Hongloumeng/de/Chapter 117

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Kapitel 117

阻超凡佳人双护玉 / 欣聚党恶子独承家

Zwei wunderschöne Jungfrauen halten den Jade fest und verhindern eine Flucht aus weltlicher BindungNichtsnutze nehmen das Anwesen ein und versammeln eine Menge an Kumpanen.

Die Dame Wang schickte nach Bau-tschai, um sich mit ihr zu beraten, während Bau-yü, wie er hörte, daß der Mönch draußen war, zuerst auf den Hof eilte. „Wo ist mein Meister?“, rief er. Als es letztlich kein Lebenszeichen von dem Mönch gab, ging er hinaus, wo er sah, daß sein Knecht Li Guee dem Mönch den Weg versperrte. „Die gnädige Frau [Meine Mutter] bittet mich, den Meister hereinzuführen“, sagte Bau-yü. Li Guee lockerte seinen Griff und der Mönch stolzierte herein. Bau-yü bemerkte sofort die Ähnlichkeit zwischen diesem Mönch und dem Führer in seinem Traum und die Wahrheit schien ihm immer deutlicher. Er verbeugte sich: „Meister, bitte vergeben Sie Ihrem Schüler, Sie so verzögert empfangen zu haben.“ – „Ich habe nicht das Verlangen danach, unterhalten zu werden“, sagte der Mönch. „Ich will nur mein Geld, und dann bin ich weg.“ ‚Dies ist kaum die Art, die man von einem Mann mit solch geistigem Niveau erwartet!‘, dachte Bau-yü. Doch dann sah er sich den Kopf des Mönches an, der voller Schorf war, dazu trug er eine schmutzige, verschlissene Robe, und er dachte bei sich: ‚Es gibt ein altes Sprichwort: „Der wahre Weise offenbart sich nicht selbst und wer sich selbst offenbart, ist kein wahrer Weiser.“ Ich muß vorsichtig sein und mir diese Gelegenheit nicht entgehen lassen. Ich sollte ihn besser wegen des Geldes versichern und ihn etwas beruhigen.‘ „Meister“, sagte er, „bitte seid geduldig. Meine Mutter bereitet gerade eben das Geld vor. Bitte setzt euch und wartet einen Moment. Darf ich euch fragen, Meister, ob ihr eben aus dem Land der Täuschungen zurückgekehrt seid?“ „Welche Täuschungen?“, rief der Mönch. „Ich komme, woher ich komme und gehe, wohin ich gehe. Ich kam her, um den Jade zurückzugeben. Doch laß mich dir eine Frage stellen: Woher hast du deine Jade?“ Eine Weile lang fiel Bau-yü keine Antwort ein. Der Mönch lachte. „Wenn du nichts von deiner Herkunft weiß, wozu sich dann in meine vertiefen?“ Bau-yü war immer ein empfindsames und intelligentes Kind gewesen, und seine jetztige Erleuchtung hatte ihn unfähig gemacht, den Schleier weltlicher Einbildung und Illusion zu durchdringen. Doch er wußte immer noch nichts von seiner eigenen ‚Geschichte‘, und die Frage des Mönches hatte ihn wie ein Schlag getroffen. „Ich weiß!“, rief er, „Sie wollen gar nicht mein Geld. Sie wollen, daß ich Ihnen meinen Jade zurückgebe.“ – „Und das solltest du tun.“ kicherte der Mönch. Ohne ein Wort rannte Bau-yü ins Haus. Er erreichte seine Gemächer und wie er dort sah, daß Bau-tschai, Hsi-jën und die anderen hinausgegangen waren, um auf Dame Wang zu warten, nahm er schnell seinen Jade von der Stelle am Bett, wo er lag und rannte damit zurück. Als er den Raum verließ, stieß er mit Hsi-jën zusammen, was sie zu Tode erschreckte. „Die gnädige Frau hat gerade eben gesagt, was für eine gute Idee es sei“, protestierte sie, „daß du dem Mönch Gesellschaft leistest, während sie versucht, das Geld aufzutreiben. Was machst du denn auf einmal wieder hier drin?“ – „Ich möchte, daß du sofort zurückgehst,“ befahl Bau-yü, „und sag’ der gnädigen Frau, sie muß sich nicht mehr um das Geld kümmern. Ich werde ihm den Jade zurückgeben. Damit ist die Rechnung beglichen.“ Hsi-jën hielt Bau-yü auf der Stelle fest: „Das ist völlig verrückt! Der Jade ist dein ganzes Leben! Wenn er ihn fortnimmt, wirst du bestimmt wieder krank.“ – „Nicht jetzt“, antwortete Bau-yü, „ich werde nicht wieder krank. Da ich nun um meine wahre Bestimmung weiß, wofür brauche ich dann noch den Jade?“ Er schüttelte Hsi-jën ab und ging. Sie eilte ihm nach und rief: „Komm zurück! Es gibt noch etwas, das ich dir sagen muß!“ Bau-yü blickte zurück zu ihr: „Es muß nichts mehr gesagt werden.“ Sie rannte hinterher, warf all ihre Hemmungen ab und weinte beim Rennen: „Erinnerst du dich nicht an das letzte Mal, als du sie verloren hast, wie es beinahe mein Ende war? Du hast sie gerade eben zurück, und wenn er sie wieder fort nimmt, wird es dein und mein Leben kosten! Du wirst mich in den Tod treiben.“ Sie überholte ihn und hielt ihn leicht fest, während sie sprach. „Ob es deinen Tod bedeutet oder nicht“, sagte Bau-yü mit seltsamer Heftigkeit, „Ich werde sie trotzdem zurückgeben.“ Er stieß Hsi-jën mit aller Kraft weg und versuchte, sich aus ihrem Griff zu lösen. Mit von seinem Griff wunden Handgelenken sank sie zu Boden, schluchzte und rief um Hilfe. Die Mägde in den inneren Gemächern hörten den Lärm und kamen herausgerannt, um sie beide in ihrer verzweifelten Umarmung zu finden. „Schnell!“, rief Hsi-jën, „geht und sagt es der gnädigen Frau! Der zweite Herr Bau[-yü] will dem Mönch den Jade zurückgeben!“ Die Mägde eilten mit dieser Nachricht zur Dame Wang, während Bau-yü noch zorniger wurde und versuchte, sich Hsi-jëns Griff zu entwinden. Sie hielt um ihr Leben fest und Dsï-djüan hastete aus den inneren Gemächern, sobald sie gehört hatte, was Bau-yü vorhatte. Ihre Aufregung und Betroffenheit schienen noch größer als die von Hsi-jën, und ihr voriger Entschluß, gegenüber Bau-yü Gleichgültigkeit zu zeigen, schien sich in Luft aufgelöst zu haben. Sie half Hsi-jën mit ihrer Kraft und umfaßte Bau-yü, der, obwohl er als Mann gegen Frauen stand, sich nicht gegen ihre Verzweiflung wehren konnte. Unfähig, sich zu befreien, seufzte er und sagte: „Wollt ihr so kämpfen, nur um ein Stück Jade zu behalten? Was würdet ihr machen, wenn ich euch verließe?“ Diese Worte riefen einen lauten Ausbruch des Schluchzens von Hsi-jën und Dsï-djüan hervor. Sie hatten ein Patt erreicht, bis die Dame Wang und Bau-tschai hinzukamen. Nun konnte die Dame Wang die Wahrheit des Berichtes mit eigenen Augen bezeugen. „Bau-yü!“, rief sie weinend, „hast du wieder den Verstand verloren?“ Bau-yü wußte, daß er nach der Ankunft der Dame Wang nicht mehr entkommen konnte – und wechselte deswegen seine Strategie. „Es gibt keinen Grund, daß gnädige Frau sich so aufregt, Mutter“, sagte er mit einem friedlichen Lächeln. „Du machst aus nichts immer so einen Akt. Ich dachte, der Mönch sei hier allein von Sinnen, da er darauf bestand, daß man ihm jeden Münze seiner zehntausend Tael zahlen sollte. Das machte mich sehr wütend, und ich wollte ihm den Jade nur zurückgeben, um ihm zu sagen, daß er nicht echt sei. Wenn ich ihn davon überzeugen kann, daß er für uns nicht von Wert ist, dann würde er sicher annehmen, was immer wir ihm anbieten.“ – „Meine Güte! Ich dachte, du meinst es ernst!“, rief die Dame Wang. „Du hättest ruhig die Wahrheit sagen können! – Sieh nur, was du dadurch ausgelöst hast!“ – „Was Bau-yü vorschlägt, klingt nach einer guten Idee“, sagte Bau-tschai. „Doch ich denke trotzdem, daß es zu riskant ist, sie ihm zurückgeben zu wollen. Wenn du mich fragst, ist dieser Mönch irgendwie merkwürdig. Er könnte genausogut etwas Schreckliches tun und die ganze Familie wieder ins Chaos stürzen. Wir können immer noch Schmuck verkaufen, um das Geld aufzutreiben.“ „Ja“, sagte Dame Wang, „das versuchen wir zuerst.“ Bau-yü kommentierte das nicht. Bau-tschai kam auf ihn zu und nahm ihm den Jade aus der Hand. „Es gibt keinen Anlaß, daß du dich darum kümmerst“, sagte sie, „Gnädige Frau und ich werden ihm das Geld geben.“ – „Nun gut, ich werde ihm den Jade nicht geben“, sagte Bau-yü. „Doch ich muß ihn zumindest noch einmal sehen.“ Hsi-jën und die anderen wagten immer noch nicht, ihn loszulassen. Am Ende war es Bau-tschai, die anordnete, ihn frei zu lassen: „Er sollte besser gehen, wenn er möchte.“ Widerwillig gab Hsi-jën nach. „Ihr alle scheint dem Jade mehr Wert beizumessen als dem Besitzer!“, sagte Bau-yü mit einem schiefen Lächeln. „Was wäre, wenn ich mit dem Mönch mitginge und euch mit dem Jade allein ließe? Dann würdet ihr reichlich blöde aussehen, nicht wahr?“ Dies erweckte wieder Angst bei Hsi-jën, und sie hätte ihn wieder ergriffen, wäre sie nicht durch die Anwesenheit der Dame Wang und Bau-tschais gehemmt und von der Notwendigkeit überzeugt gewesen, den Anschein von Respekt gegenüber Bau-yü zu bewahren. Es war ohnehin zu spät, für einen Augenblick lösten sie den Griff, und Bau-yü war fort. Hsi-jën stellte sich selbst zufrieden, indem sie eine jüngere Magd mit Anweisungen für Bee-ming und Bau-yüs anderen Pagen zum inneren Tor schickte, um ein Auge auf ihn zu werfen, da er sich „sehr seltsam“ benehme. Die Magd befolgte ihre Anweisung sofort. Die Dame Wang und Bau-tschai gingen währenddessen in Bau-yüs Gemächer und setzten sich. Sie fragten Hsi-jën, was genau passiert sei und diese berichtete ausführlich, was Bau-yü alles gesagt hatte. Die Dame Wang und Bau-tschai waren beide sehr verstört und schickten einen weiteren Botschafter mit Anweisungen, daß die Diener Bau-yü gründlich bewachen und genau zuhören sollten, was der Mönch sagte. Einen Augenblick später kehrte eine jüngere Magd zurück und berichtete Dame Wang: „Der zweite Herr [Bau-yü] benimmt sich äußerst merkwürdig, Herrin. Die Pagen draußen sagen, daß, weil Sie ihm den Jade nicht gegeben haben, er sich nun selbst an seiner Stelle anbiete.“ – „Ausgezeichnet!“, rief Dame Wang. „Und was hat der Mönch darauf gesagt?“ – „Er sagte, er wolle den Jade, nicht den Mann“, antwortete die Magd. „Nicht das Geld?“, fragte Bau-tschai. „Das hatten sie gar nicht erwähnt. Danach standen der Mönch und der zweite Herr [Bau-yü] sich unterhaltend da und lachten zusammen. Doch viel davon habe ich nicht mitbekommen.“ – „Diese kleinen Dummköpfe!“, nörgelte die Dame Wang. „Wenn sie es schon nicht verstanden haben, könnten sie es wenigstens für uns wiederholen. Geh und sag’ ihnen, sie sollen herkommen!“ Die Magd mußte sich einer Befragung der Dame Wang unterziehen. Dann erschien ein Page [Bee-ming], stand draußen im Flur, mischte sich ein und begrüßte sie durch das Fenster. „Natürlich“, so die Dame Wang, „wenn ihr die Bedeutung nicht von dem verstanden habt, was der zweite Herr [Bau-yü] und der Mönch sagten, sollte es doch wenigstens möglich sein, uns die Worte zu wiederholen.“ – „Alles, was wir gehört haben“, antwortete der Page [Bee-ming], „war etwas über einen großen einsamen Berg und ein grünen Bergesfuß. Und dann etwas über ein Land der Täuschungen und „sich auflösende weltliche Bänder“. Für die Dame Wang ergab das genauso wenig Sinn wie für den Pagen. Doch Bau-tschai, die stumm vor sich hin starrte, konnte etwas damit anfangen. Sie wollten gerade jemanden schicken, der Bau-yü zurückholt, bis Bau-yü selbst breit lächelnd eintrat und verkündete: „Alles ist gut! Alles ist gut!“ Bau-tschai starrte ihn kummervoll an, während die Dame Wang fragte: „Was gab es denn mit dem Mönch zu plaudern?“ „Es war kein Geplauder. Es war ein ernsthaftes Gespräch. Es hat sich herausgestellt, daß er mich kennt und daß er mich im Grunde genommen nur sehen wollte. Er wollte niemals Geld. Er hoffte nur auf eine freundliche Zuwendung, welche gutes Karma hervorruft. Sobald er sich verstanden gefühlt hatte, war er auch schon gegangen. Ganz einfach. Daher wirst du mir sicher zustimmen, daß alles gut ist!“ Die Dame Wang konnte das nicht glauben und fragte den Page [Bee-ming], die immer noch auf der anderen Seite des Fensters stand, ob sie Bau-yüs Geschichte bestätigen könne. Er eilte fort, um den Torwächter zu befragen und kehrte sofort zurück, um zu berichten: „Es ist wahr. Der Mönch ist wirklich fort. Als er ging, sagte er: „Die gnädigen Frauen braucht sich nicht zu sorgen. Das Geld wollte ich niemals.“ Er sagt, er wolle nur, daß zweite Herr Bau[-yü] ihn oft besucht. ‚Laß alles mit Karma angereichert werden! In allen Dingen liegt eine feste Bestimmung.‘ Das waren seine Abschiedsworte.“ – „Also war er nur ein guter Mönch“, rief die Dame Wang, „hat ihn irgend jemand gefragt, wo er denn lebt?“ „Der Torwächter meint, der Mönch sagte, unser zweite Herr Bau[-yü] würde wissen, wo er ihn zu finden habe.“ Dame Wang wandte sich an Bau-yü: „Nun – und wo lebt er?“ Bau-yü lächelte rätselhaft: „Seine Unterkunft ist weit weg und zugleich ganz in der Nähe. Es hängt alles davon ab, von wo aus man es betrachtet.“ – „Um Himmels willen!“, unterbrach Bau-tschai ihn ungeduldig, bevor er zu Ende gesprochen hatte. „Reiß dich zusammen und hör’ mit dem Unsinn auf! Du weißt, wie sehr der gnädige Herr und Frau dich lieben! Und der gnädige Herr hat dir gesagt, wie wichtig es im Leben sei, Erfolg zu haben!“ – „Zählt das, worüber ich spreche, nicht als Erfolg?“, fragte Bau-yü auf heitere Art. „Kennst du nicht das Sprichwort: ‚Wenn ein Sohn ein Mönch wird, werden die Seelen von sieben Generationen in den Himmel aufsteigen‘? “ Als sie dies hörte, war die Dame Wang noch verzeifelter als vorher: „Unsere Familie ist ruiniert! Hsi-tschun spricht nur noch von ihrer Schwesternschaft, und jetzt fängt auch er noch damit an! Warum soll ich mein Leben dann noch unnötig verlängern?“ Sie begann, hysterisch zu schluchzen. Bau-tschai versuchte sie zu trösten, doch Bau-yü lachte nur und sagte: „Das war ein Scherz! Es gibt doch keinen Grund, das ernst zu nehmen.“ Die Dame Wang trocknete ihre Tränen: „Wie kann man über so etwas nur scherzen?“ In diesem kritischen Augenblick kam eine Magd herein, um die Ankuft von dem zweiten Herrn anzukündigen: „Er sieht auch traurig aus, Herrin. Er möchte sich gerne mit gnädiger Frau unterhalten.“ Das war ein weiterer Schock für die Dame Wang. „Frag’ ihn bitte, ob er herkommen kann. Die jüngere Schweigerin [Bau-tschai] ist seine Kusine, also muß er sich um ihre Anwesenheit nicht kümmern!“ Djia Liän kam ordnungsgemäß herein und begrüßte die Dame Wang. Bau-tschai grüßte Djia Liän auch, dann sagte er: „Ich habe eben einen Brief von meinem Vater erhalten“, sagte Djia Liän, „darin steht, er sei schwer krank geworden. Ich muß schnell zu ihm gehen, bevor es zu spät ist!“ Tränen flossen ihm über die Wangen. „Stand in dem Brief, was für eine Krankheit er hat?“, fragte die Dame Wang. „Es begann als eine Grippe, die sich zu einer Lungenentzündung entwickelt hat, die sich nun in einem kritischen Stadium befindet. Ein spezieller Botschafter reiste Tag und Nacht, um die Neuigkeiten zu überbringen und sagte, daß wenn sich meine Abreise um einen Tag verzögere, es schon zu spät sein könnte. Ich muß schnellstmöglich aufbrechen. Ich fürchte, dass niemand hier sein wurde, um sich um alles zu kümmern. Ihr müßtet dann mit Tjiang-örl und Yün-örl zurechtkommen. So groß ihre Schwächen auch sein mögen, wenigstens sind sie Männer und können mit euch über alles reden, was draußen geschieht. In meinen Gemächern meiner Wenigkeit muß man sich nicht um viel kümmern. Tjiu-tung ist die ganze Zeit am Weinen und Klagen und sagt, daß sie gehen will, deshalb habe ich ihrer Familie gesagt, sie solle sie abholen. Das wird das Leben für Ping-örl immerhin erträglicher machen. Es ist niemand da, der sich um Tjiau-djiä kümmern kann, ich weiß, doch Ping-örl kommt gut mit ihr zurecht. Tjiau-djiä ist ein sehr einfühlsames Mädchen, doch hat sie einen noch härteren Charakter als ihre Mutter, deshalb hoffe ich, daß gnädige Frau sie weitgehend führen kann.“ Während er sprach, erröteten seine Augen verräterisch, und er nahm ein seidenes Taschentuch aus seiner Betelnußtasche am Bauch und tupfte sie damit ab. „Wenn ihre eigene Großmutter unmittelbar in der Nähe ist, warum vertraust du sie dann mir an?“, fragte die Dame Wang. „Wenn gnädige Frau sich so eine Haltung angewöhnen, kann ich mich genau so gut totschlagen!“, sagte Djia Liän zur Dame Wang mit leiser Stimme. „Ich werde nichts mehr sagen, ich bitte dich nur, nett zu meiner Wenigkeit zu sein und zu tun, was du kannst.“ Er kniete vor ihr. „Steh sofort auf!“, rief die Dame Wang, ihre Augen waren naß vor Tränen. „Was ist das für eine Art, wie Tante und Neffe miteinander reden? Eines sollten wir noch besprechen. Das Kind hat nun sein Alter erreicht. Wenn deinem Vater irgend etwas Unerwartetes zugestoßen ist und du zurückgehalten wirst und wenn in dieser Zeit eine angemessene Familie ein Heiratsangebot macht, soll ich damit dann auf deine Rückkehr warten, oder soll ich deine Mutter während deiner Abwesenheit entscheiden lassen?“ „Natürlich brauchst du nicht auf mich warten. Wenn die gnädigen Frauen hier sind, könnt ihr beide so entscheiden, wie ihr es für richtig haltet.“ – „Dann geh jetzt besser“, sagte Dame Wang. „Schreibe dem zweiten gnädigen Herrn [deinem Onkel Dschëng] eine Nachricht. Sag’ ihm, daß dein Vater in einem bedenklichen Gesundheitszustand ist und daß keine Männer im Haus sind. Bitte den zweiten gnädigen Herrn, die Beerdigungsriten für die alte Dame schnellstmöglich zu beenden und so zügig wie möglich nach Hause zu kommen.“ „Nun gut, Tante.“ Als er gerade gehen wollte, kehrte er noch einmal um und sagte: „Es sollten genug Diener im Haus sein. Doch es ist niemand im Garten. Der Ort ist zu verlassen, besonders da Bau Yung mit ihrem gnädigen Herrn [den Dschëns] zurückgegangen ist und zweite Herr Hsüä [Kë] und Frau Hsüä in ihr altes Gelände in der Nähe des Gartens gezogen sind, um in ihren eigenen Gemächern zu wohnen. Alle Gebäude im Garten sind leer und vernachlässigt. Die Gnädige Frau sollte jemanden schicken, der sich diesen Ort näher anschaut. Das Kloster Gefangenes Grün ist ein Familienstift, und da Miau-yü verschwunden ist, muß etwas mit ihren Begleitern geschehen. Die Oberin glaubt nicht, sie könne selbst eine Entscheidung treffen und möchte, daß jemand aus der Familie das übernimmt.“ „Das wird warten müssen“, antwortete die Dame Wang. „Wenn unser eigener Haushalt schon in solchem Chaos ist, sind wir nicht in der Lage, zusätzliche Verpflichtungen zu übernehmen. Das darfst du auf keinen Fall gegenüber dem vierten Fräulein [Hsi-tschun] erwähnen. Das würde sie nur in ihrem Vorhaben bestärken. Meine Güte, wie weit ist es nur mit uns gekommen? Eine Nonne in der Familie wäre eine Katastrophe!“ – „Das hätte meine Wenigkeit schon nicht selbst erwähnt“, sagte Djia Liän, „doch da die gnädige Frau es nun getan hat, sollte ich vielleicht meinen Rat anbieten. Das vierte Fräulein [Hsi-tschun] gehört trotz allem zum ostlichen [Ning-guo-] Anwesen der Familie. Von ihren Eltern lebt keiner mehr, ihr älterer Bruder wurde in die Verbannung geschickt, und sie und ihre Schwiegerschwester kommen schlecht miteinander aus. Meine Wenigkeit hat gehört, daß sie einige Male versucht hat, Selbstmord zu begehen. Wenn sie wirklich fest entschlossen ist, eine Nonne zu werden, und wir immer noch auf unserer Ablehnung beharren, wird sie sich wirklich das Leben nehmen. Und dann hätten wir sie ganz verloren!“ Die Dame Wang nickte: „Diese Last ist zu schwer für mich! Das gehört wirklich nicht zu meiner Verantwortung. Ich muß es ihrer Schwiegerschwester überlassen, das zu entscheiden.“ Djia Liän sagte noch etwas und brach dann auf. Er rief die Diener herbei und gab ihnen Anweisungen. Dann schrieb er einen Brief [an Djia Dschëng] und packte seine Sachen. Ping-örl bat ihn, gut auf sich acht zu geben, während Tjiau-djiä sehr traurig über die Abreise ihres Vaters war. Djia Liän formulierte seinen Wunsch, sie solle sich um [Onkel] Wang Jën kümmern, doch das wollte sie nicht. Und wie sie erfuhr, daß [Djia] Yün und [Djia] Tjiang außerhalb verpflichtet waren, war sie sehr widerspenstig und sagte nichts mehr. Sie verabschiedete sich von ihrem Vater und beschloß, zu Hause ein ruhiges Leben mit Ping-örl zu verbringen. Fëng-örl und Hsiau-hung waren seit Hsi-fëngs Tod völlig von der Rolle, in einem Moment wollten sie gehen, im anderen gaben sie vor, krank zu sein. Ping-örl hatte ein Mädchen aus einem anderen Zweig ihrer Familie hergebeten, um bei ihnen zu bleiben, zum Teil, um Tjiau-djiä Gesellschaft zu leisten, zum Teil, um sie zu erziehen, doch die einzigen Namen, die ihr einfielen, waren Hsi-luan und Si-djie-örl, die Liebste der Herzoginmutter, und von den beiden hatte Si-djie-örl kürzlich geheiratet, während Hsi-luan verlobt und kurz davor war, das Haus zu verlassen. Djia Yün und Djia Tjiang begleiteten Djia Liän hinaus und kamen dann wieder herein, um den Damen Hsing und Wang zu berichten. Die zwei Männer erfüllten ihre nächtlichen Pflichten im äußeren Studierzimmer, und während des Tages vergnügten sie sich mit den Dienern, veranstalteten Feste und luden verschiedene Freunde ein, die sich als Gastgeber stets abwechselten. Es gab sogar ernsthaftes Glücksspiel. Die Damen hatten davon natürlich keine Ahnung. Eines Tages kamen der ältere Onkel Hsing [Dë-tchüän] und Wang Jën vorbei. Wie sie erfuhren, daß Djia Yün und Djia Tjiang nun hier [im Jung-guo-Anwesen], und wie sie mitbekamen, wie sie ihre Zeit genossen, begannen sie regelmäßig, ‚nach dem Rechten zu sehen‘ und richteten ein regelmäßiges Trinken und Spielen im äußeren Studierzimmer ein. Alle derzeitigen Diener hatten entweder Djia Dschëng oder Djia Liän begleitet und die übrigen männlichen Diener waren Söhne und Neffen von Verwalter Lai und Lin, die nun dem leichten Leben zugeneigt waren, welches ihre Eltern ihnen zufällig vermacht hatten; sie interessierten sich recht wenig für die Grundsätze, wie ein Haushalt vernünftig geführt werden sollte. Da ihre Eltern fort waren, glichen sie jungen Hengsten, die man auf der Weide losgelassen hat. Und durch die zwei jüngeren Herren, die sie weiter anspornten, kannten ihre Vergnügen keine Grenzen. Unter dieser Herrschaft hätte das Familienmotto einfach lauten können: ‚Erlaubt ist, was gefällt.‘ Djia Tjiang hatte überlegt, Bau-yü einzuladen, doch Djia Yün verwarf die Idee schnell: „Der zweite Herr Bau ist ein absoluter Spaßverderber. Der würde nur Ärger machen. Vor ein oder zwei Jahren hatte ich die perfekte Hochzeit für ihn vorbereitet. Der Vater des Mädchens war ein Steuereintreiber aus einer der Provinzen, die Familie besaß mehrere Pfandhäuser, und das Mädchen selbst war einfach zuckersüß. Ich habe viele Strapazen auf mich genommen und ihm einen langen Brief geschrieben, doch die Mühe hätte ich mir sparen können. Er ist der reinste Spielverderber.“ Yün blickte um sich, um sicher zu gehen, daß niemand zuhörte und fuhr fort: „In Wirklichkeit hatte er schon seine neue Frau im Auge! Und dann war da noch Fräulein Lin [Dai-yü], davon mußt du gehört haben. Sie starb an gebrochenen Herzen, das ist allgemein bekannt. Und es war alles seine Schuld. Doch das ist eine andere Geschichte. Jedem gebührt sein eigenes Schicksal in der Liebe, nehme ich an. Alles dasselbe, ich sehe nicht ein, warum er böse auf mich sein und mir alles vermasseln sollte. Vielleicht glaubte er, ich würde in Schulden geraten oder so.“ Djia Tjiang nickte und gab die Idee auf, Bau-yü einzuladen. Was keiner von ihnen wußte, war, daß Bau-yü seit seinem Treffen mit dem Mönch völlig von seinen weltlichen Fesseln gelöst war. Während der Anwesenheit der Dame Wang benahm er sich so normal wie möglich, doch seine Beziehungen zu Bau-tschai und Hsi-jën waren um einiges kälter geworden. Die Mägde hatten von diesem Wandel nichts bemerkt und behandelten ihn wie vorher, wobei sie allerdings von Bau-yüs Seite ignoriert wurden. Er schien praktische Haushaltsangelegenheiten völlig vergessen zu haben. Und was seine Studien betrifft, wann immer die Dame Wang und Bau-tschai sich danach erkundigten, heuchelte er Strebsamkeit, doch in Wirklichkeit konnte er nur an den Mönch und seine rätselhafte Reise in das Feenreich denken. Jeder um ihn schien so unerträglich banal, und er begann, sich in seiner familiären Umgebung immer weniger wohl zu fühlen. Wenn er von Verpflichtungen befreit war, war es Hsi-tschun, die er als Begleitung aussuchte. Die beiden entdeckten immer mehr Gemeinsamkeiten, und ihre belebten Unterhaltungen festigten seinen Entschluß. Für Djia Huan und Djia Lan hatte er nur noch wenig Zeit. Djia Huan begann nun, da sein Vater von Zuhause fort und [seine Mutter], Frau Dschau, tot war, und seit die Dame Wang ihm nur noch wenig Aufmerksamkeit entgegenbrachte, sich zu Djia Tjiang und seinen Kumpanen hingezogen zu fühlen. Tsai-yün, die stets versuchte, ihn von seinem Vorhaben abzubringen, empfing nichts als Beschimpfungen für ihre Mühen. Yü-tschuan-örl bemerkte selbst, daß Bau-yü noch gestörter als zuvor war und fragte ihre Mutter, ob sie aus dem Dienst genommen werden könnte. Derzeit gelang es Bau-yü und Djia Huan auf ihre Weise, die Leute um sich herum abzuschrecken. Djia Lan saß im Gegensatz dazu fleißig studierend an der Seite seiner Mutter. Und wenn er einen Aufsatz beendet hatte, ging er damit zur Familienschule, um Kommentare des Lehrers zu erhalten. Zur Zeit war der Lehrer lange Zeit bettlägerig gewesen, und Djia Lan mußte ständig alleine arbeiten. [Seine Mutter] Li Wan mochte es immer friedlich und ruhig und, außer die Dame Wang und Bau-tschai zu treffen, tat sie weiter nicht viel, als zu Hause zu sitzen und Djia Lan bei seiner Arbeit zuzusehen. So ging das Leben im Jung-guo-Anwesen weiter, jeder ging seinen eigenen Geschäft nach, was Djia Huan, Djia Tjiang und der Gesellschaft die Freiheit ließ, ungestört fortzufahren. Bald hatten sie alles Familieneigentum heimlich verpfändet oder verkauft, um ihre unehrenhaften Geschäfte zu bezahlen. Djia Huan war am schlimmsten. Seine Hurerei und sein Spiel kannten keine Grenzen. Eines Tages wollten Hsing [Dë-tchüän] und Wang Jën, die bereits heiter trinkend im Studierzimmer waren Unterhaltung. Sie waren ganz berauscht und verlangten nach ein paar Singmädchen, die sie mit einigen Liedern unterhalten und ihnen beim Zechen Gesellschaft leisten sollten. „Das wird doch die reinste Orgie!“, protestierte Djia Tjiang scherzhaft. „Ich schlage vor, wir veranstalten ein Trinkspiel, um etwas in Stimmung zu kommen.“ Jeder hielt das für eine gute Idee. „Reich’ den Becher auf das Wort ‚Mond‘ weiter,“ schlug Djia Tjiang vor. „Ich nenne einen Vers und zähle, und wer das Wort ‚Mond‘ bekommt, muß trinken und zwei Verse nennen – einen Einleitungs- und einen Endvers – meinen Anweisungen folgend. Die Strafe sind drei große Becher.“ Jeder stimmte seinen Regeln zu. Zuerst trank Djia Tjiang einen Becher zum Auftakt und zitierte dann Li Bos Vers: „Die Pfauenbecher fliegen, der betrunkene Mond...“ Der ‚Mond‘ fiel auf Djia Huan. „Für den Einleitungsvers gib einen Vers mit ‚Cassia‘ “, sagte Djia Tjiang. Djia Huan zitierte einen Vers des Tang-Dichters Wang Djiän: „Kalter Tau benäßt still die Cassia-Blumen...“ – „Und Duft für den Endvers“, folgerte Djia Tjiang. Djia Huan war mit dem Vers eines weiteren Tang-Dichters an der Reihe, Sung Dschï-wën: „Hinter den Wolken weht ein himmlischer Duft...“. „Langweilig! Langweilig!“ beschwerte sich der ältere Onkel Hsing [Dë-tchüän]. „Hör’ auf rumzupoetisieren, Huan, alter Junge! Was weißt du schon von Poesie! Das macht überhaupt keinen Spaß. Es reicht, du machst mich krank! Wir machen Schluß und spielen lieber Fingerraten. Der Verlierer trinkt und singt ein Lied, eine doppelte Strafe. Wer nicht singen kann, muß statt dessen einen Witz erzählen. Doch es sollte besser ein lustiger sein.“ Alle stimmten dem neuen Vorschlag zu, und es gab einen großen Lärm, als sie begannen, die Finger auszuwürfeln. Wang Jën war der erste Verlierer. Er trank und sang ein Lied. „Bravo!“, riefen sie und machten weiter. Als nächstes verlor eines der Mädchen. Sie sang ein Lied mit dem Namen „Lilien-Fräulein-Zauberhaft“. Dann war Hsing [Dë-tchüän] an der Reihe. Jeder wollte, daß er ein Lied sang, doch er beharrte darauf, er sei taubstumm. „Dann erzähl’ uns einen Witz!“ – „Wenn keiner lacht,“ warnte ihn Djia Tjiang, „mußt du auch Strafe zahlen.“ Der ältere Onkel Hsing senkte den Becher und erzählte seine Geschichte: „Meine Damen und Herren: Es war einmal in einem bestimmten Dorf, da waren zwei Tempel, – ein Großer, dem Großen Gott des Nordens gewidmet und daneben ein Kleinerer, dem Dorfgott gewidmet. Der Große Gott lud den Dorfgott immer zum Plaudern ein. Eines Tages wurde ihm etwas aus seinem Tempel gestohlen, und er bat den Dorfgott, der Sache auf den Grund zu gehen. ‚Doch es gibt in dieser Gegend keine Diebe‘, protestierte der Dorfgott. ‚Es muß die Nachlässigkeit einer deiner Torwächter sein. Jemand muß sich hineingeschlichen und die Dinge gestohlen haben.‘ – ‚Unsinn!‘ antwortete der Große Gott. ‚Du hast zur Zeit Schulden. Wenn es einen Dieb gibt, trägst du die Verantwortung. Was soll denn das auch? Du solltest den Dieb besser suchen, als die Torwächter der Nachlässigkeit zu beschuldigen!‘ – ‚Was ich mit nachlässig meinte‘, verdrehte der Dorfgott, ‚ist, daß dein Tempel schlecht plaziert ist, die Drachenlinien müssen sich irren.‘ – ‚Ich wußte nicht, daß du über Fëngshuee Bescheid weißt‘, kommentierte der Große Gott ungläubig. ‚Erlaube mir, selbst nachzusehen‘, bot der Dorfgott an, ‚und wir werden sehen, was ich sehe.‘ Er ging um den Tempel, untersuchte jede Nische und jedes Versteck und nach einer Weile berichtete er: ‚Mein Herr, hinter deinem Thron ist eine doppelblättrige, rote Tür. Eine unsichere Konstruktion. Ich persönlich habe hinter meinem Thron eine stabile Steinmauer, deshalb wird mir nichts gestohlen. Du kannst dir in der jetztigen Situation einfach damit behelfen, an Stelle des Thrones eine Mauer zu bauen.‘ Dies erschien dem Großen Gott einleuchtend, und er wies die Torwächter an, Arbeiter zu rufen, die eine solche Mauer errichten sollten. ‚Doch wir können uns nicht einmal eine Kerze oder ein Weihrauchstäbchen für diesen Tempel leisten!‘, klagten die Torwächter. ‚Wie können wir uns dann Steine und Mörtel leisten und die Arbeiter bezahlen?‘ Dem Großen Gott fiel keine Lösung ein. Er trug ihnen auf, eine zu finden, doch sie waren zu ratlos dazu. Doch der Schildkrötengeneral, dessen ruhende Steinform zu Füßen des Großen Gottes lag, stand auf und sagte: ‚Ihr seid eine nutzlose Bande! Ich habe eine Idee: reißt die rote Tür nieder und benutzt meinen Bauch, um die Öffnung zu blockieren. Ich bin sicher, das wird seinen Zweck erfüllen.‘ – ‚Ein ausgezeichneter Plan!‘, riefen die Torwächter im Chor, ‚einfach, zuverlässig und umsonst!‘ So wurde der Schildkrötengeneral zur Rückwand, und es herrschte Frieden – eine Weile. Dann begannen wieder, Dinge aus dem Tempel zu verschwinden. Die Torwächter riefen den Dorfgott herbei und klagten: ‚Ihr habt uns Sicherheit garantiert, wenn wir eine Mauer errichten, doch nun seht, was geschehen ist! Wir haben eine Mauer und verlieren immer noch Dinge!‘ – ‚Die Mauer kann nicht stabil genug sein.‘ – ‚Schaut selbst nach,‘ forderten sie. Dies tat der Dorfgott. Die Mauer schien durchaus stabil. Das war seltsam. Dann fühlte er mit seiner Hand. ‚Aaah!‘, rief er, ‚kein Wunder! Ich meinte eine vernünftig gebaute Mauer. Ein alter Dieb könnte diese Mauer herunterdrücken (Djia Tjiang).‘ “ Alle lachten, sogar Djia Tjiang, dessen Name als Grundlage für diesen Witz diente. „Komm schon, Onkel Hsing!“, protestierte er. „Sei fair! Ich habe niemals etwas von Witzen auf Kosten von Namen gesagt! Dafür mußt du einen trinken!“ Der ältere Onkel Hsing, der bereits ein Blatt im Wind war, gab willig nach. Sie tranken alle noch ein paar Becher und im allgemeinen Rausch ließ der dumme Onkel einige boshafte Bemerkungen über seine Schwester [die Dame Hsing] los, während Wang Jën eine entwürdigende Erinnerung an seine Schwester [Hsi-fëng] beisteuerte, – beide waren voller Bitterkeit. Ihr Beispiel und der Wein verliehen Djia Huan mehr Mut, und auch er lieferte einen Beitrag, bemängelte, wie herzlos Hsi-fëng gewesen sei und wie sie versucht habe, so viele ihrer Leben zu ruinieren. „Ja, die Leute sollten allgemein mehr Anstand zeigen“, stimmten alle ein. „Wie sie den Einfluß der alten Dame genutzt hat, jeden zu schikanieren, war furchtbar. Sie war starr, ohne einen Erben zu gebähren. Sie hatte nur eine Tochter. Vergeltung noch zu Lebzeiten!“ Djia Yün, der sich nur zu gut daran erinnern konnte, wie grob Hsi-fëng einst zu ihm war und wie Tjiau-djiä-örl immer anfing zu brüllen, wenn sie ihn erblickte, verfiel dem herrschenden Ton und gab auch seine Schmähungen zum Besten. Djia Tjiang wollte die rachsüchtige Gesellschaft wieder etwas aufheitern: „Laßt uns lieber noch einen Becher trinken! Das Gerede führt doch zu nichts!“ – „Wie alt ist denn das Mädchen, das du erwähnt hast?“, erkundigten sich die beiden Gesangsmädchen. „Ist sie hübsch?“ – „Oh ja“, antwortete Djia Tjiang, „sehr sogar. Sie ist etwa dreizehn.“ – „In diesem Fall ist es eine Schande, daß sie in eine Familie wie eure hineingeboren wurde,“ bemerkten die Mädchen, „wenn sie nur aus einem ehrbaren Haus wäre, könnte sie eine Stellung erreichen, wodurch sie für ihre Familie gute Arbeit finden und haufenweise Geld bringen würde.“ – „Was meinst du?“ – „Wir kennen einen bestimmten mongolischen Prinzen“, antworteten die Mädchen, „er ist wirklich ein Mann der Damen. Er sucht nach einer Konkubine, und die Dame, die seinen Vorstellungen entspricht, könnte mit ihrer ganzen Familie im Palast leben. Was für ein unsagbares Glück das für jemanden wäre!“ Keiner von ihnen schien wirklich zuzuhören, mit Ausnahme von Wang Jën, der sehr nachdenklich aussah. Zunächst sagte er nichts und trank weiter. Ein wenig später kamen zwei junge Männer herein, jüngere Söhne der Verwalter Lai und Lin. „Ihr scheint euch die Zeit gut zu vertreiben, ihr Herren, in Anbetracht der Umstände“, riefen sie. Jeder erhob sich, um sie zu grüßen. „Wo wart ihr zwei denn so lange? Wir haben so lange auf euch gewartet.“ Sie erklärten: „Am frühen Morgen hörten wir das üble Gerücht, unsere Familie sei wieder in ernsthaften Schwierigkeiten; also eilten wir hin, um zu sehen, welche Neuigkeiten im Palast herauszufinden seien. Es stellte sich heraus, daß es gar nichts mit unserer Familie zu tun hatte.“ Alle fragten: „Wenn dem so ist, warum seid ihr dann nicht direkt hergekommen?“ Die beiden erklärten: „Es betraf nicht genau unsere Familie, doch es hat etwas mit uns zu tun. Es war dieser Herr Djia Yü-tsun. Als wir am Palast waren, sahen wir ihn in Ketten gelegt. Man sagte uns, er würde zum Hohen Gericht zu einem Verhör gebracht. Wir wußten, daß er hier regelmäßig zu Besuch war und fürchteten, daß uns dieser Fall doch beträfe, deshalb folgten wir ihm, um zu sehen, was dabei heraus käme.“ „Gut bedacht, Männer!“, rief Djia Yün. „Wir sind euch zu Dank verpflichtet. Setzt euch, trinkt etwas und erzählt uns davon.“ Die zwei setzten sich nach höflicher Zurückhaltung und fuhren trinkend fort: „Dieser Herr Yü-tsun ist bestimmt ein fachverständiger Mann und weiß, wie man die Fäden zu ziehen hat. Bis jetzt hatte er das immer gut getan. Doch er hat einiges Schmiergeld genommen und wurde verraten. Wie wir alle wissen, ist unser derzeitiger erhabener Herrscher überaus weise, mitleidig und wohltätig. Es gibt nur eine Sache, die ihn wirklich erzürnt, und das ist Korruption, jede Form tyrannischen oder schikanierenden Benehmens. Daher beschloß seine Majestät, daß der Beschuldigte in diesem Fall festgenommen und vor Gericht gebracht werden solle. Wenn er für schuldig befunden wird, sieht es sehr schlecht für ihn aus. Wird er frei gesprochen, dann geraten die Männer, die ihn angeklagt haben, in Schwierigkeiten. Es ist überaus beruhigend zu sehen, in welch gerechten Zeiten wir leben! Glückliche Zeiten auf jeden Fall für Beamte.“ – „Wie dein älterer Bruder“, sagten die Männer und bezogen sich dabei auf den ältesten Sohn des Verwalters Lai Da, Lai Shang-jung. „Er ist Bezirksmagistrat. Er hat wohl für sich ausgesorgt.“ „Wohl wahr“, antwortete der junge Lai, „doch sein Verhalten läßt durchaus zu wünschen übrig, fürchte ich. Seine Stellung wird er nicht so lange behalten.“ – „Hat er sich selbst in einen Engpaß getrieben?“ Lai nickte und senkte sein Glas. „Was für andere Neuigkeiten habt ihr aus dem Palast mitgebracht?“, fragten sie die beiden. „Ach, nicht viel. Eine Zahl Verbrecher an der Küste wurde festgenommen und zum Hohen Gericht geschickt. Während ihrer Verhandlung haben sie wohl sämtliche Mitwirkenden bekannt gegeben, die hier in der Stadt ansässig sind, die alles beobachten und auf eine gute Gelegenheiten für weitere Verbrechen warten. Glücklicherweise haben die zivilen und militärischen Autoritäten hier soweit alles im Griff und sind ihrem Dienst für den Thron so ergeben, daß alle kriminellen Elemente sicher kontrolliert werden.“ – „Wenn ihr von solchen Fällen gehört habt, vielleicht gibt es etwas Neues von unserem Diebstahl?“, fragten die Männer. „Ich fürchte nicht,“ war die Antwort, „ich hörte nur etwas von einem Mann aus den inneren Provinzen, der sich hier in der Stadt dafür Ärger einhandelte, daß er eine Frau entführte und mit ihr an die Küste verschwand. Sie setzte sich zur Wehr und das endete mit ihrem Tod. Sie nahmen ihn an der Grenze fest und richteten ihn auf der Stelle hin.“ – „War jene Miau-yü sowieso aus dem Kloster Gefangenes Grün nicht unter ähnlichen Umständen entführt worden?“ warf einer der anderen ein. „Könnte sie es nicht gewesen sein?“ – „Sie war es“, murrte Djia Huan. „Woher weißt du das?“, fragten sie ihn. „Sie war eine äußerst unsympathische Person“, sagte Djia Huan. „Sie hielt sich selbst immer für etwas Besseres. Sie mußte nur Bau-yü anschauen, da lächelte sie schon über das ganze Gesicht. Doch meine Existenz hat sie nie zur Kenntnis genommen. Ich hoffe, sie war es!“ „Es werden ständig Leute entführt“, kommentierte jemand. „Es könnte genau so gut jemand anderes gewesen sein.“ „Ich kann mir gut vorstellen, daß sie es war“, sagte Djia Yün. „Vorgestern habe ich gehört, daß eine der Nonnen in der Herberge einen Traum hatte, in welchem Miau-yü ermordet wurde.“ Das wurde mit Spott aufgenommen: „Träume kann man doch nicht ernst nehmen.“ „Traum oder nicht Traum, das ist mir alles gleich“, protestierte der ältere Onkel Hsing. „Laßt uns lieber erst zu Abend essen und dann eine ordentliche Partie spielen.“ Das wurde allgemein begrüßt und, sobald sie ihr Essen beendet hatten, spielten sie intensiv. Bis nach Mitternacht waren sie damit beschäftigt, als sie in den inneren Gemächern einen plötzlichen Aufruhr hörten. Sie wurden schließlich informiert, daß das vierte Fräulein [Hsi-tschun] mit der ersten gnädige Frau Dschën gestritten hatte und das Ergebnis war, daß sie ihr ganzes Haar abgeschnitten hatte und zu den Damen Hsing und Wang gerannt war. Dort verbeugte sie sich und flehte sie an, ihrem Wunsch nachzugeben. Wenn nicht, so drohte sie, sich sofort das Leben zu nehmen. Die beiden Damen Hsing und Wang waren mit ihren Nerven am Ende und schickten nach Djia Tjiang und Djia Yün, um einzugreifen. Djia Yün wußte aber, daß dies etwas war, das sie [Hsi-tschun] schon längst hätte tun sollen, spätestens seit der fatalen Nacht der Plünderung, als ihr allein die Verantwortung des Hauses übertragen worden war, und ihm schien es, daß es kaum noch Hoffnung gab, sie davon abbringen zu können. Er besprach es mit Djia Tjiang: „Die gnädige Frau [Wang] sagt, wir sollen eingreifen, doch ich wüßte nicht, wie wir etwas erreichen könnten. Das ist eine schwere Verantwortung, und sie wollen sie auf uns abwälzen. Wir müssen uns einiges einfallen lassen, um sie [Hsi-tschun] von ihrem Plan abzubringen, und dann, wenn sie nicht zuhören will, müssen wir sie den Damen wieder übergeben. Währenddessen schreibe ich dem zweiten Onkel Liän einen Brief, der uns von aller Schuld befreit.“ Sie stimmten beide seinem Plan zu, riefen die Damen Hsing und Wang und versuchten nun, Hsi-tschun zu überzeugen. Wie vorhergesagt, blieb Hsi-tschun hartnäckig. Wenn sie in keinen Konvent außerhalb des Familiengrundstücks flüchten könne, würde sie sich, wie sie sagte, einige stille Zimmer einrichten, worin sie ihre Sutras rezitieren und ihre Gebete aufsagen konnte. So konnte Frau You sehen, daß die Tanten nicht in der Lage waren, diese Verantwortung zu übernehmen. Ihre eigene Angst, daß Hsi-tschun Selbstmord begehen könnte, war sie los, und sie zwang sich selbst zu einem Kompromiß. „Ich werde sehen, daß ich die Schuld auf mich nehme. Nun gut. Laß sie sagen, daß ich es war, der ich die Schwester meines eigenen Mannes nicht geduldet habe und sie in die Schwesternschaft getrieben habe. Was kümmert es mich? Doch ich kann ihr nicht gestatten, das Haus zu verlassen. Das steht außer Frage. Sie wird hier bleiben müssen. Die gnädige Frauen [Hsing und Wang],, ich bitte Sie, meine Entscheidung zu bezeugen. Älterer Bruder [Djia] Tjiang, schreibe bitte einen Brief, worin du deinem ersten gnädigen Herrn Dschën und dem zweiten Onkel [Liän] mitteiltest, was vorgefallen ist.“ Djia Tjiang und Djia Yün stimmten Frau Yous Entscheidung zu. Doch um zu erfahren, ob die Damen Hsing und Frau Wang dies auch taten, muß man das nächste Kapitel lesen.