Hongloumeng/de/Chapter 17
Kapitel: [1-10] · 11 · 12 · 13 · 14 · 15 · 16 · 17 · 18 · 19 · 20 · [21-30] · [31-40] · [41-50] · [51-60] · [61-70] · [71-80] · [81-90] · [91-100] · [101-110] · [111-120] · ← Inhalt
Kapitel 17
大观园试才题对额
荣国府归省庆元宵
Als Tjin Dschung tot war, weinte Bau-yü unaufhörlich, und es kostete Li Guee und die anderen viel Mühe, bis sie ihn so weit getröstet hatten, daß er endlich damit innehielt. Tief betrübt kehrte er nach Hause zurück. Die Herzoginmutter spendete nicht nur ein Mehrfaches von zehn Liang Silber, sondern auch Trauergeschenke, Bau-yü aber brannte Opfergaben aus Papier ab, und sieben Tage später wurde der Sarg übergeführt und begraben. Weiter ist davon nichts zu berichten. Bau-yü sehnte sich Tag für Tag nach seinem toten Freund, aber was sollte er machen! Einige Zeit darauf kam eines Tages Djia Dschën zu Djia Dschëng , um ihm zu melden: „Alle Arbeiten im Garten sind abgeschlossen, und der alte gnädige Herr hat ihn sich angesehen. Seht auch Ihr ihn bitte an, damit wir ändern, was jetzt noch nicht in Ordnung ist, und dann können die Namenstafeln und Inschriften entworfen werden.“ „Mit den Namen und Inschriften hat es seine Schwierigkeit“, sagte Djia Dschëng nach einigem Überlegen. „Eigentlich müßten wir die kaiserliche Nebenfrau bitten, sie festzulegen. Aber sie wird sicher nicht bereit sein, auf gut Glück etwas auszudenken, ohne die einzelnen Stellen mit eigenen Augen gesehen zu haben. Warten wir aber damit, bis sie den Garten besucht, so wirken die Szenerien, Häuser und Pavillons ohne Inschriften leer und uninteressant. Wenn auch Blumen und Bäume, Berge und Wasser vorhanden sind, kommen sie doch nicht zur Geltung.“ „Ihr habt ganz recht, alter Herr!“ bemerkten seine Schützlinge, die ihm zur Seite standen, lächelnd: „Wir haben einen bescheidenen Vorschlag dazu. Da die Inschriften weder fehlen dürfen noch festgelegt werden können, sollte man für jeden Ort zwei, drei oder vier Schriftzeichen auswählen, die wenigstens oberflächlich dem jeweiligen Sinn entsprechen, und Laternen damit beschriften, die man nebeneinander aufhängt. Wenn dann die kaiserliche Nebenfrau kommt, bittet Ihr sie, die Inschriften festzulegen. Wird man auf diese Weise nicht beiden Zwecken gerecht?“ „Das ist nicht verkehrt“, sagte Djia Dschëng. „Wir wollen uns den Garten jetzt ansehen gehen und die Inschriften entwerfen. Wenn sie etwas taugen, nehmen wir sie, und wenn nicht, bitten wir noch Yü-tsun her, damit er etwas vorschlägt.“ Lächelnd sagten die anderen darauf: „Bestimmt sind schon die Vorschläge ausgezeichnet, die Ihr heute machen werdet, alter Herr, und wir brauchen nicht auf Yü-tsun zu warten.“ Aber Djia Dschëng erwiderte lächelnd: „Ihr wißt ja nicht, daß ich von klein auf nur Mittelmäßiges geleistet habe, wenn es darum ging, Vögel und Blumen, Berge und Wasser zu besingen. Jetzt bin ich alt und habe meinen Geist an amtlichen Schriftstücken erschöpft, da ist mir die leichte Literatur noch fremder geworden. Wenn mir überhaupt etwas einfällt, ist es mit Sicherheit so dumm und hölzern, daß die Blumen und Bäume, Häuser und Pavillons dadurch bestimmt nicht zur Geltung kommen. Und alles, was nicht den Kern der Sache trifft, ist ganz und gar sinnlos.“ „Keine Bange!“ redeten ihm seine Schützlinge zu. „Wir sehen uns den Garten gemeinsam an und überlegen auch gemeinsam. Jeder schlägt vor, was er kann, das Beste behalten wir bei, das Schlechte wird verworfen, dann wird es schon gehen.“ „Ein ausgezeichneter Gedanke!“ lobte Djia Dschëng. „Wie schön, daß heute so mildes Wetter ist, gehen wir also zusammen spazieren!“ Damit erhob er sich und ging den anderen voran. Djia Dschën aber eilte in den Garten voraus, um dort allen Bescheid zu sagen. Gerade heute war Bau-yü, der sich noch immer um Tjin Dschung grämte, von der Herzoginmutter in den Garten geschickt worden, um sich dort zu zerstreuen. Doch kaum war er eingetreten, kam ihm Djia Dschën entgegen und sagte lächelnd: „Bist du immer noch hier? Gleich kommt der alte Herr!“ Als Bau-yü das hörte, verließ er mit Ammen, Sklavinnen und Sklaven zusammen schnell wie ein flüchtiger Rauch den Garten, aber als er eben um eine Ecke bog, lief er Djia Dschëng direkt in die Arme. Sich zu verstecken war es schon zu spät, also blieb er am Wegrand stehen. Nun hatte unlängst der Schulleiter Djia Dschëng gegenüber erwähnt, Bau-yü verstünde sich bestens darauf, Parallelsätze zu bilden, und wenn er auch faul sei, scheine er doch ein ungewöhnliches Talent zu besitzen. Da ihn jetzt der Zufall hierher geführt hatte, befahl Djia Dschëng ihm mitzukommen. Bau-yü wußte zwar nicht, worum es ging, aber es blieb ihm keine andere Wahl, als zu folgen. Als sie ans Gartentor kamen, erblickten sie Djia Dschën, der an der Spitze zahlreicher Verantwortlicher dort Aufstellung genommen hatte. „Laß alle Torflügel schließen!“ befahl Djia Dschëng. „Wir wollen erst sehen, wie es von außen aussieht, ehe wir hineingehen.“ Djia Dschën befahl jemandem, die Tore zu schließen, und Djia Dschëng stellte sich in Positur, um das Torgebäude zu betrachten. Es hatte eine Breite von fünf Säulenzwischenräumen, das Dach war mit Halbzylinderziegeln gedeckt und hatte einen abgerundeten First. Die Tür- und Fenstergitter waren in neuartigen Formen fein geschnitzt und waren weder rot noch weiß bemalt. Alle Wände waren aus feinsten Ziegeln gemauert, und in die Plattform aus weißem Stein war ein Passionsblumenmuster gehauen. Nach links und rechts zog sich, so weit der Blick reichte, eine schneeweiß getünchte Mauer hin, die auf Steinen ruhte, die gestreift waren wie ein Tigerfell und sich der Geländeform anpaßten. Das Ganze ähnelte durchaus nicht der üppigen Pracht, wie ein vulgärer Geschmack sie hervorbringt. Erfreut darüber, befahl Djia Dschëng nunmehr, das Tor wieder zu öffnen. Dahinter versperrte ihnen ein grüner Berg den Weg. „Welch schöner Berg!“ sagten Djia Dschëngs Schützlinge. „Ohne diesen Berg würden gleich vom Eingang aus alle Szenerien des Gartens zu sehen sein, und das wäre uninteressant“, sagte Djia Dschëng. „Das ist wahr“, sagten seine Begleiter. „Aber darauf konnte nur jemand kommen, der Ideen im Kopf hat.“ Im Weitergehen erblickten sie hohe weiße Felsen, die aussahen wie böse Geister und wilde Tiere. Moospolster wuchsen darauf, und Schlingpflanzen bedeckten sie. Nur mit Mühe war ein schmaler gewundener Pfad dazwischen zu erkennen. „Wir wollen diesem Pfad folgen und nachher auf der anderen Seite hinausgehen, denn nur so bekommen wir alles zu sehen“, schlug Djia Dschëng vor und befahl Djia Dschën, voranzugehen und sie zu führen. Dann betrat er, auf Bau-yü gestützt, den Bergpfad. Als er den Kopf hob, erblickte er einen spiegelglatten weißen Stein, der für eine Inschrift gedacht schien. Lächelnd wandte Djia Dschëng sich um und sagte: „Seht Euch diese Stelle an, meine Herren! Welchen Namen könnte man dafür am besten wählen?“ „Geschichtetes Grün“, schlug einer vor. „Brokatberg“, sagte ein anderer. „Schöner als der Hsiang-lu-Berg “, „Ein Dschung-nan im kleinen“... So wurden Dutzende verschiedener Namen genannt, aber da alle längst begriffen hatten, daß Djia Dschëng prüfen wollte, welche Fortschritte Bau-yü bei seinen Studien gemacht hatte, brachten sie nur banale Klischees vor. Auch Bau-yü vermutete nun, daß sein Vater eine Prüfung im Sinn hatte.
Aus: Jinyuyuan 1889a.
Jetzt wandte sich Djia Dschëng wirklich an Bau-yü und befahl ihm, etwas vorzuschlagen. „Bei den Alten heißt es: ‚Lieber etwas Bekanntes zitieren als etwas Neues ersinnen, besser einen alten Text aufs neue drucken als einen neuen zusammenstellen‘“, sagte Bau-yü. „Außerdem ist dies hier keiner der Hauptgipfel und keine der eigentlichen Szenerien, sondern nur der Anfang des Weges. Deshalb ist es das beste, einfach zu schreiben ‚Auf gewundenem Pfad zu verborgenen Stätten‘. Dieses Zitat hat etwas Würdevolles.“
„Ganz hervorragend!“ lobten die Begleiter. „Der junge Herr ist hochtalentiert und allseitig beschlagen, ganz anders als wir, die wir uns an den Büchern dummgelesen haben.“
„Ihr dürft ihn nicht so unverdient loben“, sagte Djia Dschëng. „Er ist noch klein und bringt das Wenige, das er weiß, überall zur Geltung. Aber damit macht er sich ja nur lächerlich. Über die Vorschläge entscheiden wir später!“
Damit traten sie durch eine Grotte und erblickten schattig-grüne erlesene Bäume und prächtig-bunte seltene Blumen. Ein klarer Wasserlauf, der gewunden aus dem Dickicht trat, verlor sich zwischen den Felsen. Ein paar Schritte weiter nach Norden öffnete sich eine weite ebene Fläche. Auf beiden Seiten ragten hohe Gebäude zum Himmel auf, deren verzierte Dächer und geschmückte Balustraden zwischen Felsen und Bäumen verborgen waren. Von oben gesehen, leuchtete der klare Bach wie Schnee, die Stufen zwischen den Felsen schienen durch die Wolken zu führen. Ein Geländer aus weißem Stein faßte einen Teich ein, und eine Brücke mit drei Bögen, die mit Tierköpfen geschmückt war, führte darüber hinweg. Auf der Brücke stand ein Pavillon, in dem sich Djia Dschëng mit seinen Begleitern hinsetzte. Dann fragte er: „Wie würdet Ihr diesen Platz nennen?“
„In Ouyang Hsius ‚Notiz über den Pavillon des trunkenen Alten‘ heißt es: ‚Dort steht ein Pavillon, der ist wie geflügelt.‘ Darum sollte man diesen Platz nennen ‚Wie geflügelt‘“, schlugen sie vor.
„‚Wie geflügelt‘ ist wohl gut“, sagte Djia Dschëng, „aber dieser Pavillon ist über dem Wasser erbaut, darum muß sich auch die Inschrift auf das Wasser beziehen. Mir scheint, da es bei Ouyang Hsiu auch heißt ‚Ein Bächlein rinnt zwischen zwei Gipfeln hervor‘, sollte man das Wort ‚rinnen‘ verwenden.“
„Ausgezeichnet!“ sagte einer seiner Schützlinge. „Der Name ‚Rinnender Jade‘ wäre schön.“
Djia Dschëng strich sich über den Bart und dachte nach. Dann hob er den Kopf, und sein Blick fiel auf Bau-yü, der wartend am Rande stand. Lächelnd befahl er ihm, ebenfalls einen Vorschlag zu machen.
„Eure Erwägung war schon recht“, erwiderte Bau-yü rasch. „Aber wenn man die Sache überdenkt, ist das Wort ‚rinnen‘ wohl für die Brauerquelle bei Ouyang Hsiu angebracht, nicht aber für diesen Quell. Noch dazu ist dies die Stätte für den Besuch einer kaiserlichen Nebenfrau, und so fallen die Namen unter das Reglement, das für Hofgedichte gilt. Da sind diese Wörter wohl zu grob und unedel. Man müßte etwas ausdenken, was feinsinniger ist.“
„Wie findet Ihr das?“ fragte Djia Dschëng. „Als sich vorhin alle etwas Neues ausgedacht hatten, sagt er, es sei besser, etwas Altes zu zitieren. Und nachdem wir jetzt Altes zitiert haben, sagt er, es sei grob und unpassend. – Sag mir einmal, was du vorschlagen würdest!“
„Besser als ‚Rinnender Jade‘ wäre wohl ‚Durchtränkt mit Duft‘, das ist neuartig und elegant“, sagte Bau-yü.
„Zwei Schriftzeichen für eine Inschrift machen keine Schwierigkeiten“, sagte Djia Dschëng jetzt. „Bilde auch noch einen Parallelsatz dazu!“
Da nahm Bau-yü in dem Pavillon Aufstellung, blickte sich nach allen vier Seiten um, und als ihm die Eingebung kam, sprach er:
„Ringsum am Deich leihen Weiden ihr Grün,
jenseits vom Land spenden Blumen den Duft.“
Djia Dschëng nickte nur lächelnd, die Begleiter aber fanden kein Ende mit ihrem Lob.
Nun verließen sie den Pavillon und gingen auf die andere Seite des Teiches. Jeder Berg, jeder Fels, jede Blume und jeder Baum, alles wurde aufmerksam betrachtet. Endlich erblickten sie eine weißgetünchte Mauer, die ein Gebäude, das hinter unzähligen Bambushalmen versteckt lag, umschloß.
„Welch schöner Ort!“ riefen alle aus und traten durchs Tor. Von hieraus führte ein Wandelgang im Zickzack hinein, vor der Plattform war alles mit Steinen gepflastert. Das Gebäude darauf maß drei Säulenzwischenräume, in einen Raum führte die Tür, die anderen hatten nach außen nur Fenster. Drinnen war alles den Raumverhältnissen entsprechend mit Betten, Tischen und Stühlen ausgestattet. Vom Innenraum führte eine kleine Tür in den Hinterhof, wo große blühende Birnbäume und Bananenstauden wuchsen. Außerdem gab es hier noch zwei winzige Anbauten. Durch eine Öffnung unter der Hofmauer ergoß sich ein Quell in einen Graben, der nicht breiter war als ein Tschï. Er führte vor der Plattform um das Haus herum in den Vorderhof, schlängelte sich durch den Bambushain und floß hinaus.
„Hier ist es nicht schlecht“, sagte Djia Dschëng. „Wenn man hier in einer Mondnacht am Fenster seine Bücher lesen könnte, brauchte man sich nicht zu beklagen, man habe sein Leben sinnlos vertan.“ Nach diesen Worten warf er Bau-yü einen Blick zu, und dieser senkte erschrocken den Kopf. Aber rasch verwendeten sich die Gäste für ihn. Dann sagten sie: „Hier müßte eine Inschrift aus vier Schriftzeichen angebracht werden.“
„Und welche vier Schriftzeichen sollten das sein?“ fragte Djia Dschëng lächelnd.
„Ein Restchen der Landschaft am Tji“, schlug einer vor.
„Zu gewöhnlich“, wandte Djia Dschëng ein.
„Edle Spuren des Gartens Suee“, empfahl ein anderer.
„Ebenfalls zu gewöhnlich“, entschied Djia Dschëng.
„Das beste ist, Vetter Bau-yü schlägt etwas vor“, warf Djia Dschën ein.
„Bevor er etwas vorschlägt, läßt er sich über die andern aus, und man sieht, wie leichtfertig sein Urteil ist“, sagte Djia Dschëng.
„Er urteilt nur zu gerecht“, sagten die Begleiter. „Es ist nichts dagegen einzuwenden.“
„Ihr dürft ihm nicht einfach alles nachsehen“, sagte Djia Dschëng rasch. Dann fuhr er, an Bau-yü gewandt, fort: „Heute wollen wir dir deinen Unsinn durchgehen lassen. Also gib zuerst dein Urteil ab und dann bring etwas Eigenes vor! War etwas von dem zu gebrauchen, was eben vorgeschlagen wurde?“
„Mir erscheint nichts davon angemessen“, antwortete Bau-yü.
„Und warum nicht?“ fragte Djia Dschëng mit spöttischem Lächeln.
„Dies ist das erste Gebäude, das die kaiserliche Nebenfrau aufsuchen wird“, sagte Bau-yü. „Deshalb muß die Inschrift eine Huldigung sein. Und wenn sie aus vier Schriftzeichen bestehen soll, gibt es schon ein klassisches Zitat. Man muß also nichts Neues schaffen.“
„Die Landschaft am Tji und der Garten Suee sind wohl nichts Klassisches?“ fragte Djia Dschëng.
„Das ist zu abgegriffen“, sagte Bau-yü. „Besser ist ‚Ein Phönix kommt zu Besuch‘ .“
Alle äußerten stürmisch ihren Beifall. Auch Djia Dschëng nickte, aber dann sagte er: „Welch enger Blick! Nun noch einen Parallelsatz dazu!“
Und Bau-yü rezitierte:
„Grün steigt der Dunst vom Teekessel auf,
kühl sind vom Schachspiel die Finger.“
„Daran kann ich nichts Besonderes finden“, sagte Djia Dschëng kopfschüttelnd und trat an der Spitze seiner Begleiter hinaus. Als er eben losgehen wollte, fiel ihm plötzlich etwas ein, und er fragte Djia Dschën: „Die Häuser sind fertig, Tische und Stühle stehen auch darin, aber was ist mit Vorhängen und Matten, Raumschmuck und Antiquitäten? Ist davon auch für jeden Ort etwas da?“
„Von der Ausstattung ist schon vieles beisammen“, berichtete Djia Dschën. „Natürlich wird alles rechtzeitig aufgestellt, wie es sich gehört. Die Vorhänge und Matten sind noch nicht komplett, wie ich gestern von Vetter Liän hörte. Gleich als der Bau begann und die Pläne gezeichnet wurden, hat man dafür Maß genommen und die Aufträge vergeben. Ich glaube, gestern ist die Hälfte davon angekommen.“
Djia Dschëng hatte herausgehört, daß dies nicht Djia Dschëns Sache war, darum befahl er jemandem, Djia Liän zu holen. Nachdem dieser eingetroffen war, fragte Djia Dschëng, wie viele Sorten Matten und Vorhänge es sein müßten, wie viele schon da seien und wie viele noch fehlten.
Als Djia Liän die Frage hörte, zog er seine Brieftasche aus dem Stiefelschaft, holte einen Notizzettel daraus hervor, den er überflog, und dann meldete er: „Von den verschiedensten seidenen Vorhängen werden insgesamt einhundertzwanzig Stück gebraucht, davon sind gestern achtzig Stück gekommen, vierzig Stück fehlen noch. An Türvorhängen aus Bambus sind es zweihundert Stück, diese sind gestern alle eingetroffen. Dazu kommen noch zweihundert Türvorhänge aus Filz, zweihundert aus rotlackiertem Bambus und zweihundert mit bunten Blumenmustern. Von jeder Sorte haben wir schon die Hälfte bekommen, und im Herbst werden sie vollzählig sein. An Stuhltüchern, Tischverkleidungen, Bettumrandungen und Tischhüllen sind es eintausendzweihundert Stück, und auch diese sind bereits vorhanden.“
Während sie so im Gehen miteinander sprachen, versperrte plötzlich ein dunkler Berg ihren Weg. Sie gingen um ihn herum und erblickten halb verborgen eine niedrige gelbe Lehmmauer, die oben mit Reisstroh belegt war. Hunderte blühender Aprikosenbäume leuchteten wie loderndes Feuer oder flammende Morgenwolken. Innerhalb der Mauer standen einige strohgedeckte Häuser, außerhalb derselben aber wuchsen junge Maulbeerbäume, Ulmen, Roseneibische und Seidenspinnereichen, deren Zweige so miteinander verwoben waren, daß sie einen doppelten grünen Flechtzaun bildeten. Noch vor diesem Zaun lag am Fuße des Berges ein Dorfbrunnen mit Hebebaum, Winde und dergleichen. Weiter unten erstreckten sich endlose Felder, auf denen Gemüse grünte und blühte.
„Das lasse ich mir gefallen!“ sagte Djia Dschëng lächelnd. „Es ist zwar alles künstlich angelegt, aber doch erweckt der Anblick in mir den Wunsch, mich aufs Land zurückzuziehen und Bauer zu werden. Aber gehen wir hinein, um zu rasten!“
Da erblickten sie plötzlich, als sie eben durch das Tor des Flechtzauns treten wollten, am Wegesrand einen Stein, der ebenfalls für eine Inschrift vorgesehen sein mußte. „Wie schön, wie schön!“ riefen alle aus. „Hätte man hier eine Inschriftentafel aufgehängt, wäre die ländliche Stimmung wie weggeblasen, durch den Stein aber gewinnt sie noch. Hierzu paßt nur ein Vers von Fan Tschëng-da .“
„Also schlagt etwas vor!“ forderte Djia Dschëng sie auf.
Da sagte jemand: „Euer Sohn hat vorhin bemerkt: ‚Lieber etwas Bekanntes zitieren als etwas Neues ersinnen.‘ Für diesen Platz hier ist ein alter Ausspruch höchst treffend. Nichts könnte besser sein, als einfach zu schreiben ‚Aprikosenblütendorf‘ .“
Lächelnd wandte sich Djia Dschëng an Djia Dschën und sagte: „Das bringt mich auf den Gedanken, daß diesem Ort zu seiner Vollkommenheit noch das Zeichen einer Weinschenke fehlt. Laß doch morgen eins anfertigen! Aber es darf nicht etwa prunkvoll aussehen, es muß eine Form haben, wie sie draußen auf dem Lande üblich ist. Du läßt es mit einem Bambusstab in einem Baumwipfel anbringen!“
Djia Dschën versprach es und sagte dann: „Hier können auch keine anderen Vögel gehalten werden als Gänse, Enten, Hühner und dergleichen, damit alles miteinander harmoniert.“
„Ausgezeichnet!“ lobten Djia Dschëng und seine Begleiter. Dann aber erläuterte Djia Dschëng: „‚Aprikosenblütendorf‘ ist wohl sehr schön, aber den Namen gibt es schon. Deshalb müßten wir erst eine Genehmigung dafür erbitten.“
„Richtig!“ sagten seine Schützlinge. „Aber welchen erdachten Namen könnte man wählen?“
Alle grübelten darüber nach, Bau-yü aber konnte seine Ungeduld nicht bezähmen, und ohne auf einen Befehl von Djia Dschëng zu warten, platzte er heraus: „In einem alten Gedicht heißt es ‚Vom Wipfel der Aprikose eine Weinflagge winkt.‘ Deshalb wäre es hier das beste zu sagen ‚Zwischen Aprikosen eine Weinflagge sich zeigt.‘“
„Nicht schlecht!“ sagten alle. „Und es spielt auf das Aprikosenblütendorf an.“
„Wollte man es ‚Aprikosenblütendorf‘ nennen, wäre das der Gipfel der Geschmacklosigkeit“, sagte Bau-yü mit kühlem Lächeln. „In einem anderen alten Gedicht heißt es ‚Am Flechtzaun überm Wasser die Reisblüten duften.‘ Wäre es nicht schön, ‚Reisduftdorf‘ zu sagen?“
„Ein hervorragender Name!“ stimmten alle begeistert zu und klatschten in die Hände. Djia Dschëng aber fuhr Bau-yü an: „Du unwissender Tropf! Da kennst du ein paar alte Dichter und hast ein paar allbekannte Verse im Kopf, und schon wagst du es, dich vor Älteren aufzuspielen. Deinen Unsinn habe ich dich nur erzählen lassen, um dich auf die Probe zu stellen und damit wir etwas zum Lachen haben. Du hast das wohl ernst genommen?“
Damit führte er die Gesellschaft in eines der strohgedeckten Häuser. Drinnen erblickten sie papierbespannte Fenster und hölzerne Ruhebänke, von Reichtum und Vornehmheit keine Spur. Djia Dschëng, froh gestimmt durch diesen Anblick, wandte sich zu Bau-yü und fragte: „Wie gefällt es dir hier?“
Rasch stießen die Begleiter Bau-yü an und soufflierten ihm, er solle sagen, es sei schön hier. Bau-yü aber ließ sich dadurch nicht beirren und antwortete: „Lange nicht so gut wie in den Räumen ‚Ein Phönix kommt zu Besuch‘.“
„Dummer Kerl!“ sagte Djia Dschëng. „Dir gefällt nur die widerliche Pracht rotlackierter Säulen und buntbemalter Balken, für Einfachheit und Zurückgezogenheit hast du keinen Sinn. Das kommt davon, daß du nicht die Schriften studierst.“
„Ihr belehrt mich zu Recht“, erwiderte Bau-yü rasch. „Aber was hat es mit dem Ausdruck ‚natürlich‘ auf sich, den die Alten häufig gebrauchten?“
Angesichts von Bau-yüs Verhalten fragten sich die Begleiter, warum er so unverbesserlich töricht sei, und auf seine Frage nach dem Wort ‚natürlich‘ sagten sie rasch: „Alles versteht Ihr, und was ‚natürlich‘ heißt, nicht? ‚Natürlich‘ heißt, was von Natur aus ist und nicht von Menschenhand geschaffen.“
„Aha!“ sagte Bau-yü. „Und wenn hier ein Bauernhof liegt, sieht man doch ganz klar, daß er willkürlich angelegt ist. Es gibt kein Dorf in der Nachbarschaft und keine Stadt in der Nähe. Der Berg dahinter gehört zu keinem Gebirge, und das Wasser davor entspringt keiner Quelle. Keine Pagode eines versteckten Klosters erhebt sich darüber, keine Brücke zu einem Markt steht davor. Einsam und verloren liegt er da und bietet keinen großartigen Anblick.
Wie könnte er sich mit dem vorigen Ort messen, der ein natürliches Aussehen hat und einen natürlichen Geist atmet? Sicher ist auch dort der Bambus angepflanzt und der Quell hingeleitet, aber das geht doch nicht bis zur Entstellung. Bei dem, was die Alten ein ‚natürliches Bild‘ nannten, geht es ja gerade darum, daß man nicht gewaltsam aus der falschen Stelle die richtige macht und einen Berg dort aufhäuft, wo keiner ist. So erhält man zwar hunderterlei verfeinerte Elemente, aber sie vertragen sich nicht miteinander...“
Noch ehe er ausgeredet hatte, rief Djia Dschëng zornig: „Hinaus!“ Aber als er eben ging, befahl er ihm schon wieder, zurückzukommen und einen Parallelsatz zu bilden. „Wenn er nichts wird, schlage ich dir für beides auf den Mund!“ drohte er.
So blieb Bau-yü keine Wahl, und er rezitierte:
„Frischespendendes Wasser erfüllt die Bucht,
wo man Bohnenfasern wäscht.
Glückverheißende Wolken umgeben den Mann,
der Rebdoldenblätter pflückt.“
„Es wird immer schlimmer“, sagte Djia Dschëng kopfschüttelnd und führte seine Gäste hinaus. Sie bogen um einen Berghang, gingen zwischen Blumen und Weiden dahin, an Felsen und Quellen vorbei, unter einem Rosenspalier und einer Laube aus Kletterrosen hindurch, an einem Strauchpäoniengarten vorüber, zu einem Hof mit Wildrosen hinein und durch eine Einfriedung mit Bananstauden hinaus. Hin und her, kreuz und quer führte sie der Weg. Plötzlich hörten sie Wasser rauschen, das sich aus einer Grotte ergoß. Von oben hingen Schlingpflanzen darüber, unten schwammen Blütenblätter darin.
„Welch schöne Szenerie!“ riefen alle, und Djia Dschëng fragte: „Wie wollt Ihr sie nennen?“
„Da gibt es nichts zu überlegen“, wurde ihm geantwortet. „Der Name ‚Quelle von Wu-ling‘ paßt ganz genau.“
„Wieder etwas, was es schon gibt“, wandte Djia Dschëng lächelnd ein.
„Dann eben ‚Die alte Heimstatt der Leute aus Tjin‘“, lautete ein anderer Vorschlag.
„Das ist ja noch anstößiger“, sagte Bau-yü. „‚Die alte Heimstatt der Leute aus Tjin‘ spricht von der Flucht aus Wirren. Das kommt doch nicht in Frage. Was könnte besser sein als ‚Knöterichstrand und Blumengestade‘?“
Djia Dschëng bezeichnete das erst recht als Unsinn. Dann wollte er in die Grotte hineinfahren und erkundigte sich, ob es hier Boote gebe.
„Hierher kommen vier Boote zum Lotosblumenpflücken und eine Barke“, berichtete Djia Dschën. „Aber sie sind noch nicht fertig.“
„Schade“, sagte Djia Dschëng, „dann können wir nicht hinein.“
„Man kommt auch von oben über einen Pfad hinein“, erklärte Djia Dschën und setzte sich an die Spitze des Zuges. Sich an Schlingpflanzen und Bäumen haltend, gingen sie weiter. Hier schwammen noch mehr abgefallene Blüten, und das Wasser war klarer. Weit und gewunden floß es dahin. Am Rande des Teiches wuchsen zwei Reihen Trauerweiden. Mit Pfirsich- und Aprikosenbäumen vermengt, verdeckten sie den Himmel und hielten die Sonne ab. Kein Staub war hier zu sehen. Dann zeigte sich plötzlich im Schatten der Weiden eine gewundene hölzerne Brücke mit rotem Geländer, an derem anderen Ende zahlreiche Wege sich trafen. Hier erblickten sie ein sauberes ziegelgedecktes Haus, das von einer Backsteinmauer umgeben war, die ebenfalls mit Ziegeln gedeckt und mit Blumen bewachsen war. Ausläufer des Hauptgipfels der Berge zogen sich bis durch die Mauer hindurch.
„Welche Geschmacklosigkeit, hier ein Haus zu bauen!“ sagte Djia Dschëng.
Als sie dann durch das Tor traten, ragte plötzlich ein bizarrer Felsen vor ihnen auf, der von allen Seiten mit weiteren Felsbrocken umgeben war und das ganze Gebäude vor ihren Blicken verbarg. Kein einziger blühender Baum wuchs hier, nur zahllose seltsame Gewächse. Sie rankten und sprossen, hingen von den Felsspitzen herab, wuchsen aus den Spalten heraus, ja selbst von der Dachtraufe hingen sie, um die Säulen wanden sie sich, und über die Treppenstufen breiteten sie sich aus. Sie glichen flatternden grünen Bändern und zusammengerollten goldenen Stricken. Manche Früchte sahen aus wie roter Zinnober, manche Knospen wie Duftblüten aus Gold. Mit ihrem Geruch konnte sich kein Blumenduft messen.
„Das hat Geschmack!“ sagte Djia Dschëng unwillkürlich. „Nur kenne ich kaum welche von den Pflanzen.“
„Es sind Kletterfeige und Glyzine“, sagte jemand von den Begleitern.
„Kletterfeige und Glyzine haben nicht so einen fremdartigen Duft“, erwiderte Djia Dschëng.
„Sie sind es wirklich nicht“, sagte jetzt Bau-yü. „Kletterfeige und Glyzine sind zwar auch darunter, aber was da so duftet, sind Galgant und Haselwurz. Das Rote ist natürlich Purpurraute und das Grüne bestimmt Bärenklau. In den Büchern Li-sau und Wën-hsüan gibt es merkwürdige Pflanzen mit solchen Namen wie huo-na und djiang-tan, lun-dsu und dsï-djiang. Andere heißen schï-fan, schuee-sung, fu-liu oder lü-ti, wieder andere dan-djiau, mi-wu und fëng-liän. Aber nach so langer Zeit und so großen Veränderungen weiß niemand mehr, was das ist, darum haben die Pflanzen andere Namen bekommen, die ihrer Form entsprechen. Es kommt auch vor, daß sich die Bezeichnung allmählich verändert hat...“
Noch ehe er ausgesprochen hatte, herrschte Djia Dschëng ihn an: „Dich hat keiner gefragt!“
Erschrocken fuhr Bau-yü zurück und wagte nichts mehr zu sagen.
Djia Dschëng hatte gesehen, daß auf beiden Seiten ein gedeckter Gang entlangführte. Durch diesen ging er jetzt hinein und erblickte ein Haus, das fünf Säulenzwischenräume breit war und ein Dach mit abgerundetem First hatte. Auf allen vier Seiten war es von Säulengängen umgeben. Mit seinen grünen Fenstern und den lackierten Wänden wirkte es ungleich edler als die vorigen Gebäude.
„Wenn man hier Tee brüht und die Zither spielt, braucht man nicht einmal Weihrauch abzubrennen“, bemerkte Djia Dschëng mit einem Seufzer. „Diese Anlage ist so etwas Außergewöhnliches, daß Ihr für ihre Inschriftentafel ein gelungenes neuartiges Motto finden müßt, um dem gerecht zu werden.“
„Dann paßt nichts besser als ‚Orchideenwind und Lilientau‘“, sagte einer der Begleiter.
„Dabei wird es wohl bleiben müssen“, sagte Djia Dschëng. „Wie ist es mit einem Parallelsatz?“
„Ich habe einen erdacht“, sagte jemand, „aber die andern müssen mich verbessern!“ Und er rezitierte:
„Moschushauch zieht durch den abendlich sonnigen Hof,
Galgantduft weht über die mondhelle Insel.“
„Gut ist das schon“, sagten seine Gefährten, „nur das ‚abendlich sonnig‘ paßt nicht hierher.“
„Aber es heißt doch in einem alten Gedicht ‚Die Rotalgen in meinen Händen weinen im Abendsonnenschein‘ “, erwiderte er darauf.
„Zu traurig, zu traurig!“ hielten sie ihm vor.
Dann sagte ein anderer: „Ich habe auch einen Parallelsatz, Ihr müßt ihn beurteilen!“ Und er rezitierte:
„Im Garten weht der Duft um die Jadelilien,
im Hof scheint der Mond auf die Goldorchideen.“
Djia Dschëng strich sich schweigend den Bart und wollte selbst einen Parallelsatz vortragen, aber als er den Kopf hob, fiel sein Blick auf Bau-yü, der am Rande stand und sich nicht zu mucksen wagte.g. „Wie ist es mit einem Parallelsatz?“
„Ich habe einen erdacht“, sagte jemand, „aber die andern müssen mich verbessern!“ Und er rezitierte:
„Moschushauch zieht durch den abendlich sonnigen Hof,
Galgantduft weht über die mondhelle Insel.“
„Gut ist das schon“, sagten seine Gefährten, „nur das ‚abendlich sonnig‘ paßt nicht hierher.“
„Aber es heißt doch in einem alten Gedicht ‚Die Rotalgen in meinen Händen weinen im Abendsonnenschein‘ “, erwiderte er darauf.
„Zu traurig, zu traurig!“ hielten sie ihm vor.
Dann sagte ein anderer: „Ich habe auch einen Parallelsatz, Ihr müßt ihn beurteilen!“ Und er rezitierte:
„Im Garten weht der Duft um die Jadelilien,
im Hof scheint der Mond auf die Goldorchideen.“
Djia Dschëng strich sich schweigend den Bart und wollte selbst einen Parallelsatz vortragen, aber als er den Kopf hob, fiel sein Blick auf Bau-yü, der am Rande stand und sich nicht zu mucksen wagte. „Warum schweigst du, wenn du reden sollst?“ fuhr er ihn an. „Willst du vielleicht warten, bis man dich um Belehrung bittet, oder was?“
„Es gibt hier weder Moschusduft noch einen hellen Mond oder etwas in der Art einer Insel“, begann Bau-yü. „Wenn man es so anfängt, kann man Hunderte von Parallelsätzen bilden und ist immer noch nicht fertig.“
„Wer drückt dir denn den Nacken nieder und zwingt dich, diese Wörter zu gebrauchen?“ fragte Djia Dschëng.
„Wenn dem so ist“, sagte Bau-yü, „ist das beste für die Inschriftentafel ‚Reiner Duft von Haselwurz und Bärenklau‘, als Parallelsatz aber
‚Dichtet man inmitten von Kardamom,
scheint das Talent zu erblühen;
schläft man unter dem Rosenstrauch,
wird auch der Traum noch duftig.‘“
„Das hast du doch der Zeile nachgebildet ‚Schreibt man unter Bananenblättern, scheint die Schrift zu ergrünen.‘ Was ist daran schon bemerkenswert?“ fragte Djia Dschëng lächelnd.
„Als Li Tai-bo die ‚Phönixterrasse‘ schrieb, hat er sie ganz dem ‚Turm des Gelben Kranichs‘ nachgebildet, aber sie ist besser als das Original“, sagten Djia Dschëngs Schützlinge. „Wenn man den Parallelsatz von eben genauer betrachtet, erscheint er noch feiner und lebensvoller als die Zeile vom Schreiben unter Bananenblättern, ja diese ist gleichsam seinem Satz nachgebildet.“
„Wo gibt‘s denn so etwas?“ fragte Djia Dschëng lächelnd darauf.
Nach diesen Worten gingen alle wieder hinaus und erblickten nach kurzem Fußweg mehrstöckige Hallen und hohe Türme, die von allen Seiten wie Paläste aus Jade wirkten und oben und unten durch gewundene Gänge und Galerien miteinander verbunden waren. Grüne Kiefern fegten die Dachtraufen, Jadegeländer umgaben die Plattformen. Golden glänzten die Tiermasken, bunt leuchteten die Drachenköpfe.
„Dies sind die Hauptgebäude“, sagte Djia Dschëng. „Sie sind nur ein wenig zu prächtig.“
„Sie müssen so sein“, entgegneten seine Begleiter. „Die kaiserliche Nebenfrau schätzt zwar die Bescheidenheit und verabscheut von Natur aus jeden Aufwand, aber ihrem jetzigen Rang gemäß verlangt die Etikette es so, wie es ist, und nichts ist daran übertrieben.“
Bei diesen Worten waren sie weitergegangen und standen jetzt vor einem steinernen Schmucktor, das oben mit Drachen verziert und fein behauen war.
„Welche Inschrift könnte man hier anbringen?“ fragte Djia Dschëng.
„Am besten ‚Feenreich Pëng-lai‘ “ schlugen seine Begleiter vor. Djia Dschëng schüttelte den Kopf, ohne etwas zu sagen.
Kaum hatte Bau-yü diesen Ort erblickt, regte sich etwas in seinem Herzen, und er begann zu grübeln. Ihm schien, er müßte das alles schon einmal gesehen haben, aber er kam nicht darauf, wann das gewesen sein könnte. Jetzt befahl ihm Djia Dschëng, eine Inschrift zu entwerfen, aber Bau-yüs Gedanken waren so tief in der Vergangenheit versunken, daß er nichts davon hörte. Djia Dschëngs Schützlinge, die nicht wußten, was in Bau-yü vorging, glaubten nicht anders, als daß sein Talent und seine Dichtergabe durch die Anstrengungen dieses halben Tages erschöpft seien und daß er durch weiteres Drängen den Kopf verlieren könnte oder daß ein Unglück daraus entstehen würde, womit keinem gedient sei, darum rieten sie rasch: „Genug, genug! Soll er die Inschrift morgen entwerfen!“
Djia Dschëng seinerseits hatte die Befürchtung, die Herzoginmutter könnte sich Sorgen machen, darum sagte er mit spöttischem Lächeln: „Kommt auch für dich einmal der Augenblick, wo du nicht mehr weiterweißt! Also gut, ich gebe dir einen Tag Zeit. Aber wenn es morgen immer noch nicht geht, kenne ich keine Gnade. Dies ist ein wichtiger Ort, die Inschrift dafür will sorgfältig durchdacht sein.“ Mit diesen Worten führte er die Gesellschaft weiter, um die Besichtigung fortzusetzen, denn vom Eingangstor bis hierher hatten sie erst fünf oder sechs Zehntel des Ganzen gesehen. Aber da wurde eben gemeldet, Djia Yü-tsun habe jemanden geschickt, um etwas auszurichten.
„Da können wir die übrigen Stellen nicht mehr besichtigen“, sagte Djia Dschëng lächelnd. „Dennoch wollen wir dort entlang hinausgehen, denn wenn wir uns auch nichts genau ansehen können, wollen wir doch einen Blick darauf werfen!“ Und damit setzte er sich wieder an die Spitze des Zuges.
Als sie an eine große Brücke kamen, sahen sie, wie das Wasser gleich einem kristallenen Vorhang darunter hereinströmte. Hier war das Wehr, das die Wasserläufe des Gartens mit dem Fluß verband.
„Wie soll dieses Wehr heißen?“ fragte Djia Dschëng.
„Hierher kommt das Wasser ‚Durchtränkt mit Duft‘, darum müßte es ‚Duftgetränktes Wehr‘ heißen“, sagte Bau-yü.
„Unsinn!“ erwiderte Djia Dschëng. „Gerade ‚duftgetränkt‘ soll es nicht heißen.“
Sie gingen weiter an schmucken Häusern und strohgedeckten Hütten vorbei, an Mauern aus Stein und an durchbrochenen Hecken aus blühenden Sträuchern, an einem versteckten Nonnenkloster am Fuße eines Berges und an einer entlegenen Einsiedelei inmitten eines Waldes, an langen Wandelgängen und an verschlungenen Grotten, an eckigen Hallen und runden Pavillons. Aber nirgends konnte Djia Dschëng es sich leisten einzutreten. Weil aber nach dem langen Herumlaufen ohne eine Pause allen die Beine schmerzten und eben wieder ein Gehöft auftauchte, schlug Djia Dschëng vor: „Hier wollen wir hineingehen, um ein wenig zu rasten!“
Damit führte er sie um einen blühenden Pfirsichbaum mit gefüllten Blüten herum und durch ein kreisrundes Mondtor in einem mit Blumen bewachsenen Flechtzaun aus Bambus hindurch. Dahinter erblickten sie eine weißgetünchte Mauer und grüne Trauerweiden. Innerhalb der Mauer zogen sich auf beiden Seiten gedeckte Wandelgänge hin, und der Hof war mit mehreren Felsbrocken verziert. Auf seiner einen Seite wuchsen Bananenstauden, auf der anderen ein Zierapfelbaum, der gewachsen war wie ein Schirm. Seine Zweige waren wie grüne Seide, die Blüten wie roter Zinnober.
„Welch herrliche Blüten!“ rief alles begeistert aus. „Wir haben schon viele Zierapfelbäume gesehen, aber so etwas nie!“
„Er heißt Mädchen-Zierapfel und ist eine ausländische Sorte“, erläuterte Djia Dschëng. „Der Volksmund behauptet, er komme aus dem Amazonenreich und dort sei diese Sorte weit verbreitet. Aber das ist haltloses Geschwätz.“
„Aber wenn das nicht belegt ist, wie konnte sich dann der Name durch die Zeiten erhalten?“ fragten seine Begleiter.
„Wahrscheinlich hat ein Dichter ihn so genannt, weil die Blüten rot sind wie Schminke und durch ihre Zartheit mädchenhaft wirken“, sagte Bau-yü. „Ein einfacher Mann, der den Namen hörte, mag eine Erwähnung in einem inoffiziellen Geschichtswerk als Beleg angesehen haben, und unwissende Schwätzer verbreiteten die Sache weiter, bis jedermann sie für wahr hielt.“ Alle lobten diese Erklärung, und während sie sich weiter unterhielten, nahmen sie auf Ruhebänken in einem Anbau Platz.
„Habt Ihr ein paar Schriftzeichen für eine originelle Inschrift parat?“ fragte Djia Dschëng.
„Bananen und Kraniche“, schlug jemand vor.
„Besser wäre ‚Erhabener Glanz, fließende Pracht‘“ sagte ein anderer.
„Nicht schlecht, nicht schlecht“, lobten Djia Dschëng und der Rest der Gesellschaft.
„Ausgezeichnet“, sagte auch Bau-yü, fügte dann aber seufzend hinzu: „Schade ist es trotzdem.“
„Wieso schade?“ fragten alle.
„Wenn hier Bananenstauden und ein Zierapfelbaum wachsen, legt das die Wörter ‚rot‘ und ‚grün‘ nahe“, erwiderte Bau-yü. „Spricht man nur von den Zierapfelblüten, fehlen die Bananen, und umgekehrt fehlen die Zierapfelblüten, wenn man nur von den Bananen spricht. Die Zierapfelblüten dürfen aber nicht fehlen und noch weniger die Bananen.“
„Was würdest du also vorschlagen?“ fragte Djia Dschëng.
„Ich finde, es ist alles enthalten, wenn man sagt ‚Roter Duft und grüner Jade‘“ antwortete Bau-yü.
„Nicht gut“, sagte Djia Dschëng und schüttelte den Kopf. „Gar nicht gut.“ Und mit diesen Worten führte er die Gesellschaft ins Haus.
Hier stellten sie fest, daß es anders eingerichtet war als die übrigen Gebäude, die sie gesehen hatten. Das Haus war nicht in einzelne Räume unterteilt, es gab nur zierlich geschnitzte Trennwände, die Muster zeigten wie Fledermäuse zwischen Wolken, die drei Freunde der kalten Jahreszeit, Landschaften und Figuren, Vögel und Blumen, Ziergegenstände und Antiquitäten oder die stilisierten Schriftzeichen ‚zehntausendfaches Glück und ewiges Leben‘. Alles war von Meisterhand geschnitzt, farbig bemalt, vergoldet und mit Jade eingelegt. In diesen Trennwänden waren Stellen ausgespart, um Bücher abzulegen, Bronzegefäße aufzustellen, Schreibzeug unterzubringen oder Vasen und Topflandschaften zu plazieren. Die Trennwände selbst waren von unterschiedlicher Gestalt – rund wie der Himmel, quadratisch wie die Erde, sonnenblumen- oder bananenblattförmig oder aber wie miteinander verschlungene Ringe und halbierte runde Jadescheiben.
Es war wirklich eine üppige Pracht, zugleich aber fein und erlesen. Hier ein Fensterchen, beklebt mit bunter Gaze, dort ein Durchgang, hinter einem farbigen Vorhang verborgen. In allen Wänden aber fanden sich Vertiefungen in der Form von Antiquitäten wie Zithern, Schwertern, Vasen und kleinen Setzschirmen, so daß die Gegenstände, die darin hingen, nicht aus der Wand hervortraten.
„Welch schöner Einfall!“ lobten alle. „Wer mag sich das ausgedacht haben?“
Djia Dschëng war mit seinen Begleitern noch nicht weit gekommen, als sie sich verlaufen hatten. Auf der linken Seite war eine Tür, durch die sie gehen konnten, rechts im Hintergrund ein Fenster. Aber als sie sich zu der Tür wandten, versperrte ihnen plötzlich eine Stellage mit Büchern den Weg, also machten sie kehrt und erblickten den Weg zu einer anderen Tür, auf den das Licht durch ein weiteres Gazefenster fiel. Im Näherkommen sahen sie plötzlich, wie ihnen eine Gruppe von Leuten entgegenkam, die genauso aussahen wie sie selbst, und da merkten sie, daß es ein großer Glasspiegel war, der ihr Bild zurückwarf. Sie gingen um den Spiegel herum, aber da war eine Vielzahl von Türen.
„Folgt mir, gnädiger Herr!“ sagte Djia Dschën lächelnd. „Hier führt eine Tür auf den Hinterhof, und von dort haben wir es ein Stück näher.“ Damit bog er um zwei gazebespannte Trennwände, und hier war tatsächlich eine Tür, durch die sie hinauskamen. Im Hof fanden sie ein Spalier duftender Rosen, und als sie um die Blütenhecke gebogen waren, lag ein grünes Bächlein vor ihnen.
„Woher kommt denn das Wasser hier?“ fragten alle verwundert. Djia Dschën wies mit der Hand in die Ferne und erklärte: „Vom Wehr fließt es zur Grotte, dann wird es durch das Tal im Nordosten zum Bauernhof geführt, dort zweigt ein Arm davon nach Südwesten ab. Hier nun vereinigt es sich wieder und fließt dort unter der Mauer hinaus.“
„Genial!“ sagten alle, und als sie das eben sagten, stellten sie plötzlich fest, daß ihnen ein Berg den Weg versperrte. „Wir haben uns verlaufen“, sagten sie. Djia Dschën aber forderte sie lächelnd auf: „Folgt mir nur!“ und schritt voran. Alle gingen hinter ihm her, und kaum daß sie um den Fuß des Berges gebogen waren, lag ein glatter breiter Weg vor ihnen. Weiter vorn war das Tor ungehindert zu sehen.
„Wie interessant!“ sagten alle. „Das ist wirklich der Gipfel an Einfallsreichtum.“ Und damit gingen sie hinaus.
Bau-yü sehnte sich von ganzem Herzen in seine Zimmer zurück, da er aber von Djia Dschëng keinerlei Anweisung erhielt, ging er notgedrungen bis in die Bibliothek mit. Dort fiel Djia Dschëng seine Anwesenheit plötzlich wieder auf, und er fuhr ihn an: „Willst du nicht endlich verschwinden? Bist du immer noch nicht genug herumgelaufen? Du kannst dir wohl nicht denken, daß sich die alte gnädige Frau um dich sorgt, wenn du so lange weg bleibst? Also geh jetzt hinein! Für nichts und wieder nichts hat sie dich so gern.“
Jetzt erst zog sich Bau-yü zurück. Als er aus dem Hoftor trat, legten ihm mehrere Sklavenjungen aus Djia Dschëngs Gefolge den Arm um die Hüfte und sagten: „Uns habt Ihr es zu verdanken, daß der gnädige Herr heute mit Euch zufrieden war. Die alte gnädige Frau hat mehrmals Boten geschickt, um nachzufragen, und wir haben immer gesagt, der gnädige Herr sei zufrieden. Hätten wir das nicht getan und die alte gnädige Frau hätte Euch rufen lassen, hättet Ihr Euer Talent nicht entfalten können. Alle haben gesagt, Eure Verse seien besser gewesen als die der andern. Für dieses Glück seid Ihr uns eine Belohnung schuldig!“
Lächelnd versprach Bau-yü: „Jeder von euch bekommt eine Schnur Münzen! “
„Als ob wir noch keine Münzschnur gesehen hätten!“ sagten sie. „Gebt uns das Täschchen von Eurem Gürtel!“ Und schon trat einer von ihnen an Bau-yü heran und löste ihm das Täschchen vom Gürtel. Ein anderer machte ihm die Fächerhülle los, und ohne sich auf Erläuterungen einzulassen, nahmen sie ihm alles ab, was er am Gürtel trug. Dann sagten sie: „Wir wollen Euch begleiten!“ Und während der eine ihn umfaßte, umringten ihn die anderen, und so begleiteten sie ihn bis an das Innentor des Wohngehöfts der Herzoginmutter.
Die Herzoginmutter hatte schon mehrmals nach Bau-yü geschickt, ehe die Sklavinnen jetzt mit ihm hereintraten und er seinen Gruß entbot. Als die Herzoginmutter erfuhr, es sei ihm nichts Unangenehmes widerfahren, war sie von Herzen froh. Nun brachte Hsi-jën Tee, und als sie sah, daß Bau-yü nichts mehr am Gürtel trug, sagte sie lächelnd: „Diese schamlosen Kerle haben dich ja wieder einmal ausgeplündert!“
Als Dai-yü das hörte, trat sie näher, um sich davon zu überzeugen. Und als sie sah, daß es stimmte, sagte sie zu Bau-yü: „Das Täschchen von mir hast du ihnen auch gegeben? Wenn du morgen wieder etwas von mir haben willst, bekommst du es nicht!“
Damit ging sie wütend in ihr Zimmer, nahm das Riechbeutelchen, das sie vor zwei Tagen auf Bau-yüs Bitte hin anzufertigen begonnen hatte und das erst halb fertig war, und begann es vor lauter Zorn mit der Schere zu zerschneiden.
Als Bau-yü, der gesehen hatte, wie ärgerlich sie wurde, und der ahnte, daß die Sache eine bedenkliche Wendung nahm, ihr rasch nachgeeilt kam, war das Beutelchen schon zerschnitten. Da Bau-yü es bereits gesehen hatte, obwohl es noch nicht fertig war, und wußte, wie sorgfältig es gearbeitet war und wieviel Mühe Dai-yü darauf verwandt hatte, geriet er ebenfalls in Zorn, als er sah, daß sie es ohne jeden Grund mit der Schere zerfetzte. Hastig riß er seinen Kragen auf, holte das Täschchen, das er unter dem Obergewand auf seiner roten Jacke trug, hervor, hielt es Dai-yü hin und sagte: „Schau mal, was ich hier habe! Wann hätte ich jemals etwas von dir verschenkt?“
Als Dai-yü sah, daß er so an dem Täschchen hing, daß er es unter dem Gewand trug, damit es ihm niemand wegnehmen konnte, bereute sie, so voreilig und ohne Verstand das Riechbeutelchen zerschnitten zu haben. Ärgerlich und beschämt zugleich senkte sie den Kopf und brachte kein Wort hervor. Da fuhr Bau-yü fort: „Du hättest es gar nicht zu zerschneiden brauchen. Ich weiß ja, daß du mir nicht gern etwas gibst. Willst du nicht auch das Täschchen zurückhaben?“ Damit warf er ihr das Täschchen an die Brust und wollte gehen.
Durch diese Behandlung erst recht aufgebracht, begannen Dai-yü, die vor Wut keinen Ton herausbrachte, die Tränen zu fließen. Sie griff nach dem Täschchen und wollte es ebenfalls zerschneiden.
Da machte Bau-yü schnell wieder kehrt, nahm ihr das Täschchen weg und bat lächelnd: „Verschone es doch, liebstes Kusinchen!“
Dai-yü schleuderte die Schere fort, wischte sich die Tränen ab und sagte: „Du brauchst nicht einmal gut und einmal schlecht zu mir zu sein. Wenn du mich nur ärgern willst, ist es besser, wir trennen uns! Was soll denn das?“ Damit warf sie sich mit dem Gesicht zur Wand auf ihr Bett und wischte sich weiter die Tränen ab. Bau-yü konnte nicht anders, als zu ihr zu treten und mit Kusinchen hin, Kusinchen her um Verzeihung zu bitten.
Drüben aber fragte die Herzoginmutter, wo denn Bau-yü stecke. „Bei Fräulein Lin im Zimmer ist er“, meldeten die Ammen und Sklavenmädchen rasch.
„Recht so!“ sagte die Herzoginmutter darauf. „Soll er nur mit den Mädchen zusammen spielen. Die ganze Zeit über hat ihn sein Vater festgehalten, da kann er jetzt auch ein Weilchen vergnügt sein. Nur zanken sollen sie sich nicht, und es darf ihn keiner bevormunden.“
Alle sagten: „Jawohl!“
Von Bau-yü in die Enge getrieben, stand Dai-yü jetzt wieder auf und sagte: „Wenn es deine Absicht ist, mich nicht in Ruhe zu lassen, gehe ich fort von dir!“ Und damit wollte sie hinausgehen.
„Wo du hingehst, da gehe ich auch hin“, sagte Bau-yü. Dann nahm er das Täschchen und wollte es sich wieder umhängen. Dai-yü aber nahm es ihm weg und sagte: „Erst sagst du, du willst es nicht mehr, und jetzt machst du es wieder um. Ich muß mich wirklich über dich wundern!“ Und prustend begann sie zu lachen.
„Liebstes Kusinchen, mach mir morgen ein neues Riechbeutelchen!“ bat Bau-yü.
„Das hängt ganz davon ab, ob ich bei Laune bin“, erwiderte Dai-yü. Bei diesen Worten verließen sie beide das Zimmer und gingen in den Hauptraum von Dame Wang hinüber, wo sich zufällig auch Bau-tschai gerade aufhielt.
In den Räumen von Dame Wang herrschte großer Trubel. Djia Tjiang war mit zwölf Mädchen, die er in Gu-su gekauft hatte, zurückgekehrt. Auch die Lehrer für sie hatte er engagiert, und die Kostüme und Requisiten waren gekauft. Mittlerweile war Tante Hsüä in ein paar ruhige Räume im Nordostteil des Anwesens umgezogen und hatte den Birnendufthof frei gemacht, der dann renoviert worden war, ehe nun die Theaterlehrer hier die Schauspielschülerinnen ausbilden sollten. Jetzt wurden Sklavenfrauen zu ihnen geschickt, die früher selbst einmal Schauspielunterricht erhalten hatten – inzwischen waren es weißhaarige Alte –, um dort nach dem Rechten zu sehen. Die Verwaltung der täglichen Einnahmen und Ausgaben sowie der benötigten Materialien wurde Djia Tjiang übertragen.
Dann meldete die Frau von Lin Dschï-hsiau, die kleinen Nonnen, die sie auswählen und kaufen sollte – zehn buddhistische und zehn dauistische – seien alle beisammen und auch zwanzig neue Kutten für sie seien bereit.
Außerdem sei da ein Mädchen, das mit ungeschorenem Kopf als Nonne lebe. Sie stamme aus einer Gelehrten- und Beamtenfamilie in Su-dschou. Weil sie von klein auf viel krank gewesen sei, habe man viele Stellvertreterinnen gekauft, die an ihrer Statt Nonnen geworden seien, aber das habe nichts genutzt. Sie sei erst gesund geworden, als sie selber ins Kloster ging, und so lebe sie dort mit ungeschorenem Kopf. Sie sei erst achtzehn Jahre alt und heiße mit Klosternamen Miau-yü. Ihre Eltern seien beide tot, und es lebten nur zwei alte Ammen und ein Sklavenmädchen mit ihr, um sie zu bedienen. Sie sei literarisch gut beschlagen und brauche auch die heiligen Texte nicht erst zu lernen. Außerdem sehe sie gut aus.
Weil sie gehört habe, in der Hauptstadt gebe es Reliquien der Göttin Guan-yin und nachgelassene Schriften auf Pattra-Blättern, sei sie im vergangenen Jahr mit ihrer Meisterin in die Hauptstadt gekommen und lebe jetzt im Shakyamuni-Kloster vor dem Westtor. Die Meisterin, die sich bestens auf die Auslegung der graphischen Darstellung des Ur-Endlichen verstanden habe, sei im letzten Winter gestorben, und Miau-yü habe ihren Sarg in die Heimat begleiten wollen. Aber die Meisterin habe ihr sterbend gesagt, um des Unterhalts willen sei es nicht gut für sie, nach Hause zurückzukehren, sie solle ruhig hier bleiben, und eines Tages werde ihr das zum Nutzen gereichen. Darum sei sie nicht fortgegangen...
Ohne das Ende des Rapports abzuwarten, sagte Dame Wang: „Wenn das so ist, wollen wir sie zu uns nehmen!“
„Als ich sie bat, zu uns zu kommen, hat sie gesagt, vornehme Familien seien herrisch, darum wolle sie nicht dort hingehen“, berichtete Lin Dschï-hsiaus Frau.
„Als Tochter einer Beamtenfamilie hat sie natürlich ihren Stolz“, sagte Dame Wang lächelnd. „Wir wollen ihr einen Brief schreiben und sie bitten, zu uns zu kommen!“
„Jawohl!“ sagte Lin Dschï-hsiaus Frau und ging hinaus, um dem jungen Mann, der den Schriftwechsel führte, aufzutragen, er solle eine Einladung an Miau-yü richten. Am nächsten Tag wurden Leute mit Wagen und Sänften geschickt, um sie zu holen. Doch wir wollen hier nicht vorgreifen.
Als nächstes wurde gemeldet, an der Arbeitsstelle warte man auf die Seidengaze, die man zum Bekleben brauche, und man bitte Hsi-fëng, ins obere Stockwerk zu gehen und die Gaze herauszusuchen. Dann wieder wurde Hsi-fëng gebeten, den Speicher aufzuschließen, um Gold- und Silbergefäße in Verwahrung zu nehmen. Auch Dame Wang und die Sklavenmädchen aus ihren Räumen hatten keinen freien Augenblick. Darum schlug Bau-tschai vor: „Anstatt hier allen im Wege zu sein, wollen wir lieber zu Tan-tschun gehen!“ Und damit ging sie mit Bau-yü und Dai-yü zusammen in Ying-tschuns Zimmer, wo sie sich gemeinsam die Zeit vertrieben. Davon ist jedoch nichts weiter zu sagen.
Dame Wang und die anderen waren so Tag für Tag emsig beschäftigt. Erst als der zehnte Monat zu Ende ging, war alles glücklich bereit. Die Verantwortlichen für die einzelnen Gebäude hatten ihre Abrechnungen geschrieben, überall waren die Antiquitäten und Kunstgegenstände aufgestellt, was an Tieren anzuschaffen war – von Kranichen und Pfauen bis zu Hirschen, Hasen, Hühnern und Gänsen – war gekauft und im Garten an die entsprechenden Stellen gebracht worden, um dort gehalten zu werden, Djia Tjiangs Schauspielertruppe konnte zwanzig verschiedene Stücke spielen, und die kleinen buddhistischen und dauistischen Nonnen hatten einige heilige Texte erlernt.
Jetzt konnte Djia Dschëng etwas aufatmen, und er bat die Herzoginmutter mit ihrem Gefolge in den Garten, damit sie über alles ihr Urteil abgab, so daß er sicher sein konnte, alles sei angemessen und nichts sei übersehen worden. Danach suchte er einen Glückstag aus, um eine Throneingabe zu machen, und diese wurde noch am selben Tag vom Kaiser mit dem Bescheid versehen: ‚Es wird gnädigst gestattet, daß die Nebenfrau Djia am fünfzehnten Tag des ersten Monats im neuen Jahr ihre Familie besucht.‘ Als die Djias dies erfuhren, gab es erst recht Tag und Nacht keine Ruhe mehr für sie, und nicht einmal das Neujahrsfest wurde richtig gefeiert.
Ehe man sich‘s versah, kam das Laternenfest näher. Vom achten Tag des ersten Monats an erschien ein Obereunuch, um alles zu inspizieren – wo die kaiserliche Nebenfrau sich umziehen werde, wo sie sich setzen werde, wo sie die Huldigungen entgegennehmen werde, wo sie bewirtet werden werde und wo sie ruhen werde. Dann kam, von zahlreichen jungen Eunuchen begleitet, der Obereunuch, der die Verantwortung für Schutz und Sicherheit trug, stellte überall Wachen auf und ließ Blendvorhänge spannen. Danach wies er alle an, wohin sie sich zurückzuziehen hätten, wo sie niederzuknien hätten, wo sie die Speisen zu reichen hätten und von wo aus sie zu sprechen hätten. Für alles gab es gesonderte Vorschriften.
Vor dem Anwesen ließen Beamte des Ministeriums für öffentliche Arbeiten und der Polizeichef der fünf Bezirke der Hauptstadt die Straßen reinigen und die Müßiggänger fortjagen. Djia Schë beaufsichtigte die Handwerker bei der Anfertigung der Zierlaternen und des Feuerwerks. Am vierzehnten war alles bereit. In dieser Nacht tat hoch und niedrig kein Auge zu.
Am fünfzehnten zum fünften Trommelschlag legten alle, die einen Rang innehatten – von der Herzoginmutter angefangen – ihre vollen Prachtgewänder an. Im Garten tanzten Drachen und Phönixe auf allen Vorhängen, Gold und Silber blitzten, Perlen und Edelsteine funkelten um die Wette. In den Bronzekesseln verbrannte hunderterlei Weihrauch, in den Vasen steckten blühende Immergrünzweige. In der allgemeinen Stille wagte niemand, auch nur zu husten. Djia Schë stand mit den Männern am Tor der westlichen Zufahrtsstraße, die Herzoginmutter mit den Frauen vor dem Haupteingang des Jung-guo-Anwesens. Alle Gassen, die in die Straße mündeten, waren mit Blendvorhängen dicht abgeschirmt.
Als die Ungeduld der Wartenden kaum noch auszuhalten war, kam plötzlich ein Obereunuch hoch zu Pferde geritten. Rasch bat ihn die Herzoginmutter herein und fragte, was er für eine Nachricht bringe. „Es ist noch viel zu früh“, erwiderte der Eunuch. „Um Viertel nach eins hat die kaiserliche Nebenfrau gespeist, um halb drei wird sie im Palast der Kostbaren Seelen zu Buddha beten, und um Viertel nach fünf wird sie in den Palast der Großen Klarheit gehen, um am Festmahl und an der Laternenschau teilzunehmen. Danach erst wird sie um die kaiserliche Erlaubnis bitten und wird wohl vor sieben Uhr nicht aufbrechen.“
„Wenn es so ist, sollten die alte gnädige Frau und die gnädigen Frauen in ihre Zimmer gehen und dann erst herauskommen, wenn es soweit ist“, schlug Hsi-fëng vor. Also zog sich die Herzoginmutter mit den anderen zusammen einstweilen zurück, und der Garten blieb unter der Obhut von Hsi-fëng. Sie befahl dann den Verantwortlichen, sie sollten die Eunuchen hineinführen und ihnen Wein und Speisen vorsetzen. Eine Weile später ließ sie bündelweise Kerzen in den Garten bringen, um überall die Laternen anzuzünden.
Als eben alle Lichter brannten, war draußen plötzlich Hufschlag zu hören. Kurz darauf kamen mehr als zehn Eunuchen keuchend angelaufen und klatschten in die Hände. Da wußten die Erstgekommenen, daß die kaiserliche Nebenfrau nahte, und jeder von ihnen nahm an seinem vorbestimmten Platz Aufstellung. Djia Schë ging wieder an der Spitze der jüngeren Männer der Familie vor das Tor der westlichen Zufahrtsstraße, und die Herzoginmutter trat mit den Frauen und Mädchen vor den Haupteingang des Anwesens.
Lange war es ganz still, dann kamen langsam zwei rotgekleidete Eunuchen angeritten, saßen am Straßentor ab, führten ihre Pferde hinter die Blendvorhänge und nahmen dann mit dem Blick nach Westen Aufstellung. Dasselbe wiederholte sich nach einiger Zeit mit einem zweiten Paar, und bald waren es mehr als zehn Paare. Dann waren noch undeutlich die Töne einer zarten Musik zu hören, und paarweise wurden Drachenbanner, Phönixfächer, Fasanenfederbüschel und Ungeheuermasken vorbeigetragen, anschließend folgten goldene Räucherfässer, in denen kaiserlicher Weihrauch brannte, ein mit sieben Phönixen geschmückter goldgelber Schirm mit krummem Griff, danach Kopfbedeckung, Gewand, Gürtel und Schuhe sowie Gebetsschnur, Tücher, Waschschüssel und Staubwedel.
Erst als dies alles vorüber war, näherte sich, von acht Eunuchen getragen, langsam eine mit Phönixen bestickte goldgelbe Sänfte mit goldenem Dach. Sofort kniete die Herzoginmutter mit allen anderen am Straßenrand nieder, aber schon kamen ein paar Eunuchen herbeigeeilt, die der Herzoginmutter, Dame Hsing und Dame Wang aufhalfen. Die Sänfte wurde durchs Haupttor und dann durchs Zeremonialtor nach Osten vor ein Hoftor getragen. Hier kniete ein Eunuch mit einem Staubwedel in der Hand und bat die kaiserliche Nebenfrau, auszusteigen und die Kleider zu wechseln. Die Sänfte wurde hineingetragen, und die Eunuchen zogen sich zurück, nur die Hoffräulein halfen Yüan-tschun beim Aussteigen. Im Hof sah sie verzierte Laternen in allen Farben leuchten, die außerordentlich zierlich aus dünner Seide gefertigt waren. Auf einer Inschriftenlaterne standen die Schriftzeichen „Verkörperte Menschlichkeit, in Tugend gebadet“.
Nachdem Yüan-tschun sich im Haus umgezogen hatte, nahm sie wieder in der Sänfte Platz und wurde in den Garten getragen. Hier stiegen Weihrauchschwaden auf und prangten Blumen, überall leuchteten bunte Laternen, und ständig erklang leise Musik. Unmöglich, dieses Bild des Friedens, des Überflusses und der Vornehmheit zu beschreiben.
Wenn ich bedenke, wie eintönig und öde es seinerzeit an der Felswand Grüne Erhebung im Großen Wüsten Gebirge war und daß ich nur, weil mich der grindköpfige Buddhist und der hinkende Dauist mitgenommen haben, so etwas zu sehen bekomme, möchte ich am liebsten ein Poem von Mondschein und Laternenglanz und einen Lobgesang über den Elternbesuch schreiben, um die Ereignisse dieses Tages festzuhalten. Aber damit würde ich, so fürchte ich, in die übliche Schablone anderer Bücher verfallen, und der Anblick, der sich hier bot, ließe sich mit einem Poem und einem Lobgesang doch nicht ausreichend beschreiben. Die Leser hingegen werden sich die Pracht und den Glanz auch ohne Gedichte vorstellen können, darum will ich das Papier und die Tusche dafür sparen und zu meiner Erzählung zurückkehren.
Als Yüan-tschun aus ihrer Sänfte heraus den prächtigen Anblick des Gartens gewahrte, seufzte sie leise: „Wie verschwenderisch!“ Dann erblickte sie plötzlich einen Eunuchen mit einem Staubwedel in der Hand, der sie kniend bat, eine Barke zu besteigen. Also verließ sie die Sänfte und fand sich an einem klaren Wasserlauf, der aussah wie ein sich windender Drache. Das steinerne Geländer auf beiden Seiten war mit Laternen aus Glas und Kristall verziert, die einen Schimmer verbreiteten wie Silber und Schnee. Die Weiden und Aprikosenbäume darüber waren eigentlich noch kahl, aber man hatte aus dem Mark des Reispapierbaums und aus Gaze und Taft Blätter und Blüten geformt und an den Zweigen befestigt. Auch mehrere Laternen hingen an jedem Baum. Die Lotosblumen und die Seekannen, die Enten und die Reiher, die man im Teich sah, waren aus Muschelschalen und Federn gefertigt.
Die Laternen oben und unten strahlten um die Wette. Es war wirklich eine Welt aus Glas und Edelsteinen. Daß auch die Barke mit zierlichen Topflandschaften und Laternen, Perlenvorhängen und gestickten Gardinen geschmückt war und daß die Ruder aus Duftholz bestanden, versteht sich von selbst. Die Barke fuhr in einen Seitenarm zwischen Felsen ein, über dem eine
Aus: Jinyuyuan 1889b. Inschriftenlaterne mit den Schriftzeichen ‚Knöterichstrand und Blumengestade‘ leuchtete. Diese Inschrift und all die anderen, auch das Motto ‚Ein Phönix kommt zu Besuch‘, waren entstanden, als Djia Dschëng mehr zufällig Bau-yüs Begabung auf die Probe gestellt hatte. Warum aber hatte man sie jetzt wirklich verwendet? Schließlich waren doch Djia Dschëngs Vorfahren seit Generationen mit Dichtung und Büchern vertraut, und die Bekannten, mit denen er Umgang pflegte, waren ebenfalls alle hochbegabte Köpfe. Weshalb also hatte man die Inschriften nicht von einem Könner entwerfen lassen, sondern sich mit dem begnügt, was einem Kind spielerisch in den Sinn gekommen war? Das ähnelt ja wahrhaftig dem Verhalten einer Familie, die plötzlich reich geworden ist und nun mit dem Silber nur so um sich wirft, alles lackiert und rot anstreicht, sich große Inschriften leistet wie „Grüne Weiden hängen über die goldenen Schlösser am Tor, blaue Berge reih‘n sich wie brokatene Wandschirme am Hintereingang“ und das für äußerst vornehm hält. Soll das die Handlungsweise der Familie Djia aus dem Ning-guo- und dem Jung-guo-Anwesen sein, über die in der Geschichte vom Stein erzählt wird? Das wäre doch ein großer Widerspruch. Was der Leser nicht wissen kann, will ich dummes Ding erklären. Ehe nämlich Yüan-tschun in den Kaiserpalast kam, war sie von klein auf unter der Obhut der Herzoginmutter aufgezogen worden. Als dann Bau-yü zur Welt kam, war sie die große Schwester, und er war das kleine Brüderchen. Sie dachte stets daran, daß er erst geboren wurde, als ihre Mutter schon zu altern begann, darum liebte sie ihn besonders und behandelte ihn anders als die übrigen Geschwister. Da sie beide bei der Großmutter lebten, waren sie ständig beisammen, und noch ehe Bau-yü zur Schule ging, bekam er schon mit drei oder vier Jahren von Yüan-tschun Unterricht. Sie hatte einige Bücher mit ihm gelesen, und so beherrschte er schon mehrere tausend Schriftzeichen. Dem Namen nach waren sie wohl Schwester und Bruder, aber in Wirklichkeit waren sie mehr wie Mutter und Sohn. Seitdem Yüan-tschun im Kaiserpalast lebte, hatte sie in ihren Briefen den Eltern immer wieder ans Herz gelegt, sie sollten Bau-yü sorgfältig erziehen, ohne Strenge könne nichts aus ihm werden, übermäßige Strenge dagegen könne unerwartete Ergebnisse zeitigen, die den Eltern Kummer bereiten würden. So hatte Yüan-tschuns Fürsorge und Liebe für Bau-yü nie eine Unterbrechung erfahren. Als Djia Dschëng seinerzeit vertraulich vom Schulleiter erfuhr, Bau-yü verfüge über allerlei ausgefallene Begabungen, hatte er das nicht glauben
Aus: Jingsi shanmin 1815. wollen. Zufällig war aber damals gerade der Garten fertig gewesen, und so hatte er Bau-yü befohlen, die Inschriften zu entwerfen, um zu prüfen, ob er einen klaren Verstand besitze. Die Mottos und Parallelsätze, die Bau-yü vorschlug, waren zwar keine Meisterleistungen, aber als Werke eines Knaben konnte man sie durchaus gelten lassen. Es wäre ein leichtes gewesen, einen berühmten Literaten zu beauftragen, andere Inschriften zu ersinnen, aber diese hätten nicht den Vorzug gehabt, von einem Familienmitglied zu stammen. Und wenn die kaiserliche Nebenfrau die Inschriften sah und erfuhr, daß ihr geliebter kleiner Bruder sie erdachte, würde sie wissen, daß er ihre Hoffnungen nicht enttäuscht hatte. Aus diesem Grunde war man bei Bau-yüs Vorschlägen geblieben. Zwar hatte er nicht alles am ersten Tag fertigbekommen, das Fehlende jedoch später ergänzt. Jetzt aber genug der müßigen Worte! Als Yüan-tschun die Schriftzeichen auf der Laterne sah, bemerkte sie lächelnd: „‚Blumengestade‘ ist gut, aber wozu ‚Knöterichstrand‘?“ Sofort stieg einer der Eunuchen in ein kleines Boot um und ging an Land, wo er Djia Dschëng eilends davon Mitteilung machte, und der ließ es unverzüglich ändern. Inzwischen machte die Barke am Ufer fest, und als Yüan-tschun wieder die Sänfte bestiegen hatte, erblickte sie einen schmucken Palast wie aus Jadegestein und Kassiaholz. Auf dem steinernen Ehrentor stand die Inschrift ‚Edle Gefilde einer himmlischen Fee‘. Sofort befahl Yüan-tschun, sie in ‚Villa des Elternbesuchs‘ abzuändern. Als sie den Palast betrat, erblickte sie Fackeln, die zum Himmel loderten, Duftholzspäne, die den Boden bedeckten, Lichterbäume mit Edelsteinblüten, goldene Fenster und jadene Schwellen. Die Vorhänge waren aus feinstem Bambus gewebt, die Polster aus Otterfellen genäht, aus den Weihrauchkesseln stieg der Duft von Moschus und Kampfer, vor den Wandschirmen standen Fasanenschwanzfächer aufgereiht. Wahrhaftig, dies war ein Götterpalast mit goldenen Toren und Jadetüren, das Heim einer kaiserlichen Nebenfrau mit Kassiahallen und Orchideensälen. „Warum gibt es hier keine Namenstafel?“ wollte Yüan-tschun wissen, und einer der Eunuchen aus ihrem Gefolge kniete nieder und gab die Antwort: „Dies ist der Hauptpalast, darum hat niemand gewagt, willkürlich einen Namen vorzuschlagen.“ Schweigend nickte Yüan-tschun. Der Obereunuch, der als Zeremonienmeister fungierte, bat kniefällig, die kaiserliche Nebenfrau möge auf dem Thronsitz Platz nehmen und die Huldigungen empfangen. Zu beiden Seiten der Treppe begann die Musik zu spielen. Zwei Eunuchen ließen Djia Schë und die Männer der Familie unterhalb der Terrasse vor dem Palastgebäude Aufstellung nehmen, da überbrachte ein Hoffräulein den Bescheid der kaiserlichen Nebenfrau, die Zeremonie sei ihnen erlassen. Die beiden Eunuchen führten die Männer fort, und andere geleiteten die Herzoginmutter und die weiblichen Familienangehörigen über die östliche Treppe auf die Terrasse, wo sie Aufstellung nehmen mußten. Aber wieder überbrachte das Hoffräulein den Befehl, die Zeremonie sei erlassen, und die Frauen wurden ebenfalls fortgeführt. Nachdem dreimal Tee gereicht worden war, stieg Yüan-tschun wieder vom Thronsitz herab, und die Musik verstummte. Als sich Yüan-tschun dann in einer Seitenhalle umgezogen hatte, fuhr ein Wagen vor und brachte sie aus dem Garten zu den Gemächern der Herzoginmutter. Hier wollte sie die Familienriten vollziehen, aber die Herzoginmutter und die anderen Frauen hinderten sie kniend daran. Über Yüan-tschuns Gesicht strömten die Tränen, als sie einander begrüßten, dann faßte Yüan-tschun mit einem Arm die Herzoginmutter unter, mit dem anderen Dame Wang. Jede von ihnen hatte so viel zu sagen, aber keine brachte ein Wort heraus, und so standen sie einander weinend und schluchzend gegenüber. Auch Dame Hsing, Li Wan und Hsi-fëng und die Kusinen Ying-tschun, Tan-tschun und Hsi-tschun standen nur weinend um sie herum und sagten kein Wort. Endlich unterdrückte Yüan-tschun ihren Schmerz, zwang sich zu einem Lächeln und sagte begütigend zur Herzoginmutter und zu Dame Wang: „Mit wieviel Mühe konnte ich heute nach Hause kommen und Euch wiedersehen, seit Ihr mich damals dorthin begleitet habt, wo ich niemanden zu Gesicht bekomme. Doch anstatt zu plaudern und zu lachen, weinen wir nur. Wer weiß, wann ich Euch wieder einmal besuchen kann, wenn ich nachher gehen muß!“ Bei diesen Worten begann sie erneut zu schluchzen, und rasch trat Dame Hsing mit den anderen vor, um ihr gut zuzureden. Die Herzoginmutter bat sie, Platz zu nehmen, und dann wurde sie von jeder einzeln begrüßt, wobei weitere Tränen nicht zu vermeiden waren. Anschließend entbot das verantwortliche Dienstpersonal aus beiden Anwesen vor der Halle seinen Gruß und dann unter Führung der verantwortlichen Sklavenfrauen auch die Sklavenmädchen. Nun fragte Yüan-tschun, warum Tante Hsüä, Bau-tschai und Dai-yü sie nicht begrüßen kämen, und Dame Wang erklärte ihr: „Da sie nicht zur Familie gehören und keinen Rang innehaben, wagten sie nicht, von sich aus zu kommen.“ Als Yüan-tschun das hörte, befahl sie sofort, sie rasch hereinzubitten. Bald darauf traten sie ein und wollten Yüan-tschun nach dem Staatszeremoniell begrüßen, doch sie befahl, es auch ihnen zu erlassen. Darum traten sie vor und äußerten die üblichen Floskeln. Auch Bau-tjin und die übrigen Sklavenmädchen, die Yüan-tschun in den Kaiserpalast mitgenommen hatte, traten jetzt vor, um vor der Herzoginmutter und den anderen Frauen ihren Kniefall zu machen, aber die Herzoginmutter half ihnen rasch auf und befahl, sie in einem anderen Raum zu bewirten. Ebenso wurden die verantwortlichen Eunuchen und Hoffräulein aus Yüan-tschuns Gefolge vom Personal beider Anwesen gesondert bewirtet. Nur drei oder vier junge Eunuchen blieben zurück, und nun unterhielt sich Yüan-tschun mit Mutter, Schwester und Kusinen über die Ereignisse seit ihrer Trennung und über Angelegenheiten der Familie. Dann fragte Djia Dschëng, ohne das Zimmer zu betreten, durch den Vorhang hindurch nach Yüan-tschuns Befinden, und sie entbot ihm ihren Gruß. Anschließend sagte sie unter Tränen zu ihm: „Einfache Bauersleute, die sich von Salzgemüse ernähren und in Baumwolle kleiden, dürfen ihr Familienglück genießen. Doch welches Vergnügen gibt es für uns, die wir reich und vornehm sind, aber getrennt voneinander leben müssen?“ Ebenfalls unter Tränen antwortete Djia Dschëng: „Wie hätte ich erwarten dürfen, daß in meinem bescheidenen Haus unter Tauben und Krähen ein glückverheißender Phönix auftaucht! Du genießt heute die Gnade des Himmlischen und manifestierst die Tugenden unserer Vorfahren. In dir haben sich die Essenzen von Bergen und Strömen, Sonne und Mond sowie die Erbtugenden unserer Ahnen in einer Person vereinigt, und dieses Glück erstreckt sich auf mich und auf deine Mutter. Unser regierender Herrscher, der die höchste Tugend von Himmel und Erde und allen Lebewesen verkörpert, hat uns eine Gnade zuteil werden lassen, wie sie in alter und neuer Zeit nicht dagewesen ist, und selbst mit meinem Leben würde ich nicht einmal den zehntausendsten Teil davon abgelten können. Alles, was ich tun kann, ist, von früh bis spät meine Pflicht zu erfüllen und meinem Amte treu zu bleiben und unserem Herrscher ein endlos langes Leben zu wünschen, was unser ganzes Volk beglücken würde. Um den Lebensabend von mir und deiner Mutter mußt du dir durchaus keine Gedanken machen und dein goldenes Herz nicht damit verdrießen.rheißender Phönix auftaucht! Du genießt heute die Gnade des Himmlischen und manifestierst die Tugenden unserer Vorfahren. In dir haben sich die Essenzen von Bergen und Strömen, Sonne und Mond sowie die Erbtugenden unserer Ahnen in einer Person vereinigt, und dieses Glück erstreckt sich auf mich und auf deine Mutter. Unser regierender Herrscher, der die höchste Tugend von Himmel und Erde und allen Lebewesen verkörpert, hat uns eine Gnade zuteil werden lassen, wie sie in alter und neuer Zeit nicht dagewesen ist, und selbst mit meinem Leben würde ich nicht einmal den zehntausendsten Teil davon abgelten können. Alles, was ich tun kann, ist, von früh bis spät meine Pflicht zu erfüllen und meinem Amte treu zu bleiben und unserem Herrscher ein endlos langes Leben zu wünschen, was unser ganzes Volk beglücken würde. Um den Lebensabend von mir und deiner Mutter mußt du dir durchaus keine Gedanken machen und dein goldenes Herz nicht damit verdrießen. Vielmehr bitten wir dich, auf deine eigene Gesundheit achtzugeben. Diene dem Herrscher gehorsam, eifrig und ehrerbietig, um die große Gnade, die er durch sein Verständnis und seine Liebe beweist, nicht zu enttäuschen!“ Yüan-tschun ihrerseits versicherte ihm, wichtig sei nur der Staatsdienst, in Mußestunden aber solle er sich pflegen und sich um sie keine Gedanken machen. Dann erkärte Djia Dschëng: „Allen Pavillons, Terrassen, Häusern und Hallen im Garten hat Bau-yü die Namen gegeben. Wir würden uns freuen, wenn du noch auf ein oder zwei Stellen einen Blick werfen und neue Namen dafür festlegen könntest.“ Als Yüan-tschun hörte, Bau-yü könne bereits Namensinschriften entwerfen, sagte sie lächelnd: „Da hat er tatsächlich Fortschritte gemacht!“ Nachdem Djia Dschëng sich wieder zurückgezogen hatte, bemerkte Yüan-tschun, daß Bau-tschai und Dai-yü von ihren Kusinen abstachen und wahrhaftig aussahen wie Blumen und wie Jade. Anschließend fragte sie, warum Bau-yü sie nicht begrüßen käme. „Als Mann, der nicht zum Kaiserhof gehört, wagt er sich ohne Befehl nicht herein“, gab die Herzoginmutter Auskunft. Yüan-tschun befahl, ihn schnell zu holen, und schon ging ein junger Eunuch hinaus und führte ihn ins Zimmer. Als Bau-yü der Staatsetikette gemäß seinen Gruß entrichtet hatte, befahl ihm Yüan-tschun, näher zu treten, faßte ihn bei den Händen und zog ihn an ihre Brust. Sie strich ihm über Kopf und Nacken und sagte lächelnd: „Wie groß du geworden bist!“ Aber noch ehe sie den Satz beenden konnte, stürzten ihr die Tränen aus den Augen wie Regentropfen. Jetzt traten Frau You und Hsi-fëng vor und meldeten: „Das Festessen ist gerichtet. Erweist uns bitte die Ehre!“ Yüan-tschun erhob sich von ihrem Sitz, befahl Bau-yü, sie zu führen, und ging zu Fuß mit allen gemeinsam zum Gartentor. Schon von weitem sahen sie, wie alles im Schein der Laternen und Lichterbäume erstrahlte. Im Garten gingen sie zuerst zu den Plätzen „Ein Phönix kommt zu Besuch“, „Roter Duft und grüner Jade“, „Zwischen Aprikosen eine Weinflagge sich zeigt“ und „Reiner Duft von Haselwurz und Bärenklau“. Sie stiegen auf Türme und schritten durch Hallen, überquerten Bäche und erklommen Hügel, und hunderterlei Ansichten boten sich ihrem Blick. Jeder Ort war anders gestaltet, alles war auf neuartige Weise geschmückt. Yüan-tschun spendete höchstes Lob, riet aber auch, man solle in Zukunft nicht so verschwenderisch sein, denn dies sei alles schon viel zuviel. Als sie zum Hauptgebäude kamen, ordnete Yüan-tschun an, man solle sich zwanglos zu Tisch begeben. Es war für ein großes Festessen gedeckt. Die Herzoginmutter und die älteren Frauen leisteten Yüan-tschun bei Tisch Gesellschaft, Frau You, Li Wan und Hsi-fëng aber servierten die Speisen. Yüan-tschun befahl dann, ihr Schreibpinsel und Tuschereibstein reichen, und schrieb mit eigener Hand die Namen auf, die sie den Plätzen geben wollte, die ihr am besten gefallen hatten. Als Motto für den Hauptpalast schrieb sie: „Der Gnade eingedenk, der Pflicht getreu“, dazu den Parallelsatz „Milde, wie Himmel und Erde so weit, erstreckt sich auf Junge und Alte; Güte, wie früher man nie sie gekannt, beglückt die Provinzen und Länder.“ Der Garten bekam den Namen „Garten des Großen Anblicks“, die Stelle „Ein Phönix kommt zu Besuch“ wurde umbenannt in „Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß“ , das Motto „Roter Duft und grüner Jade“ wurde geändert in „Freude am Roten, Vergnügen am Grünen“, der Platz wurde „Hof der Freude am Roten“ benannt. Die Stelle „Reiner Duft von Haselwurz und Bärenklau“ erhielt den Namen „Haselwurzpark“ und die Stelle „Zwischen Aprikosen eine Weinflagge sich zeigt“ den Namen „Bergdorf, wo man Bohnenfasern wäscht“. Das Hauptgebäude wurde „Turm des Großen Anblicks“ genannt, das östliche Nebengebäude „Brokatbestückter Turm“ und das westliche „Duftgetränkter Turm“. Außerdem gab es Namen wie „Laube des Knöterichwindes“, „Kiosk des Lotoswurzelduftes“, „Insel der Violetten Wassernüsse“ und „Inselchen der Seekannenblätter“. Dann gab es mehr als zehn Mottos wie ‚Frühlingsregen auf Birnenblüten“, „Herbstwind in Blauglockenbaumzweigen“, „Nachtschnee auf Seidengras“ und so weiter. Sie können hier nicht alle verzeichnet werden. Die bereits vorhandenen Mottos sollten auf Yüan-tschuns Befehl nicht entfernt werden. Als nächstes folgten die Verse „Wieviel Mühe hat doch der Bau gekostet, der hier zwischen Bergen und Wasser entstand! Er eint die Wunder von Himmel und Erde, ein großer Anblick ist der Garten fürwahr!“ Dann aber sagte Yüan-tschun lächelnd zu den Mädchen: „Ihr wißt, ich konnte nie etwas aus dem Stegreif tun und bin auch nicht gut im Dichten. Für heute nacht muß dies einstweilen reichen, damit ich meine Pflicht erfüllt habe und der Szenerie hier Genüge getan ist. Ein andermal, wenn ich ein wenig Muße habe, werde ich unbedingt noch eine ‚Notiz über den Garten des Großen Anblicks‘ und ein ‚Poem über den Elternbesuch‘ schreiben, um die Ereignisse des heutigen Tages festzuhalten. Aber auch ihr sollt jetzt, jede so gut sie es kann, ein Motto und ein Gedicht entwerfen, ohne euch durch mein geringes Talent behindert zu fühlen. Außerdem freue ich mich, daß auch Bau-yü schon zu dichten versteht. Das hätte ich nicht gedacht. Mir gefallen am besten die beiden Stellen ‚Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß‘ und ‚Haselwurzpark‘, danach kommen der ‚Hof der Freude am Roten‘ und das ‚Bergdorf, wo man Bohnenfasern wäscht‘. Für diese vier Plätze möchte ich noch Gedichte haben. Die vorhandenen Parallelsätze sind wohl gut, aber Bau-yü soll für jeden Platz einen Achtzeiler dichten, damit ich selber sehen kann, daß die Mühe, mit der ich ihn von klein auf unterrichtet habe, nicht umsonst gewesen ist.“ Bau-yü mußte dem notgedrungen zustimmen und ging beiseite, um nachzudenken. Von den drei Kusinen Ying-tschun, Tan-tschun und Hsi-tschun mußte Tan-tschun als die beste Dichterin gelten, aber sie wußte selbst, daß sie sich mit Bau-tschai und Dai-yü nicht messen konnte. Doch mußte sie wohl oder übel mit den anderen zusammen ihrer Pflicht nachkommen. Li Wan brachte, wenn auch mit Mühe, ebenfalls ein Gedicht zusammen. Zuerst las Yüan-tschun die Gedichte der drei Kusinen in der Reihenfolge, die sich aus deren Alter ergab. Dort stand: „Motto: Erheitert die Sinne, erfreut das Gemüt
Ein Garten, vollendet in seltener Pracht – schüchtern ersinn ich ein Motto dafür. Kaum glaubt man, hier noch auf Erden zu sein, ein Spaziergang erheitert Sinn und Gemüt.“ (Ying-tschun)
„Motto: Zehntausend Bilder strahlen um die Wette
Erhaben ist der Garten errichtet. Was macht‘s schon, daß wenig ich weiß? Die Schönheit ist schwer zu beschreiben, alles erstrahlt in herrlichem Glanz.“ (Tan-tschun)
„Motto: Eine Pracht, wie vom Himmel erschaffen
Weithin erstrecken sich Hügel und Teiche, manch ein Bauwerk bis in die Wolken ragt. Der Garten, im Glanze des Hofes gelegen, zeigt eine Pracht, wie der Himmel sie schafft.“ (Hsi-tschun)
„Motto: Prächtig und elegant
Klares Wasser, das helle Berge umschließt, Prächtiger noch als das Feenland Pëng-lai. Fächer verschwinden im duftigen Grün, Blütenblätter rieseln von Stickerei‘n. Klingende Verse soll‘n davon künden, Wie hier eine Fee zu Besuch geweilt, Und nimmer soll eines Sterblichen Fuß
Fortan diese Wege beschreiten.“
(Li Wan)
„Motto: Geronnener Glanz, glückliche Zeichen
Im Garten westlich des Kaiserpalasts strahlt Sonne auf glückverheißend Gewölk. Die Goldamsel tief aus dem Tal sich erhob, den Phönix erwartet der Bambushain. Der hohe Gast, er fördert die Poesie, der Kindesliebe ein Beispiel setzt der Besuch. Welche Zeilen kann ich noch ersinnen nach dieser Probe feenhaften Talents?“
(Hsüä Bau-tschai)
„Motto: Ein Feenland in einer anderen Welt
Wo ist, sagt an, dieser Garten gelegen? Im Feenland fernab vom Staub dieser Welt. Hier leiht die Landschaft den Versen Glanz, der Besuch belebt noch des Gartens Pracht. Würzig duftet der Wein von Djin-gu, die Blumen strahlen zu Ehren des Gasts. Wie glücklich ward uns die Ehre zuteil dieses üppig-festlichen Zuges!“
(Lin Dai-yü) Als Yüan-tschun zu Ende gelesen hatte, lobte sie die Verse und sagte dann lächelnd: „Was Bau-tschai und Dai-yü geschrieben haben, ist besser als alles andere. Wir übrigen können uns nicht in eine Reihe mit ihnen stellen.“ Dai-yü hatte ursprünglich vorgehabt, diese Nacht ihr Talent glänzen zu lassen und alle anderen auszustechen. Dann aber hatte Yüan-tschun nur ein Motto und ein Gedicht befohlen, und sie konnte schlecht gegen diesen Befehl verstoßen und mehr schreiben. Also hatte sie nur mit rascher Hand einen Achtzeiler niedergeschrieben, wie er der Stimmung entsprach. Bau-yü war noch nicht fertig mit seinen Gedichten, nur die „Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß“ und den „Haselwurzpark“ hatte er schon geschrieben und war jetzt eben beim „Hof der Freude am Roten“. In seinem Entwurf kam der Satz vor „Noch sind die grünen Jadeblätter eingerollt...“ Bau-tschai, die das mit einem flüchtigen Blick gelesen hatte, beugte sich, von den anderen unbemerkt, zu ihm hinüber, stieß ihn heimlich an und sagte: „Sie hat das Motto ‚Roter Duft und grüner Jade‘ nicht gemocht und hat es deshalb in ‚Freude am Roten, Vergnügen am Grünen‘ geändert. Wenn du jetzt gerade den Begriff ‚grüner Jade‘ benutzt, sieht das ja aus, als ob du Streit mit ihr suchst. Außerdem gibt es so viele Bezeichnungen für Bananenblätter, also such dir eine andere aus und ändere die Stelle!“ Bau-yü wischte sich den Schweiß von der Stirn, als er das hörte, und sagte: „Es fällt mir jetzt kein einziges klassisches Zitat dazu ein.“ Lächelnd erwiderte Bau-tschai: „Du brauchst nur ‚grüner Jade‘ in ‚grünes Wachs‘ zu ändern, und schon ist alles in Ordnung.“ „Grünes Wachs?“ fragte Bau-yü. „Ist das belegt?“ Als Bau-tschai das hörte, schnalzte sie leise mit der Zunge, nickte mit dem Kopf und sagte lächelnd: „Wenn es dir hier schon so ergeht, wirst du wohl bei der Palastprüfung auch Dschau, Tjiän, Sun und Li vergessen. Der Tang-Dichter Tjiän Hsü sagt im ersten Vers seines Loblieds über die Bananenstauden ‚Die erloschenen Kerzen rauchen nicht mehr, trocken ist das grüne Wachs.‘ Hast du das etwa vergessen?“ Bau-yü fiel es plötzlich wie Schuppen von den Augen. „Ich habe wirklich den Tod verdient!“ sagte er lächelnd. „Wie konnte mir so etwas Naheliegendes nicht einfallen! Zu dir kann man wirklich sagen ‚Meisterin durch ein einziges Schriftzeichen‘ . In Zukunft werde ich dich nur noch mit Meisterin anreden, nicht mehr mit Kusine oder Schwester.“ Bau-tschai lachte leise und sagte dann: „Schwester hin, Schwester her, willst du nicht bald weitermachen? Wer ist hier deine Schwester? Doch wohl die, die dort oben in gelber Robe sitzt. Was willst du da noch mich zu deiner Schwester machen?“ So schwatzte sie mit ihm, aber dann hatte sie Angst, er würde dadurch zuviel Zeit versäumen, und ging fort. Also schrieb Bau-yü weiter und hatte bald auch das dritte Gedicht fertig. Dai-yü, nicht froh darüber, daß ihre Wünsche nicht in Erfüllung gegangen waren, hatte bemerkt, wie Bau-yü sich quälte, um seine vier Gedichte zu schreiben. Warum sollte sie nicht ein oder zwei davon an seiner Statt verfassen und ihm so aus der Patsche helfen?! Mit diesem Gedanken trat sie an seinen Tisch und fragte leise: „Hast du alles beisammen?“ „Drei Stück habe ich erst fertig“, antwortete Bau-yü. „Es fehlt noch das für die Stelle ‚Zwischen Aprikosen eine Weinflagge sich zeigt‘.“ „Dann schreib jetzt die ersten drei ab, und bis du damit fertig bist, mache ich dir das fehlende“, sagte Dai-yü. Mit gesenktem Kopf dachte sie kurz nach, und schon war der Achtzeiler vollendet. Sie schrieb ihn auf einen Streifen Papier, den sie zu einer Kugel zusammenknüllte und zu Bau-yü hinüberwarf. Als Bau-yü den Streifen glattgestrichen hatte und das Gedicht las, stellte er fest, daß es zehnmal besser war als seine eigenen drei. Freudestrahlend schrieb er die Gedichte im Kanzleiduktus ab und ließ sie Yüan-tschun vorlegen. Sie las: „Ein Phönix kommt zu Besuch
Wenn der Bambus Früchte trägt, kommt der Phönix eben recht. Jeder Stengel trieft vor Grün, jedes Blatt ist frisch und kühl. Er hemmt vor den Stufen den Wasserlauf
und fängt aus den Kesseln den Weihrauch.
Wenn nur nicht die tanzenden Schatten zerstören den ersten Traum!
Reiner Duft von Haselwurz und Bärenklau
Haselwurz den Garten füllt, Glyzine und Feige verstärken den Duft. Ein weiches Polster aus Frühlingsgras, ein zarter Hauch zieht darüber. Blasser Rauch auf gewundenen Pfaden, kalt tropft der Tau vom Bogengang. Wer sagt denn, nur Hsiä Ling-yün macht die schönsten Verse im Traum?
Freude am Roten, Vergnügen am Grünen
Still ist der Tag im verborgenen Hof, wo lieblich Banane und Zierapfel steht. Noch sind die grünen Wachsblätter eingerollt, die roten Blüten schlafen nicht in der Nacht: eine Schöne steht ans Geländer gelehnt, Rauch ballt sich vor den Felsen. Sie halten gemeinsam im Ostwind Wacht, zerstreuen der Herrin Leid.
Zwischen Aprikosen eine Weinflagge sich zeigt
Eine Weinflagge lädt den Wandrer zum Trunk, von ferne ein Bergdorf sich zeigt. Zwischen Wassernuß und Seekanne die Gänse ziehn, in Maulbeere und Ulme bau‘n Schwalben ihr Nest. Grün wächst auf den Feldern der Lauch, Meilenweit duftet der blühende Reis. Hier, wo niemand den Hunger kennt, Drängt nichts den Pflüger zur Eile.“
Als Yüan-tschun zu Ende gelesen hatte, kannte ihre Freude keine Grenze, und sie sagte: „Er hat tatsächlich Fortschritte gemacht!“ Dann wies sie auf das Gedicht von der Weinflagge zwischen Aprikosen und sagte, es sei besser als die anderen drei. Den Namen „Bergdorf, wo man Bohnenfasern wäscht“ ließ sie in „Reisduftdorf“ ändern. Außerdem erhielt Tan-tschun den Befehl, alle zehn Gedichte auf Zierpapier abzuschreiben, und ein Eunuch mußte sie zu Djia Dschëng und den anderen hinaustragen. Deren Lob dafür fand kein Ende, und Djia Dschëng ließ seinerseits ein „Poem über den Elternbesuch“ vorlegen. Dann befahl Yüan-tschun, Bau-yü und Djia Lan Wein und Fleisch zu reichen. Djia Lan war noch sehr klein und unverständig. Er hatte lediglich mit der Mutter zusammen nach dem Vorbild des Onkels die Riten vollzogen, darum ist hier nicht weiter die Rede von ihm. Djia Huan aber hatte sich um die Jahreswende eine Krankheit zugezogen, die noch nicht wieder geheilt war, darum lag er zu Bett, und so ist auch über ihn hier nichts weiter zu sagen. Djia Tjiang indes befand sich mit den zwölf kleinen Schauspielerinnen zusammen im unteren Stockwerk und wartete ungeduldig. Endlich kam ein Eunuch eilig die Treppe herunter und sagte: „Mit dem Dichten ist Schluß, schnell das Repertoir her!“ Rasch gab ihm Djia Tjiang das in Brokat gebundene Repertoirheft und die Namensliste der zwölf Schauspielerinnen. Bald kam der Eunuch wieder, und es waren nur vier Szenen angezeichnet: „Das Festmahl“, „Das Gebet um Kunstfertigkeit“, „Die Begegnung mit dem Unsterblichen“ und „Die Trennung der Seele“ . Djia Tjiang sorgte eilig dafür, daß die Schauspielerinnen sich zurechtmachten und die Aufführung begann. Die Klänge der Lieder schienen Felsen spalten zu können, die Tänze wirkten wie von Dämonen getanzt. Es war zwar nur eine Theatervorführung, aber Freude und Leid wirkten vollkommen echt. Als das Spiel zu Ende war, kam ein Eunuch mit einem goldenen Teller voll Kuchen und fragte: „Welche ist Ling-guan?“ Daraus entnahm Djia Tjiang, daß der Kuchen als Geschenk für Ling-guan gedacht war. Er nahm dem Eunuchen den Teller ab und befahl Ling-guan, sie solle sich mit einem Fußfall bedanken. „Die kaiserliche Nebenfrau hat erklärt, Ling-guan habe ausgezeichnet gespielt“, sagte der Eunuch. „Sie befiehlt ihr, noch zwei weitere Szenen vorzuführen, egal was.“ Djia Tjiang versprach es sogleich und befahl Ling-guan, sie solle die Szenen „Spaziergang im Garten“ und „Unterbrochener Traum“ spielen. Ling-guan jedoch weigerte sich, weil diese Szenen nicht in ihr Fach fielen, und bestand darauf, statt dessen die Szenen „Die Verabredung“ und „Der Zank“ zu spielen. Djia Tjiang vermochte sie nicht umzustimmen und mußte ihr ihren Willen lassen. Yüan-tschun hatte größten Gefallen an Ling-guans Spiel und befahl, man solle gut zu der Kleinen sein und ihr eine ordentliche Ausbildung geben. Dann schenkte sie ihr zwei Stücken Palastbrokat, zwei bestickte Täschchen, kleine Gold- und Silberbarren sowie Eßwaren. Nun wurde die Tafel aufgehoben, und Yüan-tschun besuchte die Stellen des Gartens, die sie noch nicht gesehen hatte. Als sie inmitten der Berge einen Tempel erblickte, wusch sie sich rasch die Hände und ging hinein, um Weihrauch abzubrennen und zu Buddha zu beten. Außerdem stiftete sie das Motto „Gnadenfahrt aus dem Meer der Kümmernisse“ dafür und erwies den buddhistischen und dauistischen Nonnen ihre Huld. Bald darauf kniete ein Eunuch vor ihr nieder, um zu melden: „Die Geschenke sind vorbereitet, prüft bitte die Liste!“ Und damit reichte er ihr ein Notizblatt. Yüan-tschun sah es durch und fand alles in Ordnung, deshalb befahl sie, danach zu verfahren. Also zog sich der Eunuch zurück und händigte allen die Geschenke aus. Die Herzoginmutter erhielt je ein Glückwunschzepter aus Gold und aus Jade, einen Krückstock aus Adlerholz und eine Gebetsschnur aus Duftholzperlen, vier Stücken Palastbrokat mit den Motiven Reichtum und ewiger Frühling, vier Stücken Seidenstoff mit den Motiven Glück und langes
Yüan-tschun besucht zum Laternfest im Jung-guo-Anwesen ihre Eltern. Aus: Jingshi Shanmin 1815. Leben, zehn Barren Feingold mit der Aufschrift ‚Alles nach Wunsch‘ und zehn Barren Silber mit der Aufschrift ‚Glück im Überfluß‘. Dame Hsing und Dame Wang erhielten das gleiche mit Ausnahme der Glückwunschzepter, des Krückstocks und der Gebetsschnur. Djia Djing, Djia Schë und Djia Dschëng bekamen je zwei neue Bücher des Kaisers, zwei Kästchen Schreibtusche, je zwei goldene und zwei silberne Dreifußbecher sowie Stoffe wie die Frauen. Bau-tschai, Dai-yü und die anderen Mädchen bekamen je ein Buch, einen Tuschereibstein und je zwei Paar kleine Gold- und Silberbarren von neuartiger Form. Das gleiche bekam Bau-yü. Djia Lan bekam einen goldenen und einen silbernen Halsring und zwei Paar kleine Gold- und Silberbarren. Frau You, Li Wan und Hsi-fëng bekamen je vier kleine Gold- und Silberbarren und vier Stücken Stoff. Vierzundzwanzig Stücken Stoff und einhundert Schnüre neuer Bronzemünzen sollten an die Ammen und Sklavinnen in den Räumen der Herzoginmutter sowie von Dame Wang und den Mädchen verteilt werden. Djia Dschën, Djia Liän, Djia Huan und Djia Jung bekamen je ein Stück Stoff und ein Paar kleine Goldbarren. Einhundert Stücken bunter Brokat, eintausend Liang Gold und Silber sowie kaiserlicher Wein und feine Speisen sollten an die Verantwortlichen beider Anwesen verteilt werden, die beim Bau des Gartens, der Einrichtung der Häuser, der Gestaltung der Theateraufführung und der Anfertigung der Laternen mitgewirkt hatten. Fünfhundert Schnüre neuer Bronzemünzen sollten schließlich die Köche, Schauspielerinnen und Gaukler erhalten. Nachdem sich alle bedankt hatten, meldete ein verantwortlicher Obereunuch: „Es ist bereits drei Viertel nach zwei, kehrt bitte in den Palast zurück!“ Als Yüan-tschun das hörte, liefen ihr unwillkürlich wieder Tränen aus den Augen. Aber sie zwang sich zu einem Lächeln, faßte die Herzoginmutter und Dame Wang fest bei den Händen, als ob sie sie nicht wieder loslassen wollte, und ermahnte sie immer wieder: „Ihr müßt Euch keine Gedanken machen! Gebt nur gut auf Euch acht! Durch die reiche Gnade des Himmlischen dürft Ihr mich jetzt jeden Monat einmal besuchen, es ist also genug Gelegenheit zum Wiedersehen, und Ihr braucht Euch nicht zu grämen. Aber wenn ich Euch im nächsten Jahr wieder besuchen darf, sollt Ihr auf keinen Fall so einen Luxus entfalten wie dieses Mal!“ Die Herzoginmutter und die anderen brachten vor Weinen und Schluchzen kein Wort hervor. Yüan-tschun konnte es kaum über sich bringen, von der Familie Abschied zu nehmen, aber die Regeln des kaiserlichen Hauses sind unverletzlich, also faßte sie sich ein Herz und stieg in die Sänfte. Hier aber wollte es den anderen kaum gelingen, die Herzoginmutter und Dame Wang zu trösten, als sie sie aus dem Garten hinausführten. Wahrlich: Was nützt schon die größte Pracht, die Trennung bleibt trotzdem hart. Was bringt denn der eitle Ruhm, dessen Bitternis niemand ermißt?