Hongloumeng/de/Chapter 25

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Kapitel 25

魇魔法叔嫂逢五鬼

通灵玉蒙蔽遇双真

Hung-yü hatte also mit beklommenem Herzen und wirrem Sinn zwischen Schlafen und Wachen gelegen, als Djia Yün gekommen war und sie packen wollte. Als sie sich umwandte, um wegzulaufen, stolperte sie über die Türschwelle, und vor Schreck wurde sie wach. Da merkte sie erst, daß es nur ein Traum gewesen war. Nun wälzte sie sich hin und her und fand die ganze Nacht hindurch keinen Schlaf. Als es am nächsten Morgen hell wurde und sie eben aufgestanden war, wurde sie von ein paar anderen Sklavenmädchen geholt, um mit ihnen zusammen die Räume zu fegen und nach Waschwasser zu gehen. Ohne sich groß zu waschen und zu kämmen, strich sich Hung-yü nur vor dem Spiegel die Haare zurecht, spülte sich die Hände ab, schlang eine Binde um den Leib und ging ausfegen. Nun hatte Hung-yü am Tag zuvor Bau-yüs Aufmerksamkeit erregt. Bau-yü jedoch fürchtete, wenn er sie ohne weiteres zu sich riefe, damit sie ihn bediente, würde er damit einerseits Hsi-jën und die anderen verärgern, und andererseits wußte man nicht, wie Hung-yü sich aufführen würde. Führte sie sich gut, wäre alles in Ordnung, wenn aber nicht, könnte er sie schlecht wieder wegschicken. Diese Überlegungen machten ihm so zu schaffen, daß er früh aufstand, aber anstatt sich zu kämmen und zu waschen, saß er nur gedankenverloren da. Ein Weilchen später ging er ans Fenster und spähte durch die Gazebespannung aufmerksam nach draußen. Dort fegte ein ganzer Schwarm von Sklavenmädchen den Hof, die alle geschminkt und gepudert waren und Blumen und Zweige im Haar trugen. Aber das Mädchen vom Vortag war nicht darunter. Also schlüpfte Bau-yü in seine Schuhe und trat zur Tür hinaus, wo er so tat, als wollte er die Blumen betrachten. Er blickte hierhin und dorthin, und schließlich entdeckte er in der Südwestecke des Hofes eine Gestalt, die dort an das Geländer des Wandelganges gelehnt stand. Ärgerlich war nur, daß ihm ein blühender Zierapfelbaum die Sicht nahm. So mußte er neben den Baum treten, und als er dann genau hinsah, erkannte er, daß es wirklich das Mädchen vom Vortag war, das dort stand und träumte. Schon wollte er zu ihr gehen, aber dann schien ihm das nicht das Richtige. Da kam, während er noch überlegte, plötzlich Bi-hën zu ihm und mahnte, er solle sich endlich waschen. So blieb ihm nichts weiter übrig, als wieder ins Haus zu gehen, und mehr soll einstweilen davon nicht die Rede sein. Hung-yü stand noch ganz in Gedanken versunken da, als plötzlich Hsi-jën ihr winkte und nach ihr rief. Also mußte sie zu ihr gehen, und Hsi-jën sagte dann lächelnd zu ihr: „Unsere Gießkanne ist noch nicht wieder in Ordnung. Geh zu Fräulein Lin hinüber und borge die von dort für uns aus!“ Hung-yü sagte: „Jawohl!“, verließ das Gehöft und machte sich auf den Weg zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß. Als sie auf die Brücke des Blauen Rauches kam und dort den Blick hob, sah sie, daß die Höhen der Hügel durch Blendvorhänge verdeckt waren, und ihr fiel wieder ein, daß ja heute die Arbeiter kommen sollten, um Bäume zu pflanzen. Suchend blickte sie ringsumher und entdeckte in der Ferne einen Trupp Männer, die dort in der Erde gruben. Djia Yün aber saß auf einem Felsbrocken dabei. Am liebsten wäre Hung-yü hingegangen, aber das wagte sie nicht, und so ging sie statt dessen verdrossen in die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß und holte die Gießkanne. Dann trat sie lustlos und niedergeschlagen in ihr Zim­mer und legte sich hin. Die anderen dachten, sie fühle sich wahr­schein­lich nicht wohl, und sagten nichts dazu. Im Nu war der Tag vergangen. Der nächste Tag war der Geburtstag von Wang Dsï-tëngs Gattin, und die Herzoginmutter war mit Dame Wang zusammen dazu eingeladen. Als aber Dame Wang sah, daß die Herzoginmutter unpäßlich war, blieb sie ebenfalls zu Hause. Tante Hsüä dagegen fuhr mit Hsi-fëng, den Mädchen des Hauses sowie Bau-tschai und Bau-yü zusammen hin, und erst am Abend kamen sie wieder. Inzwischen erhielt Djia Huan, als er aus der Schule kam, von Dame Wang den Befehl, er solle das Diamantsutra abschreiben und rezitieren. Also setzte er sich auf ihr Ofenbett, befahl jemandem, eine Kerze anzuzünden, und machte sich mit großem Getue ans Abschreiben. Mal verlangte er von Tsai-yün, sie solle ihm eine Schale Tee bringen, mal forderte er von Yü-tschuan, sie solle die Kerze putzen, dann wieder beklagte er sich, Djin-tschuan stehe ihm im Licht. Die Mädchen aber, denen er allen verhaßt war, beachteten ihn nicht. Nur Tsai-hsia, die sich als einzige noch mit ihm vertrug, goß eine Schale Tee ein und reichte sie ihm. Und weil die Dame Wang eben mit jemandem sprach, sagte Tsai-hsia leise zu Djia Huan: „Gib dich doch zufrieden! Was mußt du an allen herumnörgeln?“ „Ja, ja, ich weiß schon“, sagte Djia Huan, „mich führst du nicht hinters Licht. Mit Bau-yü stellst du dich gut, und ich bin für dich Luft. Meinst du, ich merke das nicht?“ Tsai-hsia biß sich auf die Lippen und bohrte Djia Huan einen Finger in die Stirn. „Undankbarer Kerl!“ sagte sie, „du bist wie der Hund, der Lü Dung-bin beißt. Du weißt nicht, wer es gut mit dir meint!“ Während sie so miteinander sprachen, trat Hsi-fëng in den Raum, und als sie Dame Wang ihren Gruß entboten hatte, erkundigte sich diese des langen und breiten, wen sie alles auf der Geburtstagsfeier getroffen habe, ob ihr die Theatervorführung gefallen habe und wie die Bewirtung gewesen sei. Sie hatten erst wenige Sätze gewechselt, da kam auch Bau-yü herein, entbot Dame Wang seinen Gruß und äußerte die üblichen Höflichkeitsfloskeln. Dann aber ließ er sich die Stirnbinde abnehmen, Robe und Stiefel ausziehen und schmiegte sich an Dame Wangs Brust. Zärtlich strich sie ihm mit der Hand über Körper und Gesicht, er aber schlang seine Arme um ihren Nacken und redete in einem fort. „Junge!“ sagte Dame Wang, „du hast wieder einmal zuviel Wein getrunken, dein Gesicht ist ganz heiß. Wenn du jetzt auch noch herumtollst, steigt dir der Wein zu Kopf, und du schlägst über die Stränge.er Lü Dung-bin beißt. Du weißt nicht, wer es gut mit dir meint!“ Während sie so miteinander sprachen, trat Hsi-fëng in den Raum, und als sie Dame Wang ihren Gruß entboten hatte, erkundigte sich diese des langen und breiten, wen sie alles auf der Geburtstagsfeier getroffen habe, ob ihr die Theatervorführung gefallen habe und wie die Bewirtung gewesen sei. Sie hatten erst wenige Sätze gewechselt, da kam auch Bau-yü herein, entbot Dame Wang seinen Gruß und äußerte die üblichen Höflichkeitsfloskeln. Dann aber ließ er sich die Stirnbinde abnehmen, Robe und Stiefel ausziehen und schmiegte sich an Dame Wangs Brust. Zärtlich strich sie ihm mit der Hand über Körper und Gesicht, er aber schlang seine Arme um ihren Nacken und redete in einem fort. „Junge!“ sagte Dame Wang, „du hast wieder einmal zuviel Wein getrunken, dein Gesicht ist ganz heiß. Wenn du jetzt auch noch herumtollst, steigt dir der Wein zu Kopf, und du schlägst über die Stränge. Leg dich besser ein Weilchen still hin!“ Und sie befahl, ein Kissen zu bringen. Gehorsam legte sich Bau-yü hinter Dame Wang aufs Ofenbett und rief Tsai-hsia zu sich, damit sie ihm den Körper klopfte. Als er dabei mit ihr zu plaudern und zu scherzen begann, ging sie kaum darauf ein und blickte nur immer wieder zu Djia Huan hinüber. Lächelnd griff Bau-yü nach ihrer Hand und sagte: „Liebste Schwester, sieh doch mich auch einmal an!“ Aber Tsai-hsia entzog ihm ihre Hand und warnte ihn: „Laß das, sonst schreie ich!“ Djia Huan hatte den kleinen Streit mit angehört, und weil er Bau-yü ohnehin haßte, vermochte er jetzt, als Bau-yü auch noch mit Tsai-hsia tändeln mußte, seine Bosheit nicht mehr zu zügeln. Zwar wagte er nicht, offen etwas zu sagen, aber insgeheim hatte er sich schon lange Gedanken gemacht und war bisher bloß noch nicht zum Zuge gekommen. Jetzt nun lag Bau-yü ganz in seiner Nähe, darum wollte er die Gelegenheit nutzen und ihm mit dem heißen Kerzenwachs die Augen verbrennen. Also tat er so, als ob ihm die Hand ausrutschte, und kippte den Leuchter mit der brennenden Kerze in Bau-yüs Gesicht. „Au!“ schrie Bau-yü auf, und alles im Zimmer fuhr erschrocken in die Höhe. Rasch wurden alle Kandelaber herbeigetragen und noch drei oder vier aus dem Außen- und Innenraum dazugeholt, dann sah man, daß Bau-yüs Gesicht ganz mit Wachs verkrustet war. Erregt und zornig zugleich befahl Dame Wang, man solle Bau-yü das Gesicht saubermachen, und schimpfte Djia Huan aus. Mit schnellen Schritten trat Hsi-fëng an das Ofenbett, um sich Bau-yüs anzunehmen, und sagte lächelnd dabei: „Immer noch bist du so zappelig, Huan! In guter Gesellschaft kannst du dich nicht sehen lassen, das sage ich dir. Tante Dschau müßte sich wirklich mehr um deine Erziehung kümmern!“ Diese Bemerkung bewog die Dame Wang, von Djia Huan abzulassen und nach Nebenfrau Dschau zu rufen. „Wie kannst du so eine gemeine, boshafte und schamlose Brut in die Welt setzen und dich dann nicht darum kümmern!“ fuhr sie sie an. „Immer wieder habe ich dazu geschwiegen, und ihr habt euren Willen bekommen. Aber ihr nehmt euch nur immer noch mehr heraus.“ Auch Nebenfrau Dschau hatte einen neidischen Sinn und konnte Hsi-fëng und Bau-yü nicht leiden, aber das wagte sie nicht offen zu zeigen. Als Djia Huan jetzt etwas angerichtet hatte und sie deswegen einen Zornausbruch von Dame Wang über sich ergehen lassen mußte, schwieg sie still und trat mit heran, um sich um Bau-yü zu kümmern. Auf Bau-yüs linker Gesichtshälfte hatte sich eine Brandblase gebildet, die Augen aber waren glücklicherweise unverletzt geblieben. Dame Wang krampfte sich bei diesem Anblick das Herz zusammen, und gleichzeitig machte sie sich Sorgen, weil sie nicht wußte, was sie am nächsten Tag der Herzoginmutter sagen sollte. In ihrer Erregung schimpfte sie noch einmal Nebenfrau Dschau aus, dann tröstete sie Bau-yü und befahl, man solle ihm die Wunde mit einem lindernden Mittel bestreichen. „Es tut zwar ein bißchen weh“, sagte Bau-yü, „aber das macht nichts weiter. Wenn morgen die alte gnädige Frau deswegen fragt, sage ich einfach, ich selbst hätte mich verbrannt.“ „Auch wenn du sagst, du selbst seist es gewesen, wird sie uns ausschimpfen, weil wir nicht aufgepaßt haben“, sagte Hsi-fëng lächelnd. „Der Ärger ist also nicht zu vermeiden, egal was du sagst.“ Dann ließ Dame Wang Bau-yü in seine Räume hinüberbringen, und hier gerieten Hsi-jën und die anderen in helle Aufregung, als sie ihn sahen. Dai-yü hatte sich den ganzen Tag gelangweilt, weil Bau-yü außer Haus war und sie sich mit niemandem unterhalten konnte. Darum hatte sie am Abend schon ein paarmal nachfragen lassen, ob er wieder da sei, und mußte nun erfahren, er sei eben zurück und habe sich das Gesicht verbrannt. Sofort eilte sie zu ihm und fand ihn dabei, wie er sich im Spiegel betrachtete. Seine ganze linke Gesichtshälfte war mit dem Heilmittel bestrichen, und so glaubte Dai-yü nicht anders, als daß es eine schwere Verbrennung sein müsse. Rasch trat sie zu ihm heran, fragte, wie das passiert sei, und verlangte, die Wunde zu sehen. Bau-yü aber verdeckte sein Gesicht, winkte mit der Hand ab und sagte, sie solle gehen. Die Wunde wollte er ihr nicht zeigen, denn er kannte ihren Hang zum Reinlichen und wußte, daß sie nichts Schlimmes sehen konnte. Auch Dai-yü war sich dieser Schwäche bewußt und begriff, daß Bau-yü fürchtete, sie werde sich vor seiner Wunde ekeln. Darum sagte sie lächelnd: „Hab dich nicht so! Ich will ja nur sehen, wo du dich verbrannt hast.“ Und damit trat sie näher, hielt ihn am Nacken fest und sah sich die Wunde an. „Tut es sehr weh?“ fragte sie. „So schlimm ist es gar nicht“, sagte Bau-yü. „In ein, zwei Tagen wird es wieder gut sein.“ Dai-yü blieb noch ein Weilchen bei ihm sitzen, dann ging sie bedrückt wieder fort. Über die Nacht ist nichts zu berichten. Als Bau-yü am nächsten Tag der Herzoginmutter seine Aufwartung machte, gab er zwar an, er selbst habe sich verbrannt, aber das hinderte die Herzoginmutter nicht, seinem Gefolge eine tüchtige Standpauke zu halten. Einen Tag später kam Bau-yüs Patin, die Klosterdienerin Ma, ins Jung-guo-Anwesen, um ihren Gruß zu entbieten. Als sie Bau-yü erblickte, fuhr sie vor Schreck zurück, dann fragte sie, wie das passiert sei. Als sie erfuhr, er habe sich verbrannt, nickte sie und seufzte. Anschließend beschrieb sie mit dem Finger Zeichen vor Bau-yüs Gesicht und murmelte etwas dazu. „Ich verbürge mich, daß es bald wieder gut ist. Das ist nichts als ein vorüber­gehen­des Mißgeschick“, sagte sie. Dann fuhr sie, an die Herzoginmutter gewandt, fort: „Ihr wißt ja nicht, alte Ahne, daß es schon in den Sutras so geschrieben steht! Kaum daß in einer adligen oder beamteten Familie ein Sohn geboren wird, folgen ihm im Verborgenen viele böse Geister, um ihn zu zwicken und zu zwacken, wo sie nur können, um ihm beim Essen die Reisschale aus der Hand zu schlagen oder ihn beim Gehen auf die Erde zu stoßen. Darum werden in den großen Familien die Söhne und Enkel oftmals nicht alt.“ „Verfügt denn die buddhistische Lehre über ein Mittel, um dem abzuhelfen?“ wollte die Herzoginmutter sofort wissen, als sie das gehört hatte. „Dem abzuhelfen ist nicht schwer“, sagte die Klosterdienerin Ma. „Man braucht nur zugunsten der Kinder möglichst viele gute Taten zu vollbringen, das ist alles. Und wie es in den Sutras noch heißt, gibt es im Westen den alles erhellenden Bodhisattwa des Großen Lichts, der mit seinem Schein die Dämonen der Finsternis vertreibt. Wenn tugendhafte Männer und Frauen ihm ehrlichen Herzens Opfer darbringen, sind Gesundheit und Sicherheit ihrer Söhne und Enkel auf ewig gesichert, und es kann ihnen durch Dämonen kein Unheil mehr widerfahren.“ „Und was für Opfer muß man dem Bodhisattwa bringen?“ erkundigte sich die Herzoginmutter. „Es kommt einen gar nicht teuer“, erklärte die Klosterdienerin Ma. „Außer Weihrauch und Kerzen braucht man jeden Tag ein paar Djin duftendes Öl für eine Heiligenlampe. Diese Lampe verkörpert den Bodhisattwa und darf Tag und Nacht nicht verlöschen.“ „Wieviel Öl wird für einen Tag und eine Nacht benötigt?“ erkundigte sich die Herzoginmutter weiter. „Sag es mir genau, damit ich das gute Werk vollbringen kann!“ Als die Klosterdienerin Ma diese Frage hörte, gab sie lächelnd die Auskunft: „Das ist nicht festgelegt und richtet sich ganz nach dem Willen des Spenders. Bei uns zum Beispiel brennen Lampen, die von den Gattinnen einiger Prinzen gestiftet wurden. Die verwitwete Mutter des Prinzen Nan-an ist großzügig und gibt achtundvierzig Djin Öl und ein Djin Lampendochte pro Tag. Ihr Lampenkübel ist nicht viel kleiner als ein irdener Wasserbehälter.

Die Gattin des Fürsten Djin-tiän ist nicht ganz so spendabel und gibt nur vierundzwanzig Djin Öl pro Tag. Dann sind da noch etliche Familien mit fünf Djin, drei Djin oder einem Djin pro Tag. Die armen Leute aus kleinen Familien, die sich so etwas nicht leisten können, geben vier Liang oder ein halbes Djin pro Tag, aber auch sie verzichten nicht auf eine Heiligenlampe.“

Die Herzoginmutter nickte und dachte nach, die Klosterdienerin Ma aber fuhr fort: „Da ist noch etwas. Wenn man die Lampe für seine Eltern oder für ältere Verwandte stiftet, kann es gar nicht genug Öl sein. Wenn es aber für einen Jungen wie Bau-yü ist, wäre allzuviel nicht gut, es könnte sogar sein Glück verderben. Das darf auch nicht sein! Wenn Ihr also eine Lampe stiften wollt, sollten es nicht mehr als sieben und nicht weniger als fünf Djin Öl pro Tag sein.“ „Dann dürften fünf Djin pro Tag das Richtige sein“, entschied die Herzoginmutter. „Du kannst das Geld dafür jeweils für einen vollen Monat abholen kommen.“ „Buddha Amitabha, gütiger großer Bodhisattwa!“ rief die Kloster­die­ne­rin Ma aus. Anschließend ließ die Herzoginmutter jemanden vom Gefolge kommen und befahl: „Immer wenn Bau-yü in Zukunft ausreitet, gebt ihr seinen Dienerknaben ein paar Münzschnüre mit, damit sie das Geld unterwegs an buddhistische und dauistische Mönche sowie an die Armen verteilen!“ Die Klosterdienerin Ma blieb noch ein Weilchen bei der Herzoginmutter, dann begab sie sich in die anderen Höfe und Häuser, um überall ihren Gruß zu entbieten und um ein Weilchen müßig umherzuspazieren. Als sie zu Nebenfrau Dschau kam und sie einander begrüßt hatten, befahl Nebenfrau Dschau einem kleinen Sklavenmädchen, sie solle der Besucherin Tee eingießen. Da erblickte die Klosterdienerin Ma auf dem Ofenbett ein Häufchen Seidenreste, aus denen Nebenfrau Dschau gerade Schuhsohlen klebte, darum sagte sie: „Ach, ich brauche eben die Oberteile für ein Paar Schuhe. Habt Ihr nicht etwas Seide, das Ihr mir dafür geben könnt? Die Farbe spielt keine Rolle.“ „Du siehst ja selbst, daß nichts Gescheites mehr dabei ist“, sagte Nebenfrau Dschau und seufzte dazu. „So etwas bekomme ich ja nicht. Das hier ist alles, was ich habe. Wenn dir das nicht zu schlecht dünkt, such dir nur zwei Stücken aus!“ Tatsächlich wählte die Klosterdienerin Ma zwei Stücken aus und schob sie in ihren Ärmel. Dann erkundigte sich Nebenfrau Dschau: „Hast du die fünfhundert Münzen bekommen, die ich neulich schickte, damit du dem Medizingott dafür ein Opfer bringst?“ „Ja, das Opfer ist schon lange gebracht“, erwiderte die Klosterdienerin Ma. „Buddha Amitabha!“ seufzte Nebenfrau Dschau, „wenn mir nicht die Hände gebunden wären, würde ich viel öfter ein Opfer bringen. Doch so ist das Herz zwar willig, die Kraft aber versagt.“ „Sorgt Euch nicht!“ tröstete die Klosterdienerin Ma sie. „Geduldet Euch, bis Euer Huan groß ist und einen Beamtenposten erhält, dann könnt Ihr so viele gute Werke vollbringen, wie Ihr nur wollt.“ „Hör auf!“ sagte Nebenfrau Dschau und schnaubte unwillig. „Mit wem können wir schon mithalten, so wie es ist! Es geht mir nicht darum, daß Bau-yü behandelt wird wie ein Wundertier. Er ist noch ein Kind und hat ein gewinnendes Wesen, was macht es schon, wenn die Großen ihn vorziehen! Nur dieser Herrin beuge ich mich nicht!“ Und sie streckte zwei Finger aus. „Meint Ihr die Gattin von Liän, dem zweiten jungen Herrn?“, vergewis­ser­te sich die Klosterdienerin Ma. Erschrocken winkte Nebenfrau Dschau ab. Dann ging sie zur Tür und hob den Türvorhang an, spähte anschließend auch aus dem Fenster, und erst nachdem sie sich überzeugt hatte, daß dort nirgends jemand war, sagte sie leise zur Klosterdienerin Ma: „Es ist zum Auswachsen mit ihr! Ich will nicht mehr ich sein, wenn diese Herrin nicht den gesamten Familienbesitz in ihr Elternhaus schafft.“ Als die Klosterdienerin Ma diese Worte vernahm, sagte sie, um die andere auszuforschen: „Ihr braucht mir gar nichts zu sagen, das sieht schließlich ein jeder. Aber das Schönste ist ja, daß Ihr Euch nichts daraus macht und sie gewähren laßt.“ „Ach, du meine Güte!“ sagte Nebenfrau Dschau. „Warum nicht gar! An sie traut sich doch keiner heran.“ Die Klosterdienerin Ma lachte spöttisch durch die Nase und erklärte nach einer längeren Pause: „Ich will mich ja nicht versündigen, aber wenn Ihr selbst es nicht fertigbringt, dürft Ihr auch andern keine Vorwürfe machen. Und wenn Ihr es offen nicht wagt, hättet Ihr eben heimlich zu Werke gehen müssen, anstatt es so weit kommen zu lassen.“ Nebenfrau Dschau sagte sich, daß mehr hinter diesen Worten stecken mußte und frohlockte innerlich bereits. „Wie denn ‚heimlich‘?“ fragte sie. „Die Absicht hatte ich schon, ich wußte bloß niemand, der sich darauf versteht. Wenn du mir sagst, was ich tun muß, werde ich es dir reichlich danken.“ Jetzt wußte die Klosterdienerin Ma, daß sie einander verstanden hatten, zum Schein aber sagte sie: „Buddha Amitabha! Nach solchen Dingen dürft Ihr mich nicht fragen. Was verstehe ich denn davon! Oh, welche Sünde!“ „Kommst du mir so?“ fragte Nebenfrau Dschau. „Du bist doch sonst so gern die Retterin in der Not, willst du jetzt vielleicht ruhig zusehen, wie jemand mir und meinem Sohn nach dem Leben trachtet? Hast du etwa Angst, ich würde es dir nicht lohnen?“ Lächelnd erwiderte die Klosterdienerin Ma darauf: „Wenn Ihr sagt, ich könne es nicht zulassen, daß Euch jemand etwas zuleide tut, lasse ich mir das noch gefallen. Nur wenn Ihr von Lohn sprecht, habt Ihr Euch verrechnet. Womit wolltet Ihr mich wohl verlocken, wenn ich auf Euren Lohn aus wäre?“ Nebenfrau Dschau hörte sehr wohl heraus, daß die andere bereit war einzulenken, darum sagte sie: „Du warst doch immer ein verständiger Mensch, warum bist du jetzt auf einmal so begriffsstutzig? Wenn dein Mittel wirkt und die beiden weg sind, gehört doch der Familienbesitz eines Tages meinem Huan. Dann kannst du haben, was du willst.“ Die Klosterdienerin Ma ließ den Kopf sinken und blieb eine Weile still, ehe sie sagte: „Aber werdet Ihr mich noch kennen, wenn die Sache geklappt hat und ich nichts in der Hand habe?“ „Das ist keine Schwierigkeit“, versicherte Nebenfrau Dschau. „Jetzt ge­hört mir zwar nichts, aber heimlich habe ich mir einige Liang Silber zu­sam­men­ge­spart. Außerdem habe ich Kleider und Schmuck. Also nimm zunächst davon etwas, und für den Rest schreibe ich dir einen Schuldschein. Auch Bürgen bringe ich dir, wenn du willst. Und später zahle ich dann die volle Summe.“ „Aber auch wirklich?“ fragte die Klosterdienerin Ma. „Ist das vielleicht der rechte Anlaß, um zu lügen?“ fragte Nebenfrau Dschau ihrerseits und rief eine vertraute Alte herein, der sie ein paar Sätze ins Ohr flüsterte. Die Alte ging hinaus und brachte einige Zeit später tatsächlich einen Schuldschein über fünfhundert Liang Silber, den sie geschrieben hatte. Nebenfrau Dschau setzte ihren Daumenabdruck darunter, ging an den Schrank, holte ihr heimlich Erspartes hervor und zeigte es der Klosterdienerin Ma. „Da!“ sagte sie, „du bekommst erst einmal das hier für Weihrauch und Kerzen! Bist du jetzt einverstanden?“ Als die Klosterdienerin Ma das blitzende Häufchen Silber und den Schuldschein sah, war ihr alles andere gleichgültig, und sie stimmte eifrig zu. Zuerst ließ sie das Silber verschwinden, dann steckte sie auch den Schuldschein ein. Anschließend wühlte sie lange in ihrem Hosenbund und holte schließlich zehn papierne Teufelsfiguren mit blauen Gesichtern und weißen Haaren hervor sowie zwei menschliche Figuren, die ebenfalls aus Papier waren. Das alles reichte sie Nebenfrau Dschau und flüsterte ihr zu: „Ihr müßt die acht Schriftzeichen für Jahr, Monat, Tag und Stunde der Geburt von den beiden je auf eine der Menschenfiguren schreiben und sie dann mit je fünf Teufelsfiguren zusammen den beiden ins Bett stecken, das ist alles. Die Beschwörungen nehme ich zu Hause vor. Es wirkt ganz bestimmt. Ihr müßt auf jeden Fall vorsichtig sein, aber Angst braucht Ihr keine zu haben!“ Als sie das gesagt hatte, kam eines der Sklavenmädchen von Dame Wang herein und blickte sich suchend um.: „Da seid Ihr ja!“ sagte sie zu Nebenfrau Dschau. „ Die gnädige Frau erwartet Euch.“ Also gingen die beiden Frauen auseinander, und mehr soll einstweilen hiervon nicht die Rede sein. Seitdem Bau-yü ein verbranntes Gesicht hatte und nicht aus dem Haus gehen konnte, war Dai-yü häufig bei ihm gewesen, um mit ihm zu plaudern. Heute las sie nach dem Essen zwei Kapitel in einem Buch, aber das machte ihr keinen Spaß. Also beschäftigte sie sich eine Zeitlang mit Dsï-djüan und Hsüä-yän zusammen mit Nadelarbeiten, aber das verdroß sie noch mehr. Nun stand sie ein Weilchen an den Türrahmen gelehnt und hing ihren Gedanken nach, dann trat sie hinaus, um unterhalb der Plattform des Hauses die jungen Bambustriebe anzuschauen. Ganz von selbst trugen ihre Füße sie zum Hoftor hinaus in den Garten. Ringsum war alles menschenleer, nur die Blumen leuchteten, und die Bäume warfen ihre Schatten, die Vögel zwitscherten, und der Bach plätscherte. Unwillkürlich ging Dai-yü den gewohnten Weg in den Hof der Freude am Roten. Hier waren mehrere Sklavenmädchen eben dabei, Wasser zu schöpfen und im gewundenen Wandelgang zuzusehen, wie die Häherlinge badeten. Aus dem Haus war Gelächter zu hören, und als Dai-yü eintrat, stellte sie fest, daß schon Li Wan, Hsi-fëng und Bau-tschai anwesend waren. Kaum daß die anderen sie erblickten, riefen sie lachend: „Hier kommt noch jemand!“ „Wer hat denn da Einladungen verschickt, daß sich alle hier tref­fen?“ fragte Dai-yü, ebenfalls lachend. „Neulich habe ich ein Mädchen mit zwei Dosen Tee zu dir geschickt, wo warst du denn da?“ erkundigte sich Hsi-fëng. „Ach, das hatte ich ganz vergessen. Vielen Dank, vielen Dank!“ sagte Dai-yü. „Hast du den Tee gekostet? Wie schmeckt er dir?“ wollte Hsi-fëng weiter wissen, und noch ehe sie richtig zu Ende gesprochen hatte, mischte Bau-yü sich ein. „An sich ist er nicht schlecht“, sagte er, „aber ich mag ihn nicht besonders. Ich weiß ja nicht, wie die andern ihn finden.“ „Der Geschmack ist zart, nur die Farbe ist nicht besonders schön“, äußerte Bau-tschai ihre Meinung. „Das ist Tribut-Tee aus Siam“, erklärte Hsi-fëng. „Aber ich kann ihm nichts abgewinnen. Der Tee, den wir alle Tage trinken, sagt mir mehr zu.“ „Also mir schmeckt er“, sagte Dai-yü. „Ich weiß gar nicht, was ihr für einen Geschmack habt.“ „Wenn du ihn wirklich magst, kannst du meinen auch bekommen“, bot Bau-yü ihr an. „Ich habe noch mehr davon“, sagte Hsi-fëng lächelnd. „Wirklich?“ fragte Dai-yü. „Dann schicke ich morgen ein Mädchen, um ihn zu holen.“ „Nicht nötig!“ erwiderte Hsi-fëng. „Ich lasse ihn dir besser bringen. Ich wollte dich morgen sowieso um etwas bitten, da kann das gleich mit erledigt werden.“ „Habt ihr das gehört?“ fragte Dai-yü lachend. „Kaum daß man bei dieser Familie Tee getrunken hat, wird man auch schon herumkommandiert.“ „Bitten wollte ich dich um etwas“, sagte Hsi-fëng, „aber du regst dich gleich auf und bringst noch den Tee mit ins Spiel. Von Rechts wegen müßtest du bei uns einheiraten, wenn du unsern Tee getrunken hast!“ Alle anderen lachten darüber, Dai-yü dagegen wurde rot und wandte sich ab, ohne einen Ton zu sagen. „Die Schwägerin versteht es wirklich zu scherzen“, bemerkte Li Wan lächelnd zu Bau-tschai. „Das soll ein Scherz sein?“ fragte Dai-yü. „Widerliches Geschwätz ist das!“ Und sie spuckte aus. „Träumst du?“ fragte Hsi-fëng. „Was fehlt denn noch, damit du hier einheiratest?“ Sie wies auf Bau-yü und fuhr fort: „Schau ihn dir an! Ist er dir etwa nicht gut genug? Oder vielleicht seine Familie? Paßt dir sein Charakter nicht? Ist er dir zu arm? Was soll daran beleidigend sein?“ Dai-yü stand auf und ging weg. Da rief Bau-tschai ihr nach: „Warum regst du dich auf? Komm zurück und setz dich wieder hin! Was hat es für einen Sinn, wenn du fortläufst?“ Sie stand auf, um Dai-yü festzuhalten, und als sie so an der Tür standen, kamen eben die Nebenfrauen Dschau und Dschou, um Bau-yü zu besuchen. Li Wan, Bau-tschai und Bau-yü forderten sie auf, Platz zu nehmen, Hsi-fëng aber sprach weiter mit Dai-yü und würdigte die beiden keines Blickes. Eben wollte Bau-tschai etwas fragen, da erschien ein Sklaven­mäd­chen von Dame Wang und sagte: „Die gnädige Frau Schwägerin der Herrin ist gekommen, und die junge gnädige Frau und die Fräulein werden nach drüben gebeten.“ Li Wan rief sogleich zum Gehen auf, und rasch verabschiedeten sich auch die Nebenfrauen Dschau und Dschou von Bau-yü und gingen ebenfalls. „Ich kann ja nicht mit hinübergehen“, sagte Bau-yü. „Laßt die Tante bloß nicht hierher kommen!“ Dann wandte er sich an Dai-yü und bat: „Bleib noch einen Moment, ich will dir etwas sagen!“ Als Hsi-fëng das hörte, drehte sie sich noch einmal um und sagte lächelnd zu Dai-yü: „Du wirst gerufen!“ Damit schob sie Dai-yü ins Zimmer und ging dann mit Li Wan zusammen fort. Bau-yü faßte Dai-yü am Ärmel und lachte verlegen. Was er gern sagen wollte, bekam er nicht über die Lippen. Dai-yü aber lief unwillkürlich rot an und versuchte, sich loszumachen. Da klagte Bau-yü auf einmal: „Au, wie mir der Kopf weh tut!“ „Das geschieht dir ganz recht! Oh, Buddha Amitabha!“ sagte Dai-yü noch, als Bau-yü plötzlich aufschrie: „Ich sterbe!“ Er sprang drei, vier Tschï in die Höhe und stieß wilde Schreie aus. Dann begann er, wirre Reden zu führen. Kopflos vor Schreck meldeten Dai-yü und die Sklavenmädchen es rasch Dame Wang und der Herzoginmutter, und als diese zusammen mit Wang Dsï-tëngs Frau, die zu Besuch gekommen war, herbeigeeilt kamen, fuchtelte Bau-yü inzwischen mit einem Messer und einem Stock herum und wütete, daß es eine Art hatte. Bei diesem Anblick begannen die Herzoginmutter und Dame Wang vor Schreck zu zittern, und mit den Rufen „Mein Junge!“, „Mein Herz­blatt!“ brachen sie in Tränen der Verzweiflung aus. Die ganze Familie geriet in Aufruhr. Von Djia Schë und Dame Hsing sowie Djia Dschën, Djia Dschëng, Djia Liän, Djia Jung, Djia Yün, Djia Ping, Tante Hsüä und Hsüä Pan bis hinunter zu Dschou Juees Frau und sämtlichen Sklavenfrauen und -mädchen kam alles in den Garten gelaufen, um zu sehen, was los war, und im Nu herrschte ein heilloses Durcheinander. Aber ehe noch jemand wußte, was zu tun war, kam auch Hsi-fëng in den Garten gestürzt. In der Hand hielt sie ein blitzendes Stahlmesser, mit dem sie auf Hühner und Hunde einstach, die ihr in den Weg liefen, und auf Men­schen ebenso. Alles war in heller Aufregung, Dschou Juees Frau aber ging mit ein paar kräftigen, beherzten Sklavinnen auf Hsi-fëng los. Sie umringten sie, nahmen ihr das Messer ab und trugen sie in ihr Zimmer, wo Ping-örl und Fëng-örl so zu heulen begannen, daß es einen Stein erweichen konnte. Djia Dschëng war in größter Sorge und wußte nicht, um wen er sich zuerst kümmern sollte. Wie erregt die anderen waren, läßt sich leicht denken. Von der heftigsten Unruhe war jedoch Hsüä Pan befallen. Er hatte Angst, seine Mutter könnte von der Menge umgerannt werden, dann wieder fürchtete er, Bau-tschai könnte angestarrt werden, und schließlich war er in Sorge, Hsiang-ling könnte belästigt werden, denn er wußte, wie Djia Dschën und einige andere hinter den Frauen her waren. So litt er Höllenqualen, bis sein Blick plötzlich auf Dai-yü in all ihrer Zartheit und Eleganz fiel, und gleich schmolz er dahin. Inzwischen redete alles wild durcheinander. Die einen sagten, man müsse einen Geisterbeschwörer bitten, den Spuk auszutreiben. Andere meinten, man müsse eine Schamanin holen, um unter Tänzen ein Opfer zu bringen. Und wieder andere empfahlen Dschang den Heiligen aus dem Tempel des Jadekaisers. So ging das Gerede lärmend hin und her. Dann wurden hunderterlei Mittel versucht, Ärzte wurden geholt, und das Orakel wurde befragt, zu Göttern und zu Geistern wurde gebetet, aber nichts wollte helfen. Als die Sonne unterging, verabschiedete sich Wang Dsï-tëngs Frau und fuhr nach Hause. Am nächsten Tag kamen Wang Dsï-tëng selbst und nach ihm auch die Familie des jungen Fürsten Schï, die Brüder von Dame Hsing sowie alle möglichen anderen Verwandten und Angehörigen. Die einen brachten besprochenes Wasser mit, die anderen empfahlen buddhistische und dauistische Priester. Doch alles erwies sich als wirkungslos. Bau-yü und Hsi-fëng gerieten immer mehr außer sich und waren schon nicht mehr bei Sinnen. Sie lagen in ihren Betten, glühten am ganzen Leib wie brennende Kohlen und redeten irre. Zur Nacht wagten sich die Sklavinnen nicht mehr in ihre Nähe, darum wurden sie beide zu Dame Wang in den Hauptraum getragen, wo unter Djia Yüns Leitung Sklavenjungen abwechselnd Wache hielten. Die Herzoginmutter, Dame Wang, Dame Hsing und auch Tante Hsüä wichen nicht von ihrer Seite und saßen schluchzend dabei. Aus Furcht, die Herzoginmutter könnte sich deswegen einen Schaden zuziehen, wachten auch Djia Schë und Djia Dschëng die Nacht hindurch, und so kam das ganze Anwesen nicht zur Ruhe. Doch einen Rat wußte niemand. Djia Schë holte dann immer neue buddhistische und dauistische Priester herbei, aber weil sie nichts ausrichteten, wurde Djia Dschëng ärgerlich und versuchte, Djia Schë davon abzubringen. „Das Schicksal der Menschen wird vom Himmel bestimmt, und menschliche Kraft vermag nichts zu erzwingen“, sagte er. „Die Krankheit der beiden kam ganz unverhofft, und wenn ihnen keine Behandlung helfen kann, wird es der Himmel wohl so wollen. Wir müssen sie wohl oder übel ihrem Schicksal überlassen.“ Djia Schë hörte nicht darauf und bemühte sich eifrig weiter, aber nichts brachte Hilfe. Nach drei Tagen lagen Hsi-fëng und Bau-yü ohne sichtbares Lebens­zei­chen auf ihren Betten. Die ganze Familie war in Aufregung. Jeder sagte nur, es sei keine Hoffnung mehr, und so wurden eilig die Totenkleider und ‑schuhe für die beiden hergerichtet. Die Herzoginmutter, Dame Wang, Djia Liän, Ping-örl und Hsi-jën weinten ergriffener als alle anderen. Sie vergaßen Schlaf und Essen über ihrem Kummer und wußten nicht aus noch ein. Nur Nebenfrau Dschau und Djia Huan waren zufrieden. Am Morgen des vierten Tages, als die Herzoginmutter mit den anderen zusammen an Bau-yüs Bett saß und weinte, schlug Bau-yü plötzlich die Augen auf und sagte: „Ich kann nicht länger bei euch bleiben. Macht rasch alles fertig und schickt mich auf den Weg!“ Der Herzoginmutter war bei diesen Worten zumute, als würden ihr Herz und Leber aus dem Leibe gerissen, Nebenfrau Dschau aber redete auf sie ein: „Ihr dürft es nicht so tragisch nehmen, alte gnädige Frau! Mit ihm ist es aus, und das beste ist, man kleidet ihn rasch um und läßt ihn gehen, damit er weniger zu leiden hat. Wenn Ihr Euch so an ihn klammert, daß er den letzten Atem nicht aushauchen kann, wird er noch im Jenseits zu leiden haben und keine Ruhe finden...“ Ohne sie aussprechen zu lassen, spuckte ihr die Herzoginmutter ins Gesicht und schimpfte: „Verfluchte Vettel! Was schwatzt du da mit deiner verfaulten Zunge? Woher willst du wissen, daß er im Jenseits leidet und keine Ruhe findet? Woher willst du wissen, daß es aus ist mit ihm? Was hast du davon, wenn er stirbt? Mach dir nur keine falschen Hoffnungen! Wenn er mir stirbt, kostet das euer Leben. Ihr steckt dahinter, daß er immer nur lernen mußte, bis ihm vor Angst die Galle geplatzt ist, und daß er vor seinem Vater gezittert hat wie die Maus vor der Katze. An allem seid nur ihr schuld, ihr Hurenpack! Wenn er jetzt in den Tod getrieben wird, seid ihr zufrieden, aber ich werde das keinem verzeihen!“ So schimpfte sie unter Tränen, und Djia Dschëng wurde es bei diesen Worten erst recht schwer ums Herz. Er schickte Nebenfrau Dschau weg, trat selbst zur Herzoginmutter und versuchte, sie zu beruhigen. Bald darauf erschien jemand mit der Meldung: „Die beiden Särge sind fertig. Kommt sie Euch bitte ansehen, gnädiger Herr!“ Als die Herzoginmutter dies hörte, war das, als werde Öl ins Feuer gegossen. „Wer hat die Särge in Auftrag gegeben?“ fragte sie schimpfend und verlangte ein ums andere Mal, der Schuldige solle gebracht und zu Tode geprügelt werden. Mitten in dieses unentwirrbare Durcheinander tönten Schläge auf einen Holzgong und eine Stimme, die rief: „Gepriesen sei der Bodhisattwa, der uns von unseren Sünden erlöst! Menschen, die sich nicht wohl fühlen, Familien, die vor dem Zusammenbruch stehen, allen, die in Gefahr sind oder von bösen Geistern befallen, können wir helfen.“ Kaum hatten die Herzoginmutter und Dame Wang dies gehört, konnten sie nicht mehr an sich halten und befahlen, die Mönche hereinzubitten. Djia Dschëng war zwar nicht wohl dabei, aber den Anordnungen der Herzoginmutter konnte er schlecht zuwiderhandeln. Außerdem wunderte es ihn, daß die Stimme hier in der Tiefe des Anwesens so deutlich zu hören gewesen war. Deshalb ließ er die Mönche holen. Alle sahen ihnen entgegen und erblickten dann einen grindköpfigen Buddhisten und einen lahmen Dauisten. Der Buddhist sah so aus: Die Nase wie eine Schweinsleber, die Brauen lang, die Augen wie Sterne und funkelnd vor Glanz. Die Kutte zerrissen, die Schuhe aus Stroh, der Körper voll Schmutz, der Kopf voller Schorf. Und der Dauist so: Das eine Bein lang, das andre Bein kurz, völlig durchnäßt und mit Schlamm beschmiert. Doch wenn man fragt: „Wo bist du zu Haus?“, heißt‘s: „Westlich von Pëng-lai und Schwachwasserfluß .“ „Aus welchen Klöstern kommt ihr?“ erkundigte sich Djia Dschëng. „Ihr müßt keine überflüssigen Worte machen, hoher Herr“, erwiderte der Buddhist lächelnd. „Wir haben erfahren, daß es Kranke in Eurem Hause gibt, deshalb sind wir gekommen, um sie zu heilen.“ „Hier sind wirklich zwei Menschen von einem Übel befallen“, bestätigte Djia Dschëng. „Habt ihr vielleicht besprochenes Wasser dagegen?“ Lächelnd erwiderte der Dauist: „Es gibt doch eine einmalige Kostbarkeit in Eurem Hause, wozu braucht Ihr da noch besprochenes Wasser?“ Djia Dschëng verstand sofort, was damit gemeint war, und sagte: „Mein Sohn ist in der Tat mit einem Jadestein im Mund geboren worden, auf dem es heißt, er löse bösen Zauber, aber der Stein hilft nicht.“ „Ihr kennt nicht die wunderbare Wirkungsweise dieses Steins, hoher Herr“, sagte der Buddhist. „Er wirkt nur deshalb nicht, weil er durch Musik und Frauenschönheit, Besitz und Eigennutz verwirrt ist. Gebt ihn her, damit wir eine Beschwörung darüber sprechen, und dann wird er wieder in Ordnung sein.“

Aus: Jinyuyuan 1889a. Djia Dschëng nahm Bau-yü den Stein ab und reichte ihn den beiden hin. Der Buddhist nahm ihn entgegen, legte ihn auf seinen Handteller und sagte mit einem langen Seufzer: „Dreizehn Jahre sind wie im Fluge vergangen, seitdem wir uns an der Felswand Grüne Erhebung trennten. So schnell vergeht die Zeit in der Menschenwelt. Aber du hast nur irdische Dinge im Sinn, die nicht länger währen als ein Handumdrehen. Wie gut hattest du es damals! Von Himmel und Erde nicht gehemmt, nicht gebunden, kannte nicht Freude, nicht Kummer dein Herz. Doch durch die Schmelze von Nü-wa beseelt, verlangt‘s dich nach menschlicher Lust und Qual. Und wie geht es dir heute? Puder und Schminke beschmutzen den Glanz, bei Tag und bei Nacht quält dich Liebe. Einst jedoch endet dein süßer Traum, ist die Schuld beglichen, die Trennung da.“ Im Anschluß an diese Worte rieb er den Stein in der Hand und redete wirres Zeug dazu. Dann gab er ihn Djia Dschëng zurück und sagte: „Jetzt wirkt er wieder und darf nicht entweiht werden. Er muß im Schlafgemach über die Tür gehängt werden, und die beiden Kranken müssen dort in einem Raum liegen. Außer Eurer Gattin und Eurer Mutter darf kein weibliches Wesen hinein. Wenn dreiunddreißig Tage vergangen sind, werden die Kranken gesund sein wie ehedem.“ Nach diesen Worten machten die Mönche kehrt und gingen davon. Djia Dschëng wollte noch mit ihnen sprechen, sie zum Tee bitten, ihnen Geschenke machen, aber die beiden waren schon hinaus. Rasch schickte die Herzoginmutter jemanden hinter ihnen her, doch es war keine Spur mehr von ihnen zu finden. So blieb nichts weiter zu tun, als den Anordnungen des Mönches zu folgen und die beiden Kranken ins Schlafzimmer von Dame Wang zu bringen und den Jadestein über die Tür zu hängen. Dame Wang hielt selbst bei ihnen Wache und gestattete keinem anderen einzutreten. Am Abend kamen Bau-yü und Hsi-fëng allmählich zu sich und klagten über Hunger. Darüber freuten sich die Herzoginmutter und Dame Wang so sehr, als ob sie einen wertvollen Schatz gefunden hätten, und sofort ließen sie eine nüchterne Reissuppe kochen, die sie den beiden zu essen gaben. Nach und nach kehrten die Geisteskräfte der beiden zurück, und der Zauber wich. Der ganzen Familie fiel ein Stein vom Herzen. Als Li Wan, die drei Haustöchter, Bau-tschai, Dai-yü, Ping-örl und Hsi-jën, die im Vorzim­mer auf eine Nachricht gewartet hatten, erfuhren, die Kranken hätten Reissuppe gegessen und kämen zu sich, rief Dai-yü, noch ehe jemand anders den Mund aufgemacht hatte: „Buddha Amitabha!“ Da drehte sich Bau-tschai zu ihr um, blickte sie lange an und lachte dann laut heraus. Keiner verstand, was das bedeuten sollte, und Hsi-tschun fragte: „Worüber lachst du?“ Lächelnd erwiderte Bau-tschai: „Ich lache nur, weil der Buddha Tathagata weit mehr zu tun hat als ein einfacher Mensch. Er muß die heiligen Texte sprechen und alle Lebewesen erlösen, nachdem jetzt Bau-yü und Hsi-fëng krank geworden sind, Weihrauch abgebrannt wurde und Gelübde getan wurden, mußte er Glück spenden und das Übel vertreiben, und kaum daß es nun etwas besser wird, muß er sich auch noch um Dai-yüs Hochzeit kümmern. Sag selbst, ob das nicht zum Lachen ist, daß er dermaßen beschäftigt ist!“ Unwillkürlich lief Dai-yü rot an, dann spuckte sie aus und sagte: „Ihr seid keine guten Menschen, und es wird kein gutes Ende nehmen mit euch. Anstatt dem Beispiel guter Menschen zu folgen, ahmt ihr Hsi-fëng mit ihrem widerlichen Geschwätz nach.“ Damit schleuderte sie den Türvorhang beiseite und ging hinaus. Wenn ihr wissen wollt, wie es weiterging, müßt ihr das nächste Kapitel lesen.