Hongloumeng/de/Chapter 54

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Kapitel 54

史太君破陈腐旧套

王熙凤效戏彩斑衣

Djia Dschën und Djia Liän hatten also große Körbe mit Bronzemünzen bereitstellen lassen, und als sie hörten, wie die Herzoginmutter sagte „Belohnt sie!“, gaben sie rasch den Sklavenjungen den Befehl, diese Münzen ebenfalls auszuschütten. Als das ganze Bühnengebäude vom Klirren der Münzen widerhallte, war die Herzoginmutter hocherfreut. Da standen die beiden auf, Sklavenjungen reichten Djia Liän flink eine silberne Kanne mit frisch gewärmtem Wein, und schnellen Schrittes folgte er Djia Dschën ins Innere der Halle. Zuerst trat Djia Dschën an den Tisch von Tante Li, verbeugte sich vor ihr, ergriff ihren Weinbecher und drehte sich zu Djia Liän um, der den Becher sofort füllte. Anschließend traten sie an den Tisch von Tante Hsüä und gossen ihr auf dieselbe Weise Wein ein. Gleich danach erhoben sich Tante Li und Tante Hsüä von ihren Sitzen und sagten lächelnd: „Nehmt doch Platz, werte Herren! Wozu diese Förmlichkeiten?“ Dann standen auch alle anderen Gäste mit Ausnahme von Dame Hsing und Dame Wang auf und traten in dienstfertiger Haltung näher, während Djia Dschën und Djia Liän vor die Ruhebank der Herzoginmutter traten, wo sie sich, weil die Bank niedrig war, auf die Knie niederließen. Djia Dschën hielt den Becher, Djia Liän hinter ihm schenkte ein. Und obwohl nur sie beide den Wein eingossen, waren auch Djia Huan und die übrigen jungen Männer in der Reihenfolge der Rangordnung hinter ihnen hereingekommen und fielen jetzt mit auf die Knie, als sie sahen, daß jene beiden sich hinknieten. Auch Bau-yü kniete rasch nieder, aber Hsiang-yün stieß ihn an und fragte leise und mit lächelnder Miene: „Warum machst du das? Wenn schon, müßtest du ebenfalls eine Runde Wein eingießen, meinst du nicht?“ „Etwas später!“ versprach Bau-yü ebenso leise und lächelte zurück. Erst als Djia Dschën und Djia Liän sich erhoben, stand auch er wieder auf. Nachdem Djia Dschën und Djia Liän auch Dame Hsing und Dame Wang die Becher gefüllt hatten, fragte Djia Dschën lächelnd: „Und wie ist es mit den Kusinen?“ „Geht ihr nur!“ sagte die Herzoginmutter. „Dann können auch sie sich freier bewegen.“ Erst auf diese Aufforderung hin verließ Djia Dschën mit seinem Gefolge die Halle. Inzwischen war die zweite Nachtwache noch nicht angebrochen, und auf der Bühne wurde eben die Szene der Laternenschau aus dem Stück ‚Die acht Pflichtgetreuen‘0 gespielt, weshalb es dort sehr lebhaft zuging. Da stand Bau-yü vom Tisch auf und wandte sich zum Ausgang. „Wohin willst du?“ fragte die Herzoginmutter. „Draußen wird so viel Feuerwerk abgebrannt. Paß auf, daß du nicht von einer herabfallenden glühenden Papphülse getroffen wirst und dich daran verbrennst!“ „Ich gehe nicht weit“, versicherte Bau-yü. „Ich muß nur einmal hinaus und bin gleich wieder da.“ Die Herzoginmutter befahl noch, die alten Sklavenfrauen sollten draußen schön auf ihn achtgeben, und Bau-yü ging hinaus, nur von Schë-yüä, Tjiu-wën und ein paar kleineren Sklavenmädchen begleitet. „Warum ist Hsi-jën nicht hier?“ erkundigte sich die Herzoginmutter jetzt. „Ist sie inzwischen so eingebildet, daß sie nur noch die kleineren Mägde schickt?“ Sofort erhob sich Dame Wang und berichtete lächelnd: „Ihre Mutter ist doch neulich gestorben, sie ist noch in tiefster Trauer, und da kann sie schlecht herüberkommen.“ Die Herzoginmutter nickte zwar dazu und lächelte, aber dann sagte sie: „Wie kann von Trauer die Rede sein, wenn es um den Dienst an der Herrschaft geht? Wenn sie noch bei mir dienen würde, müßte sie jetzt auch mit hier sein, oder vielleicht nicht? Das liegt alles nur daran, daß wir zu großzügig sind und Leute genug zur Bedienung haben. Darum haben wir solchen Dingen nie Beachtung geschenkt, und so ist es schließlich zur Regel geworden.“ Nun kam auch Hsi-fëng rasch herüber und meldete lächelnd: „Auch wenn sie nicht in Trauer wäre, wird sie doch heute im Garten gebraucht, um dort die Aufsicht zu führen. All die Kerzen und Laternen, Knallfrösche und Sprühfeuer sind ja so gefährlich! Und kaum daß hier Theater gespielt wird, kommt natürlich das ganze Gartengesinde heimlich herüber, um zuzuschauen. Sie aber ist umsichtig und achtet in allem auf Ordnung. Außerdem ist auf diese Weise, wenn wir hier auseinandergehen und Vetter Bau-yü sich schlafen legt, schon alles für ihn vorbereitet. Wenn auch sie mit hier wäre und drüben wäre alles sorglos auseinandergelaufen, dann wäre nachher, wenn er zurückkommt, sein Bettzeug nicht angewärmt und auch der Tee nicht bereitgestellt. Jede Annehmlichkeit würde ihm fehlen. Deshalb habe ich ihr gesagt, sie solle nicht mit herüberkommen, sondern die Räume beaufsichtigen und für alles sorgen, auch wenn die anderen weglaufen. So brauchen wir uns hier keine Gedanken zu machen, und sie kann ihre Trauer einhalten. Ist nicht dadurch drei Seiten zugleich gedient? Aber wenn Ihr es verlangt, alte Ahne, brauche ich sie nur rufen zu lassen.“ Sofort erwiderte die Herzoginmutter: „Du hast vollkommen recht und hast alles viel umsichtiger bedacht als ich. Also ruf sie nicht! Aber wann ist denn ihre Mutter gestorben? Und warum wußte ich nichts davon?" „Als Hsi-jën neulich deswegen das Anwesen verlassen mußte, habe ich selbst Euch davon Meldung gemacht“, erklärte ihr Hsi-fëng lächelnd. „Habt Ihr das vergessen?“ Die Herzoginmutter dachte ein Weilchen nach, dann sagte sie, ebenfalls lächelnd: „Jetzt ist es mir wieder eingefallen. Mein Gedächtnis ist nicht mehr das beste.“ „Wie solltet Ihr Euch das alles merken können, alte gnädige Frau?!“ sagten alle und lächelten dabei. Seufzend fuhr die Herzoginmutter fort: „Wenn ich daran denke, wie sie von klein auf erst mich bedient hat und dann Hsiang-yün und wie ich sie schließlich diesem Höllenfürsten Bau-yü gegeben habe0, der sie jetzt all die Jahre gequält hat, und wenn ich mir weiter überlege, daß sie keine Erbsklavin unserer Familie ist und keinerlei große Gnadenbeweise von uns erfahren hat, dann scheint mir, wir hätten ihr, nachdem jetzt ihre Mutter gestorben ist, ein paar Liang Silber für das Begräbnis geben müssen. Daran habe ich nicht gedacht.“ „Das ist geregelt, die gnädige Frau hat ihr vierzig Liang Silber geschenkt“, berichtete Hsi-fëng. „Gut“, sagte die Herzoginmutter und nickte. „Auch Yüan-yangs Mutter ist vor kurzem gestorben, aber weil ihre Eltern ständig im Süden waren, habe ich sie nicht zur Teilnahme am Begräbnis nach Hause geschickt. Sie könnte doch jetzt Hsi-jën Gesellschaft leisten.“ Und sie gab den alten Sklavenfrauen den Befehl, einige Speisen sowie Früchte und Kuchen für die beiden hinüberzutragen. „Als ob Yüan-yang darauf noch gewartet hätte!“ sagte Hu-po lächelnd. „Sie ist schon längst bei ihr drüben.“ Während sich hier alle wieder dem Wein und dem Theaterspiel zuwandten, ging Bau-yü geradewegs in den Garten hinüber. Als die alten Sklavinnen, die ihn begleiten sollten, sahen, daß er nach Hause ging, folgten sie ihm nicht weiter und gingen statt dessen in die Teeküche am Gartentor, um sich dort bei den Teeköchinnen eine Pause zu gönnen, mit ihnen Wein zu trinken und Karten zu spielen. Als Bau-yü in sein Gehöft kam und dort trotz des hellen Lampenscheins keine Stimmen zu hören waren, sagte Schë-yüä: „Nanu, sie schlafen wohl? Wir wollen leise hineingehen und sie erschrecken!“ Also schlichen sie auf Zehenspitzen ins Haus, und als sie um die Spiegelwand lugten, sahen sie, daß Hsi-jën einer zweiten Gestalt gegenüber auf dem Ofenbett lehnte, während in der anderen Ecke ein paar alte Ammen ein Nickerchen machten. Bau-yü schien es, daß auch die beiden Mädchen schliefen, und er wollte schon hineingehen, als er plötzlich hörte, wie Yüan-yang mit einem Seufzer sagte: „Da sieht man, wie wenig man ahnen kann, wie alles kommt auf der Welt! Du bist allein hier bei uns, deine Eltern aber waren draußen und sind Jahr für Jahr ohne feste Regel nach Ost und West hin- und hergereist, und es sah so aus, als ob du sie nicht zu Grabe tragen könntest. Nun aber ist deine Mutter hier gestorben, und du konntest bei ihrem Begräbnis anwesend sein.“ „Du hast vollkommen recht“, erwiderte Hsi-jën. „Ich hätte auch nicht gedacht, daß ich in dieser Stunde bei meinen Eltern sein könnte. Und dann hat mir die gnädige Frau auch noch vierzig Liang Silber geschenkt. Da sieht man doch, daß sie sich um mich sorgt, und so will ich mir keine unziemlichen Gedanken machen.“ Als Bau-yü das hörte, machte er sofort kehrt und flüsterte Schë-yüä und den anderen zu: „Wer hätte gedacht, daß auch sie hier ist! Wenn ich jetzt hineingehe, wird sie wieder ärgerlich und geht weg. Darum ist es das beste, wir gehen zurück, damit sich die beiden in aller Ruhe gegenseitig das Herz ausschütten können. Allein hatte Hsi-jën sich gegrämt, da kam Yüan-yang eben recht.“ Damit schlichen sie wieder hinaus, und hier bog Bau-yü um einen der Felsen, blieb stehen und schürzte seine Gewänder auf. Schë-yüä und Tjiu-wën drehten ihm den Rücken zu und empfahlen ihm lächelnd: „Hock dich besser hin, bevor du die Hosen aufbindest! Paß auf, daß dir der Wind nicht auf den Bauch bläst!“ Die jüngeren Sklavenmädchen, die hinter ihnen kamen, begriffen, daß Bau-yü ein kleines Geschäft verrichten wollte, und so gingen sie schon zur Teeküche voraus, um die nötigen Vorbereitungen zu treffen. Eben drehte sich Bau-yü wieder um, da kamen zwei Sklavenfrauen des Weges und fragten: „Wer ist da?“ „Bau-yü ist hier“, erwiderte Tjiu-wën. „Paßt auf, daß ihr ihn nicht erschreckt, wenn ihr so herumschreit!“ „Das wußten wir nicht“, beteuerten die Frauen sofort und lächelten. „Nun richten wir noch am Feiertag ein Unheil an! Ihr habt gewiß viel Mühe in diesen Tagen.“ Bei diesen Worten waren sie näher herangekommen, und Schë-yüä fragte: „Was habt ihr da?“ „Etwas zu essen für die Mädchen Djin und Hua, Geschenke von der alten gnädigen Frau“, gaben die Sklavenfrauen Auskunft. „Nanu!“ scherzte Tjiu-wën, „man spielt doch ‚Die acht Pflichtgetreuen‘ und nicht die ‚Zauberdose‘0. Woher kommt da das Göttermädchen Djin-hua?“ Lachend befahl Bau-yü: „Macht mal die Schachteln auf, ich möchte sehen, was drin ist!“ Sofort traten Tjiu-wën und Schë-yüä dicht an die Sklavenfrauen heran und hoben die Deckel von den Speiseschachteln, die Frauen aber hockten sich rasch nieder, so daß Bau-yü sehen konnte, daß es auserlesene Früchte und Speisen von der Tafel der Herzoginmutter waren, mit denen die Schachteln gefüllt waren. Also nickte er zufrieden, wandte sich um und ging weiter. Hastig warfen Schë-yüä und Tjiu-wën die Deckel auf die Schachteln und folgten Bau-yü. „Diese beiden Frauen sind nett und nicht auf den Mund gefallen“, sagte Bau-yü lächelnd. „Sie sind es, die sich Tag für Tag abrackern müssen, und doch haben sie gesagt, Ihr hättet viel Mühe. Sie gehören nicht zu der Sorte, die stets und ständig nur sich selbst lobt.“ „Nett sind sie schon, aber zu benehmen wissen sie sich nicht“, erwiderte Schë-yüä, nicht ganz seiner Meinung. „Klug, wie Ihr seid, solltet Ihr Nachsicht mit denen haben, die plump und bedauernswert sind, dann ist alles in Ordnung“, sagte Bau-yü lächelnd, und bei diesen Worten kamen sie wieder am Gartentor an. Hier hatten die alten Sklavenfrauen, während sie in der Teeküche Wein tranken und Karten spielten, immer wieder nach Bau-yü Ausschau gehalten, und als sie jetzt sahen, daß er kam, schlossen sie sich ihm wieder an. Als sie in den Säulengang hinter der Gästehalle kamen, erblickten sie dort wieder die kleineren Sklavenmädchen aus Bau-yüs Gefolge, die schon längst auf ihn warteten. Eine von ihnen hielt eine kleine Waschschüssel in den Händen, eine andere ein Handtuch und ein Fläschchen mit einem Handpflegemittel. Prüfend steckte zuerst Tjiu-wën ihre Hand in die Schüssel und sagte dann: „Je älter du wirst, desto achtloser wirst du auch. Was soll denn das kalte Wasser?“ „Das liegt am Wetter“, entschuldigte sich das Mädchen lächelnd. „Aus Sorge, das Wasser könnte zu kalt werden, habe ich es extra kochendheiß eingegossen, aber nun ist es doch abgekühlt.“ Gerade als sie das sagte, führte der Zufall eine alte Sklavenfrau mit einer Kanne voll kochendem Wasser vorbei, und da bat das Mädchen: „Seid so lieb, Oma, und gießt mir ein bißchen heißes Wasser zu!“ „Damit soll für die alte gnädige Frau Tee gebrüht werden“, erklärte die Alte. „Hol dir nur selber welches, dabei wirst du dir schon nicht die Füße verderben!“ „Wer bist du denn, daß du uns kein Wasser geben willst?“ fuhr Tjiu-wën sie an. „Meinst du, es würde mir etwas ausmachen, selbst den Tee der alten gnädigen Frau in die Waschschüssel zu gießen, damit er sich die Hände waschen kann?“ Die alte Sklavenfrau drehte sich um, und als sie Tjiu-wën erkannte, hob sie sofort die Kanne und goß daraus heißes Wasser in die Schüssel. „Genug!“ sagte Tjiu-wën. „Du bist doch wahrhaftig alt genug, um dich auszukennen. Das sieht doch ein jeder, daß das Wasser für die alte gnädige Frau bestimmt ist. Meinst du, es würde jemand davon abhaben wollen, der keinen Anspruch darauf hat?“ „Mir flimmert es vor den Augen“, entschuldigte die Alte sich lächelnd, „ich hatte nicht gesehen, daß Ihr es seid.“ Nun wusch sich Bau-yü die Hände. Anschließend goß ihm das kleine Sklavenmädchen ein wenig von der Flüssigkeit aus dem Fläschchen auf die Handfläche, und er rieb sich die Hände damit ein. Auch Tjiu-wën und Schë-yüä nutzten die Gelegenheit, wuschen sich die Hände und rieben sie ebenfalls ein. Dann folgten sie Bau-yü in die Halle. Hier ließ sich Bau-yü eine Kanne warmen Wein geben und goß daraus zuerst Tante Li und Tante Hsüä ein. Beide baten sie ihn, Platz zu nehmen, aber die Herzoginmutter sagte: „Er ist noch klein, soll er nur eingießen! Aber jeder muß seinen Becher leeren!“ Und schon trank sie ihren eigenen Becher leer. Rasch folgten Dame Hsing und Dame Wang dem Beispiel der Herzoginmutter und forderten Tante Li und Tante Hsüä auf, es ihnen gleichzutun. Notgedrungen tranken die beiden aus, und nun gab die Herzoginmutter Bau-yü den Befehl: „Gieß auch deinen Kusinen ein, und schön der Reihe nach! Aber achte darauf, daß jede den Becher vorher geleert hat!“ „Jawohl!“ sagte Bau-yü und füllte allen Mädchen der Rangfolge nach die Becher. Als er zu Dai-yü kam, hob sie ihren Becher, statt ihn selbst zu trinken, an Bau-yüs Mund, und er trank ihn mit einem Zug aus. „Danke!“ sagte Dai-yü lächelnd, und Bau-yü füllte den Becher wieder voll. Lächelnd mahnte Hsi-fëng: „Du darfst keinen kalten Wein trinken, Bau-yü, sonst werden dir die Hände zittern, und morgen kannst du dann weder schreiben noch den Bogen spannen!“ „Aber ich habe keinen kalten Wein getrunken“, verteidigte sich Bau-yü sofort. „Ich weiß“, erwiderte Hsi-fëng lächelnd. „Ich habe dich nur warnen wollen.“ Anschließend goß Bau-yü auch allen anderen in der Halle die Becher voll. Eine Ausnahme machte er nur mit Djia Jungs Frau, die von Sklavenmädchen bedient wurde statt von ihm. Dann ging er hinaus und goß auch Djia Dschën und den anderen Männern und Knaben ein. Und erst nachdem er sich für ein Weilchen zu ihnen gesetzt hatte, kehrte er wieder auf seinen alten Platz zurück. Bald darauf wurde Suppe aufgetragen, und hinterher kamen die Klebreisbällchen mit süßer Füllung0 auf den Tisch. „Laßt auch die kleinen Schauspieler eine Pause machen!“ befahl die Herzoginmutter. „Die armen Dinger sind zu bedauern. Gebt ihnen auch etwas heiße Suppe und ein paar warme Zuspeisen! Sie sollen erst weitermachen, wenn sie gegessen haben!“ Sie ordnete an, ihnen auch von den verschiedenen Früchten und den Klebreisbällchen zu reichen. So wurde das Spiel unterbrochen, und die alten Sklavenfrauen führten zwei Geschichtenerzählerinnen herein, die häufig zu den Djias ins Haus kamen. Sie stellten ihnen zwei Schemel hin, ließen sie darauf Platz nehmen und reichten ihnen eine dreisaitige Gitarre und eine Laute. Die Herzoginmutter erkundigte sich bei Tante Li und Tante Hsüä, was sie hören wollten, und sie antworteten: „Uns ist jede Geschichte recht.“ Daraufhin fragte die Herzoginmutter die beiden Erzählerinnen, ob sie etwas Neues in ihrem Repertoir hätten, und sie erwiderten: „Ja, eine Geschichte aus den Jahren der Wende von der Tang-Zeit zur Zeit der Fünf Dynastien.“ „Und wie heißt sie?“ fragte die Herzoginmutter. „‚Wie der Phönix sein Weibchen freite‘“, war die Antwort. „Das klingt nicht schlecht“, befand die Herzoginmutter. „Aber wovon handelt sie? Erzählt uns erst einmal ungefähr die Ausgangssituation, und dann wollen wir weitersehen!“ „Die Geschichte erzählt von einem Beamten im Ruhestand, der gegen Ende der Tang-Zeit lebte“, begann eine der Erzählerinnen. „Er stammte aus Djin-ling und hieß Wang Dschung. Unter zwei Kaisern hatte er als Kanzler gedient, aber dann war er aus Altersgründen an seinen Heimatort zurückgekehrt. Er hatte nur einen einzigen Sohn, und der hieß Wang Hsi-fëng – Wang, ‚der strahlende Phönix‘ – ...“ Alle lachten, und die Herzoginmutter bemerkte lächelnd: „Wenn das kein Zufall ist!“ Sofort trat eine der alten Sklavenfrauen an die Geschichtenerzählerin­nen heran, stieß die Wortführerin an und sagte: „Erzähl hier keinen Unsinn, das ist der Name unserer zweiten jungen gnädigen Frau.“ Rasch stand die Geschichtenerzählerin auf und entschuldigte sich: „Ich habe den Tod verdient! Ich wußte nicht, daß ich gegen ein Tabu verstoße.“ „Schon gut!“ sprach Hsi-fëng ihr beruhigend zu. „Erzähl nur weiter, Namensgleichheit findet sich häufig.“ Also fuhr die Frau fort: „Der alte Herr Wang schickte nun seinen Sohn in die Hauptstadt, damit er dort an den Staatsprüfungen teilnahm, und unterwegs geriet er eines Tages in einen starken Regen. Darum suchte er Zuflucht in einem Dorf, und dort wohnte ebenfalls ein Beamter im Ruhestand, der mit Familiennamen Li hieß und zufällig ein alter Freund des alten Herrn Wang war. Er nahm den jungen Wang bei sich auf und ließ ihn in seinem Bibliothekszimmer wohnen. Herr Li hatte keinen Sohn, sondern nur eine Tochter namens Tschu-luan – ‚Phönixküken‘ –, die sich auf das Zither- und das Schachspiel genausogut verstand wie auf Kalligraphie und Malen...“ „Da die Geschichte heißt ‚Wie der Phönix sein Weibchen freite‘, brauchst du gar nicht weiter zu erzählen“, wurde sie von der Herzoginmutter unterbrochen. „Wie es weitergeht, weiß ich schon. Dieser Wang Hsi-fëng nimmt natürlich das Fräulein Tschu-luan zur Frau.“ „So habt Ihr also die Geschichte schon einmal gehört, alte Ahnfrau?“ fragte die Erzählerin lächelnd. „Nichts hat sie gehört“, erklärten ihr die anderen, „den Rest kann man sich denken, auch ohne etwas davon gehört zu haben.“ Und die Herzoginmutter sagte lächelnd: „Diese Geschichten sind doch alle nach ein und derselben Schablone gemacht. Unfehlbar geht es um ein edles Fräulein und einen begabten Jüngling. Was ist daran schon interessant? Diese Mädchen werden alle als so verdorben dargestellt, und dabei sollen es edle Fräulein sein, das hat doch nicht die Spur von Wahrscheinlichkeit. Immer muß es um eine Gelehrtenfamilie gehen, und wenn der Vater nicht Minister ist, ist er Kanzler. Dann besitzt er eine Tochter, die er liebhat wie ein Juwel, und diese Tochter ist bewandert in der Literatur und den Riten, weiß einfach alles und ist obendrein eine einmalige Schönheit. Aber kaum daß sie einen hübschen Burschen sieht, egal, ob es ein entfernter Verwandter oder ein Freund der Familie ist, gleich denkt sie ans Heiraten. Ihre Eltern sind vergessen, ihre Bildung ist vergessen, und vor nichts schreckt sie mehr zurück. Was ist denn das für ein edles Fräulein? Wenn sie bei all ihrer Bildung solche Sachen anstellt, ist sie auch nicht edel. Wenn zum Beispiel ein gebildeter Mann zum Räuber wird, schreibt das Gesetz ja auch nicht vor, ihn für seine Verbrechen nicht zu belangen, weil er so begabt ist. So stopfen sich die Leute, die sich diese Geschichten ausdenken, selber den Mund. Außerdem würde wohl in einer alten Gelehrtenfamilie, wo die Tochter des Hauses die Riten kennt und die Bücher studiert hat, für ihre Mutter dasselbe zutreffen, und so eine angesehene Familie eines Beamten im Ruhestand hat selbstverständlich auch genug Leute im Haus, darunter nicht wenige Ammen und Mägde, die das junge Fräulein bedienen. Warum ist dann in diesen Geschichten, wenn so etwas passiert, das Fräulein immer nur mit einer vertrauten Magd allein? Versucht euch das einmal vorzustellen! Wo haben denn inzwischen all die andern Leute ihre Augen? Da reimt sich doch das eine nicht mit dem andern zusammen!“ Alle lachten und sagten dazu: „Nun habt Ihr alle diese Geschichten als Lügen entlarvt, alte gnädige Frau.“ „Die Sache hat ihre Gründe“, fuhr die Herzoginmutter lächelnd fort. „Die einen, die sich solche Geschichten ausdenken, sind auf den Reichtum und die Vornehmheit der großen Familien neidisch, vielleicht ist ihnen auch von so einer Familie eine Bitte abgeschlagen worden, und darum denken sie sich das aus, um diese Familien in den Schmutz zu ziehen. Andere wieder haben solche Geschichten gelesen und waren davon so entzückt, daß sie sich nun nach so einem edlen Fräulein sehnen und deshalb selbst eine Geschichte schreiben, um daran ihre Freude zu finden. Aber was ahnen solche Leute davon, wie es in den großen Familien wirklich zugeht, wo die Männer seit Generationen Gelehrte und Beamte sind?! Sehen wir einmal von den Familien in den Geschichten ab, selbst in einer mittleren Familie wie der unseren kommt heutzutage so etwas in Wirklichkeit

Aus: Jinyuyuan 1889b. nicht vor, ganz zu schweigen also von den großen Familien. Diese Geschichten sind durch und durch verlogen, darum haben wir nie erlaubt, daß sie bei uns erzählt werden, und so sind sie für unsere Mädchen einfach unverständlich. Jetzt, nachdem ich alt geworden bin und die Mädchen entfernt von mir wohnen, lasse ich mir manchmal ein paar Sätze aus solchen Geschichten vortragen, wenn ich Langeweile habe, sobald aber die Mädchen kommen, lasse ich sofort damit aufhören.“ „Das ist die rechte Regel für eine große Familie“, bestätigten Tante Li und Tante Hsüä lächelnd. „Selbst in unseren Familien bekommen die Kinder solche zweifelhaften Geschichten nicht zu hören.“ „Schluß jetzt, Schluß, der Wein wird schon kalt“, sagte Hsi-fëng lächelnd, die herangetreten war und nachschenkte. „Trinkt erst einen Schluck, um Euch die Kehle anzufeuchten, ehe Ihr weitere Geschichten als Lügen entlarvt, alte Ahne! Die heutige Geschichte heißt nämlich ‚Entlarvte Lügen‘. Sie spielt unter der gegenwärtigen Dynastie,0 in diesem Jahr, in diesem Monat, an diesem Tag und zu dieser Stunde. Doch so, wie jede Blüte nur einen Stengel ziert, kann man nicht mit einem Mund für zwei Familien sprechen. Nur, ob es Lüge oder Wahrheit ist, das sage ich nicht. Wenden wir uns also den Leuten zu, die sich am Laternenglanz und am Theaterspiel ergötzen... Wie wär‘s, alte Ahne, wollt Ihr nicht diese beiden Anverwandten einen Becher Wein trinken und ein paar Theaterszenen ansehen lassen, und erst dann weiter die Lügen aller Zeiten aufdecken?“ Das hatte sie lächelnd vorgetragen, während sie den Wein eingoß, und noch ehe sie zu Ende gesprochen hatte, wälzte sich schon alles vor Lachen. Auch die beiden Geschichtenerzählerinnen konnten sich vor Lachen kaum wieder beruhigen und sagten: „Habt Ihr aber einen flotten Mund, junge gnädige Frau! Wenn Ihr Euch aufs Geschichtenerzählen verlegen würdet, könnten wir glatt verhungern.“ Tante Hsüä aber mahnte lächelnd: „Sei nicht so ausgelassen! Heute ist es nicht so wie sonst, draußen ist auch noch jemand.“ „Draußen ist nur der junge Herr Dschën“, erwiderte Hsi-fëng lächelnd. „Und als Vetter und Kusine haben wir von klein auf viele Ungezogenheiten zusammen begangen, bis wir erwachsen waren. Seitdem ich verheiratet bin, benehme ich mich natürlich viel gesitteter ihm gegenüber. Aber selbst wenn wir nicht miteinander verwandt wären und er nicht mehr als mein Schwager wäre, gilt doch immerhin das Beispiel vom Herumtollen in bunten Kleidern0 aus den ‚Vierundzwanzig Mustern kindlicher Pflichterfüllung‘. Wenn er nicht kommt, um herumzutollen und die alte Ahne zum Lachen zu bringen, müßten doch alle froh und dankbar sein, daß ich die alte Ahne mit viel Mühe dazu gebracht habe, zu lachen und ein wenig mehr zu essen, statt dessen aber werde ich gescholten.“ „Sie hat ganz recht“, bestätigte die Herzoginmutter lächelnd. „In den letzten Tagen habe ich kein einziges Mal richtig von Herzen gelacht. Aber sie hat mich so zum Lachen gebracht, daß mir wieder etwas wohler zumute ist, und darum will ich auch noch einen Becher trinken.“ Damit trank sie von ihrem Wein und befahl dann Bau-yü: „Gieß deiner Kusine auch einen Becher voll ein!“ „Nicht nötig!“ wehrte Hsi-fëng lächelnd ab. „Ich möchte von Eurer Langlebigkeit profitieren, alte Ahne.“ Und sie griff nach dem Becher der Herzoginmutter und trank die Neige aus. Dann gab sie den Becher einem Sklavenmädchen und stellte statt dessen einen anderen auf den Tisch, der bis dahin in warmem Wasser gelegen hatte. Auch von allen anderen Tischen räumte sie die Weinbecher ab und ersetzte sie durch vorgewärmte. Nachdem sie alle mit frischem Wein gefüllt hatte, kehrte sie auf ihren Platz zurück. „Sollen wir vielleicht eine Melodie spielen, wenn Ihr unsere Geschichte nicht hören wollt, alte Ahnfrau?“ fragten die Geschichtenerzählerinnen. „Ja, spielt mir zu zweit den ‚Befehl des Generals‘!“ sagte die Herzoginmutter. Rasch stimmten die beiden Frauen die Instrumente und begannen dann die Saiten zu zupfen. „Die wievielte Nachtwache haben wir jetzt?“ erkundigte sich die Herzoginmutter einige Zeit später. „Die dritte“, antworteten mehrere alte Sklavenfrauen zugleich. „Da ist es kein Wunder, daß mir so kalt geworden ist“, meinte die Herzoginmutter, und sofort brachten die Sklavenmädchen zusätzliche Kleidungsstücke. Dame Wang stand auf und schlug lächelnd vor: „Ihr solltet besser hinübergehen und Euch auf das warme Ofenbett setzen, alte gnädige Frau, und damit basta. Diese beiden Anverwandten sind keine Fremden. Wir nehmen sie mit, und alles ist in Ordnung.“ „Lieber wollen wir uns alle hier in den Innenraum setzen, dort ist es doch auch warm“, entgegnete die Herzoginmutter. „Aber da werden wir wohl nicht alle Platz finden“, wandte Dame Wang ein. „Ich weiß, was wir machen!“ sagte die Herzoginmutter. „Was sollen wir noch mit den vielen Tischen? Wir stellen nur zwei oder drei davon zusammen und setzen uns dicht nebeneinander, das wird gemütlicher und wärmer zugleich!“ „Ja, das wird Spaß machen!“ sagten alle und erhoben sich von ihren Plätzen. Schnell räumten die Sklavinnen alles ab und stellten im Innenraum drei große Tische in einer Reihe nebeneinander. Dann trugen sie frisches Naschwerk und Speisen auf. Als sie damit fertig waren, sagte die Herzoginmutter: „Jetzt wollen wir uns einmal nicht so streng an die Anstandsregeln halten, und alle setzen sich so hin, wie ich es sage!“ Damit bot sie Tante Hsüä und Tante Li die Ehrenplätze in der Mitte an und setzte sich selbst mit dem Blick nach Westen hin. Dann befahl sie Bau-tjin, Dai-yü und Hsiang-yün, sich links und rechts dicht neben sie zu setzen. Bau-yü wies sie an: „Du setzt dich zu deiner Mutter!“ So wurde er von Dame Hsing und Dame Wang in die Mitte genommen. Bau-tschai und die übrigen Mädchen nahmen rangmäßig auf der westlichen Seite Platz, weiter außen schlossen sich Frau Lou mit Djia Djün an sowie Frau You und Li Wan, die Djia Lan zwischen sich nahmen. Auf den geringsten Platz an der westlichen Schmalseite wurde Djia Jungs Frau gesetzt. Anschließend ließ die Herzoginmutter Djia Dschën sagen, er und die anderen Männer und Knaben sollten jetzt gehen, denn sie wolle sich bald zur Ruhe legen. Djia Dschën sagte sogleich jawohl und wollte mit allen anderen zusammen noch einmal hineingehen, aber die Herzoginmutter rief ihm zu: „Geht nur, ihr braucht nicht hereinzukommen. Eben haben wir uns hingesetzt, da wollen wir nicht schon wieder aufstehen. Geht schlafen, morgen stehen noch große Dinge bevor!“ „Jawohl!“ sagte Djia Dschën sofort und schlug lächelnd vor: „Ich werde Jung hierlassen, damit er den Wein eingießt.“ „Richtig“, sagte die Herzoginmutter, ebenfalls lächelnd, „an ihn hatte ich nicht gedacht.“ „Also gut dann“, sagte Djia Dschën und wandte sich zum Gehen. Mit Djia Liän zusammen setzte er sich an die Spitze des Zuges, und sie verließen den Hof. Die beiden waren natürlich froh, daß sie endlich gehen durften, und nachdem Djia Dsung und Djia Huang unter der Obhut des Gesindes weggeschickt worden waren, forderte Djia Dschën den anderen auf, noch zusammen auszugehen, um Freude zu suchen und Lächeln zu kaufen0. Aber nicht davon soll hier erzählt werden. „Eben glaubte ich noch, daß bei allem Vergnügen kein glückliches Paar unter uns wäre“, sagte die Herzoginmutter. „Dabei hatte ich Jung ganz vergessen. Mit ihm ist auch dafür gesorgt. – Setz dich zu deiner Frau, Jung, um das Glück abzurunden!“ Da meldete eine Sklavin: „Es wird weitergespielt.“ Aber lächelnd erwiderte die Herzoginmutter: „Gerade unterhalten wir uns so schön, da soll wieder dieser Krach losgehen! Außerdem wird es zu kalt für die Kinder, wenn sie so spät in der Nacht noch aufbleiben müssen. Nein, sag ihnen, sie sollen sich ausruhen, und laß lieber unsere eigenen Schauspielermädchen holen, damit sie hier auf der Bühne ein paar Szenen vorführen, und die Kindertruppe schaut zu!“ „Jawohl!“ sagte die Sklavin, ging hinaus und schickte schnell jemanden in den Garten des Großen Anblicks hinüber, um dort Bescheid sagen zu lassen. Außerdem holte sie sich Sklavenjungen vom Innentor zu Hilfe, die sofort ins Bühnengebäude gingen und alle erwachsenen Angehörigen der Theatertruppe hinausführten. Nur die Kinder durften bleiben. Einige Zeit später traten Wën-guan und die übrigen elf Mädchen von Birnendufthof unter Führung ihrer Ausbilder durch das Seitentor des überdachten Wandelganges. Mehrere alte Sklavinnen trugen ihnen ein paar Bündel nach, denn da man den Schauspielerinnen nicht die Zeit gelassen hatte, alle ihre Truhen mitzubringen, hatten sie in der Eile von den bunten Kostümen nur die eingepackt, die sie für die Stücke brauchten, von denen sie wußten, daß die Herzoginmutter sie gern sah. Wën-guan und die Mädchen der Truppe wurden von den alten Sklavenfrauen in die Gästehalle geführt, wo sie nach der Begrüßung in dienstfertiger Haltung stehen blieben. „Nicht einmal in diesem Festmonat hat euer Meister euch freigegeben, damit ihr spazierengehen könnt!“ sprach die Herzoginmutter sie lächelnd an. „Was werdet ihr uns zeigen? Von den acht Akten der ‚Pflichtgetreuen‘ tut mir jetzt noch der Kopf weh, also spielt ihr besser etwas Ruhigeres! Die gnädigen Frauen dort haben selbst Theatertruppen in ihren Häusern, und sie haben schon wer weiß wie viele gute Aufführungen gesehen. Auch jene Fräulein sind bessere Stücke und bessere Melodien gewöhnt als unsere Fräulein, und die Kinder, die heute hier aufgetreten sind, gehören zur Truppe eines berühmten Prinzipals. Obwohl sie noch klein sind, spielen sie besser als eine Truppe von Erwachsenen. Ihr dürft uns also nicht blamieren und müßt schon etwas Neuartiges bieten. Fang-guan soll die Szene ‚Auf den Spuren des Traums‘0 singen und sich dabei nur mit Geige und Bambusflöte begleiten lassen, schon Mundorgel und Querflöte wären zuviel!“ „Das ist recht“, sagte Wën-guan lächelnd, „die Stücke, die wir spielen, würden den gnädigen Frauen und den gnädigen Fräulein nicht gefallen, sie sollen also nur hören, wie wir mit dem Mund umgehen können und was unsere Kehlen hergeben.“ „Genau so hatte ich es gemeint“, bestätigte die Herzoginmutter lächelnd. Tante Li und Tante Hsüä aber sagten fröhlich: „Was für ein gescheites Mädchen! Sie macht sich mit Euch zusammen über uns lustig, alte gnädige Frau.“ „Das Theaterspielen wird bei uns nur als einfaches Vergnügen betrieben, und sie treten nicht auswärts für Geld auf, darum entsprechen die Aufführungen kaum dem Stil der Zeit“, erläuterte die Herzoginmutter. Dann setzte sie noch hinzu: „Kuee-guan soll uns die Szene ‚Huee-ming überbringt den Brief‘0 vortragen, sie braucht sich auch nicht zu schminken. Diese beiden Szenen sind genug, damit unsere Gäste eine Probe von unseren bäurischen Vergnügungen erhalten. Aber ihr müßt all eure Kraft einsetzen, sonst werde ich nicht zufrieden sein.“ Wën-guan ging mit ihrer Truppe hinaus, und nachdem sie sich rasch umgezogen hatten, erschienen sie auf der Bühne. Zuerst gaben sie die Traumszene, dann die mit dem Brief. Alle hörten ihnen zu, ohne ein Wort zu sprechen. Anschließend erklärte Tante Hsüä lächelnd: „Wirklich erstaunlich, wie sie das machen! Ich habe schon Hunderte von Theatertruppen erlebt, aber noch keine, die den Gesang nur mit der Flöte begleitet hätte.“ „Das gibt es schon“, sagte die Herzoginmutter. „Das Lied ‚Klar ist der Tschu-Fluß‘ aus der ‚Geschichte vom Westturm‘0, von der wir vorhin einiges gesehen haben, wird meist durch einen Darsteller des Jünglingsfachs mit der Flöte begleitet. Aber daß größere Teile eines Stücks so begleitet werden, ist wirklich selten. Im übrigen hängt es nur davon ab, ob die Herrschaft Geschmack hat oder nicht, etwas Außergewöhnliches ist nicht dabei.“ Dann wies sie auf Hsiang-yün und fuhr fort: „Als ich so alt war, wie sie jetzt ist, hatte ihr Großvater eine Kindertruppe, zu der extra ein Zitherspieler

Kuee-guan. Aus: Wang Xilian 1832. gehörte, durch dessen Begleitung solche Szenen wie ‚Der Zither lauschen‘ aus dem ‚Westzimmer‘, ‚Liebeswerben mit der Zither‘ aus dem ‚Jadehaarpfeil‘0 und ‚Achtzehn Rhythmen zur Barbarenschalmei‘ aus der ‚Neuen Geschichte von der Laute‘0 sehr echt wirkten. Was war das erst im Vergleich zu dem hier!“ „Das muß wirklich etwas Besonderes gewesen sein!“ stimmten alle zu. Nun rief die Herzoginmutter eine Sklavin herbei und befahl ihr, Wën-guan und ihren Mädchen zu sagen, sie sollten noch die „Laternen bei Vollmond“ spielen. Die Sklavin bestätigte den Befehl und ging hinaus. Inzwischen gossen Djia Jung und seine Frau allen Wein ein. Hsi-fëng, die bemerkt hatte, daß die Herzoginmutter in bester Laune war, schlug mit lächelnder Miene vor: „Wir sollten es ausnutzen, daß die Geschichtenerzählerinnen hier sind, und sie die Trommel schlagen lassen, während wir einen Aprikosenblütenzweig herumreichen und das Trinkspiel spielen ‚Frühlingslaune bis in die Spitzen der Brauen‘. Wir wäre das?“ „Das ist ein schönes Spiel“, lobte die Herzoginmutter. „Und es paßt sowohl zur Jahreszeit als auch zu unserer Stimmung.“ Sie befahl, eine mit Messingnägeln beschlagene schwarzlackierte Trommel zu holen, wie sie für Trinkspiele gebraucht wird, und sie den Geschichtenerzählerinnen zu reichen. Außerdem ließ sie von einem der Tische einen Zweig roter Aprikosenblüten bringen, dann sagte sie: „Wer den Zweig in der Hand hält, wenn das Trommeln aufhört, muß einen Becher Wein trinken, aber er muß auch etwas vortragen.“ „Also mir scheint, da wir andern nicht das Zeug haben wie Ihr, alte Ahne, die Ihr alles könnt, was verlangt wird, hat nur etwas Sinn, woran Edle und Profane gleichermaßen Freude haben“, sagte Hsi-fëng.rinkspiel spielen ‚Frühlingslaune bis in die Spitzen der Brauen‘. Wir wäre das?“ „Das ist ein schönes Spiel“, lobte die Herzoginmutter. „Und es paßt sowohl zur Jahreszeit als auch zu unserer Stimmung.“ Sie befahl, eine mit Messingnägeln beschlagene schwarzlackierte Trommel zu holen, wie sie für Trinkspiele gebraucht wird, und sie den Geschichtenerzählerinnen zu reichen. Außerdem ließ sie von einem der Tische einen Zweig roter Aprikosenblüten bringen, dann sagte sie: „Wer den Zweig in der Hand hält, wenn das Trommeln aufhört, muß einen Becher Wein trinken, aber er muß auch etwas vortragen.“ „Also mir scheint, da wir andern nicht das Zeug haben wie Ihr, alte Ahne, die Ihr alles könnt, was verlangt wird, hat nur etwas Sinn, woran Edle und Profane gleichermaßen Freude haben“, sagte Hsi-fëng. „Darum ist es das beste, wenn der Verlierer einen Schwank erzählen muß!“ Jeder wußte, daß gerade Hsi-fëng sich ausgezeichnet auf solcherlei Erzählungen verstand und immer einen unerschöpflichen Vorrat davon parat hatte, darum freuten sich jetzt nicht nur alle, die mit am Tisch saßen, sondern auch sämtliche jungen und alten Sklavinnen, die zur Bedienung dabeistanden. Die kleinen Sklavenmädchen liefen sogar hinaus, um rasch ihre Schwestern und Freundinnen zu holen. „Die zweite junge Herrin wird Schwänke erzählen“, verkündeten sie ihnen, und bald war der Raum gedrängt voll von Sklavenmädchen. Als das Spiel auf der Bühne zu Ende und die Musik verklungen war, ließ die Herzoginmutter erst einmal Wën-guan und den anderen kleinen Schauspielerinnen Speisen, Suppe, Obst und Kuchen reichen, dann aber befahl sie, die Trommel für das Trinkspiel zu schlagen. Die Geschichtenerzählerinnen waren geübt in solchen Spielen, und so schlugen sie die Trommel mal schnell und mal langsam. Mal klang sie wie die letzten Tropfen aus einer Wasseruhr, mal wie das Prasseln ausgeschütteter Bohnen, mal wie das Galoppieren aufgeschreckter Pferde und mal wie das Aufzucken und Verlöschen von Blitzen. Wenn die Trommel langsam geschlagen wurde, wanderte auch der Blütenzweig langsam von Hand zu Hand, wurde sie aber schnell geschlagen, machte auch der Zweig schneller die Runde. Als er eben einmal in der Hand der Herzoginmutter war, setzte der Trommelschlag plötzlich aus. Alles lachte auf, und Djia Jung trat rasch heran, um der Herzoginmutter einen Becher Wein einzugießen. „Ihr kommt als erste in den Genuß, alte gnädige Frau“, sagten alle. „Und nur dadurch fällt auch für uns ein bißchen Freude ab.“ „Der Wein macht mir nichts aus“, erklärte die Herzoginmutter lächelnd, „aber mit einem Schwank hapert es bei mir.“ „Ihr kennt doch mehr und noch bessere Schwänke als Hsi-fëng“, protestierten die anderen. „Also gebt uns nur einen zum besten, damit wir etwas zu lachen haben!“ „Aber ich kenne wirklich keinen neuen, über den man noch lachen könnte“, beteuerte die Herzoginmutter. „Doch ich muß wohl mein bißchen Mut zusammennehmen und es wenigstens probieren.“ Und sie erzählte: „Es war einmal eine Familie mit zehn verheirateten Söhnen, aber von den zehn Schwiegertöchtern hatte nur die zehnte ein kluges Herz und eine flinke Zunge. Darum mochten die Schwiegereltern sie am allerliebsten und sagten von früh bis spät, die neun anderen Schwiegertöchter seien ihnen nicht kindlich ergeben. Die neun waren gekränkt und hielten miteinander Rat. Sie sagten: ‚Im Herzen sind wir den Schwiegereltern wohl ergeben, bloß haben wir nicht so ein flottes Mundwerk wie das kleine Spitzbein, und darum loben die alten Schwiegereltern nur sie. Wem sollen wir unser Leid klagen?‘ Die älteste von ihnen hatte einen Einfall und schlug vor: ‚Wir wollen morgen im Tempel des Höllenkönigs Weihrauch abbrennen und den Höllenkönig fragen0, warum er bei unserer Geburt als Menschen nur diesem kleinen Spitzbein ein flottes Mundwerk gab, uns aber dumm auf die Welt geschickt hat!‘ ‚Das ist ein guter Gedanke!‘ sagten die andern, und am nächsten Tag gingen sie alle neun in den Tempel des Höllenkönigs und brannten dort Weihrauch ab. Dann schliefen sie vor dem Opfertisch ein, und ihre Seelen warteten auf die Ankunft des Höllenkönigs. Sie warteten und warteten, und als sie schon ungeduldig wurden, weil er nicht kam, erschien auf einer Wolke und mit einem Purzelbaum der Affenkönig Sun Wu-kung0. Als er die neun Seelen erblickte, hob er seine goldbereifte Eisenstange und wollte zuschlagen. Erschrocken knieten die neun Seelen nieder und baten um Gnade. Da fragte Sun Wu-kung, was sie hier wollten, und sofort erzählten sie ihm die Sache in allen Einzelheiten. Sun Wu-kung stampfte mit dem Fuß auf und seufzte, dann sagte er: ‚Gut, daß ihr mich getroffen habt! Auch wenn der Höllenkönig gekommen wäre, hätte er euch den Grund nicht sagen können.‘ ‚Erbarmt Euch, großer Heiliger, damit es uns besser geht!‘ baten die neun. Und Sun Wu-kung erwiderte lächelnd: ‚Die Sache ist nicht weiter schwierig. Als ihr zehn Schwägerinnen ins Leben geschickt wurdet, war ich zufällig gerade beim Höllenkönig und habe auf den Boden gepinkelt, und eure kleine Schwägerin hat das aufgeleckt. Ihr wollt auch so redegewandt sein, also bitte, ich habe zu pinkeln genug. Wenn ich mich auspinkle und ihr leckt es auf, wird alles in Ordnung sein!‘“ Damit hatte die Herzoginmutter ihre Erzählung beendet, und alle brachen in Gelächter aus. „Das war gut!“ erklärte Hsi-fëng lächelnd. „Ein Glück, daß wir alle nicht redegewandt sind, sonst müßten wir ebenfalls Affenharn geleckt haben.“ Frau You und Frau Lou aber bemerkten lächelnd zu Li Wan: „Die einzige, die hier Affenharn geleckt hat, sollte doch nicht so tun, als ob sie unschuldig wäre!“ Und Tante Hsüä kommentierte lächelnd: „Es kommt nicht so sehr darauf an, ob ein Schwank gut oder schlecht ist. Wenn er nur treffend ist, kann man auch darüber lachen.“ Bei diesen Worten setzte wieder das Trommeln ein. Die kleinen Sklavenmädchen aber, die begierig darauf waren, einen von Hsi-fëngs Schwänken zu hören, hatten sich heimlich mit den Geschichtenerzählerinnen abgesprochen und wollten ihnen durch Husten ein Zeichen geben. Bald darauf hatte der Blütenzweig ein paarmal die Runde gemacht, und als eben Hsi-fëng ihn übernahm, husteten die kleinen Sklavenmädchen, und die Trommel verstummte. „Jetzt haben wir sie!“ riefen alle fröhlich, „trink schnell deinen Wein und erzähl etwas Schönes, aber bring uns nicht so sehr zum Lachen, daß uns nachher der Bauch weh tut!“ Hsi-fëng dachte nach, dann begann sie lächelnd: „Es war einmal eine Familie, die gerade das Laternenfest feierte. Die ganze Familie freute sich gemeinsam am Glanz der Laternen und trank Wein dabei, und es ging wirklich hoch her. Die Urgroßmutter, die Großmütter, die Mütter, die Schwiegermütter, die Frauen der Söhne, der Enkel und Urenkel, die Enkelinnen und Urenkelinnen, die Großnichten väterlicher- und mütterlicherseits... alle waren sie da, und es ging wirklich hoch her...“ Weiter war sie noch nicht gekommen, als schon alle lachten und sagten: „Hört euch nur an, wie sie plappert! Wer weiß, auf wen sie es abgesehen hat!“ „Wenn du mich hochnimmst, zerreiße ich dir den Mund!“ drohte Frau You lächelnd. Hsi-fëng stand auf, schlug die Hände zusammen und sagte, ebenfalls lächelnd: „Da gibt man sich nun Mühe, euch etwas zu erzählen, ihr aber redet mir dazwischen. Dann erzähle ich eben nichts mehr!“ „Erzähl schon!“ forderte die Herzoginmutter sie auf. „Was war weiter?“ Hsi-fëng dachte nach, dann sagte sie lächelnd: „Weiter haben sie alle zusammen gesessen und die ganze Nacht durch Wein getrunken. Und dann sind sie wieder auseinandergegangen.“ Das hatte sie mit ernster Stimme und unbewegter Miene vorgebracht, und dann schwieg sie still. Alle warteten verblüfft, daß die Geschichte weiterging, denn so kam sie ihnen öde und fad vor. Als Hsiang-yün schließlich Hsi-fëng lange genug unverwandt angestarrt hatte, sagte diese: „Ich erzähle euch noch einen anderen Schwank vom Laternenfest! Ein paar Leute trugen einen Knallfrosch, so groß wie ein Haus, vor die Stadt, um ihn dort abzubrennen, und ein paar tausend Mann zogen mit, um dabei zuzusehen. Einer davon war so ungeduldig, daß er es nicht abwarten konnte, und darum zündete er heimlich mit einem brennenden Weihrauchstäbchen die Lunte an. Bums! machte es, alle lachten und liefen auseinander. Die Männer aber, die den Knallfrosch getragen hatten, schimpften über den Feuerwerkshändler, weil er den Knallfrosch nicht fest genug gestopft habe, so daß er auseinandergefallen sei, ehe sie ihn abgebrannt hatten.“ „Ja, haben sie denn das Krachen nicht gehört?“ fragte Hsiang-yün ungläubig. „Nein“, sagte Hsi-fëng. „Sie waren nämlich taub.“ Es dauerte einen Moment, bis sich alle die Sache vergegenwärtigt hatten, dann lachten sie laut heraus. Und weil sie den vorangegangenen Schwank ohne Schluß nicht vergessen hatten, fragten sie: „Wie ging es denn in der anderen Geschichte weiter? Du mußt sie zu Ende erzählen!“ „Seid ihr aber umständlich!“ sagte Hsi-fëng und schlug auf den Tisch. „Am Tag nach dem Laternenfest kommt natürlich der sechzehnte. Das alte Jahr ist vorbei, alles muß aufgeräumt und in Ordnung gebracht werden, wer hat da noch Zeit, sich darum zu kümmern, wie die Geschichte weitergeht?!“ Wiederum lachten alle, Hsi-fëng aber mahnte: „Die vierte Nachtwache ist schon angebrochen. Mir scheint, Ihr seid müde, alte Ahne. Darum sollten auch wir unser Feuerwerk abbrennen und dann auseinandergehen wie die Leute in der Geschichte von den tauben Männern!“ Alle preßten ihre Taschentücher vor den Mund und warfen sich lachend zurück. Frau You wies mit dem Finger auf Hsi-fëng und sagte: „Dieses Biest hat aber wirklich ein loses Mundwerk!“ „Es wird immer schlimmer mit ihr“, bestätigte die Herzoginmutter und fuhr dann fort: „Aber da sie das Feuerwerk nun einmal erwähnt hat, sollten wir es tatsächlich jetzt abbrennen, damit wir wieder nüchtern werden!“ Kaum hatte Djia Jung das vernommen, eilte er hinaus und baute im Hof zusammen mit den Sklavenjungen die Gestelle mit dem Feuerwerk auf. Alle diese Feuerwerkskörper waren aus den verschiedensten Gegenden des Landes als Tributgeschenke an den Kaiserhof gesandt worden. Sie waren zwar nicht groß, aber sinnreich erdacht und geschickt verfertigt. Sämtliche Attraktionen, einschließlich Fontänen in allen Farben, waren vertreten. Weil Dai-yü von Natur aus zartbesaitet war und das Krachen des Feuerwerks nicht vertrug, nahm die Herzoginmutter sie an ihre Brust. Tante Hsüä schloß daraufhin Hsiang-yün in ihre Arme, diese aber erklärte lächelnd: „Ich fürchte mich nicht.“ „Sie brennt am liebsten selber die größten Kanonenschläge ab, da hat sie doch vor so etwas keine Angst“, verriet Bau-tschai lächelnd. Als auch Dame Wang noch Bau-yü an ihre Brust drückte, beklagte sich Hsi-fëng lächelnd: „Und mich hat keiner lieb!“ „Ich bin ja da und kann dich in die Arme nehmen“, meldete sich Frau You. „Schämst du dich nicht, dich dermaßen aufzuführen, Kind? Kaum hörst du, daß Feuerwerk abgebrannt werden soll, benimmst du dich, als ob du Bienendreck0 gegessen hättest und alberst wieder herum.“ „Warte nur, bis wir hier auseinandergegangen sind, dann werde ich bei uns im Garten selber Feuerwerk abbrennen. Ich mache das noch besser als die Jungen“, erwiderte Hsi-fëng. Und während sie das sagte, wurde draußen schon eine Rakete nach der anderen gezündet, darunter auch viele von der Sorte „Ein Himmel voller Sterne“ oder „Neun Drachen steigen in die Wolken“, „Ein Donnerschlag“ und „Zehnfaches Krachen im Flug“. Anschließend erhielt die kleine Schauspielertruppe den Befehl, noch ein Weilchen in der Art „Lotosblüten fallen“0 zu spielen, dann wurde jede Menge Bronzemünzen auf die Bühne geschüttet, und alle amüsierten sich darüber, wie die Kinder sie aufklaubten. Als dann noch einmal Suppe aufgetragen werden sollte, sagte die Herzoginmutter: „Lang, wie die Nacht ist, bin ich ein wenig hungrig geworden.“ Sogleich berichtete Hsi-fëng: „Es steht Reissuppe mit Entenfleisch bereit.“ „Ich möchte etwas Leichteres“, wandte die Herzoginmutter ein. „Es ist auch Suppe aus Spätreis mit Jujuben da, die als Fastenspeise für die gnädigen Frauen gedacht war“, ergänzte Hsi-fëng. „Die ist zu süß, die andere zu fett“, lehnte die Herzoginmutter ab. „Dann ist noch Tee mit Aprikosenkernen da“, fuhr Hsi-fëng mit ihrem Angebot fort, „aber der ist wohl auch zu süß.“ „Nein, der geht“, sagte die Herzoginmutter und gab Befehl, die Reste der Mahlzeit abzuräumen und im äußeren Raum noch einmal verschiedene kleine Leckerbissen aufzutragen. Jeder aß davon ein wenig nach Lust und Laune, und als man sich auch noch mit Tee den Mund gespült hatte, gingen alle auseinander. Am frühen Morgen des siebzehnten begaben sich alle noch einmal ins Ning-guo-Anwesen hinüber, um ein letztes Mal die Riten zu vollziehen. Nachdem sie dann geholfen hatten, den Ahnentempel wieder zu verschließen und die Ahnenbilder abzunehmen und zu verwahren, kehrten sie ins eigene Anwesen zurück. Am selben Tag bat Tante Hsüä zum Neujahrswein. Am achtzehnten lud Lai Da ein, am neunzehnten Lai Schëng aus dem Ning-guo-Anwesen, am zwanzigsten Lin Dschï-hsiau, am einundzwanzigsten Schan Da-liang und am zweiundzwanzigsten Wu Hsin-dëng. An manchen von diesen Feiern nahm die Herzoginmutter teil, an manchen auch nicht. Auf einigen gefiel es ihr, und sie blieb so lange wie die übrigen Gäste, auf anderen war ihr die Stimmung bald verflogen, und sie kehrte nach einem halben Tag oder noch kürzerer Zeit wieder nach Hause zurück. An all den Feiern aber, zu denen Verwandte und Freunde einluden oder kamen, nahm die Herzoginmutter nicht teil, weil sie die gezwungene Atmosphäre nicht mochte. Statt dessen überließ sie es Dame Hsing, Dame Wang und Hsi-fëng, sich darum zu kümmern. Selbst Bau-yü nahm einzig an der Feier bei Wang Dsï-tëng teil. In allen anderen Fällen behauptete er, die Herzoginmutter habe ihm befohlen, bei ihr zu bleiben, um ihr die Zeit zu vertreiben. Diese aber folgte nur den Einladungen mit Vergnügen, die von Angehörigen des Personals kamen, in deren Häusern sie sich geben konnte, wie sie wollte. Doch nun genug der müßigen Worte. Das Laternenfest war also vorüber, ...