Hongloumeng/de/Chapter 99
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Kapitel 99
守官箴恶奴同破例 / 阅邸报老舅自担惊
erzoginmutter, „mach’ dir keine Sorgen!“ Hsi-jën half Bau-yü sich wieder hinzulegen, und die Herzoginmutter ging in Bau-tschais Gemach. Das war, bevor Bau-tschai den neunten Tag feierte, und sie fühlte sich immer noch sehr schüchtern in ihrer neuen Umgebung. Als die Herzoginmutter hereinkam, sah sie, daß das Gesicht der alten Dame naß von Tränen war. Sie gab ihr eine Tasse Tee. Danach bat die Herzoginmutter sie, sich zu setzen, was sie mit großer Zurückhaltung tat, sie setzte sich an ihre Seite und fragte: „Ich hörte, daß Kusine Dai-yü krank gewesen ist. Ich hoffe, es geht ihr jetzt besser.“ Tränen begannen aus den Augen der Herzoginmutter zu strömen. „Mein Kind! Wenn ich es dir sage, mußt du versprechen, es nicht Bau-yü zu sagen. Es ist nur wegen deiner Kusine Dai-yü, daß du so leiden mußt. Aber nun, da du Bau-yüs Braut bist, muß ich dir die Wahrheit sagen. Deine Kusine Dai-yü ist nun schon zwei, drei Tage tot. Sie starb genau zu der Zeit, als ihr geheiratet habt. Diese gegenwärtige Krankheit von Bau-yü besteht nur ihretwegen. Ihr drei wart einmal Nachbarn im Garten, also bin ich sicher, daß du weißt, was ich meine.“ Bau-tschai wurde rot. Auch sie begann zu weinen, als sie an ihre verstorbene Freundin dachte. Die Herzoginmutter redete noch ein wenig mit ihr und ging dann. Es war von diesem Moment an, daß Bau-tschai anfing, sich den Kopf zu zerbrechen, um eine Heilung für Bau-yü zu finden. Sie dachte noch immer, daß sie vorsichtig sein müsse, und es war erst nach dem neunten Tag, als sie die nötige Zuversicht erlangte, um den Weg der Heilung zu gehen, welcher sich als sehr wirksam herausstellte. Mit Bau-yüs Erholung wurde es allen wieder möglich, offen mit ihm zu sprechen. Aber obwohl seine Gesundheit einen täglich neu zu bemerkenden Fortschritt zeigte, konnte nichts seine obsessive Liebe für Dai-yü dämpfen, und er begann darauf zu bestehen, selbst hinüber zu gehen und an ihrem Leichnam zu weinen. Die Herzoginmutter wußte, daß seine Krankheit noch nicht vollständig ausgemerzt war und verbot ihm, daran zu denken. Aber so eingesperrt – wie er es in seinem Zimmer war, begann seine Krankheit öfter zurückzukehren. Es war endlich der Arzt, der, in Anbetracht der psychologischen Natur der Krankheit, den Ausflug sehr empfahl, um die Wirkung der Medizin zu erhöhen und die Heilung zu beschleunigen. Als Bau-yü dies hörte, wollte er sofort zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß gehen. Diesmal gab die Herzoginmutter widerstrebend ihre Erlaubnis und sagte ihnen, sie sollten einen Tragestuhl aus Bambus bringen und ihm hinein helfen. Sie und die Dame Wang gingen voraus. Als sie ankamen und Dai-yüs Sarg sahen, bekam die Herzoginmutter fast selbst einen Weinanfall und wurde nur durch den Eingriff von Hsi-fëng und den anderen Anwesenden davor bewahrt. Die Dame Wang weinte auch. Li Wan bat dann die Herzoginmutter und die Dame Wang sich in die inneren Zimmer zurückzuziehen, was sie taten, noch immer weinend. Als Bau-yü ankam, gingen seine Gedanken zurück an die Tage, bevor er krank wurde. Heute war Dai-yü immer noch da, aber bereits tot. Wie nahe sie sich einmal standen! Heute verabschiedete er sich von einer Toten! Wie traurig das war! Die Leidenschaftlichkeit seiner Trauer begann alle zu besorgen, und alle versuchten, ihn zu trösten. Er war jedoch bereits außer sich vor Weinen und wollte selbst sterben. Das Beste, was sie tun konnten, war, ihm zu helfen, sich hinzulegen und sich auszuruhen. Die anderen, die ihn begleitet hatten, einschließlich Bau-tschai, weinten alle sehr bitter. Als Bau-yü sich genügend erholt hatte, bestand er darauf, Dsï-djüan zu sehen, und fragte sie, was Dai-yüs letzte Worte gewesen waren. Ursprünglich haßte Dsï-djüan ihn zutiefst. Aber als sie sah, wie überwältigt er von Trauer war, wurde sie ihm gegenüber etwas weicher. Außerdem waren die Herzoginmutter und die Dame Wang da, und sie traute sich nicht, ihn in ihrer Anwesenheit zu beschimpfen. Also erzählte sie ihm genau, wie ihre Herrin wieder so plötzlich krank geworden war, wie sie die Taschentücher und die Gedichte verbrannt hatte und von den wenigen Worten, die sie vor ihrem Tod gesprochen hatte. Bau-yü heulte sich heiser. Tan-tschun nahm nun die Gelegenheit wahr, zu erwähnen, daß Dai-yü kurz vor ihrem Tod darum gebeten hatte, daß ihr Sarg in den Süden gebracht werde. Dies brachte die Herzoginmutter und die Dame Wang wieder zum Weinen. Glücklicherweise war Hsi-fëng mit mehr Worten des Trostes zu Stelle, und sie setzte sich bei ihnen durch, mit ihrer Trauer an sich zu halten. Dann schlug sie höflich vor, daß sie zu ihren Gemächern zurückkehren sollten. Bau-yü konnte sich nicht losreißen. Erst als die Herzoginmutter ihn dazu zwang, überwand er sich und kehrte zu seinen Gemächern zurück. Die Herzoginmutter fing an, wegen ihres Alters und der ständigen Aufregung, der im Haushalt seit dem Ausbruch von Bau-yüs Krankheit herrschte, Zeichen der Strapazen zu zeigen. Diese letzte Szene der Trauer und der Klage griffen sie so tief an, daß sie Fieber und Mattigkeit heraufkommen fühlte. Bei aller Sorge für Bau-yü fühlte sie sich der Situation nicht länger gewachsen. Sie war gezwungen, sich in ihr Zimmer zurückzuziehen und zu schlafen. Die Dame Wang war, wenn dies möglich war, sogar noch untröstlicher betroffen und zog sich ebenso zurück. Sie gab Tsai-yün die Anweisung, Hsi-jën zu helfen und auf Bau-yü aufzupassen, und fügte hinzu: „Wenn er noch weiter trauert, komm und sag’ es mir sofort.“ Bau-tschai wußte, wie stark die Bindung zwischen Bau-yü und Dai-yü war, aber statt ihn zu trösten, fuhr sie fort, ihn in derselben verletzenden Art zu tadeln, wie vorher. Er, darauf bedacht sie nicht weiter zu verletzen, setzte seinem Weinen bald ein Ende und versuchte, seine Trauer zu mäßigen. Er ging schlafen und die Nacht verging ohne weitere Ereignisse. Früh am nächsten Morgen, als sie kamen, um zu sehen, wie es ihm ging, war er noch schwach und hatte wenig Energie, aber er schien über das Schlimmste hinweg zu sein. Sie pflegten ihn mit erneuter Sorge, und er fing an, stetig seine Kräfte zurückzugewinnen. Glücklicherweise wurde die Herzoginmutter nicht krank. Es war die Dame Wang, bei der der Schock einen dauerhaften Eindruck hinterließ. Als Frau Hsüä zu Besuch kam, war sie positiv überrascht, Bau-yü in viel besserer Stimmung vorzufinden. Sie blieb für ein paar Tage. An einem dieser Tage lud die Herzoginmutter sie zum Plaudern ein. „Wir verdanken dir Bau-yüs Leben,“ begann sie, „er ist nun außer Gefahr, glaube ich. Ich fühle mich nur schuldig wegen Bau-tschai, nach der Art, wie die Dinge passiert sind. Bau-yü hat sich nun hundert Tage erholt und ist wirklich wieder sehr kräftig; und nun, da die Trauerperiode für die kaiserliche Nebenfrau um ist, können wir daran denken, die Geschichte zu vollenden. Ich möchte, daß du einen glücklichen Tag im Kalender für diese Angelegenheit suchst.“ – „Deine Idee ist sehr gut“, erwiderte Frau Hsüä. „Aber warum fragst du mich? Bau-tschai mag ein einfaches Mädchen sein, aber sie hat eine empfindsame Natur und versteht diese Dinge. Ich denke, daß du mit ihrem Naturell vertraut sein mußt. Wenn die zwei in Harmonie zusammenleben können, wird es so eine Befreiung für dich, so ein Trost für meine Schwester sein, und es wird meine Gedanken auch beruhigen. Du mußt einen Tag auswählen. Werden wir Verwandte und Freunde zu der Feier einladen?“ – „Ich denke, wir sollten“, antwortete die Herzoginmutter. „Nach allem ist es der wichtigste Tag ihres Lebens. Es gab so viele Probleme und Komplikationen, aber nun endlich scheint alles gelöst zu sein. Ich denke, wir sollten Einladungen verschicken und eine richtige mehrtägige Feier daraus machen. Wir werden all unsere Freunde und Verwandten einladen. Erstens feiern wir, daß unser Wunsch endlich in Erfüllung gegangen ist. Zweitens trinken wir alle zusammen ein Glas Wein, da all unsere Mühen und Sorgen nicht umsonst waren.“ Frau Hsüä hörte das, war selbstverständlich erfreut und bot noch einmal die Mitgift an. Die Herzoginmutter protestierte: „Da dies alles in der Familie bleibt, gibt es keinen Grund für dich, dir solche Mühe zu machen. Sie haben bereits all die Möbel, die sie brauchen. Wenn überhaupt, bring einige von Bau-tschais liebsten Dingen. Aber bitte mach’ dir um nichts Anderes Sorge. Ja, Bau-tschai ist so ein ruhiges, verständnisvolles Mädchen, gar nicht wie meine arme Enkelin, deren überempfindliche Natur der Grund ihres Todes in einem so zarten Alter war.“ Frau Hsüä fing nun auch an zu weinen. Glücklicherweise kam Hsi-fëng in diesem Moment herein und fragte mit einem Lächeln: „Großmutter, Tantchen, was verstört euch?“ – „Wir redeten gerade über Fräulein Dai-yü“, antwortete Frau Hsüä, „es ist so traurig.“ Hsi-fëng lächelte wieder. „Ihr dürft nicht erlauben, euch aufzuregen. Hört euch das an – es ist ein Witz, den ich gerade gehört habe.“ Die Herzoginmutter wischte ihre Tränen weg, und bekam ein mattes Lächeln zustande. „Über wen wirst du dich nun lustig machen? Komm schon, wir hören. Wenn du uns nicht zum Lachen bringst, lassen wir dich nicht so leicht gehen.“ Hsi-fëng begann mit ihren Händen zu gestikulieren, aber war bereits durcheinander, bevor sie ein Wort herausbekam. Um zu wissen, was sie ihnen erzählen wollte, muß man das nächste Kapitel lesen. 99. Gewissenlose Günstlinge nutzen die Tugend ihres Herren aus, um eine Vielzahl von Regeln zu brechen Djia Dschëng ist beunruhigt, als er den Namen seines Neffen Hsüä Pan in einer Bekanntmachung liest.
Wir haben in unserem vorhergehenden Kapitel erzählt, wie Hsi-fëng, die Herzoginmutter und Frau Hsüä, die wegen der Erwähnung von Dai-yüs Tod traurig waren, sich bemüht hatten, ihre Laune mit einem Witz zu bessern. Die Herzoginmutter und Frau Hsüä überlegten, über wen der Witz gehen könnte. Hsi-fëng lachte und konnte kaum sprechen. „Wer sonst könnte es sein, als unser frisch verheiratetes Paar!“ – „Nun, was ist mit ihnen?“, fragte die Herzoginmutter. Hsi-fëng begann, mit der Hand zu gestikulieren. „Hier sitzt der eine, hier steht der andere... Einer dreht sich so, einer dreht sich so. Einer...“ Die Herzoginmutter unterbrach sie durch ein lautes Lachen. „Um Himmels willen, mach’ mit der Geschichte weiter! Wenn wir dich weiter ansehen müssen, wäre es der Tod für uns alle!“ – „Ja, bitte hör’ auf mit all dem Herumäffen“, sagte Frau Hsüä, und lachte trotzdem selbst, „und erzähl’ deine Geschichte weiter.“ Hsi-fëng begann wieder: „Gerade eben ging ich durch die Gemächer Vetter Bau-yüs, als ich das Geräusch von Lachen hörte, welches von drinnen kam; und ich wunderte mich, wer es sein könnte, also lugte ich durch ein kleines Loch im Papierrahmen. Da saß Kusine Bau-tschai auf der Ecke des Ofenbetts, und Bau-yü stand vor ihr, ihren Ärmel haltend und flehte sie an: „Oh, Kusinchen! Warum willst du nicht mit mir reden? Ein Wort von dir, und ich weiß, daß ich total geheilt wäre!“ Aber sie drehte sich weg und schien keine Notiz von ihm zu nehmen, komme was wolle. Er verbeugte sich vor ihr und kam dann noch näher und hielt ihr Kleid, welches sie sofort von ihm wegzog. Wenn man weiß, wie wackelig Bau-yü auf den Beinen ist, seit seiner letzten Krankheit – so kann man sich vorstellen, daß er, mit diesem Wegziehen, einfach genau auf sie drauf stolperte! Sie wurde rot und schrie: „Du bist schlimmer denn je! Du hast keinen Rest Anstand!“ Darauf brachen beide, die Herzoginmutter und Frau Hsüä, wieder in Gelächter aus. Hsi-fëng fuhr fort: „Dann stand Bau-yü auf und grinste. ‚Wenigtens habe ich dich dazu bekommen, mit mir zu reden!‘, sagte er.“ – „Meine Tochter hat sicherlich ihre Marotten“, sagte Frau Hsüä, mit einem gut gelaunten Lächeln. „Nun, da sie verheiratet sind, spricht wirklich nichts gegen etwas harmlosen Spaß. Wenn sie ihren Vetter Liän sehen könnte und dich, meine Liebe, wenn ihr zwei loslegt.“ Hsi-fëng errötete. „Also so was!“ protestierte sie lachend, „ich erzähle eine Geschichte, um euren Geist zu erheitern und ihr macht Witze auf meine Kosten.“ – „Bau-tschai hat recht mit der Art, wie sie sich benimmt“, warf die Herzoginmutter mit einem Kichern ein. „Ich leugne nicht, daß eine Ehe auf Liebe zueinander gründen soll; aber es sollte immer in Maßen sein. Ich bin froh, daß Bau-tschai so einen Wert auf Anstand legt, und es macht mich traurig, daß Bau-yü noch immer so ein dummer Junge sein soll. Obwohl – aufgrund der Geschichten, die du mir erzählst, scheint es, daß er sich bessert. Nun – noch mehr Geschichten?“ – „Bald wird es daran keinen Mangel mehr geben“, antwortete Hsi-fëng. „Wenn beide in einem Zimmer schlafen, könnte die Großmutter ein Enkelkind im Arm halten. Bis dahin haben wir noch viel zu lachen.“ – „Du Affe!“, rief die Herzoginmutter, „der Gedanke an den Tod deiner Kusine Dai-yü hat uns beide traurig gestimmt, und es war sehr wohl bedacht von dir, daß du uns aufheitern wolltest. Aber nun gehst du zu weit. Du fängst jetzt an, eine alte Wunde aufzukratzen. Du läßt uns Dai-yü vergessen, solltest aber selbst nicht zuviel lachen. Sie hat dich gehaßt, wenn du später alleine im Garten spazieren gehst, hält sie dich fest und läßt dich nicht mehr gehen.“ – „Unsinn! Sie haßt mich nicht. Bevor sie starb, hat sie die Zähne zusammengebissen und ihren Haß auf Bau-yü gerichtet“, konterte Hsi-fëng mit einem Lächeln. Die Herzoginmutter und Frau Hsüä nahmen dies als einen weiteren Spaß von ihr, und ignorierten es: „Rede nicht so einen Unsinn! Geh nun und find jemanden, der einen glücklichen Tag für die Feier deines Vetters Bau-yü heraussucht.“ – „Ja, Großmutter!“ Nach einer weiteren kleinen Unterhaltung ging Hsi-fëng ihres Weges. Sie suchte einen guten Tag heraus; am gewählten Tag feierte die Familie den ‚Vollzug‘ der Hochzeit von Bau-yü und Bau-tschai, unterhielten ihre Gäste mit einem Bankett und Theaterspielen. Aber in unserer Erzählung lassen wir weitere Einzelheiten aus. Sie wendet sich stattdessen der Genesung Bau-yüs zu. Bau-tschai nahm sich von Zeit zu Zeit eines seiner Bücher und fing eine Unterhaltung mit ihm darüber an, bei diesen Gelegenheiten war Bau-yü genug bei der Sache, um einen planlosen Dialog darüber zu führen. Aber seine Gedanken waren ohne Frage stumpfer, als sie früher waren, eine Schädigung, für die er selbst keine Erklärung geben konnte. Bau-tschai wußte aber, daß es daran lag, daß seine Intelligenz verlorengegangen war. Hsi-jën tadelte ihn öfter: „Warum hast du deine frühere Intelligenz verloren? Wenn es nur deine Schwäche wäre, die dich verlassen hat! Aber du scheinst die noch zu haben und stattdessen nur deinen Geist verloren zu haben!“ Bau-yü ließ Bemerkungen wie diese nicht an sich heran und entgegnete mit einem dummen Grinsen. Immer wenn er Anzeichen dafür zeigte, daß seine wilden Züge gegenüber seiner besseren Seite die Oberhand gewännen, ließ er es zu, sich von Bau-tschais guter Art zügeln zu lassen. Während die Zeit verging, rügte Hsi-jën ihn immer weniger und beschränkte sich stattdessen darauf, seine praktischen Bedürfnisse zu betreuen. Seine anderen Mägde hatten immer Bau-tschais ruhige, ernste Art respektiert, und nun, da sie ihre Herrin war, gewann ihre sanfte und freundliche Natur ihren willigen Gehorsam. Neben der anscheinenden Ruhe fühlte Bau-yü weiterhin eine tiefe Empfindung von Rastlosigkeit, und besonders den wiederkehrenden Wunsch, den Garten aufzusuchen. Die Herzoginmutter und die anderen Damen befürchteten, daß solch ein Ausflug ihn vielleicht erkälten oder ein Fieber verursachen könnte und daß die Umgebung des Gartens einen zu traurigen Effekt auf seinen Geist hätte. Dai-yüs Sarg war in einem Tempel außerhalb der Stadtmauern begraben, aber die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß war immer noch da, auch wenn die Bewohnerin gestorben war. Die Erinnerungen, die er damit verband, könnten ihn erneut in Streß versetzen und einen Anfall verursachen. Also verbot man ihm, dorthin zu gehen. Der Großteil des Gartens war verlassen. Von Bau-yüs Kusinen war Bau-tjin bereits zu Frau Hsüä gezogen, während Schï Hsiang-yün nach Hause gegangen war, weil ihr Onkel aus der Hauptstadt zurückgekehrt war. Außerdem hatte sie einen Tag für ihre eigene Hochzeit festgelegt und besuchte selten die Djias. Sie trank auf Bau-yüs Hochzeit den Wein und kürzlich an dem Tag der Feier der Vollendung der Hochzeit; bei beiden Gelegenheiten war sie bei der Herzoginmutter geblieben; und ihr Bewußtsein, daß Bau-yü nun ein verheirateter Mann war, und sie selbst verlobt, hemmte sie, sich ihren alten hochgeistigen Neckereien hinzugeben. Als sie das neuverheiratete Paar sah, redete sie nur mit Bau-tschai und sagte nicht mehr als ein höfliches Hallo zu Bau-yü. Hsing Hsiu-yän war nach Ying-tschuns Hochzeit zu ihrer Tante, der Dame Hsing gezogen, während die beiden Li-Schwestern den Garten nur mit ihrer Mutter besuchten, ein paar Tage bei Li Wan blieben, bevor sie zurückkehrten. Die einzigen richtigen Bewohner des Gartens waren nun Li Wan, Tan-tschun und Hsi-tschun. Die Herzoginmutter hatte gewollt, daß die drei mit ihr zusammenzögen, aber durch die Aufregung des Tods von Yüän-tschun und all den nachfolgenden Unglücksfällen in der Familie, hatte sie nicht die Zeit gefunden, die nötigen Anstalten zu machen; und nun wurde das Wetter täglich wärmer, und der Garten schien anzufangen weniger eintönig zu sein; also entschied sie sich, die Dinge bis zum Herbst so zu lassen, wie sie waren. Aber wir wenden uns hier ab. Djia Dschëng hatte sich auf den Weg zu seinem neuen Posten in der Provinz gemacht, er reiste am Tag und ruhte bei Nacht, wurde von vielen Privatsekretären begleitet, die er noch in der Hauptstadt eingestellt hatte. Bei seiner Ankunft in der Provinzhauptstadt meldete er sich bei seinem Vorgesetzten und ging sofort weiter zu seinem neuen Yamen, um das offizielle Siegel zeremoniell in Besitz zu nehmen und seine Arbeit aufzunehmen. Seine erste abminstrative Tat war die Bestandsaufnahme des Korns, welches in allen Kornkammern der Unterpräfekturen und Kreisbehörden in seinem Verwaltungsbezirk lagerte. Djia Dschëngs vorhergehende Erfahrung als ein öffentlicher Beamter war hauptsächlich in der Hauptstadt gewesen und war darüberhinaus von den theoretischen Aspekten der Hauptstadtbürokratie eingeschränkt. Sein einziger Einsatz in der Provinz war als Prüfer gewesen, und seine Verantwortung war rein akademischer Natur. Er hatte daher kein Wissen aus erster Hand, was die Vorgehensweise als Entsandter in der provinziellen Verwaltung angeht, gar nicht zu erwähnen die Formen der Korruption, die offen toleriert wurden – Kürzungen, die bei den Mittelsmännern gemacht wurden oder der Wucher gegenüber dem unwissenden Landvolk, um nur zwei zu nennen. Er wußte nur vom Hörensagen von diesen Dingen als von etwas Bösem, das es zu meiden galt. Er wollte sich immer persönlich um alles kümmern und ein guter Beamter sein. Bei seiner Ankunft befragte er seine Privatsekretäre und Angestellten,verkündigte das Verbot von Amtsmißbrauch jeglicher Art und daß jeder Vorfall davon untersucht und den Vorgesetzten mitgeteilt würde. Zuerst waren die ortsansässigen Beamten eingeschüchtert und versuchten ihr Bestes, sich selbst bei den neuen Amtsinhaber einzuschmeicheln, nur um herauszufinden, daß der Mann, mit dem sie es zu tun hatten, unbestechlich war. Djia Dschëngs Familiendiener hatten sich nach Jahren der unprofitablen Arbeit in der Hauptstadt ihre Hände mit Freude gerieben, als ihr Herr den neuen Posten bekam. Mit der Sicherheit des winkenden Profits hatten sie sich Geld geliehen, um sich Kleidung schneidern zu lassen und sich selbst in einer Art auszustatten, die ihrem neuen Amt angemessen war. Sie dachten, daß das Geld von alleine in den Schoß des Personals vom Getreideintendanten fiele. Aber nun wurden ihre Pläne von der blinden Beharrlichkeit ihres Herren durchkreuzt, die Regulierungen bis zum letzten Buchstaben durchzuführen und seiner eigensinnigen Ablehnung, eine einzige der von Unterpräfekten und Magistraten angebotenen Bestechungen anzunehmen. Die Türwächter und die anderen Angestellten im Yamen stellten ein paar Rechungen an: „Wenn dies für vierzehn Tage anhält, werden wir all unsere Kleider verpfändet haben und unsere Geldgeber werden anfangen, Rückzahlungen zu fordern; was werden wir dann tun? Da draußen starrt uns gutes Geld ins Gesicht, wenn wir nur etwas davon kriegen könnten!“ Wenn dieses ortsansäßige Personal seine Besorgnis dem neuankommenden Personal aussprach, welches Djia Dschëng persönlich in der Hauptstadt rekrutiert hatte, trafen sie auf eine entrüstete Antwort: „Ihr habt nicht eure letzte Münze in diese Reise gesteckt, wir sind diejenigen, die sich beklagen sollten, nicht ihr! Wir haben Geld bezahlt, um unsere Arbeit hier zu bekommen, und hier sind wir, nach mehr als einem Monat, ohne etwas zum Vorzeigen. Auf diese Art werden wir keinen Gewinn machen. Wir können genausogut morgen unsere Kündigungen einreichen.“ Das war genau das, was sie taten. Am folgenden Tag kamen sie geschlossen, und reichten ihre Kündigungen einem aufgebrachten Djia Dschëng ein, der etwas naiv kommentierte: „Sehr gut. Es lag an euch zu kommen. Ihr seid frei, zurückzugehen. Wenn ihr es hier unangenehm findet, fühlt euch bitte nicht gezwungen zu bleiben.“ Diese Gruppe machte sich murrend auf den Weg. Die Familiendiener hielten selbst den nächsten Kriegsrat: „Das ist alles sehr gut für sie. Sie sind frei zu gehen. Aber was ist mit uns? Wir können nicht gehen, selbst wenn wir wollten.“ Unter diesen Dienern war ein Torwächter namens Li Schï-örl, der bald eine wichtige Rolle in dieser Debatte spielte. „Ihr Hühner!“ spottete er, „seid nicht so hilflos! Während dieses Vertragsgesindel hier war, wollte ich nichts sagen; aber nun, da sie weggeschoben wurden, habe ich nichts dagegen, euch ein oder zwei Spielchen zu zeigen! Bald werden wir unseren Herrn soweit haben, daß er uns aus der Hand frißt! Aber ihr müßt hinter mir stehen. Haltet zusammen, und wir können alle mit vollen Taschen nach Hause gehen. Natürlich, wenn ihr euch da lieber heraushalten wollt, ist das für mich in Ordnung. Ich kann das ertragen. Ich kann jeden Tag bessere als euch kriegen!“ – „Komm schon, Schï-örl, alter Freund! Wir sind von dir abhängig!“, stöhnten die anderen, „du bist derjenige, dem der Herr vertraut. Wenn du uns nicht hilfst, sind wir erledigt!“ – „Na gut. Aber ihr müßt auch mir vertrauen. Überlaßt mir nicht die ganze Drecksarbeit, das Geld heranzuschaffen und wendet euch dann gegen mich und sagt, ich hätte den größten Anteil genommen. Wenn wir den ganzen Topf umschmeißen, ist alles umsonst.“ – „Mach’ dir keine Sorgen. Du weißt, daß wir kein Geld haben. Alles Mögliche ist besser als nichts.“ Als sie sprachen, kam der Getreidebeamte herein und fragte nach Herrn Dschou. Schï-örl, der auf einem Stuhl saß, die Beine übereinandergeschlagen und seine Brust herausgestreckt, fragte ihn: „Was suchen Sie hier?“ Der Beamte stand da, seine Hände in die Seiten gestemmt, und lächelte gezwungen. „Der neue Intendant ist nun mehr als einen Monat im Amt“, antwortete er, „aber nicht ein einziger Getreidespeicher wurde geöffnet, um die Getreidesteuer einzutreiben. Die ortsansäßigen Magistrate fühlten sich durch die strikten Ankündigungen sehr unwohl. Sie wurden stark davon abgeschreckt, in die üblichen – wie soll ich sagen – Verhandlungen einzutreten. Nun, wenn das Getreide nicht eingeholt und pünktlich geliefert wird, was ist der Grund, dafür, daß ihr überhaupt alle hier seid?“ „Was für eine unsinnige Frage!“, sagte Schï-örl, „der Herr, der Intendant ist ein Mann des Wortes. Natürlich wird er seinen Verpflichtungen nachkommen. In der Tat war er seit ein paar Tagen dabei, die Mahnungen auszustellen, aber auf meinen Rat wurden sie aufgeschoben, weil Herr Dschëng sich ausruhen soll. Nun, sagen Sie mir, wieso Sie Herrn Dschou sehen wollten?“ Beamter: „Oh, das war alles ... die Mahnungen. Nichts weiter.“ Schï-örl: „Unsinn! Versuch’ nicht, mich für dumm zu verkaufen, mein Freund! Und komm nicht hereingeschlichen mit raffinierten kleinen Plänen, oder ich sag’ dem Intendanten, er solle dich schlagen und dir deinen Job wegnehmen.“ – Beamter: „Meine Familie dient in diesem Yamen seit drei Generationen. Ich habe hier eine anständige Position, ich schaffe es, ein ehrliches Leben zu führen. Ich habe nichts dagegen, genau Buch zu führen, bis der Intendant befördert wird und woanders hin zieht. Ich bin nicht wie die, die immer nur auf den Reis in ihrem Topf warten, um kochen zu können.“ Er verabschiedete sich formal von Li Schï-örl: „Ich gehe jetzt besser, Herr.“ Li Schï-örl stand auf und lächelte breit: „Komm schon, verstehst du keinen Spaß? Es gibt keinen Grund, von meinen Worten eingeschüchtert zu sein.“ „Ich bin nicht eingeschüchtert. Ich will nur nichts sagen, was den Ruf des Herrn beschmutzen könnte, Herr.“ Schï-örl ging hinüber zu dem Beamten und nahm ihn im Vertrauen an die Hand: „Sage mir, wie heißt du?“ „Dschan Hui, Herr“, antwortete der Beamte nervös, „ich habe selbst einige Jahre oben in der Hauptstadt verbracht, als ich ein Junge war.“ – „Dschan Hui! Natürlich! Ich habe von dir gehört. Komm schon, wir sitzen alle im selben Boot. Wenn es da etwas gibt, worüber du mit mir reden willst, warum kommst du dann nicht heute abend vorbei, und wir können ein wenig plaudern.“ „Wir wissen alle, wie geeignet Sie sind, Herr Li“, antwortete der Beamte laut, mit einem Seufzer der Erleichterung. „Nun, du hast mich für einen Moment erschrocken!“ Er verließ alle inmitten von Gelächter. An diesem Abend kehrte Dschan zurück, und er und Li hockten bis tief in die Nacht zusammen. Am nächsten Tag, als Li einen Vorwand fand, sich bei Djia Dschëng einzufinden, gab er Hinweise auf die ‚Maßnahmen‘, die ihm vorschwebten. Wie vorherzusehen war, erhielt er eine Rüge. Am folgenden Tag war es Djia Dschëngs Pflicht, die Stadt zu besuchen, und er erließ Anweisungen für sein Gefolge, sich fertig zu machen. Eine beachtliche Zeit verging, und der Gong im inneren Yamen schlug drei Mal, aber es gab immer noch kein Anzeichen davon, daß jemand die Trommel in der Haupthalle schlug. Jemand wurde endlich gefunden, um diese Pflicht zu erfüllen, und Djia Dschëng kam mit gemessenem Schritt aus seinen privaten Gemächern heraus, um nur einen Diener auf ihn wartend vorzufinden, statt der üblichen Gruppe von Läufern und Schreiern. Er beschloß, dieses Pflichtversäumnis vorerst nicht zu verfolgen. Djia Dschëng stieg in die Sänfte am Fuße seiner Terrasse und wartete auf die Sänftenträger. Wieder verging eine geraume Zeit, bevor diese zusammengekommen waren und bereit waren, ihn aus dem Yamen zu tragen. Die wichtige Abreise des Intendanten wurde nur von einem einmaligen Kanonendonner angekündigt, während nur zwei Mitglieder des Orchesters, ein Trommler und ein Hornist, eine armselige Erscheinung auf der Tribühne machten. Djia Dschëng war nun sehr verärgert. „Die Dinge waren bis heute in bester Ordnung. Was ist die Bedeutung von all diesem Chaos?“ Seine Abzeichenträger mußten auf dem Weg alles improvisieren, da nichts vorbereitet war. Djia Dschëng beendete seinen Besuch, so gut er konnte, und berief sofort bei seiner Rückkehr die Säumigen ein und drohte ihnen mit Auspeitschen. Einige wendeten ein, daß sie nicht kommen konnten, weil sie keine entsprechende Kopfbedeckung hatten, andere, daß sie gezwungen waren, ihre Uniformen zu verpfänden, während andere behaupteten, daß sie für drei Tage nicht gegessen hätten und daher zu schwach seien, um schwere Dinge zu tragen. Djia Dschëng ließ seinen Ärger an ihnen verbal aus, befahl, daß ein paar von ihnen ausgepeitscht würden und beließ es dabei. Am nächsten Tag kam der Chefkoch und fragte nach mehr Geld, und Djia Dschëng mußte ihn mit etwas von der persönlichen Reserve ausstatten, die er von zu Hause mitgebracht hatte. Von nun an folgte ein solcher Vorfall dem anderen, und es war bald deutlich, daß die meisten Abteilungen seines Yamen in vollkommener Unordnung waren. Am Ende wurde er dazu gebracht, nach dem Torwächter Li zu schicken, und fragte ihn geradeheraus: „Mein Personal, das mich hierher begleitet hat, hat sich verändert. Du mußt sie disziplinieren. Und noch etwas: Meine Reserve von barem Geld ist aufgebraucht, und es wird etwas dauern, bevor mein Gehalt vom Büro des Provinzschatzmeisters kommen wird, also werden wir nach Hause schreiben müssen, um einige Extrazahlungen zu bekommen.“ „Ich muß fast jeden Tag mit dem Personal reden, Herr“, antwortete Li, „aber ich kann da nichts machen. Sie scheinen ihr Interesse an der Arbeit verloren zu haben. Das ist in die Brüche gegangen, Herr. Was das Geld angeht, darf ich fragen, um wieviel Sie bitten werden? Ich weiß, das der Vizekönig in ein paar Tagen Geburtstag hat, und die Präfekte und Bezirksverwalter, meistens eine vierstellige Spende geben. Wieviel werdet ihr schicken, Herr?“ Djia Dschëng: „Du hättest mir das früher sagen sollen.“ Li: „Bei allem Respekt, Herr, das ist der Fehler der örtlichen Mandarine. Die haben Sie nicht informiert. Das ist, weil wir hier neu sind und keine Anstrengungen unternommen haben, sie kennenzulernen. Es würde mich nicht überraschen, wenn Sie ein Auge auf Ihre Arbeit geworfen hätten und sogar hoffen würden, Sie könnten dem Geburtstag des Vizekönigs überhaupt nicht beiwohnen, Herr.“ Djia Dschëng: „Das ist absurd! Ihre Majestät hat mich direkt auf diesen Posten berufen. Natürlich werde ich dem Geburtstag des Vizekönigs beiwohnen!“
Aus: Jinyuyuan 1889a.
Li sagte mit einem Lächeln: „Das ist alles sehr gut, Herr. Der Ärger ist, daß, da die Hauptstadt so weit weg ist, seine Majestät von dem Vizekönig abhängig ist, was die Informationen angeht. Wenn der Vizekönig schlecht von einer Person spricht, gibt es keine Hoffnung, daß diese Person sich selbst verteidigen kann, was immer die Wahrheit sein mag. Nun, ich bin sicher, daß die Herzoginmutter und die Damen sehen wollen, daß Sie Ihre Arbeit hier gut machen.“
Djia Dschëng begann zu sehen, auf was er hinaus wollte: „Warum konntest du all das nicht vorher sagen?“
Li: „Zuerst habe ich mich nicht getraut, Herr. Da Sie mich nun fragen, sagen Sie bitte nicht, daß ich kein anständiger Mensch wäre. Wenn ich es nun sage, müssen Sie ja ärgerlich über mich werden.“
Djia Dschëng: „Nicht, wenn es Sinn hat. Rede weiter!“
Li: „Nun, Herr: die Wahrheit ist, daß das Personal im Yamen eines Getreideintendanten erwartet, ein bißchen nebenher zu verdienen. Ihre Beamten und Läufer haben alle Geld für ihre Arbeit ausgegeben. Sie müssen für ihre Familien sorgen und für ihr Leben Geld verdienen. Und soweit Sie es angeht, Herr, seit Sie hier sind, hat noch niemand gesehen, was Sie geleistet haben, haben aber schon die Ortsansässigen mürrisch gemacht.“
Djia Dschëng: „Was meinst du? Mürrisch über was?“
Li: „Die Art, wie es die Ortsansässigen sehen, ist sehr einfach. Immer wenn ein neuer Intendant herkommt, benehmen sie sich so. Je strenger sie sind, desto sicherer ist es, daß sie Geld haben wollen. Und die Mandarine, die in diesem Distrikt arbeiten, sind dann eingeschüchtert und versuchen, mehr Silber zu schenken. Wenn die Zeit für die Getreidesteuer gekommen ist, wiederholt das Yamen-Personal die neuen Regeln des neuen Intendanten. Sie schwören, daß es ihnen nicht erlaubt sei, auch nur eine Münze für sich selbst herauszunehmen; und es bedeutet nur viel unnötigen Ärger und Verzögerungen für das Landvolk, das die Dinge lieber auf die alte Art erledigen will – es bezahlt ein bißchen mehr und will das Ganze schnell hinter sich bringen. Also, kurz, statt gut von Ihnen zu reden, jammern sie nur, daß Sie Ihre Situation nicht verstanden hätten.
Schauen sie sich Ihren netten Bekannten an, Herr – diesen Herrn Djia Yü-tsun, zu dem sie immer so freundlich waren. In ein paar Jahren wird er sich sehr gut gemacht haben, und alles nur, weil er korrupt ist. Er hat einen guten Sinn dafür, wie die Welt sich dreht, und weiß, wie er seine Vorgesetzten und sein Personal behandeln muß und wie er alles glatt laufen läßt.“
Djia Dschëng: „Das ist lächerlich! Behauptest du, daß ich kein Gespür dafür hätte? Harmonie ist eine Sache, aber wenn du mich mit jenen Katzen und Mäusen in einen Topf wirfst, mache ich nicht mit!“
Li: „Es ist nur meine Sorge um Sie, weswegen ich so ehrlich spreche, Herr. Wenn ich nur dastehe, und Sie so weitermachen lasse, wenn ich Sie nicht einmal warne und als Ergebnis Ihre Karriere ruiniert ist, werden Sie sehr schlecht von mir denken.“
Djia Dschëng: „Nun: was genau schlägst du vor?“
Li: „Mein Rat ist, schnell zu handeln; fühlen Sie sich ein, sichern Sie ihre eigenen Interessen, während Sie in den besten Jahren stehen, noch eine gute Stellung am Hof haben, und während die Herzoginmutter noch immer in guter Gesundheit lebt. Andererseits, bevor das Jahr zu Ende ist, werden Sie herausfinden, daß Sie all ihre eigenen Finanzmittel aufgebraucht haben, um offizielle Ausgaben abzugleichen. Niemand im Staatsdienst wird dann auch nur die geringste Sympathie für Sie haben. Niemand wird glauben, daß Sie arm sind. Sie werden alle denken, daß Sie auf einem geheimen Berg Geld sitzen; und wenn etwas falsch läuft, wird keiner bei Ihnen vorbeikommen, um Ihnen zu helfen. Sie werden es umöglich finden, sich zu erklären, und dann wird es zu spät sein, und Sie wünschen sich, sie hätten meinen Rat befolgt.“
Djia Dschëng: „Kurz, was du sagst, ist, daß ich es mir selbst erlauben muß, korrupt zu sein! Die Konsequenzen für mich selbst für eine solche Amtsverletzung, sogar den Tod selbst, erachte ich als nichts, im Vergleich zu der Schande, die die Ehre meiner Familie beflecken würde!
Li: „Sie sind ein weiser Mann, Herr. Wenn es ihnen um Familienehre geht, die sie bedrückt, dann denken sie einen Moment zurück an die Gruppe von Beamten, die sich selbst vor ein paar Jahren in so eine Schande gebracht haben; sie waren gute Freunde von Ihnen, gute Männer, Männer, von denen sie gesagt haben, sie stehen „über der Korruption“. Wo ist deren Familienehre nun? Auch andere Verwandte von ihnen, Männer, die Sie ‚absolute Schurken‘ genannt haben, haben sich sehr gut gemacht, sind von Erfolg zu Erfolg gegangen. Was war ihr Geheimnis? Sie wußten genau, wie sie sich anpassen mußten. Sie müssen auf die einfachen Leute aufpassen, aber Sie müssen auch auf die örtlichen Mandarine schauen. Wenn Ihre Ideen grundsätzlich beherzigt werden und es den Kreis- oder Bezirksmandarinen streng verboten wäre, selbst das kleinste Bißchen zu nehmen, nun, dann würde nichts in den Provinzen getan werden!
Ihr laßt die Dinge nach außen hin weiterhin respektabel erscheinen, und überlaßt all die Arbeit im Inneren mir. Ich werde die Dinge erledigen, so daß Sie nicht persönlich verwickelt sind. Ich versuche nur zu helfen, Herr. Das ist das Wenigste, was ich für Sie tun kann, nach all den Jahren.“
Djia Dschëng zögerte. „Ich glaube, auch ich muß sehen, wie ich überlebe“, sagte er am Ende, „tu, was immer du mußt. Aber ich will damit nichts zu tun haben.“
Er ging steif zurück in seine privaten Gemächer.
Li Schï-örl ging nun in sein eigenes Gemach und begann sein großes Glück zu ergattern. Er hatte bald, hinter Djia Dschëngs Rücken, eine ausgeklügelte Korruption organisiert, das das Personal des Yamen und örtliche Mandarine einband. Oberflächlich begann das Tagesgeschäft im Yamen wieder glatt zu laufen, so glatt, daß Djia Dschëng es sich erlaubte, seine Gedanken ruhen zu lassen und, weit weg von der Verdächtigung, daß etwas schief ging, vertraute er Li absolut. Jede Unregelmäßigkeit, die den Vorgesetzten berichtet wurde, wurde im Sinne von Djia Dschëngs Verlangen nach gewissenhafter Ehrlichkeit abgerechnet. Seine Privatsekretäre hatten eine gewitztere Idee von dem, was vor sich ging, und versuchten ihn zu warnen. Als er sich weigerte, darauf zu hören, gaben manche von ihnen auf, andere entschieden sich, um der Freundschaft willen, dran zu bleiben. Daher kam es, daß die Getreidesteuer für dieses Jahr bald eingesammelt und – ohne daß irgend einem Beamten gekündigt wurde – zur Hauptstadt geschickt wurde.
Eines Tages, an einem seiner freien Momente, saß Djia Dschëng in seinem Büro und las, als der Hauptbeamte einen Brief hineinschickte. Es hatte ein offizielles Siegel und trug die Beschriftung:
„Vom Kommandanten von Haimen und der umgebenden Küstenregion zum Yamen des Getreideintendanten von Djianghsi.
Per Express
Djia Dschëng öffnete den Umschlag und untersuchte seinen Inhalt:
Als ich im letzten Jahr wegen meiner Pflichten in die Hauptstadt gerufen wurde, hatte ich das Glück, weil wir beide aus Nanking stammen, mich bei mehreren Gelegenheiten Ihrer Gastfreundschaft zu erfreuen. Zu dieser Zeit haben Sie meinen Vorschlag, daß eine Verbindung zwischen unseren beiden Familien durch eine Ehe noch verstärkt werden könnte, sehr befürwortet. Dies hatte ich seitdem stets im Hinterkopf, aber war abgeneigt, diese Sache voranzutreiben, nachdem ich zur Verteidigung der See in diese abgelegene Region mußte. Diese Umstände haben ein solches Hindernis in den Weg unseres Planes gestellt, daß ich dies sehr bedaure. Nun, jedoch, da das Licht Ihrer noblen Anwesenheit die südlichen Himmel erleuchtet, wurde das Hindernis weggeräumt. Ich hatte daran gedacht, Ihnen zu schreiben und meine Glückwünsche zu schicken, als ich Ihren Brief erhielt.
Von diesem Nachtlager hebt ein Soldat seine Hand zu einem bescheidenen Salut! Sogar an diesen fernen Küsten spüre ich, wie ich in der angenehmen Wärme ihrer Gutmütigkeit schwelge.
Darf ich auf Ihre Einwilligung hoffen, wenn ich diese Verbindung noch einmal vorschlage? Mein Sohn war favorisiert, wenn ich richtig erinnere, mit gnädiger Anerkennung, und wir haben lange die große Freude erwartet, die die reizvolle Anwesenheit ihrer Tochter in unseren Haushalt bringen würde.
Wenn sie so freundlich wären, Ihre Zustimmung zu bestätigen, werde ich ohne weitere Verzögerung einen Boten losschicken. Obwohl die Reise für Ihre Tochter lang sein wird, kann sie mit dem Boot zurückgelegt werden. Und obwohl ich nicht viel bieten kann, was die Feier betrifft, kann ich wenigstens ein möbliertes Schiff schicken, um sie zu empfangen.
Dieses kurze Sendschreiben trägt meine ehrliche Gratulation für Ihren neuen Posten. In ungeduldiger Erwartung ihrer positiven Antwort, verbleibe ich als ihr demütigster und respektvollster Diener,
Dschou Tchiung.“
Nachdem er den Brief durchgesehen hatte, dachte Djia Dschëng: ‚Ich erinnere mich, daß ich diese Verlobung letztes Jahr vorschlug. Da schienen mehrere Vorzüge gewesen zu sein: Dschou sollte eine Stelle in der Hauptstadt annehmen, er und ich waren alte Freunde und beide aus Nankinger Familien; sein Sohn war ein gutaussehender junger Mann. Es war nur ein belangloser Vorschlag, und ich habe es nie zu Hause erwähnt. Nachdem er zur Verteidigung der See abberufen worden war, haben wir das Thema fallengelassen. Und doch hat nun ein unvorhersehbarer Schicksalsschlag mich hier in die Provinz verschlagen, und Dschou hat das Thema angesprochen. Dies scheint eine angemessene Familie zu sein, und ich denke, es wäre eine gute Partie für Tan-tschun. Aber ich bin alleine hier, und ich muß nach Hause schreiben und dort zuerst um Rat bitten.“
Er war noch immer am Nachdenken, als einer der Pförtner hereinkam, mit einem amtlichen Bericht, die ihn zu einer Konferenz mit dem Vizekönig berief, und er sollte sich sofort auf den Weg zum Sitz des Vizekönigs machen. Nach seiner Ankunft dort wartete er auf weitere Anweisungen und saß in der Wartehalle, blätterte untätig durch einen Stapel Zeitschriften, die auf dem Tisch lagen, als seine Augen auf einen Bericht des Justizministerium fielen:
„Untersuchungsbericht im Fall Hsüä Pan, der auf Geschäftsreisen war, registriertes Domizil in Nanking.“
„Oje!“, rief Djia Dschëng aufgeregt, „haben sie sich bereits geeinigt?“
Djia Dschëng. Aus: Jinyuyuan 1889b. Er las vorsichtig weiter. Der Hauptinhalt des Berichts war, daß Hsüä Pan, der Dschang San „bei einer Schlägerei“ getötet haben soll, mit den Verwandten des Getöteten und den anderen Augenzeugen gemeinsame Sache gemacht, und den Leichenbefund gefälscht haben soll, um die Anklage auf „Tod durch Unfall“ zu reduzieren. Djia Dschëng knallte mit der Hand auf den Tisch. „Er ist geliefert!“ Er las den Bericht zu Ende: „Der hauptstädtische Gouverneur hat folgenden Auszug das Falles verschickt: Hsüä Pan von Nanking übernachtete, als er durch die Stadt Tai-ping reiste, in Lis Hotel. Einer seiner Kellner, eingestellt beim Besitzer Li, war ein bestimmter Dschang San, mit dem Hsüä vorher nicht bekannt war. Am soundsovielten des Monats sowieso im Jahre sowieso, bestellte Hsüä Pan bei dem Besitzer etwas Wein, da er Wu Liang (ursprünglich aus Tai-ping) eingeladen hatte, mit ihm zu trinken. Als sein Gast kam, schickte er den Kellner Dschang San, ihm den Wein zu bringen. Der Wein war nicht lecker genug, und Hsüä Pan bat ihn, ihn durch etwas Besseres zu ersetzen. Dschang San verwies darauf, daß dieser bestimmte Wein bestellt worden war, und es unmöglich wäre, ihn zu ersetzen. Hsüä Pan fand Dschangs Benehmen anmaßend und hob den Becher, um ihm den Wein ins Gesicht zu schütten.