Hongloumeng/de/Chapter 30
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Kapitel 30
宝钗借扇机带双敲
椿龄画蔷痴及局外
Dai-yü bereute es also ebenfalls, sich mit Bau-yü gezankt zu haben, aber da sie keinen Grund hatte, ihm nachzugeben, war sie Tag und Nacht in gedrückter Stimmung, als ob sie etwas verloren hätte. Dsï-djüan konnte sich denken, wie ihr zumute war, deshalb redete sie ihr zu: „Wenn man sich die Sache von gestern durch den Kopf gehen läßt, ist es wohl so, daß Ihr etwas leichtfertig wart, Fräulein. Denn wenn sonst niemand Bau-yüs Temperament kennt, wir kennen es. Schließlich hat er sich nicht erst ein oder zwei Mal seines Jadesteins wegen aufgeregt.“ „Ha!“ schnaubte Dai-yü, „wirfst du mir in anderer Leute Namen Fehler vor? Inwiefern war ich leichtfertig?“ „Wieso mußtet Ihr grundlos die Quaste zerschneiden?“ fragte Dsï-djüan lächelnd. „Stimmt es etwa nicht, daß Bau-yü nur zu drei Zehnteln im Unrecht war, während die restlichen sieben Zehntel Euch anzulasten sind? Mir scheint, Bau-yü ist immer sehr lieb zu Euch, und nur weil Ihr so aufbrausend seid und ihm ständig ungerechtfertigte Vorhaltungen macht, ist es so gekommen.“ Gerade als Dai-yü etwas erwidern wollte, begann am Hoftor jemand zu rufen, man solle öffnen. Dsï-djüan lauschte kurz, dann sagte sie lächelnd: „Es ist Bau-yüs Stimme. Sicher kommt er sich entschuldigen!“ „Du darfst ihm nicht aufmachen!“ befahl Dai-yü. „Schon wieder verhaltet Ihr Euch nicht recht, Fräulein“, warf Dsï-djüan ihr vor. „An so einem heißen Tag wollt Ihr ihn wohl in der sengenden Sonne umkommen lassen?“ Mit diesen Worten ging sie hinaus und öffnete das Hoftor. Tatsächlich stand draußen Bau-yü, und während sie ihn einließ, sagte sie lächelnd: „Ich hatte glaubte schon, Ihr kämt nicht mehr zu uns, junger Herr, und nun seid ihr doch hier!“ „Müßt ihr jede Kleinigkeit dermaßen aufbauschen?“ fragte Bau-yü lächelnd. „Warum sollte ich nicht mehr kommen? Selbst nach meinem Tod noch wird mein Geist hundertmal am Tag hierher kommen. Ist meine Kusine wieder gesund?“ „Körperlich ist sie gesund“, berichtete Dsï-djüan, „ihre Stimmung aber ist nicht so gut.“ „Ich weiß, was ihr fehlt“, sagte Bau-yü lächelnd und trat ins Haus, wo er Dai-yü weinend auf dem Bett vorfand. Dabei hatte sie erst nicht geweint, doch als sie hörte, daß Bau-yü kam, war sie unversehens von Schmerz überwältigt worden und konnte die Tränen nicht zurückhalten.
Lächelnd trat Bau-yü an ihr Bett und fragte: „Bist du wieder gesund, Kusinchen?“
Anstatt zu antworten, wischte sich Dai-yü nur die Tränen ab, und so setzte sich Bau-yü dicht neben sie auf die Bettkante und sagte lächelnd: „Ich weiß ja, du bist mir nicht böse. Aber wenn ich nicht herkommen würde und die anderen das merkten, werden sie glauben, wir seien wieder einmal verzankt. Und wenn sie kommen, um uns miteinander zu versöhnen, sieht es dann aus, als wollten wir einander nicht mehr kennen. Darum ist es das Beste, du machst jetzt mit mir, was du willst, schlägst mich oder schiltst mich, bloß abweisen darfst du mich nicht!“ Und er nannte sie tausend und zehntausend Mal „liebstes Kusinchen“. Eigentlich hatte sich Dai-yü vorgenommen, Bau-yü einfach nicht mehr zu beachten, aber als er jetzt sagte, niemand solle erfahren, daß sie verzankt seien, damit es nicht so aussah, als ob sie einander nicht mehr kennen wollten, verstand sie, daß sie ihm doch lieber war als irgend jemand sonst, und darum vermochte sie sich nicht zu bezähmen und sagte unter Tränen: „Du mußt mich nicht zum Narren halten! In Zukunft werde ich gewiß nicht mehr wagen, mich dem jungen Herrn zu nähern. Der junge Herr möge nur annehmen, ich sei gegangen.“ „Wohin willst du gehen?“ fragte Bau-yü lächelnd. „Nach Hause“, sagte Dai-yü. „Dann folge ich dir!“ verkündete Bau-yü. „Und wenn ich sterbe?“ fragte Dai-yü. „Wenn du stirbst, werde ich Mönch“, erklärte Bau-yü. Sofort machte Dai-yü ein böses Gesicht und sagte: „Und ich dachte, dann wolltest du auch sterben! Was für einen Unsinn du redest! Schließlich hast du mehrere Schwestern und Kusinen im Haus. Was ist, wenn sie nun alle sterben? Wie viele Körper hast du denn, um so oft Mönch zu werden? Morgen werde ich es allen erzählen, dann wollen wir hören, was sie dazu sagen!“ Bau-yü erkannte, daß seine Worte unüberlegt gewesen waren. Aber die Reue kam zu spät. Er lief rot an, ließ den Kopf hängen und sagte keinen Ton mehr. Glücklicherweise war niemand weiter im Zimmer. Lange starrte Dai-yü ihn unverwandt an und brachte vor Zorn kein Wort über die Lippen. Als sie sah, daß er vor verhaltenem Ärger schon blau im Gesicht wurde, biß sie die Zähne zusammen und bohrte ihm heftig den Finger in die Stirn. Zähneknirschend stieß sie hervor: „Du...“ Dann mußte sie seufzen und hob wieder das Taschentuch, um sich die Tränen wegzuwischen. Bau-yü hatte so viel auf dem Herzen gehabt, worüber er sprechen wollte, und dann hatte er etwas Unbedachtes gesagt. Während ihn noch die Reue darüber quälte, stieß ihm Dai-yü den Finger vor die Stirn, wollte etwas sagen und konnte es nicht. Statt dessen seufzte und weinte sie. Unwillkürlich begannen auch ihm vor Rührung die Tränen zu fließen. Er wollte sie mit dem Taschentuch abwischen, aber da merkte er, daß er wieder einmal vergessen hatte, eines einzustecken, und so nahm er den Ärmel. Dai-yü weinte zwar, aber sie hatte nicht übersehen, daß Bau-yü ein nagelneues Gewand aus lila Seidengaze trug, und damit wischte er sich jetzt die Tränen ab! So wischte sie sich zunächst selbst die Tränen ab, wandte sich dann nach einem seidenen Tuch um, das neben ihrem Kopfkissen lag, und warf es Bau-yü an die Brust. Ohne ein Wort zu sagen, verdeckte sie dann ihr Gesicht und hörte nicht auf zu weinen. Bau-yü griff schnell nach dem Tuch und wischte sich die Tränen ab, dann rückte er näher an Dai-yü heran, faßte sie bei der Hand und sagte lächelnd: „Alle meine fünf Eingeweide sind schon zerrissen, aber du weinst immer weiter. Komm, wir gehen zur alten gnädigen Frau!“ Dai-yü schüttelte seine Hand ab und sagte: „Was gibt es da zu zerren? Du wirst immer älter, und trotzdem bist du so unverschämt und weißt nicht, was sich gehört.“ Das hatte sie kaum ausgesprochen, als plötzlich jemand rief: „Das ist aber fein!“ Bau-yü und Dai-yü, die darauf nicht gefaßt waren, fuhren vor Schreck zusammen. Als sie sich umsahen, erblickten sie Hsi-fëng, die ins Zimmer gestürmt kam und lächelnd zu ihnen sagte: „Die alte gnädige Frau hadert drüben mit Himmel und Erde und befiehlt mir in einem fort nachzusehen, ob ihr euch wieder vertragen habt. Ich sage, da brauche ich gar nicht nachzusehen, in weniger als drei Tagen vertragen sie sich ganz von selbst. Aber da schilt mich die alte gnädige Frau und sagt, ich sei faul. Und nun, wo ich hier bin, stimmt es tatsächlich, was ich gesagt habe! Ich weiß gar nicht, was ihr beide zu zanken habt! Drei Tage seid ihr euch gut, und zwei Tage seid ihr euch böse. Je größer ihr werdet, desto kindischer werdet ihr auch. Wenn ihr jetzt Hand in Hand weint, warum mußtet ihr dann gestern wie die Kampfhähne zueinander sein? Marsch, ab mit dir zur alten gnädigen Frau, damit sie sich wieder beruhigt!“ Damit faßte sie Dai-yü bei der Hand und wollte gehen. Dai-yü wandte sich um und rief nach ihren Sklavenmädchen, aber keines von ihnen war da. „Wozu rufst du nach ihnen?“ fragte Hsi-fëng. „Ich bin ja zu deiner Bedienung hier.“ Und schon ging sie los und zog Dai-yü mit sich, Bau-yü aber ging hinterher. So verließen sie den Garten und gingen zur Herzoginmutter. Dort berichtete Hsi-fëng lächelnd: „Habe ich nicht gesagt, man brauche sich keine Sorgen um die beiden zu machen, sie würden sich ganz von selbst wieder vertragen? Ihr jedoch, alte Ahne, wolltet das nicht wahrhaben und mußtet mir unbedingt befehlen, hinzugehen und sie zu versöhnen.eid ihr euch böse. Je größer ihr werdet, desto kindischer werdet ihr auch. Wenn ihr jetzt Hand in Hand weint, warum mußtet ihr dann gestern wie die Kampfhähne zueinander sein? Marsch, ab mit dir zur alten gnädigen Frau, damit sie sich wieder beruhigt!“ Damit faßte sie Dai-yü bei der Hand und wollte gehen. Dai-yü wandte sich um und rief nach ihren Sklavenmädchen, aber keines von ihnen war da. „Wozu rufst du nach ihnen?“ fragte Hsi-fëng. „Ich bin ja zu deiner Bedienung hier.“ Und schon ging sie los und zog Dai-yü mit sich, Bau-yü aber ging hinterher. So verließen sie den Garten und gingen zur Herzoginmutter. Dort berichtete Hsi-fëng lächelnd: „Habe ich nicht gesagt, man brauche sich keine Sorgen um die beiden zu machen, sie würden sich ganz von selbst wieder vertragen? Ihr jedoch, alte Ahne, wolltet das nicht wahrhaben und mußtet mir unbedingt befehlen, hinzugehen und sie zu versöhnen. Aber als ich ankam und sie versöhnen wollte, saßen sie schon beieinander, baten sich gegenseitig um Verzeihung und machten einander lachend Vorwürfe. So eng haben sie beieinander gehockt, daß es aussah, als hielte ein Habicht einen Sperber am Bein gepackt. Was brauchen sie da noch jemand, der sie versöhnt!“ Alles brach über die Worte in Lachen aus. Da auch Bau-tschai im Zimmer war, setzte sich Dai-yü, ohne ein Wort zu sagen, dicht neben die Herzoginmutter. Bau-yü aber, der nicht wußte, was er sagen sollte, wandte sich an Bau-tschai und bemerkte: „Heute hat dein Bruder seinen großen Tag, und ausgerechnet da muß ich mich nicht wohl fühlen! Ich habe ihm weiter nichts geschenkt, und nun kann ich nicht einmal meinen Stirnaufschlag vor ihm machen. Dein Bruder weiß nicht, daß ich krank bin, und denkt vielleicht, ich sei zu bequem und hätte nur eine Ausrede gesucht, damit ich nicht zu kommen brauche. Falls er mir böse ist, mußt du ihm das erklären!“ „Das ist übertriebene Sorge von dir“, erwiderte Bau-tschai lächelnd. „Auch wenn du hingehen könntest, würde es niemand wagen, dich zu belästigen, um wieviel mehr gilt das, wenn du krank bist. Wenn sich Vettern, die tagtäglich zusammen sind, solche Gedanken machen wollten, wäre das ja, als ob sie einander wie Fremde behandelten.“ „Wenn du Bescheid weißt und mir nachfühlen kannst, bin ich beruhigt“, sagte Bau-yü lächelnd. Dann erkundigte er sich: „Warum siehst du dir die Theatervorführung nicht an?“ „Ich habe Angst vor der Hitze“, gab Bau-tschai Auskunft. „Zwei Szenen habe ich mir angesehen, dann wurde es mir zu heiß, und ich wollte gehen. Aber da auch die Gäste noch nicht gingen, blieb mir nichts anderes übrig, als mir eine Ausrede zu suchen und zu sagen, ich fühlte mich nicht wohl. So bin ich hierher gekommen.“ Beschämt von diesen Worten, versuchte Bau-yü lächelnd abzulenken. „Kein Wunder, daß man dich mit der Yang Guee-fee vergleicht“, sagte er. „Die war auch so mollig und gegen Hitze empfindlich.“ Als Bau-tschai das hörte, wurde sie zornig und hätte Bau-yü gern etwas Passendes erwidert. Aber da das schlecht anging, dachte sie kurz nach, errötete und sagte dann mit höhnischem Lachen: „Gewiß doch, nur fehlt mir der rechte Vetter als Yang Guo-dschung!“ Während die beiden so miteinander sprachen, vermißte das kleine Sklavenmädchen Diän-örl seinen Fächer und sagte nun lächelnd zu Bau-tschai: „Bestimmt habt Ihr ihn versteckt! Gebt ihn mir wieder, liebes Fräulein!“ „Sei vorsichtig, du!“ sagte Bau-tschai und wies mit dem Finger auf sie. „Mache ich solche Scherze mit dir, daß du mich verdächtigen mußt? Mit so etwas gehst du besser zu den Fräulein, die sich stets leichtfertig dir gegenüber betragen!“ Erschrocken über diese Worte, lief Diän-örl hinaus. Bau-yü aber erkannte, daß er schon wieder etwas Unbedachtes gesagt hatte, und in Gegenwart so vieler Zeugen war das natürlich peinlicher als vorhin bei Dai-yü. So wandte er sich rasch um und unterhielt sich zur Ablenkung mit den anderen. Dai-yü hatte es gut getan zu hören, wie Bau-tschai von Bau-yü beschämt wurde, und sie hatte schon eine Bemerkung auf der Zunge, mit der sie die Situation ausnutzen wollte, um sich ebenfalls über Bau-tschai lustig zu machen, aber da kam Diän-örl mit ihrem Fächer dazwischen, und nach Bau-tschais Erwiderung fragte sie statt dessen rasch mit einem Lächeln: „Was waren das für Theaterszenen, die du gesehen hast, Kusine Bau-tschai?“ Bau-tschai, die den zufriedenen Ausdruck in Dai-yüs Gesicht bemerkte, sagte sich, daß sie bestimmt gehört hatte, wie sie eben von Bau-yü geschmäht worden war, und sich nun darüber freute, deshalb antwortete sie lächelnd: „Ich habe gesehen, wie Li Guee erst Sung Djiang beschimpfte und ihn dann um Verzeihung bat.“ Ebenfalls lächelnd, schaltete Bau-yü sich ein. „Da bist du nun mit der Literatur aus alter und neuer Zeit bestens vertraut, weißt über alles und jedes Bescheid“, sagte er, „aber von diesem Theaterstück kennst du den Namen nicht und mußt es uns statt dessen umständlich erläutern. ‚Reumütige Entschuldigung‘ heißt es.“ „So?“ fragte Bau-tschai. „‚Reumütige Entschuldigung‘ heißt es? Ihr seid es, die alles und jedes kennen, da müßt ihr natürlich wissen, was eine reumütige Entschuldigung ist. Ich weiß nicht, was das ist.“ Noch ehe sie zu Ende gesprochen hatte, wurde Bau-yü und Dai-yü schon beklommen ums Herz, und als das letzte Wort eben verklang, waren sie beide schamrot geworden. Hsi-fëng konnte in diesen Dingen zwar nicht mitreden, aber der Anblick, den die drei boten, sagte ihr genug. Lächelnd fragte sie jetzt: „Wer von euch hat denn an so einem heißen Tag auch noch frischen Ingwer gegessen?“ Niemand verstand, was sie meinte, und so sagte jeder: „Ich nicht.“ Scheinbar ratlos legte Hsi-fëng die Hand an die Wange und sagte verwundert: „Wenn niemand frischen Ingwer gegessen hat, woher kommt dann die Schärfe, die hier in der Luft liegt?“ Diese Bemerkung machte Bau-yü und Dai-yü vollends verlegen. Bau-tschai hatte ursprünglich noch etwas sagen wollen, aber Bau-yü sah vor lauter Scham so verändert aus, daß sie es lieber bleibenließ und nur lachte. Der Rest der Gesellschaft hatte sowieso nicht verstanden, wovon die vier sprachen, und hatte ihre Worte nur an sich vorbeirauschen lassen. Als Bau-tschai und Hsi-fëng bald darauf gingen, sagte Dai-yü lächelnd zu Bau-yü: „Siehst du, nun bist du einmal an eine geraten, die schlagfertiger ist als ich. Nicht jeder hat so ein einfältiges Herz und so eine unbeholfene Zunge wie ich und redet den Leuten nach dem Munde.“ Bau-yü, der sich ohnehin schon unbehaglich fühlte, weil Bau-tschai seine Worte übelgenommen hatte, wurde durch diese Bemerkung ganz und gar verstimmt. Schon wollte er Dai-yü eine passende Antwort geben, aber dann fürchtete er, sie könnte sich das zu Herzen nehmen, und so beherrschte er sich notgedrungen und ging lustlos und niedergeschlagen hinaus. Da sich bei der hochsommerlichen Hitze, zumal nach der Frühmahlzeit, Herrschaft und Gesinde gleichermaßen müde fühlte, traf Bau-yü, als er – die Hände auf dem Rücken – durch die einzelnen Räume ging, überall auf Totenstille. Er verließ das Gehöft der Herzoginmutter und wandte sich nach Westen. Nachdem er die Durchgangshalle passiert hatte, kam er zu Hsi-fëngs Wohngehöft. Das Hoftor war geschlossen, und weil Bau-yü wußte, daß es zu Hsi-fëngs Regeln gehörte, in der heißen Jahreszeit über Mittag eine Doppelstunde zu schlafen, konnte er nicht gut hineingehen. Darum trat er durch das Seitentor und ging zu den Haupträumen von Dame Wang. Als er hier eintraf, fand er mehrere Sklavenmädchen, die mit ihren Nadelarbeiten in der Hand eingenickt waren. Dame Wang aber schlief im Innenraum auf einem Sommerbett, und Djin-tschuan, die daneben saß, um ihr die Beine zu klopfen, waren ebenfalls die Augen zugefallen, und ihr Körper schwankte benommen hin und her. Leise trat Bau-yü auf sie zu und tippte an ihr Ohrgehänge. Djin-tschuan schlug die Augen auf und erkannte Bau-yü. „So müde?“ fragte Bau-yü leise und mit lächelnder Miene. Djin-tschuan verzog den Mund zu einem Lächeln und machte Bau-yü mit der Hand ein Zeichen hinauszugehen, dann schloß sie wieder die Augen. Bau-yü fand den Anblick zu lieblich, um wegzugehen, darum reckte er vorsichtig den Hals, und weil er sah, daß Dame Wang die Augen zu hatte, holte er eine ‚Duftschnee‘-Erfrischungspastille aus seinem Gürteltäschchen und schob sie Djin-tschuan in den Mund. Sie lutschte sie, ohne die Augen zu öffnen. Bau-yü rückte näher zu ihr heran, faßte sie bei der Hand und sagte leise: „Morgen will ich dich von der gnädigen Frau für mich verlangen, dann sind wir zusammen!“ Und als Djin-tschuan nichts darauf erwiderte, sagte er: „Dann gleich, wenn sie wach wird!“ Jetzt machte Djin-tschuan die Augen auf, schob Bau-yü weg und fragte lächelnd: „Warum so eilig? Weißt du, was das bedeutet: ‚Der goldene Haarpfeil liegt im Brunnen – was dein ist, das ist dein‘? Soll ich dir etwas sagen? Wenn du in den kleinen Osthof gehst, kannst du deinen Bruder Huan mit Tsai-yün erwischen.“ „Soll er doch machen, was er will!“ sagte Bau-yü. „Mich kümmerst nur du!“ Da setzte Dame Wang sich plötzlich auf, gab Djin-tschuan eine Ohrfeige, wies mit dem Finger auf sie und schimpfte: „Du gemeines kleines Hurenweib! Mußt du unschuldige junge Herren verderben?“ Bau-yü war, kaum daß er sah, wie Dame Wang sich aufrichtete, gleich einem flüchtigen Rauch verschwunden. Djin-tschuan aber, der die eine Gesichtshälfte brannte wie Feuer, wagte kein einziges Wort zu erwidern.
Aus: Jinyuyuan 1889a. Im Nu standen die übrigen Sklavenmädchen, die bemerkt hatten, daß Dame Wang wach war, im Innenraum, und diese erteilte Yü-tschuan den Befehl: „Deine Mutter soll kommen, um deine ältere Schwester abzuholen!“ Kaum hatte Djin-tschuan das gehört, als sie niederkniete und weinend sagte: „Ich will es nie wieder tun! Straft mich mit Schlägen und Schelte, ganz wie Ihr wollt, gnädige Frau, aber schickt mich nicht fort, das wird eine himmlische Gnade für mich sein. Zehn Jahre bin ich bei Euch, gnädige Frau. Kann ich noch einem Menschen ins Gesicht sehen, wenn Ihr mich jetzt hinauswerft?“ Dame Wang war wirklich ein gütiger, großzügiger Mensch und hatte noch nie ein Sklavenmädchen geschlagen. Aber solche Schamlosigkeit, wie sie sie jetzt hatte erleben müssen, haßte sie wie nichts sonst auf der Welt, darum war sie so in Zorn geraten und hatte Djin-tschuan geschlagen und beschimpft. Und wie flehentlich Djin-tschuan auch bitten mochte, Dame Wang wollte sie nicht länger bei sich behalten. So wurde schließlich Djin-tschuans Mutter, eine alte Sklavin namens Bai, gerufen und mußte Djin-tschuan holen. In Schimpf und Schande ging Djin-tschuan fort, und mehr soll hier von ihr nicht die Rede sein. Als Bau-yü gesehen hatte, daß Dame Wang wach wurde, war ihm die Laune verdorben, und er ging rasch in den Garten des Großen Anblicks hinüber. Die glühende Sonne stand hoch am Himmel, die Schatten der Bäume bedeckten die Erde. Der Lärm der Zikaden erfüllte die Ohren, keine menschliche Stimme war zu vernehmen. Doch als Bau-yü an das Rosenspalier kam, hörte er plötzlich ein verhaltenes Schluchzen. Zuerst glaubte er, sich verhört zu haben, darum blieb er stehen und lauschte. Doch es war tatsächlich jemand auf der anderen Seite des Spaliers. Es war schon der fünfte Monat und eben die Zeit, in der die Rosensträucher dicht mit Blättern und Blüten bedeckt sind. Verstohlen schaute Bau-yü durch eine Öffnung im Bambusflechtwerk und erblickte ein Mädchen, das vor den Sträuchern hockte, mit einem Haarpfeil, wie man ihn für eine Schneckenfrisur braucht, in der Erde stocherte und leise vor sich hin weinte. „Ist das noch so ein Närrchen?“ fragte sich Bau-yü. „Will sie etwa auch Blüten begraben wie Dai-yü?“ Dann sagte er sich mit einem Seufzer: „Wenn sie tatsächlich Blüten begraben will, kann man das wahrhaftig nicht anders bezeichnen als ,Eine falsche Hsi-schï ahmt die gerunzelten Brauen nach.‘ Nicht nur, daß es nichts Neues ist, es ist im Gegenteil widerlich.“ Als er diesen Gedanken zu Ende gedacht hatte, wollte er dem Mädchen schon sagen: „Du mußt nicht Fräulein Lin nachahmen!“ Aber ehe er den Mund aufmachte, blickte er glücklicherweise noch einmal hin und erkannte, daß ihm das Mädchen fremd war und gar nicht zur Dienerschaft gehörte. Vielmehr sah sie aus, als ob sie eine der zwölf kleinen Schauspielerinnen wäre, nur konnte er nicht ausmachen, was sie spielen mochte, eine Männer- oder eine Frauenrolle, einen Haudegen oder einen Spaßmacher. Rasch biß er sich auf die Zunge und hielt sich den Mund zu. Dabei sagte er sich: „Ein Glück, daß ich nicht wieder so voreilig war! Vorhin habe ich schon zweimal etwas Unüberlegtes gesagt und dadurch erst Dai-yü erzürnt und dann Bau-tschai verärgert. Es wäre schlimm, wenn ich jetzt noch jemand gekränkt hätte!“ So dachte er und ärgerte sich, weil er nicht erkennen konnte, wer das Mädchen war. Noch einmal spähte er aufmerksam zu ihr hinüber und stellte fest, daß ihre Brauen dicht waren wie der Pflanzenwuchs auf Bergen im Frühling und die Augen klar wie der Wasserspiegel von Seen im Herbst. Ihr Gesicht war schmal, ihre Taille schlank. In ihrer zarten Schönheit erinnerte sie sehr an Dai-yü, und Bau-yü konnte sich schon nicht mehr von dem Anblick losreißen, um fortzugehen. Betört starrte er sie an und bemerkte dabei, daß sie zwar mit dem Haarpfeil auf der Erde herumfuhr, aber nicht um den Boden zu lockern und Blüten zu begraben, sondern um etwas darauf zu schreiben. Er folgte den Bewegungen der Pfeilspitze mit den Augen: Längsstrich, Querstrich, Punkt und Haken... und zählte mit. Dabei kam er auf achtzehn Striche. Dann schrieb er sie in derselben Reihenfolge mit der Fingerspitze auf seiner Handfläche nach und rätselte, welches Schriftzeichen es sein konnte. Kaum daß er den letzten Strich gezogen hatte, erkannte er, daß es das Zeichen tjiang – „Rose“ – gewesen sein mußte. „Bestimmt will sie ein Gedicht machen und hat sich von den Blüten hier inspirieren lassen“, überlegte Bau-yü. „Vielleicht ist sie durch Zufall auf eine Doppelzeile gekommen und hat nun in ihrer Begeisterung Angst, sie wieder zu vergessen. Darum schreibt sie sie auf die Erde und feilt daran herum. Wer weiß! Ich will sehen, was sie noch schreibt!“ Mit diesen Gedanken beobachtete er, wie das Mädchen weiterschrieb. Aber sie schrieb wieder das Schriftzeichen tjiang, und als er sie weiter beobachtete, schrieb sie es noch einmal. Wie gebannt schrieb sie auf ihrer Seite des Spaliers das Zeichen immer wieder von neuem, sobald sie es fertig geschrieben hatte, und hatte das nun wohl schon ein paar tausend Mal getan. Ebenfalls wie gebannt schaute ihr Bau-yü von seiner Seite aus zu. Seine beiden Augäpfel folgten jeder Bewegung des Haarpfeils, in seinem Herzen aber dachte er: „Bestimmt hat das Mädchen einen großen Kummer, den sie nicht aussprechen kann, daß sie sich so verhält. Wer weiß, wie bedrängt ihr zumute ist! Aber bei ihrer Zartheit ist sie ganz bestimmt keinem Kummer gewachsen. Wie schade, daß ich ihr nicht ein wenig davon abnehmen kann!“ In den Hundstagen ist auf den Sonnenschein kein Verlaß, das kleinste Wölkchen kann einen Schauer bringen. Plötzlich wehte ein kühler Wind, und rauschend begann es zu regnen. Bau-yü sah, wie dem Mädchen das Wasser vom Kopf tropfte und wie ihr Gazegewand im Nu durchnäßt war, und er dachte: „Es regnet, aber dieser Körper verträgt keinen Wolkenbruch!“ Und unwillkürlich sagte er: „Hör auf zu schreiben! Schau, wie es gießt! Du bist schon ganz naß.“ Erschrocken fuhr das Mädchen zusammen, als sie so angesprochen wurde. Als sie aufblickte und wahrnahm, daß ihr jemand von der anderen Seite des Spaliers her sagte, sie solle nicht mehr schreiben, weil es so gieße, glaubte sie – da Bau-yü ein so hübsches Gesicht hatte und die üppige Pracht der Blüten und Blätter noch dazu nur die Hälfte seines Gesichts sehen ließ –, es sei ein Sklavenmädchen, das da zu ihr sprach. Darum sagte sie lächelnd: „Danke, Schwester, daß du mich darauf aufmerksam machst, aber hast du dort drüben vielleicht einen Regenschutz?“ „O weh!“ sagte Bau-yü, denn erst ihre Worte ließen ihn darauf aufmerksam werden, daß ihm am ganzen Körper eiskalt war, und als er an sich herunterschaute, sah er, daß er selber pitschnaß war. „Du meine Güte!“ rief er aus und stürzte geradewegs zum Hof der Freude am Roten zurück. Auch jetzt machte er sich noch immer Gedanken darum, daß jenes Mädchen sich nirgendwo unterstellen konnte. Da am nächsten Tag das Drachenbootfest bevorstand, hatten die zwölf kleinen Schauspielerinnen mit Wën-guan an der Spitze frei und waren in den Garten gekommen, um hier dem Vergnügen nachzugehen. Die beiden Mädchen Bau-guan und Yü-guan, von denen erstere die Rollen junger Männer, letztere die junger Frauen spielte, waren in den Hof der Freude am Roten gekommen, um mit Hsi-jën zusammen lustig zu sein, und durch den Regen hier festgehalten worden. Dann hatten alle gemeinsam den Abflußgraben verstopft und den Hof unter Wasser gesetzt, grünköpfige Stockenten, gefleckte Sichelenten und bunte Mandarinenten eingefangen oder herbeigetrieben und mit zusammengebundenen Flügeln im Hof schwimmen lassen. Das Hoftor aber hatten sie verriegelt. Während Hsi-jën mit den anderen zusammen im Wandelgang stand, wo sie sich laut amüsierten, fand Bau-yü das Hoftor geschlossen und schlug mit der Hand dagegen. Aber drinnen war das bei dem allgemeinen Gelächter nicht zu hören. Erst als er lange gerufen und donnernd ans Tor geschlagen hatte, wurden sie darauf aufmerksam, dachten aber nicht, daß es Bau-yü sein könnte. „Wer ist es, der da ruft?“ fragte Hsi-jën lachend. „Wer geht hin und macht auf?“ „Ich bin‘s“, sagte draußen Bau-yü. „Das klingt wie Fräulein Bau-tschai“, meinte Schë-yüä. „Quatsch!“ sagte Tjing-wën. „Wozu sollte Fräulein Bau-tschai jetzt hierher kommen?“ „Laßt mich durch den Türspalt sehen!“ sagte Hsi-jën. „Wenn es jemand ist, den wir einlassen können, mache ich auf. Wenn nicht, soll sie nur naß werden!“ Damit ging sie durch den Wandelgang bis zum Tor, spähte hinaus und erblickte Bau-yü, der naß war wie ein Huhn im Regen. Der Anblick machte sie betroffen, belustigte sie aber zugleich, darum öffnete sie rasch das Tor, krümmte sich dabei vor Lachen, klatschte in die Hände und sagte: „Was läufst du denn bei diesem Regen herum? Wer konnte ahnen, daß du es bist!“ Bau-yü, der eine schreckliche Wut im Bauch hatte, wollte derjenigen, die das Tor aufmachte, ein paar Fußtritte versetzen. Als es jetzt aufging, sah er überhaupt nicht hin, wer vor ihm stand, und glaubte nicht anders, als daß es eines der kleinen Sklavenmädchen sei. Also hob er das Bein und gab ihr einen Tritt in die Rippen. „Au!“ schrie Hsi-jën auf, Bau-yü aber schimpfte: „Ihr gemeines Pack! Ich bin immer großzügig zu euch, daß ihr zufrieden sein könnt, ihr aber habt keinen Respekt und macht euch über mich lustig!“ Während er das sagte, schaute er hinunter und erblickte die weinende Hsi-jën. Jetzt erst bemerkte er, daß der Fußtritt fehl am Platz gewesen war, und sagte rasch mit einem Lächeln: „O weh, du warst das! Wohin habe ich dich getreten?“ Hsi-jën hatte nie auch nur ein lautes Wort zu hören bekommen, jetzt aber mußte sie plötzlich erleben, wie ihr Bau-yü in seiner Wut einen Tritt versetzte, und das im Angesicht all der anderen Mädchen. Darum war sie beschämt und wütend zugleich, außerdem hatte sie Schmerzen, und so wäre sie am liebsten im Boden versunken. Schon wollte sie sich aufregen, aber dann sagte sie sich, Bau-yü habe sie wohl nicht mit Vorbedacht getreten, darum unterdrückte sie notgedrungen Schmerz und Zorn und sagte: „Du hast mich gar nicht getroffen. Willst du dich nicht endlich umziehen gehen?“ Bau-yü ging ins Zimmer und zog sich aus, dabei sagte er lächelnd: „So groß mußte ich werden, ehe ich heute zum ersten Mal nach jemand getreten habe, und ausgerechnet dich hat es getroffen!“ Hsi-jën, die sich ihren Schmerz verbiß und Bau-yü beim Umkleiden behilflich war, antwortete ebenfalls mit einem Lächeln: „Ich bin die Erste unter deinen Mädchen, darum muß natürlich im Großen wie im Kleinen, im Guten wie im Bösen alles bei mir seinen Anfang nehmen. Aber davon ganz abgesehen, daß du nach mir getreten hast, in Zukunft wirst du auch bei anderen einfach zuschlagen.“ „Eben habe ich es auch nicht mit Absicht getan“, beteuerte Bau-yü. „Wer sagt denn, daß du es mit Absicht getan hast?“ fragte Hsi-jën und fuhr dann fort: „Das Tor zu öffnen und zu schließen ist für gewöhnlich die Aufgabe der kleineren Mädchen. Ungehorsam ist ihnen schon dermaßen zur Gewohnheit geworden, daß man dauernd vor Wut mit den Zähnen knirschen möchte, sie haben nicht den geringsten Respekt. Wenn du angenommen hast, es sei eine von ihnen, und wolltest ihr einen Fußtritt geben, um sie einzuschüchtern, war das nicht ganz so schlimm. Es war bloß nicht recht von mir, daß ich nicht sie das Tor habe aufmachen lassen.“ Während sie das sagte, hatte der Regen schon aufgehört, und Bau-guan und Yü-guan waren längst fort. Hsi-jën fühlte, daß ihr die Rippen weh taten und daß sie Beschwerden in der Brust hatte. Auch das Essen wollte ihr nicht schmecken. Als sie sich am Abend zum Waschen auszog, erblickte sie in der Rippengegend einen blauen Fleck von der Größe einer Reisschale. Sie fuhr vor Schreck zusammen, konnte sich aber nicht gut beschweren. Als sie sich dann schlafen gelegt hatte, taten ihr die Rippen auch im Traum noch weh, und sie wimmerte im Schlaf: „Au, au!“ Bau-yü hatte Hsi-jën zwar nicht absichtlich getreten, aber da er gesehen hatte, wie mühsam sie sich bewegte, fand er keine Ruhe. Als er in der Nacht plötzlich ihre Schmerzenslaute vernahm, erkannte er, wie schwer er sie getreten haben mußte. Darum stand er auf und griff leise nach der Lampe. Eben trat er zu Hsi-jën ans Bett, da hustete sie ein paarmal und spuckte dann aus. Stöhnend öffnete sie die Augen und schreckte zusammen, als sie Bau-yü erblickte. „Was willst du?“ fragte sie. „Du hast im Schlaf gestöhnt“, sagte Bau-yü. „Das kommt bestimmt davon, daß ich dich so schlimm getreten habe. Laß mich mal sehen!“ „Mir ist schwindlig im Kopf, und ich habe einen widerlich-süßen Geschmack in der Kehle“, klagte Hsi-jën. Dann bat sie: „Leuchte mal auf die Erde!“ Als Bau-yü die Lampe hob und ihr Schein auf den Fußboden fiel, sah er dort einen frischen Blutfleck. Bestürzt sagte er: „Nein, so etwas!“ Auch Hsi-jën wurde bei dem Anblick einen kurzen Moment lang eiskalt ums Herz. Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen.