Hongloumeng/de/Chapter 19

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Kapitel 19

情切切良宵花解语

意绵绵静日玉生香

Nachdem Yüan-tschun in den Kaiserpalast zurückgekehrt war, wurde sie am folgenden Tag vom Kaiser empfangen und bedankte sich für seine Huld. Gleichzeitig berichtete sie ihm über ihren Elternbesuch, und des Kaisers Drachenantlitz war hocherfreut. Er beschenkte Djia Dschëng wie auch die Väter der übrigen Nebenfrauen mit buntem Brokat, Gold und Silber sowie anderen Gaben aus den kaiserlichen Speichern. Aber davon muß nicht im einzelnen erzählt werden. Im Jung-guo- und im Ning-guo-Anwesen war durch die Anstrengungen der letzten Tage jedermann müde und erschöpft. Aber erst einmal mußten jetzt zwei, drei Tage lang im Garten alle Ausstattungsstücke wieder eingesammelt werden. Die meisten Sorgen und die schwerste Bürde hatte dabei Hsi-fëng. Alle anderen konnten sich vielleicht heimlich eine Ruhepause verschaffen, nur sie kam nicht frei. Auch war sie von Natur aus ehrgeizig und wollte sich von niemandem etwas nachsagen lassen. Also riß sie sich zusammen und tat so, als ob gar nichts wäre. Die allergrößte Muße aber hatte Bau-yü, und ausgerechnet heute war am frühen Morgen Hsi-jëns Mutter gekommen, um der Herzoginmutter zu melden, sie hole Hsi-jën nach Hause, damit sie mit der Familie den Neujahrstee trinken könne. Hsi-jën konnte erst am Abend wieder zurück sein, deshalb hatte Bau-yü nur die übrigen Sklavenmädchen, mit denen er zum Zeitvertreib Würfel spielte. Da kamen, als er lustlos im Zimmer beim Spiel saß, andere Sklavenmädchen mit der Meldung, Herr Dschën aus dem Ostanwesen lasse zu einer Theatervorführung und zur Laternenschau hinüberbitten. Als Bau-yü das hörte, befahl er, man solle ihn umkleiden, und als er dann losgehen wollte, wurde eben eine süße Cremespeise gebracht, die Yüan-tschun ihm schicken ließ. Da Bau-yü wußte, daß letztens Hsi-jën Geschmack daran gefunden hatte, befahl er, man solle sie ihr aufheben. Nachdem er sich dann bei der Herzoginmutter abgemeldet hatte, begab er sich ins Ning-guo-Anwesen hinüber, um dort die Theaterschau anzusehen. Wider Erwarten wurden aber bei Djia Dschën nur Stücke gespielt wie „Ding-lang findet seinen Vater“ , „Huang Bo-yang führt Geister in die Schlacht“, „Sun Wu-kung stiftet Unruhe im Himmel“ und „Djiang Dsï-ya bringt Feldherren um und verteilt Götterlehen“, in denen unversehens mal Götter und Teufel, mal Ungeheuer und Gespenster auftraten. Fahnenschwenkende Prozessionen zogen vorüber, und unter Gebeten wurde Weihrauch verbrannt. Der Lärm der Becken und Trommeln und der Schreie und Rufe drang weit über die Gasse hinaus, und auf der Straße sagte jedermann anerkennend: „Was für ein lebhaftes Spiel! Nirgendwo sonst kann es das geben!“ Angesichts dieses unerträglichen Prunks und Tumults hielt es Bau-yü nicht lange aus und begann, überall müßig umherzustreifen. Zuerst ging er in die inneren Gemächer, wo er ein Weilchen mit Frau You und den Sklavenmädchen und Nebenfrauen plauderte und scherzte. Dann ging er wieder zum Innentor hinaus, und da Frau You dachte, er ginge das Theaterspiel anzusehen, kümmerte sie sich nicht weiter um ihn. Djia Dschën, Djia Liän und Hsüä Pan aber hatten nichts anderes im Sinn, als Weinrunden auszuknobeln und sich auf hunderterlei Art zu vergnügen, deshalb machten sie sich um Bau-yü keine Gedanken, und als er nicht wieder auftauchte, meinten sie, er müsse noch in den inneren Gemächern sein. So unterließen sie es, sich nach ihm zu erkundigen. Von Bau-yüs Sklaven aber hatten die älteren, weil sie wußten, Bau-yü würde bis zum Abend bleiben, wenn er einmal hier war, die Gelegenheit wahrgenommen – die einen, um sich zu Glücksspielen zusammenzutun, die anderen, um zu Freunden oder Verwandten zu gehen und mit ihnen den Neujahrstee zu trinken, und wieder andere sogar, um Freudenhäuser oder Weinstuben aufzusuchen. So waren sie alle auseinandergelaufen, um sich erst am Abend wieder einzufinden. Die jüngeren aber waren ins Theatergebäude geschlüpft, um sich am Tumult des Spiels zu ergötzen. Als Bau-yü sah, daß er ganz allein war, kam ihm der Gedanke, daß hier in einem kleinen Bibliotheksraum immer das Bild einer schönen Frau gehangen hatte, das sehr lebendig gemalt war, und er sagte sich, die Frau müsse sich an so einem Tag, wo alles vergnügt war, sicher sehr einsam fühlen, darum wollte er zu ihr gehen, um sie zu trösten. Als er sich mit diesem Gedanken der Bibliothek genähert hatte und eben vor dem Fenster stand, hörte er plötzlich von drinnen ein Stöhnen. Erschrocken fuhr er zurück und fragte sich: ‚Ist die Schöne etwa lebendig geworden?‘ Dann aber faßte er Mut, machte mit der Zungenspitze ein Loch ins Fensterpapier und schaute hinein. Da war nicht das Bild lebendig geworden, sondern Ming-yän preßte sich auf ein Mädchen und war mit der Sache beschäftigt, über die Bau-yü von der Fee Warnendes Trugbild belehrt worden war. Bau-yü konnte nicht an sich halten. „Was ist denn das?“ rief er laut, stieß mit einem Fußtritt die Tür auf und ging hinein, so daß die beiden erschrocken auseinanderfuhren und vor Angst schlotterten. Als Ming-yän erkannte, daß es Bau-yü war, kniete er rasch nieder und bat in einem fort um Gnade. „Schöne Sachen treibst du hier am hellichten Tag“, sagte Bau-yü. „Wenn Herr Dschën davon erfährt, geht es dir an den Kragen!“ Dabei musterte er das Sklavenmädchen und stellte fest, daß sie zwar keine Schönheit war, aber doch recht sauber aussah und durchaus etwas Anziehendes hatte. Jetzt glühte sie vor Scham bis an die Ohren, hielt den Kopf gesenkt und brachte kein Wort hervor. Da stampfte Bau-yü mit dem Fuß auf und fragte: „Willst du nicht endlich fortlaufen?“ Seine Worte brachten das Mädchen wieder zur Besinnung, und schnell wie im Flug lief sie hinaus. Bau-yü stürzte ihr nach und rief: „Hab keine Angst, ich verrate niemand davon!“ Aufgeregt rief Ming-yän von drinnen: „Kleiner Ahnherr! Auf diese Weise verratet Ihr es mit Sicherheit!“ „Wie alt ist das Mädchen?“ fragte Bau-yü ihn dann. „Älter als sechzehn oder siebzehn kann sie nicht sein“, erwiderte Ming-yän. „Wenn du sie nicht einmal nach ihrem Alter gefragt hast, weißt du doch sonst erst recht nichts von ihr“, sagte Bau-yü. „Wie man sieht, wäre es besser gewesen, sie hätte dich nicht kennengelernt. Schade um sie!“ Dann fragte er: „Und wie heißt sie?“ – „Das ist eine Geschichte für sich“, sagte Ming-yän lachend, „und so ungewöhnlich, daß niemand sie sich ausdenken könnte. Wie sie erzählte, hat ihre Mutter, als sie mit ihr schwanger ging, im Traum ein Stück Brokat bekommen, dessen buntes Muster die Motive Reichtum und Vornehmheit sowie ein Band aus verschlungenen Hakenkreuzen zeigte. Darum hat sie ihre Tochter Wan-örl – ‚Hakenkreuzchen‘ – genannt.“ „Das ist wirklich ungewöhnlich“, sagte Bau-yü lächelnd. „Gewiß wird sie noch ihr Glück machen.“ Nach diesen Worten versank er in Nachdenken. „Warum seht Ihr Euch die schönen Theaterstücke nicht an, junger Herr?“ fragte Ming-yän. „Ich habe sie mir ja eine ganze Weile angesehen“, sagte Bau-yü, „aber es war schrecklich langweilig. Darum ging ich spazieren, und dabei bin ich auf Euch gestoßen. Aber was machen wir jetzt am besten?“ Lachend erwiderte Ming-yän: „Niemand wird etwas davon merken, darum will ich Euch heimlich vor die Stadt führen, und dort gehen wir spazieren. Dann kommen wir hierher zurück, und die andern werden nichts davon erfahren!“ „Das ist nicht das Richtige“, sagte Bau-yü. „Wir müßten aufpassen, daß wir nicht von Bettlern entführt werden. Und wenn die andern doch etwas von der Sache erfahren, gibt es Ärger. Das beste ist, wir bleiben hier in der Nähe, dann sind wir schneller wieder zurück!“ „Aber zu wem wollen wir hier in der Nähe gehen? Das ist die Schwierigkeit“, wandte Ming-yän ein. Lächelnd erwiderte Bau-yü: „Ich finde, wir sollten Schwester Hua besuchen und nachsehen, was sie zu Hause treibt.“ „Richtig!“ sagte Ming-yän. „Sie hatte ich ganz vergessen. Aber wenn die andern davon erfahrten, werden sie sagen, ich hätte Euch auf Abwege geführt, und werden mich schlagen.“ Aber Bau-yü beruhigte ihn: „Ich bin ja auch noch da!“ Daraufhin holte Ming-yän das Pferd, und sie gingen zum Hintertor hinaus. Glücklicherweise wohnte Hsi-jëns Familie nicht weit entfernt, es war nur ein halbes Li, und so standen sie schon im Handumdrehen vor dem Tor. Zuerst ging Ming-yän allein hinein und rief nach Hsi-jëns älterem Bruder Hua Dsï-fang. Hsi-jëns Mutter hatte außer Hsi-jën noch ein paar Nichten eingeladen, und sie knabberten eben Naschwerk zum Tee, als draußen jemand rief: „Bruder Hua!“ Verwundert ging Hua Dsï-fang hinaus und erblickte dort Herrn und Diener. Er war vor Schreck ganz verwirrt und half Bau-yü rasch vom Pferd. Dann rief er noch vom Hof aus: „Der junge Herr Bau-yü ist gekommen!“ Für die anderen ging das noch an, Hsi-jën aber, die nicht wußte, was sie davon halten sollte, lief rasch hinaus, ging Bau-yü entgegen, faßte ihn am Arm und fragte: „Wie kommst du denn hierher?“ „Ich hatte so schreckliche Langeweile“, erwiderte Bau-yü lächelnd, „da bin ich gekommen, um zu sehen, was du hier machst.“ Hsi-jën fiel ein Stein vom Herzen, und nach einem Seufzer der Erleichterung sagte sie lächelnd: „Was fällt dir nur ein? Was willst du nun hier?“ Dann wandte sie sich zu Ming-yän und fragte: „Wen habt ihr noch mit dabei?“ Lächelnd gab ihr Ming-yän zur Antwort: „Kein Mensch weiß etwas davon. Wir sind nur zu zweit.“ Als Hsi-jën das hörte, bekam sie einen Schreck und sagte: „Was soll denn das heißen? Wenn ihr nun jemand getroffen hättet, oder der gnädige Herr hätte euch gesehen? Außerdem wimmelt es auf der Straße von Menschen, Pferden, Wagen und Sänften. Wie leicht hätte euch etwas zustoßen können! Ihr seid ja wirklich mehr als tapfer! Aber natürlich bist du der Anstifter, Ming-yän! Wenn ich zurück bin, sage ich es den Ammen, und dann setzt es Schläge!“ Worauf Ming-yän trotzig den Mund verzog und sagte: „Mit Schelte und Schlägen hat mir der junge Herr befohlen, ihn herzuführen, und jetzt wird mir die Schuld in die Schuhe geschoben. Dabei habe ich noch gesagt, wir sollten besser nicht gehen. Wenn nicht anders, kehren wir wieder um!“ Rasch legte sich Hua Dsï-fang ins Mittel und sagte: „Wenn ihr schon einmal hier seid, brauchen wir auch nicht mehr lange darüber zu streiten. Aber unser ärmliches Haus ist eng und schmutzig. Wie kann der junge Herr wohl hier Platz nehmen!“ Inzwischen war auch Hsi-jëns Mutter herausgekommen, und nun faßte Hsi-jën Bau-yü an der Hand und führte ihn hinein. Im Zimmer erblickte Bau-yü ein paar Mädchen, die bei seinem Eintritt verschämt die Köpfe senkten. Hua Dsï-fang und seine Mutter hatten tausend Befürchtungen, Bau-yü könnte frieren, darum nötigten sie ihn, er solle auf dem Ofenbett Platz nehmen, begannen ein Extratischchen mit Näschereien zu richten und gossen ihm rasch vom besten Tee ein. Aber lächelnd warf Hsi-jën ein: „Ihr braucht euch keine Mühe zu geben, ich weiß doch Bescheid. Auch das Naschwerk ist überflüssig. Er kann nicht wahllos alles mögliche essen.“ Bei diesen Worten legte sie ihr eigenes Sitzkissen für Bau-yü aufs Ofenbett, schob ihm ihren Fußofen unter die Füße und nahm dann zwei pflaumenblütenförmige Duftstofftäfelchen aus ihrer Gürteltasche, öffnete den Deckel ihres Handöfchens, zündete die Täfelchen darin an, machte den Deckel wieder zu und schob Bau-yü das Öfchen in den Brustausschnitt. Dann goß sie Tee in ihre eigene Tasse und reichte diese Bau-yü. Inzwischen brachten ihre Mutter und ihr Bruder das Tischchen, das sie zierlich mit Naschwerk gedeckt hatten. Hsi-jën sah, daß Bau-yü nichts davon essen würde, und sagte lächelnd zu ihm: „Der Anstand verlangt, daß du auch etwas ißt, wenn du schon einmal hier bist. Darum mußt du wohl oder übel wenigstens davon kosten, damit du wirklich bei uns zu Besuch gewesen bist.“ Damit nahm sie ein paar Zirbelnüsse vom Teller, blies die Häutchen davon ab und reichte sie Bau-yü auf einem Taschentuch. Bau-yü, der sah, daß Hsi-jëns Augen gerötet waren und daß Tränenspuren über ihr gepudertes Gesicht liefen, fragte leise: „Warum hast du geweint?“ „Warum sollte ich geweint haben?“ gab sie lächelnd zurück. „Ich hatte etwas ins Auge bekommen und habe es gerieben.“ Da Bau-yü eine dunkelrote Robe mit hufförmigen Manschetten trug, die mit vierklauigen goldenen Drachen bestickt und mit Fuchsklaue gefüttert war, und darüber eine mit Quasten verzierte und mit Zobelfell gefütterte azuritblaue Überjacke, fragte Hsi-jën jetzt: „Hat denn niemand gefragt, wo du hingehst, wenn du dich extra frisch angezogen hast, um hierher zu kommen?“ „Das hatte ich angezogen, um bei Herrn Dschën eine Theatervorführung anzusehen“, gab Bau-yü lächelnd zur Antwort. Hsi-jën nickte, dann sagte sie: „Bleib ein Weilchen sitzen und geh dann wieder! Das hier ist nicht der richtige Ort für dich.“ „Am schönsten wäre es, wenn du gleich mitkämst“, sagte Bau-yü. „Ich habe auch etwas Gutes für dich aufheben lassen.“ Hsi-jën lächelte verstohlen darüber, bevor sie sagte: „Nicht so laut! Was sollen die andern denken, wenn sie das hören?“ Dann streckte sie ihre Hand aus, nahm Bau-yü den beseelten Jadestein ab, den er um den Hals trug, und sagte lächelnd zu ihren Kusinen: „Hier, seht ihn euch an! Immer, wenn davon die Rede war, habt ihr gemeint, es wäre wunder was, und wolltet ihn gerne sehen. Heute nun könnt ihr ihn nach Herzenslust anschauen. Was ist denn nun groß daran?“ Damit reichte sie ihnen den Stein, und als ihn alle der Reihe nach angesehen hatten, hängte sie ihn Bau-yü wieder um. Dann befahl sie ihrem Bruder, er solle gehen, um eine kleine Sänfte oder einen Wagen zu mieten, und Bau-yü nach Hause bringen. „Er kann doch auch reiten, und ich begleite ihn“, sagte Hua Dsï-fang. „Darum geht es ja nicht“, erklärte Hsi-jën. „Es ist nur, damit ihn unterwegs niemand sieht.“ Also ging Hua Dsï-fang rasch fort und holte eine kleine Sänfte. Niemand von den anderen wagte es, Bau-yü zum Bleiben aufzufordern, und so begleiteten sie ihn alle hinaus. Hsi-jën steckte Ming-yän noch etwas von dem Naschwerk zu, gab ihm ein wenig Geld, für das er sich Feuerwerkskörper kaufen sollte, und schärfte ihm ein: „Sag nur keinem Menschen etwas, denn du bist selber nicht unschuldig!“ Dann begleitete sie Bau-yü bis vor das Tor, sah zu, wie er in die Sänfte stieg, und ließ die Vorhänge herab. Hua Dsï-fang und Ming-yän führten zu zweit Bau-yüs Pferd hinterher. Als sie am Ning-guo-Anwesen waren, befahl Ming-yän den Sänftenträgern zu halten und sagte zu Hua Dsï-fang: „Ich muß erst ein Weilchen mit dem Herrn hier ins Ostanwesen gehen, ehe wir zu uns hinüber können, sonst schöpft noch jemand Verdacht!“ Hua Dsï-fang fand es vernünftig, was er sagte, darum hob er Bau-yü rasch aus der Sänfte und half ihm aufs Pferd. „Hab Dank für die Mühe!“ sagte Bau-yü lächelnd und ritt dann zum Hintertor hinein. Weiter soll davon nicht die Rede sein. Nachdem Bau-yü aus seinem Zimmer fortgegangen war, hatten sich die Sklavenmädchen dort noch ausgelassener vergnügt. Die einen würfelten, die anderen spielten Domino, und der ganze Fußboden war mit den ausgekauten Schalen von Melonenkernen bedeckt. Und ausgerechnet jetzt mußte Amme Li auf ihren Stock gestützt hereinkommen, um ihren Gruß zu entbieten und nach Bau-yü zu sehen. Als sie feststellte, daß Bau-yü nicht zu Hause war und die Sklavenmädchen unbekümmert weiterspielten, war sie zutiefst empört und sagte mit einem Seufzer: „Seitdem ich nicht mehr hier bin und nicht so oft komme, habt ihr überhaupt keinen Anstand mehr. Die anderen Ammen wagen euch nichts zu sagen, und Bau-yü ist so eine große Leuchte, daß sein Licht überallhin fällt, nur nicht vor seine eigenen Füße. Andern wirft er vor, sie seien schmutzig, aber was ihr aus seinem Zimmer macht, spottet jeder Beschreibung!“ Die Mädchen wußten nur zu gut, daß Bau-yü es damit nicht sehr genau nahm, außerdem war Amme Li wegen ihres Alters aus dem Dienst geschieden und weggezogen, so daß sie ihnen nichts mehr zu sagen hatte, darum spielten sie unbeirrt weiter und kümmerten sich nicht um die Worte der Alten. Amme Li aber erkundigte sich, wieviel Bau-yü gegessen habe, wann er schlafen gegangen sei und ähnliches mehr. Die Mädchen gaben nur beiläufig darauf Antwort und eine sagte: „So ein garstiges altes Ding!“ „Das ist wohl Creme hier in dem Schälchen?“ fragte Amme Li jetzt. „Warum habt ihr mir das nicht bringen lassen? Ich werde es essen!“ Bei diesen Worten griff sie nach einem Löffel, und schon begann sie zu essen. „Rühr das nicht an!“ sagte eines der Mädchen. „Bau-yü hat gesagt, es soll für Hsi-jën aufgehoben werden. Wenn er zurückkommt und es wieder Ärger gibt, mußt du ihm selbst eingestehen, daß du daran gewesen bist, damit wir nicht mit hineingezogen werden!“ Als Amme Li das hörte, war sie zornig und beschämt zugleich. „Ich glaube nicht, daß Bau-yü so ein schlechter Mensch ist“, sagte sie. „Nicht nur so ein Schälchen Kuhmilch, auch teurere Sachen müßte er mir gönnen. Kann er denn Hsi-jën besser behandeln als mich? Und wird er denn, nachdem er so groß geworden ist, nicht daran denken, daß er mit meiner Milch aufgezogen wurde, die sich aus meinem Blut gebildet hat? Und da soll er sich aufregen, nur weil ich jetzt so ein Schälchen Kuhmilch esse? Nun will ich es gerade essen, um zu sehen, was daraus wird! Ihr haltet Hsi-jën für wer weiß was, dabei ist sie nichts weiter als ein dummes Ding, das ich selber ausgebildet habe.“ Und damit aß sie die Cremespeise trotzig auf. „Die andern wissen sich nicht richtig auszudrücken, kein Wunder, daß Ihr da in Zorn geratet, alte Frau“, sagte jetzt ein anderes Sklavenmädchen. „Bau-yü schickt Euch doch ständig etwas, um Euch seine kindliche Ehrerbietung zu bezeugen, da wird ihm auch das nichts ausmachen!“ „Ihr braucht gar nicht mir schönzutun“, erwiderte Amme Li. „Ihr meint wohl, ich wüßte nicht, wie damals wegen des Tees Tjiän-hsüä hinausgeworfen wurde? Wenn mir Bau-yü morgen wieder eine Schuld zuspricht, werde ich kommen und sie auf mich nehmen!“ Mit diesen Worten ging sie wütend hinaus. Bald darauf kam Bau-yü zurück und befahl, man solle Hsi-jën abholen. Als er sah, daß Tjing-wën auf dem Bett lag, ohne sich zu rühren, fragte er: „Ist sie etwa krank? Wenn nicht, hat sie bestimmt im Spiel verloren!“ „Zuerst hatte sie gewonnen“, gab ihm Tjiu-wën Auskunft. „Doch dann kam Amme Li, und vor lauter Verwirrung verlor sie. Da hat sie sich vor Wut schlafen gelegt.“ „Aber du wirst doch einen anderen Horizont haben als Amme Li!“ sagte Bau-yü lächelnd zu Tjing-wën. „Laß sie machen, was sie will, und kümmer dich nicht darum!“ Bei diesen Worten kam eben Hsi-jën herein, und nachdem sie einander begrüßt hatten, fragte sie Bau-yü, wo er gegessen habe und wann er zurückgekommen sei. Dann richtete sie den übrigen Mädchen Grüße von ihrer Mutter und ihren Kusinen aus. Nachdem sie sich umgezogen und ihren Schmuck abgelegt hatte, befahl Bau-yü, die Cremespeise zu holen, aber die Mädchen berichteten, Amme Li habe sie aufgegessen.k und befahl, man solle Hsi-jën abholen. Als er sah, daß Tjing-wën auf dem Bett lag, ohne sich zu rühren, fragte er: „Ist sie etwa krank? Wenn nicht, hat sie bestimmt im Spiel verloren!“ „Zuerst hatte sie gewonnen“, gab ihm Tjiu-wën Auskunft. „Doch dann kam Amme Li, und vor lauter Verwirrung verlor sie. Da hat sie sich vor Wut schlafen gelegt.“ „Aber du wirst doch einen anderen Horizont haben als Amme Li!“ sagte Bau-yü lächelnd zu Tjing-wën. „Laß sie machen, was sie will, und kümmer dich nicht darum!“ Bei diesen Worten kam eben Hsi-jën herein, und nachdem sie einander begrüßt hatten, fragte sie Bau-yü, wo er gegessen habe und wann er zurückgekommen sei. Dann richtete sie den übrigen Mädchen Grüße von ihrer Mutter und ihren Kusinen aus. Nachdem sie sich umgezogen und ihren Schmuck abgelegt hatte, befahl Bau-yü, die Cremespeise zu holen, aber die Mädchen berichteten, Amme Li habe sie aufgegessen. Gerade als Bau-yü etwas dazu sagen wollte, griff Hsi-jën lächelnd mit den Worten ein: „Ach, Cremespeise war es also, was du für mich aufheben ließest! Schönen Dank, daß du daran gedacht hast, aber als ich letztens davon aß, hat sie wohl gut geschmeckt, hinterher jedoch hatte ich schöne Bauchschmerzen, und mir wurde erst besser, als ich sie wieder von mir gegeben hatte. Gut, daß sie sie

Ling-guan. Aus: Gai Qi 1879. ge­ges­sen hat, sie hätte nur umsonst hier gestanden und wäre noch schlecht geworden. Das einzige, was ich essen möchte, sind getrocknete Kastanien. Schäl mir welche, und ich gehe derweilen das Bett machen!“ Bau-yü zweifelte nicht an dem, was sie sagte, und ließ die Sache mit der Cremespeise auf sich beruhen. Er holte Kastanien und begann sie im Schein der Lampe zu schälen. Als er sah, daß niemand weiter im Zimmer war, fragte er Hsi-jën lächelnd: „Wer waren denn heute die Mädchen in Rot?“ „Das waren zwei Kusinen von seiten der Schwester meiner Mutter“, gab Hsi-jën Auskunft, und Bau-yü seufzte bewundernd. „Warum seufzt du?“ fragte Hsi-jën. „Ach, ich verstehe schon, was du meinst. Du fragst dich, wie sie dazu kommen, sich in Rot zu kleiden.“ „Nicht doch, nicht doch“, wehrte Bau-yü ab. „Wenn sie sich nicht in Rot kleiden dürften, wer dann? Ich meinte nur, es ist schade, daß wir solche schönen Mädchen nicht hier bei uns haben können.“ „Mag ich immerhin als Sklavin leben müssen“, erwiderte Hsi-jën darauf mit einem kühlen Lächeln, „aber müssen deshalb etwa auch alle meine Verwandten Sklaven werden? Und die schönsten Mädchen müssen es auch noch sein, die du haben willst!“ „Du traust mir wieder mal nur das Schlimmste zu“, sagte Bau-yü rasch. „Wenn ich sage, ich möchte sie hier bei uns haben, muß das ja nicht unbedingt heißen, ich will sie als Sklavinnen haben? Kann es nicht heißen, als Verwandte?“ „Dafür kommen sie dann wohl doch nicht in Frage“, sagte Hsi-jën. Jetzt wollte Bau-yü das Gespräch nicht mehr fortsetzen und schälte stumm die Kastanien. „Warum sagst du denn nichts mehr?“ fragte Hsi-jën lächelnd. „Wahrscheinlich habe ich dich mit meinen unüberlegten Worten gekränkt. Geh doch einfach morgen hin und kauf sie für ein paar Liang Silber!“ „Was sollte ich dir noch antworten?“ sagte Bau-yü wieder lächelnd. „Ich habe die Mädchen nur gelobt und fand, sie seien gerade die richtigen, um hier in diesen Hallen und Höfen zu leben anstelle von uns schmutzigen Dingern.“ „Dieses Glück haben sie zwar nicht“, sagte Hsi-jën, „aber sie sind doch von klein auf verzärtelt worden und sind die Lieblinge meines Onkels und meiner Tante. Jetzt sind sie siebzehn Jahre alt, und Aussteuer jeglicher Art liegt für sie schon bereit. Nächstes Jahr werden sie heiraten.“ Als Bau-yü das Wort ‚heiraten‘ hörte, seufzte er unwillkürlich auf, und es war ihm offensichtlich nicht wohl dabei zumute. Dann aber hörte er, wie auch Hsi-jën seufzte, bevor sie weitersprach. „Nun habe ich all die Jahre, die ich hier bin, nicht mit meinen Kusinen zusammen sein können“, sagte sie, „und jetzt, wo ich nach Hause zurückkehre, gehen sie alle fort.“ Bau-yü merkte, daß etwas mehr in diesen Worten steckte, und bekam einen Schreck. Rasch legte er die Kastanien aus der Hand und fragte: „Was heißt das, du kehrst nach Hause zurück?“ „Heute hörte ich, wie meine Mutter mit meinem Bruder darüber sprach, ich solle noch ein Jahr aushalten, und nächstes Jahr würden sie mich dann freikaufen“, antwortete Hsi-jën. Als Bau-yü das hörte, geriet er noch mehr in Verwirrung und fragte: „Warum wollen sie dich freikaufen?“ „Du fragst aber auch komisch“, sagte Hsi-jën. „Ich bin doch nicht bei euch als Sklavin geboren. Meine ganze Familie lebt woanders, und ich allein lebe hier bei euch, das ist doch nichts auf die Dauer.“ „Und wenn ich dich nicht gehen lasse?“ fragte Bau-yü. „Das gibt es ja nicht“, erwiderte Hsi-jën, „selbst im Kaiserpalast gilt die feststehende Regel, daß alle paar Jahre Palastmädchen ausgewählt werden und für einige Jahre in den Palast kommen. Keine wird dort auf ewig festgehalten, geschweige denn hier bei euch.“ Bau-yü dachte darüber nach und sagte sich, daß sie recht hatte. Dennoch fuhr er fort: „Und wenn die alte gnädige Frau dich nicht gehen läßt?“ „Warum sollte sie das tun?“ fragte Hsi-jën. „Ja, wenn ich etwas ganz Besonderes wäre und die alte gnädige Frau oder die gnädige Frau fänden so großen Gefallen an mir, daß sie mich auf keinen Fall fortlassen wollten, könnten sie meiner Familie vielleicht noch ein paar Liang Silber geben und mich hier behalten. So etwas mag es schon geben. Aber ich bin ja nur ein ganz gewöhnliches Mädchen, und bessere gibt es noch und noch. Als ich als kleines Kind hierher zur alten gnädigen Frau kam, bediente ich erst jahrelang Fräulein Schï. Jetzt bediene ich dich auch schon seit mehreren Jahren, und nun ist es wohl Zeit, daß meine Familie mich freikauft. Ich glaube, man wird vielleicht nicht einmal Geld für mich verlangen, sondern mich aus Gnade freigeben. Daß man mich nicht gehen läßt, weil ich dir gut gedient habe, kann wohl nicht sein, denn gut zu dienen gehört nun einmal dazu und ist keine besondere Leistung. Und wenn ich weg bin, kommt an meiner Statt eine andere, die genausogut ist wie ich. So ist es ja nicht, daß es ohne mich nicht ginge!“ Als Bau-yü das hörte, erkannte er, daß alles dafür sprach, daß Hsi-jën fortgehen würde, und nichts dafür, daß sie bliebe. So wurde seine innere Unruhe noch größer, und er sagte: „Ich glaube trotzdem, daß die alte gnädige Frau, wenn ich dich unbedingt behalten möchte, bestimmt mit deiner Mutter reden und ihr so viel Silber geben wird, daß es ihr peinlich sein würde, dich nach Hause zu holen.“ „Meine Mutter würde sicher nicht wagen, sich darauf zu versteifen“, erwiderte Hsi-jën, „zumal wenn man sich gütlich mit ihr einigt und ihr reichlich Silber gibt. Doch selbst dann, wenn man nicht mit ihr redete und ihr gar kein Geld böte, würde sie bestimmt nachgeben, wenn man mich wirklich unbedingt hier behalten wollte. Aber deine Familie hat noch nie auf ihre Macht und Vornehmheit gebaut, um auf Tyrannenart zu handeln. Das ist auch etwas anderes als mit einem Gegenstand, für den man den zehnfachen Preis bezahlt, weil man ihn unbedingt haben will. Dann hat der Verkäufer keinen Nachteil davon, und die Sache mag angehen. Wenn man aber mich ohne Grund und Ursache hier behalten würde, brächte dir das keinen Vorteil, unsere Familie aber würde auseinandergerissen. So etwas machen die alte gnädige Frau und die gnädige Frau bestimmt nicht.“ Bau-yü dachte lange über diese Worte nach, ehe er sagte: „Dann gehst du also ganz bestimmt?“ „Ja“, antwortete Hsi-jën. „Wer hätte gedacht, daß ein Mensch wie sie so kaltherzig und treulos sein kann!“ dachte Bau-yü still bei sich. Dann sagte er mit einem Seufzer: „Hätte ich früher gewußt, daß du fortgehen willst, dann hätte ich dich nicht zu mir genommen. Zum Schluß bleibe ich zurück wie ein armes Waisenkind.“ Mit diesen Worten legte er sich wütend aufs Bett. In Wirklichkeit hatte Hsi-jën, als sie zu Hause von der Absicht ihrer Mutter und ihres Bruders hörte, sie freizukaufen, erklärt, sie wolle bis an ihr Lebensende nicht wieder zurückkommen. Und sie hatte hinzugesetzt: „Als ihr damals nichts zu essen hattet, war ich das einzige, was noch ein paar Liang Silber einbringen konnte. Hättet ihr mich nicht verkauft, hätte ich zusehen müssen, wie Vater und Mutter verhungerten. Zum Glück bin ich zu Leuten gekommen, wo ich dasselbe Essen und dieselbe Kleidung habe wie die Herrschaften und wo es nicht Schläge am Morgen und Schelte am Abend gibt. Außerdem habt ihr die Familie trotz Vaters Tod wieder in die Höhe gebracht. Ich würde es ja verstehen, wenn es euch noch immer schlecht ginge und wenn ihr mich freikaufen wolltet, um mich wieder zu verkaufen und etwas dabei herauszuschlagen. Aber es geht euch ja nicht schlecht. Wozu also wollt ihr mich freikaufen? Stellt euch einfach vor, ich sei tot, und schlagt euch eure Absicht aus dem Kopf!“ Anschließend hatte sie noch eine Weile geweint und getrotzt. Hsi-jëns Mutter und Bruder mußten einsehen, daß Hsi-jëns Vorsatz unerschütterlich war und daß sie bestimmt nicht nach Hause zurückkommen würde. Außerdem lautete der Kaufvertrag für Hsi-jën auf Lebenszeit, und sie hatten sich einfach auf die Güte und die Großzügigkeit der Familie Djia verlassen, in der Gewißheit, daß sie Hsi-jën auf ihre Bitte hin bestimmt freilassen und wahrscheinlich sogar auf die Rückzahlung des Kaufpreises verzichten würde. So etwas gab ja. Ansonsten war im Hause der Djias das Gesinde nie schlecht behandelt worden und erfuhr viel Güte und wenig Strenge. Gerade die Sklavenmädchen, die in den Räumen der alten und jungen Herrschaften aufwarteten, hatten es besser als das übrige Hausgesinde. Kein junges Mädchen aus armer Familie konnte so viel Achtung genießen wie sie. Deshalb waren Hsi-jëns Mutter und Bruder von dem Gedanken, Hsi-jën freizukaufen, wieder abgekommen. Als dann plötzlich Bau-yü erschienen war und sich zeigte, wie er und Hsi-jën zueinander standen, war Hsi-jëns Mutter und Bruder noch einiges klar geworden, was sie vorher nicht geahnt hatten. Deshalb war ihnen ein Stein vom Herzen gefallen, und sie hatten ihren Plan endgültig aufgegeben. Was Hsi-jën betrifft, so hatte sie von klein auf beobachtet, daß Bau-yü einen sonderbaren Charakter besaß, daß seine Launen und Torheiten alles übertrafen, was man von anderen Kindern kannte, und daß er obendrein noch ein paar höchst merkwürdige Unarten hatte, auf die man nicht näher eingehen kann. Auf Grund der Schwäche, die seine Großmutter für ihn hegte, konnten ihn in der letzten Zeit auch seine Eltern nicht sehr streng halten, und so war er noch ungebärdiger geworden, ließ seinen Neigungen freien Lauf und haßte nichts mehr als die Beschäftigung mit ernsthaften Dingen. Immer wieder hatte Hsi-jën ihm Vorhaltungen machen wollen, aber vermutlich hätte er nicht darauf gehört. Nachdem heute die Rede davon gewesen war, sie freizukaufen, hatte Hsi-jën zuerst mit einer List Bau-yüs Gefühle auf die Probe stellen und seinen Übermut dämpfen wollen, damit sie ihm anschließend desto besser Verhaltensmaßregeln erteilen konnte. Als er sich jetzt ohne ein weiteres Wort hinlegte, wußte sie, daß ihm die Sache naheging und daß er bereits weich geworden war. Auf Kastanien hatte Hsi-jën durchaus keinen Appetit gehabt. Nur weil sie befürchtete, wegen der Cremespeise könnte sich etwas Ähnliches ereignen wie damals mit Tjiän-hsüä wegen des Tees, hatte sie Bau-yü mit Hilfe der Kastanien davon abhalten wollen, die Sache weiter zu verfolgen. Jetzt befahl sie den kleineren Sklavenmädchen, sie sollten sich die Kastanien nehmen und aufessen. Anschließend trat sie zu Bau-yü ans Bett und stieß ihn an. Sein Gesicht war voller Tränenspuren. „Warum grämst du dich?“ fragte Hsi-jën. „Wenn du mich wirklich behalten willst, gehe ich natürlich nicht fort.“ Bau-yü merkte, daß mehr dahinter stecken mußte, als sie sagte, darum bat er: „Dann verrate mir, wie ich dich halten kann! Ich selbst wüßte es nicht zu sagen.“ „Zwischen uns haben wir immer alles leicht regeln können“, sagte Hsi-jën lächelnd. „Darüber brauchen wir nicht zu reden. Wenn du mich bei dir behalten möchtest, geht es um etwas anderes. Ich will dir zwei, drei Dinge nennen, und wenn du sie mir versprichst, weiß ich, daß du mich wirklich weiter bei dir haben willst. Und dann gehe ich von hier nicht fort, auch wenn man mir das Messer an die Kehle setzt.“ „Dann sag es nur schnell, ich verspreche dir alles!“ versicherte Bau-yü sofort. „Liebe Schwester, meine liebste, beste Schwester! Nicht nur zwei oder drei, auch zweihundert oder dreihundert Dinge will ich dir versprechen. Nur die eine Bitte habe ich, daß ihr gemeinsam bei mir bleibt und euch um mich sorgt, bis ich eines Tages zu Asche geworden bin, nein – Asche hat auch noch Form und Gestalt und Bewußtsein – bis ich zu Rauch geworden bin, den ein Lufthauch zerstreuen kann. Dann habt ihr keine Sorgen mehr mit mir, und auch ich kann mich um euch nicht mehr kümmern. Dann ziehe ich meines Weges, und auch ihr könnt gehen, wohin ihr wollt...“ Hier hielt ihm Hsi-jën vor Aufregung den Mund zu und sagte: „Gerade will ich dir deswegen Vorhaltungen machen, da schwatzt du um so wilder drauf los!“ „Nie wieder sage ich so etwas!“ versprach Bau-yü rasch. „Das wäre das erste, worin du dich ändern mußt“, sagte Hsi-jën. „Ich ändere mich!“ versprach Bau-yü. „Wenn ich noch einmal so etwas sage, kneifst du mir in die Lippen! Was noch?“ „Das zweite ist folgendes“, fuhr Hsi-jën fort. „Egal, ob du wirklich gern studierst oder es nur vorgibst, in Gegenwart des gnädigen Herrn und vor den Leuten darfst du nicht alles nur bemängeln und tadeln, sondern mußt so tun, als ob du gern studiertest. Dann braucht sich dein Vater weniger zu ärgern, und vor den Leuten kann er sich brüsten. Er sagt sich, daß in eurer Familie Generation für Generation die Schriften studiert wurden, während du nicht nur nicht lernen willst, was ihm schon genug Ärger und Scham verursacht, du mußt auch noch in seiner Gegenwart und hinter seinem Rücken deine dummen Reden führen. Alle, die studieren und voranzukommen suchen, nennst du ‚Postenjäger‘. Dann behauptest du, alle Bücher außer dem einen, das ‚die klare Tugend offenbart‘, seien von Leuten zusammengeschmiert, die unfähig waren, die Schriften des Heiligen zu verstehen. Bei solchen Reden ist es kein Wunder, wenn dein Vater sich ärgert und dich immer wieder schlägt. Und was sollen die Leute von dir denken!“ „Ich werde es nicht mehr sagen!“ versprach Bau-yü lächelnd. „Das habe ich einfach so dahingesagt, als ich noch klein war und nicht wußte, wie hoch der Himmel ist und wie tief die Erde. Jetzt sage ich es nicht mehr. Was hast du noch?“ „Dann darfst du nicht mehr die buddhistischen und dauistischen Mönche schmähen“, verlangte Hsi-jën. „Du mußt die Finger von Schminke und Puder lassen, und was noch wichtiger ist, du darfst den Mädchen nicht mehr die Schminke von den Lippen schlecken und allem nachjagen, was rot ist.“ „Das ändere ich!“ versprach Bau-yü wieder. „Was hast du noch? Sag es nur schnell!“ „Weiter habe ich nichts“, sagte Hsi-jën lächelnd. „Wenn du nur an alle Dinge mit ein wenig Überlegung herangehst und nicht einfach deinen Trieben freien Lauf läßt, ist alles in Ordnung. Und wenn du wirklich alles hältst, was du mir jetzt versprochen hast, bringt man mich auch in einer Sänfte mit acht Trägern nicht von hier fort.“ „Wenn du für immer hier bleibst, findet sich auch eine Sänfte mit acht Trägern für dich“, prophezeite Bau-yü lächelnd. „Auf die lege ich gar keinen Wert“, gab Hsi-jën mit kühlem Lächeln zurück. „Sie steht mir ja gar nicht zu, selbst wenn ich Glück habe. Und was ist überhaupt so spannend daran?“ In diesem Augenblick kam Tjiu-wën herein und sagte: „Die dritte Nachtwache bricht bald an, ihr müßt euch schlafen legen! Eben hat die alte gnädige Frau eine Amme herübergeschickt, die sich danach erkundigen sollte, und ich habe gesagt, Bau-yü schläft schon.“ Bau-yü befahl ihr, ihm die Uhr zu reichen, und tatsächlich wiesen die Zeiger schon auf zehn. Also wusch er sich noch einmal und spülte sich den Mund. Dann zog er sich aus und legte sich schlafen. Weiter soll davon nicht die Rede sein. Als es am nächsten Morgen hell wurde und Hsi-jën aufstand, fühlte sie sich am ganzen Körper unwohl. Der Kopf tat ihr weh, die Augen schienen geschwollen, und die vier Gliedmaßen waren heiß wie Feuer. Zuerst versuchte sie noch, sich zusammenzunehmen, aber dann wurde es zuviel für sie, und sie hatte nur noch den Wunsch zu schlafen. Also legte sie sich in ihren Sachen aufs Ofenbett. Bau-yü ging sofort zur Herzoginmutter, um ihr dies zu melden. Sie ließ einen Arzt holen, der Hsi-jën untersuchte und dann erklärte, sie habe sich lediglich erkältet und werde wieder gesund sein, wenn sie ein, zwei Portionen Medizin eingenommen habe. Als er sein Rezept geschrieben hatte und fortgegangen war, befahl Bau-yü, die Zutaten zu holen und den Trank zu kochen. Nachdem Hsi-jën dann davon getrunken hatte, ordnete er an, man solle sie gut zudecken, damit sie tüchtig schwitzte, dann ging er zu Dai-yü hinüber. Dai-yü hielt eben Mittagsruhe. Ihre Sklavenmädchen waren weggegangen, und in den Räumen war es ganz still. Als Bau-yü den weichen, gestickten Türvorhang aufhob und ins Innengemach trat, fand er Dai-yü dort schlafend. Rasch trat er an ihr Bett, stieß sie an und weckte sie mit den Worten: „Kusinchen, eben erst hast du gegessen, und nun schläfst du schon wieder!“ Als Dai-yü erkannte, daß es Bau-yü war, sagte sie: „Geh lieber draußen spazieren! Ich lag gestern die ganze Nacht wach und habe mich heute noch nicht ausschlafen können. Alles tut mir weh.“ „Das ist nicht so schlimm“, sagte Bau-yü, „aber wenn du jetzt schläfst, könntest du krank werden, und das wäre dann wirklich schlimm. Ich werde dich wachhalten, und alles ist wieder gut!“ Dai-yü schloß die Augen und sagte: „Ich will ja nicht schlafen, ich will mich nur ein wenig ausruhen. Geh ein Weilchen woandershin und komm dann wieder!“ Bau-yü stieß sie noch einmal an und sagte: „Wohin soll ich denn gehen? Alle andern sind mir zuwider.“ „Schön“, sagte Dai-yü lachend. „Wenn du unbedingt hier bleiben willst, setz dich brav dorthin, und wir unterhalten uns!“ „Ich will mich auch hinlegen!“ verlangte Bau-yü. „Dann leg dich hin!“ gab Dai-yü nach. „Es ist aber kein Kissen für mich da“, sagte Bau-yü. „legen wir uns zusammen auf eins!“ „Unsinn!“ protestierte Dai-yü. „Draußen sind genug Kissen. Hol dir eins und leg dich darauf!“ Bau-yü ging in den Vorraum hinaus, sah sich um und kam wieder. „Diese Kissen mag ich nicht“, erklärte er lächelnd. „Wer weiß, welchem schmutzigen alten Weib sie gehören!“ Dai-yü öffnete die Augen, setzte sich auf und sagte lächelnd: „Du bist wirklich ein Quälgeist! Bitte, leg dich auf mein Kissen!“ Damit schob sie Bau-yü das Kissen hin, auf dem sie gelegen hatte, stand auf und holte sich ein anderes, dann legte sie sich wieder hin. Als sie jetzt beide nebeneinander auf der Seite lagen und sich anblickten, entdeckte Dai-yü einen knopfgroßen Blutfleck auf Bau-yüs linker Wange. Sie rückte näher, um ihn genauer anzusehen, strich mit dem Finger darüber und fragte: „Wessen Fingernagel hat denn hier wieder seine Spur hinterlassen?“ Bau-yü rückte ein Stück ab, verbarg sein Gesicht und sagte lachend: „Das ist kein Kratzer. Sicher habe ich mir das angeschmiert, als ich vorhin für die Mädchen Schminke mischte.“ Und er suchte nach einem Taschentuch, um den Fleck wegzuwischen. Da nahm Dai-yü ihr eigenes Taschentuch, rieb ihm den Fleck weg und sagte: „Konntest du es wieder einmal nicht lassen? Du kannst es ja ruhig machen, aber mußt du unbedingt ein Zeichen davon mit dir herumtragen? Wenn es auch der Onkel nicht sieht, sehen es doch andere und erzählen es als Neuigkeit weiter, bis es jemand dem Onkel zuträgt, um sich einzuschmeicheln. Und dann haben wir alle den Ärger davon, weil es bei uns nicht ordentlich zugeht.“ Bau-yü hatte, anstatt ihr zuzuhören, nur auf den feinen Geruch geachtet, der aus Dai-yüs Ärmel kam und der ihm die Sinne berauschte und den Körper erschlaffen ließ. Jetzt zog er den Ärmel zu sich heran und wollte sehen, was sie darin hatte. „Wer trägt denn bei Frost und Kälte noch Duftstoffe in den Kleidern?“ wies ihn Dai-yü zurecht. „Woher kommt dann dieser Duft?“ fragte Bau-yü. „Ich weiß es selber nicht“, erwiderte Dai-yü. „Vielleicht duftet es in der Truhe so, oder die Sachen sind geräuchert worden.“ Aber Bau-yü schüttelte den Kopf. „Das ist es bestimmt nicht“, sagte er. „Es duftet so eigenartig wie keine Tabletten, Kügelchen oder Riechbeutel duften.“ „Ja, kenne ich vielleicht einen heiligen Arhat, der mir Duftstoffe schenken kann?“ fragte Dai-yü mit kühlem Lächeln. „Und wenn ich wirklich einmal etwas Seltenes bekomme, habe ich doch keinen lieben Bruder, der es mir mit Blüten und Knospen, Reif oder Schnee zubereiten würde. Alles, was ich habe, sind nur ganz gewöhnliche Duftstoffe.“ Lächelnd hielt ihr Bau-yü vor: „Mußt du immer wieder damit anfangen, kaum daß ich einen Satz sage? Ich will dir einen Denkzettel geben, damit du es nicht vergißt. Von jetzt an kenne ich keine Gnade mehr!“ Damit richtete er sich auf, hauchte ein paarmal in seine Hände, und dann streckte er sie aus und begann Dai-yü in den Achselhöhlen und unter den Rippen zu kitzeln. Kitzlig, wie sie war, bekam Dai-yü vor Lachen kaum Luft und stieß mühsam hervor: „Bau-yü, wenn du nicht aufhörst, werde ich böse!“ Lachend hielt Bau-yü damit inne und fragte: „Wirst du noch einmal damit anfangen?“ „Ich will es nie wieder tun!“ versprach sie lächelnd und brachte ihr Schläfenhaar in Ordnung, um dann fortzufahren: „Ich habe also einen eigenartigen Duft, aber hast du auch einen warmen Duft?“ Bau-yü verstand nicht, was sie damit meinte, und fragte: „Was denn für einen warmen Duft?“ Dai-yü nickte lächelnd und sagte dann: „Du Dummkopf! Du hast einen Jade, und jemand anders hat ein Pendant aus Gold dazu. Wenn dieser Jemand einen kalten Duft hat, mußt du dann nicht als Pendant dazu einen warmen Duft haben?“ Jetzt hatte er verstanden, worauf sie anspielte, darum sagte er: „Eben erst mußtest du um Gnade bitten, und jetzt redest du schlimmer als zuvor.“ Und schon streckte er wieder die Hände nach ihr aus. „Liebster Vetter, ich will es nie wieder tun!“ versprach Dai-yü rasch. „Begnadigt ist begnadigt“, sagte Bau-yü, „aber laß mich noch einmal an deinem Ärmel schnuppern!“ Und schon zog er sich den Ärmel über das Gesicht, sog den Duft ein und hörte nicht eher damit auf, bis Dai-yü ihm den Ärmel wegzog und sagte: „Jetzt mußt du aber gehen!“ „Nein“, sagte Bau-yü. „Wir wollen ganz gesittet daliegen und miteinander plaudern!“ Mit diesen Worten legte er sich wieder hin. Auch Dai-yü streckte sich wieder auf dem Bett aus, deckte aber ihr Gesicht mit einem Taschentuch zu. Bau-yü versuchte krampfhaft, sie mit allen möglichen Phantastereien zu unterhalten, aber sie reagierte nicht darauf. Also begann er, ihr Fragen zu stellen: Mit wieviel Jahren sie in die Hauptstadt gekommen sei, was sie unterwegs gesehen habe, was es in Yang-dschou für Sehenswürdigkeiten, Sitten und Gebräuche gebe und so weiter. Dai-yü aber antwortete nicht darauf. Aus Furcht, sie könnte einschlafen und sich eine Krankheit zuziehen, entschloß sich Bau-yü, sie anzuführen. „Ach, sag einmal!“, begann er, „weißt du eigentlich von der Sache, die sich bei euch im Amtshaus in Yang-dschou zugetragen hat?“ „Was war denn da?“ erkundigte sich Dai-yü, die an seiner Stimme hörte, daß ihm die Frage wichtig sein mußte und daß er ganz ernsthaft sprach. Bau-yü verbiß sich das Lachen und flunkerte frisch drauflos: „In Yang-dschou gibt es einen Dai-Berg und in dem Berg eine Höhle, die Lin-Höhle heißt.“ „Du lügst ja“, sagte Dai-yü, „von so einem Berg habe ich nie gehört.“ „Es gibt so viele Berge und Flüsse auf der Welt“, erwiderte Bau-yü. „Wie willst du sie alle kennen? Warte mit deinen Einwänden, bis ich fertig bin!“ „Dann erzähl weiter!“ forderte Dai-yü ihn auf. Also fuhr Bau-yü in seiner Lügengeschichte fort: „In der Lin-Höhle lebte eine Horde Rattengeister. Einmal, am siebenten Tag des zwölften Monats, bestieg der alte Ratterich den Thron, um mit den Seinen Rat zu halten. ‚Morgen‘, sagte er, ‚ist der achte Tag des zwölften Monats, und alle Leute kochen ihren Brei. Wir aber sind mit Reis und Früchten knapp in der Höhle und müßten etwas stehlen gehen!‘ Dann holte er einen Kommandopfeil hervor und schickte eine tüchtige kleine Ratte als Kundschafter aus. Eine Weile später war sie wieder da und berichtete: ‚Ich habe mich überall erkundigt und umgesehen. Am meisten Reis und Früchte gibt es in dem Tempel am Fuße des Berges.‘ ‚Wieviel ist von allem da?‘ wollte der alte Ratterich wissen. ‚Mit Reis und Bohnen sind ganze Speicher gefüllt, so daß man kaum weiß, wieviel es ist‘, sagte die kleine Ratte. ‚Früchte aber gibt es fünferlei: rote Jujuben, Edelkastanien, Erdnüsse, Wassernüsse und süße Taros.‘ Der alte Ratterich freute sich und musterte sogleich seine Horde, um zu sehen, wen er schicken könne. Er griff einen Kommandopfeil und fragte: ‚Wer geht Reis stehlen?‘ Eine Ratte griff nach dem Pfeil und ging los. Er nahm einen zweiten Pfeil und fragte: ‚Wer geht Bohnen stehlen?‘ Eine andere Ratte griff nach dem Pfeil und ging ebenfalls los. So ging es weiter, bis nur noch eine Ratte gebraucht wurde, um süße Taros zu stehlen. Also griff der alte Ratterich wieder einen Kommandopfeil und fragte: ‚Wer geht süße Taros stehlen?‘ Da meldete sich eine ganz kleine, schwache Ratte und sagte: ‚Ich gehe!‘ Der alte Ratterich und die übrigen Ratten sahen sie an und meinten, sie werde zu furchtsam, ungeübt und schwach dafür sein, darum wollten sie sie nicht gehen lassen. Aber die kleine Ratte sagte: ‚Ich bin zwar jung an Jahren und schwach an Kräften, aber meine magischen Fähigkeiten sind unbegrenzt, mein Mund ist schlagfertig, und meine List ist tiefgründig. Wenn ich gehen darf, werde ich noch raffinierter stehlen als die andern!‘ ‚Wie willst du das anstellen?‘ fragten alle sofort. ‚Ich werde nicht einfach stehlen, wie die andern es tun‘, sagte die kleine Ratte. ‚Ich schüttle mich und verwandle mich dabei in einen Taro. Wenn ich mich dann unter die andern Taros mische, kann mich kein Mensch erkennen. Dann vervielfache ich mich und trage die Taros weg, bis sie alle sind. Ist das nicht raffinierter als einfaches Stehlen?‘‚Tatsächlich!‘sagten die andern Ratten. ‚Aber wie machst du das, wenn du dich verwandelst? Führ es uns einmal vor!‘‚Das ist nicht schwer‘, sagte die kleine Ratte. ‚Paßt auf!‘ Damit schüttelte sie sich und sagte: ‚Ich will verwandelt sein!‘, und schon verwandelte sie sich in ein wunderschönes junges Fräulein. ‚Du hast es falsch gemacht!‘ riefen die andern Ratten lachend aus. ‚Du hast doch gesagt, du willst dich in einen süßen Taro verwandeln, warum hast du dich da in ein junges Fräulein verwandelt?‘ Die kleine Ratte verwandelte sich wieder zurück und sagte schmunzelnd: ‚Ihr habt ja keine Ahnung! Ihr wißt nur, daß Taros süß sind, aber daß das süßeste Früchtchen die Tochter des Salzinspektors Lin ist, wißt ihr nicht!‘“ Als Dai-yü das hörte, drehte sie sich um, richtete sich auf und drückte Bau-yü aufs Bett nieder. „Warte, du Lügenmaul! Wußte ich doch, daß du mich anführst!“ Und damit kniff sie ihn, bis Bau-yü bat: „Kusinchen, hab Gnade mit mir! Ich will es nie wieder tun! Mir ist diese Stelle aus den Klassikern eingefallen, als ich deinen süßen Duft gerochen habe.“ „Was?“ sagte Dai-yü. „Du beschimpfst mich einfach, und dann behauptest du noch, das sei eine Stelle aus den Klassikern?“ Sie hatte noch nicht zu Ende gesprochen, da trat Bau-tschai herein und fragte: „Wer zitiert hier aus den Klassikern? Das möchte ich auch hören!“ Rasch bot ihr Dai-yü einen Platz an und sagte lächelnd: „Da schau ihn dir an! Erst hat er mich beschimpft, und jetzt behauptet er, das sei aus den Klassikern.“ „Ach, Vetter Bau-yü war das!“ sagte Bau-tschai. „Kein Wunder! Er steckt ja voller klassischer Zitate. Schade ist nur das eine, daß er sie nämlich immer dann gerade vergißt, wenn er sie benutzen müßte. Heute fällt ihm etwas ein, aber als er neulich in der Nacht ein Gedicht über Bananenblätter brauchte, ist er auf das nächstliegende nicht gekommen. Allen andern war kalt, aber er hat sogar geschwitzt vor Aufregung. Heute ist ihm also das Gedächtnis wiedergekommen!“ „Buddha Amitabha!“ lachte Dai-yü. „Du bist wirklich meine gute Kusine. Jetzt hat er seinen Gegner gefunden, und es wird ihm nichts geschenkt. Alles trifft genau ins Schwarze.“ Als sie das eben sagte, war aus Bau-yüs Zimmer plötzlich Lärm und Geschrei zu hören.