Hongloumeng/de/Chapter 93

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Kapitel 93

甄家仆投靠贾家门 / 水月庵掀翻风月案

Ju-hai, der zu der Zeit Salzkommissar in Yangdschou war, als Privatlehrer für seine Tochter, meine Nichte engagiert hat – das war nach seiner Entlassung. Dann erfuhr Yü-tsun von seiner Rehabilitation und dem erneuten Ruf in die Hauptstadt. Meine Nichte – Ju-hais Tochter – war, wie es so passiert, gerade dabei zu kommen und uns hier zu besuchen, also überredete ihr Vater ihren Privatlehrer, als Begleiter mit ihr zu reisen. Er schickte mir auch ein Empfehlungsschreiben, in welchem er mich darum bat, ein gutes Wort für ihn einzulegen. Ich habe einen guten Eindruck von ihm bekommen, und von da an haben wir uns sehr oft gesehen. Eine Sache, die ich sehr außergewöhnlich an Yü-tsun finde: er weiß über unsere Familiengeschichte Bescheid. Wie unsere Familie entstandt, wer unsere Vorfahren waren, wie sie ihre Titel bekommen hatten, jede Verzweigung des Jung-guo und Ning-guo Stammbaumes, wie viele genau es von uns gab, wer wir alle waren, wo wir alle lebten, welche Karrierewege wir hatten – deshalb fühle ich mich ihm sehr nah.“ Djia Dschëng lächelte, und fuhr fort: „Er hat sich in den letzten Jahren auch selbst sehr verbessert. Befördert vom Präfekten zum Zensor, dann einige Jahre später zum Vizepräsidenten des Ministeriums für bürgerliche Angelegenheiten, dann Armeegeneral. Er wurde wegen eines Vorfalls drei Grade zurückgestuft, aber nun scheint es, daß er wieder befördert wird.“ „Wie schwer ist es, die Unbeständigkeit des menschlichen Lebens vorherzusehen“, kommentierte Fëng Dsï-ying. „Und doch gibt es ein Muster in allen Dingen“, sagte Djia Dschëng. „Nimm zum Beispiel deine Perle. Die große ist wie ein Mann, der mit Glück gesegnet ist; die kleinen sind von ihm abhängig, beschützt im Schatten seines Einflusses. Wenn die große fortgeht, haben die kleinen keinen Schutz mehr. Das ist ähnlich wie bei einer Familie: Wenn der Familienvorstand in Schwierigkeiten ist, verliert er Frau und Kinder, seine Beziehungen verarmen, sogar Freunde wird er nicht mehr sehen. Reichtum und Armut können mit einem Augenblinzeln wechseln, wie das Vorüberziehen einer Frühlingswolke oder das Fallen eines Herbstblattes. Überleg’ mal, welche Freude hat man als Beamter? Mein Verwandter Yü-tsun hatte es ja noch vergleichsweise einfach. Aber nimm einen Fall, der näher an unserem Hause ist, die Familie Dschën, in vielen Aspekten wie unsere eigene. Auch sie wurde für ihre Dienste für den Thron geadelt. Dasselbe Schicksal und die gleiche Herkunft. Wir hatten engen Kontakt. Ich erinnere mich, daß sie vor noch nicht vielen Jahren, als sie in der Hauptstadt waren, einen ihrer Männer herumschickten, um ihre Aufwartung zu machen und alles schien in Ordnung. Doch nicht viel später wurde ihr Familiengrundstück beschlagnahmt, und der Himmel allein weiß, was aus ihnen geworden ist. Wir haben so lange nichts mehr von ihnen gehört und wissen nicht, wie es ihnen jetzt geht. Sie sind aber in unserem Herzen. Siehst du, wie schrecklich es ist, ein Beamter zu sein?“ „In unserer Familie brauchen wir keine Angst haben“, sagte Djia Schë. „Nichts kann uns passieren.“ „Natürlich nicht, Herr“, sagte Feng, „erstens schützt die kaiserliche Nebenfrau Ihre Interessen am Hof, zweitens habt Ihr viele gute Verwandte in der Vergangenheit und drittens gibt es in Eurer Familie, angefangen bei der Herzoginmutter bis zur jüngsten Generation, keine Unbarmherzigkeit.“ „Zugegeben“, sagte Djia Dschëng ein bißchen grimmig, „aber wir tun nichts für den finanziellen Erfolg. Wir geben nur aus, für Kleider und Essen, wie könnte das gutgehen?“ „Laß uns nicht mehr darüber reden“, sagte Djia Schë, „und noch einen trinken.“ Sie taten dies und nach ein paar Runden mehr wurde das Essen aufgetragen. Nach dem Essen wurde der Tee hereingebracht und Fengs Page kam herein und flüsterte etwas in das Ohr seine Herrn. Feng mußte gehen. „Was hast du gesagt?“, fragte Djia Schë den Pagen. „Es schneit, Herr, und es wurde schon zur ersten Abendwache geschlagen.“ Djia Dschëng schickte einen Diener hinaus, der zurückkehrte und berichtete, daß der Schnee tatsächlich mehr als einen Fingerbreit hoch war. „Ich hoffe, deine beiden Kleinodien sind gut eingepackt?“, sagte Djia Dschëng. „Das sind sie“, antwortete Feng, „vergeßt nicht, wenn Ihr Eure Meinung ändert, können wir uns sicher über den Preis einigen.“ – „Ich werde es im Gedächnis behalten“, sagte Djia Dschëng. – „Ich werde dann von dir hören. Es ist kalt – bitte bemüht euch nicht, mich hinauszubegleiten. Auf Wiedersehen.“ Djia Schë und Djia Dschëng gaben Djia Liän die Anweisung, Fëng Dsï-ying zum Tor zu begleiten. Wie es weitergeht, erfährt man im nächsten Kapitel.

93. Ein Gefolgsmann der Familie Dschën sucht Unterschlupf bei Familie Djia Zweifelhafte Aktivitäten werden hinter der Eisernen Schwelle aufgedeckt.

Nachdem Fëng Dsï-ying gegangen war, rief Djia Dschëng einen Türsteher. „Ich sehe, hier ist eine Essenseinladung vom Fürsten von Lin-an“, sagte er. „Weißt du, worum es geht?“ „Ich habe gefragt, Herr“, antwortete der Diener, „es ist keine Feier, sondern nur die Ankunft einer neuen Schauspieltruppe bei der Familie des Prinzen von Nan-an. Die Truppe ist bekannt, und an zwei Tagen wird gespielt. Der Prinz ist erfreut und lädt Euch ein, damit man Unterhaltung hat. Ihr müßt kein Geschenk mitbringen.“ Während der Diener sprach, kam Djia Schë herüber. „Wirst du morgen gehen?“, fragte sein Bruder ihn. „Wie könnte ich nicht gehen, wenn der Fürst so freundlich zu uns ist“, antwortete Djia Dschëng. Ein anderer Diener kam vom Tor herein und berichtete Djia Dschëng: „Da ist ein Angestellter von der Regierung, Herr; können Sie morgen bitte, in das Ministerialbüro gehen. Es geht um eine Regierungsangelegenheit, Sie müssen also etwas früher als sonst da sein.“ Djia Dschëng sagte: „Ich weiß, ich weiß.“ Zwei Familiendiener kamen als nächstes herein, deren Arbeit es war, die Mieten an den Jung-guo-Landhäusern einzusammeln. Sie machten den Kotau, erwiesen ihren Respekt und stellten sich an die Seite. „Bist du vom Familiendorf Hau?“, fragte Djia Dschëng. – „Ja, Herr.“ Djia Dschëng fragte nicht weiter nach ihrem Geschäft. Er und Djia Schë redeten noch ein wenig länger, und dann gingen beide in ihre Gemächer, Djia Schë wurde von seinen Dienern begleitet, die Lampen trugen. Als sie gegangen waren, bat Djia Liän die Mieteintreiber um ihrem Bericht. „Wir waren, so schnell wir konnten, mit den Mieten des Zehnten Monats unterwegs, Herr“, antwortete einer von ihnen, „sie sollten morgen ankommen, aber wir haben ein paar Meilen außerhalb des Ortes Ärger bekommen. Unsere Wagen wurden von einer Patrouille beschlagnahmt, und alles wurde auf den Boden geworfen. Sie ließen uns nicht zu Wort kommen. Ich versuchte zu erklären, daß es Mietgeld vom Jung-guo-Anwesen war, keine einfachen Güter zum Transport, aber es war ihnen völlig egal. Und als ich unserem Fahrer sagte, weiterzufahren, schlugen ihn einige von der Straßenpatrouille und beschlagnahmten zwei Wagen. Ich ging vor, um zu berichten, Herr. Das einzige, was Sie jetzt tun können, ist jemanden zu dem lokalen Yamen zu schicken und die Güter zurückzufordern. Und Sie würden allen einen Gefallen tun, wenn Sie diese Rüpel von der Straßenpatrouille zur Ordnung bringen könnten. Sie werden es nicht wissen, aber die regulären Güterwagen haben es noch schwerer mit ihnen. Sie kippen den Inhalt aus und laufen dann damit weg und wenn der arme Fahrer es wagt zu protestieren, wird er verprügelt.“ „Welch sinnloser Zustand!“, rief Djia Liän. Er schrieb sofort einen Brief und übergab ihn an einen seiner Männer. „Bring das zum Yamen der für die beschlagnahmten Wagen zuständig ist. Wir wollen unsere Wagen und unsere Güter sofort zurück. Wenn wir entdecken, daß auch nur das kleinste Gut fehlt, wird es Ärger geben.“ Er schickte nach Dschou Juee. Dschou war nicht da, also schickte er stattdessen nach Wang Örl, nur damit man ihm sagte, daß Wang Örl am Mittag ausgegangen war und immer noch nicht zurück sei. „Die faulen Hunde! Sie sind niemals da, wenn man sie braucht! Alles was sie tun, von einem Jahr zum nächsten, ist auf unsere Kosten herumzulümmeln!“ Er schrie seine Pagen an, damit sie beide sofort fänden, dann zog sich Djia Liän für die Nacht in seine Gemächer zurück. Der nächste Morgen brachte eine Erinnerung von Fürst Lin“an. „Ich werde am Ministerium beschäftigt sein“, sagte Djia Dschëng zu seinem Bruder, „und Liän wird hierbleiben müssen, um den Ärger mit den Mietwagen zu schlichten. Du nimmst besser Bau-yü mit dir für den Tag.“ Djia Schë nickte. „Sehr gut.“ Djia Dschëng ließ Bau-yü Bescheid sagen, daß er seinen Onkel zu Graf Lin-ans Theaterparty begleiten solle. Bau-yü war begeistert. Er zog sich um, wählte drei seiner Pagen, Bee-ming, Sau-hung und Tschu-yau, zu seiner Begleitung, und kam, um Djia Schë seine morgendliche Aufwartung zu erweisen. Sie stiegen in ihre Kutschen und waren bald im Palast des Fürsten. Ein Torsteher ging hinein, um ihre Ankunft anzukündigen, und kehrte kurz danach zurück, um sie zu geleiten. Djia Schë führte Bau-yü in den Hof, in dem es von Gästen nur so wimmelte. Sie erwiesen dem Fürsten ihren Respekt und tauschten Höflichkeiten mit den anderen Gästen aus, bevor sie sich setzten und an den leichten Unterhaltungen teilnahmen. Binnen kurzer Zeit kam der Anführer der Truppe mit zwei Plakaten, einem normalen und einem ausgefallenen in Form einer Elfenbeintafel und grüßte seinen Förderer, indem er sich auf einem Knie auf den Boden kniete, im Manchu-Stil, und ankündigte: „Wollen die Herren bitte ihre liebsten Stücke auswählen?“ Er ging an den Herren vorbei und kam zu Djia Schë, der etwas auswählte. Dann blickte er zu Bau-yü, eilte geradewegs zu ihm, grüßte ihn sehr elegant und sagte: „Wäre Herr Bau-yü so gut, zwei Stücke aus unserer Liste zu wählen?“ Bau-yü betrachtete sein Gesicht. Diese leicht bepuderten weißen Wangen, diese Lippen so rot wie Rouge, das frische Glänzen, wie eine Lotus, die sich aus dem Wasser reckt, der elegant schwingende Gang, wie ein Jadebaum im Wind – nun, es war kein anderer als sein alter Freund Djiang Yü-han! Bau-yü erinnerte sich, daß er von dessen Ankunft in der Stadt mit seiner eigenen Truppe gehört hatte. Er erinnerte sich auch daran, daß er sich wunderte, warum er noch immer nichts von ihm gehört hatte. Ihn nun in so einer formalen Umgebung zu treffen, machte ihn unfähig, spontan aufzuspringen, und er mußte sich mit der Frage zufriedengeben: „Wann bist du angekommen?“ Djiang blickte schnell von links nach rechts und flüsterte dann mit einem vertraulichen Lächeln: „Sicher wußtest du, daß ich hier war?“ Bau-yü fühlte sich zu gehemmt, um diese Unterhaltung fortzuführen, und wählte verwirrt irgendwelche Dramen aus. Als Djiang hinter die Bühne zurückkehrte, fingen die Gäste an, über ihn zu reden. „Wer ist dieser Mensch?“ – „Er hat schon immer die weibliche Rolle gespielt,“ fing einer von ihnen an. „Nun, da er älter ist, hat er das aufgegeben und wurde Chef der Truppe. Früher spielte er die weibliche Rolle, jetzt die der jungen männlichen Hauptdarsteller. Er verdient einiges Geld und eröffnete bereits zwei oder drei Geschäfte. Aber nichts konnte ihn von der Bühne fernhalten, also wurde er Chef der Schauspieltruppe.“ Manche sagten, er habe schon geheiratet. Andere sagten, er habe klare Ansichten dazu. Für ihn sei die Ehe kein Spiel, sondern eine Sache fürs Leben. Egal ob man reich oder arm sei, der Partner müsse ein passendes Talent besitzen. Deshalb habe er bisher noch keine gefunden. ,Ich frage mich, welche glückliche Tochter ihn ehelichen wird‘, dachte Bau-yü im Geheimen bei sich, ,ein solches Talent zu heiraten, ist ja ein Glück.‘ Inzwischen hatte das Schauspiel begonnen. Sie zeigten eine große Breite an Stilen: Kun-Gesänge, Gesänge mit hoher Stimme und die Yi-Stimme, die von einem Schlagrhythmus begleitet wird. Es war eine turbulente Aufführung. Mittags wurden Tische aufgestellt, Wein und Essen serviert. Nach einem Akt des Nachmittagprogramms machte Djia Schë Anstalten zu gehen. Aber der Fürst kam herüber und so sagte er: „Der Tag ist noch jung, und ich habe gehört, daß Djiang Yü-han noch eine Paradeszene aus ,Die Königen der Blumen‘ spielen will, die Liebesgeschichte zwischen dem Ölverkäufer und der Prinzessin. Als Bau-yü dies hörte, betete er heimlich, sein Onkel möge bleiben. Djia Schë setzte sich wieder. Es war bald Zeit für „Die Königin der Blumen“, in dem Djiang Yü-han den jungen Tjin, den bescheidenen Öl-Verkäufer spielte. Die Szene, welche ‚wie ein zarter Duft riecht und eine seltene Jade bewundert’, in der er die betrunkene Prinzessin Hua Kuee bedient, spielten sie bis ins feinste Detail. Danach betrinken sich die beiden gemeinsam und singen dabei. Die Beziehung zwischen beiden ist wie ein untrennbarer Seidenfaden. Bau-yü bemerkte Hua Kuee kaum. Er hatte nur Augen für den jungen Tjin. Der laute, klare und rhythmische Gesang von Djiang Yü-han zog Bau-yüs Geist mit in die Geschichte hinein. Am Ende der Vorstellung, wußte er ohne jeden Zweifel, daß Jiang Yu-han ein Künstler des wahren Gefühls war und nicht vergleichbar mit gewöhnlichen Schauspielern. Es erinnerte ihn an eine Passage aus dem Kapitel „Über Musik“ im Yüedji: „Gefühle, werden innerlich erregt und in Klang umgesetzt. Wenn der Klang zum Ausdruck von Sinn wird, ist Musik geboren.“ ,Versteht man den Klang, versteht man die Musik, versteht man den Sinn‘, dachte Bau-Yü bei sich, ,es gibt noch viel mehr herauszufinden. Ich muß dem auf den Grund gehen. Gedichte können zwar Gefühle ausdrücken, gehen aber nicht unter die Haut. Man sollte sich mehr mit Musik beschäftigen.‘ In seinem abwesenden Nachdenken wurde er von Djia Schë geweckt, der genug hatte und sich verabschiedete. Der Gastgeber hatte dieses Mal nicht versucht, ihn daran zu hindern, so daß er keine neue Gelegenheit hatte, ihn davon abzuhalten. Bau-yü hatte keine andere Wahl als seinem Onkel zu folgen. Bei ihrer Ankunft zu Hause ging Djia Schë direkt zu seinen Gemächern. Bau-yü ging zu seinem Vater und meldete sich zurück. Sein Vater kam gera-

Djiang Yü-han. Aus: Gai Qi 1879. de von der Direktion und diskutierte mit Djia Liän den Fall der beschlagnahmten Mietwagen. „Ich schickte heute einen Mann mit einer Nachricht“, sagte Djia Liän sagte, „aber der örtliche Beamte war nicht da. Der Torwächter sagte, sein Herr wisse nichts von dem Vorfall und er habe sicherlich nie befohlen, die Wagen zu beschlagnahmen. Er sagte, das wären Räuber, die sich als Straßenpolizei ausgäben und vorgäben, zu beschlagnahmen. Da dies der Besitz der Familie Djia war, sagte er, würde er sofort jemanden schicken, nach den Schuldigen zu suchen. Er gab seine persönliche Garantie, daß am Folgetag Wagen und Sachen zurückkämen. Wenn wir entdecken sollten, daß auch nur eine einzige Sache fehle, müsse die Familie bei seinem Herrn die Räuber anzeigen, und es würden harte Maßnahmen folgen. Aber jetzt, da der Herr fort sei, bat er uns, es nicht so zu Herzen zu nehmen. Am besten sei, wenn sein Herr nichts davon erfahre.“ „Wie kann so etwas ohne irgendeinen Haftbefehl getan werden?“, fragte Djia Dschëng. – „Du scheinst das nicht zu verstehen, Onkel“, sagte Djia Liän, „daß die Welt draußen halt so ist. Ich denke, daß wir unsere Dinge morgen bestimmt wieder zurück bekommen.“ Die Angelegenheit war besprochen, Djia Liän verließ den Raum. Bau-yü kam nun vor und berichtete von seinem Tag bei dem Grafen. Sein Vater fragte ihn ein paar Dinge und schickte ihn dann zu seiner Großmutter. Djia Liän hatte die unerklärte Abwesenheit seiner zwei Dienstboten nicht vergessen. Nachdem er Djia Dschëng verließ, gab er die Anweisung für eine Vollversammlung des Personals. Diesmal gab es eine sofortige Antwort. Djia Liän schimpfte eine Runde, dann rief er den Personalchef Lai Schëng nach vorne. „Nimm sämtliche Personalbögen für alle Haushaltsabteilungen und prüfe die Anwesenheit der Namen. Dann will ich, daß du eine Ankündigung schreibst. Ich will, daß jeder weiß, daß, wenn es einen einzigen Fall von unerlaubter Abwesenheit gibt, ich dem Schuldigen sofort rausschleppen und auspeitschen lasse. Dabei ist es einerlei, ob jemand wegen seiner Abwesenheit wichtige Arbeiten unverrichtet läßt oder ich vergeblich nach jemandem schicke.“ – „Ja, Herr!“, antwortete Lai Schëng mehrere Male. Dieser ging hinaus und leitete alles an die versammelten Diener weiter, die es alle folgsam aufnahmen. Nicht lange später gab es am Haupttor eine unerwartete Ankunft. Ein Mann mit einem Filzhut, blaugrünem Baumwollgewand und strapazierfähigen Stoffschuhen, kam näher und verbeugte sich vor dem Torwächter. Er begutachtete ihn von oben bis unten und fragte ihn, aus welchem Ort er stamme. „Ich stamme von der Familie Dschën aus dem Süden,“ war seine Antwort, „ich habe einen Brief meines Herrn bei mir, welchen ich Sie bitte, Ihrem Herrn Djia Dschëng zu bringen.“ Als sie erfuhren, daß er von der Familie Dschën war, standen die Männer auf und machten dem Neuankömmling Platz, um sich zu setzen. „Du must müde sein. Hier, setz’ dich! Wir werden deinen Brief für dich hineinbringen.“ Einer von ihnen ging hinein, um Djia Dschëng von seiner Ankunft zu berichten und den Brief zu übergeben. Dieser öffnete ihn und las wie folgt:

Mit engster Freundschaft hoffend auf gegenseitiges Verstehen, gegründet in Geschlechterfolgen! Mit tiefster Achtung und Unterwürfigkeit vor Eurem berühmten Haus!

Tausend Tode sind keine ausreichende Strafe Für meine schreckliche Tat. Dank einem Gnadenakt bin ich nur milde bestraft mit Verbannung an die Grenze. Der Haushalt ist verarmt, die Familie zerstreut.

Mein Diener Bau-yung diente mir gut. Ohne besonderes Talent ist er doch eine treue Seele, ein verläßlicher Kerl. Fände er bei Euch eine Beschäftigung mit bescheidenem Auskommen: Eure Barmherzigkeit mit diesem schutzlosen Vogel Würde ihn zutiefst mit Dankbarkeit erfüllen.

Ich melde mich wieder, sobald ich kann.

Djia Dschëng lächelte, als er das Ende des Briefes erreichte. ‚Wir haben hier selbst zuviel Personal‘, grübelte er laut für sich selbst, ‚Aber wenn die Dschëns ihn empfehlen, können wir ihn schlecht ablehnen.‘ Er wandte sich zum Pförtner. „Schick’ mir den Mann herein und find einen Platz zum Bleiben für ihn. Wir geben ihm eine Arbeit.“ Der Pförtner ging hinaus und kam mit Bau Yung zurück, der sich vor Djia Dschëng niederwarf und einen dreifachen Kotau machte. Er stand wieder auf und erklärte: „Mein Herr übersendet seine Grüße, Herr.“ Dann machte er eine weitere Verbeugung und fuhr fort: „Bau Yung bietet seinen bescheidenen Respekt an, Herr.“ Djia Dschëng fragte nach Dschën Ying-djia und begutachtete Bau Yung. Er war vier Fuß groß, hatte breite Schultern und war stark gebaut, mit dichten Augenbrauen und markanten Augen, einer hervorstehenden Stirn, einem langen Bart und einem rauhen, dunklen Teint. Er stand mit seinen respektvoll herunterhängenden Armen an der Seite da. „Warst du schon immer bei den Dschëns?“, fragte Djia Dschëng, „oder hast du ihnen nur für ein paar Jahre gedient?“ Bau Yung: „Meine Wenigkeit war seit der Geburt dort, Herr.“ Djia Dschëng: „Warum möchtest du jetzt von ihnen weg?“ Bau Yung: „Es war überhaupt nicht mein Wunsch, Herr. Aber mein Herr bestand darauf, daß ich das tun soll, und sagte, daß ich die Dinge hier genauso finden würde, wie bei ihm. Deswegen bin ich hier.“ Djia Dschëng: „Dein Herr hätte sich nicht in diese Situation bringen sollen.“ Bau Yung: „Es ist nicht meine Aufgabe, solche Dinge zu sagen, aber ich denke, mein Herr ist ein viel zu guter Mann, viel zu ehrlich, wenn er mit Menschen umgeht. Das ist es, was ihm den Ärger gebracht hat.“ Djia Dschëng: „Aber Ehrlichkeit ist doch eine große Tugend.“ Bau Yung: „Zuviel davon geht nicht immer gut, das ärgert die Menschen sogar.“ Djia Dschëng lachte und sprach: „Wenn das so ist, bin ich mir sicher, daß Gott ihn selber ärgern möchte.“ Bau Yung wollte gerade etwas sagen, als Djia Dschëng fortfuhr: „Liege ich damit richtg, wenn ich glaube, daß dein Herr auch einen Sohn namens Bau-yü hat?“ Bau Yung: „Das ist richtig, Herr.“ Djia Dschëng: „Sag’ mir, versucht er sich immer noch, sich nach oben einzuschleimen?“ Bau, Yung: „Das ist eine sehr interessante Frage, Herr. Dahinter steckt eine merkwürdige Geschichte. Eigentlich ist der Charakter des Herrn Bau-yü wie der seines Vaters, sehr ehrlich. Er hat von klein auf nur mit Schwestern und den Kusinen zusammengelebt. Von seinem Vater und der Großmutter wurde er einige Male schwer bestraft, er änderte sich aber nicht. Vor jedoch ungefähr einem Jahr etwa, als Ihre Herzogin auf einer Reise zur Hauptstadt war, wurde unser Herr Bau-yü sehr krank. Er wurde in der Tat für eine Weile fast für tot erklärt, und der Herr selbst war fast tot vor Sorge. Seine Beerdigungskleidung wurde sogar schon bereitgelegt. Am Ende erholte er sich wieder, Gott sei Dank. Als er wieder auf den Beinen war, sagte er, daß er durch einen großen Torbogen gegangen war, wo er eine Dame getroffen habe, die in einen Tempel voller Schränke war. Und in diesen Schränken waren viele Register, die er sich ansah. Dann ging er in einen Raum voller Mädchen, die sich in Geister und Skelette verwandelten. Er hatte Angst, schrie, und dann wachte er auf.“ – „Nach dieser Erfahrung ließ sein Vater ihn von einem Doktor behandeln, und langsam, aber sicher ging es ihm wieder gut. Diesmal wurde er verhätschelt und durfte nach Herzenslust mit seinen Schwestern und Kusinen spielen. Aber wer hätte das gedacht – er änderte seine Art vollständig! Keine seiner alten Spiele reizten ihn noch. Nun gab es nur noch Bücher und das Studieren. Und niemand konnte ihn ablenken. Er lernte es sogar, seinem Vater im Familienunternehmen zu helfen.“ Djia Dschëng wurde ruhig, in Gedanken verloren. Dann sagte er: „Geh und ruh’ dich aus. Wenn wir dich brauchen können, finden wir für dich eine Arbeit.“ „Danke, Herr“, sagte Bau Yung und verschwand aus dem Zimmer. Er wurde von einigen Dienern herausgeleitet, um sich auszuruhen. Da müssen wir ihn verlassen. Ein paar Tage später, stand Djia Dschëng früh auf und ging durch das Haupttor auf dem Weg zur Direktion, als er bemerkte, daß die Pförtner und Diener sich in einer Art Plauderei zusammenfanden. Sie schienen seine Aufmerksamkeit erregen zu wollen, aber waren offensichtlich gleichzeitig zu ängstlich, etwas zu sagen, und konnten nur untereinander tuscheln. Er rief einen von ihnen herüber und fragte: „Was ist los? Was soll all dieses Herumtuscheln in Ecken?“ „Wir trauen es uns nicht zu sagen, Herr...“, antwortete der Diener. Djia Dschëng: „Traut euch nicht was zu sagen?“ Der Diener: „Nun, Herr, als ich diesen Morgen zum Tor ging, fand ich ein Stück weißes Papier, das dort steckte, mit vielen Schimpfwörtern darauf geschrieben. Djia Dschëng: „Was steht darauf??“ Diener: „Schmutzige Wörter aus dem Wassermondkloster, Herr.“ Djia Dschëng: „Zeig’ es mir!“ Diener: „Ich versuchte es in einem Stück abzuziehen, Herr, aber es hat so fest gesteckt, daß ich es nicht konnte. Also schrieb ich stattdessen die Wörter ab und dann schrubbte das Tor sauber. Li De hat gerade ein anderes gefunden. Er zeigte es mir und da steht dasselbe. Ich will es nicht verstecken, Herr.“ Während er sprach, händigte er es Djia Dschëng aus. Djia Dschëng nahm es und las: Djia Tjin ist ein glücklicher junger Scheißkerl – Er ist verantwortlich für die Nonnen im Wassermondkloster. All diese Mädchen sind nur für einen Kerl, Huren, Zocken, und Spaß bis zum geht-nicht-mehr. Nun, da Lebemänner den Laden schmeißen, verbreitet sich der gute Ruf des Hauses Jung-guo! Djia Dschëngs Zorn kochte über. Sein Kopf war wie in Trance, seine Augen blitzten. Er befahl den Dienern am Tor nicht ein Wort davon hinaus zu tragen, gab heimliche Anweisungen, jedes Gäßchen an den Mauern von Ningguo und Jung-guo nach weiteren Zetteln abzusuchen. Er schickte sofort nach Djia Liän, der hergeeilt kam. „Sag’ mir“, fragte Djia Dschëng, „hast du jemals persönlich die Frauen überprüft, die als Nonnen und dauistische Novizinnen im Wassermondklo­ster logieren?“ – „Nein“, antwortete Djia Liän, „das war immer unter der Verantwortung des jungen Tjin-örl.“ – „Weißt du eigentlich, ob Tjin-örl das im Griff hat?“, fragte Djia Dschëng. „So, wie du das sagst, kann es sein, daß bei ihm irgendetwas nicht stimmte?“, fragte Djia Liän. „Sieh dir das an!“ Djia Liän las den Aushang und rief: „Was ist denn das?“ Er hatte noch nicht ganz zu Ende gesprochen, als Djia Jung mit einem Brief hereinkam, auf dem geschrieben stand: „Für die Aufmerksamkeit des Zweiten Herrn, Djia Dschëng, – Privat und Vertraulich.“ Djia Dschëng öffnete es und fand heraus, daß es ein anonymer Brief war, genau in denselben Worten verfaßt wie die Aushänge. „Sag’ Lai Da“, wies er sie an, „er solle drei oder vier Karren auf einmal zum Wassermondkloster bringen und alle Novizinnen hierher zurückbringen. Das muß absolut geheimgehalten werden. Er soll sagen, daß sie im Palast gebraucht werden.“ Lai Da nahm diesen Befehle entgegen und ging. Damals, als die [vierundzwanzig] buddhistischen und dauistischen Novizinnen zuerst am Tempel ankamen, wurden sie unter die Aufsicht der älteren Schwestern gestellt, die ihnen die täglichen Lektionen gaben und ihre Liturgien einübten. Als die Monate vorübergingen und ihre Dienste nicht mehr von den kaiserlichen Konkubinen beobachtet wurden, wurden die Mädchen fauler und fauler mit ihren Studien. Sie fingen auch an erwachsen zu werden und zeigten größeres Interesse am Leben. Djia Tjin selbst war einer, der das Leben genoß und dachte, daß die Entscheidung für die hübsche junge Schauspielerin Fang Guan und einige andere, in ein Kloster zu gehen, eine kindische Laune gewesen sein mußte. Sie wurde das erste Objekt seiner Avancen im Wassermondkloster. Zu seiner großen Überraschung entdeckte er, daß sie es mit der Keuschheit ernst meinte und überhaupt nicht Willens war, seinen Wünschen zu entsprechen. Also lenkte er seine Aufmerksamkeit zurück zum Tempel, auf zwei junge Novizinnen, eine buddhistische Nonne mit Namen He-hsiän und eine kleine dauistische Nonne mit Namen Hsin-hsiang, beide sehr attraktiv und viel kooperativer. Sie verbrachten die Freizeit mit dem Erlernen der Wölbbrett-Zither mit Gesangsbegleitung. In der Mitte des zehnten Mondmonats kam Djia Tjin wie üblich mit der monatlichen Unterstützung. Er hatte keine Lust, sofort wieder zu gehen, und rief an alle aus: „Ich habe euch eure monatliche Unterstützung gebracht. Ich fürchte, die Stadttore werden schon zu sein, wenn ich zurückfahre, und muß hierbleiben. In so einer kalten Nacht wie dieser. Ich habe heute Wein dabei. Wie wäre es, wenn wir Wein trinken und die Nacht ein bißchen feiern?“ Die Mädchen waren begeistert und räumten sofort die Tische um. Sie luden alle Nonnen des Tempels ein. Fang-guan war die einzige, die nicht kam. Nach ein paar Schalen Wein, schlug Djia Tjin ein Trinkspiel vor. Hsin-hsiang und ihre Freunde antworteten: „Keine von uns kann solche Spiele spielen. Warum spielen wir stattdessen nicht Fingerraten? Der Verlierer muß eine Schale trinken, das wäre lu­stig!“ – „Es ist gerade erst Nachmittag!“, warf eine Nonne ein, „es ist nicht gut, um diese Zeit Randale zu machen. Ich schlage vor, daß wir jetzt einen kleinen Schluck oder zwei nehmen und dann dürfen die, die möchten, gehen. Diejenigen, die Herrn Tjin Gesellschaft leisten wollen, dürfen heute abend nach Herzenslust mit ihm trinken. Ich werde beide Augen zudrücken.“ Genau in diesem Moment eilte jedoch eine der älteren Schwestern in den Raum. „Schnell! Auseinander! Da Lai ist hier, vom Jung-guo-Anwesen!“ Die Mädchen huschten herum, räumten auf und wiesen Djia Tjin an, sich zu verstecken. Weil er ein bißchen mehr getrunken hatte, sagte er: „Wovor soll ich mich fürchten? Ich bin doch hier, um die monatliche Beihilfe zu liefern.“ Als er noch sprach, kam Lai Da. Die Zeichen der einsetzenden Orgie waren zu deutlich, und Lai Das loyale Brust füllte sich mit Zorn. Er mußte sich an die Anweisungen des Herren halten und die ganze Angelegenheit geheim halten, fragte jedoch mit einem aufgesetzten Lächeln: „Ist Herr Tjin zufällig hier?“ Djia Tjin stand auf. „Nun Herr Lai! Was machst du hier?“ „Schön, Sie hier zu finden, Herr“, sagte Lai Da, „wir müssen die jungen Damen so schnell wie möglich fertig machen und sie zurück zur Stadt bringen. Sie werden im Palast gebraucht.“ Djia Tjin und die Mädchen wollten mehr wissen, aber Lai Da sagte bloß: „Kommt mit. Es wird spät. Wir müssen uns beeilen oder wir verpassen die Tore.“ Also stiegen sie alle in die Karren, die auf sie warteten, und Lai Da bestieg seinen Maulesel und führte die Gruppe in die Stadt. Kehren wir zu Djia Dschëng zurück. Seitdem er von der Sache erfahren hatte, war er so wütend, daß er nicht einmal ins Direktionsbüro ging, um dort zu arbeiten. Jetzt saß er alleine in seinem Studierzimmer, atmete schwer und brütete über die anonymen Aushänge. Djia Liän blieb bei Djia Dschëng und traute sich nicht, das Haus zu verlassen. Plötzlich sah er jemandem am Tor, ein Bote kam herein und berichtete: „Seine Exzellenz Dschang ist unpäßlich und möchte Herr Dschëng bitten, ihn heute abend in der Direktion zu vertreten?“ Djia Dschëng hatte jeden Moment Lai Da erwartet. Es war sehr ärgerlich, auf diese Art weggerufen zu werden. Djia Liän kam herein. „Lai Da ging erst nach dem Mittagessen, Onkel, und der Tempel ist etwa ein Dutzend Kilometer vor der Stadt. Er wird nicht vor zehn oder elf Uhr zurück sein. Da Sie an diesem Abend ‚auf Abruf‘ eingeteilt sind, denke ich, daß Sie gehen sollten. Wenn Lai Da zurückkommt, werde ich ihm sagen, daß er die Nonnen einsperren und nichts sagen soll, bis Sie eine Möglichkeit haben, die Angelegenheit morgen selbst zu klären. Wenn Tjin kommt, werde ich nichts sagen. Wir werden sehen, wie er reagiert, wenn Sie morgen mit ihm sprechen.“ Dies schien Djia Dschëng vernünftig, es blieb ihm nichts anderes übrig, als zur Arbeit zu gehen. Sobald er gegangen war, ging Djia Liän zurück zu seinen eigenen Gemächern, darüber brütend, was er Hsi-fëng sagen könnte. Er gab ihr die Schuld, daß sie Tjin diese Arbeit überhaupt gegeben hatte. Aber dann erinnerte er sich, daß sie krank war, und entschied sich, die Aussprache zu verschieben. Er ging langsam zurück. Währenddessen hatten sich die Neuigkeiten unter den Bediensteten verbreitet. Es erreichte schnell die Ohren von Ping, die sofort zu ihrer Herrin ging und es ihr erzählte. Hsi-fëng hatte sowieso eine schlechte Nacht gehabt und fühlte sich elend. Ihr kläglicher Zustand verdichtete ihre fortwährenden Ängste über die skrupellose Untat im Kloster Eiserne Schwelle, die ihr auf dem Gewissen lastete. Als sie von den anonymen Aushängen erfuhr, schoß sie hoch und fragte Ping-örl: „Was stand darauf?“ Ping-örl antwortete gedankenlos: „Oh, nicht viel. Etwas, daß mit den Nonnen vom Mantou-Tempel zu tun hat.“ Das hätte Hsi-fëng fast vernichtet. Ihr schlechtes Gewissen setzte für sie den Rest der Geschichte zusammen. Sie war verloren! Ein Krampf des Schreckens entzog ihr die Sprache. Sie spürte, wie in ihr die Hitze aufging, ihre Augen begannen zu schwimmen. Sie fing an, Blut zu husten und kollabierte auf ihrem Bett. Ping-örl rief in großer Aufregung: „Ich meinte die Nonnen am Wassermondkloster! Es hat etwas mit den Novizinnen zu tun. Da gibt es keinen Grund, dies so an sich heranzulassen, Herrin.“ Das Wort „Wassermond“ brachte Hsi-fëng die Sinne zurück. „Dummerchen! Das ist doch das Wassermondkloster, nicht der Mantou-Tempel!“ „Erst dachte ich, es wäre das Kloster“, antwortete Ping, „dann fand ich heraus, daß es der Tempel war. Deswegen habe ich es gerade durcheinander gebracht.“ „Ich dachte mir, daß es der Tempel sein muß“, sagte Hsi-fëng. „Das Kloster hat nichts mit mir zu tun. Aber ich war diejenige, die Tjin die Arbeit gab, nach den Nonnen im Tempel zu schauen. Er hat wahrscheinlich das Monatsgeld einbehalten.“

Aus: Jinyuyuan 1889a. „Nein, Herrin“, sagte Ping, „Ich glaube nicht, daß es etwas mit Geld zu tun hat. Ich hörte, wie sie das Wort ‚Schmutz‘ des öfteren erwähnten.“ – „Nun, das ist nichts, was jemals mit mir zu tun hat. Wo ist Herr Liän?“ „Er ist hier, seit er hörte, daß der Herr wütend ist“, antwortete Ping. „Als ich hörte, was für eine Art an unangenehmen Angelegenheiten es war, sagte ich den anderen Dienern, daß sie darüber schweigen sollten. Ich hoffe, die Herrinnen haben es nicht gehört. Der Herr hat Lai Da geschickt, um die Mädchen vom Tempel zurückzuholen. Ich werde jemanden schicken, der her­ausfinden soll, was passiert ist. Nun, beruhigen sie sich, Herrin. Ihnen geht es nicht gut, und Sie sollten sich nicht den Kopf über solche Sachen zerbrechen.“ Genau in diesem Moment kam Djia Liän herein. Hsi-fëng hätte ihn gerne nach mehr Details gefragt, aber sie wußte es besser, als sie den Blick in seinem Gesicht sah. Er war offensichtlich schlecht gelaunt und sie reagierte am besten mit vorgetäuschtem Nichtwissen. Djia Liän hatte sein Abendessen noch nicht beendet, als Wang Örl herein kam. „Lai Da ist zurück, Herr.“ – „Ist Herr Tjin bei ihm?“ – „Ja, Herr.“ – „Sag’ Lai Da, daß der Herr heute Abend zur Direktion gehen mußte. Er muß die Mädchen in den Garten bringen, wegen der Uhrzeit, und morgen, wenn der Herr zurückkommt, werden wir sehen, ob wir sie zum Palast schicken. Sag’ Herrn Tjin, er soll auf mich in der inneren Bibliothek warten.“ Wang Örl verschwand. Djia Tjin ging, wie angeordnet zur Bibliothek. Auf seinem Weg bemerkte er, daß die Diener auf ihn zeigten und murmelten. Er konnte nicht ausmachen, was das alles bedeutete, aber es hatte offensichtlich etwas mit ihm zu tun. Dies schien weniger und weniger eine Aufforderung vom Palast zu sein. Er hätte gerne einen von ihnen gefragt, was los sei, aber er fühlte sich zu unbehaglich, dies zu tun und konnte nur mit immer größer werdender Spannung warten. Als Djia Liän kam, grüßte ihn Djia Tjin und stand nervös mit den Händen an beiden Seiten da. „Ich frage mich, warum die kaiserliche Nebenfrau die Nonnen so kurzfristig braucht?“, fragte er. „Ich mußte den ganzen Weg hierher eilen. Glücklicherweise war ich sowieso heute mit der monatlichen Beihilfe da draußen und konnte mit Lai Da zurückkehren. Aber ich bin sicher, du weißt von alledem.“ „Ich weiß! Du mußt es ja erst recht wissen!“ Djia Tjin faßte seinen Kopf und wagte nicht, noch einmal nachzufragen. „Eine schöne Schweinerei hast du da angerichtet!“ fuhr Djia Liän fort. „Herr Dschëng ist außer sich vor Wut!“ „Aber ich habe nichts getan!“, protestierte Djia Tjin, „ich habe die Beihilfe jeden Monat pünktlich geliefert, die Mädchen haben ihre Pflichten nicht vergessen. Djia Liän konnte sehen, daß er nichts von den Aushängen wußte. Er und Tjin hatten als Kinder zusammen gespielt, und er seufzte. „Du Arsch! Sieh dir das an!“ Er zog eines der Aushänge aus seinem Schuh und warf es in Djia Tjins Richtung. Djia Tjin hob es auf und las. Sein Gesicht wurde aschfahl. „Wer könnte das getan haben? Ich habe niemals etwas Schlimmes getan. Warum möchte jemand meinen Namen auf diese Art in den Schmutz ziehen? Ich gehe nur einmal im Monat mit dem Geld dorthin – das sind alles Lügen! Herr Dschëng wird sehr hart zu mir sein, ich weiß, daß er das sein wird! Ich werde vor Scham sterben! Wenn Mutter das herausfindet, wird sie mich zu Tode peitschen!“ Er sah sich um, ob niemand anderes im Raum war und kniete vor Djia Liän nieder. „Onkel! Bitte hilf mir! Bitte!“ Er machte weiter, indem er seinen Kopf auf den Boden klopfte, Tränen strömten über sein Gesicht. Viele Gedanken gingen durch Djia Liäns Kopf: ‚Prasserei ist Onkel Dschëngs meistgehaßtes Vergehen. Wenn er herausfindet, daß da wirklich so etwas vorgefallen ist, werden wir eine große Szene vor uns haben. Das wird außerdem dazu beitragen, den Familiennamen in den Schmutz zu ziehen. Dies wird dem anonymen Autor die größte Genugtuung bereiten, und dann können wir in Zukunft noch mehr von diesen Aushängen erwarten. Nein, warum nehmen wir nicht Onkel Dschëngs Abwesenheit zum Vorteil, ich rede mit Lai Da und gucke, wie wir die Geschichte unter den Teppich kehren können. So weit gibt es keinen Beweis, daß das Ganze jemals passierte.“ Als er zu dieser Entscheidung kam, sprach Djia Liän wieder zu Djia Tjin: „Es gibt keinen Grund, mich für dumm zu halten und die Dinge vor mir zu verstecken. Glaube nicht, daß ich nichts über alle deine dreckigen kleinen Streiche weiß. Nun hör’ mich an: wenn du da raus willst, must du alles abstreiten, wirklich alles, egal wie hart Herr Dschëng dich drängt. Verstehst du? Du erbärmliche Kreatur!“ Djia Liän schickte nach Lai Da und fragte ihn nach seiner Meinung. „In der Tat, Herr“, sagte Lai Da, „Herr Tjin benahm sich sehr unziemlich. Als ich am Tempel ankam, tranken alle. Ich würde sagen, der Mann, der die Aushänge verfaßte, sagte die Wahrheit...“ „Hörst du das, Tjin?“, sagte Djia Liän. „Will Lai Da dich auch verleumden?“ Tjin war nun dunkelrot im Gesicht und sprachlos vor Verlegenheit. Djia Liän nahm Lai Da an die Hand und flehte ihn an:

„Laß den Burschen in Ruhe, Lai. Sag’, daß du ihn zu Hause gefunden hast. Wenn du ihn hereinrufst, um den Herrn zu sehen, gibt es keinen Grund zu sagen, daß ich ihn schon gesehen habe. Und morgen kannst du den Herrn bitten, daß er sich nicht die Mühe machen soll, die Nonnen zu fragen. Schicke nach einem Vermittler und zahle sie alle aus. Wenn die kaiserliche Nebenfrau sie wirklich wieder braucht, können wir immer noch mehr kaufen.“

Lai Da dachte, daß da nichts gewonnen werden kann, wenn man den Vorfall zu einem Sturm aufbläst. Der Familienname würde nur darunter leiden. Also stimmte er Djia Liäns Vorschlag zu. „Du gehst jetzt mit Herrn Lai, Tjin,“ befahl Djia Liän, „und tu, was immer er dir sagt.“ Djia Tjin machte noch einmal einen Kotau vor Djia Liän und folgte Lai Da hinaus. Als sie einen abgelegenen Ort erreichten, machte er auch einen Kotau vor Lai Da. „Kleiner Herr, Ihr habt über die Stränge geschlagen!“, sagte Lai, „Wen habt ihr denn so verletzt, daß es zu diesem Skandal kommen konnte? Wißt ihr, wer es sein könnte?“ Djia Tjin dachte für eine Weile nach, und dann fiel ihm jemand ein. Wer wissen will, wer ihm einfiel, muß das nächste Kapitel lesen. 94. Die Herzoginmutter lädt zu einem großen Bankett ein, und alle bewundern die Schönheit der Begonie Bau-yü verliert seine magische Jade – eine Vorahnung drohenden Unheils.

Lai Da kam mit Djia Tjin heraus, um auf die Rückkehr des Herrn zu warten. Die jungen Novizinnen waren erfreut, wieder zurück im Garten zu sein und waren eifrig dabei, ihre alten Lieblingsplätze zu besuchen, weil sie dachten, daß der nächste Tag damit besetzt wäre, sich auf den Palastbesuch vorzubereiten. Man stelle sich ihre Enttäuschung vor, als Lai Da Anweisungen an die Ammen und den Pagen gab, die gerade arbeiteten, daß sie etwas zu essen erhalten sollten, aber nicht herauskommen dürften. Die Mädchen hatten keine Ahnung, weshalb sie so behandelt wurden, und verbrachten die Nacht wach in Ungewißheit. Sie wußten nur, daß sie sich bereit halten sollten, um im Palast zu arbeiten, wußten aber nicht den wahren Grund ihres Hierseins. Als Djia Dschëng früh am nächsten Tag seine Nachtschicht beendet hatte, wollte er gerade die Direktion verlassen, als ihn ein weiteres wichtiges Dokument erreichte: der Finanzplan von zwei Provinzen über die Reparatur des gebrochenen Damms zur sofortigen Prüfung. Er sah, daß es noch weitaus später werden würde und schickte eine Nachricht nach Hause zu Djia Liän und bat ihn, den Fall gründlich zu überprüfen, Lai Da auszufragen, wann er vom Tempel zurückkehre, die notwendigen Schritte einzuleiten, wenn etwas zu tun sei. Als Djia Liän diese Anordnungen erhielt, dachte er zunächst, daß das gut für Tjin sei. Bei weiterer Überlegung jedoch fiel ihm ein, daß er die Zweifel Djia Dschëngs wecken würde, wenn er einfach alles unter den Teppich kehren würde. Es wäre ratsamer, die Dame Wang um Rat zu fragen. Wenn er dann die Unzufriedenheit des Herrn auf sich zöge, wäre er wenigstens nicht allein verantwortlich. Er entschied sich für diese Vorgehensweise und ging, um die Dame Wang zu sehen, sagte ihr, was passiert war, und endete: „Onkel Dschëng war sehr verärgert über diese anonymen Aushänge und gab Lai Da den Befehl, den jungen Tjin und all die Mädchen hierher zu bringen, um sie zu befragen. Heute ist der Onkel zu beschäftigt, um sich mit dieser elenden Sache zu befassen und hat mich gebeten, Sie um Rat zu fragen. Was denkst du, sollten wir tun, Tante?“ – „Was soll man denn dazu sagen?“, rief die Dame Wang bestürzt und erbost, „wenn der junge Tjin sich wirklich auf so eine niedere Art und Weise benommen hat, sollte die Familie nichts mehr mit ihm zu tun haben. Es ist eine jämmerliche Art, solche Aushänge über Menschen anzuschlagen... Glaubst du, daß dies wahr ist? Hast du Tjin bist jetzt dazu befragt, ob er das getan hat? Was hat er selbst dazu zu sagen?“ – „Ich habe ihn eben ausgefragt“, antwortete Liän, „natürlich stritt er alles ab. Aber überlege, Tante; wenn wir annehmen, er hätte es wirklich getan, glaubst du, er würde es zugeben? Ich persönlich glaube nicht, daß er es getan hat.