Hongloumeng/de/Chapter 22
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Kapitel 22
听曲文宝玉悟禅机
制灯谜贾政悲谶语
Djia Liän hatte also gehört, wie Hsi-fëng sagte, sie wolle etwas mit ihm besprechen, darum blieb er stehen und fragte: „Worum geht es denn?“ „Am einundzwanzigsten hat Kusine Bau-tschai Geburtstag“, sagte Hsi-fëng. „Wie wollen wir das feiern?“ „Was weiß denn ich?“ entgegnete Djia Liän. „Du hast doch schon oft genug auch große Geburtstage ausgerichtet, und jetzt weißt du nicht, was du machen sollst?“ „Für große Geburtstage gibt es feststehende Regeln“, sagte Hsi-fëng, „aber dies ist weder ein großer noch ein kleiner, darum wollte ich mit dir darüber sprechen.“ Djia Liän dachte lange mit gesenktem Kopf nach, ehe er endlich sagte: „Was bist du nur heute dumm! Wir haben doch ein Muster, nach dem wir uns richten können, und das ist Dai-yü. So, wie ihr Geburtstag immer gefeiert wurde, wird jetzt auch Bau-tschais Geburtstag gefeiert, und damit ist die Sache in Ordnung!“ „Als ob ich das nicht selber wüßte!“ erwiderte Hsi-fëng mit kühlem Lächeln. „Eigentlich hatte ich es mir auch so gedacht, aber gestern war ich dabei, als sich die alte gnädige Frau nach dem Alter und den Geburtstagen von allen erkundigte, und da hörte ich, daß Kusine Bau-tschai in diesem Jahr fünfzehn wird. Das ist zwar kein runder Jahrestag, aber sie kommt doch damit ins heiratsfähige Alter, und die alte gnädige Frau hat gesagt, sie wolle ihr den Geburtstag ausrichten. Ich denke mir, wenn sie das wirklich tut, muß das etwas anderes werden als die Geburtstagsfeiern für Dai-yü.“ „Wenn das so ist, muß es eben etwas üppiger zugehen als auf den Geburtstagen von Dai-yü“, meinte Djia Liän. „So habe ich mir das auch vorgestellt“, sagte Hsi-fëng. „Und gerade deshalb wollte ich hören, was du dazu sagst. Hätte ich das Fest auf eigene Faust üppiger gestaltet, dann hättest du mir wieder einmal vorgeworfen, ich hätte das vorher sagen müssen.“ „Hör auf!“ verlangte Djia Liän lächelnd. „Wozu diese falsche Rücksichtnahme? Mir reicht es, wenn du mich nicht kontrollierst, wie sollte ich da dir noch Vorschriften machen?“ Und damit ging er jetzt wirklich fort, und es soll hier nicht weiter von ihm die Rede sein. Da Hsiang-yün schon einige Tage im Jung-guo-Anwesen verbracht hatte, wollte sie jetzt nach Hause zurückkehren, aber die Herzoginmutter forderte sie auf: „Warte Bau-tschais Geburtstag ab und sieh dir die Theaterschau an, ehe du fährst!“ Also mußte Hsiang-yün noch dableiben, aber sie schickte jemanden zu sich nach Hause, um zwei Nadelarbeiten holen zu lassen, die sie einmal angefertigt hatte und die sie nun Bau-tschai zum Geburtstag schenken wollte. Seitdem Bau-tschai im Jung-guo-Anwesen lebte, hatte die Herzoginmutter an ihrer ernsthaften und friedfertigen Art Gefallen gefunden. Und als Bau-tschais Geburtstag jetzt zum ersten Mal festlich begangen werden sollte, spendierte die Herzoginmutter zwanzig Liang Silber und ließ Hsi-fëng rufen, um ihr die Summe zu übergeben, damit sie eine Weintafel herrichtete und für eine Theatervorführung sorgte. Hsi-fëng aber machte sich einen Spaß daraus, ihr lächelnd zu sagen: „Niemand hat etwas dagegen, wenn die alte Ahne den Kindern Geburtstagsfeiern ausrichtet und wenn es dabei Wein und Theaterspiele geben soll. Aber wenn Euch das Vergnügen bereitet und wenn Ihr wollt, daß es fröhlich dabei zugeht, müßt Ihr Euch das schon etwas kosten lassen! Ihr gebt mir hier großartig lumpige zwanzig Liang Silber, das heißt doch nichts anderes, als daß ich den Rest dazuzahlen soll. Ich würde ja nichts sagen, wenn Ihr nichts hättet, aber Ihr habt ja Gold und Silber, rundes und flaches, in solchen Mengen, daß es die Kisten sprengt, und doch wollt Ihr uns ausnehmen. Wenn ich hier in die Runde sehe, sind wir doch alle Eure Kinder. Wird Bau-yü denn der einzige sein, der eines Tages vorangeht, um Euch auf den Berg Wu-tai zu geleiten, daß Ihr Euren ganzen Privatbesitz nur ihm allein hinterlassen wollt? Auch wenn wir nichts taugen, müßt Ihr doch nicht so hart zu uns sein! Reicht das vielleicht für Wein? Reicht das vielleicht für eine Theatervorführung?“ Alles brach darüber in Gelächter aus, und auch die Herzoginmutter lachte, als sie nun sagte: „Hört euch nur dieses Schandmaul an! Ich bin gewiß nicht auf den Mund gefallen, aber gegen dieses Äffchen komme ich nicht an. – Auch deine Schwiegermutter wagt es nicht, sich auf einen Streit mit dir einzulassen, so wie du immer gleich losrasselst.“ „Meine Schwiegermutter hängt genauso an Bau-yü wie Ihr selbst, bei ihr kann ich mich also nicht beklagen. Wie soll es da Streit geben?“ parierte Hsi-fëng und brachte die Herzoginmutter gleich noch einmal zum Lachen, die sich köstlich amüsierte. Am Abend, als es dunkel geworden war und alle sich noch bei der Herzoginmutter aufhielten, um miteinander zu plaudern, erkundigte sich die Herzoginmutter bei Bau-tschai, was für Theaterstücke sie gern sehen wolle und was sie sich zum Essen wünsche. Nun wußte Bau-tschai sehr gut, daß die Herzoginmutter als alter Mensch solche Stücke am meisten mochte, in denen es recht lebhaft zuging, und daß sie am liebsten süße und weiche Speisen aß, darum entsprachen ihre Antworten genau dem, was der Herzoginmutter selber gefiel. Und darüber freute sich diese ganz besonders. Am nächsten Tag wurden Bau-tschai Kleider, Spiele und andere Geschenke hinübergeschickt, an denen auch Dame Wang, Hsi-fëng, Dai-yü und die anderen ihren unterschiedlichen Anteil hatten, aber das muß hier nicht unnötig beschrieben werden. Am einundzwanzigsten war bei der Herzoginmutter im Innenhof eine niedliche Bühne für den Hausgebrauch aufgeschlagen, und eine neue Truppe kleiner Schauspielerinnen war bestellt, die den Kun-tjü-Stil und den I-yang-Stil beherrschte. Im Hauptraum des Hauses waren mehrere Tafeln für eine Familienfeier gedeckt. Kein einziger Fremder wurde erwartet. Außer Tante Hsüä, Hsiang-yün und Bau-tschai gehörten alle zum eigenen Haushalt. Als Bau-yü am Morgen aufstand und Dai-yü nirgends zu sehen war, ging er in ihr Zimmer, um sie zu suchen. Er fand sie noch auf dem Ofenbett und forderte sie lächelnd auf: „Steh auf und komm essen, die Theatervorstellung fängt bald an! Welche Szenen möchtest du gern sehen? Ich werde sie für dich aussuchen!“ „Da müßtest du schon eine eigene Truppe bestellen, die mir vorspielt, was ich sehen möchte“, sagte Dai-yü abweisend, „und mich nicht bloß fragen, um dich in fremdem Glanz zu sonnen!“ „Das macht keine Schwierigkeiten“, erwiderte Bau-yü lächelnd darauf. „Das können wir schon morgen machen, und dann können sich die andern in unserm Glanz sonnen.“ Und schon zog er sie hoch und ging Hand in Hand mit ihr zum Essen hinüber. Als nach dem Essen die Theaterszenen ausgewählt wurden, bestand die Herzoginmutter darauf, daß Bau-tschai sich als erste etwas aussuchen sollte. Bau-tschai sträubte sich zwar dagegen, aber es half ihr nichts, und so wählte sie eine Szene aus der Reise nach dem Westen . Darüber freute sich die Herzoginmutter natürlich, und nun befahl sie, Hsi-fëng solle etwas aussuchen. Hsi-fëng wußte ebenfalls, daß die Herzoginmutter turbulente Stücke mochte, aber auch, daß ihr Possen und Späße noch lieber waren, und so wählte sie die Szene ‚Liu Örl versetzt seine Kleider‘, und tatsächlich freute sich die Herzoginmutter darüber erst recht. Jetzt befahl sie, Dai-yü solle etwas aussuchen, aber diese verzichtete zugunsten von Tante Hsüä und Dame Wang. Da sagte die Herzoginmutter: „Heute will ich mit euch zusammen lustig sein, und wir wollen uns nur um uns selber kümmern, nicht um die andern! Lasse ich vielleicht für sie hier Theater spielen und Wein auftragen? Wenn sie hier umsonst zusehen und mittrinken dürfen, ist das gerade genug. Sollen sie sich vielleicht auch noch die Stücke aussuchen dürfen?“ Ihre Worte brachten alle zum Lachen, und nun fügte sich Dai-yü und wählte ebenfalls eine Szene aus. Danach kamen auch Bau-yü, Hsiang-yün, Ying-tschun, Tan-tschun, Hsi-tschun und Li Wan an die Reihe, und anschließend wurden die bisher gewünschten Szenen gespielt. Als später der Wein aufgetragen wurde, befahl die Herzoginmutter, Bau-tschai solle noch etwas aussuchen, und sie wählte die Szene ‚Der betrunkene Lu Dschï-schën randaliert auf dem Wu-tai-Berg‘ . „Immer mußt du so etwas aussuchen!“ beklagte sich Bau-yü. „Du hast all die Jahre vergeblich Theateraufführungen gesehen, wenn du nicht weißt, wie gut diese Szene ist“, sagte Bau-tschai. „Nicht nur die Ausstattung ist schön, der Text ist noch besser.“ „Aber ich habe von jeher eine Abscheu vor solchem Klamauk“, beharrte Bau-yü. „Wenn du diese Szene als Klamauk bezeichnest“, sagte Bau-tschai lächelnd, „zeigt das nur, daß du keine Ahnung hast. Komm, ich will es dir erklären! Dem Stil nach ist es ‚Die roten Lippen betupfen‘ auf nördliche Art und klingt metallisch-scharf moduliert, die Melodie ist also gut. Und im Text gibt es eine Arie auf die Melodie ‚Schlingpflanzen‘, die ganz ausgezeichnet ist. Aber woher solltest du das schon wissen!“ Als Bau-yü hörte, wie Bau-tschai das Stück lobte, rückte er näher zu ihr heran und bat: „Rezitier mir die Arie, Kusinchen!“ Und Bau-tschai sprach: „Die Tränen hab ich weggewischt, das Haus des Gastfreunds verlassen. Habt Dank für eure Barmherzigkeit, die ihr mein Haupt zur Tonsur geschoren! Doch nicht im Kloster ist mein Platz, drum geh ich jetzt wieder von dannen. Nackt und bloß zieh ich einher, und nichts vermag mich zu halten. Ein Umhang aus Schilf, aus Bambus ein Hut ist alles, was ich begehre. In Sandalen aus Stroh, die Patra zerbrochen, so bettle ich mich durch die Welt.“ Bau-yü schlug sich vor Begeisterung mit der Hand aufs Knie, zeichnete die Szene im Repertoirzettel mit einem Kringel an, und sein Lob fand kein Ende. Auch Bau-tschai lobte er, weil es kein Buch gebe, das sie nicht gelesen habe. „Sei doch still und schau zu!“ mahnte ihn da Dai-yü. „Die Szene ‚Am Klostertor‘ war noch nicht dran, aber du spielst schon ‚Yü-tschï Gung stellt sich verrückt‘.“ Hsiang-yün lachte laut auf über diese Worte. Dann schauten alle wieder dem Spiel zu. Als das Fest am Abend zu Ende ging, befahl die Herzoginmutter, man solle ihr die kleine Schauspielerin vorführen, die die Heldenrollen gespielt hatte, und eine andere, die als Spaßmacher aufgetreten war, weil sie an diesen beiden das größte Gefallen gefunden hatte. Aus der Nähe betrachtet, erschienen sie ihr noch liebenswerter, und sie erkundigte sich nach ihrem Alter. Da war die kleine Heldin erst elf und die kleine Spaßmacherin sogar erst neun Jahre alt. Alle seufzten vor Mitgefühl, und die Herzoginmutter befahl, die beiden mit Fleisch und mit Obst zu bewirten und ihnen zwei Schnüre Münzen zu schenken. „Wenn man dieses Mädchen ein bißchen zurechtmacht, sieht sie jemandem zum Verwechseln ähnlich, findet ihr nicht?“ sagte Hsi-fëng über das eine der beiden. Bau-tschai wußte, wen sie meinte, und lächelte nur stumm. Auch Bau-yü fand es heraus und wagte es nicht zu sagen. Hsiang-yün aber platzte lachend heraus: „Ja, ganz wie Dai-yü sieht sie aus!“ Bau-yü warf Hsiang-yün noch rasch einen Blick zu und versuchte, ihr ein Zeichen zu machen, aber schon hatten es alle gehört. Sie stellten ihre Vergleiche an und meinten lachend: „Es stimmt tatsächlich!“ Bald darauf gingen sie auseinander. Als Hsiang-yün sich dann am Abend umzog, befahl sie Tsuee-lü, sie solle den Kleidersack öffnen und alles aufräumen und einpacken. „Warum habt Ihr es so eilig?“ fragte Tsuee-lü. „Ist es nicht früh genug, wenn ich am Abreisetag packe?“ „Wir fahren morgen in aller Frühe!“ sagte Hsiang-yün. „Was soll ich hier? Mir ansehen, wie man die Nase rümpft und die Augen verdreht?“ Bau-yü, der ihre Worte gehört hatte, trat rasch näher, faßte sie am Ärmel und sagte: „Du verdächtigst mich zu Unrecht, Kusinchen! Dai-yü ist empfindlich, und deshalb hat auch niemand etwas gesagt, weil jeder fürchtete, sie würde es übelnehmen. Du aber warst so unvorsichtig, es auszusprechen, da mußte sie dir natürlich böse sein. Ich hatte nur Angst, du würdest sie beleidigen, darum habe ich dir ein Zeichen gegeben. Wenn du mir jetzt böse bist, ist das nicht nur undankbar, sondern auch ungerecht. Bei jedem andern hätte mich das nicht gekümmert, und wenn er selbst zehn Leute beleidigt hätte!“ Hsiang-yün schüttelte seine Hand ab und erwiderte ihm: „Mich wickelst du nicht mit schönen Worten ein, ich bin nicht Dai-yü! Andere dürfen über sie sprechen und sich über sie lustig machen, und wenn ich von ihr spreche, ist das gleich ein Vergehen. Ich bin nicht würdig, von ihr zu sprechen, denn sie ist ein Fräulein, das zu den Herrschaften gehört, und ich bin ein Sklavengör! Wie darf ich es wagen, sie zu beleidigen, ...“ „Aber es ging mir doch um dich!“ fiel ihr Bau-yü aufgeregt ins Wort. „Und jetzt machst du daraus, daß ich dir ein Vergehen vorwerfen wollte. Wenn ich eine schlechte Absicht gehabt habe, will ich doch gleich zu Staub werden, und alle Leute sollen mich mit Füßen treten!“ „Red im Neujahrsmonat nicht solchen Unfug daher!“ sagte Hsiang-yün. „Solche unsinnigen Schwüre und leichtfertigen Reden kannst du bei andern anbringen, die immer gleich aufbrausen und böse sind und dich in Schranken zu halten wissen. Zwing mich nicht, vor dir auszuspucken!“ Und damit ging sie geradeswegs hinaus und in die Innengemächer der Herzoginmutter hinüber, wo sie sich wütend hinlegte. Verärgert begab sich Bau-yü auf die Suche nach Dai-yü, aber als er eben vor ihrer Türschwelle stand, schob Dai-yü ihn zurück und machte die Tür zu. Bau-yü verstand nicht, was das bedeuten sollte, und rief leise durchs Fenster: „Kusinchen!“ Aber Dai-yü reagierte nicht darauf. Betroffen blieb er stehen und ließ unschlüssig den Kopf hängen. Hsi-jën wußte längst, worum es ging, aber sie wußte auch, daß es jetzt keinen Zweck hatte, ihm zuzureden. Während Bau-yü noch mit dummer Miene dastand, glaubte Dai-yü, er sei in sein Zimmer gegangen, und machte die Tür wieder auf. Als sie sah, daß er noch da war, konnte sie die Tür nicht gut wieder zumachen, also ging sie nur hinein und legte sich auf ihr Bett. Bau-yü ging ihr nach und sagte: „Alles hat seinen Grund, und wenn man ihn erklärt, wird sich niemand ungerecht behandelt fühlen. Welchen Grund hast du also, böse zu sein, nachdem eben noch alles gut war?“ „Das fragst du mich?“ sagte Dai-yü mit kühlem Lächeln. „Was weiß denn ich für einen Grund? Ihr habt euch doch über mich lustig gemacht und habt mich mit dem Schauspielermädchen verglichen, um etwas zum Lachen zu haben.“ „Ich nicht! Ich habe dich nicht mit ihm verglichen, und ich habe mich auch nicht über dich lustig gemacht“, sagte Bau-yü. „Warum also bist du auf mich böse?“ „Du brauchtest auch gar keine Vergleiche anzustellen und brauchtest dich nicht über mich lustig zu machen. Und doch warst du schlimmer als die, die es getan haben“, warf Dai-yü ihm vor. Bau-yü wußte nicht, was er dagegen sagen sollte, und verhielt sich still. Da fuhr Dai-yü fort: „Das wäre ja noch zu verzeihen, aber warum hast du Hsiang-yün zugeblinzelt? Was wolltest du damit sagen? Das sollte wohl heißen, sie könnte sich etwas vergeben, wenn sie ihren Spott mit mir treibt? Sie ist ein gnädiges Fräulein aus einem Fürstenhaus, und ich bin nur ein armes Kind aus dem Volke. Wenn sie ihren Spott mit mir treibt und ich darauf pariere, hätte sie sich vor allen Leuten eine Blöße gegeben. So hattest du es doch gemeint, oder nicht? Das ist deine gute Absicht gewesen. Nur hat sie deine gute Absicht leider nicht erkannt und ist böse geworden. Und dann sagst du, ich spielte mich auf, ich sei aufbrausend, ich sei immer gleich böse, und hattest Angst, sie würde mich beleidigen und ich würde ihr böse sein. Was geht es dich an, wenn ich ihr böse bin? Und was geht es dich an, wenn sie mich beleidigt?“ An diesen Worten erkannte Bau-yü, daß Dai-yü sein Gespräch mit Hsiang-yün gehört hatte, und er mußte sich sagen, daß er in seinem Versuch, zwischen den beiden zu vermitteln, wie er es eigentlich vorgehabt hatte, damit aus der Sache kein Streit entstand, gescheitert war und statt dessen von allen beiden in seinen wahren Absichten verkannt und deshalb geschmäht worden war. Das erinnerte ihn an die Sätze, die er neulich im Buch vom Südlichen Blütenland gelesen hatte: „Wer geschickt ist, plagt sich ab, und wer klug ist, hat Sorgen. Wer nichts kann, kennt kein Streben, er ißt sich satt und streift müßig umher, unstet wie ein nicht vertäutes Boot.“ Außerdem hieß es dort noch „Die Gebirgsbäume sind selbst daran schuld, daß man sich an ihnen vergreift; die Quelle ist selbst daran schuld, daß man sie beraubt.“ Je länger er darüber nachdachte, desto mehr verdroß ihn die Sache, und er fragte sich: „Jetzt sind es nur die beiden, und ich komme nicht mit ihnen aus, was will ich da erst in Zukunft machen?“ Es schien ihm sinnlos, hier noch zu streiten oder auch nur zu antworten, darum machte er kehrt und ging in sein Zimmer. Als Dai-yü ihn fortgehen sah, meinte sie, daß ihm die Sache bei gründlichem Nachdenken leid geworden sei. Aber daß er jetzt wütend und ohne ein Wort hinausging, regte sie desto mehr auf, und so sagte sie: „Geh nur! Und komm dein Leben lang nicht wieder her! Und sprich auch nie wieder mit mir!“ Ohne sie zu beachten, ging Bau-yü in sein Zimmer, legte sich aufs Bett und starrte vor sich hin. Hsi-jën wußte sehr gut, was vorgefallen war, aber sie wollte nicht daran rühren. Statt dessen wollte sie versuchen, Bau-yü auf andere Weise zu besänftigen. „Nach der heutigen Theatervorführung wird es wohl noch ein paar solcher Tage geben“, sagte sie. „Bestimmt wird Fräulein Bau-tschai eine Gegeneinladung aussprechen.“ „Wen interessiert es schon, ob sie das tut oder nicht!“ gab Bau-yü kühl zurück. Seine veränderte Stimmung klang deutlich genug aus diesen Worten heraus, und so fragte Hsi-jën lächelnd: „Was soll denn das heißen? Alle sind lustig und vergnügt in dem schönen Neujahrsmonat, und du nicht?“ „Was hat das mit mir zu tun, wenn alle lustig und vergnügt sind?“ sagte Bau-yü immer noch abweisend. „Aber wäre es nicht besser für alle, wenn du genauso entgegenkommend wärst wie sie?“ fragte Hsi-jën lächelnd. „Was heißt alle?“ gab Bau-yü zurück. „Alle, das sind sie, aber ohne mich. ‚Nackt und bloß zieh ich einher, und nichts vermag mich zu halten...‘“ Und unwillkürlich kamen ihm bei diesen Worten die Tränen. Bei diesem Anblick hielt es Hsi-jën für besser, nichts mehr zu sagen, Bau-yü grübelte weiter über die Verszeile nach und begann laut zu weinen. Dann aber drehte er sich herum und stand auf, ging an den Tisch und griff nach dem Schreibpinsel, um das Gatha zu schreiben: „Du erkennst, und ich erkenne, mit dem Herzen, mit dem Sinn. Das Nichts zu erkennen ist wahre Erkenntnis. Unsagbares Erkennen gibt mir erst Halt.“ Und weil er glaubte, er selbst sei zwar zur Erkenntnis gelangt, die anderen aber würden die Verse vielleicht nicht verstehen, schrieb er auf die Rückseite noch ein Gedicht in der Manier der „Schlingpflanzen“. Anschließend las er das Ganze noch einmal durch, und da er meinte, nun könne es keinen Zweifel mehr geben, legte er sich zufrieden schlafen. Dai-yü aber, die gesehen hatte, mit welch entschlossener Miene Bau-yü von ihr fortgegangen war, kam jetzt unter dem Vorwand, Hsi-jën zu suchen, herüber und wollte sehen, wie es um ihn stand. Hsi-jën berichtete ihr, Bau-yü schlafe bereits, und schon wollte Dai-yü wieder gehen, als Hsi-jën sie lächelnd bat: „Wartet noch, Fräulein! Er hat da einen Zettel geschrieben, seht einmal nach, was darauf steht!“ Und leise ging sie das Blatt mit den Versen holen, die Bau-yü geschrieben hatte, und reichte es Dai-yü. Als Dai-yü die Verse las, war ihr klar, daß Bau-yü sie im Zorn geschrieben hatte, und sie belustigten und rührten sie zugleich. Zu Hsi-jën sagte sie: „Es ist nur ein Scherz und hat nichts zu bedeuten.“ Dann nahm sie das Blatt mit in ihr Zimmer und gab es Hsiang-yün zu lesen. Am nächsten Morgen zeigte sie es auch Bau-tschai, die zuerst das Gedicht las, das lautete: „Ohne Ich auch kein Du, drum soll‘n sie mich nur verkennen! Frei wander ich und ungehemmt, kenne nicht Freude, kenne nicht Leid, nicht nahe noch ferne Verwandte. Warum ich so emsig besorgt einst war, kann ich heute nicht mehr verstehen.“ Dann las sie auch das Gatha und sagte schließlich lächelnd: „An seiner Erleuchtung trage nur ich die Schuld. Das habe ich gestern mit der Arie angerichtet, die ich ihm rezitierte. Diese dauistischen Bücher und die Geheimnisse der Tschan-Buddhisten sind wirklich bestens geeignet, einem die Sinne zu verwirren. Wenn er ernstlich so ein verrücktes Zeug zu schwatzen beginnt und solche Absichten hat, bin ich mit dieser Arie die Hauptschuldige daran.“ Damit riß sie das Blatt kurz und klein, reichte die Fetzen den Sklavenmädchen und sagte: „Verbrennt das schnell!“ Dai-yü aber sagte lächelnd: „Das hättest du nicht tun sollen. Ich will ihn nun etwas fragen. Und ihr begleitet mich, damit er auch wirklich von seinen Torheiten und seinem Irrglauben geheilt wird.“ Tatsächlich gingen sie zu dritt in Bau-yüs Zimmer, und kaum daß sie eingetreten waren, fragte Dai-yü: „Bau-yü, du ‚Wertvoller Jade‘, ich frage dich, worin besteht dein hoher Wert? Und worin liegt deine jadene Härte?“ Als Bau-yü keine Antwort darauf fand, klatschten die drei Mädchen lachend in die Hände und sagten: „Und so ein Dummkopf will sich mit der Lehre vom Tschan beschäftigen!“ Dann fuhr Dai-yü fort: „Die beiden Schlußzeilen deines Gatha sind gut – ,Unsagbares Erkennen gibt mir erst Halt.‘ Aber mir scheint, es fehlt noch etwas daran, darum will ich sie um zwei Zeilen ergänzen – ‚Erst vom letzten Halt sich lösend, wird der Reinheit Ziel erreicht.‘ “ „Ja“, bestätigte auch Bau-tschai, „darin liegt erst die wirkliche Erkenntnis. Als seinerzeit Huee-nëng, der spätere Sechste Patriarch der Südlichen Schule, auf der Suche nach einem Lehrmeister nach Schau-dschou kam, erfuhr er, der Aufenthaltsort des Fünften Patriarchen Hung-jën sei der Huang-mee-Berg, und diente dann bei ihm als Küchenhilfe. Um einen würdigen Nachfolger zu finden, befahl nachher der Fünfte Patriarch seinen Jüngern, jeder von ihnen solle ein Gatha verfassen, und der Prior Schën-hsiu sprach:
‚Gleicht der Leib dem Baume der Erleuchtung, so der Geist dem klaren Spiegelständer. Wisch ihn fleißig immer wieder rein! Laß kein Stäubchen Unrat darauf sein!‘ Huee-nëng hörte das Gatha in der Küche beim Reisstampfen und sagte: ‚Schön ist das schon, aber verstanden hat er nichts!‘ Und dann sprach er ein eigenes Gatha: ‚Erleuchtung kommt noch immer ohne Baum. Der klare Spiegel ist auch kein Gestell. Wo nichts von ewig ist, kein einzig Ding, wo hinge sich das Stäubchen Unrat hin?‘ Daraufhin übergab ihm der Fünfte Patriarch Kasaya und Patra. Mit Bau-yüs Gatha ist es genau dasselbe. Aber er hat deine Fragen noch nicht beantwortet. Willst du etwa darauf verzichten?“ Lächelnd sagte Dai-yü: „Er hat sie nicht beantwortet, als ich sie ihm stellte, und das heißt, er gibt sich geschlagen. Sie jetzt noch zu beantworten wäre keine Kunst. Er soll nur in Zukunft von der Tschan-Lehre ablassen. – Da weißt und kannst du nicht einmal so viel wie wir beide und willst dich mit dem Tschan beschäftigen!“ Bau-yü hatte geglaubt, ihm sei die Erkenntnis gekommen, aber dann hatte er auf Dai-yüs Fragen keine Antwort gewußt, und Bau-tschai hatte eine Parallele aus den Berichten von Worten gebracht. Das waren Dinge, die er ihnen nie zugetraut hätte, und so überlegte er sich: „Sie sind mir in Wissen und Verständnis voraus und trotzdem nicht zur Erkenntnis gelangt, warum soll ich mir damit das Leben schwer machen?“ Darum erklärte er lächelnd: „Wer will sich denn hier mit der Tschan-Lehre befassen? Das war doch nur die Laune eines Augenblicks.“ Und damit war das alte Verhältnis zwischen den vieren wiederhergestellt. Plötzlich kam jemand mit der Meldung, die kaiserliche Nebenfrau habe jemanden mit einem Laternenrätsel geschickt, das sie raten sollten, um dann selber jeder eines zu verfassen, das zu ihr in den Palast geschickt werden sollte. Also gingen sie rasch in den Hauptraum der Herzoginmutter hinüber, wo sie einen kleinen Eunuchen fanden, der eine niedliche viereckige Laterne aus weißer Gaze gebracht hatte, die extra für Laternenrätsel gemacht war und an der schon ein Rätsel hing. Alle brannten darauf, es zu lesen, um dann loszuraten, aber der kleine Eunuch verkündete den Befehl: „Wer es erraten hat, soll es nicht sagen, sondern die Auflösung auf einen Zettel schreiben. Die Zettel werden in den Palast gebracht, wo die kaiserliche Nebenfrau selbst überprüft, was richtig ist und was falsch!“ Jetzt trat Bau-tschai mit den anderen näher und sah, daß das Rätsel aus einem Vierzeiler bestand und nichts Neuartiges oder Ausgefallenes darstellte. Dennoch sparte sie nicht mit ihrem Lob und sagte, das Rätsel sei schwierig. Ja, sie gab sich den Anschein, nachdenken zu müssen, obwohl sie es in Wirklichkeit auf den ersten Blick erraten hatte. Auch Bau-yü, Dai-yü, Hsiang-yün und Tan-tschun hatten die Lösung gefunden, und jeder schrieb sie still für sich auf einen Zettel. Dann wurden noch Djia Huan und Djia Lan geholt, die ebenfalls angestrengt überlegten und dann ihre Lösungen niederschrieben. Anschließend dachte sich jeder von ihnen selbst ein Rätsel aus und schrieb es im Kanzleiduktus auf einen Zettel. Die Zettel wurden an die Laterne gehängt, und der Eunuch verschwand damit. Am Abend kam er wieder und brachte den Bescheid: „Das Rätsel der kaiserlichen Nebenfrau haben alle richtig geraten bis auf Fräulein Ying-tschun und den jungen Herrn Huan. Für die Rätsel, die ich von hier mitgenommen habe, hat die kaiserliche Nebenfrau Lösungen gefunden, sie weiß jedoch nicht, ob sie richtig sind.“ Damit holte er einen Zettel hervor, und es zeigte sich, daß einiges richtig war und anderes nicht, aber alle beeilten sich zu erklären, die kaiserliche Nebenfrau habe alles richtig erraten. Dann verteilte der Eunuch Geschenke für die richtigen Lösungen. Jeder bekam eine röhrenförmige Schutzhülle für Gedichtblätter aus der Palastwerkstatt und einen Bambuspinsel, wie man ihn zum Saubermachen des Teegeschirrs braucht. Nur Ying-tschun und Djia Huan bekamen nichts. Während Ying-tschun die Sache als ein Spiel betrachtete und ihr deshalb keine Bedeutung beimaß, war Djia Huan die Laune verdorben. Doch nun mußte er hören, wie der Eunuch sagte: „Das Rätsel des jungen Herrn Huan gibt keinen Sinn, und die kaiserliche Nebenfrau konnte es nicht erraten. Sie hat es mir wieder mitgegeben, und ich soll fragen, was gemeint ist.“ Alle sahen sich an, was Djia Huan geschrieben hatte, und da stand: „Der ältere Bruder hat acht Hörner, der jüngere hat nur zwei; der ältere liegt auf dem Bett, der jüngere hockt auf dem Haus.“ Alle brachen in schallendes Gelächter darüber aus, Djia Huan aber erklärte dem Eunuchen: „Das eine ist eine Kopfstütze, das andere ein Drachenkopf auf dem Dachfirst.“ Der Eunuch schrieb es auf, trank seinen Tee und ritt wieder fort. Froh gestimmt, weil Yüan-tschun so vergnügt war, befahl die Herzoginmutter, rasch eine zierliche kleine Laterne anzufertigen und in der Halle anzubringen. Außerdem ordnete sie an, jedes der Mädchen solle sich ein Rätsel ausdenken und auf einem Zettel an die Laterne kleben. Dann ließ sie parfümierten Tee und feines Naschwerk vorbereiten und verschiedene Kleinigkeiten als Preise bereitlegen. Als Djia Dschëng bei seiner Rückkehr von der Hofaudienz die Herzoginmutter in froher Stimmung traf, wollte er am Abend ebenfalls mit dabeisein, um an der allgemeinen Freude teilzuhaben, zumal man sich noch in den Feiertagen befand. Inzwischen ließ er Wein und Näschereien auftragen und Geschenke zurechtlegen. In der Halle ließ er bunte Seidenlaternen aufhängen, und dann lud er die Herzoginmutter zur Laternenschau ein. Die Herzoginmutter nahm mit Djia Dschëng und Bau-yü zusammen am Haupttisch Platz. Am nächsten Tisch saß Dame Wang mit Bau-tschai, Dai-yü und Hsiang-yün, dann folgten Ying-tschun, Tan-tschun und Hsi-tschun an einem weiteren Tisch. Überall standen Sklavenfrauen und ‑mädchen. Li Wan und Hsi-fëng saßen an einem Tisch im Innenraum. Djia Dschëng vermißte Djia Lan, und so fragte er: „Warum ist denn Lan nicht zu sehen?“ Sofort ging eine Sklavin in den Innenraum, um die Frage an Li Wan weiterzugeben. Diese stand auf und gab lächelnd zur Antwort: „Er hat gesagt, der gnädige Herr habe ihn nicht rufen lassen, darum wolle er nicht kommen.“ Die Sklavin meldete es Djia Dschëng, und alle sagten lächelnd: „Das entspricht so recht seiner eigensinnigen Art!“ Djia Dschëng aber ließ Djia Lan durch Djia Huan und zwei Sklavenfrauen holen. Die Herzoginmutter befahl Djia Lan, er solle sich neben sie setzen, und reichte ihm eine Handvoll Näschereien. Alles schwatzte und lachte und war vergnügt, Bau-yü aber, der für gewöhnlich das große Wort führte, gab heute in Djia Dschëngs Gegenwart nur kurze, höfliche Antworten. Auch Hsiang-yün, die sonst für ein zartes Mädchen recht viel zu sagen wußte, bekam heute Djia Dschëngs wegen den Mund nicht auf. Dai-yü aber war von Natur aus zurückhaltend und wortkarg. Bau-tschai schließlich, die sich seit jeher unbedachter Worte und leichtfertiger Handlungen enthielt, blieb dieser Gewohnheit auch heute treu. So ging es bei diesem Familienvergnügen sehr steif und gar nicht vergnüglich zu. Die Herzoginmutter wußte ebenfalls, daß dies allein auf Djia Dschëngs Anwesenheit zurückzuführen war, darum sagte sie ihm, als drei Runden Wein getrunken waren, er solle sich nur ausruhen gehen. Djia Dschëng war sich darüber im klaren, daß die Herzoginmutter ihn wegschickte, damit sich die Mädchen und Jungen besser amüsieren konnten, darum sagte er lächelnd: „Da ich hörte, Ihr wolltet hier ein Laternenfest mit Rätselraten abhalten, habe ich Geschenke und Wein beigesteuert und bin dazugekommen. Warum wollt Ihr Eure Liebe nur den Enkelkindern schenken und gönnt Eurem Sohn nicht auch ein bißchen davon?“ Lächelnd erwiderte die Herzoginmutter: „In deiner Gegenwart wagt hier niemand zu reden und zu lachen, und das macht mich ganz krank. Wenn du Rätsel raten willst, werde ich dir eins aufgeben. Aber wenn du es nicht herausbekommst, wirst du bestraft!“ „Natürlich!“ sagte Djia Dschëng. „Aber wenn ich es errate, muß ich auch eine Belohnung bekommen.“ „Das versteht sich“, versicherte die Herzoginmutter und sprach: „Leicht stehen Äffchen auf den Zweigen. – Eine Frucht ist zu erraten.“ Djia Dschëng wußte, daß Litchipflaumen gemeint waren, aber er riet absichtlich falsch und mußte Verschiedenes als Strafe geben, ehe er endlich das Richtige sagte und dafür etwas von der Herzoginmutter bekam. Dann gab auch er ihr ein Rätsel auf: „Kantig und hart, kann es selbst nichts sagen. Doch ist etwas zu sagen, hilft es dabei unbedingt. – Ein Gebrauchsgegenstand ist zu erraten.“ Anschließend flüsterte er Bau-yü die Auflösung zu, und dieser, der seine Absicht verstand, flüsterte sie seinerseits der Herzoginmutter zu. Die Herzoginmutter überlegte ein Weilchen, und da sie fand, es stimmte tatsächlich, sagte sie: „Ein Tuschereibstein.“ „Ihr habt es auf Anhieb erraten!“ sagte Djia Dschëng. Dann wandte er sich um und befahl: „Holt rasch die Geschenke!“ Die Sklavinnen bestätigten seinen Befehl und trugen große und kleine Tabletts herein. Die Herzoginmutter sah sich die Gaben Stück für Stück an, und es waren alles neuartige Sächelchen, wie sie zum Laternenfest üblich sind. Erfreut befahl sie: „Schenkt eurem Vater Wein ein!“ Bau-yü führte die Kanne, Ying-tschun reichte den Becher. Anschließend befahl die Herzoginmutter: „Dort an der Laterne sind die Rätsel, die sich die Mädchen ausgedacht haben.ts der Herzoginmutter zu. Die Herzoginmutter überlegte ein Weilchen, und da sie fand, es stimmte tatsächlich, sagte sie: „Ein Tuschereibstein.“ „Ihr habt es auf Anhieb erraten!“ sagte Djia Dschëng. Dann wandte er sich um und befahl: „Holt rasch die Geschenke!“ Die Sklavinnen bestätigten seinen Befehl und trugen große und kleine Tabletts herein. Die Herzoginmutter sah sich die Gaben Stück für Stück an, und es waren alles neuartige Sächelchen, wie sie zum Laternenfest üblich sind. Erfreut befahl sie: „Schenkt eurem Vater Wein ein!“ Bau-yü führte die Kanne, Ying-tschun reichte den Becher. Anschließend befahl die Herzoginmutter: „Dort an der Laterne sind die Rätsel, die sich die Mädchen ausgedacht haben. Rate sie, und ich höre zu!“ Djia Dschëng gehorchte, stand auf und trat an die Laterne, wo er als erstes las: „Böse Geister versetzt es in Angst und Furcht, ein Röllchen mit Donnergebaren. Eben noch jagt es dir Schrecken ein, und schon ist‘s zu Asche zerfallen.“ „Das ist ein Feuerwerkskörper“, sagte Djia Dschëng. „Richtig“, sagte Bau-yü, und Djia Dschëng las als nächstes: „Ewige Regeln lenken die Hände, nichts ergibt sich nach menschlichem Wunsch. Im ständigen Wechsel ungleicher Zahlen ist keine Ruhe von früh bis spät.“ „Das ist ein Rechenbrett“, sagte Djia Dschëng. „Richtig“, erklärte Ying-tschun lächelnd, und Djia Dschëng las das folgende Rätsel: „Den Kopf im Nacken schaun Kinder danach, es bringt Freude am Festtag Tjing-ming. Doch reißt es sich von der Leine los, gib nicht dem Ostwind die Schuld!“ „Das ist ein Drachen“, sagte Djia Dschëng. „Richtig“, bestätigte Tan-tschun lächelnd, und nun las Djia Dschëng: „Schön, wie es ist, scheint es fehl am Platz, hört Sutras statt Liebesliedern, und doch ist es nicht im Dunkel begraben, denn es trägt in sich ein großes Licht.“ „Das ist die Lampe vor einer Buddhafigur“, sagte Djia Dschëng. Und Hsi-tschun bekräftigte lächelnd: „Es ist eine Lampe vor einem Heiligenbild.“ Still für sich überlegte Djia Dschëng: „Yüan-tschuns Feuerwerkskörper zerplatzt mit einem Krach, und dann ist er weg, Ying-tschuns Rechenbrett ist in ständiger verwirrender Bewegung, Tan-tschuns Drachen schwebt taumelnd in der Luft, und Hsi-tschuns Buddhalampe ist ganz Stille und Einsamkeit. Dabei ist doch jetzt der fröhliche Feiertag des Laternenfests, warum wählen da alle so unheilverkündende Dinge für dieses Spiel aus?“ Je länger er darüber nachdachte, desto bedrückter wurde er, doch in Gegenwart der Herzoginmutter wagte er das nicht zu zeigen, und so sah er sich notgedrungen das nächste Rätsel an. Es war ein Achtzeiler, den Bau-tschai geschrieben hatte, und er lautete: „Wonach riechen am Morgen die Ärmel? Ein Geruch, der Zither und Kissen fremd. Niemand muß es im Dämmerschein wecken, niemand bedient es tief in der Nacht. Früh und spät brennt ihm der Kopf, Tag für Tag versengt sein Herz. Die fliehenden Stunden weiß es zu schätzen bei Sonne und Regen, Wolken und Wind.“ Als Djia Dschëng zu Ende gelesen hatte, sagte er sich: „Der Gegenstand an sich hält sich in Grenzen, aber daß ein blutjunger Mensch solche Verse schreibt, verheißt um so mehr Unheil. Dieser Generation ist kein dauerhaftes Glück und keine Langlebigkeit beschieden!“ Nachdem er sich das überlegt hatte, war ihm erst recht bekümmert und beklommen zumute, und seine muntere Laune von vorhin war zu acht, neun Zehnteln verflogen. Mit gesenktem Kopf hing er stumm seinen Gedanken nach. Als die Herzoginmutter ihn so sah, dachte sie, er sei vielleicht erschöpft, außerdem fürchtete sie, die Mädchen könnten sich durch seine Gegenwart gehemmt fühlen und nicht in Stimmung kommen, darum sagte sie ihm: „Du brauchst nicht mehr weiterzuraten. Geh und ruh dich aus! Wir wollen nur noch ein Weilchen hier zusammen sitzen, dann gehen wir auch!“ Djia Dschëng antwortete gleich mehrmals hintereinander: „Jawohl!“ Aber es blieb ihm nichts anderes übrig, als die Herzoginmutter noch einige Male zum Trinken aufzufordern, ehe er sich wirklich zurückzog. Wieder in seinem Zimmer, grübelte er in einem fort hin und her und wälzte sich schlaflos von einer Seite auf die andere. Ohne daß er es wollte, entrang sich ein schmerzvoller Seufzer seiner Brust. Doch genug jetzt davon! Als die Herzoginmutter sah, daß Djia Dschëng gegangen war, verlangte sie: „So vergnügt euch doch nach Herzenslust!“ Kaum hatte sie das gesagt, lief Bau-yü schon zu der Laterne mit den Rätseln und kritisierte lautstark und heftig gestikulierend, diese Verszeile sei nicht gelungen und jene sei nicht in Ordnung. Wie ein Affe benahm er sich, den man von der Kette gelassen hat. „Ist es nicht kultivierter, wenn wir sitzen bleiben wie bisher, um zu plaudern und zu scherzen?“ fragte da Bau-tschai. Und auch Hsi-fëng kam aus dem Innenraum gelaufen, um ebenfalls ihre Meinung zu äußern. „Du bist nur brav, wenn dein Vater auch nicht den kleinsten Schritt von deiner Seite weicht“, sagte sie. „Warum nur habe ich ihn eben, als er noch da war, nicht auf den Gedanken gebracht, dir zu befehlen, auch ein Rätselgedicht zu schreiben? Dann würdest du jetzt noch schön schwitzen!“ Damit aber brachte sie Bau-yü so auf, daß er mit der Hand nach ihr griff, und schon kriegten sie sich gegenseitig beim Wickel.
Die hübsche Ping-Örl kommt Djia Liän mit sanften Worten zu Hilfe. Aus: Jinyuyuan 1889b. Die Herzoginmutter unterhielt sich noch eine Weile scherzhaft mit Li Wan und den Mädchen, aber dann spürte sie, wie sie müde wurde, und da sie auch hörte, daß die vierte Nachtwache schon anbrach, befahl sie, die Speisen abzutragen und an das Gesinde zu verteilen. Anschließend erhob sie sich und sagte: „Gehen wir schlafen! Morgen wird auch noch gefeiert, da müssen wir früh aufstehen. Und morgen abend wollen wir uns wieder zusammen vergnügen!“ Im nächsten Kapitel wird alles ausführlich erzählt.