Hongloumeng/de/Chapter 91
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Kapitel 91
纵淫心宝蟾工设计 / 布疑阵宝玉妄谈禅
Von Lust verfolgt, entwickelt Bau-tschan eine durchtriebene KriegslistIn einem Anflug von Dsën legt Bau-yü eine rätselhafte Beichte ab-
Wir haben in unserem letzten Kapitel gesehen, wie Hsüä Kë aus seinen unruhigen Gedanken von einem plötzlich aufkommenden Gelächter vor seinem Fenster aufgeschreckt wurde. ‚Schon wieder Bau-tschan! Oder Djin-guee!‘, dachte er bei sich. ‚Ich werde sie ignorieren und sehen, was passiert.’ Er lauschte eine Weile, aber da waren keine weiteren Geräusche. Er traute sich nicht, den Wein und das Konfekt anzurühren, er schloß die Tür und war gerade dabei, sich auszuziehen, als er einen leisen Schlag auf dem Papierfensterflügel hörte. Hsüä Kë war schon durch Bau-tschans Benehmen durcheinander und begann, sich dem nicht gewachsen zu fühlen. Die Schläge hörend und doch nicht im Stande, jemanden draußen am Fenster ausfindig zu machen, wußte er nicht, was er denken sollte. Er zog sein Gewand wieder an und setzte sich an den Tisch zur Lampe. Er nahm ein Stück eingelegtes Obst aus der Konfektschachtel vom Tisch, drehte es immer wieder in der Hand, um es von jedem Winkel zu studieren. Er blickte sich um und bemerkte, daß ein Stück Fensterpapier naß geworden war. Er ging hinüber und legte sein Auge auf das Loch, er blinzelte durch und bekam einen Luftstoß in sein Gesicht, daß ihn die Sinne schreckten. Darauf folgte ein erneutes Gelächter. Er schreckte zurück, blies die Lampe aus, legte sich in der Dunkelheit hin und hielt die Luft an. Eine Stimme kam von draußen: „Geht der zweite Herr schon schlafen, ohne den Wein und das Konfekt zu probieren?“ Hsüä Kë erkannte Bau-tschans Stimme, sagte aber nichts und tat, als würde er schlafen. Wenige Sekunden später, hörte er sie in aufgebrachtem Tonfall: „Elender Spaßverderber! Wie kann man nur so sein!“ Dieses Mal konnte er nicht mit Sicherheit erkennen, welche Stimme das war. Es hörte sich an wie Bau-tschan, aber da war auch etwas von Djin-guees Ausdruck zu erkennen. Wer auch immer es war, für ihn gab es keinen Zweifel mehr an den Absichten. Er wälzte sich fast die ganze Nacht im Bett und erst gegen fünf Uhr schlief er endlich ein. Kurz nach Sonnenaufgang klopfte jemand an der Tür. „Wer ist da?“, rief Hsüä Kë. Keine Antwort. Er stieg aus dem Bett, um die Tür zu öffnen und sah Bau-tschan, ihr Haar war einfach zurückgekämmt, und sie trug eine enge, kleine, ärmellose Jacke, der goldgestreifte Ausschnitt war wie ein Gitarre geschnitten, die Knöpfe waren verführerisch geöffnet. Darüber trug sie ein teils neu aussehendes, kiefergrünes Leibtuch und unten trug sie keinen Rock, so dass direkt ihre granatapfel-rote wattierte Hose mit Blumenmuster zu sehen war, und ein paar neu bestickte rote Hausschuhe. Sie kam, bevor sie sich für den Tag zurecht gemacht hatte, um die Süßigkeit mitzunehmen, bevor der Rest des Haushalts erwachte. Obwohl er eher zurückhaltend war, als sie noch nicht für den Tag bekleidet sein Zimmer betrat, fragte er höflich: „Warum bist du heute Morgen so früh auf?“ Bau-tschan errötete als Antwort, stapelte die Süßigkeiten auf ein Tablett und ging hinaus, beides in ihrer Hand haltend. Hsüä Kë interpretierte dies als eine bewußte Kränkung, weil es am Vorabend mißlungen war, ihn zu verführen. ,Oh gut‘, dachte er bei sich, ,das hat sie geärgert. Wenigstens werden sie ihr Interesse verlieren und mich in Ruhe lassen.’ Er entschied sich, die ganze Geschichte zu vergessen, und bat um Wasser, um sein Gesicht zu waschen. Es wäre klug, überlegte er sich, zu Hause zu bleiben und einige Tage zu entspannen, für seine Gesundheit und seinen Seelenfrieden. Auf der anderen Seite hat er Angst, daß ihn Hsüä Pans sogenannte Freunde aufsuchen, die damals mit Hsüä Pan gut befreundet waren. Die sahen, daß seine Familie ohne Familienoberhaupt war und daß Hsüä Kë jung und unerfahren war, so daß sie auf dumme Gedanken kamen. Einige von ihnen wären zufrieden, als Diener zu fungieren; andere boten sich als Mitstreiter an, manche gaben durch juristische Ausdrucksweise vor, sich in Rechtsdingen auszukennen, ein oder zwei wollten für ihn Schreibarbeit erledigen, für ihn Vorteile zu ergaunern, andere rieten ihm, mehr Geld für sich selbst aus der Geschichte zu schlagen, während manche sogar versuchten, ihn mit falschen Gerüchten zu ängstigen. Seit er sie zum ersten Mal getroffen hatte, hatte Hsüä Kë alles daran gesetzt, um diesen abstoßenden Elementen aus dem Weg zu gehen. Er wagte es auch nicht, den Leuten direkt entgegenzutreten. Wenn er sie offen zurückweisen würde, bekäme er noch mehr Angst. Der einzige sichere Weg, entschied er für sich, war, sich zu Hause ruhig zu verhalten und auf die Bestätigung von Pans Urteil zu erwarten. Nun kehren wir zu Djin-guee zurück. Sie hatte Bau-tschan letzte Nacht mit dem Wein und dem Konfekt hinübergeschickt, um Hsüä Kës Reaktion zu erfahren. Als Bau-tschan zurückkehrte und detailliert erzählte, was geschehen war, begriff Djin-guee, daß sie ihn unterschätzte und, daß, wenn sie einen solchen Plan weiterverfolgte, sie sich selbst unnützen Ärger einhandeln würde und Bau-tschans Respekt einbüßen würde. Wenn sie ihre Enttäuschung mit wenigen geheuchelten Worten der Gleichgültigkeit verstecken würde, würde sie das von ihrem eigenen Verlangen nach Hsüä Kë nur wenig befreien. Unfähig, derzeit an andere Wege zu denken, um ihre Ziele zu erreichen, saß sie in düsterer Stille einfach da. Ihr war nicht klar, daß Bau-tschan genau dieselben Gedanken hatte, wie sie selbst. Auch Bau-tschan rechnete damit, daß Hsüä Pan für einige Zeit nicht zurückkäme, und brauchte ganz dringend einen Ersatz. Nur aus Angst, von Djin-guee dabei ertappt zu werden, hielt sie ihre Pläne geheim. Nun, jedoch, da Djin-guee den ersten Schritt gemacht hatte, war sie nur allzu froh, in ihrem Fahrwasser mitzusegeln. Sie würde zuerst eingreifen und Hsüä Kës Geliebte werden, und sie hatte keine Angst davor, daß Djin-guee dies nicht akzeptierte. Das war der Gedanke hinter ihren aufreizenden Worten gegenüber Hsüä Kë. Sie sah, daß Hsüä Kë keine Gefühle zeigte und integer war. Sie wagte es auch nicht, es anders zu versuchen. Als er dann auch noch die Lampe ausgeblasen hatte, war sie schwer enttäuscht. Sie meldete sich bei Djin-guee zurück, wartete, welche nächsten Schritte sie vorschlagen würde. Als sich Djin-guee jedoch nicht äußerte, sondern bedrückt schwieg, half sie ihr und sich selbst, sich für die Nacht zurechtzumachen und ging ins Bett. Wie könnte sie in dieser Nacht einschlafen? Als sie sich im Bett wälzte, hatte sie plötzlich eine Idee. Wie wäre es, am nächsten Morgen ganz früh aufzustehen und sofort zu Hsüä Kës Gemächern zu gehen, um das Geschirr mit den Süßigkeiten abzuholen; sie würde ein paar verführerische Stücke aus ihrem Schrank anziehen, aber sich vorher extra nicht waschen und kämmen, um so verschlafen und verlockend wie möglich auszusehen ... Sie würde sich missmutig geben, ihn ignorieren und darauf achten, welche Reaktionen das bei Hsüä Kë auslösen würde. So würde sie ihr Schiff ganz natürlich in den Hafen holen und ihn ohne größere Umstände gewinnen. Das war ihre Idee.Auch bei diesem Manöver zeigte sich Hsüä Kë am Morgen danach als äußerst unkorrumpierbar, genau wie am Abend davor, und sie fühlte sich verpflichtet, mit ihrer Charade weiter zu machen und verärgert zu gehen. Sie ließ die Weinkaraffe absichtlich dort, als Ausrede, noch einmal wieder zu kommen. „Hat dich jemand gesehen, als du die Sachen abholtest?“, fragte Djin-guee bei ihrer Rückkehr. „Keine einzige Seele.“ „Was ist mit dem zweiten Herrn? Hatte er irgendetwas gesagt?“ – „Auch nicht.“ Djin-guee hatte ebenfalls eine schlaflose Nacht gehabt, ohne daß ihr ein alternativer Kampfplan eingefallen wäre. ‚Wenn ich weiterkommen soll‘, dachte sie bei sich, ‚kann ich es vor allen anderen verstecken, aber nicht vor Bau-tschan. Ich sollte sie einweihen. Ich bin sicher, sie würde dann nichts sagen. Außerdem soll sie für mich als Mittelsfrau dienen. Das kann ich nicht selbst machen. Ich sollte mit ihr einen Pakt schließen und sehen, ob wir uns beide einen guten Plan ausdenken können.“ Sie lächelte Bau-tschan an und fragte: „Was denkst du überhaupt über Herrn Kë?“ „Er scheint dumm zu sein ...“ Djin-guee lachte, „Wie kannst du es wagen, so über ihn zu reden.“ Auch Bau-tschan lachte, „Er hat Sie doch so enttäuscht...“ – „Und was meinst du genau damit?“ „Oh, natürlich nur, daß er das Konfekt nicht anrühren wollte, welches Sie ihm geschickt haben ... Was sonst?“ Sie sagte dies mit einem Grinsen und einem bedeutungsvollen Blick an Djin-guee, die antwortete: „Das ist nun genug von deinen Andeutungen! Ich habe ihm diese Dinge respektvoll als Dank für alles, was er für den gnädigen Herrn getan hat, geschickt, und ich habe dich nur gefragt, damit die Leute nicht schlecht darüber reden. Ich habe keine Ahnung von dem, was du versuchst anzudeuten.“ „Sie müssen sich nicht sorgen, Herrin“, sagte Bau-tschan lächelnd. „Ich bin auf Ihrer Seite, Sie können auf mich zählen. Aber wir müssen sehr diskret sein. Es wäre schlimm, wenn ein Wort durchsickerte.“ Djin-guee fühlte, wie ihr Gesicht rot wurde. „Du kleine Hure! Also du findest Gefallen an ihm, richtig, und denkst, du könntest mich als Deckmantel für deine Machenschaften benutzen, ist es das?“ – „Das glauben Sie, Herrin. Ich wollte Ihnen nur helfen. Wenn Sie ihn wirklich wollen, habe ich, glaube ich, einen Plan. ‚Gelegenheit macht Diebe.‘ Er hat nur Angst, erwischt zu werden, und will sich selbst von Ärger fern halten. Sie müssen Geduld haben, Herrin. Finden Sie so viele Wege wie möglich zu ihm zu gehen und sich um ihn zu kümmern. Nach allem ist er Pans jüngster Vetter und hat keine Frau. Wenn Sie es so machen und ihm ihre gute Seite zeigen, können die Leute auch nicht schlecht darüber reden. In ein paar Tagen wird er bereit sein, seine Dankbarkeit zu zeigen, indem er Sie besuchen wird. Dann bereiten Sie ein bißchen in unserem Zimmer vor, junge gnädige Frau – ich werde helfen, ihn betrunken zu machen – und er gehört Ihnen! Wenn er nicht mitspielen will, werden wir eine Szene machen und ihn beschuldigen, er habe Sie belästigt – daß sollte es besiegeln. Er wird schnell zuviel Angst haben, und dann nach unserer Pfeife tanzen! Wenn er uns dann immer noch nicht folgt, dann wissen wir, daß er ein Hundesohn ist, und es sich doch gelohnt hat. Was denken Sie?“ Djin-guee war dunkelrot im Gesicht, lachte und schimpfte. „Du kleine Dirne! Du tust so, als hättest du schon viele Männer herumgekriegt! Kein Wunder, daß der gnädige Herr dich nicht aus den Augen ließ!“ Bau-tschan verzog die Lippen, sagte „Pff!“ und lachte: „Ist das der ganze Dank, weil ich geholfen habe, zwischen Ihnen beiden Fäden zu spinnen?“ Von nun an galt Djin-guees einziger Gedanke der Eroberung von Hsüä Kë. Und da sie wünschte, dies zu tun, ohne die Aufmerksamkeit der anderen auf sich zu ziehen, hatte sie kein Interesse mehr daran, Unruhe in der Familie zu stiften. In der Familie ging es ein bißchen ruhiger zu. Noch am selben Tag holte Bau-tschan die Weinkaraffe zurück. Sie setzte dabei dasselbe ernste Gesicht wie am Morgen auf. Hsüä Kë, der sie aus den Augenwinkeln beobachtete, begann, sein Verhalten zu bereuen und an sich zu zweifeln. ‚Vielleicht lag ich falsch‘, dachte er bei sich, ‚vielleicht habe ich mir das Ganze nur eingebildet, und sie meinten es wirklich nur gut. In diesem Fall hat sie meine Undankbarkeit vielleicht verletzt. Wer weiß zu welchem Ärger das führt. Und das wäre dann alles meine Schuld ...“ Zwei Tage vergingen, und alles war ruhig. Wann immer Hsüä Kë Bau-tschan traf, senkte sie den Blick und ging, ohne ihn aus den Augenwinkeln zu beobachten. Wenn er Djin-guee traf, hatte sie es so eilig. Hsüä Kë bemerkte das und fühlte sich schuldig. Aber davon später mehr. Frau Hsüä und Bau-tschai beobachteten, wie still Djin-guee plötzlich wurde und wie nett sie zu allen war. Alle waren über diese Veränderung erstaunt. Frau Hsüä hätte nichts mehr Freude bereiten können und sie dachte folgendes darüber: ‚Die Hochzeit von Pan muß unter einem schlechten Stern gestanden haben, welcher ein paar Jahre Unglück brachte. Dank unseren finanziellen Quellen und den Anstrengungen der Djias, haben wir jetzt Hoffnung bekom- men. Die Schwiegertochter ist plötzlich ruhig geworden. Oder bedeutet das etwa, das sich Pans Glück zum Guten gewendet hat? Wer weiß, nur ich selbst denke bei mir, daß diese seltene Veränderung sehr seltsam ist.’ Eines Tages nach dem Mittagessen entschloß sich Frau Hsüä, Djin-guee zu besuchen und ging von Tung-guee begleitet los. Sie erreichte den Hof von Djin-guees Haus, als sie eine männliche Stimme im Gespräch mit Djin-guee von draußen hörte. Tong-guee sah das und rief: „Gnädige Frau; die Herrin Hsüä ist hier, um Sie zu besuchen!“ Während sie sprachen, standen sie schon auf der Schwelle. Als sie näher kamen, konnten sie sehen, wie der Schatten eines Mannes hinter der Tür verschwand. Frau Hsüä erschrak und wich zurück. „Bitte kommen Sie herein und setzen Sie sich, gnädige Frau [Schwiegermutter]“, sagte Djin-guee. „Wir haben keinen Fremden hier. Das ist nur mein adoptierter Bruder [Hsia San]. Er ist vom Lande und nicht an Menschen gewöhnt. Er ist heute erst gekommen, deshalb hat er sich bei Ihnen noch nicht vorgestellt. Er beabsichtigt, sich bei Ihnen vorzustellen und Sie zu begrüßen.“ – „Wenn er dein Bruder ist, dann bin ich erfreut, ihn kennenzulernen“, sagte Frau Hsüä. Djin-guee holte ihren Bruder aus seinem Versteck, und er begrüßte Frau Hsüä mit einer Verbeugung. Frau Hsüä erwiderte den Gruß und setzte sich. „Wie lange bist du schon in der Hauptstadt?“, fragte sie im Zuge der Unterhaltung. „Ich wurde erst vor zwei Monaten in die Familie aufgenommen. Mutter brauchte jemanden, der nach den Haushaltsgeschäften sieht. Ich kam vorgestern an und heute hierher, um meine neue Schwester zu sehen.“ Frau Hsüä konnte sehen, daß er ein etwas grober Mensch war und wollte nicht lange bleiben. „Ich muß gehen“, sagte sie, „steh bitte nicht auf!“ Dann sprach sie zu Djin-guee: „Da dies der erste Besuch deines Bruders ist, lade ihn doch bitte zum Abendessen ein.“ „Ja, Tante.“ Frau Hsüä verließ sie. Als sie aus dem Zimmer war, sagte Djin-guee zu Hsia San. „Setz’ dich, ich habe unser Verhältnis aus einem bestimmten Grund offen dargelegt, damit unser zweiter Herr keine Verdächtigungen anstellt. Heute bitte ich dich, einige Sachen für mich einzukaufen, und ich möchte nicht, daß irgendjemand von diesen Dingen erfährt.“ „Überlaß das nur mir. Solange du mir Bares auf die Hand gibst, beschaffe ich dir alles.“ „Nicht so schnell: Wenn du dich betrügen läßt, nehme ich die Lieferung nicht an.“ Sie scherzten noch eine Weile miteinander, Djin-guee aß mit Hsia San zu Abend, wonach sie dann ihre Einkäufe näher erläuterte, ihm noch andere Anweisungen gab und er seinen Weg ging. Von diesem Tag an wurde er zu einem regelmäßigen Besucher in ihrem Hof. Der alte Pförtner ließ ihn gewöhnlich durch, ohne die übliche Prozedur, ihn vorher anzukündigen, wußte er doch, daß er Frau Pans Bruder war. Seine Besuche erzeugten viele neue Gerüchte. Aber das hat mit der späteren Geschichte zu tun, wir wenden uns hier ab. Eines Tages kam ein Brief von Hsüä Pan an. Frau Hsüä öffnete ihn und ließ Bau-tschai ihn vorlesen: „Liebe Mutter, Ich werde hier im Gefängnis gut behandelt, also bitte sei beruhigt. Ich hatte trotzdem einige schlechte Neuigkeiten gestern, vom Gerichtsschreiber. Meine Anklage wurde auf dem Präfekturniveau genehmigt – ich befürchte, unser Glück ist jetzt zu Ende. Aber als der Fall vor das Berufungsgericht kam, wurde die Berufung abgelehnt. Der Sekretär hier am Yamen war sehr hilfreich und hat sofort eine Erklärung zur Berufung geschickt, damit die Berufung doch angenommen wird. Ausgerechnet der Präfekt erfuhr davon, und jetzt muß ich doch persönlich meine Berufung einreichen. Wenn ich das tue, werde ich wieder Ärger bekommen. Das liegt bestimmt daran, daß wir nicht die richtige Person angesprochen haben. Wenn du diesen Brief liest, beeile dich bitte und versuche bei den Herren auf Regierungsbezirksebene Hilfe zu holen. Und schickt Vetter [Kë] sofort hierher, sonst wird es zu spät sein. Knausert auf gar keinen Fall mit dem Geld! Sehr dringend!“ Daraufhin brach Frau Hsüä in Tränen aus. Hsüä Kë tat sein Bestes, um sie zu beruhigen, während er sie zur selben Zeit überredete, schnell zu handeln. Frau Hsüä war gezwungen, ihren Neffen in die Provinz zu schicken, um die Angelegenheiten zu regeln. Sie befahl ihrem Diener, die Koffer zu packen, holte Geld, und Hsüä Kë bereitete sich vor, daß er noch in derselben Nacht mit einem Begleiter der Familie weggehen sollte. Welch ein Chaos! Obwohl die Diener alle Sachen erledigten, hatte Bau-tschai Angst, daß nicht an alles gedacht wurde, und half persönlich bis in die frühen Morgenstunden. Die Kombination der nervösen Anspannung und physischer Anstrengung war zuviel für ein Mädchen von so zarter Natur und gebildeter Erziehung und am nächsten Morgen lag sie mit Fieber darnieder und war unfähig, Wasser oder Medizin zu schlucken. Ying-örl berichtete dies sofort Frau Hsüä, die herübergeeilt kam. Sie merkte, daß Bau-tschai nicht sprechen konnte, die Wange ganz rot war, ihr Körper ganz heiß, wenn man ihn berührte. Sie bekam sofort Panik und brach in Tränen aus. Bau-tjin versuchte ihre Tante zu unterstützen und zu trösten, während Tjiu-ling so ergriffen von Bau-tschais Aussehen war, daß sie nur am Bettrand stehen konnte, ihren Namen rief und weinte. Bau-tschai war zu schwach zum Sprechen oder um ihre Hände zu bewegen. Ihre Augen waren trocken, ihre Nase zu. Sie schickten nach dem Doktor, dessen Rezept sie allmählich wieder auf die Beine brachte und zur großen Erleichterung der Familie schien die unmittelbare Krise abgewendet zu sein. Die Neuigkeiten hatten bereits die verschiedenen inneren Wohnbereiche der Jung-guo- und Ning-guo-Anwesen erreicht und ein Dienstmädchen der Dame Hsi-fëng kam bald an mit „den Geist mit zehn Düften wiederbelebenden“ Pillen, gefolgt von einem Mädchen mit ein paar der „Grippe-Pillen“ der Dame Wang. Die Herzoginmutter, die Dame Hsing, die Dame Wang und alle anderen Damen beider Häuser, eingeschlossen Frau You, schickten alle Mädchen, um zu fragen, wie es ihr ging. Aber alle waren sich einig, daß ihre Krankheit vor Bau-yü geheimgehalten werden sollte.[1] Sie nahm weiterhin verschiedene Mittel sieben oder acht Tage lang, ohne richtige Besserung; erst als sie sich an ihre eigenen Kalten-Duft-Pillen erinnerte und drei von diesen nahm, ging es ihr besser. Als Bau-yü von ihrer Krankheit erfuhr, ging es ihr bereits wieder besser, und er mußte keinen Krankenbesuch mehr unternehmen. Ein Brief von Hsüä Kë kam an, welchen Frau Hsüä Bau-tschai nicht zeigte, aus Angst, sie könne sich aufregen. Sie las ihn selbst und ging direkt zur Dame Wang, um Hilfe zu erbitten; gleichzeitig erzählte sie noch eine Weile von Bau-tschais Zustand. Nachdem Frau Hsüä gegangen war, ging die Dame Wang zu Djia Dschëng, um ihn inständig zu bitten. „Bei den höher gestellten Beamten reichen normalerweise ein paar Worte; aber bei denen aus der Provinz ist es schwieriger“, sagte er etwas bitter. „Wir müssen wohl in unsere Taschen greifen.“ Die Dame Wang sprach wieder über Bau-tschai: „Das arme Mädchen! Ich fühle mich für sie verantwortlich: sie gehört fast zur Familie. Je eher sie und Bau-yü verheiratet sind, desto besser. Das ruiniert sonst ihre Gesundheit, so wie die Dinge stehen.“ „Da stimme ich dir zu“, antwortete Djia Dschëng, „aber ihre Familie ist im Moment sehr durcheinander. Und außerdem ist gerade Mittwinterwende. Wir werden bald Neujahr haben und alle mit unseren eigenen Haushalten beschäftigt sein. Ich schlage den folgenden Zeitplan vor: die Verlobung kann irgendwann im Winter stattfinden; Anfang des nächsten Jahres können sie Geschenke empfangen; und die Zeremonie selbst wird irgendwann nach Mutters Geburtstag festgesetzt. Ich hätte gerne, daß Frau Hsüä sich darum kümmert.“ –
„Gut“, antwortete die Dame Wang.
Am nächsten Tag erzählte sie es Frau Hsüä, die es für einen guten Vorschlag hielt. Nach dem Mittagessen gingen beide zur Herzoginmutter. „Bist du gerade hierhergekommen, meine Liebe?“, fragte die Herzoginmutter Frau Hsüä, nachdem die üblichen Höflichkeiten ausgetauscht waren. „Nein, ich kam schon gestern her“, antwortete Frau Hsüä, „aber es war schon spät, ich konnte nicht mehr hierher kommen, um Sie zu begrüßen.“ Die Dame Wang wiederholte der Herzoginmutter Djia Dschëngs Vorschlag. Die Herzoginmutter schien sehr glücklich damit zu sein. Während sie redeten, kam Bau-yü ins Zimmer. „Hattest du schon ein Mittagessen?“, fragte die Herzoginmutter. „Ich war zum Essen zu Hause“, antwortete er, „und nun bin ich auf dem Weg zurück zur Schule. Ich kam vorbei, um Sie zu sehen, Großmutter, und habe auch gehört, daß Frau Hsüä hier ist und wollte sie begrüßen.“ Zu Frau Hsüä fuhr er fort: „Geht es Kusine Bau nun besser?“ Frau Hsüä lächelte, „ja, es geht ihr besser.“ Bau-yü erkannte, daß es durch seine Ankunft eine plötzliche Flaute in der Unterhaltung gab. Nachdem er ein paar Minuten bei ihnen verbracht hatte, beobachtete er auch, daß sich Frau Hsüä nicht so herzlich ihm gegenüber benahm wie sonst und dachte bei sich: „Auch wenn sie keine gute Laune hat, sehe ich darin noch keinen Grund, weshalb alle aufhören mit mir zu reden . .“ Er ging zur Schule, sehr von dem verwirrt, was passiert war. Am Abend seiner Rückkehr machte er seine üblichen Abendbesuche und machte sich auf den Weg zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß. Er hob den Türvorhang, ging hinein und wurde von Dsï-djüan empfangen. Als er sah, daß niemand im inneren Zimmer war, fragte er Dsï-djüan wo die Kusine hingegangen war und ihm wurde gesagt, daß sie zur Herzoginmutter gegangen war. „Fräulein Dai-yü hörte, daß Frau Hsüä dort war“, sagte Dsï-djüan, „und wollte sie begrüßen. Sind Sie heute Abend nicht dort gewesen, der zweite Herr?“ „Ja, ich komme gerade von dort, aber ich habe das Fräulein nicht gesehen.“ „War sie nicht dort?“ „Nein. Wo könnte sie hingegangen sein?“ – „Ich bin nicht sicher.“ – Bau-yü war gerade wieder dabei aufzustehen als er die graziöse Figur von Dai-yü erblickte, die langsam mit Hsüä-yän zur Tür hereinkam. „Du bist zurück Kusine!“, rief er, indem er zur Seite ging, um sie vorzulassen und ihr dann hineinfolgte. Sie ging in das innere Zimmer. „Komm herein und setz’ dich“, sagte sie zu Bau-yü. Dsï-djüan nahm eine andere Jacke und half ihr hinein. Sie setzte sich und fragte ihn: „Hast du Frau [Hsüä] bei der Herzoginmutter gesehen?“ „Ja, habe ich“, antwortete Bau-yü. „Hat sie mich überhaupt erwähnt?“ „Nein, sie hat nicht nur dich nicht erwähnt, sie schien mir gegenüber auch nicht so freundlich wie sonst zu sein. Als ich nach Kusine Bau-tschai fragte, sagte sie nur wenig und lächelte. Ich hoffe, ich habe ihr nicht weh getan, als ich sie nicht besuchen ging in den letzten Tagen.“ Dai-yü lachte kurz. „Hast du sie gesehen?“ – „Ich wußte erst nicht, daß sie krank war“, protestierte Bau-yü, „ich habe es erst vor zwei Tagen gehört und war noch immer nicht dort.“ – „Nun, das ist sicherlich der Grund...“, sagte Dai-yü.
„Die Wahrheit ist, daß weder Großmutter, Mutter noch Vater mich gehen lassen wollten, und wie hätte ich ohne ihre Erlaubnis gehen sollen? Ich durfte früher einfach so bei ihr vorbeikommen, zehnmal am Tag, wenn ich mich danach fühlte; aber nun haben sie das Seitentor geschlossen und ich muß immer durch den Vordereingang gehen, was so mühsam ist.“
Dai-yü entgegnete: „Aber woher soll sie all das wissen?“ Bau-yü sagte: „Weißt du, Kusine Bau hat sehr großes Verständnis für mich.“ – „Du solltest das nicht für selbstverständlich halten,“ entgegnete Dai-yü. „Vielleicht sieht sie dir das nicht nach. Es ist ja nicht so, als wäre ihre Mutter krank gewesen: sie war es selbst. Denk’ an all die Gedicht-Wettkämpfe, all die Freuden, die du mit ihr in der Vergangenheit geteilt hast – Gedichte geschrieben, Blumen bewundert, Wein getrunken. Jetzt ist sie von uns getrennt, und du kennst die Ärgernisse, die ihre Familie hat, doch wenn sie ernsthaft krank wird, benimmst du dich gleichgültig. Sie sollte gekränkt sein.“ Bau-yü: „Du meinst doch nicht, daß Kusine Bau mich nicht mehr mag?“ Dai-yü: „Ich habe keine Ahnung. Ich kann ihre Gefühle nur mutmaßen, so wie man es vernünftigerweise erwarten würde.“ – Bau-yü starrte still vor sich hin. Dai-yü ignorierte ihn und sagte den Dienstmädchen, etwas mehr Duftstäbchen nachzulegen, nahm ein Buch heraus und begann zu lesen. Nach ein oder zwei Minuten runzelte Bau-yü die Stirn und stampfte verärgert mit dem Fuß auf den Boden. „Was ist der Grund für mich, am Leben zu sein? Die Welt wäre sauberer, wenn es mich nicht gäbe.“ – „Verstehst du nicht?“, sagte Dai-yü. „Ursprünglich gibt es das ‚Ich‘, seitdem gibt es die ‚Menschen‘. Wenn es Menschen gibt, gibt es automatisch Frustrationen, Ängste, Konfusion, dumme Träume und vielen andere Hindernisse und Mißverständnisse. Ich habe es vorhin nicht so ernst gemeint. Frau Hsüä war nur schlecht gelaunt, als du sie gesehen hast. Kein Grund für dich, an Kusine Bau zu zweifeln. Frau Hsüä kam wegen Vetter Pans Gerichtsfall. Sie war besorgt, und es ist nicht sehr verwunderlich, daß ihr nicht der Sinn danach stand, sich zu unterhalten. Du hast nur deiner Phantasie erlaubt, mit dir durchzugehen und dich in die Irre zu führen.“ Durch ihre Worte hellte sich Bau-yüs Stimmung wieder auf. „Natürlich!“, rief er lachend. „Das ist es! Du siehst so viel mehr, als ich es tue! Kein Wunder, als ich vorletztes Jahr so wütend war, da hast du mit mir ein paar Dsën-buddhistische Wörter gesprochen. Ich werde ja niemals an dich heranreichen. Wie Buddha, der aus einer Lotusblume entsprang, brauche ich deine Zauberwurzelkraft, um ein heiliges Leben zu führen.“ „In diesem Fall“, sagte Dai-yü, die ihre Gelegenheit kommen sah, „bereite dich auf eine weitere Logik-Befragung vor.“ Bau-yü kreuzte die Beine, brachte seine Handflächen zusammen, schloß seine Augen, schürzte die Lippen und sagte: „Beginne nun.“ Dai-yü: „Wähle aus folgenden Möglichkeiten: 1. Kusine Bau-tschai mag dich. 2. Sie mag dich nicht. 3. Sie mochte dich vor ein paar Tagen, aber jetzt nicht mehr. 4. Sie mag dich heute, aber wird dich morgen nicht mehr mögen. 5. Du magst sie, aber sie dich nicht. 6. Und letztens: Sie mag dich, aber du magst sie nicht. Denke gut über alle Möglichkeiten nach.“[2]Für einige Minuten war Bau-yü ganz still. Dann brach er plötzlich in Lachen aus und schrie: „Wenn all die Meere des Paradieses mein wären, wäre ich mit einer einfachen Schale zufrieden.“ Dai-yü: „Was, wenn deine Schale mit der Strömung wegfließt?“ Bau-yü: „Niemals! Wo immer die Strömung fließt, wird die Schale ihren Kurs halten.“ Dai-yü: „Was, wenn die Strömung endet und deine Perle sinkt?“ Bau-yü: „Wie das Weidenkätzchen in einer Pfütze festgehalten wird, so ist der Wille Buddhas: Wie ein Vogelpärchen, das im Frühlingswind tanzt.“ Dai-yü: „Die erste Regel des Dsën heißt, du sollst nicht übertreiben.“ Bau-yü: „Aber es ist die Wahrheit, so wahr mir Buddha hilft, das Dharma und die heilige Bruderschaft.“ Dai-yü senkte still ihren Kopf. Sie hörte ein „Kräh – kräh“ draußen am Fenster und eine Krähe flog in den Himmel, Richtung Südosten. Bau-yü: „Was für ein Zeichen ist das?“ Dai-yü: „Unser Schicksal kann nicht in Vogelschreien gelesen werden.“ Bevor Bau-yü eine Antwort parat hatte, kam Tjiu-wën in das Zimmer und sagte: „Der zweite Herr, bitte beeilt Euch! Der Herr hat jemanden in den Garten geschickt, um zu fragen, ob Ihr schon zurück von der Schule seid. Schwester Hsi-jën sagte, Ihr wäret es, also seid besser schnell!“ Bau-yü sprang auf die Füße und eilte alarmiert hinaus. Dai-yü versuchte nicht, ihn zurückzuhalten. Für den Ausgang, lese man bitte das nächste Kapitel.