Hongloumeng/de/Chapter 94

From China Studies Wiki
< Hongloumeng
Revision as of 08:26, 11 April 2026 by Admin (talk | contribs) (German-only page for Hongloumeng chapter 94)
(diff) ← Older revision | Latest revision (diff) | Newer revision → (diff)
Jump to navigation Jump to search

Kapitel: 1 · 11 · 21 · 31 · 41 · 51 · 61 · 71 · 81 · 91 · 92 · 93 · 94 · 95 · 96 · 97 · 98 · 99 · 100 · 101 · 111 · ← Inhalt

Version: ZH · DE · ZH-DE

Kapitel 94

宴海棠贾母赏花妖 / 失宝玉通灵知奇祸

assiert war, und endete: „Onkel Dschëng war sehr verärgert über diese anonymen Aushänge und gab Lai Da den Befehl, den jungen Tjin und all die Mädchen hierher zu bringen, um sie zu befragen. Heute ist der Onkel zu beschäftigt, um sich mit dieser elenden Sache zu befassen und hat mich gebeten, Sie um Rat zu fragen. Was denkst du, sollten wir tun, Tante?“ – „Was soll man denn dazu sagen?“, rief die Dame Wang bestürzt und erbost, „wenn der junge Tjin sich wirklich auf so eine niedere Art und Weise benommen hat, sollte die Familie nichts mehr mit ihm zu tun haben. Es ist eine jämmerliche Art, solche Aushänge über Menschen anzuschlagen... Glaubst du, daß dies wahr ist? Hast du Tjin bist jetzt dazu befragt, ob er das getan hat? Was hat er selbst dazu zu sagen?“ – „Ich habe ihn eben ausgefragt“, antwortete Liän, „natürlich stritt er alles ab. Aber überlege, Tante; wenn wir annehmen, er hätte es wirklich getan, glaubst du, er würde es zugeben? Ich persönlich glaube nicht, daß er es getan hat. Die Mädchen wissen, daß Sie sie zum Hof gerufen habt. Wenn wir einen Skandal daraus machen, was dann? Wenn Sie mich fragen, so ist das nicht schwer zu beantworten, denn wenn die Wahrheit wirklich herauskommt, was würdet Ihr denn dann tun?“ – „Wo sind die Mädchen nun?“, fragte die Dame Wang. „Sie sind im Garten eingesperrt“, antwortete Djia Liän. – „Wissen sie nicht, daß sie eingesperrt sind?“ – „Sie wissen ungefähr, daß sie hier für etwas gebraucht werden. Soweit es die Mädchen angeht, sind sie auf dem Weg zum Palast. Das ist es, was allen erzählt wurde.“ „Gut“, sagte die Dame Wang, „wir müssen diese Dinger sofort loswerden, ein für alle Mal. Ich wollte sie in erster Linie sowieso nicht behalten – es war alles deine und Hsi-fëngs Idee. Sagte ich nicht, es würde am Ende Ärger geben? Du sagst besser Lai Da, er solle eine nach der anderen nach ihrer Herkunft fragen. Find ihre Verträge und gib so viel Geld wie nötig frei, um ihnen ein Boot zu mieten – zwanzig oder dreißig Taels sollten genügen. Laß jemand Vertrauenswürdigen sie alle in ihre Heimat bringen. Sie können ihre Verträge mitnehmen, und damit basta. Nur weil ein oder zwei etwas Verbotenes getan haben, müssen alle ins weltliche Leben zurückkehren. Das wäre ja echt schlecht. Und wenn wir sie dem offiziellen Heiratsvermittler übergeben, der üblicherweise einen Ehemann für Waisenmädchen findet: selbst wenn wir selbst nicht den Körperpreis kassieren, irgendjemand wird sicherlich versuchen, Geld mit ihnen zu machen, und niemand wird an ihr Wohlergehen denken. Wer weiß, was mit ihnen passieren könnte? Und wegen Tjin, - du solltest ihn richtig ausschimpfen. Er soll nie wieder hierher kommen, außer im Todesfall oder bei Hochzeit. Er sollte besser auch Herrn Dschëng aus dem Weg gehen, es sei denn, er will wirklich Ärger. Und vergiß nicht, den Buchhaltern zu sagen, daß sie jenen gewissen Eintrag löschen sollen. Schick’ jemanden zum Kloster,“ endete die Dame Wang, „mit strengen Anweisungen von Herrn Dschëng, daß keine männlichen Familienmitglieder dort als Gast willkommen geheißen werden dürfen, es sei denn, er will am Familiengrab Papiergeld verbrennen. Und wenn es noch mehr Skandale geben wird, werden wir alle Schwestern, auch die älteren, entfernen.“ Djia Liän nahm alles an und ging zu Lai Da, um die Befehle weiterzugeben. „Das ist es, was die Dame sagt, daß du tun sollst“, sagte er. „Berichte mir, wenn du fertig bist, und ich werde es der Dame weitergeben. Tu das schnell. Wenn Herr Dschëng zurückkommt, ist alles, was du tun mußt, die Befehle der Dame zu wiederholen.“ – „Die Dame Wang hat ja wirklich ein Buddhaherz. Sie schickt sogar noch Leute, um diese ganze Truppe zurückzuschicken. Das ist ja nur, weil sie ein gutes Herz hat. Dann muß ich gute Menschen suchen, um das zu erledigen“, kommentierte Lai Da. „Und ich bringe Herrn Tjin hierher, Herr, damit sie mit ihm reden können. Und was den anonymen Aushang-Anschläger angeht, so werde ich alles daran setzen, ihn zu finden. Wenn ich ihn in Händen habe, werde ich ihm eine Lektion erteilen, die er nicht so schnell vergessen wird.“ Djia Liän nickte: „Gut.“ Djia Tjin wurde gerufen und verbannt. Lai Da kümmerte sich um die Mädchen, so wie es mit der Dame Wang abgesprochen war. Als Djia Dschëng an diesem Abend heimkam, gingen Djia Liän und Lai Da beide hinein, um zu berichten. Djia Dschëng war kein Mann, der nach unnützem Ärger suchte und war zufrieden, die Sache als abgeschlossen betrachten zu können. Die Neuigkeiten, daß der Djia-Haushalt vierundzwanzig Novizinnen entlassen hatte, verbreitete sich schnell, und jeder junge Wüstling in der Stadt, stellte sich vor, eine von ihnen für sich selbst zu gewinnen. Was wirklich mit den Mädchen am Ende passierte und ob sie jemals ihr Heim erreichten oder nicht, erzählt unsere Geschichte nicht, und es wäre müßig, darüber zu spekulieren. Kehren wir stattdessen zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß zurück. Aufgrund einer leichten Besserung von Dai-yüs Gesundheit, war Dsï-djüan weniger beschäftigt als üblich. Als sie von der Ankunft der Novizinnen hörte, war sie neugierig über den Vorfall, der sie an den Hof rief, und entschied sich, die Herzoginmutter in ihren Gemächern zu besuchen, in der Hoffnung, sie könnte von einem der Mädchen dort mehr darüber herausfinden. Als sie ankam, traf sie zufällig Yüan-yang. Die beiden konnten sich zum Plaudern setzen. Dsï-djüan erwähnte die Novizinnen. Ihre Anwesenheit im Garten war eine völlige Überraschung für Yüan-yang, die rief: „Das ist das erste Mal, daß ich davon höre! Ich werde Frau Liän später darüber befragen. Dann werde ich Bescheid wissen.“ In diesem Moment kamen zwei alte Frauen von der Famile Fu Schï, um die Herzoginmutter zu sehen, und Yüan-yang nahm sie mit. Die Herzoginmutter hatte sich jedoch gerade für ihren Nachmittagsschlaf hingelegt, also tauschten die Frauen ein paar Worte mit Yüan-yang und gingen wieder ihres Weges. „Woher sind diese beiden?“, fragte Dsï-djüan. „Sie sind ein lästiges Paar“, antwortete Yüan-yang. „Sie wollen immer zur Herzoginmutter und erzählen ihr, wie wunderbar die Tochter ihres Hauses sei – so herzlich, schön, mit gutem Benehmen, so leise sprechend, eine perfekte Näherin, geschickt mit ihrer Schreibfeder, flink mit ihrem Abakus, ein Vorbild von töchterlicher Gehorsamkeit, freundlich und damenhaft gegenüber den Dienern, und so weiter und so fort... Jedesmal, wenn sie kommen, halten sie der Herzoginmutter denselben Vortrag. Ich kann diese Dinge nicht ausstehen, aber die Herzoginmutter scheint es zu lieben. Und das Komische daran ist, daß Bau-yü, der normalerweise alte Frauen gar nicht so mag, bei diesen beiden eine Ausnahme macht. Ist das nicht seltsam? Vor ein paar Tagen, als sie zuletzt hier waren, sagten sie, daß Herr Fu nicht einen der Verehrer ansehen würde, und es seien viele, sondern sich in den Kopf gesetzt habe, in eine Familie wie unsere einzuheiraten. Dann sangen sie wieder ihre Belobigungen. Irgendwie scheinen sie das alles so darzustellen, um der gnädigen Frau zu gefallen.“ Dsï-djüan schaute für einen Moment nachdenklich drein. Dann fragte sie mit vorgetäuschter Interesse: „Wenn die Herzoginmutter so einen Gefallen an dem hat, was sie sagen, warum verheiratet sie Bau-yü dann nicht mit der jungen Dame?“ Yüan-yang wollte Dsï-djüan gerade, an dem Punkt angelangt, den wahren Grund nennen, als sie einen Ruf von drinnen hörte: „Die Herzoginmutter ist erwacht!“ Sie eilte hinein, verließ Dsï-djüan, damit sie sich auf den Weg nach Hause machte. Als Dsï-djüan den Garten erreichte und die Richtung zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß einschlug, dachte sie bei sich: ‚Jeder könnte denken, daß Bau-yü der einzige Junge auf der Welt wäre, gemessen an der Zeit, die wir alle damit verbringen, an ihn zu denken! Meine arme Herrin scheint mehr und mehr von ihm berauscht zu sein. Wann immer ich sie in eine ihrer Schmermutanfälle sinken sehe, kann ich sagen, daß es seinetwegen ist. Das hat sie auch immer krank werden lassen. Hier zu Hause kann man noch nicht einmal unterscheiden, was Gold und was Silber ist. Und nun dieses Fräulein Fu – ich weiß nicht! Ich dachte immer, Bau-yü liebt Fräulein Dai-yü, aber wegen dem, was Yüan-yang sagt, scheint es, daß er sich sofort verliebt, wenn er ein neues Mädchen trifft. Meine arme Herrin! All ihr Herzleid ist umsonst!‘ Dsï-djüan hatte begonnen, sich für Dai-yü traurig zu fühlen, aber je mehr sie darüber nachdachte, desto jammervoller und verwirrter wurde sie selbst. Plötzlich weinte sie. Sie hätte gerne Dai-yü geraten, ihr Herz nicht für eine so aussichtslose Affaire aufzuzehren, aber sie war zu ängstlich, sich ihre Mißbilligung zuziehen. Und doch, wie konnte sie nur dastehen und ihr bei ihren Qualen zusehen? Gerade, als sie das Problem in ihrem Kopf drehte und wendete, wich ihr Mitgefühl einem plötzlichen Gefühl des Ärgers. Sie schalt sich selbst: ‚Warum sollte ich mir überhaupt Gedanken über andere machen? Angenommen, Fräulein Dai-yü heiratet Bau-yü –, so wird sie immer noch so schwierig zufriedenzustellen sein wie immer. Und Bau-yü wäre freundlich genug, aber ich weiß auch, wie unbeständig er ist. Ich sage den anderen vergebens, nicht ihre Herzen für andere auszuzehren, und dann mache ich das selbst! Nein, von nun an werde ich mich darauf konzentrieren, meine Aufgaben zu erledigen, meiner Herrin zu dienen, und es mir nicht erlauben, hineingezogen zu werden.‘ In diesem neuen klaren Bewußtsein führte sie ihren Weg zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß fort, und kam an, um Dai-yü alleine auf dem Ofenbett sitzen zu sehen, wie sie einige ihrer alten Gedichte und andere Schriften sortierte. Als sie den Raum betrat, sah Dai-yü auf und fragte: „Wo warst du?“ „Oh, ich ging nur aus, um mit einem der Mädchen zu reden“, antwortete Dsï-djüan. „Dann warst du wahrscheinlich bei Hsi-jën?“ – „Warum sollte ich die denn sehen wollen?“ Dai-yü war peinlich berührt, weil sie einfach so drauflos gefragt hatte. Sie sagte: „Wen du besucht hast, hat mit mir nichts zu tun. Bring mir eine Tasse Tee.“ Dsï-djüan lachte innerlich und ging hinaus, um ihr eine Tasse Tee einzuschenken. Da hörte sie einen Tumult im Garten, konnte aber nicht sagen, was vor sich ging. Sie begann, den Tee einzugießen und schickte ein junges Mädchen hinaus, um zu hören, was los war. Das Mädchen kehrte nach einer kurzen Weile zurück und berichtete: „Es sind die Begonien an der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß. Anfang diesen Jahres waren manche von ihnen vertrocknet, und niemand hat sie seitdem gegossen. Gestern ging Bau-yü sie sich mal ansehen, und dachte, er könnte Keimlinge an manchen Ästen sehen. Keiner glaubte ihm oder schenkte der Geschichte zu der Zeit Aufmerksamkeit. Aber heute gibt es keinen Zweifel darüber, daß die schönsten Blüten wachsen! Es hat eine große Aufregung ausgelöst, und alle eilen dorthin, um nachzusehen. Sogar die Herzoginmutter und die Dame wurden in die Aufregung einbezogen und werden sich die Blüten ansehen. Also hat Frau Dschu Anweisung gegeben, alle Blätter von den Wegen zu entfernen – deswegen gab es all das Geschrei.“ Als Dai-yü hörte, daß die Herzoginmutter kam, stand sie auf, um sich umzuziehen, schickte Hsüä-yän vor, und befahl ihr, in dem Moment Bescheid zu geben, wenn die Herzoginmutter ankam. Sie kam bald zurückgelaufen. „Die Herzoginmutter und die Dame und viele andere Damen sind angekommen! Beeilt euch, Herrin!“ Dai-yü sah kurz in den Spiegel, kämmte sich schnell und ging mit Dsï-djüan in Richtung des Hofes der Freude am Roten. Sie kam an und sah, daß die Herzoginmutter auf Bau-yüs Tagessofa saß. Dai-yü begrüßte sie, stand auf, zog sich zurück und sah die Damen Hsing und Wang, dann Li Wan, Tan-tschun, Hsi-tschun und Hsing Hsiu-yän kommen. Alle begrüßten sich. Sie bemerkte, daß mehrere Menschen abwesend waren: Hsi-fëng lag krank im Bett. Schï Hsiang-yün war nach Hause gegangen, um nach ihrem Onkel zu sehen, der in die Hauptstadt versetzt worden war. Hsüä Bau-tjin war mit Bau-tschai und den beiden Li-Schwestern Wën und Tchi zu Hause geblieben. Die Familie Li wohnte woanders, weil es im Garten des Großen Anblicks zu unruhig war. Sie unterhielten sich alle gut, jede schlug eine andere Deutung des seltsamen Phänomens der winter-blühenden Begonien vor. „Sie blühen normalerweise im dritten Monat, ich weiß“, sagte die Herzoginmutter, „und wir haben jetzt den elften Monat. Aber die verschiebbaren Bedingungen im Kalender sind dieses Jahr eher spät, also könnten wir sagen, das dies mehr wie der zehnte Monat ist, was nach allem manchmal auch „Kleiner Frühling“ genannt wird. Mit dem außergewöhnlich warmen Wetter, das wir hier hatten, kann man eine kleine Blüte tatsächlich erwarten.“ „Mutter hat schon vieles gesehen“, pflichtete die Dame Wang bei. „Es stimmt, daß dies nichts wirklich Außergewöhnliches ist.“ Die Dame Hsing jedoch war nicht so leicht überzeugt. „Ich hörte, daß diese Blumen bereits fast ein Jahr vertrocknet waren... Wieso blühen sie jetzt plötzlich auf einmal?“ Li Wan sprach als nächste: „Ich denke, ihr beide habt recht“, sagte sie mit einem Lächeln. „Meine eigene bescheidene Erklärung ist, daß sie nur blühen, um uns von einer Hochzeit zu erzählen, die bald in Bau-yüs Leben stattfinden wird. Diese Blume kündigt zuerst von dieser guten Nachricht.“ Tan-tschun, obwohl sie ruhig blieb, dachte heimlich bei sich: ‚Das muß ein schlechtes Omen sein. Die Sträucher kennen das Schicksal. Wenn sie außerhalb der Saison blühen, müssen sie verzaubert sein.‘ Sie behielt das alles jedoch für sich. Es war Dai-yü, die als nächste sprach. Sie war von Li Wans Anmerkung über die Hochzeit angestachelt worden, und sagte freudig: „Da war mal eine Familie von Bauern, die hatten einen Dornbusch. Sie hatten drei Söhne in der Familie, und eines Tages entschieden die drei Söhne sich, ihr Heim zu verlassen und eigene Wege zu gehen. Sobald sie gegangen waren, verblich der Dornbusch und ging ein. Aber einige Zeit später begannen die Brüder sich nacheinander zu sehnen, kehrten nach Hause zurück und waren wieder vereint. Und sofort begann der Dornenbusch wieder zu blühen. Da seht ihr, daß Pflanzen genau dem Geschick der Leute folgen, zu denen sie gehören. Nun, Vetter Bau-yü gibt sich voll seinen Studien hin, was Onkel Dschëng gefällt, deshalb blühen die Begonien!“ Dies gefiel der Herzoginmutter und der Dame Wang sehr gut. „Welch gut gewählte Geschichte! So eine interessante Idee!“ Djia Schë und Djia Dschëng kamen nun an, um die Blumen anzusehen, begleitet von Djia Huan und Djia Lan. Djia Schë sprach zuerst. „Schneid sie ab. Das ist, was ich dazu sage. Hier ist eine böse Macht am Werk.“ – „Im Gegenteil“, sagte Djia Dschëng, „laß sie in Ruhe! Böse Mächte gedeihen bei solchem Aberglauben. Ignoriere sie, und sie verschwinden.“ – „Was soll das alles?“, unterbrach die Herzoginmutter gereizt, „wir sind hier versammelt, um einem schönen Ereignis beizuwohnen. Warum fängst du an, über Aberglauben zu reden, und was hast du? Wenn Glück da ist, dann erfreue dich daran, solange du kannst. Ich werde auf alles Unglück aufpassen. Ich verbiete dir, noch ein Wort über solch düstere Gedanken auszusprechen.“ Djia Dschëng verstummte, und er und Djia Schë brachen schnell auf. Die Herzoginmutter war aber nicht verstört und bestimmte, daß es weiterhin ein Grund zur Feier sei. „Schicke jemanden in die Küche“, sagte sie, „wir wollen Wein und einige schöne Speisen, bereite ein Bankett vor! Wir werden eine kleine Feier veranstalten. Und alle sollen die Schönheit der Blumen bewundern. Ich möchte, daß ihr, Bau-yü, Huan und Lan, jeder ein Gedicht schreibt, um dieses Ereignis zu würdigen. Fräulein Dai-yü ist gerade erst gesund geworden, also ist sie entschuldigt. Wenn sie sich danach fühlt, kann sie euch Jungs helfen, eure zu überarbeiten.“ Sie wendete sich an Li Wan und fuhr fort: „Du und die anderen kommen mit und trinkt etwas Wein mit mir.“ „Ja Großmutter“, sagte Li Wan, dann wendete sie sich an Tan-tschun, lachte und sagte: „Das ist alles deine Schuld, Tan!“ – „Was meinst du?“ protestierte Tan-tschun. „Wir müssen keine Gedichte schreiben – meine Schuld für was?“ – „Bist du nicht der Begründer des Begonienbundes?“, fragte Li Wan. „Ich weiß, daß diese Begonie eine Herbstbegonie war, – aber siehst du nicht? Nun wollen die echten Begonien auch Mitglieder werden. Jeder lachte über diese Idee. Essen und Getränke wurden serviert, und sie tranken alle und taten ihr Bestes, um die gnädige Frau mit leichten Unterhaltungen zu amüsieren. Bau-yü kam herein, um sich etwas Wein einzuschenken, und, als er da stand, dachte er sich einen Vierzeiler aus, welchen er dann niederschrieb und für seine Großmutter rezitierte:

Warum, Begonie, bist du dahingewelkt? Und warum blühst du nun wieder so üppig? Gewiß, weil eine gnädige Dame in der nördlichen Halle dies zu tun hieß! Mitwinter kündet von der Geburt des Lichtes: Schöner bist du jetzt als ein Strauch voller Schneeflocken.

Huan war als nächstes dran. Er schrieb sein Gedicht nieder und begann zu rezitieren:

Pflanzen sollten im Frühling blüh'n. Das Gespür unserer Begonie für Zeit ist wohl verwirrt. Von wie vielen Weltwundern wissen wir! Doch einen Strauch, der im Winter blüht, gibt's nur bei uns.

Dann machte Djia Lan vorsichtig eine Abschrift von seinem Gedicht, in makelloser Kaischu-Kalligraphie und überreichte es seiner Urgroßmutter, die Li Wan darum bat, es für sie vorzulesen.

Deine Schönheit, nebelerstarrt, ward' im Frühling zu Abfall. Nun erröten deine Blütenblätter – erstarrend – im Schnee: Die Blume weißt nichts davon: Doch ihr Blüh'n hat uns mit Freude erfüllt.

Als die Gedichterunde zu Ende war, kommentierte die Herzoginmutter: „Ich weiß nicht viel über Gedichte, aber ich würde Lans mit ‚gut‘ bewerten, während ich sagen würde, daß Huans schlecht war. Kommt nun, kommt alle und nehmt euch etwas zu essen!“ Bau-yü war von ihrer guten Laune angesteckt. Aber dann dachte er bei sich: „Als die Begonie starb, war das dasselbe Jahr, als Tjing-wën starb. Nun erwachen die Begonien wieder zum Leben. Das ist alles sehr schön für uns; aber Tjing-wën wird nie wiedergeboren werden.“ Dieser Gedanke warf ihn in eine plötzliche Depression; dann erinnerte er sich, was Tchiau-djie kürzlich gesagt hatte, daß Hsi-fëng ihm vielleicht die schöne Wu Er schickt. Vielleicht war es ihre bevorstehende Ankunft, worauf die seltsamen Blüten hinwiesen? Diese Aussicht beseitigte seine Traurigkeit, und er wurde noch einmal wieder fröhlich. Die Herzoginmutter blieb noch eine Weile länger, dann kehrte sie zu ihren Gemächern zurück, stüzte sich dabei auf Dschën-dschu und wurde von der Dame Wang und den anderen begleitet. Als sie ging, kam Ping herangeeilt und lachte: „Die Herrin Liän hörte, daß Sie hier seien und die Blumen betrachteten“, sagte sie, „und obwohl sie selbst nicht kommen konnte, bat sie mich zu kommen, um den Damen beizuwohnen und dieses Paket zu bringen. Es enthält zwei Rollen roter Seide, damit Herr Bau-yü die Bäume schmücken kann, und kommt mit den Glückwünschen von Fräulein Liän zu diesem glücklichen Ereignis.“ Hsi-jën kam vor, um die Seide entgegenzunehmen und präsentierte sie der Herzoginmutter, die fröhlich lachte. „Gut daß Hsi-fëng immer an das Richtige denkt! Was für eine schöne Idee! So bedeutend, erfrischend und interessant!“ Hsi-jën schenkte Ping ein Lächeln. „Bitte, danke Fräulein Liän von Herrn Bau-yü, wenn du zurückgehst, ja?“, sagte sie. „Das glückliche Ereignis, auf welches sie sich bezieht, ist eines, daß uns alle glücklich machen wird, da bin ich sicher.“ Als Hsi-jën das sagte, dämmerte der Herzoginmutter, daß Hsi-fëng an Bau-yüs Hochzeit dachte, und ihr Gesicht erhellte sich. „Ach!“, rief sie. „Natürlich! Das ist mir nie aufgefallen! Hsi-fëng mag im Bett liegen, aber sie denkt trotzdem an so etwas. Was für ein vollkommenes Geschenk!“ Als sie dies sagte, ging sie bereits von der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß los, hinter ihr das Gefolge. Ping flüsterte Hsi-jën zu: „Eigentlich sagt Fräulein Liän, daß diese Blumen ein schlechtes Omen sind, und du sollst Streifen von dieser roten Seide schneiden und in die Blumen hängen; das würde helfen, das Pech in Glück zu verwandeln. Und in der Zukunft sollst du jede abergläubische Unterhaltung darüber vermeiden.“ Hsi-jën nickte und brachte Ping hinaus. Früher an diesem Tag, faulenzte Bau-yü drinnen herum, einfach angezogen in einem pelzbesetzten Gewand mit Schlitzen an den Seiten. Als er die blühenden Begonien durch das Fenster erblickte, ging er hinaus, um sie sich anzusehen. Je mehr er auf die Blüten starrte, je lieblicher und rührender sie ihm schienen, desto mehr schien die Blume Abschiede, Wiedersehen, Freude und Trauer zu verkörpern. Die Blüten waren die Verkörperung seiner eigenen Gedanken und Gefühle. Dann, als er hörte, daß die Herzoginmutter herüberkommen würde, beeilte er sich mit dem Umziehen in eine förmlichere Kleidung, wählte ein blasses, fuchsbesetztes Gewand mit einem ausgeschnittenen Bogenärmel und eine dunklere Jacke, auch fuchsbesetzt, welche dazu paßte. Er trat wieder ordentlich angezogen auf, um seine Großmutter zu begrüßen, und vergaß in seiner Eile, den magischen Jade umzulegen. Als die Herzoginmutter ging, kehrte er wieder um, um wieder seine bequehmere Kleidung anzuziehen, und da war es, daß Hsi-jën die Abwesenheit des Jadesteins entdeckte und fragte, wo er war. „Ich war in solcher Eile, als ich hereinkam, um mich umzuziehen“, antwortete er. „Ich legte den Jadestein ab und ließ ihn auf dem Ofenbett-Tisch liegen. Dann vergaß ich ihn wieder umzulegen.“ Hsi-jën schaute, aber er war nicht auf dem Tisch. Sie suchte überall aber konnte ihn nirgends finden. Sie begann, sich zu fürchten, und ihr brach am ganzen Körper kalter Schweiß aus. „Bitte mach’ dir keine Sorgen“, bat Bau-yü sie, „er muß irgendwo im Zimmer sein. Er wird wieder auftauchen. Frag’ die anderen – sie könnten es wissen.“

Aus: Jinyuyuan 1889b. Hsi-jën dachte, daß Schë-yüä oder eines der anderen Mädchen ihn irgendwo versteckt haben könnten, um ihn zu ärgern, und sie befragte sie mit dem Ausdruck einer spielerischen Anklage:

„Ihr gemeines Pack! Könnt ihr euch nicht einen besseren Weg ausdenken, euch zu amüsieren?  Kommt schon,  wo habt ihr ihn versteckt?  Treibt es nicht zu weit! Wenn er wirklich verloren ginge, wären wir in großen Schwierigkeiten, jede von uns!“ 

Aber Schë-yüä antwortete mit einem ernsten Gesicht: „Wieso redest du denn so? Scherz ist Scherz und Lachen ist Lachen. Diese Sache ist kein Spiel. Du wirst doch nicht so etwas behaupten! Du bist ja selbst durcheinander. Versuch’ dich zu erinnern, wo du ihn zuletzt hingelegt hast, anstatt grundlos andere zu beschuldigen!“ Hsi-jën konnte sehen, daß Schë-yüä es ernst meinte, und rief aufgeregt: „Dann möge uns der Himmel und alle Heiligen beistehen! Mein lieber Herr Bau-yü, wo könnten sie ihn hingelegt haben?“ Bau-yü antwortete: „Ich erinnere mich ganz genau, daß ich ihn auf den Ofenbett-Tisch legte. Schau doch noch einmal dort nach.“ Hsi-yän, Schë-yüä, Tchiu-wen und die anderen Mädchen waren zu ängstlich, um es jemand anderem zu erzählen, und leiteten gemeinsam eine heimliche Suche in jedem Winkel ein. Dies nahm den halben Tag in Anspruch, aber es gab immer noch kein Zeichen vom Jade. Sie entleerten jeden Koffer und durchstöberten jede Truhe, bis es einfach nichts mehr gab, wo sie suchen konnten, und sie fingen an sich zu fragen, ob es vielleicht einer der Besucher früher am Tage mitgenommen hätte. „Wie könnte jemand so etwas nur wagen?“, sagte Hsi-jën. „Jeder weiß, wie wichtig er ist und daß Herr Bau-yüs Leben daran hängt. Fragt danach, aber seid sehr diskret. Wenn ihr herausfindet, daß eines der Mädchen ihn genommen hat und uns einen Streich spielt, macht einen Kotau vor ihr und erbittet ihn zurück. Wenn es ein junges Mädchen ist, die ihn gestohlen hat, fragt sie aus, erzählt aber nichts nach oben. Egal, was wir dafür tauschen sollen, um ihn zurückzuerhalten, werden wir ihn eintauschen. Das ist keine Kleinigkeit. Es wäre schrecklich, wenn wir den Jadestein verlieren würden, schlimmer sogar als würden wir Herrn Bau-yü selbst verlieren!“ Schë-yüä und Tjiu-wën zogen nun in dieser Mission los. Hsi-jën eilte ihnen mit ein paar letzten Anweisungen hinterher: „Bei nochmaliger Überlegung, laßt die Leute in Ruhe, die hier zuletzt während des Mittagessens waren. Wenn sich herausstellt, daß es jemand anderes war, wollen wir sie nicht beleidigen und sie ohne jeden Grund verärgern.“ Die zwei Mädchen teilten sich auf, um ihre Befragungen zu machen, aber überall, wo sie hingingen, gab es dieselbe Geschichte. Niemand wußte irgendetwas darüber. Jeder war gleichermaßen über die Neuigkeit verblüfft. Schë-yüä kam zurück, war sprachlos, und alle starrten sich gegenseitig in mutlosem Schweigen an. Bau-yü selbst war stocksteif vor Schreck und Hsi-jën war so verzweifelt, daß sie nur hilflos weinen konnte. Was konnten sie tun? Für das Suchen gab es keinen Ort mehr, an dem man noch suchen konnte. Wenn man zurückwollte, wagte man nicht mehr, nach Hause zu kommen. Im Roten Hof der Freude waren alle erschrocken und erstarrt wie Tonfiguren. Während alle so in Trance waren, kamen von überall her Leute, die die Neuigkeiten gehört hatten, unter ihnen Tan-tschun, die sofort die Anweisung gab, daß das Tor zum Garten geschlossen werde. Sie schickte eine Amme und zwei Mädchen auf eine neue ausgedehnte Suche und gab an alle Anwesenden aus, daß es eine erhebliche Belohnung für das Wiederfinden des Jade geben würde. Erst wollten alle weiße Westen zeigen. Als sie hörten, daß ein dicker Finderlohn ausgelobt war, brach eine fieberhafte, wilde Suche aus, sogar in den Toiletten. Der Jadestein im Garten war aber wie die Nadel im Heuhaufen, und als sich der Tag dem Ende neigte, gab es immer noch keine Spur. Li Wan spürte nun die Dringlichkeit der Situation und sagte: „Das ist jetzt kein Spiel mehr. Jetzt werde ich etwas Unhöfliches sa­gen.“ Alle fragten sie, was sie meine. „Die Sache hat sich nun soweit entwickelt, daß es keine Tabus mehr gibt. Abgesehen von Bau-yü, sind alle Bewohner des Gartens Mädchen. Ich möchte euch nun bitten, eure Mädchen darum zu bitten, sich auszuziehen, so daß wir jeden gut durchsuchen können. Wenn das nichts fruchtet, dann rufen wir die die Ammen und die Arbeiterinnen.“ Die meisten stimmten zu: „Das ist vernünftig. Da so viele Menschen darin verwickelt sind und es ein solches Durcheinander ist, ist das der einzige Weg, daß jeder seine Unschuld beweisen kann.“ Tan-tschun war die einzige, die sich nicht geäußert hatte. Die anderen Mädchen waren eifrig dabei, sich zu entkleiden, um ihre Unschuld zu beweisen. Ping-örl war die erste Freiwillige. Eine nach der anderen zog sich aus und ordnete sich ein, während Li Wan die Untersuchung anführte. Tan-tschun konnte sich nicht länger beherrschen. „Liebe Wan, du guckst dir da das Falsche aus. Angenommen jemand hat ihn gestohlen; glaubst du wirklich, er oder sie wäre dumm genug, ihn herumzutragen? Warum sollte jemand ihn stehlen wollen? Uns bedeutet er sehr viel, aber außerhalb des Haushalts ist er völlig wertlos. Wenn du mich fragst, tut dies jemand aus Groll.“ Sie wußten alle, an wen sie dachte. Djia Huan war an diesem Tag in der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß viele Male ein- und ausgegangen. Niemand war jedoch darauf vorbereitet, seinen Namen auszusprechen, und so mußte sie genauer zu werden: „Es muß Huan sein. Wer sonst würde einen so üblen Streich spielen? Schicke jemanden heimlich in seinen Raum und bring ihn her. Hol’ ihn allein und überrede ihn, den Jade hervorzuholen, dann drohe ihm damit, ihn bloßzustellen, es sei denn, er hielte seinen Mund. Und dann haben wir unser Geheimnis gelöst.“ Mitten unter nickenden Köpfen wendete sich Li Wan an Ping-örl und sagte: „Diese Sache solltest besser du machen.“ – „Ja, Fräulein“, antwortete Ping-örl und eilte davon. Eine kurze Weile später, als sie mit Djia Huan zurückkehrte, taten die anderen so, als wäre nichts passiert. Eine von ihnen machte ihm eine Tasse Tee und setzte ihn an den Tisch im inneren Zimmer. Dann gingen sie alle hinaus und überließen Ping-örl das Feld. Sie schenkte ihm ein unbedarftes Lächeln. „Herr Bau-yüs Jadestein ist verloren gegangen... Ich glaube nicht, daß du ihn irgendwo gesehen hast, oder?“ Djia Huan wurde sofort häßlich dunkelrot. Er blickte sie finster an. „Nur weil jemand etwas verloren hat, heißt das automatisch, daß ich der Verdächtige bin und du mich zu einem Verhör rufst? Du verdächtigst mich? Habe ich eine kriminelle Vergangenheit oder so?“ Ping-örl entschied sich, die Taktik zu ändern und sagte mit einem Lächeln: „Natürlich würde niemand davon träumen zu sagen, daß du es gestohlen hast! Sie dachten nur, daß du es vielleicht irgendwo versteckt hättest, als einen Streich, und daß du, wenn wir dich fragen würden, ob du es gesehen hättest, mir vielleicht ein paar Hinweise geben würdest, wo wir es suchen sollten.“ – „Es ist sein Jadestein, richtig?“, antwortete Djia Huan entrüstet, „er ist derjenige, der das Ding trägt – frag’ ihn, nicht mich! Ihr seid alle so eifrig dabei, ihm zu gefallen, das ist euer Problem! Wenn ihr etwas bekommt, höre ich gar nichts davon! Aber in dem Moment, wenn etwas verloren geht, dann fragt ihr nur mich!“ Er stand auf und stampfte aus dem Zimmer. Die Mädchen traten zurück, um ihn durchzulassen. All das führte dazu, Bau-yü zu verärgern. „Der ganze Ärger, den dieses Ding gestiftet hat!“, sagte er. „Ich habe keine Sehnsucht danach, und ich wünsche, daß ihr es alle vergeßt. Nun seht, was wir getan haben! Huan wird losgehen und es allen erzählen. Da haben wir uns etwas eingebrockt!“ „Lieber Herr Bau-yü, bitte,“ kam es tränenerfüllt aus der Ecke, in der Hsi-jën stand, im Gewimmel der bestürzten Mädchen. „Es ist alles sehr einfach für euch, zu sagen, es zu vergessen! Aber Sie scheinen vergessen zu haben, daß, wenn die Damen davon hören, unsereins zerfetzt und zu Puder zermalmt wird!“ Darauf folgte anhaltendes Jammern. Es wurde ihnen allen schnell klar, daß diese Sache nicht viel länger geheim gehalten werden konnte. Sie mußten sich auf eine Geschichte einigen, die sie der Herzoginmutter und den anderen Damen erzählen konnten. „Das ist einfach“, sagte Bau-yü. „sagt ihnen einfach, ich hätte ihn selbst zerschmettert.“ – „Nein nein! Das ist nicht gut!“, sagte Ping. „Sehen sie nicht? Sie werden wissen wollen, warum sie ihn zerschmettert haben, und das bedeutet ebenfalls unseren Tod. Vor allem werden sie die Stücke sehen wollen, wie sollen wir denn das machen?“ – „Nun, dann sag’, ich hätte ihn verloren, als ich vorgestern aus dem Garten ging.“ Da gab es eine kurze Stille, als sie alle diesen Vorschlag erwägten. „Mit dieser Lüge könnten wir vielleicht davonkommen“, sagte jemand endlich. „Aber während der letzten paar Tage waren Sie nicht in der Schule, und Sie waren auch sonst nirgendwo.“ – „Doch war ich“, korrigierte sie Bau-yü, „vor ein paar Tagen ging ich zum Fürsten von Lin-an, um Theater zu sehen. Ihr könnt sagen, daß ich ihn da verlor.“ – „Nein, das wird nicht reichen“, sagte Tan-tschun. „Wenn Sie ihn vor so langer Zeit verloren haben, werden sie wissen wollen, warum sie erst jetzt benachrichtigt werden.“ Sie waren immer noch damit beschäftigt, die relativen Vorteile dieser verschiedenen Geschichten zu besprechen, als sie plötzlich eine Stimme von Frau Dschau hörten, wie sie auf dem Weg zu ihnen fluchte und jammerte. „Wenn sie etwas verlieren, warum können sie nicht selbst danach suchen, statt herzuschleichen und meinen Jungen zu beschuldigen? Nun, hier ist er! Nehmt sie ihn! Opfert ihn, wenn ihr denkt, das würde etwas bringen! Tötet ihn! Hackt ihn in Stücke! Tut mit ihm, was ihr wollt!“ Sie trieb Djia Huan ins Zimmer und schrie: „Dieb! Beichte deine Tat auf der Stelle!“ Djia Huan war so verärgert, daß er laut protestierte. Li Wan wollte sie gerade unterbrechen und beruhigen, als ein Mädchen hereinkam und ankündigte: „Die Dame ist hier!“ Hsi-jën und die Mädchen konnten sehen, daß eine Konfrontation nun unabwendbar war. Bau-yü und die Mädchen gingen sofort hinaus, um die Dame Wang zu empfangen. Frau Dschaus Wut verebbte für einen Moment, und sie folgte ihm hinaus. Den erschrockenen Gesichtern nach zu urteilen, konnte die Dame Wang sehen, daß das, was sie gehört hatte, wahr sein mußte. „Ist er wirklich weg?“, rief sie. Niemand traute sich zu antworten. Die Dame Wang ging hinein, setzte sich nieder und rief Hsi-jën. Diese fiel zitternd auf die Knie. Mit erstickter Stimme murmelte sie: „Ja.“ „Nun, steh auf!“, sagte die Dame Wang, „wir müssen eine gründliche Suche durchführen. Komm schon, so durcheinander zu sein, bringt nichts.“ Hsi-jën schluchzte und konnte kein Wort sagen. Bau-yü sprach endlich, aus Angst, sie könnte die Wahrheit ausplaudern. „Mutter, das hat nichts mit Hsi-jën zu tun. Ich habe ihn neulich unterwegs verloren, als ich auf dem Weg zurück vom Schauspiel beim Fürsten von Lin-an war.“ – „Warum hast du ihn dann damals nicht gesucht?“ – „Ich wollte nicht, daß es jemand erfährt. Ich habe Bee-ming nur darum gebeten, es überall am Straßenrand zu suchen.“ – „Unsinn! Du weißt sehr genau, daß es Hsi-jën oder eines der deiner anderen Mädchen gemerkt hätten. Das ist ihre Aufgabe. Sie sind immer bei dir, wenn du dich umziehst. Wann immer du von einer Feier oder einem anderen Ausflug hereinkommst, wenn eines deiner Taschentücher oder eine kleine Tasche fehlen, sind sie gezwungen dich zu fragen, wo es geblieben ist – glaubst du wirklich, sie würden es erlauben, daß eine so unersetzbare Sache, wie dein Jadestein, einfach verschwindet und niemand ein Wort sagen würden?“ Bau-yü hatte keine Karte mehr in der Hinterhand. Als Frau Dschau das hörte, fragte sie: „Wenn Sie sich so sicher sind, daß sie es draußen verloren haben, warum versuchen Sie dann, meinen Huan zu beschuldigen?“ – Bevor sie noch zu Ende reden konnte, sagte die Dame Wang laut: „Wir haben uns gerade unterhalten. Von welcher unwichtigen Sache sprichst du denn da?“ Frau Dschau wagte nicht mehr weiterzureden. Es war nun an Li Wan und Tan-tschun, die wahre Geschichte von Anfang bis Ende zu erzählen. Dies rührte die Dame Wang zu Tränen. In ihrer Aufregung erzählte sie es der Herzoginmutter und ging hinüber zu den Gemächern der Dame Hsing, um alle Mitglieder des Haushalts zu befragen, die früher am Tage zusammen mit der Dame Hsing bei der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß waren. Die Neuigkeiten hatten mittlerweile Hsi-fëng in ihrem Krankenbett erreicht. Als sie hörte, daß die Dame Wang an der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß angekommen war, fühlte sie sich dazu gedrängt, dort aufzutauchen und machte sich, an Fëng-örls Arm gelehnt, auf den Weg in Richtung Garten. Sie kam gerade an, als die Dame Wang gehen wollte. „Guten Abend, Tante.“ Hsi-fëngs Stimme zitterte leicht, als sie sprach. Bau-yü und die anderen kamen hinzu, um sie zu begrüßen. „Also hast du auch die Neuigkeiten gehört!“, sagte die Dame Wang to Hsi-fëng. „Ist das nicht mysteriös? Er verschwand einfach so und kann nirgendwo gefunden werden. Bedenke für einen Moment: von allen Mädchen, eingeschlossen die der Herzoginmutter und sogar deine eigene Ping-örl, welche von denen, würdest du sagen, stiehlt oder hat ein räuberisches Wesen? Ich würde es der Herzoginmutter sagen und eine ordentliche Suche anordnen. Bis wir es finden, hängt Bau-yüs Leben in der Schwebe!“ – „Wir haben so einen großen Haushalt“, sagte Hsi-fëng, „und, wie das Sprichwort sagt, du kennst das Gesicht eines Mannes, aber nie sein Herz. Mit all der Aufregung der Suche muß es ja jeder hören, und der Dieb wird so verängstigt vor den Konsequenzen sein, daß er, bevor er geschnappt wird, er lieber den Beweis – den Jade selbst – zerstören wird, und wo wären wir dann? Nein, mein Rat, wenn dieser etwas wert ist, ist, daß wir bekannt machen sollten, daß Bau-yü den Jadestein angeekelt weggeworfen habe und daß es egal sei. Alle müssen sehr diskret sein, wir müssen es auch vor der Herzzoginmutter und Herr Dschëng verschweigen. Währenddessen können wir insgeheim überall fragen und suchen, und wenn wir klug sind, dann sollten wir mit beidem enden, dem Dieb und dem Jadestein. Ergibt das einen Sinn für Sie, Tante?“ Nach einer langen Pause antwortete die Dame Wang: „Das ist alles sehr gut, aber wie sollen wir es vor Herrn Djia Dschëng geheimhalten?“ Sie rief Djia Huan zu sich. „Bau-yü hat seinen Jade verloren und dich dann gefragt. Wie konntest du daraufhin alles wild durcheinander ausposaunen? Wenn der Dieb das gehört hat und den Jade zerstört, wirst du mit deinem Leben dafür bezahlen!“ – „Ich verspreche ihnen, ich werde es nie wieder erwähnen!“ jammerte Djia Huan erschrocken. Diesmal blieb Frau Dschau still. „Da muß es einige Orte geben, wo ihr nicht nachgesehen habt,“ fuhr die Dame Wang fort und wendete sich an die versammelten Mädchen. „Er muß hier irgendwo sein. Er wird wohl kaum wegfliegen, oder? Aber wenn ihr sucht, seid so leise, wie möglich. Hsi-jën, ich gebe dir drei Tage, es zu finden. Wenn wir es dann immer noch nicht gefunden haben, sollten wir es nicht länger vor der Herzoginmutter und Herrn Dschëng verheimlichen. Dann werden wir keine ruhigen Tage mehr haben!“ Sie bat Hsi-fëng, sie zu begleiten, und die Dame Wang machte sich auf den Weg zu den Gemächern der Dame Hsing, für weitere Hilfestellungen, um den Dieb zu stellen. Li Wan und die anderen fuhren fort mit ihrer Debatte, was sie tun sollten. Sie schickten nach verschiedenen Dienstboten, die im Garten Verantwortung trugen, und gaben Anweisungen, daß die Tore sicher geschlossen waren. Die Frau von Lin Dschï-hsiau wurde auch gerufen und ihr wurden vertrauliche Anweisungen gegeben: „Sag’ den Dienern an beiden Toren, daß es die nächsten drei Tage absolut niemandem erlaubt sei, den Garten zu verlassen. Wir dürfen die Bewegungssfreiheit nur innerhalb des Gartens erlauben, aber es darf niemand gehen. Sag’, daß etwas verloren ging und daß niemand hinausgehen darf, bis wir es gefunden haben.“ – „Ja, Frau Dschu“, sagte Lins Frau. „Entschuldigen Sie, Herrin“, fuhr sie fort, „aber wir haben neulich etwas zu Hause verloren – nichts Wertvolles natürlich, aber mein Mann wollte unbedingt wissen, wo es war. Er ging auf die Straße und suchte einen Wahrsager. Ich glaube, sein Name war Liu Tie-dsui. Seine Weissagung war sehr deutlich. Mein Mann folgte seinen Anweisungen und fand das vermißte Stück sofort.“ Als Hsi-jën dies hörte, bettelte sie sie an, ihnen zu helfen. „Oh, Frau Lin! Bitte geht und bittet euren Ehemann, diesen Wahrsager für uns um Rat zu fragen!“ – „Gewiß werde ich das. Sofort.“ Lins Frau hastete davon. Hsing Hsiu-yän machte nun einen Vorschlag. „Wenn du mich fragst, sind diese Rutengänger und Wahrsager, die man an den Straßenecken findet, alles Scharlatane. Aber als ich Miau-yü im Süden kennenlernte, bevor sie hierher kam, um hier zu leben, hörte ich von ihrer Gabe des Zweiten Gesichts. Warum bitten wir sie nicht, ob sie eine Séance für uns halten kann? Hatte Bau-yüs Jade nicht sowieso einen mysteriösen Ursprung? Es wäre sicherlich ein Grund für diese Art der Herangehenswei­se.“ Die anderen schienen sehr überrascht zu sein, dies zu hören, und dachten daran, das in all der Zeit, in der sie sie kannten, Miau-yü nicht ein einziges Mal eine solche Gabe erwähnt hatte. Schë-yüä flehte Hsiu-yän ernst an: „Oh, Fräulein! Ich glaube nicht, daß sie dies für jemand anderen als für dich machen würde! Bitte, bitte, wirst du sie für uns fragen? Ich mache einen Kotau vor dir – wenn sie die Antwort findet, bin ich dir, solange du lebst, etwas schuldig!“ Sie wollte gerade einen Kotau machen, aber Hsiu-yän hindert sie daran. Dai-yü und die anderen schlossen sich dem Flehen Schë-yüäs an, und Hsiu-yän ging in aller Eile zum Kloster Gefangenes Grün. Sobald sie gegangen war, kehrte Lins Frau von ihrer Mission zurück. „Meine Damen!“, rief sie jubelnd, „ich bringe gute Neuigkeiten! Mein Ehemann besuchte diesen Mann, und er sagte, daß der Jade sicher auftauchen werde. Jemand würde ihn auf jeden Fall zurückbringen.“ Sie mußte immer noch ihre Zuhörer überzeugen, außer Hsi-jën und Schë-yüä, die bereit waren, sich an die kleinste Hoffnung zu klammern. Tan-tschun fragte: „Was hat er gesehen?“ „Er sagte viel“, antwortete Lins Frau, „und manches davon konnte ich nicht verstehen. Aber er sagte das Wort „belohnen“. Liu Tie-dsuee fragte nicht, sondern sagte gleich, ‚Du hast etwas verloren, richtig?‘ !“ „Gütiger Himmel! Das hört sich sehr gut an!“, rief Li Wan. Lins Frau sagte: „Dann fuhr er fort und sagte, daß Zeichen für Belohnung sei aus den Zeichen ‚klein‘ und ‚Mund‘ komponiert, das verlorene Objekt sei also klein genug, daß es in den Mund passe. Es müsse ein Juwel oder ein kostbarer Stein sein.“ Die Leute, die dabei standen, hörten das und lobten: „Der ist ja wirklich ein Weiser!“ und „Wie ging es weiter?“, Lins Frau fuhr fort: „Der Wahrsager sagte, daß unten im Zeichen ‚Belohnung‘ das Zeichen für ‚Muschel‘ sei. Das Zeichen für Muschel, wenn man es genau analysiere, sei eigentlich ein nicht vollständiges Zeichen: ‚sehen‘.