberhaupt war und daß er jung und unerfahren war, so daß sie auf dumme Gedanken kamen. Einige von ihnen wären zufrieden, als Diener zu fungieren; andere boten sich als Mitstreiter an, manche gaben durch juristische Ausdrucksweise vor, sich in Rechtsdingen auszukennen, ein oder zwei wollten für ihn Schreibarbeit erledigen, für ihn Vorteile zu ergaunern, andere rieten ihm, mehr Geld für sich selbst aus der Geschichte zu schlagen, während manche sogar versuchten, ihn mit falschen Gerüchten zu ängstigen. Seit er sie zum ersten Mal getroffen hatte, hatte Hsüä Kë alles daran gesetzt, um diesen abstoßenden Elementen aus dem Weg zu gehen. Er wagte es auch nicht, den Leuten direkt entgegenzutreten. Wenn er sie offen zurückweisen würde, bekäme er noch mehr Angst. Der einzige sichere Weg, entschied er für sich, war, sich zu Hause ruhig zu verhalten und auf die Bestätigung von Pans Urteil zu erwarten. Nun kehren wir zu Hsia Djin-guee zurück. Sie hatte Bau-tschan letzte Nacht mit dem Wein und dem Konfekt hinübergeschickt, um Hsüä Kës Reaktion zu erfahren. Als Bau-tschan zurückkehrte und detailliert erzählte, was
Hsüä Kë. Aus: Jinyuyuan 1889b. geschehen war, begriff Djin-guee, daß sie ihn unterschätzte und, daß, wenn sie einen solchen Plan weiterverfolgte, sie sich selbst unnützen Ärger einhandeln würde und Bau-tschans Respekt einbüßen würde. Wenn sie ihre Enttäuschung mit wenigen geheuchelten Worten der Gleichgültigkeit verstecken würde, würde sie das von ihrem eigenen Verlangen nach Hsüä Kë nur wenig befreien. Unfähig, derzeit an andere Wege zu denken, um ihre Ziele zu erreichen, saß sie in düsterer Stille einfach da. Ihr war nicht klar, daß Bau-tschan genau dieselben Gedanken hatte, wie sie selbst. Auch Bau-tschan rechnete damit, daß Hsüä Pan für einige Zeit nicht zurückkäme, und brauchte ganz dringend einen Ersatz. Nur aus Angst, von Djin-guee dabei ertappt zu werden, hielt sie ihre Pläne geheim. Nun, jedoch, da Djin-guee den ersten Schritt gemacht hatte, war Bau-tschan nur allzu froh, in ihrem Fahrwasser mitzusegeln. Sie würde zuerst eingreifen und Hsüä Kës Geliebte werden, und sie hatte keine Angst davor, daß Djin-guee dies nicht akzeptierte. Das war der Gedanke hinter ihren aufreizenden Worten gegenüber Hsüä Kë. Sie sah, daß Hsüä Kë keine Gefühle zeigte und integer war. Sie wagte es auch nicht, es anders zu versuchen. Als er dann auch noch die Lampe ausgeblasen hatte, war sie schwer enttäuscht. Sie meldete sich bei Djin-guee zurück, wartete, welche nächsten Schritte sie vorschlagen würde. Als sich ihre Herrin jedoch nicht äußerte, sondern bedrückt schwieg, half sie ihr und sich selbst, sich für die Nacht zurecht zu machen und ging ins Bett. Wie könnte sie in dieser Nacht einschlafen? Als sie sich im Bett wälzte, hatte sie plötzlich eine Idee. Wie wäre es, am nächsten Morgen ganz früh aufzustehen und sofort zu Hsüä Kës Gemächern zu gehen, um das Geschirr mit den Süßigkeiten abzuholen; sie würde ein paar verführerische Stücke aus ihrem Schrank anziehen, aber sich vorher extra nicht waschen und kämmen, um so verschlafen und verlockend wie möglich auszusehen ... Sie würde beobachten, welche Reaktionen das bei Hsüä Kë auslösen würde, während sie selbst ihm gegenüber eine verärgerte und gleichgültige Haltung zeigen würde. Dadurch würde er dann automatisch einlenken. So würde sie sich am Ende doch nicht ärgern müssen. Auch bei diesem Manöver zeigte sich Hsüä Kë am Morgen danach als äußerst unkorrumpierbar, genau wie am Abend davor, und Bau-tschan fühlte sich verpflichtet, mit ihrer Charade weiter zu machen und verärgert zu gehen. Sie ließ die Weinkaraffe absichtlich dort, als Ausrede, noch einmal wieder zu kommen. „Hat dich jemand gesehen, als du die Sachen abholtest?“, fragte Djin-guee bei ihrer Rückkehr. „Keine einzige Seele.“ „Was ist mit Herrn Ke? Hatte er irgendetwas gesagt?“ – „Auch nicht.“ Djin-guee hatte ebenfalls eine schlaflose Nacht gehabt, ohne daß ihr ein alternativer Kampfplan eingefallen wäre. ‚Wenn ich weiterkommen soll‘, dachte sie bei sich, ‚kann ich es vor allen anderen verstecken, aber nicht vor Bau-tschan. Ich sollte sie einweihen. Ich bin sicher, sie würde dann nichts sagen. Außerdem soll sie für mich als Mittelsfrau dienen. Das kann ich nicht selbst machen. Ich sollte mit ihr einen Pakt schließen und sehen, ob wir uns beide einen guten Plan ausdenken können.“ Sie lächelte Bau-tschan an und fragte: „Was denkst du überhaupt über Herrn Ke?“ „Er scheint dumm zu sein ...“ Djin-guee lachte, „Wie kannst du es wagen, so über ihn zu reden.“ Auch Bau-tschan lachte, „Er hat Sie doch so enttäuscht...“ – „Und was meinst du genau damit?“ „Oh, natürlich nur, daß er das Konfekt nicht anrühren wollte, welches Sie ihm geschickt haben ... Was sonst?“ Sie sagte dies mit einem Grinsen und einem bedeutungsvollen Blick an Djin-guee, die antwortete: „Das ist nun genug von deinen Andeutungen! Ich habe ihm diese Dinge respektvoll als Dank für alles, was er für Herrn Pan getan hat, geschickt, und ich habe dich nur gefragt, damit die Leute nicht schlecht darüber reden. Ich habe keine Ahnung von dem, was du versuchst anzudeuten.“ „Sie müssen sich nicht sorgen, Herrin“, sagte Bau-tschan kalt. „Ich bin auf Ihrer Seite, Sie können auf mich zählen. Aber wir müssen sehr diskret sein. Es wäre schlimm, wenn ein Wort durchsickerte.“ Djin-guee fühlte, wie ihr Gesicht rot wurde. „Du kleine Hure! Also du findest Gefallen an ihm, richtig, und denkst, du könntest mich als Deckmantel für deine Machenschaften benutzen, ist es das?“ – „Das glauben Sie, Herrin. Ich wollte Ihnen nur helfen. Wenn Sie ihn wirklich wollen, habe ich, glaube ich, einen Plan. ‚Gelegenheit macht Diebe.‘ Er hat nur Angst, erwischt zu werden, und will sich selbst von Ärger fern halten. Sie müssen Geduld haben, Herrin. Finden Sie so viele Wege wie möglich zu ihm zu gehen und sich um ihn zu kümmern. Nach allem ist er Pans jüngster Vetter und hat keine Frau. Wenn Sie es so machen und ihm ihre gute Seite zeigen, können die Leute auch nicht schlecht darüber reden. In ein paar
Aus: Jinyuyuan 1889a.
Tagen wird er bereit sein, seine Dankbarkeit zu zeigen, indem er Sie besuchen wird. Sie veranstalten hier eine kleine Party – ich werde helfen, ihn betrunken zu machen – und er gehört Ihnen! Wenn er nicht mitspielen will, werden wir eine Szene machen und ihn beschuldigen, er habe Sie belästigt – daß sollte es besiegeln. Er wird schnell zuviel Angst haben, und dann nach unserer Pfeife tanzen! Wenn er uns dann immer noch nicht folgt, dann wissen wir, daß er ein Hundesohn ist, und es sich doch gelohnt hat. Was denken Sie?“
Djin-guee war dunkelrot im Gesicht, lachte und schimpfte.
„Du kleine Dirne! Du tust so, als hättest du schon viele Männer herumgekriegt! Kein Wunder, daß Herr Hsüä Pan dich nicht aus den Augen ließ!“
Bau-tschan verzog die Lippen, sagte „Pff!“ und lachte:
„Ist das der ganze Dank, weil ich geholfen habe, zwischen Ihnen beiden Fäden zu spinnen?“
Von nun an galt Djin-guees einziger Gedanke der Eroberung von Hsüä Kë. Und da sie wünschte, dies zu tun, ohne die Aufmerksamkeit der anderen auf sich zu ziehen, hatte sie kein Interesse mehr daran, Unruhe in der Familie zu stiften. In der Familie ging es ein bißchen ruhiger zu.
Noch am selben Tag holte Bau-tschan die Weinkaraffe zurück. Sie setzte dabei dasselbe ernste Gesicht wie am Morgen auf. Hsüä Kë, der sie aus den Augenwinkeln beobachtete, begann, sein Verhalten zu bereuen und an sich zu zweifeln.
‚Vielleicht lag ich falsch‘, dachte er bei sich, ‚vielleicht habe ich mir das Ganze nur eingebildet, und sie meinten es wirklich nur gut. In diesem Fall hat sie meine Undankbarkeit vielleicht verletzt. Wer weiß zu welchem Ärger das führt. Und das wäre dann alles meine Schuld ...“
Zwei Tage vergingen, und alles war ruhig. Wann immer Hsüä Kë Bau-tschan traf, senkte sie den Blick und ging, ohne ihn aus den Augenwinkeln zu beobachten. Wenn er Djin-guee traf, hatte sie es so eilig. Hsüä Kë bemerkte das und fühlte sich schuldig. Aber davon später mehr.
Frau Hsüä und Bau-tschai beobachteten, wie still Djin-guee plötzlich wurde und wie nett sie zu allen war. Alle waren über diese Veränderung erstaunt. Frau Hsüä hätte nichts mehr Freude bereiten können und sie dachte folgendes darüber:
‚Die Hochzeit von Pan muß unter einem schlechten Stern gestanden haben, welcher ein paar Jahre Unglück brachte. Dank unseren finanziellen Quellen und den Anstrengungen der Jias, haben wir jetzt Hoffnung bekom-
Aus: Jinyuyuan 1889b. men. Die Schwiegertochter ist plötzlich ruhig geworden. Oder bedeutet das etwa, das sich Pans Glück zum Guten gewendet hat? Wer weiß, nur ich selbst denke bei mir, daß diese seltene Veränderung sehr seltsam ist.’ Eines Tages nach dem Mittagessen entschloß sich Frau Hsüä, Djin-guee zu besuchen und ging von Tung-guee begleitet los. Sie erreichte den Hof von Djin-guees Haus, als sie eine männliche Stimme im Gespräch mit Djin-guee von draußen hörte. Tong-guee sah das und rief: „Frau Pan; die Herrin Hsüä ist hier, um Sie zu besuchen!“ Während sie sprachen, standen sie schon auf der Schwelle. Als sie näher kamen, konnten sie sehen, wie der Schatten eines Mannes hinter der Tür verschwand. Frau Hsüä erschrak und wich zurück. „Bitte kommen Sie herein und setzen Sie sich, Tante“, sagte Djin-guee. „Wir haben keinen Fremden hier. Das ist nur mein adoptierter Bruder Hsia San. Er ist vom Lande und nicht an Menschen gewöhnt. Er ist heute erst gekommen, deshalb hat er sich bei Ihnen noch nicht vorgestellt. Er beabsichtigt, sich bei Ihnen vorzustellen und Sie zu begrüßen.“ – „Wenn er dein Bruder ist, dann bin ich erfreut, ihn kennenzulernen“, sagte Frau Hsüä. Djin-guee holte ihren Bruder aus seinem Versteck, und er begrüßte Frau Hsüä mit einer Verbeugung. Frau Hsüä erwiderte den Gruß und setzte sich. „Wie lange bist du schon in der Hauptstadt?“, fragte sie im Zuge der Unterhaltung. „Ich wurde erst vor zwei Monaten in die Familie aufgenommen. Mutter brauchte jemanden, der nach den Haushaltsgeschäften sieht. Ich kam vorgestern an und heute hierher, um meine neue Schwester zu sehen.“ Frau Hsüä konnte sehen, daß er ein etwas grober Mensch war und wollte nicht lange bleiben. „Ich muß gehen“, sagte sie, „steh bitte nicht auf!“ Dann sprach sie zu Djin-guee: „Da dies der erste Besuch deines Bruders ist, lade ihn doch bitte zum Abendessen ein.“ „Ja, Tante.“ Frau Hsüä verließ sie. Als sie aus dem Zimmer war, sagte Djin-guee zu Hsia San. „Setz’ dich, ich habe unser Verhältnis aus einem bestimmten Grund offen dargelegt, damit der junge Herr Hsüä Kë keine Verdächtigungen anstellt. Heute bitte ich dich, einige Sachen für mich einzukaufen, und ich möchte nicht, daß irgendjemand von diesen Dingen erfährt.“ „Überlaß das nur mir. Solange du mir Bares auf die Hand gibst, beschaffe ich dir alles.“ „Nicht so schnell: Wenn du dich betrügen läßt, nehme ich die Lieferung nicht an.“ Sie scherzten noch eine Weile miteinander, Djin-guee aß mit Hsia San zu abend, wonach sie dann ihre Einkäufe näher erläuterte, ihm noch andere Anweisungen gab und er seinen Weg ging. Von diesem Tag an wurde er zu einem regelmäßigen Besucher in ihrem Hof. Der alte Pförtner ließ ihn gewöhnlich durch, ohne die übliche Prozedur, ihn vorher anzukündigen, wußte er doch, daß er Frau Pans Bruder war. Seine Besuche erzeugten viele neue Gerüchte. Aber das hat mit der späteren Geschichte zu tun, wir wenden uns hier ab. Eines Tages kam ein Brief von Hsüä Pan an. Frau Hsüä öffnete ihn und ließ Bau-tschai ihn vorlesen: „Liebe Mutter, Ich werde hier im Gefängnis gut behandelt, also bitte sei beruhigt. Ich hatte trotzdem einige schlechte Neuigkeiten gestern, vom Gerichtsschreiber. Meine Anklage wurde auf dem Präfekturniveau genehmigt – ich befürchte, unser Glück ist jetzt zu Ende. Aber als der Fall vor das Berufungsgericht kam, wurde die Berufung abgelehnt. Der Sekretär hier am Yamen war sehr hilfreich und hat sofort eine Erklärung zur Berufung geschickt, damit die Berufung doch angenommen wird. Ausgerechnet der Präfekt erfuhr davon, und jetzt muß ich doch persönlich meine Berufung einreichen. Wenn ich das tue, werde ich wieder Ärger bekommen. Das liegt bestimmt daran, daß wir nicht die richtige Person angesprochen haben. Wenn du diesen Brief liest, beeile dich bitte und versuche bei den Herren Hilfe zu holen. Und schickt Vetter Ke sofort hierher, sonst wird es zu spät sein. Knausert auf gar keinen Fall mit dem Geld! Sehr dringend!“ Daraufhin brach Frau Hsüä in Tränen aus. Hsüä Kë tat sein Bestes, um sie zu beruhigen, während er sie zur selben Zeit überredete, schnell zu handeln. Frau Hsüä war gezwungen, ihren Neffen in die Provinz zu schicken, um die Angelegenheiten zu regeln. Sie befahl ihrem Diener, die Koffer zu packen, holte Geld, und Hsüä Kë bereitete sich vor, daß er noch in derselben Nacht mit einem Begleiter der Familie weggehen sollte. Welch ein Chaos! Obwohl die Diener alle Sachen erledigten, hatte Bau-tschai Angst, daß nicht an alles gedacht wurde, und half persönlich bis in die frühen Morgenstunden. Die Kombination der nervösen Anspannung und physischer Anstrengung war zuviel für ein Mädchen von so zarter Natur und gebildeter Erziehung und am nächsten Morgen lag sie mit Fieber darnieder und war unfähig, Wasser oder Medizin zu schlucken. Ying-Er berichtete dies sofort Frau Hsüä, die herübergeeilt kam. Sie merkte, daß Bau-tschai nicht sprechen konnte, die Wange ganz rot war, ihr Körper ganz heiß, wenn man ihn berührte. Sie bekam sofort Panik und brach in Tränen aus. Bau-tjin versuchte ihre Tante zu unterstützen und zu trösten, während Tjiu-ling so ergriffen von Bau-tschais Aussehen war, daß sie nur am Bettrand stehen konnte, ihren Namen rief und weinte. Bau-tschai war zu schwach zum Sprechen oder um ihre Hände zu bewegen. Ihre Augen waren trocken, ihre Nase zu. Sie schickten nach dem Doktor, dessen Rezept sie allmählich wieder auf die Beine brachte und zur großen Erleichterung der Familie schien die unmittelbare Krise abgewendet zu sein. Die Neuigkeiten hatten bereits die verschiedenen inneren Wohnbereiche der Jung-guo- und Ning-guo-Anwesen erreicht und ein Dienstmädchen der Dame Hsi-fëng kam bald an mit „den Geist mit zehn Düften wiederbelebenden“ Pillen, gefolgt von einem Mädchen mit ein paar der „Grippe-Pillen“ der Dame Wang. Die Herzoginmutter, die Dame Hsing, die Dame Wang und alle anderen Damen beider Häuser, eingeschlossen You-schï, schickten alle Mädchen, um zu fragen, wie es ihr ging, aber alle waren sich einig, daß ihre Krankheit vor Bau-yü geheimgehalten werden sollte. Sie nahm weiterhin verschiedene Mittel sieben oder acht Tage lang, ohne richtige Besserung; erst als sie sich an ihre eigenen Kalten-Duft-Pillen erinnerte und drei von diesen nahm, ging es ihr besser. Als Bau-yü von ihrer Krankheit erfuhr, ging es ihr bereits wieder besser, und er mußte keinen Krankenbesuch mehr unternehmen. Ein Brief von Hsüä Kë kam an, welchen Frau Hsüä Bau-tschai nicht zeigte, aus Angst, sie könne sich aufregen. Sie las ihn selbst und ging direkt zur Dame Wang, um Hilfe zu erbitten; gleichzeitig erzählte sie noch eine Weile von Bau-tschais Zustand. Nachdem Frau Hsüä gegangen war, ging die Dame Wang zu Djia Dschëng, um ihn inständig zu bitten. „Bei den höher gestellten Beamten reichen normalerweise ein paar Worte; aber bei denen aus der Provinz ist es schwieriger“, sagte er etwas bitter. „Wir müssen wohl in unsere Taschen greifen.“ Die Dame Wang sprach wieder über Bau-tschai: „Das arme Mädchen! Ich fühle mich für sie verantwortlich: sie gehört fast zur Familie. Je eher sie und Bau-yü verheiratet sind, desto besser. Das ruiniert sonst ihre Gesundheit, so wie die Dinge stehen.“ „Da stimme ich dir zu“, antwortete Djia Dschëng, „aber ihre Familie ist im Moment sehr durcheinander. Und außerdem ist gerade Mitwinterwende. Wir werden bald Neujahr haben und alle mit unseren eigenen Haushalten beschäftigt sein. Ich schlage den folgenden Zeitplan vor: die Verlobung kann irgendwann im Winter stattfinden; Anfang des nächsten Jahres können sie Geschenke empfangen; und die Zeremonie selbst wird irgendwann nach Mutters Geburtstag festgesetzt. Ich hätte gerne, daß deine Schwester sich darum kümmert.“ –
„Gut“, antwortete die Dame Wang.
Am nächsten Tag erzählte sie es Frau Hsüä, die es für einen guten Vorschlag hielt. Nach dem Mittagessen gingen beide zur Herzoginmutter. „Bist du gerade hierhergekommen, meine Liebe?“, fragte die Herzoginmutter Frau Hsüä, nachdem die üblichen Höflichkeiten ausgetauscht waren. „Nein, ich kam schon gestern her“, antwortete Frau Hsüä, „aber es war schon spät, ich konnte nicht mehr hierher kommen, um Sie zu begrüßen.“ Die Dame Wang wiederholte der Herzoginmutter Djia Dschëngs Vorschlag. Die Herzoginmutter schien sehr glücklich damit zu sein. Während sie redeten, kam Bau-yü ins Zimmer. „Hattest du schon ein Mittagessen?“, fragte seine Großmutter. „Ich war zum Essen zu Hause“, antwortete er, „und nun bin ich auf dem Weg zurück zur Schule. Ich kam vorbei, um Sie zu sehen, Großmutter, und habe auch gehört, daß Frau Hsüä hier ist und wollte sie begrüßen.“ Zu Frau Hsüä fuhr er fort: „Geht es Kusine Bau-tschai nun besser?“ Frau Hsüä lächelte, „ja, es geht ihr besser.“ Bau-yü erkannte, daß es durch seine Ankunft eine plötzliche Flaute in der Unterhaltung gab. Nachdem er ein paar Minuten bei ihnen verbracht hatte, beobachtete er auch, daß sich Frau Hsüä nicht so herzlich ihm gegenüber benahm wie sonst und dachte bei sich: „Auch wenn sie keine gute Laune hat, sehe ich darin noch keinen Grund, weshalb alle aufhören mit mir zu reden .